Alle für einen - Petra Mayr - E-Book

Alle für einen E-Book

Petra Mayr

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Beschreibung

September 1943: Der 10-jährige Franz lebt mit seiner Familie in einem kleinen Bauerndorf. Der Vater ist an der Front, weshalb auch der Bub neben der Schule kräftig mitanpacken muss. Tag für Tag rücken der Krieg und dessen Folgen näher an das Dorf heran. Als Franz im Heustadel eine Entdeckung macht, riskiert er aus Freundschaft sein Leben.

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Seitenzahl: 237

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 1

Die Sonne ging golden leuchtend hinter dem Hügel auf und versprach einen herrlichen Spätsommertag. Leichte Nebelschwaden lagen über den Feldern und Wiesen. Sie verdampften in den sich durchsetzenden Sonnenstrahlen, die allmählich die von Tau behangenen Spinnennetze in glitzerndes Licht tauchten, als ob funkelnde Kristalle daran hängen geblieben wären.

Franz liebte den Altweibersommer mit seiner kühlen frischen Morgenluft, die schon ein wenig nach Herbst roch und das Ende des Sommers ankündigte. Doch heute galt seine Aufmerksamkeit nicht dem Sonnenaufgang, sondern vielmehr der Herde, die den Hügel heruntergetrieben wurde und sich dem Dorf näherte. Es waren keine Tiere, die da mit Stöcken zum Gehen bewegt wurden, es waren Menschen.

Mit dem Schulranzen am Rücken stand Franz wie angewurzelt da und starrte auf die nun mehr im Dorf angekommene Schar. Gebückte, schmutzige und ausgemergelte Gestalten, gehüllt in zerfetzte Lumpen, leere Augen, aus denen Schwermut und Furcht sprachen. Die Treiber trugen Uniformen und Gewehre sowie die nicht zu übersehende rote Armbinde mit dem schwarzen Hakenkreuz. Einer grinste Franz mit einem boshaften Lächeln an.

Franz erschrak, als ein Getriebener aus der Herde ausbrach und allem Anschein nach beabsichtigte, sich auf ihn zu stürzen. Er wollte eigentlich davonlaufen, doch seine Beine rührten sich nicht von der Stelle. Mit weit aufgerissenen Augen und grunzenden Lauten fiel die Gestalt allerdings nicht über den Jungen her, sondern über den Haufen angefaulter Äpfel, welche die Mutter nicht einmal mehr den Schweinen zugemutet und auf dem Misthaufen entsorgt hatte. Franz sah mit einer Mischung aus Bestürzung und Ekel auf den jämmerlichen Mann hinunter, der nur wenige Meter neben ihm anfing sich die braunen Äpfel in den Mund zu stopfen.

„Zurück, du Saujud‘!“, schrie einer der Treiber und schlug mit dem Stock brutal auf den Ausreißer ein, der, um sich vor den heftigen Schlägen zu schützen, die Hände über den Kopf warf und zurück zu der Gruppe stolperte. Entsetzen und Mitleid überkamen Franz.

„Vorwärts, na los!“, schrie ein anderer Uniformierter. Die Schar bewegte sich weiter und steuerte den Kirchensteig an, ein schmaler Wiesenweg, der zuerst an einem kleinen Bach entlang ging, zwischen den Feldern über einen Hügel führte und schließlich im Ort Poching mündete. Für die Leute vom Dorf war dies jeden Sonntag der Weg in die Kirche, für Franz und seine Schulkameraden der tägliche Schulweg, für die Juden der Weg in den Tod.

Zumindest behauptete das der Nachbarsjunge. Peter war im selben Alter wie Franz und hatte ständig allerhand zu erzählen. Die meisten Juden seien verschleppt und in Viehwaggons in Lager gebracht worden. Einige müssten in der nahegelegenen Lederfabrik unter schlimmen Bedingungen bis zur Erschöpfung arbeiten. Die eingesetzten Chemikalien würden ihre Haut auffressen und die Atemwege verätzen. Franz dachte immer, Peter übertreibe mit seinen ständigen Schauermärchen, doch beim Anblick der ausgemergelten Körper, war er sich nicht mehr so sicher.

