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Petre M. Andreevski (1934–2006) überschreitet in jeder seiner neunzehn in diesem Band versammelten Erzählungen die Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Lebenden und Toten. Kein Tod wiederholt sich, er hat bekanntlich viele Gesichter. Er kann grausam sein, aber auch tröstend, kurz und schmerzlos oder lang und umkämpft, plötzlich oder absehbar, grotesk oder erbarmensreich. Doch ebenso ist es mit dem Leben – Andreevski führt vor Augen, dass Leben unweigerlich zum Ableben führt und dass das eine ohne das andere nicht denkbar ist. Die prägnant erzählten Geschichten sind bevölkert von Untoten, Wiedergängern, Gespenstern, bei denen das Irdische und das Jenseits schon gar nicht mehr zu unterscheiden sind. Alle sind im Angesicht des Endes gleich, weder der Bauer noch der Lehrer, weder der Bandit noch der Gendarm, weder der Dörfler noch der Städter kann ihm entrinnen. Die Geschichten in "Alle Gesichter des Todes" umfassen das ganze mazedonische 20. Jahrhundert, von den Balkankriegen noch vor dem Ersten Weltkrieg durch das königliche und das sozialistische Jugoslawien hindurch. Und sie bieten viel mehr als einen Reigen von skurrilen, manchmal auch übersinnlichen Todesarten: Denn die Begegnung mit dem Tod ist meist auch eine Begegnung mit der Absurdität des eigenen Lebens, tiefe Traurigkeit über das Ende ist häufig gepaart mit einem existenziellen Witz. Petre M. Andreevski zeigt sich in seiner Erzählkunst als ein balkanischer Verwandter Franz Kafkas und Samuel Becketts, und Benjamin Langers kraftvolle Übersetzung schält die unbarmherzige Komik des Todes in allen Varianten als gnadenlose letzte Pointe des Lebens heraus.
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Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Petre M. Andreevski
Aus dem Mazedonischenvon Benjamin Langer
Mit einem Nachwortvon Karl-Markus Gauß
VATER
WASSERWEIHE
DAS VERFLUCHTE HAUS
KÄLTE
NATURERSCHEINUNG
GÄSTE
PFERDE
PFERDEDIEB
SAMOVILA
BRAUTNACHT
MAULWURF
WO SIND DIE SPATZEN
TAGELÖHNERINNEN
AVANOS
AMEISEN
BRÜCKE
SCHUHE
HERR IM HIMMEL, WER IST HIER DIE TOTE
REGEN
BESTÄTIGUNG
ANGST
DU GEHÖRST ZU UNS
HERR IM HIMMEL, WER IST HIER DIE TOTE
MALER
DER GEIST VON DOBROENI
RAUPENSOMMER
ANHANG
ANMERKUNGEN
AUSSPRACHEHILFE
DIE LEBENDEN UND IHRE TOTEN NACHWORT KARL-MARKUS GAUSS
BIOGRAFIEN
»Jetzt ist es da, dieses verfluchte Wetter«, sagte Hauptmann Raqip, »bei dem der Mensch keinen Schatten mehr hat. Und ein Mensch ohne Schatten ist nur ein halber Mensch: Er weiß weder, mit wem er unterwegs ist, noch zu welcher Zeit«, sagte er und begann den Abstieg in den Talkessel. Hinter ihm drein hatschte seine Katschakenkompagnie. Sie wurde vom Rauch der am Weg gelegenen Herberge angelockt, der sich über dem Dach entlang zog und mit dem niedrigen, wolkenverhangenen Himmel eins wurde. Hier würden sie in Ruhe ihre Knie aufwärmen können, da waren sie sich sicher. Die Buchfinken hatten den Wetterumschwung schon längst angekündigt, und nun braute es sich zusammen, schwer von Nässe. Auf den Gipfeln der Berge lag weiß der erste Schnee. Es war, als hätte sich die Kälte den Hetzjagden und Hinterhalten angeschlossen, obwohl sich alles Leben im Talkessel jetzt irgendwo verborgen hielt. Nur die Wildgänse und die schwarzen Schwärme der Raben, die aufstiegen und sich wieder senkten, zeugten noch von irgendwelchem Leben. Und natürlich die Herberge und die Katschakenkompagnie, die nicht wusste, was das ist: Barmherzigkeit. Einer der ihren war auch Stojan Sirakovski. Wie war er nur unter diese Räuber gefallen, die bis von Albanien herüber kamen, um Vieh und Kinder zu stehlen? Tja, auch er war als Kind von einer Brigantenbande geraubt worden, und sein Vater hatte nicht genug Geld gehabt, ihn auszulösen. Als er den Brief mit der Summe gelesen hatte, hatte er nur gesagt: »Wo sollen wir so viel Geld für einen so kleinen Menschen hernehmen?« Voller Trauer, aber auch mit Erleichterung hatte er das gesagt. Erleichterung, weil sie nun einen Mund weniger zu füttern hatten. So wuchs Stojan Sirakovski unter Räubern auf und wurde selbst zu einem berüchtigten Räuber.
