Allein wäre ich weniger einsam - Ursula Jaqua-Lanz - E-Book

Allein wäre ich weniger einsam E-Book

Ursula Jaqua-Lanz

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Beschreibung

Tanja fährt in den Kurzurlaub nach Griechenland, um endlich etwas Abstand zu ihrem Leben in der Schweiz zu finden: der Alkoholsucht ihres Mannes, der schwierigen Schwiegermutter im Haus und der Enge der Arbeit in der Familienmetzgerei. Sie scheint nur noch für ihre beiden Töchter zu leben – bis sie in Delphi den Spruch "Erkenne dich selbst" entdeckt. Zurück in der Schweiz lernt Tanja durch diesen Spruch inspiriert und mit Hilfe ihrer Freundin Regina und des attraktiven und verständnisvollen Griechen Iannis, wie sie die Schatten ihrer Vergangenheit loslassen kann – und wie sie es schaffen kann, zu sich selbst gut zu sein. Dafür muss sie ihrem Mann ein Ultimatum stellen, das nach hinten loszugehen droht, als sich eines Nachts zwei Hände um ihren Hals legen …

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Seitenzahl: 481

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

PROLOG

1.

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2019 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99064-585-7

ISBN e-book: 978-3-99064-586-4

Lektorat: Senta Kneip

Umschlagfoto: Sven Hansche | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

PROLOG

Sie war unruhig an diesem Herbstabend. Die ersten Nebelschwaden schlichen sich bis auf den Berg herauf zum Chalet. Die Sonne hatte sich den ganzen Tag kaum blicken lassen, nur ein paar matte Strahlen waren ab und zu durch den Dunst gebrochen. Tanja war müde und froh, dass dieser Tag, an dem auch gar nichts geklappt hatte, endlich zu Ende ging. Die Arbeit mit Ben, dem jungen Pferd, das ihr zum Training anvertraut worden war, hatte sie heute Nachmittag viel Mühe gekostet. Er war nervös und unkonzentriert gewesen; hatte sich ihre eigene innere Unruhe auf ihn übertragen? Als er endlich fertig gestriegelt in seiner Box stand, war sie zu spät dran gewesen, um die Mädchen rechtzeitig von der Schule abzuholen.

Und nun die Angst vor dem unvermeidlichen Streit mit Pesche. Sicher hatte er an diesem Morgen die Scheidungspapiere vom Anwalt per Einschreiben bekommen, unterzeichnen müssen, und allein deshalb würde er sich geärgert haben. Übliche Folge: Er würde sich betrinken. Ob er seinen Zorn im Zaum halten konnte, wusste sie nicht. Und wenn nicht? Dann würde er sie wohl hier oben aufsuchen, herumbrüllen, ihr die Schuld geben an seiner Misere, etwas zerstören, wie neulich, als er die Ständerlampe an die Wand geknallt und die Kristallvase zerschlagen hatte. Nichts wäre sicher vor seiner Wut. Und sie selbst? War sie sicher, dass er nicht handgreiflich werden würde? Wie damals, als sie ihn vor die Wahl gestellt hatte:

„Die Sauferei oder ich, auf eines musst du verzichten.“

„Ich werde dich nie gehen lassen, verlass dich drauf. Töten, ja, dazu könnte es kommen, falls du davonlaufen willst. Darauf, und nur darauf, kannst du dich verlassen“, hatte er geschrien und sie zu Boden gestoßen.

Diese voller Hass hingeworfenen Worte blieben in ihrer Seele stecken und schmerzten wie ein Seeigelstachel in der Fußsohle. Töten würde er sie nicht, da war sie sich sicher. Er besoff sich normalerweise im Wirtshaus und war dann zu Hause unflätig, eklig und gemein. Aber er war kein Säufer von der brutalen Sorte.

Sie schlich sich nochmals leise in das Kinderzimmer, um die Mädchen zu küssen und zuzudecken. Dann schloss sie alle Fenster, ließ den Schlüssel von innen in der Haustür stecken und ging ins Bett.

Bereits im Halbschlaf glaubte sie ein Motorengeräusch zu hören. Ein Auto fuhr die Bergstraße hoch und kam näher. Sie öffnete die Augen und hielt den Atem an. Der Wagen bog jedoch nicht in ihre Seitenstraße ein und hielt auch nicht auf ihrem Kiesparkplatz. Tanja tadelte sich selbst für ihre Panik und drehte sich auf die andere Seite. Doch kaum hatte sie ihre Augen geschlossen, fuhr sie hoch, erschreckt durch das Klirren von zerbrochenem Glas.

1.

Beschwingt springe ich bei der Tempelanlage von Delphi vom Trittbrett des klimatisierten Reisebusses in die mittägliche Hitze; nicht die kleinste Brise weht, über dem Asphalt flimmert die Luft. Mein Herz jubelt: Sonne! Monatelang habe ich im langen Schweizer Winter die ersten warmen Tage herbeigesehnt, und während zu Hause erst gestern die Eisheiligen begonnen haben, genieße ich die griechische Wärme mit jeder Pore.

Die Mitreisenden schwärmen die Treppen hinauf zum Tempel, nur eine französische Familie bleibt stehen, die Mutter schmiert ihre drei Kinder noch rasch mit Sonnenmilch ein; hinter ihrem Rücken stopft der Älteste seinen weißen Matrosenhut mit einem entschiedenen „Non!“ in Vaters Kameratasche.

Ich nehme den schmalen Ziegenpfad entlang der Natursteinmauer, um den ersten Tag Ferienfreiheit in Ruhe zu genießen. Rundherum karge Wiesen, auf denen sich Olivenbäume mit ihren silbrigen Blättern Luft zufächeln; zu meinen Füßen tischt der Rosmarin seine Duftdecke auf, weiße Margeriten und grell roter Mohn leuchten in dem klaren südlichen Licht.

In der Ferne liegt Athen. Unter der Dunstglocke lässt sich der Tempel der Athena auf der Akropolis nur erahnen, am Horizont verschmilzt das Azur des Mittelmeeres mit dem Kobalt des Himmels. Ich bin glücklich.

Danke, Regina, für dieses Glück. Immer wieder hast du, liebe Freundin, mich angefleht, dich während deiner Ferien auf der Insel Antiparos zu besuchen. „Wir beide brauchen Abstand, Tanja“, hast du mich gedrängt. Oder: „Reiß dich zusammen – reiß‘ aus!“ Nun habe ich mir beim Gedanken an meine Sorgen schon wieder den Seelenfrieden verdorben, auch das muss ein Ende haben.

Der schmale Pfad führt mich um die Tempelanlage herum zum Seiteneingang, die letzte Steigung ist steil und in der Hitze beschwerlich. Ich lächle beim Gedanken daran, dass das Orakel vielleicht auch für mich einen Fingerzeig hat. Hier die letzte Biegung, eine Treppe, und schon stehe ich auf dem jahrtausendealten Marmorboden des Heiligtums und ziehe die Sandalen aus, um die Wärme des ausgetretenen Steins zu spüren. Barfuß zu gehen hat etwas Reines, es erinnert an die Wanderungen von Jesus Christus. Das passt zu meiner Stimmung, zu meiner Hingabe an diese heilige Stätte, an die antiken Legenden mit ihren Lehren, es gibt mir Hoffnung.

Marmorboden, Marmorsäulen, Marmormauern! Die Elemente haben durch die Jahrhunderte hinweg eine gelbe Patina hinterlassen. Dieser Marmor ist nicht wie ein frisch geschnittener und geschliffener weiß. Ich nehme einen Stein und kratze daran. Eine kreideweiße Oberfläche kommt zum Vorschein und ich kann mir vorstellen, dass der heutige Tempel nur ein Abglanz des ehemaligen Heiligtums ist. Entzückt stelle ich mir Wände, Säulen und Böden in diesem leuchtenden Weiß vor. Wie haben die alten Griechen mit ihren einfachen Mitteln ein solches Wunderwerk geschaffen? Jedes Stück und jede Platte wurde von Hand bearbeitet. Ob sie das voller Hingabe an ihre Götter vollbracht haben? Oder vielleicht in Sklaverei? Doch daran mag ich jetzt in meiner frohen Stimmung nicht denken.

Leise Radiomusik erklingt von den nahen Zypressen. Ich gehe näher und sehe im Schatten der Bäume ein Pärchen, eng umschlungen. Die beiden sind in die Musik und ihre Umarmung versunken, ihre Liebkosungen bringen in mir die Saite der Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit zum Schwingen. Der Gedanke, dass diesen zwei ihre Wünsche bereits erfüllt wurden, bringt mich zum Schmunzeln und macht mich zuversichtlich. Natürlich völlig grundlos, heutzutage glaubt man nicht mehr an göttliche Offenbarungen. Oder vielleicht doch? Was sonst bedeuten denn all die Horoskope, Tarot-Karten und Wahrsagereien? Behutsam setze ich meine nackten Füße auf den warmen Marmor, um spitze Steine, Glasscherben und Disteln zu meiden, und suche das Orakel.

