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Am Anbeginn der Geschichte Deutschlands: Die römische Armee erobert Germanien. Armin und Finn, Söhne eines mächtigen Fürsten, werden als Geiseln nach Rom verschleppt. Als Soldaten ausgebildet und in der Schlacht zu Kriegern gereift, trennen sich ihre Wege. Armin kehrt in seine Heimat zurück, um zwischen seinen germanischen Landsleuten und dem neuen, ambitionierten römischen Statthalter Varus zu vermitteln. Als die Herrschaft Roms immer grausamer wird, muss Armin sich endgültig für eine Seite entscheiden. Aber er kann die Römer nur angreifen, wenn er Varus und seine eigenen Ideale verrät - und dabei zu dem wird, was er bekämpft.
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Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Lieber Leser,
ich freue mich, dass Sie „Aller Tage Morgen“ lesen wollen.
Ein historischer Roman darf sich historisch nennen, wenn er die erwiesenen Fakten der jeweiligen Zeit berücksichtigt. In diesem Fall spielen die Ereignisse unserer Geschichte vor über 2.000 Jahren. Die Quellen über das Leben des Arminius, die Varusschlacht und den Aufstand der germanischen Völker sind – vorsichtig formuliert –– recht überschaubar und beinahe ausschließlich von römischen Historikern verfasst, die natürlich nicht zwingend objektiv waren. Die gesicherten Kenntnisse über die alten germanischen Stämme haben wir beinahe ausschließlich von Ausgrabungen. Daher habe ich mir einige Freiheiten nehmen müssen. Allerdings habe ich mich bemüht, alle historischen Fakten über das Leben der Germanen, Rom und den Dienst in der römischen Armee so exakt wie möglich zu berücksichtigen (ohne dabei zu unterrichten oder zu langweilen, immerhin geht es hier nach wie vor um eine Abenteuer-Geschichte). Ich hoffe, dass ich Sie erfolgreich mit auf eine kleine Reise in die Vergangenheit nehmen kann.
Ich wünsche Ihnen eine spannende, unterhaltsame und kurzweilige Lektüre!
Sollte Ihnen „Aller Tage Morgen“ gefallen, würde ich mich sehr über eine positive Rezension freuen. Idealerweise in dem Shop, in dem Sie das Buch gekauft haben (z.B. Amazon), gerne aber auch auf meiner Website tomasherzberger.net. Dort können Sie auch den Newsletter abonnieren und werden so in Zukunft als Erster über Neuigkeiten informiert. Natürlich finden Sie mich auch bei Facebook, Twitter & Co.
Für
B.K.
Mit Dank an
Andrea Habeney
Andreas Nick
Simone Maier
Markus Wentlandt
Allen Unterstützern
Besonderen Dank an
Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen.
− Platon −
1. August 12 v. Chr.
Alle seine Tribune und Legaten hatten ihm abgeraten, sogar der Anführer seiner Leibgarde hatte ihn beschworen, seine Entscheidung zu überdenken. Die Pioniere und eine kleine Vorhut sollten zuerst die Landungsstelle sichern, überall könnten die Feinde lauern. Er würde eine hervorragende Zielscheibe abgeben. Aber Nero Claudius Drusus war von seiner Idee nicht abzubringen gewesen. Kein gemeiner Soldat, sondern er selbst sollte der Erste sein, der seinen Fuß auf feindlichen Boden setzt. Er würde in einem Atemzug mit Gaius Iulius Cäsar genannt werden, der vor fünfzig Jahren diese Tat ebenfalls vollbracht hat. Das war ein Moment für die Annalen, und er würde als Vorbild für seine Soldaten furchtlos vorangehen.
Was er im Moment viel mehr fürchtete als ein Attentat, war das leichte Schwanken des Bootes. Vom Ufer aus hatte der Rhenus noch friedlich ausgesehen. Aber nun, da eine leichte Brise aufgekommen war, begann das Boot zu schaukeln. Bedrohlich stark. Drusus nahm einen tiefen Atemzug, um seinen brodelnden Magen zu beruhigen. Ein kotzender Heerführer wäre nicht sehr eindrucksvoll. Ob das der Grund dafür war, dass Iulius Cäsar eine Brücke über den Fluss hatte bauen lassen? Zweimal hatte er den Rhenus überquert, beide Male war der Grund die Vergeltung an germanischen Stämmen, die gallische Dörfer geplündert hatten. Es war diesen Barbaren vor fünf Jahren sogar gelungen, eine römische Legion zu besiegen. Allerdings war das mehr der Dummheit des Feldherren Marcus Lollius als dem Geschick der Germanen geschuldet. Nichtsdestotrotz würde er diese schmachvolle Niederlage nun endlich rächen.
Mehr als das: Drusus hatte sich vorgenommen, endlich für Ruhe und Stabilität zwischen der römischem Provinz Gallien und den germanischen Stämmen auf der anderen Seite des Rhenus zu sorgen. Das war noch keinem Römer vor ihm gelungen, auch nicht Cäsar. Die römischen Feldherren hatten sich bislang darauf beschränkt, auf die andere Seite des Flusses überzusetzen, ein paar Dörfer in Brand zu setzen und die Macht Roms zu demonstrieren. Nach wenigen Wochen waren sie wieder zurück in Gallien und hatten nichts erreicht, außer den germanischen Hass auf die Römer noch weiter zu schüren. Aber das würde sich mit ihm am heutigen Tag ändern. Drusus ging nach Germanien, um dort zu bleiben.
Eine kleine Welle brachte das Boot erneut ins Wanken und riss Drusus aus seinen Gedanken. Eine Schande, dass Cäsar die Brücke wieder hatte abreißen lassen. Er dankte den Göttern, dass er nicht in der Marine diente. Augen zu und durch! Drusus fixierte das gegenüberliegende Ufer, atmete erneut tief ein und stärkte seinen Griff um die Reling des Bootes. Mit ihm sollten mehreren Dutzend seiner besten Offiziere und dem Kommandanten seiner Leibgarde die Ehre zuteilwerden, als Erste auf germanischem Boden zu landen. Nervös blickten auch sie auf ihre geplante Landungsstelle. Und Drusus war nicht der einzige, der bleich geworden war. Immerhin etwas. Nur noch wenige Augenblicke, und diese Tortur würde vorüber sein. Das Boot landete mit Schwung auf dem flachen, kiesigen Ufer. Froh, endlich festen Boden unter die Füße zu bekommen, schwang sich Drusus über die Reling. Er war der erste Römer, der an dieser Stelle seinen Fuß auf feindliches Territorium setzte! Diese Ehre würde ihm niemand mehr nehmen können! Vom Aquilifier, einem seiner besten Soldaten, der einen Wolfspelz um Kopf und Schultern trug, ließ er sich den Legionsadler reichen. Das prächtige Symbol römischer Macht thronte schwer auf einem Stab, war aus purem Gold und hatte Jupiters Blitze in seinen Fängen. Er glänzte in der hellen Sonne. Drusus ging einige Schritte das Ufer hinauf. Der Landungsplatz war nicht ideal, es war nicht viel Platz. Nach ein paar Schritten flacher Wiese begann eine dicht bewaldete Hügelkette, rechts davon ein steiler, hoher Fels. Zu schmal für Tausende von Soldaten, die übersetzen sollten. Zumindest für ein robustes Vorauskommando und einen Brückenkopf sollte es reichen. Die Pioniere würden noch genug Zeit haben, einen besseren Landungsplatz in der Nähe zu finden oder diesen hier auszubauen. Drusus sah sich nach einer Erhöhung um und fand einen großen Felsen. Perfekt.
Lange war Drusus nicht mehr derart aufgeregt gewesen. Er liebte solche Momente. Ihr Leben lang würden seine Soldaten davon ihren Kindern und Enkeln erzählen, wie ihr Feldherr, Nero Claudius Drusus, das Ende der germanischen Stämme einläutete. So lässig, wie es ihm seine Ehrenrüstung und sein purpurner Umhang erlaubten, kletterte Drusus auf den Fels und sah zurück auf das gegenüberliegende Ufer. Dort standen die fünfzehntausend Soldaten seiner Legionen. Das Wetter war perfekt. Die Sonne reflektierte auf den blankpolierten Rüstungen und Waffen seiner Männer und blendete ihn. Alle schauten auf ihn. Drusus genoss jede Sekunde. Er hob den Legionsadler soweit er konnte in die Höhe.