Die Katschaken traten in die Herberge, und die wenigen zufälligen Gäste, die breitbeinig um den Ofen hockten, zogen sich zurück und machten den Neuankömmlingen schweigend Platz. Eigentlich traten sie ihnen ihren Platz ab. Stojan Sirakovski lehnte sich an die Wand hinter dem Ofen und betrachtete neugierig die Leute. Ein Gesicht stach ihm immer wieder besonders ins Auge, wie die Sonne, wenn sie durch Rauch und Qualm dringt. Er schaute hin, schaute wieder und wieder, und da durchzuckte es Stojan Sirakovski wie von einem Fersensporn. Etwas trieb sein Blut an, der Mund trocknete ihm aus, sein Blick trübte sich. Der Alte hatte eine gerunzelte Stirn und tief überhängende Augenbrauen. Selbst seine Augen waren kalt, als wären sie mit gläsernem Eis gefüllt. Zugegeben, es wurde überall kalt, wo die Räuber auftauchten. Und dennoch, es waren weite Augen, die sich zwar ständig von Stojan Sirakovski weg bewegten, ihn aber doch nicht aus dem Blick verloren. Er spürte sie selbst dann, wenn der Alte ihn gar nicht anschaute. Und Stojan Sirakovski verlangte einen Kaffee für sich selbst, verlangte aber auch einen für ihn. »Für wen?«, fragte der Herbergswirt überrascht, und Stojan Sirakovski hob das Gewehr und zeigte damit auf den Alten. Er zeigte auf ihn, verkniff es sich aber, den Namen zu nennen. Seine Kumpane wunderten sich über ihn. So viel Barmherzigkeit zeigte er sonst nicht einmal gegenüber denen, die ihn anflehten, sie nicht zu töten.
Und so sah Stojan Sirakovski immer wieder hin und senkte dann rasch den Blick auf das Gewehr zwischen den Knien. Etwas in ihm ließ nicht zu, dass er sich nicht mit dem Alten beschäftigte. Und schon hob er erneut den Kopf, um hinzuschauen. Er musterte sein Gesicht, prüfte nahezu jedes Fleckchen seiner Erscheinung. War er es oder war er es nicht? Er schämte sich, einzugestehen, dass er ihn nicht erkannte, dass er ihn vergessen hatte. Deshalb dachte er, während er ihn betrachtete, er würde sich selbst betrachten, aus irgendeiner anderen Zeit gekommen. Er wusste, dass diese andere Zeit auch ihn erwartete, aber er war sich nicht sicher, ob er sie erreichen würde. Einen Briganten, der ein hohes Alter erreicht hätte, gab es nicht. Als er sah, wie der Alte den Kaffee schlürfte, breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Selbst seine Augen lachten. Er wollte am liebsten aufstehen, ihm die Hand küssen und sich ihm vorstellen, zu erkennen geben. Doch er hatte Angst, damit eine größere Unbedachtsamkeit zu begehen. Dabei hätte er so gern zu ihm gesagt: »Was für schwere Zeiten doch gekommen sind: Ich habe Angst, es dir zu sagen, und du hast Angst, mich danach zu fragen.« Aber er sagte nichts, und auch die anderen sagten nichts. Zwischen den Menschen in der Herberge stand eine marmorne Stille, in der nur ihr Atmen zu hören war. Und in dieser Stille fühlten sie sich alle hoffnungslos und bedeutungslos. Der Herbergswirt tat geschäftig und versuchte angestrengt, den Schrecken auf seinem Gesicht in Liebenswürdigkeit zu verwandeln. Der Alte trank den Kaffee aus und krümmte sich zusammen wie eine Larve im Kokon. Offensichtlich war es ihm unangenehm, dass er etwas von einem unbekannten Räuber hatte annehmen müssen. Hauptmann Raqip hüstelte nur und starrte Stojan Sirakovski vorwurfsvoll an. Es war ein Blick von weit oben herab. Doch abgesehen von der Einladung zum Kaffee gab Stojan Sirakovski nichts preis. Ob es sein einziger Moment der Schwäche gewesen war, in dem er Mitgefühl für jemanden hatte? Oder ging er vielleicht davon aus, dass all dies seine Erlösung bedeuten würde?
Als die Katschaken die Herberge verließen, baute sich Hauptmann Raqip unvermittelt vor Stojan Sirakovski auf. Er verstellte ihm den Weg und sagte, durch den Mund atmend, als würde er ein Feuer anfachen:
»Wir geben den Giauren nichts, wir nehmen nur von ihnen.«
»Auch er hat mir etwas gegeben«, sagte Stojan Sirakovski.
»Was denn?«, fragte Hauptmann Raqip.
»Das Leben«, sagte Stojan Sirakovski, »dieses verfluchte Leben, das ich trage. Er ist mein Vater«, sagte er.
»Aber warum hast du ihm denn nichts gesagt?«, fragte Raqip erbost.