Die Lederfabrik befand sich in Ratbach, das nur wenige Kilometer entfernt lag. In die Stadt hinter dem Hügel kamen die Leute vom Dorf nur selten. Alles, was man brauchte, besorgte man im benachbarten Ort Poching. Dort lag auch der Bahnhof, wo man die Juden hinbrachte, um sie loszuwerden. Sie wurden gegen leistungsfähigere Zwangsarbeiter ausgetauscht, einer alten Milchkuh oder Legehenne gleich, die nicht mehr den gewünschten Ertrag brachten. Die Kuh und die Henne wurden geschlachtet und genauso machte es man mit den Arbeitern. Man trieb sie von Ratbach zum Pochinger Bahnhof, der als wichtiger Knotenpunkt galt. Von dort aus fuhren die Züge in alle Richtungen. Die Juden bekamen den Zug in Richtung Tod. Endstation Schlachtbank.

Sie hätten es nicht anders verdient, meinte die Mutter von Peter, auch wenn sie nicht wirklich erklären konnte, was die Juden denn angestellt hatten. Der Hitler sah in dieser Menschengruppe die Wurzel allen Übels, das war Grund genug für die Stockhammerin, die Juden zu verachten. Wie groß war die Freude gewesen, als sie vor ein paar Monaten einen gesunden Jungen zur Welt gebracht und ihn zu Ehren des Führers „Adolf“ getauft hatte. Peter hatte neben seinen zwei Schwestern nun ein Geschwisterchen mehr und freute sich, dass es ein Junge geworden war.

Der Hof der Stockhammer war groß und Peter musste zuhause kräftig mitanpacken, wodurch die Schule manchmal zu kurz kam. Doch an diesem Tag wartete Franz nicht vergebens auf seinen Kameraden. Peter kam an einem Stück Butterbrot kauend auf Franz zu und wollte wissen, was denn los sei, da er dreinschaue, als habe ihn ein Gespenst heimgesucht.

„Ich hab die Ratbacher Juden g‘sehen. Die aus der Lederfabrik“, antwortete Franz. Peter machte große Augen.

„Echt? Und? Erzähl! Was war‘n denn das für welche?“, wollte Franz‘ Freund schmatzend wissen. Franz starrte eine Zeitlang Richtung Kirchensteig.

„Traurige, jämmerliche Gestalten“, entgegnete er gedankenverloren und stellte fest, dass diese Menschen so gar nichts mit den bösartig verzerrten Gesichtern auf so manchem angeschlagenen Plakat gemein hatten.

Die Pochinger Kirchenglocke riss den Jungen aus seinen Gedanken.

„Los jetzt, wir müssen in die Schul‘!“, sagte er zu Peter. Sie müssten endlich aufbrechen, da sie ohnehin spät dran und die anderen Kinder aus dem Dorf schon lange auf dem Weg seien.

Der Lehrer war heute besonders streng gewesen und gar nicht erfreut, dass Peter immer noch so viele Fehler beim Lesen machte. Als reines Gestotter bezeichnete er, was der Schüler da von sich gab. Deshalb hatte er spontan entschieden, dass Peter, für den die Schule so schon ein Gräuel war, nach dem Unterricht noch eine Stunde bleiben musste, um seine Lesekompetenz zu verbessern. Franz hingegen mochte die Schule, er war ein guter Schüler. Er mochte auch den Lehrer. Der Weibold war zwar streng, aber gerecht und hatte immer ein offenes Ohr, wenn eines der Kinder mit einem Problem zu ihm kam.

Der alte Pädagoge mit dem weißen Vollbart und der tiefsitzenden runden Brille hätte eigentlich schon seinen Ruhestand auskosten können, wäre er nicht wieder an die Schule geholt worden. Da die jungen Lehrer Kriegsdienst an der Front leisten mussten, mangelte es an Personal. Die junge Frau Lehrer Lantos war von einem Tag auf den anderen nicht mehr ins Klassenzimmer gekommen. Genauso wie Franz‘ Sitznachbar Werner. Beide waren Juden.

Die Schule hatte sich sehr verändert. Klassen wurden zusammengelegt, Stunden fielen aus. Viele Kinder gingen gar nicht mehr oder nur selten zum Unterricht, da sie zuhause gebraucht wurden, denn Väter und Söhne befanden sich weit weg von der Heimat, um für das Vaterland zu kämpfen. So mancher fand dabei den sogenannten Heldentod.

Franz musste den ganzen Vormittag an die grauen Gestalten denken, die wie Tiere an ihm vorbeigetrieben worden waren. Dass den Schüler, der ansonsten fleißig mitarbeitete, etwas bedrückte und er mit seinen Gedanken ganz wo anders war, merkte der Lehrer Weibold sofort. Als der Unterricht zu Ende ging, kam er auf den Jungen zu und fragte, was ihm denn so zu denken gebe. Franz zögerte einen Moment und stellte schließlich die Frage, die ihm die ganze Zeit durch den Kopf ging.

