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Paul Ontje

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Beschreibung

Tjarko Behrens, ostfriesischer Landwirt mit Hang zum Übernatürlichen, braucht dringend eine Auszeit. Der Hof und sein skurriles Hobby haben ihm sämtliche Kräfte geraubt. Auf Drängen seiner hochschwangeren Schwester beantragt er eine Kur und findet sich nur wenig später im hessischen Bad Sooden Allendorf wieder. Doch kaum ist Tjarko in der medizinischen Mangel, kehren in Ostfriesland längst vergessene Dämonen zurück. Seine Freunde in der Heimat müssen handeln. Und bringen damit nicht nur den Landwirt in erhebliche Schwierigkeiten. Allerbest Der zweite Roman rund um den ostfriesischen Landwirt Tjarko Behrens. Eine Geschichte voller deftiger, skurriler und durchaus romantischer Momente. Für alle, die das Lachen lieben und schräge Charaktere nicht scheuen.

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Silvester

Landleben

Damenwelt

Puzzle

Handkäse mit Musik

Angekommen

Stangerbad

Körperhaare

Achtsam

Rätselhafter Kerl

Alte Geister

Beichten

Nacht und Nebel

Undercover

Ehrengast

Offenbarung

Museum

Oldtimer

Ausflug

Tjarko

Heimkehr

Nachtmesse

Geschwister

Jubeltag

Silvester

Schneeflocken, so groß wie Wattebäusche, fielen gemächlich auf einen rostigen Fischkutter. Wind zog über das Wasser. So kalt, dass selbst Möwen auf dem Land einen warmen Unterschlupf gesucht hatten. Dunkle, schwere Wolken zogen über den nächtlichen Himmel. Selbst das kühle Licht des Vollmonds versteckte sich hinter den unheimlich wirkenden Gebilden und verlieh der rauen Nordsee eine nahezu gespenstische Atmosphäre. Es war genau drei Jahre her, als im Dezember der letzte Schnee gefallen war. Die Winter danach zeigten sich mild und regnerisch.

Nun, an diesem letzten Tag des Jahres kehrte die Kälte ein. Als ob der heilige Petrus einen Schalter gedrückt hätte, kam der Winter wie eine Horde hungriger Löwen über das Land. Seit dem Nachmittag rieselte die weiße Pracht unaufhörlich vom Himmel und versteckte Ostfriesland unter einer weißen Decke.

Vom Binnenland tönte hier und da das Krachen von Böllern und Zischen von Raketen, die bunt am Himmel zerbarsten.

Tjarko Behrens stand auf dem Kutter und kniff die Augen zu. Kalter Wind wehte ihm in das von Akne vernarbte Gesicht. Der hünenhafte Ostfriese fröstelte und zog die Kapuze tiefer. Er hasste Schnee. Regen war eigentlich eher sein Element. Aber auf das weiße Zeug hätte er auch gut verzichten können. Nachdem die Arbeit auf seinem Bauernhof verrichtet gewesen war, hatte er sich nach einer heißen Dusche auf das Sofa gefläzt und sich auf einen ruhigen Abend mit Chips und Cola gefreut. Silvester war nicht so sein Ding. Zudem ging ihm die Böllerei auf den Keks.

Seine Schwester hatte ihn, wie die Jahre zuvor, aus reiner Höflichkeit zu sich und seinem Schwager eingeladen. Tjarko hatte freundlich abgesagt. Wie immer. Nicht, dass er Nicole ungern besucht hätte.

Seit einiger Zeit herrschte eine frostige Atmosphäre zwischen ihm und Klaus. Der dämliche Kerl mischte sich immer mehr in die Angelegenheiten von Tjarkos Betrieb ein. Seit sich der Hofhelfer aus dem Staub gemacht hatte, bewirtschaftete er seinen Bauernhof komplett allein. Über hundert Kühe sowie ein Bulle machten eine Menge Arbeit.

Die Felder lagen im Winter brach, sodass Tjarko gut allein zurechtkam. Im Frühling wurde es etwas hektischer. Aber er erledigte seine Arbeiten mit einer gewissen Routine. Zumal nüchtern alles irgendwie leichter von der Hand ging. Ihn nervten die dauernden Ratschläge von Klaus. Irgendwann hatte er ihn vom Hof gejagt. Nicoles verzweifelte Versuche, den Zwist aus der Welt zu schaffen, scheiterten kläglich. Tjarko war halt ein Dickkopf, das wusste er selbst.

Nun stand der Landwirt mitten im Schneetreiben und fror sich die Klöten ab. Hier oben auf dem Fischkutter war es gefühlt zehn Grad kälter. Seine Hände fühlten sich an wie Eisblöcke. Eigentlich hatte er für solche Situationen stets einen Handwärmer parat. Das Gerät konnte man sogar über ein Handy wieder aufladen. Hassan hatte es ihm letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt. Aber nun gab es weder Handwärmer noch anderes Wetter. Als Landwirt war er abgehärtet, doch inzwischen wähnte er sich eher am Nordpol als an der ostfriesischen Küste. Da halfen auch lange Unterhosen und doppelte Socken nichts.

Es war verdammt nochmal scheißkalt.

Nützte nichts. Als einziger Geisterjäger in Ostfriesland musste man manchmal Opfer bringen. Er hätte sich besser ein anderes Hobby suchen sollen. Klöppeln oder Boßeln vielleicht.

Inzwischen zeigte die Uhr kurz nach elf in der Nacht. In der beinahe undurchsichtigen Wand aus Schneeflocken präsentierte sich am Himmel der Vollmond und verlieh der Dunkelheit ein nüchternes Licht. Tjarko seufzte, rieb sich die Hände und öffnete eine klapprige Tür. Mit einem Fuß kickte er sie hinter sich zu.

Hassan stand am Steuerrad des Kutters und blickte auf ein kleines, blinkendes Gerät. Gedankenverloren kratzte er sich den Vollbart. Dann strich er sich über seine nach hinten gekämmten, pechschwarzen Haare. Keine einzige graue Strähne war zu erkennen. Obwohl er fünf Jahre älter war als Tjarko, schien der Kerl nicht zu altern. Drahtiger Körperbau und ein makelloses Gebiss machten ihn zum absoluten optischen Gegenteil von dem eher grobschlächtig wirkenden Landwirt.

»Und?«, fragte Tjarko. Er griff nach einem Becher und schlürfte an dem dampfenden Tee. »Was sagt dein Tüddelkram?«

Hassan verdrehte genervt die Augen. Sein bester Kumpel stand den ganzen Geräten, die paranormale Aktivitäten messen sollten, eher skeptisch gegenüber. Tjarko verließ sich lieber auf seinen siebten Sinn. Das wurde ihm förmlich in die Wiege gelegt.