»Ich hatte Angst vor dir«, sagte Sirakovski, »und vor ihm habe ich mich geschämt.«
»Jetzt werden dir Angst und auch Scham vergehen«, sagte Hauptmann Raqip, langte nach Stojan Sirakovskis Gewehr und nahm es ihm weg. Riss es ihm geradezu von der Schulter. Dann richtete er es auf ihn und drückte langsam den Abzug durch. »Dir war es wohl bestimmt, von deinem eigenen Gewehr zu sterben«, flüsterte er und schoss. Stojan Sirakovski öffnete den Mund, aber es kam schon kein Wort mehr heraus. Er schaffte es nicht mehr, etwas zu sagen oder auch bloß zu hören. Man hörte nur den ohrenbetäubenden Knall des Gewehrs, der in schwächer werdenden Wellen von den Hügeln im Talkessel zurückkam. Zusammen mit den Rabenschwärmen kam er zurück, die sich von neuem auf den kahlen Bäumen niederließen. Und es kam ein Räuber in die Herberge zurück. Hauptmann Raqip hatte ihn geschickt, um dem Alten auszurichten, er solle seinen Sohn begraben. Das war das erste Mal, dass auch Raqip etwas von so ruhiger und erhabener Würde tat. Warum er aber Stojan Sirakovski umgebracht hatte, das kam niemals heraus. Weil der seinen Vater wiedererkannt hatte? Weil er einem Giaur etwas hatte zukommen lassen? Oder wegen etwas Drittem, was sich über die Jahre zwischen ihnen aufgebaut hatte?
Der Schnee lag hoch und pappig, und nur mit Mühe kämpften sich die Dörfler zum Wirbel des Flusses durch. Sie gingen einer hinter dem anderen her und hoben schwerfällig die Füße. Doch trotz allem war jedermann fröhlich. Es war, als hätte die Festlichkeit ihrer neuen Kleider auf ihre aufgeregten Gesichter abgefärbt. Selbst ihr Blick war aufgefrischt.
Als sie am Fluss ankamen, reihten sie sich oberhalb des Wirbels auf, bereit zum Einholen des Kreuzes. Sogar mehr noch reihten sich auf, als die Brücke fasste, als sie tragen konnte. Die Restlichen stellten sich zu beiden Seiten des Flusses auf. Bis über die Knie sanken sie im Schnee ein und sahen nun aus wie eingepflanzt. In der Mitte der Brücke, fast genau über dem Wirbel, stand der Pope, las etwas vor, sang. Segnete das Wasser im Fluss. Links und rechts von ihm waren Slave Bozdov und Vančo Dumanovski, beide bis auf die Unterhosen ausgezogen, aber hübsch eingewickelt in litzenverzierte Decken. Es zitterten die fröstelnden Leute, es zitterten auch die Decken.
Der Pope las zu Ende, sang zu Ende, und mit einer gemessenen Armbewegung warf er das Kreuz in den Wirbel des Flusses. In dieser Bewegung lag eine überbetonte Liebe zum Kreuz. Als hätte er ausdrücken wollen, wie ungern er sich vom Kreuz trennte. Das Kreuz klatschte ins Wasser und glitt wie ein Fisch durch es hindurch. Augenblicklich war es verschwunden. Sogleich sprangen Slave Bozdov und Vančo Dumanovski hinterher. Warfen die Litzendecken von sich und klatschten in den Wirbel, spalteten sein Wasser. Und fingen an im Wirbel herumzufuhrwerken, das Kreuz auf dem Grund zu suchen. Wenn sie auftauchten, um nach Luft zu schnappen, bildete sich an ihren Körpern eine dünne Schicht Eis. Sie befreiten sich davon, aber sie bildete sich von neuem, setzte sich an ihnen fest. Als wollte sie sie nicht ins Wasser lassen. Die Leute am Fluss begannen zu schreien, zu lärmen, doch ihre Stimmen drangen nicht bis zu den Schwimmern. Die schluckten nur kalte Luft und tauchten wieder kopfüber ins Wasser. Ihre Leiber krümmten sich zusammen wie die von Aalen, und schon waren sie wieder verschwunden. Wohl bis zu drei Mal tauchten sie so aus dem Wasser auf und kehrten wieder in es zurück.
Beim dritten Mal zeigte Vančo Dumanovski das Kreuz vor. Zunächst reckte er das Kreuz aus dem Wasser, dann erst seinen Kopf. Er küsste es und watete bibbernd an Land. Nach ihm tauchte auch Slave Bozdov auf, völlig außer sich vor Kälte und von dem Anblick. Er schaute zum Kreuz in den Händen von Vančo Dumanovski und weinte. Aber vielleicht weinte er auch gar nicht, sondern das Wasser, das ihm aus den Haaren lief, fiel ihm über die Augen, wie Tränen, die ihm im Gesicht gefroren.
Die Leute zogen beide aus dem Wasser. Sie wickelten sie wieder in die litzenverzierten Decken ein und brachten sie in das nächstgelegene Haus. Damals nämlich brannten an diesem hohen Festtag alle Öfen in den Häusern, ja, sie glühten geradezu. Auf den Öfen siedete in Kesseln Schnaps, dessen Duft bis nach außen drang. Der einzige Dufthauch war das, der sich durch die eintönige Schneelandschaft erging. Sie setzten die Schwimmer an die Öfen und wärmten ihnen die Hände, rieben ihnen die Adern. Fühlten sich ihre Fingerkuppen wie erfroren an, nahmen sie ihnen die Finger aus dem Mund und übergossen sie mit kaltem Wasser. Sie wussten ja alle, dass sich die Fingerkuppen so anfühlen, wenn man aus der Kälte ins Warme kommt.