„Herr Lehrer, wissen denn Sie, was die Juden für Menschen sind?“, wollte Franz wissen.

„Schau Franz“, fing der Weibold nach kurzem Überlegen an, „die Juden sind Menschen wie du und ich. Sie haben nur das Pech als Sündenböcke auserwählt worden zu sein. Eigentlich können sie ja nichts dafür, aber so ist das Leben halt. Sei froh, dass du kein Jud‘ bist, die haben’s wirklich nicht leicht. Und jetzt geh heim und genieß den schönen Spätsommertag. Pfiat Gott, Franz.“

Mit diesen Worten verabschiedete sich der Lehrer, klopfte Franz noch einmal ermunternd auf die Schulter und verschwand im Schulgebäude.

Nicht ganz zufrieden mit der Antwort des Lehrers machte sich Franz auf den Heimweg. Auf dem Kirchensteig brauchte er etwa fünfzehn Minuten von Poching bis in sein Heimatdorf Brechthofen. Solange kein Schnee lag, konnten die Kinder vom Dorf den Wiesenweg benutzen. Im Winter allerdings, wenn Frau Holle es wieder einmal Tage lang schneien ließ, mussten sie auf die Straße ausweichen, folglich verlängerte sich der Fußmarsch um zehn Minuten. Groß war dann jedes Mal die Freude, wenn der alte Schuhmacher, der Enzinger Johann, seinen Pferdeschlitten einspannte und die Kinder aufsitzen durften. Die Schlittenfahrt machte nicht nur Spaß, sie ersparte im Winter auch den mühsamen Fußmarsch in die Schule.

Der Schuster fuhr jeden Dienstag nach Poching, damit sich die Leute die reparierten Schuhe am Ortsplatz abholen konnten. Wunderschöne maßgeschneiderte Stiefel oder Damenschuhe konnte der alte Mann anfertigen, der mit außerordentlicher Präzision und besonderem Geschick sein Handwerk ausübte, was weit über Poching hinaus bekannt war. Individuell angepasste Schuhe leisteten sich allerdings nur die Reicheren, die auch gerne die angebotenen Hochglanzpolituren in Anspruch nahmen.

Der Schuster Hans, wie er genannt wurde, lebte allein in einem kleinen bescheidenen Haus gleich neben dem Stockhammerhof. Dem gegenüber lag Franz‘ Elternhaus. Daneben befand sich der Hof der Stiegler. Brechthofen war mit seinen vier Häusern also ein sehr kleines Dorf, eingebettet zwischen Wiesen und Wäldern. Die Menschen dort lebten von der Landwirtschaft, außer der Schuster Hans, der sein tägliches Brot mit seinem Handwerk verdiente. Die Kühe durften im Sommer auf der Weide grasen und die Hühner draußen herumscharren, wie es ihnen beliebte. Auf den Feldern wurden Kartoffeln und allerlei Gemüse angebaut. Die alten knorrigen Obstbäume lieferten Äpfel, Birnen und Zwetschgen und auf den Streuobstwiesen wurden die Landlbirn und der Brünnerling für den Most gesammelt. Was man nicht selbst hatte, holte man sich alle paar Wochen beim Kramer in Poching.

Franz erreichte den kleinen Bach und bemerkte, dass sich das sonst so liebliche Plätschern des Wassers irgendwie anders anhörte. Vielleicht hatte der Regen, der ein paar Tage zuvor wie eine Sintflut vom Himmel gekommen war, allerhand in das Bächlein gespült und es verstopft. Ungewöhnlich war das nicht, wurde doch aus dem kleinen unscheinbaren Gewässer bei starkem Niederschlag ein reißender Fluss, der bedrohlich über das Ufer stieg und alles Mögliche fortzuspülen vermochte.

Franz näherte sich dem Wasser, um nachzusehen. Er schrak vor dem Bild, das sich ihm bot, zurück. Sein Gesicht lief bleich an und ihm wurde für einen Moment schwarz vor Augen. Er starrte auf einen leblosen Menschenkörper, der vom Wasser umspült wurde.

Die Augen und der Mund waren weit aufgerissen, der Gesichtsausdruck voller Leid und Qual. Franz sah diesen Mann nicht zum ersten Mal. Er kannte diese Augen. Es war der hungrige Jude, der sich am selben Morgen auf die verdorbenen Äpfel gestürzt hatte. Er war erschossen oder vielleicht erschlagen worden, jedenfalls hatte sich niemand um seine Leiche geschert und sie einfach dort liegen gelassen.