„Quo fas et gloria ducunt!“, rief er seinen Männern entgegen. Wohin Ruhm und Ehre uns führen. Dann rammte er den Adler in den Boden. Frenetisch schlugen die Römer ihre Schwerter auf die Schilde und feierten ihren Heerführer. Ein ohrenbetäubender Lärm.
Den beiden Männern, die das ganze Spektakel von dem hohen Felsen am Rande des Landungsplatzes beobachtet hatten, stand der Mund offen. Der Aufmarsch der Legionen in perfekter Ordnung war bereits ein eindrucksvoller Anblick, aber das rhythmische Getöse, das sie verursachten, war atemberaubend. Erwin musste beinahe schreien, um sich verständlich zu machen.
„Das muss man den Römern lassen: Sie haben ein Talent für den großen Auftritt.“ Hartwig winkte gelassen ab.
11 v. Chr.
„Das sieht man nun auch nicht jeden Tag! Die Fürsten aller Cherusker an einer Tafel. Da müssen schon die Römer an unsere Tür klopfen, damit wir mal gemeinsam essen!“.
Ingomar lachte laut und schlug seinem Bruder Segimer auf die Schulter, der beinahe seinen Krug Met verschüttete. Die sechs Fürsten der Cherusker trafen sich selten gemeinsam, stets hatte irgendjemand mit irgendjemanden Streit. Erst die Nachricht, dass eine starke römische Streitmacht auf ihr Stammesgebiet zumarschiert, hatte sie ihre Streitigkeiten vergessen lassen. Zumindest für den Moment.
Segimer war der Mächtigste unter ihnen. Er war zwar weder der stärkste noch der größte Mann seiner Sippe, aber er vereinte körperliche Kraft mit Gerissenheit wie kein Zweiter. Im Zweikampf war er seit seiner Jugend unbesiegt. Seine Augen waren stahlblau. Oft reichte sein strenger Blick, um den Zorn vieler Männer in Furcht zu verwandeln. Segimer hatte kurzes, dichtes braunes Haar und einen ebensolchen Bart, den er regelmäßig stutzte. Weniger aus Eitelkeit, sondern aus Respekt gegenüber seiner verstorbenen Frau, die seinen zotteligen Bart verabscheut hatte. Sie war im Kindbett gestorben, als sie ihren ersten Sohn Finn gebar. In vielen Kämpfen hatte Segimer für seine insgesamt fünfzigköpfige Familie das beste Acker- und Weideland weit und breit gesichert. Sein Dorf umfasste ein Dutzend Hütten und Langhäuser, die gänzlich aus Holz, Weidenruten, Lehm und Reet errichtet waren. Es war bei Weitem die größte cheruskische Siedlung innerhalb von sieben Tagesmärschen.
Auch sein Bruder Ingomar lebte mit seiner Familie dort. Als der Jüngere unterstellte er sich bereitwillig der Führung seines Bruders. Er war von hagerer Gestalt und größer als Segimer. Sein langes, kantiges Gesicht war von wenigen Bartstoppeln verdeckt, die wie sein kurz geschorenes Haar früh ergraut waren. Ingomar war – und das schätzte Segimer an seinem Bruder - außerordentlich klug. Schon seit ihrer Jugend war Ingomar der Planer und Vorbereiter, während Segimer für die Ausführung zuständig war. Ganz gleich, ob es darum ging, das Pferd ihres Vaters für einen Ausritt zu stehlen oder kleine Kämpfe mit den anderen Jungs des Stammes – Ingomar und Segimer bildeten eine hervorragende und unzertrennliche Gemeinschaft. Sie hatten die anderen Fürsten ihres Stammes zu dieser Zusammenkunft auf ihr Gut eingeladen.
Ihnen gegenüber saßen die Fürsten Wiegand, Thorleif, Segestes und Volkmar, der komplette Adel des cheruskischen Stammes. Sie alle kannten sich gut, da Mitglieder ihrer Sippen untereinander geheiratet und so die Familienbande gefestigt hatten. Viele von ihnen hatten Narben aus Kämpfen gegen feindliche Stämme davongetragen. Segestes fehlten zwei Finger der linken Hand. Thorleif zog ihn gerne damit auf, dass er sich diese Verletzung nicht im Kampf, sondern beim Schneiden von Gemüse zugezogen hatte. Ihm selbst fehlte das rechte Auge, was seine eindrucksvolle Erscheinung noch angsteinflößender machte. Neben den Fürsten saßen an der langen und hell erleuchteten Tafel ihre wichtigsten Vertrauten, zumeist Brüder oder Cousins. Keiner der Männer war dumm genug, sein Schwert außerhalb seiner Reichweite abzulegen. Zu oft hatte es Streitigkeiten unter ihnen gegeben, und schnell kochte das Blut. Jene, die in solchen Fällen nicht gleich die Waffe zur Hand hatten, mussten ihren Fehler mit dem Leben oder einem ihrer Gliedmaßen bezahlen. Segimer wusste, dass er genau das verhindern musste. Heute durfte es keinen Streit geben. Zu wichtig war der Anlass ihrer Zusammenkunft. Zur Feier hatte er zwei Wildschweine erlegen und zubereiten lassen. Die Krüge der Männer füllten und leerten sich schnell, aber heute würde sich niemand betrinken. Nicht allzu sehr.
Segimer schlug mit der Faust auf den Tisch und ließ ihn erbeben. Die Gespräche am Tisch verstummten augenblicklich.
„Ich danke euch für euer Kommen. Zwei Tage später als gedacht, aber besser spät als nie.“
„Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, wann ich wo zu sein habe!“, protestierte Thorleif. „Auch nicht von dir.“
„Umso dankbarer sind wir, dass du unserer Einladung gefolgt bist und wir dich als Gast bei uns begrüßen dürfen“, entgegnete Ingomar ruhig. Niemandem war diese Spitze entgangen. Respektvoll, aber bestimmt hatte Ingomar Thorleif zurechtgewiesen.
„Wir wollen mit euch über die Römer sprechen. Vor elf Monden haben sie den Rhein überquert. Ihr Anführer ist Nero Claudius Drusus. Er ist der Stiefsohn ihres Kaisers Augustus. Er führt ein Heer von fünfzehntausend Soldaten.“
Absolute Stille.
„Fünfzehntausend sagst du?“, erwiderte Wiegand ungläubig. „Kann das sein?“.
„Ja“, antwortete Segimer. „Viele haben diese Zahl genannt.“
„Selbst wenn wir alle unsere Krieger zusammen in die Schlacht führen, wären sie uns immer noch zahlenmäßig weit überlegen“, sagte Volkmar.
„Das ist nicht wichtig.“ Alle Blicke richteten sich auf Segestes, der zum ersten Mal an diesem Abend das Wort ergriff. Er war deutlich weniger muskulös und kleiner als die anderen Stammesfürsten. Er hatte keine Haare mehr, aber einen dichten grauen Bart, ein schmales Gesicht und weit abstehende Ohren. Segestes war bekannt und gefürchtet dafür, gerissen wie kein Zweiter zu sein. Stets war er darauf bedacht, anderen einflussreichen Männern Gefälligkeiten zu erweisen, um sich ihre Loyalität und Dankbarkeit zu sichern.
„Warum soll das nicht wichtig sein?“, fragte Ingomar gehässig.
„Drusus ist jung, aber nicht dumm. Ein guter Anführer. Er hat bereits gegen viele Stämme im Süden gesiegt. Nachdem er über den Rhein gekommen ist, hat er gegen die Brukterer, Sugambrer, Usipeter und Tenkterer gekämpft. Alle wurden besiegt. Ich habe gehört, dass die Friesen und Bataver sich sogar freiwillig unterworfen haben, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen.““
„Hundesöhne“, brummte Wiegand und spuckte verächtlich auf den Boden.
