allerhand und überhaupt - Herwig Wolf - E-Book

allerhand und überhaupt E-Book

Herwig Wolf

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Beschreibung

Allerhand, was da so auftaucht. Das meiste ergibt scheinbar wenig Sinn und ist überhaupt ziemlich absurd. Trotz allem eine humorvolle Lektüre.

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Die Hochzeit

Die Tante

Der Löwe

Die Trommel

Der Wohnblock

Der Baumeister

Das Seminar

Der Rubin

Die Brücke

Das Begräbnis

Die These

Die Therme

Die Schule

Das Fernrohr

Die Rumkugeln

Der Bauch

Der Kaftan

Die Uhr

Das Taxi

Das Training

Der Zug

Das Hotel

Meckermann

Die Kreuzfahrt

Die Alte

Die Spende

Das Frühstück

Bali

Das Notebook

Der Storch

Der Häcksler

Das Mittagessen

Das Büro

Die Ordination

Die Farbe

Der Ausflug

Die Trompete

Das Rendezvous

Der Urlaub

Der Pilger

Die Hochzeit

„Claudias Cousine heiratet am nächsten Samstag in Graz, in Liebenau, kirchlich und ganz in Weiß!“ Wir fuhren mit dem Auto hin und waren rechtzeitig dort. Einige Leute kannten und begrüßten wir, manche nicht, aber das war kein Problem, denn kurz darauf begann sich schon der Einzug zu formieren und wir mischten uns unter die Gäste.

Die Kirche war nicht sehr groß, typisch barock, etwas kühl, aber schön. So eine Hochzeit ist eben schon etwas Besonderes. Ich schaute meine Frau von der Seite an und sah das Funkeln in den feuchten Augen.

Sollte ich gleich nach vorne gehen zu den Altarstufen, oder gar bis zu der Türnische der Sakristei, aus der der Pfarrer soeben mit zwei Ministranten gekommen war? Meine Frau will nämlich, dass wir Edith einen Film von ihrer Trauung schenken; ist ja auch eine gute Idee und ich mache gerne schöne Filme. Nach kurzem Check meiner neuen Handycam pirschte ich mich möglichst unauffällig auf der linken Seite entlang bis zur Kanzel. Da tauchte jemand, der die Kamera schon im Anschlag hatte, plötzlich hinter der letzten Säule auf und versperrte mir den Weg. Das war sehr unfair und ärgerlich. Dafür blieb ich stehen, während der andere in die Hocke ging.

Der Ministrant stand so unglücklich vor der Braut, dass man ihr Gesicht nicht richtig sehen konnte. Wie heißt sie eigentlich? Edith? Ich schob mich an dem Kerl vor mir vorbei, über zwei Stufen hinauf und näher zum Altar. Jetzt war ich sogar höher oben als der Ministrant und konnte Edith gut sehen. Das Display zeigte brauchbare Lichtwerte an und ich zoomte Ediths Oberkörper ganz her. Ihr Mann störte aber. Er wackelte mit dem Kopf und überhaupt.

Inzwischen musste wohl schon die Wandlung gewesen ein, weil die Ministranten mit ihren Schellen zweimal geläutet hatten. Meine Audioanzeige lag im grünen Bereich: Alles unter Kontrolle. Das wird ein schöner Film.

Kurz zuvor hatten sich auf der rechten Altarseite gleich drei Filmer postiert - vielleicht sogar zu nahe, denn der Ministrant versuchte gerade sein Kleid unter einem fremden Schuh hervorzuziehen. Doch was war das für ein Blitz hinter dem Hauptaltar? Eine Frau im Hosenanzug, mit einem Fotoapparat stand dort und noch jemand kam dazu und blitzte. Allerhand! Nur gut, dass ich schon alles auf meinem Chip drauf habe.

Als ich den rechten Ellenbogen auf den Altar stützte, weil ich nicht wackeln wollte, war die nervende Frau mit ihrer lächerlichen Toshiba-2 auch ganz nahe da und fotografierte über meinen Kopf hinweg.

Ich wollte das knieende Brautpaar nun in voller Größe aufnehmen, als sich noch so ein billiger Knipser neben den Bräutigam stellte, um ihn von oben herab unter die Lupe zu nehmen. Edith war der Schleier verrutscht und der Pfarrer legte schützend seine Hände auf beide Schultern. Also das ging nun wirklich zu weit: Ich zog den Pfarrer zurück und mein unfreiwilliger Compagnon mit dem alten Camcorder nickte mir wohlwollend zu. Er hatte sein Objektiv weit ausgefahren. Zur Not könnte ich mir ja seine Sequenz überspielen und mit einbauen. Das hatte ich bei der Taufe von Jonas voriges Jahr auch so gemacht.