»Nichts. Keine Aktivitäten«, erwiderte Hassan. Er streckte die Arme und gähnte ausgiebig. »Ich glaube, wir brauchen heute viel Geduld und Spucke.«

»Ich hatte eigentlich keine Lust, bis nächstes Jahr auf einem Fischkutter zu verbringen«, raunzte Tjarko und schloss die Augen. Absolute Totenstille in seinem Schädel. Keine Stimmen, noch nicht mal ein Hauch von einem komischen Gefühl in seinem Bauch.

Außer, dass er irgendwie nicht einmal ansatzweise motiviert war, die Geschichte hier in die Länge zu ziehen.

Hassan kurbelte wild am Steuerrad und tat so, als ob er in die Ferne blickte.

Tjarko brummte. »Hör auf mit dem Scheiß.«

»Wohin wollen Sie, Sir? Ich kann Sie von hier aus direkt an den Strand bringen.«

»Mir ist nicht nach miesen Witzen zumute. Besonders nicht um diese Uhrzeit.«

Hassan griente. »Früher, da wollte ich Fischer werden. Wusstest du das?«

Nun mag sich der Leser denken, dass der Kutter irgendwo in einem Hafen lag oder still über die See schipperte. Beides war nicht der Fall. Das alte Fischerboot war schon seit Jahren ausrangiert und stand nun mitten in einem kleinen Fischteich. Im Sommer kletterten neugierige Urlauber auf dem rostigen Kahn umher und schossen Fotos. Hundert Meter weiter, hinter einem kleinen Café, befand sich ein Automuseum, in dem unzählige Oldtimer die Besucher begeisterten. Dummerweise hatte das Museum ein kleines Problem. Ein vermeintlicher Geist trieb dort seit einiger Zeit sein Unwesen. Selbst Urlauber berichteten, dass am ausrangierten Fischkutter unerklärliche Dinge geschahen. Von Stimmen aus dem Nichts bis hin zu umherfliegenden Gegenständen. Das Übliche halt. Für Tjarko und Hassan nichts Besonderes. Jedoch für den Besitzer des Museums äußerst unangenehm. Die Sache sollte möglichst diskret erledigt werden. Und was bot sich da besser an als eine Silvesternacht? In der nun gottverlassenen Gegend, nahe Norddeich, konnten die beiden in aller Ruhe ihren Auftrag erledigen.

»Hassan, lass uns doch zusammenpacken. Wir machen Feierabend. Ich spüre nichts, und deine Spielzeuge geben auch keine Geräusche von sich.«

Sein Freund blickte verwundert auf. »Willst du jetzt schon aufgeben? Wir sind doch gerade erst angekommen.« Tjarko war eigentlich kein Typ, der schnell die Flinte ins Korn warf.

Jedoch wirkte er in der heutigen Nacht nicht ganz bei der Sache. Lustlos und müde. Vielleicht lag es am miesen Wetter. Oder an der Uhrzeit. Geisterjagd war manchmal eine recht langweilige Sache. Oft bedurfte es einiger Untersuchungen, um die Stecknadel im Heuhaufen zu finden.

Tjarko gähnte laut. »Mir ist kalt, ich bin total im Arsch und zudem glaube ich, das der Auftraggeber uns nur Märchen erzählt hat.«

In diesem Moment piepste eines von Hassans Geräten. Mit einer Hand wies er Tjarko an, zu schweigen. Erneut blinkten grüne Lichter auf. »Na schau mal einer an. Ich glaube, wir bekommen Besuch.«

Der Landwirt verschränkte die Arme. »Du solltest vielleicht die Batterien mal wechseln«, brummte er, nachdem einige Sekunden verstrichen waren.

»Du nervst wie ein kleines Baby«, zischte sein iranischer Freund und bleckte das tadellose Gebiss. »Was ist heute los mit dir?«

Tjarko brummte. Nichts war mit ihm los. Abgesehen von der stetigen Unruhe, die in seinem Körper rumorte. »Meine Kühe. Ich mach mir Sorgen um meine Kühe. Bei der Böllerei hätte ich sie besser nicht allein lassen sollen.«

»Den Termin hattest du vorgeschlagen. Nicht ich. Nun müssen wir da durch.« Hassan blickte auf sein Gerät und steckte es in die Jackentasche. Der Abend schien gelaufen.

Urplötzlich sprang wie von Geisterhand die Tür auf. Ein scharfer Luftzug wehte Schnee in das Kapitänshäuschen. Tjarko verzog das Gesicht. Scheiße, war das kalt.

»Behrens!«, hallte es aus dem Dunklen.

Hassan blickte auf. »Hast du das auch gehört?«

»Nur den Wind«, bemerkte Tjarko.

»Blödsinn. Das war hundertpro eine Stimme.«

»Ich seh mal nach«, erwiderte Tjarko und trat einen Schritt vor die Tür.

Eiskalter Wind peitschte ihm ins Gesicht. »Hier ist nichts. Außer Schnee«, rief er.

Ein plötzlicher Stoß auf dem Kutter.

Hassan setzte seine Kapuze auf und kam zu ihm. Er kramte seine Gerätschaft aus der Jackentasche und blickte auf die winzigen Lämpchen. Zwei davon leuchteten grün auf. »Nun wird es spannend«, sagte er mit ernster Stimme.

Kaum ausgesprochen, bewegte sich der Boden unter ihren Füßen. Der Kahn wankte nach rechts, als ob eine Welle ihn erfassen würde. Dann ein lautes Krachen. Blechern und schrill. Dreimal wiederholte sich das Geräusch. Das ganze Schiff schien lebendig zu werden.

»Von wegen nur Märchen«, sagte Hassan und suchte Halt.

»Mein lieber Herr Gesangsverein«, bemerkte Tjarko leise.

Sein Herz pochte bis zum Hals. »Jetzt geht es aber los hier.«

Und wie es losging. Obwohl sie so einiges erlebt hatten, kam die nächste Aktion wie ein Dampfhammer über sie. Der Wind nahm an Stärke zu. Pfiff mit voller Wucht über den Kutter. Schneeflocken verwandelten sich auf der Haut zu schmerzenden Geschossen. Bedrohlich knarzte und quietschte der Stahl.

»Geht weg von meinem Land!«, tönte es aus der Schwärze der Nacht.

