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Die Kneipe mit dem goldgelben Neonschild erscheint Jazzmusiker Tom Peter ideal, um den Abend in einer fremden Stadt ausklingen zu lassen. Und tatsächlich findet er bald sympathischen Anschluss unter der lokalen Stammtrinkerschaft. Doch der Zauber des alkoholgeschwängerten Abends verfliegt schnell, als es zum Krach mit einer Gruppe weniger menschenfreundlicher Zeitgenossen kommt. Unvermittelt sehen sich Tom und seine neuen Saufkumpane mit einer Horde Nazis konfrontiert, die vor der Kneipe Stellung bezieht. Ein korrupter Polizeidienststellenleiter, eine ältere Dame mit fragwürdigen politischen Ansichten und der unbändige Hunger nach Nachos und Pizza machen die Nacht für die unfreiwilligen Insassen des Café Exquisit nicht unbedingt angenehmer. Denn schon droht sich der erste Angreifer durch die marode Tür des Etablissements zu boxen. Ob wohl die absinthinduzierte Bekanntschaft mit einer sprechenden Kakerlake oder der vermeintliche Fund einer antiken Handfeuerwaffe geeignet sind, das Problem zu lösen?
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Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Fürs Express. Für Günter Mailand.
Titelseite
Impressum
Widmung
Inhaltsverzeichnis
Textanfang
Seitenzahlen im gedruckten Buch
01. Tom Peter
02. Das schicke Instrument muss sich wohl ausruhen
03. Diese beiden Zacken in der Krone der Schöpfung
04. Muscle Boobs
05. Fotzensuppe
06. Ein Geheimtipp
07. Historisches Zwischenspiel
08. Der Jakobsumweg
09. Eine freche Situation
10. Stierbauch und Biernacken
11. Verschiedene Möglichkeiten
12. Mein Bier ist wichtiger als dein Faschismus
13. Schreckliche Worte wie Propagandaapparat
14. Pingpongmann
15. Apfelige Kommentare
16. Wenn zwei Welpen aufeinanderprallen
17. Gesten
18. Achtzehn
19. Der Geleckte
20. Crescendo
21. Minigolf
22. Tornado Exquisit
23. Gefährliche Kreaturen
24. Inferneto
25. Stillleben
26. Einer hat noch nicht getrunken
27. Das Realisieren einer bitteren Lage
28. Marlene Drache
29. Man muss auch alte Frauen hauen
30. Ein Griff zum Telefon
31. Ein Griff ins KKKlo
32. Gleichbleibend nicht okay
33. Mittelaltermarktmenschen
34. Nimm mal vom Rauchmelder die Batterien raus
35. Tom Peter belügt sich
36. Ein gruseliger Anruf
37. Tom Peter glaubt sich nicht mehr
38. Jeder tut, was er am besten kann
39. NEUE IDEE 1.WAV
40. NEUE IDEE 2.WAV
41. NEUE IDEE 3.WAV
42. Sprechende Tiere im Café Exquisit
43. Eine Antiquität wird gefunden
44. Die Furchtlosigkeit der Radio Personality
45. Zu viele Sportmetaphern
46. Der Flüssinger sagt was
47. Marlene und Lea
48. Es fliegt ein weiterer Getränkebehälter
49. Heiko Schuhknecht hat genug
50. Dein Bauch hat uns alle gerettet
51. Ein Besuch im Zoo
52. Nachos
53. Ein Haus aus Nachos
54. Festmahl, zweites Kapitel
55. Tom Peter rennt davon
56. Heiko Schuhknecht
57. Die Oehl-Brüder
58. Freddy’s Sport Treff
59. In geheimer Mission
60. Bundesweite Taubenvergrämung
61. Ausbruch aus dem Zoo
62. Er sagt schon wieder was
63. Was zum Schlucken
64. Am Barte ziehen, den Unmensch
65. Mindestens ein Messer zu viel
66. Ingolf und Borste
67. Friedenspfeifen sind Friedenspfeifen
68. Ein kleiner Tritt unter Freunden
69. Wunden
70. Entweder man springt auf das Pferd oder das Pferd ist weg
71. Veto Trompeto
72. Wie geht’s eigentlich Bernd?
73. Ein gutes Pferd springt nicht höher als wie ne Kuh
74. Alles Arschlöcher überall, außer eine
75. Private Nummer
76. Hollywood hat schon haltlosere Romanzen gefilmt
77. Gerdt Konradt
78. Smog
79. Zwei Nervenzusammenbrüche gehen in die Kneipe, wie viele kommen heil wieder raus?
80. Rain Dogs
81. Lea und Heiko
82. Schweres Herz
83. Schneematsch
84. Männer, frierend in der Kälte
85. Es kräht der linksradikale Hahn
86. Sodom und Gomorrha
87. So dumm und Gomorrha
88. Wer wer war
89. Zwetschge mit Bart
90. Damit’s jetzt endlich alle wissen
91. Würde und Wahrheit und ein Tampon
92. Oder aber
93. Vorm großen Auftritt
94. Alles wieder shitty
95. Glasscherbensalat
96. Landesgrenzen sind keine Kondome
97. Wenn man sich bemüht
98. Ente Gnu, alles Gnu
99. Und dann noch so
Über den Autor
Impressum