Franz begann so schnell er konnte zu laufen. Zuhause am Hof angekommen, fand er den Großvater vor dem Scheunentor auf einem dreibeinigen Schemel seine Pfeife rauchend vor.

„Was ist denn, Bub? War die Schul‘ heut‘ so schlimm oder warum läufst heim, wie wenn dich der Teufel höchstpersönlich verfolgen würd‘? Oder hast wieder in einem Wespennest herumgestochert? Hm, Franzl?“, fragte der hagere Alte mit einem leichten Grinsen, ohne seine Pfeife aus dem Mund zu nehmen.

Franz stand keuchend vor dem Großvater und musste erst einmal nach Luft schnappen, ehe er ihm erzählen konnte, was er gerade in dem kleinen Bach entdeckt hatte. Augenblicklich verging dem alten Mann das Grinsen. Er machte ein ernstes Gesicht.

„Geh rein, Franz, die Mutter wartet schon. Heut gibt’s Erdäpfelstrudel mit Grammeln und Sauerkraut. Ich kümmer‘ mich um den Toten. Den müssen wir wegbringen. Der kann ja nicht einfach da liegen bleiben. Der Mann muss ja wohl ein Grab kriegen. Ich bitt‘ gleich den Schuster Hans um Hilfe.“ Daraufhin stand der Großvater auf und ging Richtung Schusterhaus.

Das meiste vom Erdäpfelstrudel hatte Franz übriggelassen, sein Appetit hielt sich an diesem Tag in Grenzen. Nun saß er oben im Heuboden, dem Ort, an den er sich jedes Mal zurückzog, wenn er allein sein wollte. Die Ernte war in diesem Jahr besonders gut gewesen und das duftende Heu reichte fast bis zur Decke. Franz hockte auf einem Balken und ließ die Beine hinunterbaumeln.

Etwas stupste ihn in die Seite. Als er aufsah, erblickte er die dreifarbige Hofkatze, die sich an ihn herangeschlichen hatte und nun ihre täglichen Streicheleinheiten einforderte. Schnurli war Franz‘ Lieblingskatze. Sie schien immer guter Laune zu sein und begleitete Franz oft ein Stück auf dem Schulweg. Seit einiger Zeit war der dralle Bauch der Katze, der immer dicker und dicker zu werden gedroht hatte, verschwunden. Franz wusste, was es hieß, wenn die runde Kugel auf einmal weg war.

„Grüß dich, Schnurli“, begrüßte er die Katze. „Zeigst mir endlich, wo du deine Katzerl versteckt hast?!“

Die Mietze fing zu schnurren an, schien aber keineswegs daran interessiert dem Jungen ihre Katzenkinder zu präsentieren. Schnurli war stets sehr erfinderisch mit ihren Verstecken. Franz hatte immer große Mühe ihre Geheimplätze ausfindig zu machen, doch irgendwie schaffte er es mit viel Geduld und tagelangem Beobachten der Mutterkatze im Endeffekt jedes Mal. Hatte er die Kätzchen gefunden, behielt er Stillschweigen darüber, auch wenn die Mutter Franz immer drängte sie hervorzuholen, damit der Großvater die meisten von ihnen beseitigen konnte. Das sei von Nöten, versuchte ihm die Mutter immer zu erklären, da am Hof sonst bald zwanzig Katzen herumlaufen und sich gegenseitig mit den verschiedensten Seuchen anstecken würden. Zudem ginge der Großteil aus Inzucht hervor und sei sowieso schon schwach und anfällig für Krankheiten.

Irgendwie sah Franz diese Argumentation ein, aber er konnte diese kleinen süßen unschuldigen Samtpfötchen einfach nicht verraten. Er war ohnehin jemand, der es verstand ein Geheimnis für sich zu behalten und schweigen konnte wie ein Grab. Außerdem war der Großvater jedes Mal erleichtert, wenn die kleinen Katzen erst dann aus ihrem Versteck hervorkamen, wenn sie schon zu groß waren, um erschlagen zu werden, denn auch er hatte Mitleid mit den kleinen Geschöpfen. Die Zahl der Katzen am Hof regulierte sich ohnehin von selbst. Vor allem die Herbstkätzchen waren anfällig dafür, den Winter nicht zu überstehen.

„Na gut, Schnurli. Wenn du’s mir nicht verrätst, dann muss ich eben suchen“, sagte Franz zu dem kleinen liebesbedürftigen Wesen und begann im Heu zu stöbern.