Hassan lauschte. »Du hast das auch gehört, oder?«

Tjarko nickte schulterzuckend. »Jo.«

Er hielt die Hand schützend vor das Gesicht und lief voran. Beinahe hätte er sich der Länge nach auf das Schiffsdeck gelegt. Der Bug des Bootes neigte sich nach vorn. Dann nach hinten. Hassan presste sich an die Tür. Der ganze Stahl schien zu vibrieren. Hassan blickte zur Seite auf den Fischteich.

Ein grelles, grünes Licht leuchtete unter der dunklen Wasseroberfläche. Mit aufgerissenen Augen fixierte er einen Punkt. Hatte sich da etwas bewegt? Vielleicht ein Fisch?

»Scheiße!«, fluchte Hassan erschrocken.

Eine Hand schoss aus dem Teich. Schwarz wie Ostfriesentee. Lange, knochige Finger mit spitzen Nägeln sausten wie eine frisierte Silvesterrakete geradewegs auf ihn zu. Bohrten sich einen Bruchteil von Sekunden später in sein Gesicht. Er schrie auf. Versuchte, die Hand abzuschütteln. Der Griff wurde fester. Zwei Finger krallten sich in seinen Bart. Er zerrte daran. Drehte sich um die eigene Achse, taumelte rückwärts und fiel über die Reling. Tjarko hastete zu ihm und versuchte, seinen Freund vor dem Sturz zu bewahren. Ein diabolisches Kichern ertönte direkt neben ihm. Tjarko wandte sich um und starrte in zwei rot glühende Augen. Hastig öffnete der Landwirt seine Wachsjacke und holte ein kleines Fläschchen hervor, das aussah wie ein Flachmann. Gesegneter Marillenschnaps von Pastor Jacobs. Er öffnete es mit zitternden Händen und schüttete den Inhalt in die leblosen Augen der teuflischen Fratze. Ein markerschütternder Schrei bohrte sich in seine Gehörgänge.

Und dann ... war die Erscheinung verschwunden.

Tjarko wandte sich um und beugte sich über die Reling. »Hassan?«, rief er heiser.

Nichts. Keine Reaktion.

»Verdammte Axt«, brummte er leise.

Trotz seines bulligen Körpers sprang Tjarko leichtfüßig über die Stangen und landete geradewegs im Fischteich. Die Knöchel brannten wie frostklirrendes Feuer. Seine Füße schienen sich in Eisblöcke zu verwandeln.

Ungeachtet dessen blickte er sich hektisch um. Nichts. Keine Spur von seinem Freund. Der Teich war höchstens vier Handbreit tief. Ertrinken nahezu unmöglich.

Erneut rief er den Namen seines Freundes. Versuchte, wenigstens etwas im Schneetreiben zu erkennen. Bis zu den Knöcheln stand er im Teich. Seine Zehen waren mittlerweile taub und ein kalter Schauer durchfuhr jede Faser seines Körpers. Ihm war es egal. Hassan schien in ernster Gefahr zu sein.

Erst ploppte eine Blase auf der Wasseroberfläche auf. Dann eine zweite. Als ob jemand Fleisch in ein Fondue tauchen würde. Der Teich begann zu blubbern. Dampf stieg auf. An Tjarkos Füßen wurde es erst angenehm warm, dann siedend heiß. Er schrie wütend auf und hüpfte aus dem Wasser. Stapfte geradewegs in eine Schneewehe und fiel auf den Hintern. Hinter sich vernahm er ein gurgelndes Geräusch. Robbte schnaufend zum kochenden Wasser. Packte etwas, das suchend nach etwas zu greifen schien. Er legte sich bäuchlings und griff danach.

Sekunden später tauchte Hassans Kopf auf.

»Zieh mich raus!«, rief der panisch.

Tjarko zog wild an seinem Arm. Er packte den zweiten und zerrte seinen Kumpel in den tiefen Schnee.

Hassan würgte Brackwasser und spuckte es im hohen Bogen wieder aus. Alle Viere von sich gestreckt lag er röchelnd auf dem Rücken.

»Mich ... hat irgendetwas nach unten gezogen«, sagte er heiser.

Nach unten? In dem flachen Teich? Tjarko wusste jedoch, dass nichts unmöglich war. Er selbst war damals beinahe in einem fliegenden Müllcontainer draufgegangen.

»Es wurde heiß. Unsagbar heiß«, hustete Hassan.

Kein Wunder. Tjarko blickte auf das wild gurgelnde Wasser. Wie ein Hummer hätte er darin gekocht werden können. Der Landwirt half seinem Kumpel, sich aufzusetzen.

»Wir müssen hier weg. Du bist kurz vorm Erfrieren.«

Hassan schüttelte den Kopf. Wirkte einen Moment wie geistesabwesend und sagt dann leise: »Alfred.«

»Wie, Alfred?«

»Was meinst du?«

»Du hast gerade Alfred gesagt«, erwiderte Tjarko.

Hassan blickte ihn fragend an. »Ich habe nichts gesagt«, erwiderte er mit bebender Unterlippe. »Zieh mich hoch. Ich muss ins Auto.«

Tjarko nickte, griff Hassan unter die Arme und zog ihn in den Stand.

Bis zum Hals in eine Decke gewickelt hockte Hassan auf der Rückbank von Tjarkos altem Mercedes. Tjarko stellte die Heizung auf Höchstleistung und blickte über den Rückspiegel zum Fischerboot.

»Alles gut mit dir?«, fragte er mit besorgter Miene.

»Allerbest«, kam es von hinten.

Tjarko brummte und starrte mit zusammengekniffenen Augen durch die beschlagene Windschutzscheibe. »Wärst beinahe wie ein Suppenhuhn gekocht worden.«

»Mit mir ist alles in Ordnung.«

Tjarko trat das Gaspedal durch. »Ich fahr nach Hause.«

»Blödsinn. Dreh um und lass uns den Auftrag zu Ende bringen.«

»Ich hab keine Lust mehr auf den Mist. Ich hör auf. Endgültig. Dachte, du gehst drauf.«

Ein kurzes Schweigen. Hassan hustete. »Mich wird dein Fahrstil eher umbringen als so ein blöder Spuk. Außerdem, was soll ich denn unserem Klienten sagen? Wir haben unsere Arbeit noch nicht erledigt.«

»Was weiß ich. Lass dir was einfallen.« Tjarko drosselte das Tempo und warf einen flüchtigen Blick auf die Uhr. »Frohes Neues Jahr übrigens.«

»Danke, dir auch«, kam es von hinten.