Tom Peter fand endlich die eine Kneipe, die er nicht kannte, nicht kennen wollte, die ihn nicht brauchte und deren Tür ihn geschwind und brennend verschlang. Er hatte seinen Zug verpasst, fand das aber prima, denn nach so einem schweißtreibenden Nachmittagskonzert konnte er sich nun wirklich nicht zurücklehnen und den verbleibenden Abend wie einen handelsüblichen Abend beenden. Ausdampfen musste er. Es war viel adrenalinschwerer Schweiß geflossen, die Improvisationen hatten gut gesessen und an seiner empfindsamen Seele gerüttelt. Tom Peter hatte große Lust, alles mit ein paar Bieren in einer ganz und gar fremden Kneipe in einer ganz und gar fremden Stadt zu begießen. Denn es geht bekanntlich nix darüber, in völliger Anonymität zu trinken, wo die Gedanken wahrlich heimlich sind und man sich nicht einmal imaginär rechtfertigen muss für sein inneres, düsteres Wesen. Seinetwegen sollte sie verraucht sein, die Kaschemme, dunkel, laut oder schläfrig, am Flussufer oder unter einer Eisenbahnbrücke. Schnuppe war es ihm, solange er Bier und einen gewissen einheimischen Flair in sein Gesicht hineinschmeißen können würde.
Sein Instrument trug er in dem schicken Lederköfferchen, das er für einen humanen Preis in einem Second-Hand-Laden gefunden hatte. Insgeheim freute sich Tom Peter immer über den Gedanken, sofort als »Musiker« identifiziert werden zu können, wenn er damit unterwegs war, und achtete auch sonst schon auf seine Aura der Boheme. Mit schwarzer Hornbrille und schwarzem Rollkragenpulli wollte er den adretten Kurzhaarschnitt seiner dunklen Haare nach unten hin abrunden und den Stil einer Ära heraufbeschwören, der ihn letztlich damals zum Jazz verführt hatte. Es waren vielleicht erst einmal gar nicht so sehr die Melodien und Rhythmen gewesen, sondern, wenn er ganz ehrlich mit sich war, das Ambiente, der Rauch, die Hüte, die Autos, der Sex. Er betrachtete den glücklichen Kofferkauf seit langer Zeit als wichtige Schicksalsbegegnung und karmische Bestätigung seiner Berufswahl. Der womöglich beste Zufall seines Lebens.
Trotzdem wusste Tom Peter natürlich nur zu gut, dass er sich gerade in einer dieser unglamourösen deutschen Kleinstädte befand, wo, vielleicht noch mehr als im Rest des Landes, aller Jazz nur künstlich reproduzierter Abklatsch sein konnte und Originalität nur im Fußball und in der Braukunst zu finden war. Aber gerade mit jener hiesigen Braukunst wollte er sich ja nun intensiv auseinandersetzen.
Voll hehrer Ziele durchschritt er also diese Glastür, durch die ihn das goldgelb glühende Neonschild liebevoll gescheucht hatte. Die Abendsonne sagte leise goodbye; weil er Jazzer war, und Jazzern sagt die Abendsonne goodbye, hin und wieder passiert das. Natürlich sagt die Abendsonne normalerweise eher niemandem goodbye, niemand von uns kann sagen, das wäre ihm einmal passiert. Aber dem Jazzer, dem Jazzer insgeheim. Und weil Tom Peter länger im Café Exquisit festsitzen sollte, als er es sich in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können, ließ die Abendsonne diesmal von sich hören.
Frank Leupesch erhob sein schweres Haupt, als die kleine Glocke über seiner Kneipentür klingelte. In den letzten Jahren hatte Leupesch einen beachtlich langen Vollbart entfaltet, der, wenn man mal ganz ehrlich war, die Farbe einer verdreckten Großstadtgasse hatte, ihm aber nicht schlecht zu Gesichte stand. Es war womöglich das größte Kompliment, das er von seinen treuen Stammvögeln im Lokal bekommen konnte, dass niemand jemals monierte, wenn die Bartspitzen beim Ausschank sichtlich im Bierglas hingen. Der Bart reichte ihm mittlerweile bis zum Bauchnabel, was schon ob Leupeschs Körpergröße beachtlich war. Man mochte sagen, seine Statur wäre die eines Basketballspielers, lang und schlaksig, wäre sie nicht vom Laufe der Zeit in diese schlaffe Krümmung geknickt worden, an deren Spitze sich wie ein verirrter Bierbauch hinter dem langen Barkeepergesicht der Schwerkraft entgegen ein ordentlicher Buckel gen Zimmerdecke schob und Frank Leupeschs liebevoll-gemütliches Wesen unterstrich, welches die verlangsamte Reaktion auf Tom Peters Bierbestellung bedingungslos entschuldigte. Seit knapp 20 Jahren leitete Frank Leupesch jetzt das Café Exquisit, vormals Café Roberta, zusammen mit seiner Perle Lina. Er hatte vieles gesehen und noch mehr wegputzen müssen. Da durfte man gemütlich werden. Gemütlich werden war im Grunde seine einzige Chance gewesen.