Segestes fuhr fort: „Die römische Armee wurde noch nie besiegt. Sicher, sie verlieren mal ein Scharmützel, vielleicht sogar eine Schlacht wie gegen die Sugambrer. Aber niemals verlieren sie den Krieg. Innerhalb weniger Jahre haben sie Gallien überrannt, dann Britannien. Stolze Völker mit guten Kämpfern. Deswegen ist es nicht wichtig, wie viele Krieger wir in die Schlacht führen können. Wir haben keine Chance.“
„Segestes, du bist ein Feigling! Du hast noch nicht mal ein römisches Schwert zu Gesicht bekommen und willst dich schon ergeben!“, rief Wiegand.
„Du kannst mich einen Feigling nennen, aber das wird unser Schicksal nicht ändern. Wenn die Römer uns vernichten wollen, werden sie das tun. Wir werden sie nicht aufhalten können. Du und deine Krieger, ihr könnt euch den Römern entgegen stellen. Ihr werdet sicherlich tapfer kämpfen und ehrenhaft sterben. Aber deine Sippe wird ausgelöscht werden. Ohne Gnade. Männer, Frauen, Kinder. Glaub mir, ich kenne die Römer.“
„Nein, tust du nicht!“, Thorleif sah Segestes wütend an. „Keiner von uns kennt die Römer, keiner hat gegen sie gekämpft! Wer weiß, vielleicht haben sie ja Angst vor uns?“
Ingomar stimmte ihm zu: „Ja, vielleicht rennen sie heulend nach Hause, wenn sie schon unseren Gesang hören. Hast du sie schon mal gesehen? Sie sind winzig! Sie kommen aus einem sonnigen Land und sind die Kälte nicht gewöhnt. Sie überleben keinen Winter hier.“
„Und du sagst, dass wir Angst vor den Römern haben sollten, weil sie die Gallier besiegt haben? Komm schon! Selbst deine Söhne könnten die Gallier besiegen, diese Froschfresser!“, rief Thorleif. „Wir und fast jeder andere Stamm haben schon oft ihre Dörfer geplündert. Sie kämpfen wie Frauen! Scheiße, sogar unsere Frauen würden sie besiegen!“
„Wir haben früher gegen die Chatten, die Angrivarier und die Semnonen gekämpft. Keiner konnte uns besiegen, jeder fürchtet unsere Krieger“, pflichtete Volkmar ihm bei.
Alle Augen ruhten auf Segestes. Mit ruhiger Stimme versuchte er seinen Punkt klar zu machen.
„Meine Brüder! Ich weiß, ihr seid tapfer und ihr würdet euch jedem Feind entgegenstellen. Aber wir kämpfen nicht gegen einen anderen Stamm. Wir kämpfen gegen die beste und größte Armee, die die Welt je gesehen hat. Man müsste schon die Krieger aller Stämme vereinen, um eine Chance zu haben. Aber das wird nicht passieren. Seht euch doch an, was in Gallien geschehen ist: Alle Stämme, die sich den Römern widersetzt haben, sind ausradiert worden. Vernichtet, vom Erdboden verschwunden. Machen wir nicht denselben Fehler! Die Fürsten, die sich mit den Römern verbündet haben, sind mächtig und reich geworden und herrschen seitdem über die anderen Stämme. Die Römer belohnen ihre Verbündeten, sie suchen vielleicht gar keinen Kampf.“
„Nein, vielleicht suchen sie keinen Kampf. Aber was du Verbündete nennst, ist nichts anderes als Sklaverei! Huren, die sich von den Römern kaufen lassen!“, schrie Thorleif wütend. „Du willst dich also bücken und von den Römern in den Arsch ficken lassen? Dann geh und sieh zu, was du davon hast!“ Seine Hand griff nach seinem Schwert.
Segimer stand auf und blickte Thorleif an.
„Thorleif, pass auf, was du sagst. Du und Segestes, ihr seid beide Gäste in meinem Haus. Ich will keinen Streit. Vielleicht hat Segestes Unrecht. Aber heute soll jeder sagen, was er denkt.“
Thorleif ließ das Schwert mürrisch auf den Tisch fallen. „Meinetwegen.“
Segimer wandte sich an alle: „In einem Punkt hat Segestes Recht: Wir wissen nicht, was die Römer wollen. Kann sein, dass sie einfach nur durch unser Land ziehen und uns nicht behelligen.“
Ingomar sprang seinem Bruder zur Seite. „In dem Fall könnten wir sicherlich Handel mit ihnen treiben. Sie werden Nahrung brauchen, Felle und Holz.“
„Ja, das stimmt“, sagte Segimer. „Aber vielleicht wollen Sie auch unser Land und unsere Frauen als Sklaven. Auf jeden Fall ist es wichtig, dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Wir müssen mit einer Stimme sprechen. Ich schlage vor, wie beobachten genau, was die Römer tun. Wenn sie Krieg wollen, können sie ihn haben. Sie werden es bitter bereuen. Aber ich werde nicht die Zukunft meiner Söhne und meiner Sippe aufs Spiel setzen und die Römer angreifen.“ Niemand sagte etwas, aber einer nach dem Anderen nickte zustimmend.
„So weise kenne ich dich ja gar nicht, Bruder“, flüsterte Ingomar lächelnd.
„Es sind gefährliche Zeiten. Wenn wir jetzt nicht klug sind, dann könnte es das Ende unseres Stammes bedeuten. Aber wir brauchen den Rat und den Beistand der Götter.“
„Wir sollten ein Thing abhalten und die Götter befragen, bevor wir etwas unternehmen“, schlug Wiegand vor. Alle nickten.
„So sei es. Ingomar, schick einen Mann zu Landerun, der Seherin. Bring ihr ein Wildschwein oder ein Reh als Geschenk mit und bitte sie, morgen zu uns zu kommen“, befahl Segimer seinem Bruder.
Wäre nicht Vollmond gewesen, hätten sie die Hand vor Augen nicht gesehen. Aber Fackeln waren nicht in Frage gekommen, damit wären sie auf jeden Fall erwischt worden. Thusnelda war die Tochter von Segestes und ein hübsches, achtjähriges Mädchen mit hellblonden Haaren. Sie hatte zwar keine Angst im Wald, aber ständig stolperte sie über Wurzeln oder kam vom Pfad ab. Sie fluchte laut. Der neunjährige Finn, ein schlanker, ebenfalls blonder Junge, drehte sich mit wütendem Blick zu ihr um: „Sei still! Wenn sie uns erwischen, bekommen wir riesigen Ärger!“, flüsterte er Thusnelda zu.
„Ach, sei du doch still! Das ist eine ganz blöde Idee! Wir dürfen nicht auf den Thing!“
„Wenn ihr beide jetzt nicht endlich leise seid, dann bekommt ihr auf jeden Fall großen Ärger! Und zwar mit mir!“, flüsterte Armin so laut wie möglich.
Armin war acht Jahre alt und deutlich größer als sein Bruder Finn. Während Finns Haar so blond war wie das ihrer verstorbenen Mutter, waren Armins Haare dunkler, eher wie das ihres Vaters Segimer. Beide hatten sie von ihm die strahlend blauen Augen geerbt. Da er sich am besten im Wald auskannte, führte er die kleine Gruppe durch die Nacht zum Thing. Bei Tag war er schon oft da gewesen, aber er hatte noch nie an einer der heiligen Versammlungen teilnehmen dürfen.
„Ich will auf jeden Fall dabei sein. Unsere Väter werden die Götter fragen, ob wir in den Krieg gegen die Römer ziehen. Also seid jetzt beide leise und kommt mit!“, zischte Armin Finn und Thusnelda zu.