Slave Bozdov wärmte sich auf, zog sich an und stahl sich fort. Vančo Dumanovski machte sich auf den Weg durchs Dorf. Er ging mit dem Kreuz von Haus zu Haus und verteilte Weihwasser. Die Dörfler küssten voller Freude das Kreuz und füllten sich das Wasser flaschenweise ab. Um es vorrätig zu haben, für die Gesundheit und wofür es sonst gebraucht werden konnte. Sie zapften es von Vančo Dumanovskis Kessel und gaben ihm dafür Geschenke. War das Wasser alle, kehrte er zum Fluss zurück, um neues zu holen. So war er bis spät in die Nacht unterwegs, und überall wurde er mit den höchsten Ehren empfangen. Und dann war er plötzlich weg. Verschwunden. Tauchte nirgendwo mehr auf, kam auch nicht nach Hause zurück. Wo er so lange aufgehalten worden war, das konnte sich niemand vorstellen. Nach ihm suchen konnte man auch nicht. Wie zum Trotz hatte es am Nachmittag wieder zu schneien begonnen, und alle Spuren waren zugedeckt worden.
Bis zum Frühling hörte man nichts mehr von Vančo Dumanovski. Bis zur Schneeschmelze. Dann offenbarte sich sein Schicksal. Genau genommen offenbarte es der Jagdhund der Šarkovskis. Eines Abends in der Dämmerung kehrte er mit einer menschlichen Hand im Maul ins Dorf zurück. An dem Ring am Mittelfinger erkannten die Leute sie sofort als Vančo Dumanovskis rechte Hand. Als sie noch den Leichnam dazu fanden, da sagte einer, die Sache des Mörders liege wohl nicht allzu tief verscharrt. Denn bei der Leiche fand sich auch die Axt des Mörders. Als erster erkannte sie Najdenko der Schmied wieder. Er hatte sie gehärtet, bis das Blatt wie Wasser spiegelte, in dem man sich selbst betrachten kann. Damit man auf der Axt nachsehen konnte, ob man hässlich war oder hübsch.
»Wem gehört die Axt?«
»Slave Bozdov«, sagte Najdenko der Schmied.
»Ich konnte doch nicht anders, als ihn umzubringen«, sagte Slave Bozdov, »schließlich hat er mir das Kreuz weggenommen und mich beschämt. Geradezu aus den Händen hat er es mir gestohlen, vor meinen Augen weg. Und seitdem hat das Kreuz schwer in meiner Brust gelastet. Es war, als würde es da mitten in mir drin alles blockieren. Die ganze Zeit habe ich es schwer und kalt in mir gespürt. Und als ich ihn mit der Axt niederschlug, da ist in mir etwas mit Macht aufgebrochen, ist zerborsten wie Eis. Ihn hab ich geschlagen«, sagte er, »und das Eis in mir ist aufgebrochen. Da hab ich mir gedacht: Sicher hat die Axt das Kreuz getroffen, das mir in der Brust geblieben war. Wie es dazu gekommen ist, das weiß ich nicht«, sagte er, »wie mich das Blut überkommen hat. Es war, als wehte ein Wind vorüber und nähme mir alles weg. Die Seele hat er mir genommen und mein Gefühl für die Sünde auch. Nur die Hand und die Axt in der Hand hat er mir gelassen. Und so, ohne zu wissen, was ich tue, hab ich ihn umgebracht. Und als ich ihn umgebracht hatte«, sagte er, »da hab ich noch fünf Mal zugeschlagen, wieder und wieder hab ich auf ihn eingehauen. Ich musste mich doch von der Last des Kreuzes befreien«, sagte er.
Nach diesem Geschehnis hat Najdenko der Schmied nie mehr eine Axt gehärtet. Denn in jeder Axt sah er das Antlitz des Getöteten. Kaum hatte er sie nur ein wenig gehärtet, da ist es schon aufgetaucht. Wie auf einem Bild gemalt, so hat es sich ihm gezeigt.
Mara und Siljan Bojčevski hatten ein Haus auf dem Hügel. Weithin war es zu sehen. Nur dann sah man es nicht, wenn man gar nicht da war. Seine Mauern bestanden aus behauenen, von weißem Mörtel umsäumten Steinen. Zwei Stockwerke hatte es und zwei eiserne Balkone. Es war das erste Haus im Dorf, und als erstes wurde es von der Sonne gewärmt. Regnete es oder schneite, dann fielen Regen oder Schnee zuerst auf dieses Haus. Nur die Nacht kam zu ihm zuletzt.