Touristen schlendern herum, knipsen: „Karli, dorthin, nein, neben die breite Säule, lächeln“, oder „den Kopf bitte ein bisschen schief, sonst krieg ich das Relief nicht drauf. Jetzt verdeckst du die Aussicht, ein bisschen nach links, ruhig jetzt, nicht bewegen!“ So nehmen sie alles Sehenswerte als Beweis ihrer kulturellen Interessen mit heim. Sie halten nicht inne, um die Atmosphäre der heiligen Stätte zu erfühlen, sie hasten durch – knips, knips, knips –, so reicht es vielleicht heute noch für ein anderes Heiligtum. Sich vorzustellen, wie hell der Marmor gewesen sein muss, wie die Pracht der Tempel von den heutigen Ruinen nur symbolisiert wird, dazu reicht die Phantasie nicht.

Dort, eine Tor-Ruine: zwei Säulen und ein Marmorbalken darüber. Ich trete näher und kann eine Inschrift erkennen. Ein Orakelspruch? „Erkenne dich selbst“,steht da in Stein gemeißelt. Ist das die erhoffte Botschaft des Schicksals? Ich spreche laut: „Erkenne dich selbst!“ Mich selbst erkennen? Ich kenne mich doch, was für eine komische Idee! Warum konnten sie sich für eine heilige Stätte nicht wenigstens etwas Spirituelles einfallen lassen? An mir selbst herum zu studieren kommt mir gar zu egoistisch vor, und doch hat der Spruch Anziehungskraft und macht mich nachdenklich.

Ich schlängle mich durch die Säulen und finde schließlich die Stufen, die laut Reiseführer früher hinunter zum Orakel geführt haben. Scherben und anderer Unrat wurden vom Meltemi, dem Schönwetterwind der Sommermonate, in das Treppenloch getragen; eilig ziehe ich meine Sandalen wieder an.

Früher wurden von hier unten die Schicksale der alten Griechen gelenkt. Es ist erfrischend kühl und feucht, ich setze mich vor der Absperrung in eine Mauernische. Laut Legende saß Pythia dort unten über einer Felsspalte auf ihrem Dreibein und wurde durch die von der Erde ausströmenden Gase in Trance versetzt. Wir würden heute sagen: sie war high. Die Bittsteller mussten eine Opfergabe bringen, also sozusagen eine Vorauszahlung leisten, dann duften sie ihre Probleme schriftlich darlegen. Die Offenbarung der Antwort wurde in rätselhaften, gereimten Versen vorgetragen, wodurch sie von den Ratsuchenden selbst interpretiert werden mussten. Es waren Denkanstöße, die eine neue Perspektive vermitteln sollten.

Was wäre meine Frage? Und was würde Pythia mir raten? Es ist schwierig, alles in einer einzigen Frage zu formulieren. Ich schließe die Augen wie im Gebet und wünsche mir die Gabe, den nächsten Schritt auf meinem neuen Pfad zu finden; die Fähigkeit, mich selbst im wilden Gestrüpp meines Lebens zurechtzufinden. Mich selbst zu erkennen? Das Ich, das ich als junges Mädchen werden wollte, gibt es nicht. Wie ein Stück Treibholz bin ich herumgewirbelt und mitgezogen worden, nur darauf bedacht, es allen Recht zu machen: Meinen Eltern, Pesche, Oma Martha. Habe ich je etwas Wichtiges zu meinem Wohl beschlossen? Nein. Ich habe den Mund nicht aufgemacht. Habe ich mich je gewehrt? Auch nicht. Irgendwie bin ich das artige, autoritätsgläubige kleine Mädchen geblieben.

Was ist aus meinen Jugendträumen vom Auswandern und einem Leben unter Palmen am Meer geworden? In meiner Jungmädchenfantasie bin ich mit meiner Freundin Regina über lange weiße Strände galoppiert, fühlte, wie mein Pferd im tiefen Sand hart arbeiten musste, um vorwärts zu kommen, hatte den Geruch des schweißtriefenden Felles in der Nase und im Herzen ein Freiheitsgefühl zum Jauchzen! Am Ende des Strandes habe ich mir einen tropischen Wald vorgestellt, eine Quelle, einen Bach mit kühlem Wasser. Verschwitzt und glücklich sind wir abgestiegen, haben die Sättel abgenommen und mit den Pferden aus der kühlen Quelle getrunken. Bis in jedes Detail habe ich den Traum ausgeschmückt, hörte das Schnauben der Pferde, fühlte die kühle Wiese, wo wir uns im Schatten der Bananenstauden ausruhten, habe auf das Meer geblickt – das Symbol für meine unendlichen Möglichkeiten.

Manchmal bin ich in diesen Träumen meinem Märchenprinzen begegnet, einem Jungen mit schwarzem Haar - Liebe auf den ersten Blick. Er nahm mich in seine Arme, um mich mein ganzes Leben lang zu lieben. Natürlich wusste ich, dass diese blühenden Fantasien nicht Wirklichkeit werden. Doch ich habe damals erwartet, dass sich wenigstens einzelne Teile davon in meinem Leben wiederfinden würden. Das Leben am Meer oder die Arbeit mit Pferden, vielleicht eine große Liebe.

Warum habe ich mich nicht gewehrt, als Vater gegen eine Lehre als Bereiterin entschieden hat? Warum bin ich nicht für mein Talent im Umgang mit Pferden eingestanden? Mein Trainer Johann hat an meine Begabung geglaubt, nicht aber meine Familie. Sie konnten meine Liebe zu den Pferden nicht verstehen, nicht das Glücksgefühl erahnen, wenn zwischen Grane und mir vollkommene Harmonie herrschte, wenn er die Übungen nach vielen Wiederholungen verstanden und auf mein Lob hin gewiehert hat. Mama hat nicht geglaubt, dass er vor Freude wieherte, wenn uns etwas gelang. Ich konnte ihr die Zweifel nicht ausreden, wollte es ihr beweisen, aber dafür hatte sie keine Zeit. Und wohl auch kein Interesse.

Meine Eltern hatten die altmodische Idee, dass Mädchen nicht reiten sollten; mein Vater hat gesagt: „Mädchen sollten die Beine nicht spreizen.“ So ein veralteter Blödsinn. So kam es, dass einzig Onkel Peter mich verstanden hat. Ihm hatte ich meine Reitstunden zu verdanken, er kam für all die Kosten auf, damit ich an den Dressurprüfungen teilnehmen konnte, er fühlte mit mir, begleitete mich und teilte meine Freude. Er ist der jüngere Vetter meines Vaters, meine Eltern vertrauten ihm und waren froh, dass er sich um mich kümmerte. Von seinen wahren Motiven haben sie nie etwas geahnt. Dann kam die Mussheirat, mit der ich die Familienehre retten sollte, und aus waren die Träume.

Nun existiert die Tanja, die ich werden wollte, nicht mehr. Ich habe das Gefühl, eine Marionette zu sein, die an irgendwelchen Fäden hängt und von irgendwoher bewegt wird – zu keiner eigenständigen Bewegung fähig. Das seltsam verkrüppelte Ich, das ich geworden bin, sitzt da und hadert mit dem Schicksal.

„Muuutiii, ich will eine Cola“, kreischt ein kleines Mädchen hinter mir. Erschreckt sehe ich, wie die Mutter die Kleine am Arm hochreißt und ebenso lauthals zurückschreit. Meine meditative Stimmung ist verflogen, verwirrt entfliehe ich dem Geschrei.

Der Weg hinunter zum Bus ist viel steiniger und steiler als der Aufstieg auf dem Ziegenpfad. Nach einer Biegung sehe ich unten im Dorf das Gewimmel von Touristen, höre Dudelsackgejammer, Sirtaki und Lachen, doch danach ist mir im Moment überhaupt nicht zumute. Ich will diesen unbeschwert Lustigen nicht begegnen, nicht sprechen, kein Geplapper erdulden und flüchte mich vor dem Lärm in den Olivenhain. Ich will nachdenken und setze mich auf einen flachen Stein vor der warmen Natursteinmauer. Da, mitten im sandigen Staub liegt ein Kiesel, mit etwas Fantasie kann ich eine Herzform ausmachen. Ich kratze daran, unter dem Dreck kommt schneeweißer Marmor zum Vorschein. Ein Talisman!

Ein Schatten fällt vor mir aufs Gras. Schon wieder diese Touristen. Nicht hinschauen! Doch da erklingt ein Räuspern:

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Männlich, spricht deutsch mit amerikanischem Akzent. Auch das noch!

„You are welcome“, erwidere ich mürrisch. „Haben Sie das Orakel gefunden?“

„Ich bin das Orakel“, entgegnet eine tief aus dem Bauchraum kommende Stimme. „Was ist Ihre Frage?“

Interessant. Nun muss ich doch hinschauen: Eine Lichtgestalt! Eine heiße Welle durchflutet mich, mein Herz tanzt Cha-Cha-Cha. Er steht zwischen mir und der untergehenden Sonne, die eine helle Aura um seine Figur bildet; das weiße Hirtenhemd hängt lose über der schwarzen Jeans, passt zum schwarzen Wuschelhaar und zu seiner jungenhaft hoch aufgeschossenen Erscheinung. Doch kein Tourist? Nun schenkt er mir ein Lächeln; ein Lächeln, so unwiderstehlich, dass ich erschrocken wegschauen muss.