Im Schritttempo rutschte der Wagen auf die Landstraße. Tjarko atmete tief ein. Seine klitschnasse Hose klebte auf seiner Haut. Die Muskeln schmerzten, ganz zu schweigen von seinen Knochen. Von nun an wäre für immer Schluss mit dem paranormalen Quatsch. Er war es einfach leid. Und das Erlebnis vorhin setzte dem Ganzen noch die Krone auf. In so eine prekäre Lage war er noch nie geraten. Von den Ereignissen auf seinem Hof damals abgesehen. Der Schrecken stand Tjarko noch ins Gesicht geschrieben. Ihm war es herzlich egal, ob der sogenannte Klient dann eben weiterhin einen hartnäckigen Spuk an der Backe hatte. Es war seine Entscheidung. Die Gedanken schwirrten nicht erst seit gestern in seinem Kopf herum. Hinzu kam, dass sich seine Schwester oft furchtbare Sorgen um ihn gemacht hatte. Und das zu Recht.

»Fang deswegen bitte nicht wieder zu trinken an«, hatte sie oft gesagt, wenn er über seine Erlebnisse von irgendwelchen Heimsuchungen erzählt hatte. Es gab einige Momente, wo er sich nach einer Flasche Korn gesehnt hatte. Und auch jetzt, wo sein bester Freund schlotternd auf der Rückbank lag, hätte er einen Schluck gut gebrauchen können. Nur einen kleinen, winzigen Tropfen auf seinen Lippen. Das hätte ihm schon gereicht. Doch damit war Schluss. Für immer.

Nach einer gefühlt ewig langen Fahrt durch das dichte Schneetreiben erreichten sie endlich heimische Gefilde.

Mit einem müden Winken schloss Hassan seine Haustür auf. »Schlaf gut, und danke für ...«

Tjarko stand an seinem Wagen und winkte ab. »Lass gut sein, geh rein und lass dir ein heißes Bad ein.«

»Dann leg dich auch mal hin.«

»In ein paar Stunden muss ich zum Melken. Glaube, ich bleibe wach.«

Er nickte seinem Freund zu. »Wir sehen uns«, brummte er und stieg ächzend in den Wagen.

Still und friedlich sank der Schnee nieder und hatte den Behrenshof innerhalb von wenigen Stunden in eine idyllische Winterlandschaft verwandelt. Tjarko fuhr in seine Hofeinfahrt und parkte den Wagen unter einem nagelneuen Carport. In der Ferne zischten die letzten Raketen am Himmel und zerbarsten in golden glitzernde Sterne. An Schlaf war nun nicht mehr zu denken. Ächzend stieg er aus und trat mit einem Fuß in ein Schlagloch. Er strauchelte und suchte Halt an seinem Auto. »Verdammte Scheiße nochmal«, fluchte der Landwirt in sich hinein. Das Projekt, die Einfahrt komplett zu pflastern, hatte er ständig vor sich her geschoben. Nun denn, wenigstens ein Vorsatz für das neue Jahr. Zwar hatte er in den letzten Jahren ordentlich Hand an seinen Hof angelegt, doch lag noch einiges im Argen. Dumpf drang das Muhen seiner Kühe aus dem Stall, untermalt von dem ständigen sonoren Brummen der Melkanlage. Er überlegte einen Moment, ging zu seinem direkt angrenzenden Haus und machte dann eine Kehrtwende. Vielleicht sollte er nach seinem Vieh sehen. Könnte nicht schaden, gerade in einer Silvesternacht.

Im Stall herrschte eine entspannte Ruhe. Tjarko lehnte sich an die Eisenstangen und blickte versonnen über seine Milchkühe.

»Was meint ihr?«, fragte er. Einige Tiere glotzen ihn schnaubend an. »Soll ich mit dem Mist aufhören?«

Als Antwort vereinzeltes Muhen.

»Na prima. Ihr seid mir auch keine große Hilfe«, sagte Tjarko. Er wandte sich um und schlenderte zum Bullen. »Hey, gib wenigstens du mal deinen Senf dazu.«

Jeder Außenstehende hätte den Landwirt für vollkommen durchgedreht erklärt, wie er das Gatter öffnete, zum Bullen schritt und sich im Schneidersitz neben ihm niederließ.

»Ich hab die Schnauze gestrichen voll«, murmelte Tjarko.

Der Bulle schnaubte und starrte ihn an.

»Ich glaube, ich lege eine längere Pause ein.«

»Lass es ganz sein«, brummte es in seinem Kopf.

Tjarko nickte. »Wenigstens einer, der mich versteht.«

»Immer wieder gern.«

»Weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.«

Mutter Maria schnaubte erneut. »Hör auf mit dem Gesülze.«

Tjarko schwieg. Mutter Maria sollte er besser nicht widersprechen.

So kauerte der Landwirt bei seinem Bullen und stierte ins Leere. Er fühlte sich platt wie ein löchriger Reifen. Von draußen waren vereinzelte Böllerschüsse zu vernehmen. Was für ein verkorkster Jahresbeginn, dachte er, raffte sich ächzend auf und klopfte dem Bullen den muskulösen Hals. »Frohes Neues Jahr, Kumpel«, sagte er und stieg über das Gatter.

Müde und voller Grütze im Kopf legte Tjarko Behrens seine langen Beine auf den Küchenstuhl. Das warme Gefühl von Erleichterung fühlte sich an wie ein alkoholfreier Cocktail zwischen seinen Stirnlappen. Für ihn stand die Entscheidung fest. Es wurde Zeit, das neue Jahr mit guten Vorsätzen zu beginnen. Er hörte schon die Unkenrufe in seinem Bekanntenkreis. Doch das war ihm vollkommen egal. Ab sofort und unwiderruflich war er nun Geisterjäger im Ruhestand.

Und damit basta.

Landleben

Gut zwei Jahre später ...

Wie an jedem späten Nachmittag schleppte sich der Feierabendverkehr durch Aurich. Unzählige, oft überflüssige Ampeln ließen genervte Autofahrer wild hupen. Die Sonne strahlte mit voller Kraft auf die Blechlawinen. Einige kurbelten ihre Seitenscheibe herunter und steckten die Köpfe heraus. Vorweg zog ein Trecker eine beachtliche Schlange hinter sich her. Wagemutige überholten das gemächlich dahintuckernde Gefährt und stießen übelste Schimpfwörter aus. Bei dem fröhlichen Treiben wähnte man sich fast in einer Großstadt. Doch Aurich glänzte nur mit einer recht überschaubaren Einwohnerzahl, behaglicher Fußgängerzone mit geringfügigen Einkaufsmöglichkeiten sowie einem unglaublich hässlichen Gebilde in Form eines eisernen Turmes mit zwei Hörnern auf dem Marktplatz. Moderne Kunst nannte man das hier.