Mara und Siljan Bojčevski lebten auf großem Fuß. Alles hatten sie, was man in einem Dorf haben kann, wo die Auswahl denkbar gering ist. Dort konntest du ganz wenig haben und dennoch glauben, dass es darüber hinaus nichts gebe. Die Bojčevskis aber hatten einen Kramladen und hatten auch Felder, fast alle stets gut bewässert. Sie hatten also alles, was für Neid genügt, aber das, worum die anderen von ihnen beneidet wurden, das hatten sie nicht. Sie hatten keine Kinder. Um sie herum war Überfluss, in ihren Seelen jedoch herrschte Leere. Zugegeben, Kinder wurden ihnen geboren, aber sie starben immer sofort. Kaum war ein Kind zur Welt gekommen, da rief es schon die Erde zu sich. Keines ihrer Kinder schaffte es auch nur Luft zu holen, um loszuschreien. »Hätt ich doch wenigstens einmal seine Stimme gehört«, murmelte Mara, »hätt ich doch wenigstens seine Augen gesehen.« Sie hatte das Gefühl, nur blinde Katzen zu gebären, damit sie im Fluss landeten. Und die Trauer stand ihr unentwegt ins Gesicht geschrieben. Als wäre Mara Bojčevskas Gesicht das Antlitz eines Leichnams.
»Vielleicht sind sie verflucht worden«, so redeten die Leute über die beiden. »Oder sie haben Gott gegen sich aufgebracht!« Aber Mara und Siljan Bojčevski waren fromme Menschen. Niemand soll sagen, dass sie das nicht waren. Sie gingen doch regelmäßig zur Kirche. Kaum kam der Sonntag oder ein höherer Feiertag heran, machten sie sich schon auf den Weg dorthin. Dann zogen sie neue Kleider an, striegelten sich und brachen auf. Und entzündeten Kerzen für die Lebenden und die Toten. Bekreuzigten sich und zündeten sie an. Danach baten und bettelten sie vor allen Ikonen. Küssten die Heiligen und beteten. Siljan war ein hochgewachsener Mann, und neben der zierlichen Mara wirkte er, als sei er auf einen Stein gestiegen. Sein Kopf befand sich immer weiter oben.
»Lass uns, o Herr, doch wenigstens ein Kind«, wisperte Mara, »mach unserem Haus die Freude. Bring dem Kind bei, zu atmen und zu weinen!«
Mara betete, als wollte sie sich entschuldigen. Die ganze Zeit war ihr Mund von Tränen salzig. Ihre Augen waren geschwollen, vom Weinen fast schon zum Verschwinden gebracht. Man hätte denken können, sie liefen ihr aus. Doch trotz allem lag in ihnen ein leise glimmendes Licht, ein Glanz. Wer weiß, woher dieses Licht kam … Von ihrer Hoffnung? Oder ihrem Unglück?
Natürlich versuchte Mara Bojčevska, sich zu behelfen. Auf jegliche Weise und überall. So ließ sie nach Frauen suchen, die sich aufs Unmögliche verstanden. Und kaufte eine Wiege. Vielleicht ließe sich die göttliche Barmherzigkeit ja auf diese Weise überlisten. Um sie mit allem eins werden zu lassen, was natürlich und gottgegeben ist. Damit sie nicht mehr am Rande stünde, abgeschieden von den Menschen. Aber Gott erhörte ihre Gebete nicht. Als wären sie gar nicht zu ihm gedrungen. Und ihre Kinder blieben Totgeburten. Umsonst erduldete sie die Wehen. Dabei weiß doch jede Frau, wie schmerzhaft das ist, wenn eine Seele aus der anderen heraustritt. Aber kaum war bei ihr das Kind heraus, da röchelte es bloß, wimmerte einmal kurz auf, und seine kleine Seele floh ihm wie ein Schmetterling aus dem Mund. Mara und Siljan Bojčevski sahen mit eigenen Augen, wie beschränkt und wie schwach der Mensch doch ist. Oh, wie unglücklich und verletzt sie sich da fühlten! Als wären sie noch nie so allein gewesen. Nichts hatten sie, was schreien, ihnen auf den Schoß pinkeln und die Wohnung durcheinanderbringen würde. Und nichts zu streicheln außer dem Jagdhund. Dieser Jagdhund aber war eine mitfühlende Kreatur, die ihr Unglück zu spüren schien. Öffneten sie die Tür, sprang er gleich auf und steckte ihnen den Kopf zwischen die Hände. Wedelte mit dem Schwanz und drückte sich an sie. Leckte ihnen die Finger, küsste ihnen die Hände. Viel fehlte nicht, und er hätte sogar zu ihnen gesprochen. Selbst wenn sie ihm einmal nichts zu fressen gaben, betrachtete der Hund sie als seine nächsten Verwandten. Vielleicht träumte er auch ihre Träume. Brachen sie auf, war er da, kehrten sie heim, wartete er auf sie. Nirgendwo ließ er sie ohne seine Liebe. Ihr Schatten ließ sie vielleicht einmal im Stich, der Hund aber nicht. Ohnehin war es fast so, als hätten sie keinen Schatten. Vor allem der von Siljan Bojčevski war immer zu spät dran. Und wenn Siljan arbeitete, dann machte er die Nacht zum Tag. Jedem Geldstück stellte er mit der Flinte nach, sein Schatten jedoch blieb hinter ihm zurück. Kam er nach Hause, traf sein Schatten erst später ein. Zumindest erschien es ihm so. Manchmal saß er im Gästezimmer und betrachtete das große Hochzeitsbild, das an der Stirnseite hing. Er sah es sich an, sah sich selbst darauf neben Mara und redete unablässig vor sich hin. Oh, wie viel schamhafte Zärtlichkeit auf dem Bild auf ihren Wangen lag! Und doch war es, als gähnte zwischen ihnen beiden eine große Wüste. Einmal gestand er sich sogar etwas ein, von dem er niemals gewollt hatte, dass es wahr sei. Angetrunken, fast ein bisschen aufgestachelt vom Schnaps, sagte er: »Um wie viel weiser doch ein Leben in Armut ist als das der Reichen! Wie konntest du es bloß so drehen, o Herr, dass mir selbst die Fülle leer erscheint? Ein Haus ohne Kinder ist doch nur ein leeres Haus«, sagte er.