Meine Frage will er wissen – ich gehe auf das Spiel ein:

„Was muss ich tun, um mich wieder frei zu fühlen, frei wie damals, als ich als kleines Mädchen durch die Wiesen gehüpft bin und mit dem Zittergras gesprochen habe?“

Wieder diese tiefe Stimme: „Erkenne dich selbst!“

„Abgucken gilt nicht!“, entgegne ich lachend. „Das hat bereits das Orakel gesagt, und außerdem steht es auf dem Torbogen geschrieben.“

Er streckt mir die Hand hin und zieht mich hoch. Gefällt mir, ein Gentleman in einem griechischen Tempel, das könnte glatt eine Romanfigur sein. Ich möchte jung sein und mich auf seinen Charme einlassen.

„Ich bin Iannis“, stellt er sich vor und hält mir die Hand entgegen. Sein Griff ist warm und fest.

„Ich bin Tanja.“ Galant, der Bursche. Ich schaue auf, direkt in seine schwarzen Augen. Unsere Blicke verfangen sich ineinander, mir wird mulmig. Er will etwas sagen, zögert, starrt, errötet. Ist er auch aus dem Konzept geraten?

Ich fange mich: „Ich muss mich beeilen, um den Bus in die Stadt nicht zu verpassen.“

„Dein Lächeln ist bezaubernd, darf ich dich begleiten?“ Wieder diese Galanterie, so spricht man doch heute nicht mehr.

Die Sonne ist hinter dem Weinberg verschwunden und das Dämmerlicht hüllt den Hain in Blau. Wie selbstverständlich läuft er neben mir den Weg entlang, hinunter zur Haltestelle. Ich spüre seine Blicke, er geht dicht an meiner Seite und sieht auf mich herunter. Ab und zu streift er wie zufällig meine Schulter oder meinen Arm. Aber das ist nicht zufällig. Wir sind wie zwei Magnete, die Anziehungskraft wirkt so körperlich, als müssten wir uns umarmen.

Im Dorf haben die Marktleute die verbleibende Ware zusammengepackt und sitzen mit den Dudelsackpfeifern, die ihre Münzen zählen, in der Taverne; etwas abseits spielen einheimische Männer Tavoli, aus der Küche hört man Rufe und Geklapper. Oh, wie der Lammbraten mit Rosmarin duftet! Der Abendwind streicht wohltuend über die heiße Haut und verweht die Hitze des schwülen Tages. Iannis legt seine Hand leicht auf meine Schulter und steigt mit mir in den Reisebus.

Hinter uns erklimmt das verliebte Pärchen mit dem Kofferradio die hohen Tritte, ihnen folgt der Wächter, der tagsüber die Stätte des Orakels bewacht. Die Türen schließen sich, der Bus fährt an. Schweigend schaue ich aus dem Fenster, glaube aber zu spüren, wie Iannis mich betrachtet.

„Du bist wunderschön“, unterbricht er schließlich die Stille. „Dein Profil erinnert mich an eine Büste im Nationalmuseum in Athen. Die schwarz umrandeten Augen, das angedeutete Lächeln, die stolze Haltung, zum …“ Er stockt.

Was wollte er sagen? Zum Verlieben? Zum Verknallen? Zum Fressen? Sein Vergleich ist ein bisschen linkisch, wahrscheinlich hat auch er einen Knoten in der Magengrube. Ich möchte antworten, aber wie? Mir ist, als müsste ich die absolut richtigen Worte finden, als wäre ihre Wahl von riesiger Bedeutung. Aber ich nicke nur stumm und versuche, mich in die Landschaft zu vertiefen. Es ist schwierig, mich auf die Gegend zu konzentrieren, während Iannis mich fasziniert mustert, als könnte er den Blick nicht von mir lassen.

„Jetzt hab ich’s. Du siehst aus wie Isis, die Göttin der Weisheit und Weiblichkeit. Du hast dieselben gerade geschnittenen dunklen Haare, dieselben Stirnfransen, dieselbe Haltung.“

„Ist das nun ein Kompliment?“ Als Antwort lächelt er mich an. Wenn der Glanz in seinen Augen und die Bewunderung in seiner Stimme nicht lügen, schmeichelt er nicht nur.

Er fügt hinzu: „Isis war auch eine mächtige Zauberin, ich muss mich wohl in Acht nehmen, was?“

Der Lautsprecher hustet, dann sprudeln griechische Sätze wie geölt über uns weg.

Noch ehe der Fahrer mit der englischen Übersetzung beginnen kann, sagt Iannis: „Stau vor Athen, wir werden mit Verspätung ankommen.“ Er berührt meine Hand und schmunzelt: „Mir soll’s Recht sein.“

Prüfend schaue ich in seine Augen: „Bist du nun Amerikaner oder Grieche?“

Ein jungenhaftes Grinsen macht sich auf seinem Gesicht breit: „Kannst wählen.“

„Wie meinst du das?“ Ich mache wohl ein ziemlich dummes Gesicht, er lacht laut heraus.

„Ich bin Amerikaner und Grieche: Auf Thira geboren, der Insel, die die Touristen Santorin nennen; aber als ich acht Jahre alt war, hat mein Vater die ganze Familie nach Kalifornien verpflanzt. Das war vielleicht ein Schock!“

„Kalifornien ein Schock? Warum denn?“

„Zu Hause war unsere Familie riesengroß. Ich fühlte mich mit allen verwandt, sie durften nur nicht Panayotis heißen.“

„Und was haben die verbrochen?“

„Meine Großtante hat einen Panayotis geheiratet, der nicht griechisch-orthodox ist, nicht zur Kirche geht und seine Kinder nicht hat taufen lassen. Wie sehr sich meine Großtante auch bemüht hat, die Familie hat den beiden nie verziehen; alle Panayotis sind immer noch unsere Feinde, sozusagen von Geburt an, und werden es wohl immer noch sein, wenn längst niemand mehr weiß, warum. Auf dieser Reise habe ich nun erfahren, dass man munkelt, es sei Spiro Panayotis gewesen, der meinen Vater beim Militärputsch 1967 denunziert hat, und dass wir seinetwegen ins Exil fliehen mussten.“

„Was für ein Drama, wie im Film“, staune ich und Iannis fährt fort:

„Vater spricht nicht darüber, ich weiß immer noch nicht genau, was damals abgelaufen ist, bevor die Junta an die Macht kam. Jedenfalls hatten wir das Glück, dass Theologos, der Bruder meiner Mutter, uns bei sich in Kalifornien aufgenommen hat. Seither arbeiten meine Eltern bei ihnen in Sausalito, in ihrem griechischen Restaurant. Wir hatten Glück im Unglück, doch das wusste ich damals nicht, ich war todunglücklich ohne meine Freunde, in einer Schule, in der nur Englisch gesprochen wurde.“

„Ach so, armer Kerl“, entfährt mir traurig, „ich kann es dir nachfühlen, hatte auch Schwierigkeiten, unseren Umzug in die Stadt zu verkraften.“

„Nun aber zu deinem Akzent“, wechselt Iannis das Thema. „Schweizerin, richtig?“

„Schweiz, Kanton Bern, Stadt Biel“, antworte ich unbehaglich. Verheiratet, zwei Kinder‚ wäre wohl die korrekte Fortsetzung, aber die lasse ich aus; der Flirt dauert ja doch nur bis zur Haltestelle am Sintagma Platz.

„Ist das alles, Geheimnisvolle?“

„Ist die Mimose enttäuscht? Ich möchte im Moment alles andere hinter mir lassen, bin in den Ferien, verstehst du?“

„Könnte ich den Rest bei einem hübschen Abendessen herausfinden?“

Meine Gedanken rasen, das geht über das bisherige Geplänkel hinaus. Ich möchte „Ja“ sagen, aber ich bin doch nicht „so Eine“, und doch: Ich bin im Urlaub, möchte mich amüsieren, vom Alltag lösen, Neues erleben. Das Gewissen regt sich, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Habe ich mir nicht gerade gestern eine solche Einladung von ganzem Herzen gewünscht?

Ich wohne im Hotel King George und habe mir gestern Nachmittag, nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte, die übrigen Hotelräumlichkeiten angesehen.

Mit dem Aufzug bin ich bis zum Dachrestaurant, der Tudor Hall, vorgedrungen. Diese Eleganz! Am liebsten hätte ich gleich Platz genommen, doch ist das wirklich nicht der Ort, an den sich eine Frau allein hinsetzt; es wäre schmerzlich, so etwas alleine genießen zu müssen. Traurig, aber auch ein bisschen eifersüchtig, habe ich die Pärchen an den Tischen auf der Terrasse gemustert – ihr Lachen, tiefe Blicke, Beine, die sich unter den Tischen liebkosen, Hände, die sich zärtlich streicheln. Die Paare haben meine Sehnsucht angefacht, ich fühlte mich inmitten der Pracht allein und verlassen. Und nun drängt sich die ersehnte Gelegenheit eines tête-à-tête auf! Oder ist es Vorspiegelung falscher Tatsachen, wenn ich mich zu einem Dinner einladen lasse? Erwartet der Mann neben mir einen Ferienflirt? Oder sogar mehr? Ach was, ich weiß ja nicht einmal, ob er nicht auch verheiratet ist, und ein Ferienflirt ist noch lange keine Affäre.