Jedes Versteck, das Schnurli schon einmal gewählt hatte, wurde aufgesucht, doch die Kätzchen waren nicht auffindbar.

Plötzlich hörte er ein Rascheln im hintersten Winkel des Heubodens. Das mussten die kleinen Katzen sein. Franz zögerte, denn er wusste ganz genau, dass sich die Kinder in diesem Eck nicht aufhalten durften. Die Mutter hatte es verboten, da sich dort die offene Heuluke befand, durch die das Futter hinunter in den Stall geworfen wurde. Franz‘ älterer Bruder war vor einigen Jahre beim Heuhupfen in das Loch gefallen. Da unten im Stall unglücklicherweise gerade kein Futter gelegen hatte, war er auf dem Beton aufgeschlagen und an seinen schweren Kopfverletzungen gestorben.

Obwohl Franz die Gefahr bewusst war, entschloss er sich nachzuschauen. Er nahm sich vor, ganz vorsichtig zu sein. Er würde die Luke schon nicht übersehen. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch näherte er sich langsam der Stelle.

Als Franz in dem Winkel angekommen war, hörte er ein leises Miauen hinter einem fast bis zur Decke reichenden Heuberg. Erfreut kletterte er über den sich vor ihm auftürmenden Haufen. Er erschrak vor dem, was er dahinter zu sehen bekam. Drei kleine Katzen lagen noch gänzlich unbeholfen in ihrem Nest. Doch nicht die Kätzchen ließen Franz erstaunt dreinblicken, sondern der Junge, der daneben saß und ihn mit großen ängstlichen Augen anstarrte.

Kapitel 2

Erst nach einer gefühlten Ewigkeit brach der Junge hinterm Heuhaufen die Stille, als Schnurli gemächlich herangeschlendert kam und sich an ihn schmiegte.

„Eine schöne Katze hast da“, sagte er zögernd.

„Das ist die Schnurli“, antwortete Franz unsicher.

„Ich bin der Otto“, erwiderte das schmale Kerlchen, erhob sich und wollte Franz die Hand geben. Franz schien die Geste allerdings nicht zu registrieren und schaute den fremden Jungen lediglich unverwandt an, bis dieser seine Hand wieder zurückzog und seinen Blick verlegen zu Boden richtete.

Der Unbekannte musste ungefähr so alt sein wie Franz. Er hatte ebenso dunkelbraunes Haar und dunkle Augen, jedoch war er größer, abgemagerter und bleicher. Franz‘ Blick fiel auf den im Heu liegenden Mantel, auf dem ein gelber Stern aufgenäht war.

„Du wirst mich doch nicht verraten, oder?“, unterbrach der Junge schüchtern das erneute Schweigen. Franz war verwirrt.

Wer war dieser Fremde? Und was hatte er hier im Heuboden zu suchen? An wen sollte er ihn denn verraten? Unzählige Fragen taten sich vor Franz auf. Augenblicklich wollte er Antworten finden und begann den Fremden, als ob sich dieser in einem Verhör befände, mit seinen Fragen zu überschütten. Schnell merkte er jedoch, dass dieses Bombardement den Befragten überforderte und ihm Angst einflößte.

Franz glaubte einen Augenblick lang der Junge würde ohnmächtig werden, da dieser noch bleicher im Gesicht wurde und sich kraftlos auf dem Heu niederließ. Er bekam es ein wenig mit der Angst zu tun und fragte besorgt, was denn mit dem schwachen Burschen los sei. Der ließ sich mit seiner Antwort Zeit, sodass Franz schon glaubte, er sei nun tatsächlich in die Bewusstlosigkeit abgedriftet. Endlich äußerte sich der Junge und erzählte mit schwacher Stimme, dass er nun schon seit zwei Tagen nichts mehr zwischen die Zähne bekommen habe.

„Wart‘ hier!“, ordnete Franz an. „Ich hol‘ dir schnell was zu essen.“

Er schlich sich in die Küche und holte die Pfanne mit dem übriggebliebenen Strudel aus dem Ofenrohr. Der köstliche Duft der noch warmen Speise stieg ihm in die Nase. Die Großmutter machte einfach den allerbesten Erdäpfelstrudel.

Franz hielt inne, als er Stimmen aus der Stube hörte. Langsam näherte er sich der Türe, die einen Spalt weit offenstand, und sah drei Frauen auf der Eckbank sitzen. Er erkannte seine Tante, die mit der Mutter und der Großmutter bei einer Tasse Malzkaffee und einem Stück Hefezopf plauderte.