Beide nickten widerwillig und folgten Armin weiter in den dunklen Wald. Bald standen die Bäume so dicht, dass fast kein Mondlicht mehr den Boden erreichte. Aber Armin kannte sich gut aus. Der mächtige Fels, die hohe, in die Luft ragende Wurzel, der Baum mit dem dicken Stamm, der kleine Bachlauf - all das waren ihm sichere Anhaltspunkte. Sie folgten dem kleinen Pfad, bis sie an ein mächtiges Felsmassiv kamen. Dort verließen sie den Pfad, der sich durch die Felsen hindurch zum Versammlungsplatz schlängelte, und kletterten die Felsen empor. Oben angekommen, krochen sie an den Rand der Felsen und schauten vorsichtig nach unten. Das Thing war ein großer Platz umgeben von hohen Klippen. Auf ihm standen mehrere Pfähle, einige so hoch wie drei Männer. Auf ihren Spitzen steckten die bleichen Schädel von Kühen, Hirschen und Menschen. In der Mitte erhob sich ein mannshoher Altar aus Erde, der mit Ästen und Weidenruten an den Seiten gesichert war. Viele Fackeln tauchten die Szene in ein unheimliches Licht und warfen riesengroße Schatten der gut zwanzig Menschen an die nackte Felswand. Armin erblickte seinen Vater in der Mitte des Platzes, nahe am Altar. Er trug das Fell und das Geweih eines Hirsches auf Kopf und Schultern. Nicht aus Eitelkeit; Hirsche waren den Cheruskern heilig. Segimer zeigte seine herausragende Position unter den Cheruskern. Neben ihm standen die anderen Fürsten, auch Segestes. Nur Ingomar war nirgends zu sehen.
Aus dem Wald kam eine Frau geritten. Ihre lange Robe war ebenso weiß wie der Schimmel, auf dem sie ritt. Das musste die Seherin Landerun sein. Sein Vater hatte ihm erzählt, dass sie eine mächtige Magierin sei, die mit den Göttern in Kontakt stehen würde. Sie lebte einsam in einer Hütte am Rande des Moores. Wie das Thing war das Moor ein heiliger Platz. Die Stammesangehörigen besuchten sie regelmäßig und brachten ihr Speisen, Tiere oder Waffen, um diese den Göttern zu opfern und um Beistand oder Rat zu ersuchen. Armin hatte die Geschichten über die Götter immer gemocht. Er war begierig darauf, ihre Macht mit eigenen Augen zu erleben. Vielleicht endlich heute.
Niemand sprach mehr. Landerun stimmte einen rhythmischen Gesang an, in dem sie die Götter um Gehör bat. Wie auf ein stummes Kommando stimmten die umstehenden Männer mit ein und wiederholten einzelne Wörter im Chor. Es war gespenstisch. Plötzlich tauchte am Waldrand ein Licht auf, das schnell näher kam. Es war eine Fackel, getragen von einer schmalen Gestalt. Sie machte nicht das geringste Geräusch und schien eher zu schweben als zu gehen.
„Wer ist das?“, flüsterte Finn neben Armin.
„Es ist eine Frau!“, antwortete Thusnelda erstaunt. „Sie ist wunderschön!“
„Sie ist nackt!“
Die junge Frau trug nicht einen Fetzen Stoff. Je näher sie dem hell erleuchteten Thing kam, desto mehr konnte Armin erkennen. Sie hatte langes, braunes Haar, das fast vollkommen glatt bis zu den Rundungen ihres Hinterns reichte. Das Licht der vielen Feuer tanzte auf ihrer makellosen Haut. Obwohl er schon viele Frauen nackt gesehen hatte, spürte Armin bei diesem Anblick zum ersten Mal in seinem Leben ein Kribbeln in seinem Bauch und zwischen seinen Lenden. Sein Atem ging schneller. An einer Leine schien die junge Frau ein Tier hinter sich herzuziehen. Armin konnte nicht erkennen, was es war. Auf einmal zog ihn eine mächtige Kraft an seiner Schulter und schleuderte ihn nach hinten.
Armin rollte den Felsen hinab, ehe er liegen blieb. Gerade als er aufstehen wollte, prallte Finn mit voller Wucht auf ihn. Die beiden Jungs brauchten einige Augenblicke, um sich von der Überraschung und den schmerzhaften Folgen ihres unsanften Abgangs zu erholen. Wo sie gerade noch gelegen hatten, stand Ingomar in voller Größe und blickte wütend auf Thusnelda herab.
„Wehe, du schlägst mich! Das darfst du nicht! Mein Vater ist Segestes, der tötet dich!“, schrie Thusnelda frech.
„Du kannst von Glück sagen, dass du nicht zu meiner Sippe gehörst, du Göre. Ansonsten würde ich dir jetzt eine Abreibung verpassen wie den beiden hier!“
Er verpasste Armin und Finn eine schallende Ohrfeige, von der ihnen schwindlig wurde. Ingomar schubste alle drei Kindern den Felsen hinunter. Mertus, der Mutter der Erde, sei Dank, war dort viel weiches Moos. Ingomar brachte sie ohne Rücksicht zum Thing und führte sie zu Segimer. Als die kleine Gruppe erschien, verstummte der Gesang.
„Die drei Bälger hatten sich auf dem Felsen dort oben versteckt und alles beobachtet. Segestes, die Kleine hier sagte, sie wäre deine Tochter. Stimmt das?“
„Ja, leider“, sagte Segestes verdrießlich. „Thusnelda, komm zu mir!“
„Nein!“, Thusnelda verschränkte die Arme und stampfte auf den Boden. Wütend ging Segestes auf sie zu und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht, so dass sie im hohen Bogen zu Boden fiel.
„Nein!“
Segestes hielt inne und sah sich um. Armin sah ihn wütend an.
„Immerhin bin ich nicht der einzige, dessen Kinder nicht zu gehorchen scheinen“, sagte Segestes.
Jeder in der Runde lachte. „Segimer, falls das Schaf nicht ausreichen sollte, könnten wir unsere Kinder vielleicht den Göttern opfern. Allerdings weiß ich nicht, ob die Götter dankbar dafür wären.“
Wieder Gelächter.
„Jungs, darüber werden wir später reden. Jetzt ab zurück ins Dorf!“, befahl Segimer seinen Söhnen.
Doch Landerun fiel ihm ins Wort: „Nein, lass sie bleiben! Es ist ihre Zukunft, um die es hier geht.“
„Aber …“, setzte Segimer an.
„Kein Wort mehr! Sie bleiben“, sagte Landerun mit ruhiger, aber kräftiger Stimme. Niemand außer ihr hätte es gewagt, Segimer in diesem Tonfall Befehle zu erteilen. Aber es waren die Götter, die durch Landerun sprachen. Und den Göttern gehorchte man besser.
Armin, Finn und Thusnelda setzten sich am Rand des Platzes hin und beobachteten die Zeremonie, die Landerun nun fortsetzte. Die junge, nackte Frau führte ein Schaf an den Altar, an dem Landerun wartete. Wieder bemerkte Armin ein Kribbeln zwischen seinen Beinen, dass ihm fremd, aber nicht unangenehm war. Doch das Gefühl verschwand schlagartig, als Landerun aus ihrer Robe einen langen, gebogenen Dolch zog und dem Schaf mit einer schnellen Bewegung die Kehle durchschnitt. Das Tier gab keinen Laut von sich. Eine Fontäne Blut schoss aus der Wunde und spritzte auf die junge Frau. Schnell war sie über und über mit Blut besudelt. Unbeeindruckt hielt sie das Schaf fest und beobachtete, wie das Leben aus dem Tier wich. Thusnelda, Armin und Finn hatten schon oft miterlebt, wie ein Tier getötet, ausgenommen und gehäutet wurde, aber bei diesem Anblick drehte sich ihnen der Magen um. Trotzdem konnten sie ihren Blick nicht von dem faszinierenden Schauspiel abwenden.
Als das Schaf endgültig tot war, legten es Landerun und die junge Frau auf den Erdaltar. Landerun schlitzte dem Schaf den Bauch auf und entnahm die Eingeweide. Die junge Frau zog das ausgeweidete Schaf vom Altar und brachte es zwei der anwesenden Krieger, die dem Tier Kopf und Hufe abhackten und die Haut abzogen. Die Hufe nahm die junge Frau mit und verschwand so leise, wie sie gekommen war, wieder in der Dunkelheit des Waldes. Den Kopf spießte einer der Männer auf einen langen Pfahl und rammte ihn in den Boden. Währenddessen zerteilte der andere das Fleisch des Tieres und bereitete es über dem lodernden Feuer zu. Alle Anwesenden konzentrierten sich auf Landerun. Hochkonzentriert blickte sie auf die Eingeweide des Schafes und murmelte Unverständliches vor sich hin. Ihre Augen weiteten sich. Erschrocken sah sie hinüber zu Armin, Finn und Thusnelda. Wieder auf die Eingeweide. Die Furcht und Überraschung in ihrem Blick blieben. Sie winkte die Kinder heran.