Tjarko interessierte das Treiben hinter ihm nicht sonderlich. Er hatte genügend Zeit. Sein Trecker war in Tannenhausen, am Ortsrand der Stadt, zur Wartung gewesen. Sein Schwager Klaus war so gnädig gewesen, ihn dort abzusetzen. Manchmal gab es bei dem Idioten auch nette Momente. Es herrschte eine Art zweckmäßige Sympathie zwischen ihm und Klaus Lüders. Der winzige Kerl, dessen dicker Kopf irgendwie nicht zum Rest des Köpers passte, gehörte nun quasi zur Familie. Tjarko war es seiner Schwester einfach schuldig, sich mit dem Spinner zu arrangieren. Zudem war Lüders der einzige Besamungstechniker in der ganzen Region.

Also, danke Klaus. Ohne dich könnte ich meinen Trecker jetzt nicht abholen, dachte Tjarko.

Der Landwirt blickte nach hinten und schmunzelte. Sein Gefährt hatte mittlerweile einen ordentlichen Stau verursacht. Ihm egal. Heute würde er sich Zeit nehmen. Es gab schon Stress genug, und der kleine Ausflug war eine willkommene Abwechslung zum täglichen Wahnsinn auf seinem Bauernhof.

Zudem hatte er beschlossen, seine alte Freundin Hildegard zu besuchen, weil es auf dem Weg lag. Die Seniorin aus seinem Dörfchen Buckbuhr wohnte seit zwei Jahren in einer von außen feudal wirkenden Seniorenresidenz am Rande der Stadt. Der Bau war wie ein Schloss gestaltet. Sogar mit einem kleinen Turm und gepflegtem Park zum Verweilen. Hilde gefiel es dort eher mittelmäßig. Doch ihr Haus wurde der alten Dame zu groß. Die steile Treppe in ihr Schlafzimmer hatte sie nur noch mit großer Mühe bewältigen können. Der Gemeindepastor und Tjarko hatten sich auf die Suche begeben und fanden, die Residenz würde gut zu ihr passen. Feudal und mit einem exzellenten Ruf.

Nach einer knappen halben Stunde bog Tjarko in eine Seitenstraße ein und parkte den Trecker auf einem Grünstreifen. Von Weitem erspähte er Hildegard, die auf einem rot gepflasterten Hof auf ihrem Rollator saß und eine Zigarette in der Hand hielt. Erhaben und mit einem gewissen Stolz, aufrechte Körperhaltung und die Lippen knallrot geschminkt. Die grauen Haare streng nach hinten frisiert. Gezupfte Augenbrauen, der spindeldürre Körper in einen weißen Hosenanzug gekleidet. So wie sie auf dem Rollator residierte, wirkte Hilde wie Marlene Dietrich. Fehlte nur noch die berühmte Zigarettenspitze.

Sie lächelte, als der baumlange Kerl mit Glatze um die Ecke schlenderte. Hildegard hob eine knochige Hand und winkte ihn zu sich. »Ach, das ist mal eine Überraschung. Ich hatte schon Sorge, vor Langeweile sterben zu müssen.«

»Moin Hilde«, grüßte Tjarko und drückte ihr zur Begrüßung einen Schmatzer auf die faltige Wange. Es schmeckte nach Schminke und Parfüm.

Hildegard legte die Zigarette neben sich. »Setz dich auf die Bank. Ist ein schöner Tag heute.«

Er nahm Platz und streckte die Beine aus. »Ja. Traumhaft. Hab meine Kälber auf die Weide geschickt.«

»Fein, fein. Wie geht es Nicole?«

»Gut. Den Umständen entsprechend.«

Hildegard steckte sich die Fluppe zwischen ihre dritten Zähne. »Sehr schön«, sagte sie. »Hast du Feuer?«

»Ich? Nein. Du solltest nicht so viel rauchen.«

»Papperlapapp. Ich sterbe sowieso bald.« Sie sah sich suchend um und seufzte. »Apropos Sterben. Hier ist mal wieder Totentanz. Bei dem schönen Wetter hocken alle brav im Singkreis und trällern krumm und schief alte Schinken.«

Tjarko seufzte. »Vielleicht solltest du auch mal daran teilnehmen.«

»Ich? Singen? Komm mir nicht mit sowas. Zudem habe ich keine Lust auf das Gejammer der alten Leute.«

Der Landwirt lachte auf. »Du bist doch auch alt.«

»Wie gehts dir?«, fragte sie und wich damit mal wieder galant seinem Hinweis aus.

»Gut. Alles prima.«

»Was macht Hassan?«

»Den habe ich vorgestern erst getroffen. Er hatte ein kleines Problem.«

Hilde blickte ihn neugierig an. »Ach. Was denn?«

Im Gegensatz zu ihm konnte Hassan nicht die Finger von der Geisterjagd lassen. Er erledigte hier und da kleine Aufträge. Nichts Dolles. »Damit ich fit bleibe«, hatte er mal bemerkt. Selbst vor seiner Frau verheimlichte er seine Freizeitaktivität. Wieso das schon so lange gutging, war dem Landwirt ein Rätsel.

»Nichts. Die Tür von seinem Geschäft hat geklemmt«, log Tjarko.

Das war wenigstens die halbe Wahrheit. Irgendwo in der Krummhörn hatte eine Stalltür ein Eigenleben bekommen. So etwas geschah manchmal. Irgendwelche Dinge wurden von einer verlorenen Seele übernommen. Mal war es eine Kaffeemaschine, mal ein Rasenmäher und in dem Fall eine wildgewordene Stalltür.

»Ach was. Und wie geht die Geschichte weiter?«, fragte sie.

»Welche Geschichte?«

»Die von der Tür.«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen.«

Hildegard schien förmlich zu riechen, das Tjarko sie anflunkerte. »Warum hast du dann damit angefangen?«

»Nun klemmt sie nicht mehr«, sagte er und stand auf. Er wollte schnellstmöglich vom Thema ablenken. »Kleinen Spaziergang durch den Park?«

Sie seufzte. »Der ist langweilig.«

»Wollen wir auf dein Zimmer gehen?«

»Zu warm, Tjarko.«

Er überlegte. »Soll ich dir ein Feuerzeug besorgen?«

»Ach, das wäre ein Traum«, erwiderte sie breit grienend.

Der Landwirt erhob sich, nickte und latschte zum Kiosk, der nur ein paar Meter von der Residenz entfernt lag.

Fünf Zigaretten und einen Schokoriegel später, den Tjarko noch besorgt hatte, verabschiedete er sich. Hilde strich mit ihren dünnen Fingern über seine tellergroßen Pranken.