Da fügt Iannis mit zärtlichem Blick hinzu: „Bitte“, und erobert den Augenblick.

„Du hast mich eben überredet“, sage ich zu meiner eigenen Überraschung. Sein Mund steht einen Moment offen, eine Umarmung liegt in der Luft; nur das könnte die plötzliche Spannung richtig lösen.

Ich muss etwas sagen, bevor wir uns in den Armen liegen und wage den Vorschlag:

„In meinem Hotel gibt es ein Dachrestaurant. Wenn du mir nach unserer Ankunft auf dem Sintagma Platz zwanzig Minuten Zeit für eine Dusche gibst, können wir uns dort treffen.“

Der Reisestaub ist abgespült, wohlig frisch und sauber steige ich aus der Dusche und wickle mich in das flauschige Frottiertuch mit dem vornehmen Kronenwappen vom King George. Zu Hause will ich mir unbedingt auch luxuriösere Wäsche leisten, um mich dort genauso zu verwöhnen. Das Badezimmer ist schneeweiß wie ein Wintergletscher gefliest und auf Augenhöhe mit gelben Kronen verziert. Hier tragen sogar die Porzellanknöpfe für warmes und kaltes Wasser das Kronenemblem. Heute bin ich selbst die Königin. Der Spiegel ist angelaufen, ich nehme meine Konturen nur schemenhaft wahr und öffne die Tür. Langsam schärft sich mein Spiegelbild: Die Frau, die ich heute erblicke, gefällt mir schon viel besser als die von gestern. Die hellenische Sonne hat meine Winterblässe vertrieben, das bisschen Farbe passt zu meinem „Isis Look“, wie Iannis meine Aufmachung auf der Busfahrt betitelt hat. Wie erfrischend das Kompliment gewirkt hat! Es bringt mich immer noch zum Lächeln. Warum kann es nicht immer so sein? Habe ich im Alltagstrott vergessen, dass ich erst dreißig bin? Wie ist es so weit gekommen, dass ich wie eine Schlafwandlerin dahintreibe? Jung zu sein sollte Energie, Abenteuer, Lachen, Freunde, Tanz bedeuten. Stattdessen nur Pflicht und Monotonie: Tagsüber setze ich ein Lächeln für die Kundschaft auf und am Abend bin ich viel zu müde, um auch nur ans Ausgehen zu denken. Das Muttersein hat mich über Wasser gehalten, meine beiden Mädchen sind meine ganze Freude, ihretwegen lohnt es sich zu leben. Ansonsten ist mein Gefühlsleben in den letzten Jahren abgeflacht wie die Lebenslinie eines Todkranken auf einem Krankenhaus-Monitor.

Aber jetzt, allein in Athen, will ich meine Freiheit genießen. Willkommen, neu erwachte Lebensgeister! Die Feuchtigkeitscreme kühlt meine Haut, an den Armen und im Ausschnitt habe ich wohl ein bisschen zu viel Sonne erwischt. Kommt es drauf an, was für Dessous ich trage? Dürfen es die hautfarbenen aus Seide sein? Versteckt unter dem Kleid gibt es nur einen Grund, heute so etwas zu tragen: Wenn mich der seidige Hauch bei jeder Bewegung umschmeichelt, kriege ich ein Gefühl von Noblesse. Genau das will ich heute Abend in der Tudor Hall verspüren. Das Hemdchen streift mein Gesicht und bleibt hängen, Arme und Hände über meinem Kopf gefesselt wie Flügel. Ich summe „Sigah, sigah“, meine griechische Lieblingsmelodie, und tanze vor Lebenslust wie ein Teenager. In meinem Herzen, meiner Seele oder wo auch immer herrscht ein Gemisch von freudiger Erregung, aber auch ein Zaudern. Die ungewohnte Situation und die Erwartung erfüllen mich gleichzeitig, mein Herz läuft auf Hochtouren. Es ist wie ein Traum, dass ich noch so eine Freude empfinden kann.

Gott sei Dank habe ich mein Sommerkleid gestern noch zum Glätten der Kofferfalten aufgehängt, nun sieht es ganz passabel aus. Hier, das kurze Weiße könnte passen. Nicht zu aufgeputzt, nicht zu touristenhaft nonchalant, mein Herz macht wieder Sprünge. Husch, über das Seidige gestreift, es sitzt ausgezeichnet. Noch ein bisschen Glow auf den Ausschnitt pinseln, ein unauffälliger Blickfang. Mein Lieblingsparfum habe ich erst gestern auf dem Flughafen im Duty Free Shop gekauft. Sachte einen Tupfer Orangenblütenduft hinter die Ohren, ein bisschen an jedes Handgelenk für den Fall eines galanten Handkusses, einen Stäuber aufs Haar, es ist, als hätte mich die Vorsehung für mein Rendezvous vorbereitet: Gestern habe ich bei einem Schumacher in der Plaka auch die kleine, handgefertigte rote Handtasche gefunden und die roten Sandalen. Langsam wickle ich sie aus dem Seidenpapier und streichle mit den Fingern über den glänzend roten Lack. Oh, der Duft von neuem Leder! Die Absätze sind hoch, ich schummle mich gerne ein paar Zentimeter größer. Rasch versuche ich, ein paar Schritte zu gehen. Doch, kein Problem, sogar tanzen könnte ich darin!

Ich setze mich an den Frisiertisch. Wie nobel, ein Frisiertisch im Zimmer! Noch ein bisschen Kohlestift an die Lidränder, das lässt meine Augen mandelförmiger erscheinen. Das Makeup ist im Töpfchen eingetrocknet, ich habe mich zu Hause schon ewig lange nicht mehr geschminkt. Wozu auch? Welchen Lippenstift? „Rote Lippen soll man küssen …“ Schmunzelnd trällere ich den Oldie. Ach, nun denke ich schon wieder sündig! Und wähle ein zartes Rosa.

Plötzlich sitzt wieder ein Klumpen in meiner Magengegend – mein innerer Moralapostel meldet sich. Es ist das erste Mal, dass ich mich von einem fremden Mann einladen lasse. Ist das verrucht? Ein Wagnis? Verrückt? Vielleicht schon. Aber er sieht so hinreißend gut aus, ist spontan, höflich, jung wie ich, da kann ich doch gar nicht anders. Ist ja bloß ein Flirt. Ich bin einfach viel zu verheiratet! Morgen reise ich weiter, dann ist alles vorbei und ich um eine schöne, süße Erfahrung reicher. Rein technisch unschuldig. Oder belüge ich mich? Mit Sicherheit wird vom heutigen Abend zu Hause nie jemand erfahren, er wird mein Geheimnis bleiben. Blödes Gewissen! Dummes Zeug, ich bin doch nicht so altmodisch, dass ich das nicht schaffe! Wenn ich doch bloß die Spielregeln kennen würde, eine Formel, nach der „Flirten“ gespielt wird. Ob ich ihm überhaupt sagen muss, dass ich verheiratet bin? Ich würde stottern. Das kommt bei mir nicht oft vor, außer vielleicht jetzt, da ich ihm so sehr gefallen möchte. Was wird nach dem Abendessen? Vielleicht noch ein Spaziergang? Uff, mit meinen Hochhackigen! Aber ich werde auf keinen Fall zulassen, dass wir auch die Nacht zusammen verbringen. Das würde eindeutig zu weit gehen, auch wenn ich mir einen romantischen Abend noch so sehr gewünscht habe. Vielleicht so sehr, dass ich ihn herbeigezaubert habe? Meine Freundin Regina sagt immer: „Du musst nur ernsthaft aus dem Bauch heraus bestellen und das Universum wird für dich kreieren.“ Oft hatte sie damit Recht – nur habe ich bisher eher aus Angst bestellt. Immer habe ich bestellt, was alles nicht passieren soll. Bitte, bitte, liebes Universum! Nie habe ich egoistisch bestellt, ganz allein für mich. Erhöre meinen Wunsch, einmal etwas nur für mich. Einfach nur für mich. Lass mich diesen Abend genießen, süß und unschuldig wie im Märchen.

2

„Tanja!“ Iannis hat mich erspäht und kommt aus der Hotelbar auf mich zu. „Du siehst ja noch schöner aus, Strahlefrau!“ Am liebsten würde ich mich in seine offenen Arme stürzen, aber dazu ist es einfach zu früh.

„Da bist du ja, Yankee! Oder nein, heute möchte ich lieber mit einem Einheimischen dinieren“, scherze ich.

Iannis legt seine Hand leicht auf meine Schulter und lenkt mich zum Aufzug: „Heute kriegst du beides, zufrieden?“ Wir steigen in den alten Aufzug, der noch aus den Dreißigerjahren stammt. Er wackelt uns die fünf Stockwerke hoch zum Vorraum der Tudor Hall. Hier ist die Atmosphäre anders als gestern, romantisches Kerzenlicht hat sich zur nachmittäglichen Eleganz gesellt, hinzu kommt eine herrliche Duftnote: Lavendel.

„Hello, kalispera“, begrüßt uns der Ober vertraulich und führt uns zum Restaurant.

„Oh …“, entfährt mir beim Eintritt und der Ober lächelt aufgeräumt, als er meine Überraschung bemerkt.