„Ihr drei! Kommt her!“
Armin und Finn blickten ungläubig zu ihrem Vater. Mit einem schnellen Kopfnicken befahl er ihnen, Landeruns Bitte umgehend nachzukommen. Langsam erhoben sich Armin, Finn und Thusnelda und gingen vorsichtig hinüber zu Landerun, als könnte sie bei jedem Schritt der Blitz treffen. Der Gestank der warmen Schafseingeweide war bestialisch. Thusnelda wendete sich angewidert ab, aber Landerun zog sie noch näher zu sich, beugte sich über sie und begutachtete neugierig ihr Gesicht. Ihre Nase, ihren Mund, die Augen und Ohren. Besonders intensiv studierte sie die Hände. Dieselbe Prozedur wiederholte sie bei Finn und anschließend bei Armin. Armin war sich sicher, noch nie in seinem Leben eine so alte Frau gesehen zu haben. Ihre Haut war voller Falten, ihre Hände zitterten leicht und sie hatte kaum noch Zähne. Sie musste mindestens sechzig, vielleicht sogar siebzig Jahre alt sein. Unglaublich, dass ein Mensch so alt werden konnte! Und sie roch nicht viel besser als die Eingeweide. Schnell wurde es ihm zu bunt und er riss sich los, aber mit erstaunlicher Kraft und Schnelligkeit packte Landerun seine Arme und tastete seine Hände ab. Endlich ließ sie von ihm ab. Schnell rannten Thusnelda, Finn und Armin zurück auf ihre Plätze möglichst weit weg von Landerun.
„Und? Was siehst du Landerun? Was ist mit unseren Kindern?“, fragte Segimer.
Landerun ließ sich Zeit, bis sie antwortete. „Die Zeichen sind nicht eindeutig. Ich sehe, dass diesen drei Kindern eine große Zukunft bestimmt ist. Sie werden mächtig werden. Ihre Entscheidungen und ihre Taten werden über die Zukunft der Cherusker bestimmen. Mehr noch, sie werden für das Schicksal aller Stämme verantwortlich sein.“
Armins Herz machte einen Satz. Er war von den Göttern auserwählt worden! Er würde ein großer Anführer sein.
„Der Kampf gegen einen großen Feind wird ihr Leben bestimmen“, sagte Landerun.
„Die Römer?“, fragte Wigand.
„Wie können die Römer das Schicksal aller Stämme beeinflussen? Sie leben weit entfernt von hier, selbst ich kenne sie nur aus Erzählungen!“, wandte Thorleif ein.
„Werden wir diesen Kampf gewinnen?“, fragte Segestes.
„Das steht nicht geschrieben. Wie wir alle werden auch sie für ihre Taten und deren Folgen selbst verantwortlich sein. Aber die Götter haben diese drei Kinder dazu auserwählt, große Taten zu begehen. Niemand weiß, welche Folgen ihre Entscheidungen haben werden.“
„Na toll, deswegen liebe ich Orakel so sehr. Du stellst eine ganz einfache Frage und bekommst statt einer Antwort ein Scheiß-Rätsel“, flüsterte Segimer Ingomar zu.
„Vielleicht war das Schaf auch bloß krank“, sagte Ingomar, woraufhin Segimer ihn böse anschaute und sich wieder Landerun zuwandte.
„Sag mir, Landerun: Sollen wir gegen die Römer kämpfen?“
Zweifelnd blickte Landerun zwischen Armin und den Eingeweiden hin und her.
Schließlich antwortete sie: „Es ist der Wille der Götter und Ahnen, dass sich die Cherusker nie beherrschen lassen.“
„Krieg!“, rief Thorleif und hob seine Streitaxt gen Himmel.
9 v. Chr.
Finn war alles andere als froh, Thusnelda wieder zu sehen. Aber da stand sie, wie vereinbart mitten auf der Lichtung, mit einer Blume in den Haaren und verträumt in die Wolken blickend. Mädchen. Typisch. Finn kam aus dem Wald heraus, sein Bruder Armin an seiner Seite. Beide waren Sie mit Pfeil, Bogen und Kurzdolch bewaffnet. Thusnelda kam ihnen freudig entgegen gehüpft.
„Das seid ihr ja endlich, ich habe schon auf euch gewartet“, quietschte sie.
„Hallo Thusnelda“, sagte Finn mürrisch.
„Ich grüße dich“, sagte Armin deutlich herzlicher als sein Bruder. „Hier, das habe ich für dich gemacht.“
Armin übergab ihr ein kleines, aus Holz geschnitztes Pferd. Sie besah es sich mit staunenden Augen und betrachtete jedes Detail.
„Du kannst schnitzen? Toll, das ist wunderschön! Vielen Dank, Armin“, sagte Thusnelda begeistert und drückte den überraschten Armin an sich.
„Kein Problem, war keine große Sache“, erwiderte er kleinlaut.
„Gut und schön. Lasst uns endlich gehen, damit wir noch vor dem Sonnenuntergang zu Hause sind. Thusnelda, unser Vater würde sich freuen, wenn du bei uns übernachten würdest. Dann müsstest du nicht heute Abend allein wieder zurück in dein Dorf.“
„Klar, gerne. Was jagen wir denn jetzt? Eichhörnchen? Oder Hasen?“
„Nein, nein, das ist doch was für Kinder und Gallier. Wir jagen ein Reh!“, erklärte Armin stolz.
„Ein Reh? Ihr zwei? Aber ihr seid doch noch keine Männer, ihr könnt doch kein ausgewachsenen Reh erlegen, oder?“
„Haben wir bereits und werden wir heute auch“, sagte Finn genervt. „Vorausgesetzt, wir fangen heute nochmal damit an.“
Armin gab Finn einen Stoß mit der Faust, weil er vorher versprochen hatte, Thusnelda nicht zu ärgern. Finn nickte zerknirscht und ging vorweg auf einen kleinen Pfad in Richtung Wald.
Armin nahm Thusnelda beiseite: „Pass auf, das ist jetzt ganz wichtig. Du kannst mit uns mitkommen. Aber dann musst du immer das machen, was wir dir sagen, ist das klar? Wir müssen ein Reh finden und uns leise heranschleichen. Also kein Gesang, kein Pfeifen - am besten, überhaupt keinen Mucks, verstanden?“
Thusnelda nickte eifrig und versprach feierlich, ihnen die Jagd nicht zu verderben. Dann folgten sie Finn in den Wald.
Thusnelda hatte schon oft die anderen Frauen in den Wald begleitet, um ihnen zu helfen Beeren, Nüsse und Pilze zu sammeln. Aber sie war noch nie bei einer Jagd dabei gewesen. Jetzt kamen ihr die Bäume viel größer vor, das Blattwerk dichter, die Geräusche des Waldes unheimlicher. Sie hatte Mühe, mit dem schnellen Schritt von Armin und Finn mitzuhalten. Die Jungs waren in ihrem Element. Armin liebte den Wald und er liebte die Jagd. Er atmete tief die frische Luft ein, genoss den Geruch der Natur und spürte das weiche, saftige Moos unter seinen nackten Füßen. Seine Sinne waren geschärft, er lauschte nach dem verräterischen Knacken von Holz. Aber hier im Wald gab es sehr viel Deckung. Ein Reh könnte keine fünf Schritte neben ihnen stehen. Solange es sich nicht bewegte, hatten sie keine Chance es zu entdecken. Armin und Finn waren auf dem Weg zu einer Lichtung, an deren Rand viele Beeren und Gräser wuchsen und die daher oft von Wild aufgesucht wurde. Auf einer kleinen Anhöhe versteckten sich die Kinder im hohen Gras und warteten. Thusnelda kam es vor wie Stunden. Sie langweilte sich zu Tode. Sie zählte die Wolken, die am tiefblauen Himmel über sie hinweg zogen, sie flocht eine Kette aus Gräsern und blickte nur gelegentlich auf die Stelle, auf die Finn und Armin die ganze Zeit über bewegungslos starrten. Dort sollte das Wild aus dem Wald kommen und auf die Lichtung gehen. Tat es aber nicht.