»Wann holst du mich wieder auf den Hof? Ich kann Rouladen machen.«

»Übermorgen, Hilde. Hab ich dir letzte Woche schon gesagt.«

»Ach, ja. Jetzt, wo du es erwähnst ...«

»Ich muss jetzt aber los«, sagte Tjarko.

»Grüß Mechthild von mir.«

Er lächelte. Die war schon seit einem Jahr verstorben. Hildegard wurde so langsam vergesslich. Um sie nicht zu enttäuschen, versprach er, die Grüße auszurichten. Natürlich auch an Pastor Jacobs und Nicole. Sogar seinem Bullen sollte er herzliche Grüße senden.

Nun denn, es war an der Zeit, sich auf die Socken zu machen.

Auf dem Behrenshof gab es noch eine Menge zu tun. Die Kühe mussten gemolken, Heuballen von A nach B transportiert werden ... Arbeit gab es überall. Tjarko war froh darüber. Seit er die Sache mit den paranormalen Dingen auf Eis gelegt hatte, widmete sich der Landwirt seinem Hof. Es hielt ihn davon ab, auch nach der langen Zeit auf Trockendock, an Alkohol zu denken. Na ja, dran denken musste er nahezu jeden Tag. Aber es nicht in die Tat umzusetzen, war halt die große Kunst. Das durchzuhalten war beinahe so unmöglich, wie in einem runden Raum in die Ecke zu pinkeln. Als trockener Säufer musste er eine Menge Kraft und Phantasie einsetzen, genau das durchzuhalten. Tagein und tagaus.

Arbeit war für ihn die beste Therapie.

Am Abend stattete er dem Tierarzt Münnings noch einen Besuch ab. Einfach so, nur zum gemütlichen Quatschen.

Fokko ließ sich gern auf einen Plausch ein. Zudem war er die beste Nachrichtenquelle für Neuigkeiten von den anderen Höfen in der Gegend. Es war immer gut zu wissen, was die Konkurrenz machte.

Die meisten Kollegen hatten inzwischen Ställe, die so groß waren wie zwei Fußballfelder. Damit der Milchertrag möglichst hoch war. Dafür fristete das Vieh ein Leben ohne Weide und frisches Gras. Für Tjarko ein Ding der Unmöglichkeit. Sein Vieh durfte tagsüber auf die Weide. Für den Tierarzt gab es auf dem Hof eher wenig zu tun. Die Kühe waren kerngesund.

Fokko Münnings hatte an diesem lauen Abend wenig Zeit für einen Schnack. Seit kurzem hatte er eine Sprechstunde für Kleintiere eingerichtet. Eine lange Schlange von besorgten Hundebesitzern und Katzenliebhabern wartete ungeduldig vor der Praxis.

»Moin, mein Lieber«, sagte Fokko und ging, unbeeindruckt von den Wartenden, breit grinsend auf ihm zu. Er fuhr mit einer Hand durch sein gekräuseltes Haar und verdrehte die Augen. »Du, ich hab heute viel zu tun. Die Bude ist mal wieder brechend voll.«

»Wollte nur mal schauen, wie es dir geht.«

»Weißt ja, den Arsch voller Arbeit«. Fokko klopfte dem Landwirt freundschaftlich auf die Schulter.

»Jo, geht mir nicht anders.« Tjarko stocherte mit einem Fuß im Kies herum. »Soll dich von Hilde grüßen.«

Der Tierarzt strich sich über sein braungebranntes Gesicht. »Schön. Finde es super, dass du dich um sie kümmerst.«

Eine junge Frau mit ihrer Katze auf dem Arm kam auf Fokko zu. »Wann machen Sie die Praxis auf? Meiner Uschi geht es nicht gut.«

»Einige Sekunden noch. Bin gleich für Sie da«, trällerte er.

Tjarko lachte kurz auf. »Tja, dann kümmere dich mal um Uschi.«

Münnings nickte. »Am besten, wir treffen uns mal an einem Wochenende. Du siehst ja, hier geht es um Leben und Tod.«

Tjarko verabschiedete sich und schwang sich wieder auf seinen Drahtesel. Er entschloss sich zu einer kleinen Tour durch die weitläufigen Felder. Es war Ende Mai, und der Frühling verwandelte sich unbemerkt in einen ungewöhnlich heißen Sommer. Rehe huschten über das Land, von Weitem gurrten Fasane. Hasen hoppelten wild durch die Maisfelder. In der Ferne schnatterten Gänse um die Wette. Eine verdammt beruhigende und friedliche Atmosphäre.

Was sollte er sich auch beschweren? Ihm ging es im Allgemeinen richtig gut. Seine Schwester war gesund, trotz ihrer besonderen Umstände. Klaus hielt weitgehend das Maul. Und die Stimmen im Kopf, die ihn früher plagten, hatten auch Funkstille. Abgesehen von dem Gebrabbel seines Bullen. Der war aber schon immer ein richtiges Plappermaul gewesen.

Kurzum: Alles war beinahe perfekt.

Hatte er sich auch redlich verdient. Nach dem ganzen Murks, den er erlebt hatte. Manchmal fehlte ihm jemand an seiner Seite. Einfach eine Person, die abends auf ihn sehnsüchtig wartete. Oder ihm morgens am Frühstückstisch nette Gesellschaft leistete. Jemand, der ihm einfach nur zuhörte. Oder anwesend war, wenn er sich allein fühlte. Er war gern allein. Aber als Dauerzustand war das doch manchmal recht trostlos.

Alle Damen um ihn herum waren vergeben. Selbst der winzige Lüders mit seiner Entenstimme hatte die schönste Frau Ostfrieslands bekommen. Zufälligerweise handelte es sich hier um Tjarkos Schwester. Doch wer würde sich für einen unförmig gewachsenen Landwirt mit Glatze und vernarbter Haut interessieren? Nun denn, alles hat seine Zeit.

Tjarko atmete tief ein und blickte zum Horizont. Er beschloss, einen Abstecher zum Ems-Jade-Kanal zu machen. Kaum dort angekommen, stieg er auf den Deich, fläzte sich in das feuchte Gras und ließ einige Minuten vergehen. Mit einem kurzen Blick über die Felder stiefelte er zurück.

Heute Abend wollte er mit Pastor Jacobs nach Depsholt, einer kleinen Siedlung am Ortsrand von Emden. Eigentlich kein reizvolles Ziel für einen abendlichen Ausflug. Doch seit einem Jahr hatten sich dort zwei Auswärtige niedergelassen und ein nettes Café eröffnet. Das sprach sich in der Gegend herum wie ein Lauffeuer. Zwei überaus sympathische Typen, die irgendwo hinter Hannover ihre Zelte abgebrochen hatten. Regelmäßig verabredeten sich Tjarko und der Pastor auf einen Schnack im Café. Der Landwirt liebte Käsekuchen, und dort gab es vermutlich den besten auf der ganzen Welt.