Oft schien es, als sei sein Verstand nicht gemeinsam mit ihm unterwegs. Mit Siljan Bojčevski. Er ging in die eine Richtung und der Verstand in eine andere. Zeit musste vergehen, bis sie sich wieder trafen und ihren Weg zusammen fortsetzten. In einem solchen Augenblick sagte er zu Mara: »Auf der Nordseite wärmt die Sonne nicht, und nach uns greift bereits das Alter.« Und da beschlossen sie, ein Kind zu adoptieren. Um wenigstens durch einen fremden Menschen ihre Gottesstrafe abzumildern. Siljan wollte nicht glauben, dass mit ihrem Tod auch ihr Haus aussterben würde. Dies alles trug sich nach dem großen und langen Krieg zu, der den Menschen nichts gelassen hatte, nicht einmal eine trügerische Hoffnung. Das Dorf, nahezu das ganze Dorf weinte vor Armut. Frühstückst du, ist nichts mehr zum Mittagessen da, isst du zu Mittag, bleibt nichts mehr fürs Abendbrot. Und bei den meisten war es sogar noch schlimmer. Sie hatten auch ihre Notvorräte aufgegessen. Die Menschen bewegten sich kaum noch: Ihre Körper verloren sich in den zerschlissenen Kleidern. Du sahst die Kleider umherwandeln, aber wer in ihnen steckte, das wusstest du nicht. Und wenn du die Leute doch zu Gesicht bekamst, dann erkanntest du sie fast nicht wieder. Blut hatten sie nur noch für die Flöhe und anderes garstiges Viehzeug, vor dem sie sich nicht schützen konnten. Damals war es nicht schwer, einen jungen Menschen zum Arbeiten zu finden. Man konnte sogar auswählen. Auf dem Dorf müssen sich ja selbst die Kinder ihre Nahrung verdienen, und die Erwachsenen erst recht. Manche arbeiteten nur ums Brot, mehr verlangten sie gar nicht. Aber das Brot gab es nur trocken und kalt, so dass man es kaum brechen konnte. Damit nicht zu viel davon aufgegessen wurde. Und weil es so kornbrandig und verunreinigt war. Aß man es warm, wurden alle vom Getreidebrand und der Kornrade besoffen. Und vielleicht auch von ihrer großen Unersättlichkeit. Danach schliefen sie oder kotzten den ganzen Tag lang. Unter ihren Füßen drehte sich die Erde im Kreis, sie fielen hin und blieben liegen. Weder wussten sie, wo sie waren, noch wer sie waren, und sie erkannten einander nicht mehr. Schauten sich an und erkannten einander nicht.
Eines Abends trat Bogoja Koncovski in Siljan Bojčevskis Laden. Als wäre er bestellt worden. Er hatte sechs Kinder, und beim siebten war ihm die Frau gestorben.
»Wo drückt dich der Schuh?«, fragte Siljan Bojčevski.
»Frag lieber, wo er mich nicht drückt«, sagte Bogoja Koncovski, »wär’s nur an einer Stelle, würd ich ja gar nichts merken … Wenn du mir etwas Salz auf Pump geben könntest«, sagte er, »wir haben das fade Essen über. Und meine Kinder haben sich schon Kröpfe eingefangen, haben dicke Hälse. Die Armut ist groß, Herr Bojčevski, und bei mir auch das Unglück: Der Tod meiner Frau hat mir die Arme ausgerissen. Alle Kinder wollen etwas zu essen von mir, aber ich hab nicht für alle.«
»Dann gib mir ein Kind ab«, sagte Siljan Bojčevski, »ich habe kein einziges.«
»Es ist dir wohl nicht bestimmt gewesen, dass du eins hast«, sagte Bogoja Koncovski, »aber auch nicht, dass du keins hast … Welches Kind willst du denn?«, fragte er.
»Deljan«, sagte Siljan Bojčevski, »ich brauch einen fertigen Menschen zum Arbeiten.«
Bogoja Koncovski musste ein bisschen schlucken, aber er überlegte es sich nicht mehr anders. Und da gab ihm Siljan Bojčevski Salz und eine Handvoll bunter Bonbons für die Kinder.