Der Raum ist in gedämpftes Licht getaucht, Kerzen spiegeln sich in poliertem Silber, in Gläsern und Spiegeln. Stimmen vereinen sich zu einem allgemeinen Raunen, hie und da von einem Lachen aufgeheitert; darüber hinweg schwebt aus der Ecke neben dem Kamin dezente Klaviermusik.

Die Köpfe drehen sich zu uns Nouveaux arrivants, ich fühle die Blicke just ein bisschen länger auf uns ruhen als üblich und bin mir bewusst, dass wir ein elegantes Paar abgeben. Der einzelne Herr dort begutachtet uns mit großen Augen – ob er auf jemanden wartet? Oder wurde er gar sitzen gelassen?

Die Tische sind sorgfältig gedeckt, mit weißen Tischtüchern und Blumengesteck. Ich kann nicht anders: Im Vorbeigehen streiche ich an einem leeren Tisch mit den Fingerspitzen über die pastellfarbenen Wicken, Iannis lächelt. Kellner in schwarz-weiß huschen diskret vorbei, der Pianist spielt wehmütig, sehnsüchtig, griechisch. Ich wiege mich innerlich im Takt und weiß, dass ich diesen Moment, diese Fülle, diese Melodie nie vergessen werde. Wie Aschenputtel bin ich in ein Märchen geraten.

Draußen, im Hintergrund der Dachterrasse, öffnet sich die Aussicht auf die hell beleuchtete Akropolis.

„Atemberaubend, Iannis, schau!“ Das gedämpfte Licht im Raum lässt den erleuchteten Tempel der Athena über den Dächern wie ein Märchenschloss erscheinen. Heute Abend fühle ich ein bisschen Verwandtschaft mit ihr, der Göttin der Weisheit, des Kampfes, der Siegerin.

Auch Iannis ist überrascht von der Pracht. Er legt seinen Arm wieder auf meine Schulter:

„Bezaubernd, dieser Kontrast zwischen der dämmrigen Beleuchtung hier drinnen und dem hellen Schein, in den die Akropolis gebadet ist.“

Wir folgen dem Ober zu unserem Tisch am Fenster und setzen uns einander gegenüber. Die Terrasse ist üppig bepflanzt und die angenehme Wärme des frühen Abends legt sich um uns wie ein besänftigender Mantel. Wenn ich zum erhellten Tempel schaue, fühle ich mich allein mit Iannis und dem Heiligtum, die Sorgen sind verflogen, es zählt nur er, jetzt und hier – könnte der Augenblick doch ewig dauern!

„Helloo, Tanja!“

Die Speisekarte wird vor meiner Nase hin und her gefächelt und weckt mich aus dem Staunen. Iannis spricht Griechisch mit dem Kellner, dabei wirkt er charmant und höflich. Die Gourmetkarte, die er mir in die Hand drückt, könnte auch auf Chinesisch sein. Ich verstehe kein Wort. Oh weh, schon weiß ich nicht mehr weiter.

„Sind auf deiner Karte auch keine Preise?“, flüstere ich verlegen.

„Die Preise fehlen nur auf der Karte für die Dame“, lächelt der Kellner.

Ich bin verloren. „Würdest du bitte für mich etwas typisch Griechisches bestellen?“ Iannis berät sich kurz mit dem Kellner und schaut dann gedankenverloren in die Flamme der Kerze. Entdecke ich Melancholie in seinen Augen? Hat auch er einen Kummer, den er nicht einfach zu Hause lassen kann? Oder vielleicht Frau und Kinder, die dort auf ihn warten? Schon sieht er mich wieder an, auffordernd und charmant:

„Wie war das gleich mit dem Mädchen, das durch Gras und Blumen hüpft? Das war doch beim Tempel deine Frage, oder? Erzähl mir von ihr, ich möchte dich kennenlernen!“

„Möchtest du wirklich die Geschichte meiner Kindheit hören?“ Die gebe ich lieber preis als meine heutige Situation.

Aufmerksam beugt sich Iannis zu mir: „Natürlich, ich möchte wissen, wer du bist und wieso du bist, wie du bist.“

„Jetzt gleich?“, frage ich lachend und er berührt sachte meine Hand. Ich werde zuversichtlicher und erinnere mich zögernd:

„Wahrscheinlich sehe ich das alles viel zu rosig durch den Abstand der Jahre. Aber heute kommt es mir so vor, als wäre ich in einem Märchenland aufgewachsen. Stell dir vor: Die Gräser hoch, überall bunte Blumen: Margeriten, Glockenblumen, Fingerhut, Klatschmohn … Ich war so ein kleiner Frosch, die Wiesenkräuter gingen mir bis zur Hüfte. Man vergisst ja die Steine unter den nackten Fußsohlen und die Bienenstiche. Am liebsten habe ich mitten im Gras gehockt, die Ameisen beobachtet und mir dabei Geschichten ausgedacht, was sie denken, wie sie leben, Ameisen, Zwerge, Elfen – alles real, alles Wirklichkeit für mich.“

Ich halte inne, der Kellner stellt Brot und Tsatsiki auf den Tisch, schenkt Iannis den Probierschluck ein und füllt auf sein Nicken hin unsere Weingläser. Ich tauche frisches Brot in die gewürzte Quark-Joghurtmischung, Iannis hebt sein Glas:

„Prost … Auf uns!“

„Auf diesen wunderbaren Abend“, erwidere ich. Auf uns hat er gesagt – gibt es ein uns? Ich schiebe den Brotkrumen in meinen Mund:

„Erfrischend!“

„Nicht ablenken lassen! Wie war das mit den Bienenstichen?“

„Ach ja, das! ‚Tanjala‘, sagte mein Vater zu mir, ‚die Bienen sind lieb, man darf ihnen nur nicht Angst machen. Du musst ganz sachte sein, dich langsam bewegen, nicht nach ihnen schlagen, wie viele Leute es tun. Dann müssen die Bienlein nicht stechen.“ Ich habe beobachtet, wie die Bienen eifrig von Blume zu Blume summten. Ab und zu setzte sich eine auf meinen Arm. Nicht atmen! Mucksmäuschenstill halten bis sie weiterfliegt! Ein kleiner Nervenkitzel war das schon, auch wenn ich Vater voll vertraut hab.“

„Tanjala, der Kosename gefällt mir. Darf ich dich auch so nennen?“ Ich nicke und er deutet mir, fortzufahren.

„Dann war da diese alte Tante, die hab ich gern gemocht, obwohl ihre Küsse nass waren und sie ziemlich aus dem Mund gerochen hat. Mein Gott, was die sich immer gefreut hat über meine Blumensträuße!“

„Wie lieb von dir.“

„Ja vielleicht … Ich bereite andern immer noch gerne eine Freude; aber ich weiß nicht …“, sage ich gedankenvoll und falte meine Serviette auseinander.

„Du bist plötzlich nachdenklich geworden. Was ist denn los?“

„Irgendwie frisst mich der Alltag manchmal auf, die ständigen Widrigkeiten … Plötzlich ist da nur noch Pflicht, Pflicht, Pflicht, und ich vergesse es, für andere etwas Schönes zu tun.“

„Heute hast du allerdings Erfolg, dieser Abend freut mich wahnsinnig.“

„Schmeichler!“

„Erzähle weiter, wie war es bei der Tante?“

„Wie gesagt: Ich durfte während des Kusses nicht einatmen und doch flog ihr mein Herz zu. Alte Frauen sind halt so. Ich konnte ihr Kauderwelsch nicht verstehen, denn ihre Lippen verschwanden, zahnlos wie sie war, in der dunklen Mundhöhle, wenn sie sprach oder lachte. Egal, wir verständigten uns auch ohne Worte und ich wusste, dass sie vor Freude an meinem Besuch so dahin gackerte. Mit ihren verkrümmten Händen fingerte sie in meinem Haar und streichelte meine Wangen, und wenn sie davon genug hatte, stand sie umständlich auf, strich ihren schwarzen Rock glatt, ergriff den Stock und wackelte zum Hühnerhof – mit mir im Schlepptau. Das war unser Ritual: Ich brachte Blumen, setzte mich zu ihr und ließ die Begrüßungszeremonie über mich ergehen, dann erhielt ich meine Trophäe: ein rohes Ei. Manchmal klebte noch Flaum daran, den steckte ich in die Schürzentasche und bewahrte ihn auf, um Papa in der Nase zu kitzeln. Ich musste mich mit einem erneuten Kuss bedanken, bäh, feuchtnass auf die Wange, nicht einatmen! Braves Kind!“

Iannis zwinkert: „Muss man alt, runzlig und einsam sein, um einen Kuss zu verdienen?“

„Gut riechen reicht“, lächle ich zurück.