Das eigentliche Eheversprechen ging leider unter, weil plötzlich alle Besucher zum Altar drängten und auch etwas sehen wollten. Zwei Kinder kletterten plötzlich Edith auf den Schoß und Jessy, der Pudel von Tante Milli bellte, denn er wollte auch seine Nase mit reinstecken. Das Brautpaar war mit dem Pfarrer, der sich nicht mehr abdrängen ließ, schließlich völlig unter den zwölf Objektiven verschwunden und nicht mehr aufnehmbar.

So spielten wir die Ringzeremonie nach der Trauung noch einmal nach und den Kuss habe ich in Dreifachzoom und Superzeitlupe aufgenommen. Toll.

Wenn wir zu Hause sind, können wir uns ja dann die Trauung (von Emma?) einmal in Ruhe anschauen. Ich bin schon neugierig, wer da aller zu sehen sein wird, wen wir noch kennen lernen sollten, wie die Stimmung so war na und überhaupt. So eine Hochzeit ist eben schon etwas Besonderes.

P.S.: Das war einer meiner schwärzesten Tage: Der Chip in der Kamera war verschwunden!

Die Tante

Vorige Woche hatte Julia ihren 2. Geburtstag. Wir waren zur Geburtstagsfeier am Nachmittag bei Tochter und Schwiegersohn eingeladen. Wir freuten uns auf ein Wiedersehen und ich mich besonders auf die Torte.

Mitgebracht haben wir einen Puppenwagen und einen Strauß Blumen. Von ihren Eltern hatte Julia ein Tischchen mit einem dazupassenden Stühlchen bekommen. Übrigens in Rosa, wie es sich für eine Prinzessin geziemte.

Das Telefon läutete. Es war Tante Martha. Sie wäre gerade in der Stadt und würde gerne Julia zum Geburtstag gratulieren und ob sie zu Hause wären. Tante Martha war nicht gerade die Lieblingstante unseres Schwiegersohnes, aber nun ja.

Kaum hatten wir das Glas erhoben, klingelte es schon an der Wohnungstür. Tante Martha war da. Sie presste sich durch die Eingangstüre und wartete auf ein Begrüßungsküsschen. Den Hut behielt sie auf und steuerte auf Julia zu, die vorsichtig, wie sie nun einmal war, hinter dem Vorhang hervorschaute. Doch als Tante Martha zwei glitzernde Schüchlein aus ihrer großen Handtasche zauberte, war der Bann gebrochen und alle freuten sich.

Doch, wo sollte Tantchen nun an dem relativ kleinen Esstisch sitzen? Wir stellten ihn an die Stelle des Wohnzimmertisches, diesen auf den Balkon und die Wäschespinne dafür in die Küche. Unser Schwiegersohn holte noch die Mineralwasserkiste vom Vorhaus, legte ein Sofakissen darauf und hatte auch einen Sitzplatz. Tante Martha beherrschte eine Längsseite alleine und wir fünf anderen bildeten quasi den Reifen zum schmucken Edelstein.

Die Torte war gut, Julia sehr brav, Martha gesprächig und wir horchten zu.

Conny brachte noch ein Album mit den Bildern vom letzten Winter und Carsten machte ein paar Fotos.

Es war ein netter Nachmittag und als wir Anstalten machten, nach Hause zu fahren, ließ sich Tante Martha doch glatt überreden noch einen Sherry zu nehmen und ein Weilchen zu bleiben.

Wir waren schon lange zu Hause, hatten den „Tatort“ gesehen und überlegten zu Bett zu gehen. Da läutete das Telefon und Conny erzählte mit gedämpfter Stimme, dass Tante Martha bei ihnen bleiben wolle und das Bad schon seit einer halben Stunde blockiere. Ja, Julia würde schon schlafen und Carsten hätte auch die Wohnzimmercouch schon hergerichtet. Es sei einfach so schön hier und wo sie schon einmal da wäre und morgen, ja da wolle sie sowieso gleich in der Früh zum Arzt und außerdem hätte sie auch noch eine Menge anderer Termine und überhaupt.