Auf einmal nahm Thusnelda etwas wahr. Eine Bewegung, irgendwo rechts von ihnen. Erschrocken sah sie sich um. Ein stattlicher Hirsch kam langsam und vorsichtig aus dem Wald und schritt auf die Lichtung zu. Thusnelda wagte kaum zu atmen und stupste Armin vorsichtig an. Bevor er sie tadeln konnte, sah auch er den Hirsch, nur einen Moment vor Finn. Sie wagten nicht, einen Muskel zu bewegen. Armin gab Finn per Handzeichen zu verstehen, es ihm gleich zu tun und ganz langsam den Bogen zu spannen. Der Hirsch blieb stehen und begann, an den Büschen mit den schmackhaften Beeren zu fressen. Direkt vor ihnen. Er witterte sie nicht. Perfekt. Armin und Finn hatten auf ihn angelegt. In seinem Kopf wiederholte Armin immer wieder, was sein Vater ihn gelehrt hatte. Langsam ist präzise und präzise ist schnell. Gleichzeitig standen die Brüder auf und schossen. Bevor der Hirsch reagieren konnte, trafen ihn beide Pfeile. Aber er war stark und groß, die Pfeile hatten ihn nicht zur Strecke gebracht. Kaum hatte er wahrgenommen, was mit ihm passierte, trafen ihn Finn und Armin noch einmal, diesmal in den Hals und in die Flanke. Der Hirsch versuchte, die Flucht zu ergreifen, aber nach wenigen Schritten gehorchten ihm seine Beine nicht mehr und er brach zusammen. Armin und Finn sprangen aus ihrem Versteck hervor, hechteten zu dem Hirsch um ihn mit den Dolchen zu töten. Als ihm das warme Blut des Hirsches die Hand herunterfloss, fühlte sich Armin so lebendig wie nie. Einen Hirsch hatten sie noch nie erlegt! Das heilige Tier seines Stammes. Und dieser war gewaltig und hatte ein imponierendes Geweih! Das ganze Dorf würde zusammen kommen und man würde bei einem Festmahl heute Abend Lieder auf sie anstimmen! Ihr Vater würde beeindruckt sein! Er war der Sohn des Fürsten und er hatte sich würdig erwiesen. Noch ahnte Armin nicht, dass ihm seine Herkunft bald zum Verhängnis werden würde.
Segimers Hof war umgeben von Sträuchern und kleineren Bäumen und bestand aus acht länglichen Häusern, die verteilt auf kleinen Hügeln standen, unweit eines fischreichen Sees. Die Häuser bestanden aus einem einzigen Raum, der gleichzeitig als Schlaf-, Wohn- und Esszimmer diente. Zwischen den Häusern standen vereinzelte Koppeln, in denen die Cherusker Kühe, Schweine und Pferde hielten. Daneben lagen Äcker, auf denen ein wenig Getreide und Gemüse angebaut wurden. Der Fürst Segimer hatte das größte Haus in der Mitte des Dorfes.
„Was ist da denn los?“ Finn war der erste, der die sieben angebundenen Pferde sah. Es waren keine Pferde von Cheruskern; diese hier hatten feste Sattel und reich verziertes Geschirr.
„Römer!“
Am Eingang des Hauses standen vier römische Soldaten. Thusnelda, Armin und Finn blieben auf der Stelle stehen. Keiner der drei hatte die Römer je aus der Nähe gesehen. Weder ihre kleine, schmächtige Statur noch ihre dunkle Haut waren besonders eindrucksvoll. Aber ihre Waffen, ja ihre ganze Ausrüstung! Wie die Cherusker trugen die Römer Sandalen - allerdings waren ihre wesentlich besser gepflegt und wirkten deutlich neuer. Darüber trugen die römischen Soldaten Beinschienen aus Eisen. Über einem einfachen Gewand lag eine stählerne Rüstung. Sie reflektierte das helle Sonnenlicht, als wäre sie vor diesem Tag noch nie getragen worden. Die Rüstung schien aus mehreren Teilen zu bestehen, die Römer konnten ohne Probleme ihren Oberkörper drehen und die Arme heben. Und alle sahen sie identisch aus! Alle vier trugen sie Helme, die ebenfalls aus Eisen gefertigt waren. Die Helme hatten Wangenklappen, eine Verlängerung über den Nacken und eine Verstärkung auf der Höhe der Stirn. Thusnelda fiel auf, dass keiner dieser Soldaten einen Bart hatte. Auch ihre Haare waren so kurz, dass man sie unter den Helmen nicht sah. So was hatten sie auch noch nie gesehen: alle cheruskischen Männer hatten lange, struppige Haare, die sie zu Zöpfen flochten, und einen Bart. Jeder Mann hatte eine andere Ausrüstung, jeder trug andere Waffen.
In Armins Augen wirkten die Römer lächerlich. Hübsch und ordentlich, aber das waren Frauen auch. Das Schwert der Soldaten war so kurz, dass die Cherusker damit höchstens Vieh geschlachtet hätten. Gegen ihre Langschwerter wäre es sicherlich keine gute Waffe. Nur die Schilde, gegen die alle vier Soldaten lehnten, beeindruckten auch Armin: Sie reichten den Römern bis über die Hüfte, waren leicht gebogen und bedeckt von einer Metallplatte mit einem runden Buckel. Sie waren verziert und ebenfalls blankpoliert. Die Schilde war so groß, dass sich Armin problemlos dahinter verstecken hätte können. Wahrscheinlich taten die Römer genau das: sich dahinter verstecken, dachte Armin. Feiges Pack!
Armin hatte sich die römischen Krieger wesentlich eindrucksvoller vorgestellt. Wie konnte es sein, dass diese Tunten in den letzten zwei Jahren jeden Stamm besiegt hatten, der sich ihnen auch nur ansatzweise widersetzt hatte? Einmal war es den Sugambrern sogar gelungen, Drusus in einen Hinterhalt zu locken. Aber trotz dieses Vorteils hatten sie verloren. Auch die Cherusker hatten gekämpft, aber auch sie hatten verloren. Wiegand und Volkmar waren gefallen, ebenso hunderte weiterer Krieger. Das Volk der Cherusker, noch vor Kurzem ein sehr mächtiger Stamm, war geschwächt. Ihre Eintracht hatte nur kurzen Bestand gehabt, nun versuchte jede Sippe ein eigenes Arrangement mit den Römern zu erreichen. Sie konnten ihre eigenen Ländereien nicht mehr verteidigen. Immer öfter marschierten Römer ungesühnt durch ihr Gebiet.
Die anderen Dorfbewohner besahen sich die Soldaten ebenfalls argwöhnisch, gingen aber weiter ihren alltäglichen Arbeiten nach. Niemand schien in Aufruhr versetzt zu sein, aber niemand sprach auch nur ein Wort. Armin schlussfolgerte, dass die Römer nicht in feindlicher Absicht gekommen waren. Sie wollten wohl nur ihren Vater besuchen Vermutlich, um Friedensverhandlungen zu führen oder um Felle und Lebensmittel für den herannahenden Winter zu bitten. Es schien keine Gefahr zu geben. Immer noch mit dem Kopf des erlegten Hirsches in der Hand, ging er mutig auf die Römer zu. Finn folgte ihm prompt.
„Wartet, bleibt hier!“, rief Thusnelda ihnen nach.