Tante Fanny hatte den Schneidersohn aus Ratbach geheiratet. Zum Verdruss des Großvaters, dem es lieber gewesen wäre, seine älteste Tochter hätte sich einen großen Bauern aus Poching gesucht, anstatt eines Fetzenflickers aus der Stadt. Doch Fanny hatte ihren eigenen Kopf gehabt und war schließlich nach Ratbach gegangen.

Die Schneiderei Kaiser hatte sich zu einer renommierten Kleidermacherei etablieren können. Das Geschäft lief ausgezeichnet. Fanny verstand es nicht nur, geschickt mit Nadel und Zwirn umzugehen, sie wusste auch, wie sie ihre Kunden zu bedienen und zufriedenzustellen hatte. Längst gehörten höhere Offiziere und feine Damen aus der besseren Gesellschaftsschicht zu ihren Stammkunden. Der Schneiderin sah man ihren Wohlstand an, trug sie doch immer die schönsten Kleider aus den edelsten Stoffen. Die eleganten Hüte, die seidenen Handschuhe und der rote Lippenstift hatten aus der Bauerstochter eine grazile Dame gemacht.

Die Tante kam nur selten zu Besuch, da der Großvater seine große Abneigung gegenüber der oberen Klasse nicht verhehlte. In einer Zeit, wo viele Menschen des Krieges wegen von Armut betroffen waren und hart arbeiten mussten, stellten die gut Situierten ihr Vermögen zur Schau. Er war der Meinung, seine Tochter habe das schlichte Leben am Land und mit ihm auch die einfachen Leute, von denen sie abstammte, vergessen. Sie lebe in einer verklärten Welt des Reichtums.

Franz hingegen freute sich jedes Mal, wenn die Tante zu Besuch kam, da sie stets vielerlei Geschenke mitbrachte. Er wollte schon in die Stube treten, um sie zu begrüßen, entschied sich aber im letzten Moment um, da die Unterhaltung der Frauen seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

„Die Zeiten sind ja gerade nicht leicht, da können wir dem Herrgott dankbar sein, dass unsere Schneiderei so gut geht“, erzählte die an ihrer Kaffeetasse nippende Dame aus der Stadt. „Leider wird das Leder immer teurer. Der Stark Wilhelm, der die Lederfabrik führt, hat die Preise wieder angehoben, obwohl er für die meisten seiner Arbeitskräfte eigentlich gar nichts bezahlen muss. In der Gerberei werden ja die Juden eingesetzt. Man erzählt, die müssten von früh bis spät ohne Pause schuften, bekämen nur wenig zu essen und seien von den vielen Chemikalien und Säuren ganz verseucht. Die tun mir ja schon leid, die armen Geschöpfe. Dass man es so auf die Juden abgesehen hat, versteh‘ ich sowieso nicht ganz. Am liebsten würd‘ ich das Leder wo anders kaufen als beim Stark, der ist wirklich ein ganz ein Gieriger. Verhandeln kann man mit dem überhaupt nicht. Und seine Arbeiter … also menschenunwürdige Bedienungen herrschen in dieser Fabrik, sag ich euch. Aber es ist nun mal die einzige Lederfabrik in der Nähe und die Leute wollen das Leder vom Stark. Man muss ja schon zugeben, dass die Qualität eine sehr gute ist. Außerdem besteht mein Mann darauf, dass wir es dem Stark abkaufen, immerhin ist er weitschichtig verwandt mit ihm.“

Franz hörte gespannt zu, was die Tante zu erzählen hatte. Unwillkürlich hatte er plötzlich die Bilder der Judengruppe vor Augen.

Als Kind erfuhr man nur wenig, was in der Stadt los war, vor allem über die Juden wurde zuhause nie viel gesprochen. Die Leute im Dorf lebten ihr Leben trotz des Krieges einigermaßen normal weiter. Der eine oder andere Vater oder Sohn war halt an der Front und schrieb regelmäßig Briefe aus dem Kriegsgeschehen. Wie grausam die Kämpfe in Wirklichkeit waren, wie groß das Leid und die Not so mancher Menschen, besonders jener, die verfolgt wurden, das versuchte man hier zu verdrängen und vor allem vor den Kindern zu verbergen.

Trotzdem konnte man vor ihnen nicht alles geheim halten. Vor allem nicht die Briefe in die Heimat, in denen das Leben an der Front geschildert wurde. Franz bekam die Zeilen des Vaters, die er aus dem Krieg schrieb, immer von der Mutter vorgelesen. Über zwei Jahre war es nun schon her, seit auch er hatte einrücken müssen. Damals hatte er zu Franz gesagt, dass der Krieg sicher nicht mehr lange dauern und er bald wieder zuhause sein würde.