Als Deljan Koncovski sein Zuhause verließ, drehte er sich nur einmal um. Er blieb etwas hinter Siljan Bojčevski zurück und drehte sich kurz um, wie wenn man einen Stein auf das Haus wirft. Und da sah er auf dem Čardak seinen Vater und die kleineren Brüder und Schwestern stehen. Sie schauten ihm nach und wischten sich die Augen aus. Auch ihm war zum Heulen zumute, aber er drückte die Tränen ab und ließ sie nicht sehen. Nur ein bisschen schneller lief er hinter Siljan Bojčevski her. So manches war ihm bewusst, anderes aber noch undeutlich. Und so trennte er sich von den Seinen, durcheinander wie die Gerüche aus den nahen Gärten. Aber was dann geschah, ach, das ist nicht zu glauben. Am Dorfausgang lagen Balken von der eingerissenen Scheune der Suklevskis kreuz und quer über der Straße. Alle Balken waren alt und von Wurmfraß befallen. Und Deljan trat auf einen der Balken, aus dem ein Nagel ragte. Als hätte irgendetwas seinen Fuß gepackt und auf den Nagel gedrückt. Und der, aufgereckt wie eine bleckende Schlange, drang tief in die Fußsohle und verhakte sich dort zwischen den kleinen Knöchelchen. Deljan schrie vor Schmerz auf und ging in die Knie. Siljan Bojčevski kehrte um und machte ihn mühsam los. »Wo hast du nur hingeschaut, wo hattest du denn deine Augen«, sagte er zu Deljan und hakte ihn unter, um ihm beim Gehen zu helfen. Deljan humpelte und presste die Lippen zusammen. Den ganzen Weg entlang tropfte ihm das Blut aus dem Fuß und bildete ein rotes Rinnsal im Staub.
Als sie zu Hause ankamen, entgleisten Mara die Gesichtszüge, aber sie nahm sich rasch wieder zusammen, wusch den Fuß mit Schnaps ab und verschloss die Wunde mit einem getrockneten Pilz.
»Ohne uns geht das Unheil wohl nirgendwo hin«, sagte Siljan matt.
»Der ist bald wieder auf den Beinen«, sagte Mara, während sie den Fuß verband, »im Handumdrehn ist er wieder auf den Beinen.«
Aber Deljan Koncovski kam nicht wieder auf die Beine. Am nächsten Morgen war sein Fuß bis zum Knöchel hoch geschwollen und blau angelaufen. Ob ihm wohl der ganze Rost des Nagels im Fuß geblieben war? Schwarze, harzige Blasen befielen Deljan, und er verging vor Schmerz. Vor lauter Schreien bekam er den Mund nicht mehr zu. Oft kam es ihn an, den Fuß irgendwo bei jemand anders zu lassen, damit dann dem der Fuß zerfressen würde. Mara und Siljan Bojčevski standen hilflos über ihm und hatten keine Worte, um ihn zu trösten. Deljan Koncovski stöhnte, und sie kniffen die Augen zu. Schauten einander an und kniffen die Augen zu. Es war, als ginge sein Schmerz auch auf sie beide über, und sie jammerten und legten seinem Fuß Wickel aus Spitzwegerich und gesottenem Lauch an. »Der Lauch reinigt das Fleisch«, sagten sie, »er nimmt die Schwellung fort.« Und die Schwellung verging tatsächlich, sie fiel in sich zusammen. Schwarzes, dickes Blut floss heraus, wie Teer. Es war offensichtlich, dass das Blut vergiftet war. Danach fühlte Deljan Koncovski sich etwas besser, kurz löste sich der Knoten in seinem Herzen. Doch die Schwellung wuchs wieder zu und stieg dann nach oben. Sie wanderte an seinem Bein entlang, sie griff nach seinem Knie. Und zwischen den Oberschenkeln tauchten Pusteln auf, groß wie Walnüsse. Jetzt kam es ihn an, sich selbst das Bein aufzufressen.