Eugen Jacobs war natürlich wie immer zu spät gekommen. Tjarko nahm das mit einer gewissen Gelassenheit. Den kleinformatigen Kerl konnte man einfach nicht mehr ändern. Vom Aussehen glich er einem gechillten Späthippie, der irgendwie den Lauf der Zeit vergessen hatte. Lange, schlohweiße Haare, dazu ein Ziegenbärtchen und außerhalb der Dienstzeit stets in knallbunte Klamotten gekleidet. Egal. Eugen hatte ihm durch schwere Zeiten geholfen, und Tjarko zählte den Pastor zu seinen engsten Freunden.

Zusammen saßen sie nun im Café Keeskoken und schlürften Kakao mit Schlagsahne. Den Kuchen hatten sie innerhalb von Sekunden bis auf den letzten Krümel verputzt. Stefan, der Inhaber des Lokals, stand an der Theke und rechnete die Kasse ab.

»Ich will ja nicht drängeln. Aber Jens und ich wollen noch nach Emden«, sagte er und blickte auf einen Kassenbon.

Eugen schaute auf seine Taschenuhr. »Oh. Schon nach acht. Seit es länger hell ist, kommt man in der Zeit durcheinander.«

»Du warst auch mal wieder viel zu spät dran«, brummte Tjarko und stürzte den Kakao herunter.

»Kein Stress«, erwiderte Jacobs, fischte eines seiner langen Haare aus der Sahne und nippte an der Tasse.

»Stefan will dicht machen. Trink deinen Kakao aus.«

Eugen wandte sich um. »Eine Sekunde noch, ja?«

Von der Theke kam ein missmutiges Nicken.

»Siehst du«, griente der Pastor. »Und nun, hast du dir überlegt, wieder ins Geschäft einzusteigen?«

Tjarko verzog das Gesicht. Er hatte keine Lust, über dieses Thema zu reden, »Nö«, antwortete er. »Ich bin definitiv durch mit dem Mist.«

»Schade. Hassan und du ... ihr wart einfach ein tolles Team.«

Immer die gleiche Leier. Der Landwirt wusste genau, was Jacobs von ihm wollte. Aber das kam definitiv nicht in Frage. Die Zeit der Jagd auf Geister und anderes Gedöns war vorbei. Der Pastor hatte ihm diese ganze Misere doch eingebrockt. Tjarko hatte keine Lust mehr, die Suppe auszulöffeln. Er wollte endlich ein halbwegs normales Leben führen. »Ich habe keinen Bock mehr auf den ganzen Zinnober«, zischte er zurück und stand auf. »Hat mir genug Ärger eingebracht.«

»Sag niemals nie«, säuselte Eugen und trank in einem Zug den Kakao leer. Dann klatschte er in die Hände. »Und, was machen wir beiden Hübschen noch?«

»Nach Hause fahren und schlafen. Hab morgen ein langen Tag.«

»Spielverderber«, erwiderte Jacobs enttäuscht. Der Pastor stand auf und schien einen Moment zu überlegen. »Du, ich glaube, ich laufe nach Buckbuhr. Ist so ein herrlicher Tag heute.«

»Was ein Blödsinn. Ich nehm dich mit.«

»Du könntest natürlich auch neben mir herfahren. Dann könnten wir uns noch ein wenig unterhalten.«

»Also, nun spinnst du vollkommen. Steig mit in meinen Wagen. Zudem ahne ich schon, worüber du reden willst.«

»Was du so alles ahnst.«

»Das Thema Geisterjagd ist für mich gegessen. Und wenn du den weiten Weg latschen willst ... tu dir keinen Zwang an.«

»Na, wenn du mich so nett bittest, verzichte ich auf die Wanderung.« Der Pastor griente breit und winkte dem Wirt zum Abschied.

Auf der Rückfahrt sprachen die beiden kein Wort miteinander. Tjarko lud Eugen an seinem Haus, das direkt an der Kirche gelegen war, ab und verabschiedete sich mit einem knappen »Tschö«.

Tjarko ließ seinen Quadratschädel in die Nackenstütze fallen und gähnte laut. Er war hundemüde. Morgen war wieder ein langer Tag. Zudem wollte er heute Abend sein Schlafzimmer aufräumen. Hier stapelten sich noch Kartons von dem neuen Schrank, den er mit Hassan schon vor einigen Wochen aufgebaut hatte. Hilde pflegte sich nach dem Mittagessen für ein Schläfchen auf sein Bett zu legen. Den Anblick von seinem Chaos wollte er ihr unbedingt ersparen. Seit Nicole in anderen Umständen war, musste er vieles in seinem inzwischen gut organisierten Haushalt selbst regeln. War vielleicht ganz gut so. Irgendwann musste er ja erwachsen werden. Auf eigenen Beinen stehen. Ohne die Hilfe seiner Schwester. Er gab sich ja alle Mühe. Hatte gelernt, seine Klamotten zu waschen, ohne dass sie einliefen. Er kannte sogar den Unterschied zwischen Koch- und Buntwäsche. Alles überhaupt kein Problem mehr.

Im Gegensatz zu früher. Da hatte er nichts, aber auch gar nichts auf die Kette bekommen. Seinen Hof verkommen lassen und sich munter durch den Tag gesoffen.

Egal, alles alte Kamellen.

Aktuell fühlte er sich körperlich gut. Die Arztbesuche hielten sich in Grenzen. Da ging er sowieso nie gern hin. Der Doktor empfahl ihm eine Auszeit. Rehabilitation nannte man das. Die würde sogar bezahlt werden. Erholungsurlaub auf Kosten der Krankenkasse.

»Tjarko, ich bin dein Arzt. Vertraue mir. Das ist ein wahrer Jungbrunnen für dich«, hatte der alte Doktor Neumann gesagt, seine Brille auf die rote Nasenspitze geschoben und dem Landwirt tief in die Augen geblickt. »Vor einiger Zeit hast du noch Tiere über meinen Schreibtisch laufen sehen. Willst du das nochmal erleben?«

Irgendwann hatte Tjarko entnervt hunderte von Zetteln ausfüllen müssen. Und brav unterschrieben. Eine Kur. Er doch nicht. Mit knapp über vierzig hätte er das nicht nötig. Zudem gab es auf dem Hof eine Menge zu tun. Gerade jetzt, kurz vor der Sommerzeit.

Nun denn, dachte Tjarko. Er streckte sich, warf einen kurzen Blick auf das Pfarrhaus und startete seinen Wagen. Wurde Zeit, dass er ins Bett kam.