Die beiden Jungen ließen sich nicht zurückhalten. Sie waren Söhne des mächtigsten Fürsten der Cherusker. Die Römer würden es nicht wagen, ihnen ein Haar zu krümmen. Thusnelda blieb zurück. Finn und Armin gingen auf den Eingang ihres Hauses zu. Die Römer hatten sie bemerkt und beäugten sie misstrauisch. Als sie keine fünf Schritte mehr entfernt waren, stellte sich einer der Soldaten ihnen in den Weg und knallten ihnen den Schild vor die Nase. Als würde das Material Finn magisch anziehen, strich er sanft über die feinen Ornamente des Schildes.
„Vater!“, brüllte Armin in das Innere der Hütte.
„Lasst sie durch!“, hörte er Segimers Stimme, doch die Soldaten rührten sich nicht. Erst als eine andere Stimme einen Befehl erteilte, den weder Finn noch Armin verstehen konnten, wich der Soldat zur Seite und gewährte ihnen Einlass in das dunkle Innere der Hütte.
Am großen Tisch saßen Segimer und Ingomar, an ihrer Seite waren Erwin und Hartwig, die beiden besten Krieger seiner Sippe. Ihnen gegenüber saßen ein Römer sowie ein Stammesfürst, den Armin nicht kannte. Auch sie wurden von zwei römischen Kriegern beschützt.
„Finn, Armin! Kommt rein! Das ist der Anführer der Römer, Nero Claudius Drusus“, sagte Segimer und deutete auf den Römer ihm gegenüber. „Und der Wichtigtuer neben ihm ist Anselm, Fürst der Chauken.“
„Oder zumindest war er das mal, bevor er zur Hure Roms wurde“, fügte Ingomar mit einem süffisanten Lächeln hinzu.
„Er wird für uns übersetzen, weil die Römer unser Land zwar beherrschen wollen, aber nicht einmal unsere Sprache können.“
Armin sah Drusus an. Er trug eine Rüstung, die im Gegensatz zu den einfachen Soldaten vor der Tür reich verziert war und von einem purpurfarbenen Umhang geschmückt wurde. Auf dem Tisch neben ihm lag sein mit Federn geschmückter Helm. Seine tiefbraunen Augen ruhten auf Finn und Armin. Drusus vereinte das gepflegte, beinahe feminine der römischen Soldaten mit der Stärke und natürlichen Autorität eines Kriegsfürsten. Er war ein außerordentlich gutaussehender Mann.
„Suntne filii vestri?“
„Sind das deine Kinder?“, übersetzte Anselm für Segimer.
„Ja. Das sind meine Söhne Armin und Finn. Worüber willst du mit uns sprechen, Drusus?“
Wieder übersetzte Anselm ins Lateinische. Drusus antwortete nicht sofort. Gelassen sah er sich in der kargen Hütte um und betrachtete die an den Wänden hängenden Waffen und Trophäen.
„Wo ich herkomme, wird Gästen Wein angeboten“, sagte er.
„Und wo ich herkomme, marschieren Gäste nicht ungeladen durch die Ländereien und plündern, vergewaltigen und unterjochen die Menschen, die dort seit Generationen leben!“
Segimer war aufgesprungen vor Wut. Ingomar klopfte seinem Bruder beruhigend auf die Schultern und flüsterte etwas in sein Ohr. Segimer atmete tief durch.
„Aber nichtsdestotrotz will ich nicht unhöflich sein. Was du Wein nennst, ist bei uns Traubensaft. Und den haben wir leider nicht. Aber wie wäre es mit etwas Milch?“
Drusus gelang es nicht, seine Verwunderung und Abscheu zu verbergen. Mit einem dankbaren Lächeln schüttelte er den Kopf.
„Met?“, fragte Segimer.
Ohne auf eine Antwort von Drusus zu warten, winkte Segimer Erwin. Dieser brachte daraufhin drei aus Ton gefertigte Becher und füllte sie mit dunklem Met. Segimer erhob seinen Becher, Ingomar und Drusus taten es ihm gleich. Es war kein Versehen, dass Anselm nichts bekommen hatte.
„Auf unsere Gäste!“, sagte Segimer betont feierlich. „Mögen sie in Frieden weiterziehen!“
Alle tranken. Segimer und Ingomar leerten ihren Becher in einem Zug, aber Drusus nippte nur leicht, verzog das Gesicht und stellte den Becher wieder hin.
„Segimer, du genießt bei deinem Volk einen hohen Ruf. Du bist ein mächtiger und weiser Herrscher“, sagte Drusus ruhig.
„Gleich macht er dir einen Heiratsantrag“, flüsterte Ingomar in Segimers Ohr.
„Aber deine Macht ist begrenzt, deine Krieger wurden von uns geschlagen, wie auch die aller anderen Germanen.“
„Als was bezeichnest du uns, Römer?“, fragte Segimer verärgert.
Anselm grinste höhnisch, als er die Frage für Drusus übersetzte. Auch dieser lächelte.
„Verzeih mir, dieser Begriff ist dir unbekannt. Sei versichert, dass ich dich nicht beleidigen wollte. Als Germanen bezeichnen wir alle Stämme auf der rechten Seite des Rhenus. Genau wie ihr uns alle als Römer bezeichnet, auch wenn wir aus verschiedenen Regionen und Provinzen kommen“, erklärte Drusus gelassen. „Wo war ich stehen geblieben? Ach ja… Weisheit und Macht. Ich bin gekommen, um über beides mit dir zu sprechen. Ich schlage dir einen einfachen Handel vor. Wenn du so weise bist, wie man mir sagte, wirst du sicherlich die Vorteile für dich und deinen Stamm erkennen“, sagte Drusus.
„Du sprichst wie ein Weib! Rede wie ein Krieger und sag frei heraus, was du willst!“, unterbrach ihn Segimer ungeduldig. Wieder legte Ingomar seine Hand auf die Schulter seines Bruders. Geduld war keine seiner Tugenden.
„Natürlich“, sagte Drusus ruhig. Er ließ sich nicht provozieren. Stattdessen lehnte er sich über den Tisch nach vorne und sah direkt in Segimers feindselig funkelnde Augen. „Ich biete dir an, dass ich dein Gut nicht niederbrenne, dass ich eure Krieger nicht abschlachten lasse wie Vieh und dass ich eure Frauen nicht als Sklaven nach Rom bringen werde. Stattdessen sollst du deine Macht als Fürst behalten. Ja mehr noch, ich erlaube dir, mit Rom Handel zu treiben. Und sollte dich einer deiner Feinde angreifen, so würde ich ihn als meinen Feind betrachten und Seite an Seite mit dir kämpfen. Das ist mein Angebot. Das ist das Angebot des Kaisers Gaius Iulius Caesar Octavianus Augustus! Und Ich würde dir raten, es anzunehmen.“
Keiner im Raum sagte etwas, keiner bewegte sich. Armin traute sich noch nicht einmal zu atmen. Was nur Augenblicke waren, kam ihm vor wie eine Ewigkeit.
„Du bist kein… Wie hast du uns genannt? Germane! Du kennst unsere Bräuche nicht. Daher werde ich dir auch nicht den Kopf abhacken, wie ich es mit jedem anderen tun würde, der es wagt mir und meinem Stamm zu drohen! Unter meinem Dach!“, sagte Segimer, atmete erneut tief durch und lehnte sich zurück. „Und was verlangst du im Gegenzug für dein ach so großzügiges Angebot?“
„Ich biete dir an, deine beiden Söhne nach Rom zu bringen. Nicht als Sklaven oder als Gefangene. Sie werden wie Prinzen behandelt, die sie sind. Sie werden in den besten Häusern wohnen, ihnen wird es an nichts mangeln. Wir werden sie lesen und schreiben lehren. Und wir werden sie im Kampf ausbilden. Wenn sie sich ehrenhaft um Rom verdient machen, können Sie römische Bürger und sogar Offiziere werden. Deine Söhne werden zu den besten Kriegern ausgebildet werden, Segimer!“
Armin versuchte zu begreifen, was Drusus eben zu seinem Vater gesagt hatte. Er sollte nach Rom? Als Römer leben und für die Römer kämpfen?! Lauderun hatte ihnen eine große Zukunft prophezeit und nun hatte auch dieser Römer sie ausgewählt. Angst, Stolz und Ehrgeiz überkamen ihn gleichzeitig. Er war der Sohn eines angesehenen cheruskischen Fürsten, ein Prinz. Seine Familie stammte von den Göttern selbst ab, natürlich hatten Finn und er sich immer vorgestellt, dass sie eines Tages tapferer Krieger und Anführer werden würden. Aber doch nicht für die Römer!