Iannis schüttelt sich vor Lachen: „Damit kann ich dienen! Was für ein gutes Herz Tanjala hatte! Did you keep it?“

„Gute Frage, ich kann das nur hoffen. Vielleicht konnte ich es in mein Erwachsensein retten, so wie ich das Ei behutsam nach Hause getragen habe. Nicht durch die Wiese, ich trippelte auf dem Feldweg, ganz langsam und sachte, um nicht zu stolpern, nicht zu fallen. Zu Hause hat Mama das Ei gekocht, so dass es innen noch ganz weich war, dann habe ich meine Beute stolz und sorgfältig ausgelöffelt.“ Ich richte mich auf. „Das war meine Geschichte.“

Doch Iannis hat nicht genug: „Du ziehst mich mit hinein, in deine Kinderwelt, erzähl weiter, was gab es noch für bewegende Momente?“

„Bewegende Momente? Die gab es in Hülle und Fülle! Ich sehe den Brunnen vor unserem Haus vor mir, dahinter musste ich mich verstecken, wenn ein Leichenzug vorbeizog. Das Dorf hatte keine Kirche und keinen Friedhof. Also wurde der Sarg vom Haus des Toten bis hinunter ins Nachbardorf getragen, damit eine ordentliche Predigt und eine gebührende Beerdigung stattfinden konnten. Wir Kinder mussten totenstill sein, wenn sie vorbeizogen. Das war geisterhaft und ein bisschen beängstigend. Die Leute auf dem Feld hielten inne und beteten. Tja, während der Ernte gibt es für die Bauern eben keine freie Zeit. Ich kann die Liebe immer noch spüren, die Intimität, den Zusammenhalt der Leute, den die gemeinsame Trauer schafft. Auch ich gehörte zur Trauergemeinde. Ich kannte die Toten, die im Sarg von den Männern auf ihren Schultern getragen wurden. Ich sah sie bildlich vor mir, tot, im Nachthemd. Wir brauchten keine Fernsehkrimis, um das faszinierende Gruseln zu lernen.“

Iannis lacht: „Ich wollte eigentlich nach dem Paradies fragen, nach dem du dich sehnst!“

„Na ja, im weitesten Sinne hat der Leichenzug auch mit dem Paradies zu tun, oder? Das kleine Dorf, mein Paradies, ist einsam und abgelegen, keine Bahn und kein Bus haben uns mit der übrigen Zivilisation verbunden. Wir mussten drei Kilometer auf buckeligen Schotterstraßen auf uns nehmen, um die Oma im nächsten Ort zu besuchen oder am Bahnhof einen Zug zu besteigen. Für mich waren diese Ausflüge Freudentage, der Weg war die reinste Entdeckungsreise: Lotte, die schwarze Stute mit dem Füllen, trabte wiehernd zu mir an den Zaun, während ich umständlich das alte Stück Brot aus meiner Schürzentasche klaubte, das ich für sie gespart hatte. Ihre weichen Lippen berührten meine flach ausgestreckte Hand, wenn sie sachte das Brot nahm. Und wenn ich danach ihre Nüstern gestreichelt habe, dort, neben den Nasenlöchern, wo das Fell am zartesten ist, habe ich ihren Atem am Arm gefühlt. Am liebsten hätte ich ihr auch meine Wange hingehalten, aber das traute ich mich nicht. Wenn das Fohlen auf seinen staksig langen Beinen auch zu mir kommen wollte, wurde Lotte böse und drängte sich dazwischen. Damals begriff ich nicht, dass sie es nur beschützen wollte.“

„Das haben Mütter so an sich, sie beschützen! Bist du immer noch verliebt in Pferde? Muss ich eifersüchtig sein?“, sagt Iannis mit einem verschmitzten Lächeln.

Ich fühle mich ertappt und hebe mein Glas: „Auf die Pferde!“

„Und uns“, erwidert er.

„Na ja, es wäre schwierig, meine Liebe zu Grane, meinem Lieblingspferd, zu übertrumpfen!“ Iannis’ Augen werden schmal, ich wechsle das Thema.

„Wenn mein Vater dabei war, machten wir immer Halt beim alten Jakob, der hatte Kühe. Wenn wir den Stall betraten, mussten wir sagen: ‚Glück in den Stall‘, damit die Tiere gesund blieben. Und bei der großen Kurve lief ich immer weit voraus, um bei der Schneiderin Steiner anzuklopfen. Aber da musste ich schon sehr weit vorne sein, Mama hätte fürchterlich geschimpft, wenn sie gewusst hätte, dass ich anklopfte. Sie hat mir Äpfel, Birnen oder Kirschen gegeben, was immer auf ihrem Hof gerade reif war. Mama nannte Frau Steiner eine Klatschbase und sagte zu meinem Vater: „Sie passt mich im Garten ab, dann schwatzt sie auf mich ein! Ich weiß nicht, wie sie jedes Mal merkt, wann ich vorbeikomme.“ Ich halte einen Moment inne und muss grinsen. „Meiner Mutter ist es enorm wichtig, dass die Menschen ein gutes Bild von ihr haben. Dass ich so an ihrem Lack kratze, wäre ihr sicher nicht Recht. Du behältst es also besser für dich.“

„Ich schwöre! Natürlich bewahre ich deine Geheimnisse, so wie alles, was du mir anvertraust, Tanjala! Ich möchte gerne noch viel mehr über dich wissen. Das war also dein Paradies und diese Ausflüge deine Abenteuer. Möchtest du wieder dorthin zurück?“

„Eigentlich mehr: so möchte ich wieder sein. Es war nicht nur die Natur, weißt du, auch die Zugehörigkeit zu den Menschen, ja sogar zu den Tieren, das habe ich alles verloren, als wir in die Stadt gezogen sind.“ „Tanjala, ich verstehe dich absolut! Du warst verloren wie ich, als wir nach Kalifornien ausgewandert sind. Warum sind deine Eltern nicht geblieben? Wo’s doch so schön war?“

„In der Stadt schien alles einfacher. Mama hat vom Kino geschwärmt und vom Theater. Stell dir vor, wie meine Mama sich im Dorf mit dem Kinderwagen meiner Schwester abquälen musste, wenn sie ihn auf dem Heimweg die holprige Schotterstraße hinauf gestoßen hat! Sie hat geschwitzt, geschimpft, war am Ende ihrer Kräfte, während ich glücklich neben ihr her trällerte, Blumen pflückte und weiße Kieselsteine suchte. Für Mama war unser Umzug in die Stadt ein Segen, nur für mich fühlte er sich an wie die Austreibung aus dem Paradies.“

Abrupt halte ich inne. Stopp. Das ist, was ich für ihn sein möchte. Gerade so viel kann ich im Moment preisgeben. Meinen Kummer in der Großstadt und die Sorgen als Teenager möchte ich mir zwar am liebsten auch gleich von der Seele reden, aber ich will seinen Eindruck von mir nicht damit belasten.

Iannis nickt verständnisvoll: „Du hattest Glück, nicht jeder kann als Kind das Paradies so lange erleben – viele können sich gar nicht mehr an die Zeit erinnern, als die Welt gut und sie unschuldig waren.“

Das stimmt mich nachdenklich: „Glaubst du denn, dass so viele andere Menschen das, was ich meine Austreibung aus dem Paradies nenne, auch erlebt haben?“

Iannis holt tief Luft: „Wir sind mit Sicherheit alle mit einer unschuldig reinen Seele geboren, das war unser paradiesischer Zustand. Diese Seele stelle ich mir vor wie einen geschliffenen, lupenreinen Diamanten, einen Träger von Licht und Liebe. Wenn wir dann enttäuscht oder gekränkt werden, wenn wir verletzt werden oder Angst haben, lassen wir Schuppen über die Facetten des Diamanten wachsen, um uns zu schützen, damit wir in Zukunft weniger verletzlich sind – damit es nicht so wehtun kann. Die Psychologen nennen diese Schuppen ‚Ego‘. Je mehr Schuppen die Seele verdecken, desto weniger können wir Liebe und Intimität erleben, unser Diamant lässt kein Licht mehr herein und auch keines mehr hinaus. Kein Licht – keine Liebe. In der Bibel heißt es: ‚Werdet wie die Kinder‘. Ich bin sicher, damit ist gemeint, dass wir unsere Schuppen, unser Ego, abbauen sollen, um wieder den ursprünglichen paradiesischen Zustand zu erlangen, damit wir leuchten und lieben können.“

„Sokratischer Vortrag, Iannis.“ Er sieht mich schweigend an. „Du gibst mir zu denken. Gibt es Schuppensalbe? Aber nein, damit würde ich ja auch mein Verteidigungssystem vernichten und noch verletzlicher werden.“

Zwei Kellner balancieren elegant silberne Platten auf Kopfhöhe in unsere Richtung und stellen die heißen Gerichte auf unseren Beistelltisch. Gleichzeitig heben sie die Deckel und lassen die Dämpfe entweichen, die den Geruch von Lamm und Gewürzen zu uns tragen.

„Iannis, schau, Lammkotelett, golden gebraten und als Krone angerichtet – schon wieder das Emblem von König Georg!“

„Cool“, schmunzelt Iannis.

Wir lassen uns bedienen und verbeißen uns das Lachen, als die beiden ihren Service tatsächlich mit einem angedeuteten Bückling und „good Appetito“ abschließen. Die Lammkrone schmeckt ausgezeichnet, schweigend genießen wir die ersten Bissen. Dabei beschäftigt mich Iannis’ Theorie vom reinen Diamanten und wie wir, vermeintlich zu unserem Schutz, unsere Liebe und unser Licht verdecken.