Ich meinte noch, Kindergeburtstage wären nun mal was Besonderes und voller Tücken, aber ganz überzeugend war ich wohl nicht dabei.

Freitag Mittag rief Conny wieder an und fragte, ob es uns recht sei, wenn sie uns übers Wochenende besuchen kämen. Das Wetter dürfte gut sein.

Ob es noch was Neues von Tante Martha gäbe? Oh ja, aber das würde sie uns dann später erzählen. Also dann bis Abend und sie freuten sich schon alle. Das Auto war zwar neu, aber die junge Familie schien um Jahre gealtert. Carsten war unrasiert und übel gelaunt. Conny hatte verschwollene Augen und kramte im Kofferraum. Julia, nun zwei Jahre und drei Tage alt, war in ihrem Sitz eingeschlafen. Was war passiert?

Tante Martha war noch immer da! Sie hatte die Couch umgestellt, sich Carstens Nachtkästchen genommen und ihm dafür die Mineralwasserkiste hingestellt. Plötzlich war auch ein Koffer da gewesen, der nun auf dem Tisch liegt, Julias Puppenwagen und Tischchen wurden auf den Balkon verbannt und im Bad hatte sie sich auch schön breit gemacht.

Das Frühstück war ihr sowieso zu wenig vollwertig, der Kaffee nicht der richtige und zu Mittag aß sie beim Chinesen drüben. Bei Julia im Spatzennest war sie auch schon gewesen, um den jungen Tanten dort auf die Finger zu schauen und ihren Golf hatte sie auf dem Kinderspielplatz geparkt, damit sie ihn jederzeit gut im Blickfeld hatte. Carsten machte so viele Überstunden wie noch nie und Conny war völlig verzweifelt.

Nun, wie sollte es weitergehen? In der Wochenendausgabe fanden sich einige interessante Inserate unter „Zu vermieten“. Eine Wohnung, war tatsächlich wie aus dem Märchenbuch: Drei Zimmer, ebenerdig, kleiner Garten, eigener Autoabstellplatz und kaum teurer als die jetzige. Da fuhr ein blauer Golf vor. Conny wurde blass und Carsten griff nach der Hand seiner Tochter. Fehlalarm! Es war nur ein junges Paar, das freundlich grüßte und ins Haus ging.

Das restliche Wochenende wurde sehr anstrengend, weil noch am Sonntag übersiedelt wurde. Tante Martha war gerade ausgeflogen. Ihre Sachen ließen wir, wie und wo sie waren und den Zettel mit der neuen Anschrift steckten wir besser wieder ein.

P.S.: Julia schaute mit großen Augen zurück und sagte bedeutungsschwer: “Tante“!

Der Löwe

Matimba gähnte zufrieden. Es war zwar jetzt die trockene Zeit, aber auch die hatte ihre Vorteile, wenn man ein Löwe ist - und Matimba war ein Löwe. Er hatte vor dem letzten langen Regen den Kampf gegen seine zwei Rivalen um die Gunst der hellen Löwin für sich entschieden. Die Narbe unter dem rechten Auge war langsam genug verheilt, aber jetzt war sie sein Siegesmal und er ein kleiner König. Sein Reich, das es täglich zu verteidigen galt, reichte von den Akazien auf den Bergen dort oben bis hinunter zum Fluss und von den großen Steinen da drüben bis zur fernen Straße.

Matimba hatte es geschafft. Seine Frau lag neben ihm und die zwei Jungen an ihrer Seite. Die Äste des mächtigen Marulabaumes ließen nur wenig Sonnenlicht durch und das Gras bot einen guten Liegeplatz. Der Springbock hatte für ihn und seine Familie gereicht. Die Geier dort drüben waren auch schon fast fertig. Heute wollte er nicht mehr jagen. Es war ein heißer Tag und das Wasser unten am Fluss war fast versiegt. Ab und zu hörte man ein Brummen von der Straße her und eine Staubwolke zeigte die Richtung an, die die Brummer nahmen. Das waren die Autos mit Menschen. Sie waren ungefährlich, besonders, wenn sie stehen blieben. Matimba mochte die Autos nicht. Sie waren laut, stanken und überhaupt. Sie verscheuchten auch die Böcke, ja manchmal sogar die Gnus.

Matimba räkelte sich, und wie es sich für den kleinen König geziemte, stand er auf und wollte sich überzeugen, ob in seinem Revier alles seine Richtigkeit hatte. Er ging als erstes hinauf zu den alten, nackten, dunklen Granitsteinen, die die Silhouette bildeten. Hier war alles ruhig.