Franz lauschte aufmerksam der Unterhaltung und bemerkte nicht, dass jemand in die Küche kam.

„Was tust du da? Wen beobachtest denn da?“, hörte er auf einmal eine Stimme hinter sich. Es war seine Schwester Rosi, die sich mit in die Hüfte gestemmten Armen hinter ihrem Bruder aufbäumte. Misstrauisch spähte sie durch den Türspalt, um herauszufinden, was ihr kleiner Bruder denn dort beobachtete.

„Ui, die Tante Fanny“, freute sich Rosi und stieß die Tür zur Stube auf.

„Ja die Rosemarie, grüß dich. Lass dich anschau‘n, du bist ja schon eine richtige Dame geworden“, hörte Franz, der noch immer unterm Türrahmen mit der Bratpfanne in der Hand stand, die Tante zu Rosi sagen.

„Franz, was stehst denn da mit der Rein Erdäpfelstrudel?“, wollte die Mutter wissen. „Hast doch noch Hunger bekommen? Hat mich ja schon g‘wundert, dass du heute so wenig gess‘n hast. Du magst ja den Strudel sonst auch so gern. Geh, willst die Tante Fanny nicht begrüßen?“

Franz kam sich auf frischer Tat ertappt vor und schaute etwas beschämt drein. Er stellte die Rein auf den Ofen zurück und trat in die Stube, um Tante Fanny die Hand zu reichen, die daraufhin anfing, die mitgebrachten Geschenke aus ihrer Tasche herauszuholen.

Für die Großmutter hatte sie ein paar Knäuel besonders feiner und weicher Wolle mitgebracht, damit diese wieder warme Socken für den Winter stricken konnte. Rosi durfte sich über brokatene Strümpfe und eine goldene Haarspange freuen. Der Mutter schenkte sie ein geblümtes Seidentuch. Dann holte sie noch etwas Tabak aus ihrer Tasche, den sie für den Großvater mitgenommen hatte. Sie meinte, es sei wohl besser, wenn die Großmutter ihm das Schächtelchen übergeben würde.

Die Überreichung der zahlreichen Mitbringsel wurde unterbrochen, als der Betreffende zur Tür hereinkam. Die gerade noch so fröhliche Runde wurde augenblicklich ernst und schwieg.

„Ja die verehrte Frau Kaiser lässt sich auch wieder einmal blicken. Ist sie sich nicht zu fein in einer gewöhnlichen Bauernstube zu sitzen und einen minderwertigen Ersatzkaffee zu trinken?“, gab der finster dreinschauende Großvater von sich.

Ein jeder hörte sofort den Spott und die Verachtung heraus, die in den Worten mitschwangen. Es war jedes Mal dasselbe. Seine Äußerungen waren absichtlich darauf ausgerichtet, die Tante zu verletzen.

Der Altbauer steuerte auf den Kachelofen zu, nahm die dort liegende Pfeife und verschwand ohne ein weiteres Wort wieder zur Tür hinaus, allerdings nicht ohne eine eigenartig bedrückte Stimmung zu hinterlassen.

So feindselig kannte Franz den Großvater überhaupt nicht. Er war normalerweise ein freundlicher, gutgelaunter Mann, der gerne mit den Kindern scherzte und ihnen Holzfiguren schnitzte.

Tante Fanny machte ein trauriges Gesicht.

„Mach dir nichts aus dem alten Sturschädel, Franziska. Nimm dir noch ein Stück vom Germstriezel! Was hast denn noch so mitgebracht? Fürn Franz hast bestimmt auch was“, versuchte die Großmutter ihre Tochter aufzumuntern.

Tante Fanny lächelte freudlos und überreichte Franz eine kleine lederne Umhängetasche. Das Leder verströmte einen angenehmen Duft und glänzte frisch poliert in einem dunklen Braunton. Alle erwarteten, dass Franz angesichts eines so schönen Geschenkes seine Freude zum Ausdruck bringen würde. Doch der Junge starrte das Ledertäschchen nur an. In einer Fabrik arbeitende, ausgezehrte Menschen erschienen vor seinen Augen. So schön das Geschenk auch war, er konnte nicht anders, als damit Ausbeutung und Leid zu verbinden.

„Ja, Franz, freust dich gar nicht? Willst dich nicht bedanken?“, fragte die Mutter erstaunt.