Ich muss mehr wissen: „Iannis, der Seelendiamant fasziniert mich, erzähl weiter.“

„Wenn du deinen Seelendiamanten wiederfinden willst, musst du deine Schuppen suchen und selbst enthüllen, was sie verbergen, was du verdrängst oder gar verleugnest.“

Ich sehe den Zusammenhang: „Ist das gemeint mit ‚Erkenne dich selbst‘?“

„Gut gedacht, Tanjala, genauso ist es. Wenn du den Ursprung des eigenen Egos findest, bist du auf dem Weg zu Liebe, Licht und Freiheit.“

Wir sehen uns direkt in die Augen und mir scheint, dass er bis in meine geheimen Winkel schauen kann. Dort ist das Geheimnis, das mich seit meinem vierzehnten Lebensjahr bis in die Albträume verfolgt. Ich muss wegsehen. Daran mag ich nicht denken, davon will ich nicht sprechen und überhaupt kann das alles doch nichts mit meinem heutigen Kummer zu tun haben.

Ich seufze: „Natürlich möchte ich einen neuen Weg gehen, aber ich stecke in einer Sackgasse. Es scheint mir nicht möglich, meine Sorgen loszuwerden, indem ich nur mich selbst erkenne oder mein Innerstes enthülle. Da muss mehr geschehen …“

Iannis nickt verständnisvoll, doch dann meint er: „Die Lösung der Probleme erfolgt aus der neuen Perspektive, die uns die Selbsterkenntnis gibt. Aus dieser Perspektive kannst du einen neuen, dir bisher unbekannten Weg gehen, den Weg der Erkenntnis, dich finden, und wenn du willst, auch neu erfinden.“

Das ist mir nun doch zu viel: „Nun fantasierst du aber, ich bin ja nicht allein auf dieser Welt. Um mich neu zu erfinden, braucht es mehr als Einsicht. Da müsste ich gleich nochmal von vorne anfangen können, Zeitreise rückwärts, und schon wäre ich der Schöpfer meines Glücks.“ Habe ich zu viel Retsina getrunken?

„Tanjala, wie wäre es mit ein bisschen Vertrauen? Ich habe diese Zusammenhänge in vielen Workshops und Seminaren studiert. Auch Bücher, Therapien, Selbsthilfegruppen und New Age-Literatur zielen auf vielen verschiedenen Wegen in die gleiche Richtung wie das Orakel: zur Selbsterkenntnis. Erst nachdem wir uns selbst erkennen, können wir uns neu erfinden.“

„Na ja, ich will dir vertrauen, vielleicht ist es kein Zufall, dass wir uns heute begegnet sind. Ich habe mir Einsicht gewünscht, um ein Wunder gebetet, energetisch aus dem Bauch heraus bestellt, nun hat mir das Universum dich beschert.“

Iannis lacht: „Siehe da, Lektion eins hast du schon selbst gefunden. Wunder muss man erkennen, wenn sie vor einem stehen … Haha, ein Wunder … Ausgerechnet ich!“

Iannis horcht auf, der Pianist spielt den Tango „Oh these dark eyes“.

„Tanjala, das ist meine Lieblingsmelodie, komm …“ Er steht auf und verbeugt sich leicht. „Tanzen?“ Ich folge ihm zögernd.

Wir zwei ganz allein auf der Tanzfläche? Ich habe jahrelang nicht mehr getanzt, ich weiß nicht … Schon umfasst mich sein Arm, seine Hand führt mich sicher – vorwärts, rückwärts, innehalten, dann eine schwungvolle Drehung, ich fühle mich leicht wie eine Feder, lasse mich lenken, folge seinem Rhythmus. Das ist kein Schmusetango, wir legen einen tollen Tanz auf das Parkett. Einige Gäste klatschen bei den letzten Takten, rufen „Bravo“ und atemlos setzen wir uns lachend und trinken Wasser in gierigen Schlucken.

„Du bist Klasse, lässt dich führen wie eine …“

„Puppe?“

„Dummerchen, wie eine Ballerina wollte ich sagen. Wir müssen ‚tanzen‘ auf unsere To-do-Liste schreiben.“

Schade, wir können keine solche Liste machen. Für einen Moment komme ich ins Grübeln. „Iannis, du hast vorhin ins Schwarze getroffen. Mich neu erfinden, das will ich.“

„Na dann, begib dich auf den Weg zur Selbsterkenntnis. Weißt du, das muss man fest aus dem Bauch heraus wollen. Willst du?“

„Ja sicher! Eigentlich habe ich den Weg schon unbewusst beim Orakel angetreten und eben konnte ich die Wende richtig fühlen: Die Tanja auf der Tanzfläche war nicht die Tanja, die vorgestern ins Flugzeug gestiegen ist.“

„Siehst du? Mutig voran!“

„Trotzdem habe ich keine Ahnung, was ich nun tun muss, um meine Seele von den Schuppen zu heilen und mit Selbsterkenntnis meine Sorgen zu kurieren.“ Damit kann ich Pesche schließlich nicht zum Abstinenzler machen. Absurd. „Und doch ist bereits einiges geschehen.“

„Siehst du?“

„Erstes Zeichen: Wir sind uns begegnet, ein Wunder. Noch einmal: Wenn ich nun meine Schuppen erkennen würde, mein Ego ausschalten könnte, würde ich doch meine Unverletzlichkeit und meine Sicherheiten ausschalten. Das geht irgendwie auch nicht.“

„Ja, sicher, es braucht Mut, nicht nur Einsicht, um unsere Gefühle zu verstehen und um wieder frei zu sein wie als kleine Kinder. Nicht jedermann erinnert sich noch an das Glück der Kindheit, manche sehnen sich ein Leben lang danach, ohne es je zu kennen. Viele nehmen in der Sehnsucht nach diesem Zustand Drogen. Oder lernen sich selbst in Workshops und Seminaren kennen. Es geht darum, die Seele aufrichtig für Liebe, Licht und Intimität zu öffnen, vor allem aber für Verständnis und Liebe mit sich selbst!“

„Ja, Intimität vermisse ich. Das tut weh. Aber Verletzlichkeit tut auch weh. Nochmals: All das kann doch nichts mit meinem heutigen Kummer zu tun haben.“

Iannis beugt sich vor und legt seine Hand auf meinen Arm, unsere Augen tauchen ineinander. Intimität. Ich ziehe nicht zurück. Es tut gut, dieses Verstehen ohne Worte. Unbewusst habe ich mich danach gesehnt, nach der Ruhe und dem Vertrauen, die seine Berührung ausgelöst haben. Worte der Liebe liegen in der Luft, wollen ausgesprochen werden.

„Sag nichts, Iannis. Sag es nicht, bitte!“ Befremdet zieht er seine Hand zurück. Ich muss ihm die Wahrheit sagen, kann das Unvermeidbare keinen Augenblick länger von mir stoßen oder verdrängen. Die Wahrheit ist grausam. Wird sie den wunderbaren Moment vollends verderben? Ich muss es ihm sagen, muss, muss, muss. Jetzt. Ich habe den Mut nicht, möchte in ein Mauseloch verschwinden, irgendwohin, die Wahrheit vergessen. Doch das geht nicht. Das kann ich weder ihm noch mir antun. Raus damit, ohne Schnörkel! Nein, mit Schnörkeln, sachte, um ihn so wenig wie möglich zu schockieren, ihn nicht zu verletzen!

„Iannis, ich muss dir etwas sagen. Ich hätte es vielleicht bereits heute Nachmittag andeuten sollen, aber da schien es noch unwichtig zu sein.“ Schweigen. „Und jetzt ist es fehl am Platz, ich möchte uns doch auch nicht den schönen Abend verderben, aber die Wahrheit muss raus: Ich bin verheiratet!“

Ein leise ausgerufenes „Nein“ bleibt beinahe in seiner Kehle stecken. Er setzt sich auf, doch seine Schultern sacken zusammen, als hätte jemand die Luft aus ihm gelassen. Wo ist das Leuchten in seinen Augen geblieben? „Es tut mir so leid“, drücke ich unter Tränen hervor, „so leid.“

Iannis stammelt: „Es ist einfach schwer zu fassen“, und starrt auf das Tischtuch. „Dabei sollte mir doch klar sein, dass eine so wunderbare Frau bereits ein Leben hat. Bei deinem ersten Lächeln beim Tempel habe ich geglaubt, meine Traumfrau gefunden zu haben. Weißt du, so für immer und ewig und wenn sie nicht gestorben sind … Na ja, da habe ich wohl den Kopf verloren.“

Ich durchschaue ihn, als wäre er aus Glas. Ernüchtert und bleich hält er inne, spielt mit seinen Fingern, weiß nicht, wohin mit seiner Frustration, schweigt. Unterdrückt er aufsteigenden Missmut? Hofft er auf einen Ausweg? Ganz langsam hebt er den gesenkten Blick und begegnet meinen Augen. Plötzlich ist alles vergessen, wir beide fühlen uns nur noch verliebt. „Deshalb müssen wir uns den wunderbaren Abend nicht verderben lassen, oder?“ Unsere Fingerspitzen berühren sich, die Spannung der Situation entlädt sich, die Realität hat den Zauber nicht völlig gebrochen.