„Vater...“, begann Armin, doch der ermahnende Blick seines Vaters gebot ihm Einhalt.
„Ich weiß, es ist keine leichte Entscheidung, seine Söhne wegzuschicken.“ Drusus stand auf, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und ging langsam um den Tisch auf Segimer zu. „Ich selbst habe auch zwei Kinder, einen Sohn. Und wie es der Wunsch eines jeden Vaters ist, so sollen meine Kinder ein besseres Leben haben als ich. Auch mir würde die Entscheidung nicht leicht fallen, aber ich würde mir diese Chance auf eine vielversprechende Zukunft nicht entgehen lassen.“
Drusus stand direkt hinter Segimer. Er legte seine schweren Hände auf die breiten Schultern, beugte sich vor und sagte leise, in der Sprache der Cherusker:
„Denk gut nach, Segimer. Es geht nicht nur um dich. Es geht um die Zukunft deiner Söhne. Und die Zukunft deines Stammes.“
Armin sah, wie angespannt sein Vater war. Seine Brust hob und senkte sich schnell, seine Augen starrten ins Nichts. Ingomar hob sachte Drusus Hände von den Schultern seines Bruders. Drusus sah ihn überrascht an. Ingomar schüttelte tadelnd seinen Kopf. Drusus hatte Segimer mehr beleidigt, als er ahnte. Nur sein hohes Amt hatte ihn davor bewahrt, seine Hände durch Segimers Schwert zu verlieren.
Der Römer ließ sich nicht beirren: „Du solltest mir danken. Rom macht nicht jedem so ein großzügiges Angebot. Aber Rom glaubt an dich. Caesar Augustus glaubt an dich. Willst du wissen, warum?“ Langsam ging Drusus wieder auf die andere Seite des Tisches, während er weitersprach. „Weil auch ich an dich glaube. Ich weiß, dass die Cherusker tapfere und mutige Krieger sind. Ja, wir könnten euch besiegen, aber zu welchem Preis? Wir würden viele Soldaten verlieren und dein Stamm würde für immer ausgelöscht werden. Alles, wofür du und deine Vorfahren gekämpft und geblutet haben, wäre verloren. Für immer. Wir wollen das nicht. Anstatt gegen euch zu kämpfen, wollen wir uns mit euch verbünden. Du kannst den anderen Stammesfürsten auch erzählen, dass du mich erpresst hättest, das ist mir gleich. Spiel den starken Mann, hebe dich über die anderen Fürsten! Das ist deine Chance! Eine einmalige Chance!“ Drusus reichte Segimer demonstrativ die Hand entgegen. „Ich reiche dir die Hand in Freundschaft. Hier und jetzt. Aber nur dieses eine Mal.“ Segimer sah langsam auf Drusus ausgestreckte Hand hinab. Nachdenklich betrachtete er seine Söhne, die immer noch in der Tür standen und ihn fragend ansahen. Langsam, als würde eine schwere Kraft ihn daran hindern, stand er auf. Segimer schlug ein.
Drusus hatte Mühe, sich die Schmerzen nicht ansehen zu lassen, als Segimers Pranke ihm beinahe die Hand zerquetschte.
Einige Wochen später fand Armin sich auf einem Pferd wieder und ritt langsam aus seinem Dorf heraus. Den einzigen Ort, den er bisher kannte. Neben ihm ritt sein Bruder Finn, der aufgeregt die Soldaten betrachtete, die sie begleiteten. Armin sah zurück. Sein Vater hob die Hand zum Abschied. Ohne dass er es wollte, erwiderte Armin den Gruß. Er wusste nicht, wie er sich fühlen sollte. War er wütend auf seinen Vater? Sie hatten kaum miteinander gesprochen seit dem Gespräch mit Drusus. Armin hatte ihn gefragt, wann sie sich wiedersehen würden, aber er hatte ihm nicht geantwortet. Er hatte ihn nur ermahnt, stets sein Bestes zu geben, die Sippe nicht zu entehren und seinen Vater stolz zu machen. Das war alles. Zum ersten Mal in seinem Leben fragte sich Armin, ob sein Vater Unrecht haben könnte. Er hatte ihn weggegeben, vielleicht wollte er ihn nicht mehr. Der mächtige Fürst der Cherusker hatte sich den Römern nicht widersetzt, sondern klein beigegeben. Wie konnte er das nur tun? Armin sah, wie sich sein Vater erschöpft an die Wand seiner Hütte lehnte, als wäre er verwundet. Segimer hatte doch gekämpft. Nicht mit den Römern, aber sein Verstand hatte mit seinem Herz gerungen - und der Verstand hatte gewonnen. Armin verstand. Deswegen hat er ihn mit den Römern gehen lassen. Weil es das Beste war. Neben Segimer stand sein Bruder Ingomar und winkte ihnen ebenfalls zum Abschied, er konnte sich mit Mühe zu einem aufmunternden Lächeln zwingen. Aber Armin konnte es nicht erwidern.
Sie kannten Rom nur aus Geschichten. Eine Stadt, so groß wie das Gebiet eines ganzen Stammes. Steinerne Häuser, die bis zum Himmel ragen und Menschen aus aller Herren Länder. Der Nabel der Welt. Wie viele Jungs aus ihrer Sippe wollte auch Finn fremde Länder sehen und Abenteuer erleben. Im Gegensatz zu ihm hatte Armin nie das Verlangen gehabt, seine Heimat zu verlassen. Ihr Onkel Ingomar hatte ihnen gesagt, dass die Römer häufig die jungen Männer ihrer Alliierten –– ein Wort, dass Segimer nie in den Mund nehmen würde – in ihre Armee aufnehmen. Deswegen kämpften Männer aus allen Winkeln der Erde gemeinsam unter dem römischen Adler. Für Armin machte das überhaupt keinen Sinn. Wenn die Cherusker in den Krieg zogen, kämpften sie Seite an Seite mit anderen Familienmitgliedern. Selbst wenn mehrere Stämme sich verbündeten, war der Familienbund das wichtigste Bindeglied. Ein cheruskischer Krieger kämpfte nicht nur für sich, sondern auch für seine Brüder und Cousins an seiner Seite. Warum sollte jemand mit wildfremden Menschen in die Schlacht ziehen?
Langsam ritt der kleine Trupp - Armin, Finn und die vier römischen Soldaten - aus dem Dorf hinaus. Sie passierten den letzten Hof, die letzte Koppel und ritten entlang eines Pfades nach Westen. Gerade als sie außer Sichtweite des Dorfes waren, sprang Thusnelda hinter einem Baum hervor und lief auf Armin zu. Sie war so schnell aus dem Nichts aufgetaucht, dass die Römer erschrocken herumfuhren und ihre Schwerter kampfbereit umfassten.
„Armin!“, rief Thusnelda und eilte auf ihn zu.
Finn schüttelte den Kopf. Die schon wieder.
„Thusnelda, was machst du hier?“
„Du gehst nach Rom?“
„Ja, sieht so aus.“
„Kommst du bald wieder?“
„Das habe ich meinen Vater auch gefragt. Er hat mir nicht geantwortet. Ich weiß es nicht.“
„Hier nimm das!“
Thusnelda reichte Armin eine Kette mit einem Anhänger. Dieser Anhänger war eine Swastika, ein Kreuz mit nach links gebogenen Armen. Armin kannte das Symbol, er hatte es schon oft als Schmuckstück oder Verzierung auf Waffen und Häusern gesehen.
„Das bringt Glück. Meine Mutter hat es mir geschenkt. Sie hat gesagt, es kommt aus einem fernen Land im Osten.“
Armin legte sich die Kette um den Hals und versteckte den Anhänger unter seinem Hemd.
„Ich danke dir!“
„Komm bald wieder, hörst du!“