„Vielen Dank, Tante Fanny, aber ich kann das G’schenk nicht annehmen.“ Mit diesen Worten ließ Franz die Tasche am Stubentisch zurück und lief zur Tür hinaus. Die Frauen blickten sich verdutzt an.

Beinahe hätte Franz vergessen, wozu er sich ins Haus geschlichen hatte. Der Erdäpfelstrudel war am Holzofen zurückgeblieben und der Junge im Heu wartete schon sehnsüchtig darauf. Er musste noch einmal in die Küche.

Franz machte kehrt. Gedankenverloren wäre er beinahe in die rundliche rotbackige Frau gerannt, die mit einem Korb voll Eier soeben vom Hühnerstall herübergekommen war.

„Vorsicht, Burschi! Sonst Eier sind hin“, ermahnte sie ihn. Die russische Zwangsarbeiterin Polina, die seit etwa einem Jahr am Hof lebte, grinste Franz mit einem breiten Lächeln an.

Damals, als die junge Frau dem Bauernhof zugewiesen wurde, sprach sie nur ein paar Brocken Deutsch. Franz konnte sich noch gut an jenen Tag erinnern, an dem die Fremde mit zerschlissener Bluse, zerrupften Haaren und löchrigen Gummistiefeln, flankiert von zwei uniformierten Männern, an der Haustür gestanden und mit gesenktem Blick zaghaft eingetreten war. Mittlerweile hatte sich Polina gut eingelebt. Obwohl sie manchmal Heimweh überkam, war sie eine fröhliche Persönlichkeit, die gerne plauderte und fleißig am Hof mithalf.

Sie hatten Glück mit der gutmütigen Russin, denn es gab auch Zwangsarbeiter, die Feindseligkeit an den Tag legten, stahlen und mehr Schaden am Hof anrichteten, als sie Hilfe waren. Inzwischen hatte jeder Polina ins Herz geschlossen und alle sahen sie als Teil der Familie an. Die Großmutter war zwar oft streng mit ihr, vor allem, wenn sie zu viel tratschte und sich nicht auf die Arbeit konzentrierte. Doch zwischen den beiden Frauen herrschte eine Vertrautheit, wie sie sonst nur zwischen Mutter und Tochter vorkam. Auch Franz konnte sich Polina und ihr typisches lautes Lachen nicht mehr wegdenken. Sie tat dem Jungen jeden Gefallen und stellte dabei nie Fragen, was er sehr zu schätzen wusste.

„Du Polina, geh doch bitte schnell in die Kuchl und hol mir den restlichen Erdäpfelstrudel“, bat Franz.

Die mollige Dirne lächelte freundlich und verschwand daraufhin im Haus. Franz war sich nicht sicher, ob sie verstanden hatte. Kurze Zeit später tauchte Polina mit einem Teller voll Strudel wieder auf und drückte ihn Franz in die Hände.

„So, und jetzt ich muss zu Henderl, sauber machen“, verabschiedete sie sich und steuerte das Hühnerhaus an.

Gierig verspeiste Otto das ganze Stück Erdäpfelstrudel und leckte sogar noch den Teller ab, sauberer als es die unersättlichen Katzen sonst taten. Amüsiert sah Franz ihm dabei zu. Otto musste schon für sehr lange Zeit nichts Anständiges mehr zu essen bekommen haben.

„Du bist ein Jud‘, stimmt‘s?“, konfrontierte ihn Franz plötzlich mit einem Gedanken, der ihm schon die ganze Zeit durch den Kopf gegangen war.

Otto nickte stumm und begann dann zaghaft zu erzählen: „Ich komm‘ aus Ratbach. Männer haben meine Familie mitgenommen. Sie trugen die rote Armbinde mit dem Hakenkreuz. Nazis. Alles ist so schnell gegangen.“

Ein kurzes Schweigen legte sich über die beiden, dann fuhr er fort: „Die Mutter hat gewollt, dass ich vor Ladenschluss noch einen Laib Brot holen gehe. Als ich aus der Bäckerei gekommen bin, hab ich laute Lastwägen herankommen gehört, dann Getrampel von Stiefeln. Ich hab bewaffnete Männer gesehen, die den Wohnblock gestürmt haben. Es war ein einziges Geschrei und Gepolter. Sie haben die Juden rausgeholt, auch meine Eltern und meine kleine Schwester.“ Otto hielt kurz inne.

„Ein Mann hat sich aus dem Fenster gestürzt und ist dumpf auf dem Gehsteig aufgeschlagen. Ich werde dieses grässliche Geräusch nie vergessen. Ein Junge, der versucht hat davonzulaufen, ist einfach erschossen worden.“