„Kaffee bitte“, deutet Iannis dem herbeieilenden Kellner. „Mir einen Griechischen, und für dich?“

„Espresso, bitte.“ Andere Länder, andere Sitten. Wenn ich reise, möchte ich diese anderen Sitten kennenlernen, nicht heikel sein, mich anpassen. Aber beim griechischen Kaffee macht meine Toleranz halt: Das bringe ich nicht fertig. Zum Abschluss eines feinen Essens den Gaumen mit Kaffeesatz verderben, nein, das kann ich mir nicht antun. Er würde mich noch stundenlang quälen, trotz des gelieferten Wassers zum Runterspülen.

Klapp! Der Pianist hat den Flügel geschlossen, zur Ermahnung wohl ein bisschen lauter als unbedingt nötig, und nimmt die Geldscheine aus dem Glas.

„Ach schau, wir sind die letzten Gäste“, stelle ich fest und Iannis nickt widerwillig:

„Ja, Zeit zu gehen!“

Irgendwann wurde die Beleuchtung der Akropolis gelöscht, nun ist der Zauber weggeblasen. Wie der Lichtstrahl am Ende des Tunnels meiner Sorgen – wir können doch jetzt nicht einfach abbrechen!

Das Licht wird gedimmt, ich kann meine Umgebung kaum mehr wahrnehmen. Langsam, zögernd, stehen wir auf. Iannis mit so wenig Eile wie ich, gut. Die Kellner stehen vor dem Ausgang, erleichtert, bald sind sie zu Hause bei ihren Familien. Immer noch die weiße Serviette über dem Arm deuten sie eine Verbeugung an, lächeln, wahrscheinlich mit der Gewissheit, dass wir eine heiße Nacht vor uns haben. Leider nicht. Was nun? „Ich begleite dich in die Hotelhalle“, biete ich im Aufzug an und drücke den Knopf zum Erdgeschoss.

Iannis fragt unsicher: „Bis morgen?“

„Morgen früh bin ich auf der Fähre nach Paros und treffe dort meine Freundin Regina.“

„Tanja, das geht doch nicht …!“

Was nun? Mein Herz drängt: Lade ihn ein, verbring die Nacht mit ihm, nur einmal, bitte, nur diese eine Nacht, diese eine Liebesnacht! In heißer Umarmung einschlafen, seinen Herzschlag an meinem. Natürlich geht das nicht. Ich war noch nie untreu, und wenn ich mich jetzt meiner Lust hingeben würde, wäre der Abschied noch viel schmerzvoller. Ich mahne mich zur Vernunft: „Am liebsten würde ich meine ganzen Ferien mit dir verbringen, doch das geht leider nicht.“

„Verstehe, ich habe ja auch meine Pläne und werde bei meiner Tante erwartet, sie bäckt wohl seit Tagen Xerotigana, meine Lieblingsplätzchen.“

Während des Schweigens erscheint mir nochmals das Liebesteufelchen und bettelt: „Doch nicht so, nicht so abrupt, geht noch auf einen Drink in die Bar, vielleicht ergibt sich die Gelegenheit ganz natürlich …“ Aber ich lasse mich nicht von mir selbst verführen.

Die Hotelhalle ist hell beleuchtet, noch gehen Gäste ein und aus, noch macht auch der Portier seine Bücklinge, doch das bunte, laute Treiben des Nachmittags ist nächtlicher Bedachtsamkeit gewichen. Abschied. Wir treten vor die Hotelhalle, da ist das Licht weniger grell und wir fühlen uns weniger beobachtet. Hastig wische ich eine unerwartete Träne fort. Es ist noch lange nicht alles gesagt.

Iannis legt seine Arme um meine Schultern und schaut mich bedeutungsvoll an: „Ich kann dich auf deinem spirituellen Weg begleiten. Per E-Mail. Möchtest du?“

Sehe ich ein Glitzern in seinen Augen? Hat sich auch bei ihm eine Träne eingeschlichen? Ich nicke: „Wunderbar. Sei mein Orakel, ich vertraue dir“, und lehne meinen Kopf an seine Brust, verharre einen Moment, weit weg von den Wirren meines Lebens, genieße die Intimität des Augenblicks und möchte am liebsten nie mehr loslassen. Iannis hebt mein Kinn, wir schauen uns in die Augen und ich sehe die Kluft, den Abgrund, meine verheiratete Situation, die zwischen uns steht. Verdammt! Ich habe das nicht gesucht. Aber ich habe mich danach gesehnt, ja, das habe ich. Wir lösen uns, ich wende mich ab, laufe ein paar Schritte und schaue zurück zu Iannis, der ebenfalls weder gehen noch bleiben kann. Ich will keinen Abschied, spüre nur noch Angst und Leere. „Wirst du mir wirklich schreiben?“

„Gerne und oft“, erwidert er. „Aber ich bin kein Orakel, ich kann dir nur das wiedergeben, was ich selbst gelernt und erfahren habe. Echte Weisheit kann man nur erfahren, nicht mit seiner Intelligenz erlernen. Ich will dir behilflich sein, damit du deine Erfahrungen machen kannst und glücklich wirst.“

„Ich sage jetzt trotz allem auf Wiedersehen. Und gute Nacht, mein ganz persönliches Orakel … das keines sein will.“

„Tanja, komm zurück, ich habe noch eine Umarmung und ein Mantra für dich.“ Er kommt auf mich zu: „Langsam, hör gut zu und sprich die folgenden Worte so oft wie möglich, denk darüber nach:

‚Ich bin der Weg‘.“

Er dreht sich um und geht die Stufe hinunter, winkt. Das schmerzt. Was für ein Karussell von Gefühlen, sie machen mich benommen. „Ich bin der Weg. Ich bin der Weg. Ich bin der Weg.“ Ich wiederhole die Worte, bis Iannis die Stufen hinunter und im Gewimmel des Sintagmaplatzes verschwunden ist. Das Mantra füllt mich aus, auch wenn ich es noch nicht so richtig begreife. Es füllt die Leere, vor der ich eben noch Angst hatte.

3

So friedlich, mich mit geschlossenen Augen auf einer Liege des Erster-Klasse-Decks zu aalen und auf die ersten Strahlen der Morgensonne zu warten! Ich versuche, bunt gemischte Sprachfetzen zu unterscheiden, die vom Heck fröhlich zu mir heraufdringen: Der melodische Klang der Franzosen mischt sich mit den Kehllauten der Schweizer, die farbenfrohen Vokale der Italiener und Spanier mit den näselnden Ausrufen der Briten. „Howdy“, ruft ein Texaner jemandem zu, die Antwort kann ich nicht ausmachen. Es ist ein lebhaftes, internationales Volk, durch Zufall zusammengewürfelt auf der Fähre von Athen zur Insel Paros in der Ägäis.

Noch bieten die Bäcker auf dem Quai ihre Brote an: „Psomii, Psomii“. Es ist, als könnte ich den frischen Duft riechen. Die Rufe werden leiser und bleiben schließlich zurück, Reisende schreien einen letzten Abschiedsgruß, bevor sie die Gangway verlassen und im Schiffsrumpf verschwinden.

Ich genieße diese sehnsuchtsvolle Atmosphäre des Abschieds von Piräus. Sie spiegelt meine eigene Stimmung; Piräus zu verlassen fällt mir nicht schwer, aber Iannis fehlt mir. Ich male mir aus, wie die letzte Nacht nach dem romantischen Dinner anders hätte enden können, stelle mir einen warmen Abschiedskuss vor, sein Rasierwasser … Wie schön wäre es, jemanden zu haben, der mich in die Arme nimmt, der mich versteht, mit dem ich über die intimsten Gefühle sprechen könnte. Vielleicht sogar über die Schuldgefühle und Alpträume, die mich seit meinem vierzehnten Lebensjahr verfolgen. Seit gestern, seit der Aufforderung, mich selbst zu erkennen, drängt sich eine bestimmte Szene immer wieder in mein Gedächtnis; so was verarbeitet man wohl nie.

Ich möchte kuscheln und begehrt werden. Aber das ist unmöglich. Unmöglich und falsch. Es wäre gelogen und betrogen. Es gäbe nichts, was mein Gewissen beruhigen könnte, ich würde ernüchtert und voller Scham und Reue aufwachen und – so sehr ich mich auch bemühen würde – keine Ausrede finden. Seit meiner Hochzeit war ich nie untreu. Warum jetzt? Als ich mit neunzehn verheiratet wurde, ging ich sozusagen direkt aus dem Schoß meiner Familie in den Besitz von Pesche über und erlebte seither nicht viel Zärtlichkeit und Liebe. Wie kann ich mir nur einbilden, dass mich jemand verstehen würde? Ich bin mir ja selbst fremd.

Als das Schiffshorn dröhnt und ankündigt, dass die Fähre den Hafen von Piräus verlässt, fahre ich erschreckt auf. Der bauchige Schlot stößt schwarzen Rauch aus, der fürchterlich riecht und meinem Magen zusetzt. Ich setze mich auf; Ende der Träumerei. Eine fröhliche Gesellschaft von Einheimischen sitzt bereits nebenan in der Kantine beim griechischen Kaffee und zuckergetränktem, viel zu süßem Gebäck.Sie gestikulieren, als würden sie sich streiten, doch wer die Gewohnheiten der Griechen kennt, weiß, dass sich bei vielen ihr angeborenes Temperament immer so impulsiv ausdrückt. Sie lachen laut und viel und schwingen ihre Rosenkränze am Handgelenk hin und her.