Die Zebras und die Oryxantilope standen mit zugewandtem Blick in ehrfurchtsvollem Abstand, jederzeit bereit, die Flucht zu ergreifen. Der Ausblick war grandios. Seine Frau und die Jungen lagen noch immer unter dem Baum.

Weit hinten kam Staub auf. Matimba spielte mit seinen Muskeln, warf den Kopf zurück und begann auf die Straße zuzutraben. Als er das Auto erblickt hatte, lief er ihm auf den alten Reifenspuren im Sand entgegen. Er wollte sich so ein Auto heute genauer ansehen. Es bremste und blieb stehen. Drei Menschen waren drinnen und einer hielt ein besonders großes Auge heraus. Er wackelte und war ganz nervös – und doch war er sehr froh und schaute nur auf den Löwen. So standen sie einige Atemzüge lang da, bis Matimba festgestellt hatte, dass eben doch nichts Besonderes dran war und langsam zwischen den Dornbüschen verschwand.

Der Mann im Auto war noch ganz sprachlos. Er konnte es nicht glauben. Da war er schon drei Tage in der Kalahari unterwegs, hatte viele Tiere gesehen, ja sogar zwei Löwinnen auf einem Felsen, aber jetzt da, das war der Höhepunkt. Er hatte seinen Löwen gefunden.

Zu Hause hatte er dann alles gut dokumentiert und im Stiegenhaus kann jeder Besucher das gerahmte Poster sehen mit der Aufschrift „Mein Kalaharilöwe“.

P.S.: Matimba hatte die Sache also gut gemacht und wenn er nicht gestorben ist, so fotografieren sie ihn noch heute.

Die Trommel

Die Rinderherde war draußen am Rande der Savanne. Marud und die übrigen Hüter hatten sie zusammengetrieben und bewachten sie während der Nacht. Die Ziegen und Hühner waren herinnen und die Öffnung des Krals mit den Dornenästen war geschlossen.

Die Bewohner bereiteten sich auf die Nacht vor. Einige ältere Frauen hockten bei den Wasserkübeln und unterhielten sich. Nguma war der Dorfälteste und er begann seinen abendlichen Rundgang. Bei jeder Hütte blieb er stehen und schaute nach dem Rechten. Ondo war mit seiner Jembe beschäftigt und blickte fragend hoch. Ja, er sollte die anderen holen und sie könnten trommeln, der Mond stünde gut, die Geister würden warten und überhaupt.

Es waren zehn Männer. Jeder hatte seine eigene Trommel und sie saßen im Halbrund um das kleine Feuer in der Mitte des Platzes: Außen herum die alten Männer und ganz am Rande, gerade noch vom Feuerschein erfasst, die Frauen. In einigen goldenen Armreifen spiegelte sich das Flackern wider. Da setzten die ersten leichten Schläge des Leijo ein:

buum - bom, buum - bom, buum - bom, -

buum - baba, buum - baba, buum - baba, -

bubu - bomm, bubu - bomm, bubu - bomm, -

bubu - baba, bubu - baba, bubu - baba, ...

Alles war ganz ruhig geworden: die Tiere, die Männer, die Frauen. Die Schläge der Männer schienen träge und doch leicht zugleich zu sein. Einmal trafen sie mit der Handfläche, dann mit den Fingern, einmal in die Mitte des gespannten Felles, dann an den Rand, einmal fest, dann wieder leicht, einmal schnell, dann wieder zögerlich. Der Rhythmus begann zu leben.

Ondo lachte und man konnte seine weißen Zähne sehen. Die Männer wiegten ihre Schultern und ein unsichtbarer Dirigent schien sie zu führen. Sie fielen in den Shikuti, der den Galopp wiedergab:

tim–bum, bam–bum, tim–bum, bam – bum, in den Gundutulu: bam – bam, gundu-tulu, bam – bam, gundu-tulu, bam – bam, dann in den Mundiko mit seinen Pausen und nun begann das richtige Spiel:

Jeder hatte seinen Rhythmus gefunden, begann ihn zu variieren, zu forcieren oder wieder zu verlangsamen, übernahm einige Schläge lang das Spiel des Nachbarn, tänzelte davon, wurde zur Syncope, nahm sich wieder zurück und hielt nur den Grundschlag mit.