Hildegard wälzte sich in ihrem Bett hin und her. Obwohl sie seit einem Jahr endlich ein Einzelzimmer bekommen hatte, schlief sie schlecht. Ihr Quartier lag direkt unter dem Dach. Ohne Balkon mit zwei kleinen Fenstern, die einen Ausblick auf den Innenhof der Residenz boten. Da gab es auch nicht viel zu sehen. Ein lieblos angelegter Garten mit ein paar Strandkörben, in denen selten jemand saß. Ihre geliebte antike Kommode und einen Sessel konnte sie in dem kleinen Zimmer noch unterbringen. Für mehr war kein Platz gewesen. Herr Klaasen, der direkt neben ihr wohnte, besaß eine regelrechte Präsidentensuite. Selbst für einen klobigen Wandschrank reichte der Platz. Kein Wunder, er war ja auch privat versichert. Der Schnösel war früher Herrenausstatter mit eigenem Geschäft gewesen. Und glaubte, immer noch das Sagen zu haben. Natürlich wurde er letztes Jahr zum Sprecher der Senioren gewählt und meinte seitdem, das Heim würde ihm gehören. Abends pfiff er auf die Nachtruhe und drehte seine dämliche Polkamusik so laut, dass der ganze Wohnbereich bebte. Niemand hatte bisher den Schneid gehabt, sich zu beschweren. Selbst die Heimleitung nicht.

Hilde war das alles wurst. Sie wollte mit den anderen nichts zu tun haben. Aber heute Abend übertrieb Klaasen maßlos. Zum zehnten Mal dudelte dasselbe Stück in einer Lautstärke, mit der wahrscheinlich gerade ganz Aurich beschallt wurde. Entnervt stand Hilde auf. Schlüpfte in ihre Puschen, schnappte sich ihren Rollator und wackelte aus dem Zimmer. Mit dem Gehwagen wummerte sie an seine Tür. Klaasen steckte sein spitzes Gesicht heraus. Dem Geruch des Atems nach zu urteilen, hatte er sich ein paar Schnäpse gegönnt. Seinen dürren Körper hatte er in einen blauen Bademantel aus Satin gehüllt.

»Machen Sie bitte die Musik leiser?«, fragte Hilde mit schmalen Lippen.

»Was?«, erwiderte er und legte demonstrativ eine Hand an das Ohr. Der Kerl war so gut wie taub.

»Die Musik leiser!«, brüllte sie.

»Ja. Polnische Polkamusik. Ist schön, oder?«

Hilde atmete tief ein. Sie war sicher, er konnte mehr verstehen, als er zugab.

»Musik. Leiser. Ich will schlafen!«

Klaasen glotzte sie pikiert an. Was bildete sich die Dame denn ein? Unverschämt. Er war schließlich privat versichert und Seniorensprecher. Quasi gehörte ihm die Residenz. »Ich brauche das zur Entspannung«, brüllte er. »Und ich entspanne mich, wann ich möchte.«

Hildegard sammelte sich einen Moment. Es half nichts. Sie musste harte Geschütze auffahren. Sie wusste um ihren Ruf hier im Heim und musste gnadenlos die Karten für sich nutzen. Sonst würde der Spinner das nie kapieren.

»Mach die Musik leiser«, sagte sie in einem ruhigen Ton. Und so wie ihr Gegenüber glotzte, hatte er ihre Worte gut verstanden.

»Sonst was?«, entgegnete er.

»Sonst verfluche ich dich«, zischte sie und blickte böse.

Klaasen riss die Augen auf. Wankte einen Schritt zurück und stotterte: »Ich lass mich von Ihnen nicht bedrohen.«

Hildegard schob ihren Rollator voran und fuhr mit den Rädern über seine Füße. Er schrie erschrocken auf und hielt seine Hände schützend vor sich.

»Gehen Sie! Alte Hexe.«

Sie grinste verschmitzt. »Danke für die Schmeicheleien. Also. Musik aus oder Sie haben morgen früh keine Nase mehr.«

Okay, das war jetzt eine äußerst unangenehme Vorstellung, ohne Riechkolben im Gesicht aufzuwachen. Die Worte zeigten jedoch sichtbare Wirkung.

»Ich kann Musik hören, solange und so laut ich will!«

Hildegard seufzte. »Dann wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben.« Um ihre abstruse Drohung zu unterstreichen, tippte sie an ihre Nase, blickte nach oben und stieß ein dunkles Krächzen aus.

»Sie flunkern mich an«, stammelte der ehemalige Herrenausstatter.

»Wenn es um dunkle Mächte geht, mach ich keine Späße.«

Janssen japste nach Luft. »Das ... das wird Konsequenzen haben«, sagte er mit zitternder Stimme.

Hildegard griente, nickte zufrieden und verschwand wortlos in ihrem Zimmer.

In dieser Nacht schlief sie wie ein Baby.

Damenwelt

»Wo soll ich hin?«, brüllte Tjarko und stierte ungläubig auf das sehnlichst erwartete Schreiben der Rentenversicherung. »Bad Sooden Allendorf`?«

Nicole kam in seine Küche und setzte sich seufzend an den Tisch. »Bitte was?«

»Baaaad Soooden Allendooorf!«, wiederholte der Landwirt. »Hab keine Ahnung, wo das sein soll.«

Seine Schwester riss Tjarko den Brief aus der Hand und überflog den Inhalt. Sie schwieg einen Moment, lächelte ihren Bruder an und zuckte mit den Schultern. »Na, irgendwo in Deutschland, nehm ich an. Aber die haben deine Kur genehmigt. Ist doch super.«

Tjarko goss sich ein Glas randvoll mit Cola ein. »Bestimmt in Tirol oder so. Stundenlang Zug fahren, weit weg von zu Hause. Ich sollte die Kur einfach absagen.«

»Tirol ist nicht Deutschland, du Nase.«

»Ach, jedenfalls am Arsch der Welt. In Norddeich ist doch eine Kurklinik.«

Nicole kramte ihr Handy aus der Hosentasche. »Ich googel mal.«

Tjarko schwieg und trippelte nervös hin und her.

»Ah, hier. In Hessen, nahe der niedersächsischen Grenze. Die nächste große Stadt ist Göttingen.«

»Göttingen ... kommt da nicht Stefan her?«

»Genau«, erwiderte seine Schwester.

»Aber Hessen.« Mit einem Zug leerte er sein Glas und stellte es in das Spülbecken. »Leck mich am Arsch. Ich hätte niemals diesen dämlichen Antrag stellen sollen.«