Nach einer Woche entschloss Siljan Bojčevski sich, ihn zum Arzt zu bringen. Er setzte ihn aufs Pferd und brachte ihn hin. Aber dort sagte man ihm, das Bein müsse abgenommen werden. »Was soll ich denn mit einem Mann ohne Bein«, sagte Siljan Bojčevski und brachte ihn wieder nach Hause. Doch fortan war es schon eine Qual, auch nur an ihrem Haus vorbeizugehen. Bei Tag und bei Nacht heulte Deljan Koncovski vor Schmerzen. Er heulte im Haus, und der Hund heulte draußen, auf dem Hof. Sein Bein war jetzt schwarz wie ein verkohlter Wurzelstock. Mara schmierte es mit Wachs ein, umwickelte es mit den Waben wilder Bienen und raunte: »Das wird dir den Schmerz nehmen, das wird ihn verschwinden lassen.« Doch Deljans Gesicht war nass wie ein beschlagener Krug, er warf es hin und her, spürte keine Verbesserung. »Irgendwas schlägt auf meine Knochen ein«, sagte Deljan Koncovski. »Ich höre seine Schläge«, sagte er, »im ganzen Körper höre ich sein Geklopfe. Und mein Verstand ist beim Schmerz hängengeblieben. Das ist nicht mehr mein Bein, glaube ich, das ist nur noch Schmerz. An einer Stelle werde ich geschlagen, weh tut es aber überall. Sogar die Haare tun mir weh, jedes Härchen an meinem Körper. Ich weiß nicht, was da für ein Tier in mich gefahren ist«, sagte er, »es reißt mir andauernd das Fleisch von den Knochen und spuckt es wieder aus. Und wenn es mich mal wegdämmern lässt, dann träume ich, dass ich gestorben bin. Immer nur diesen Traum träume ich«, sagte er. »Ich sehe dann zu, wie mein Herz begraben wird. Ich sehe auch all die weinenden Leute, die an meinem offenen Grab stehen. Und obwohl ich tot bin, stehe ich da mit ihnen. Und sehe, wie sie mein Herz nehmen und es meiner Mutter reichen. Sie wickeln es in ein weißes Tuch und reichen es ihr. Sie nimmt es zärtlich und voller Liebe entgegen, und ich wundere mich, wie sie da sein kann, wo sie doch schon lange tot ist. Sie nimmt mein Herz und schaut mich direkt an. Zuerst ist es ein bisschen schwer, sagt sie, aber dann nicht mehr. Ich weiß, sage ich, zuerst ist es ein bisschen schwer, aber dann nicht mehr.«
Mara Bojčevska steht über Deljan gebeugt und bekreuzigt sich erschrocken: »Die Toten wohnen unter den Lebenden«, sagt sie. »Das ist immer schon so gewesen«, sagt sie, »dass wir alle zusammen wohnen, die Lebenden und die Toten miteinander verquickt. Und es ist immer schon so gewesen«, sagt sie, »weil wir nicht wissen, was uns gehört und was ihnen.«
All das kam auch Bogoja Koncovski zu Ohren, und er machte sich auf den Weg, seinen Deljan heimzuholen. Er tat es mit einem Gefühl von Schuld in sich, aber auch mit großer Bitterkeit, die ihm im Rachen wühlte, die ihn zerfraß.
»Unglück«, sagte Bogoja Koncovski, »ich habe euch Unglück gebracht. Deshalb gebt mir das Kind zurück, Herr Bojčevski, es soll zu Hause sterben. Da, wo auch seine Mutter gestorben ist, Gott sei ihr gnädig!«
Als sie Deljan Koncovski begruben, sammelten sich über dem Friedhof große Schwärme Krähen und Raben. Die Bäume waren schwarz von Vögeln. Weder Zweige noch Blätter sah man mehr. Wer weiß, woher so viele große Vögel kamen. Sie lüpften die Flügel und Schwänze und reckten die Schnäbel. Manche wechselten mit einem einzigen Flügelschlag den Platz. Und saßen dann wieder da und krächzten. So dass man nichts anderes mehr hörte.
»Das ist, weil Deljan keine Mutter mehr hat«, sagte einer, »weil er keinen hat, der ihn ausreichend betrauert.« »Das sind Aasfresser«, sagte einer der Totengräber und schleuderte einen Stein nach den Vögeln. »Die haben die offene Wunde des Jungen gewittert«, sagte er und bückte sich nach einem weiteren Stein. Doch da flogen die Vögel auf, beinahe im selben Augenblick flogen alle auf und erfüllten den Himmel über dem Friedhof. Verschlossen ihn. Noch nie war eine solche Wolke am Himmel gesehen worden. Doch die Vögel beschrieben nur einen weiten Kreis bis unterhalb des Dorfes und kehrten wieder zum Friedhof zurück. Wie dichter Nebel senkten sie sich herab, wie eine große Dunkelheit. Und da verfinsterte sich alles ringsumher und das Licht schwand. Und so, beinahe im Dunkeln, begruben sie Deljan Koncovski. Die Vögel spreizten die Häute zwischen den Krallen und starrten zum Grab. Doch als das Grab verschlossen wurde, da erhoben sich die Vögel augenblicklich. Sie schlugen heftig mit den Flügeln wie applaudierende Menschen und flogen davon, wer weiß wohin. Und da kam das Licht wieder herab, und die Bäume und Gräber waren wieder zu sehen.
»Wegen nichts und wieder nichts ist der Junge von uns gegangen«, sagte eine Frau zu Bogoja Koncovski.
»Bis dahin war es ihm bestimmt gewesen zu gehen«, antwortete Bogoja Koncovski.
Zu Siljan Bojčevski sagte niemand etwas.
Sechs Wochen nach dem schmerzlichen Tod von Deljan Koncovski ging Siljan Bojčevski zu Joše Ljubin. Er schwankte nach links und nach rechts, als dächte er mit den Schritten nach. Vielleicht grübelte er darüber, wie er Joše Ljubin nach seinem Kind fragen sollte. Nach Jordan Ljubin. Er traf ihn auf der Tenne an, wie er gerade die Kuh am Dreschpfahl anband. Die Kuh aber, die einzige Kuh, die Joše Ljubin besaß, hatte eine Kröte hinter der Zunge bekommen, und die war gewachsen und hatte ihr die Luftröhre verschlossen. Und die Kuh war aufgegangen, ihre Weichen waren aufgebläht. Und sie trat immerzu von einem Bein aufs andere, konnte nicht stillstehen.