»Ein Helles bitte.«
Tom Peter hievte seinen geliebten Lederkoffer auf einen Barhocker und nahm auf einem zweiten Platz. Dass sich ein halb abgenuckelter Bierbecher vom Tresen aus erfolglos bemüht hatte, ebenjenen Platz als vergeben zu kennzeichnen, auf dem nun der elegante Lederkoffer zur Ruhe kam, vermochte Tom Peter erst zu kombinieren, als eine schwammige Hand auf seiner Schulter landete.
»Na, entschuldige mal«, gab sich eine geschulte Radiostimme zu erkennen.
Kurz darauf hatte der Mann mit der schwammigen Hand die Klarinette schwungvoll aus dem Weg geräumt, seinen birnenartigen Radiohintern wieder in unmittelbare Nähe zu seinem Kaltgetränk schieben können und Tom Peters augenscheinlich sehr diffuse Bestellung berichtigt.
»Frank, was ist denn das aktuelle Etablierbier?«
»Probierbier!«, rief irgendeine brummige Stimme aus der dritten Reihe. Verhuschelt und mumpfelig.
»Von Idioten ist man hier umgeben! Go with the times, meine Güte! Probierbier heißt das schon lange nicht mehr, schon seit Jahren. Wahnsinn, Frank, oder? Das Probierbier heißt jetzt Etablierbier. Frank, wie lange ist das jetzt schon so?«
Gewandt im Umgang mit Irrelevanz brach Frank Leupesch die Debatte für sich im Kopf herunter auf die wichtigen Bestandteile und sprach der Einfachheit halber gleich mit Tom Peter direkt, seines Zeichens ja letztlich Adressat der Geschmacksberatung: »Das aktuelle Etablierbier ist Reh, ein Zwickel, manche meinen, es wäre ein etwas dunkleres. Etwas dunkler als ein Helles. Da muss ich aber – für mich persönlich – eher abwinken.« Frank Leupesch bemühte sich sichtlich, seinen inneren Frieden nach draußen in den Raum zu projizieren und die wilde, haarige Meute bloß von einer wilden, haarigen Debatte um Biergeschmack abzuhalten. Tom Peter war in seiner kleinen Überforderung bereit, das Spiel mitzuspielen, und bestellte, noch im Augenwinkel einen bestätigenden Kopfnicker seines Tresennachbarn mitnehmend, ein Reh-Zwickel. Zwickel-Reh.
»Ah, der emotionale Wert von nem frischen Bier zu haben! Tschuldigung, die Grammatik. Ja, das geht vermutlich besser. Als Radiomann, haha. Beim Radio bin ich. Das heißt, und da halt dich besser fest, hier kommt die Ansage: Das heißt, ich rede recht viel. Ich rede recht gern. Quasi von Berufs wegen.«
Leupesch unterbrach den Redefluss, indem er ein goldblubberndes Glas auf den Tresen schmetterte.
»Und dann hört er im Feierabend auch nicht damit auf.«
»Enno Brotschmier der Name.«
»Tom Peter.«
»Nein! Nein!!«, rief Brotschmier mit der freudigen Energie eines jungen Schimpansen.
»Ähm… Was?«
»Tom Peter, der Trompeter?«
Generell war da eine geradezu aggressiv-jugendliche Passion in Ennos Mittvierzigergesichtszügen. Die stilsichere Radiobrille, die Koteletten, die in die Jugendlichkeit hineinforcierte Kleidung – alles suggerierte einen harmonischen Querschnitt aus Rockstar und Gymnasiallehrer, wie ihn nur der erhabene Musikkritiker zur Schau stellte. Tom Peter analysierte amüsiert, prostete, nahm einen ersten Schluck und war endlich angekommen. Schon hatte er Charaktere kennengelernt und es sollten nicht die einzigen bleiben.
»Naja, es ist eine Klarinette, eigentlich.«
»Uff. Schade. Das hätte was gehabt. Tom Peter, der Trompeter. Ich sehe förmlich die Plakate vor mir.« Ohne sein Zutun in einen zufälligen Moment der Reflexion verheddert, guckte Enno Brotschmier über seinen Brillenrand in das Gesicht seines neuen Freundes und probierte, was der durchschnittliche Anstrengend-Beschwipste so selten zu probieren vermag: das Gegenüber zu lesen. »Wir sind hier keine durchschnittlichen Anstrengend-Beschwipsten, weißt du, Tom Peter. Du hast, wenn ich das mal mit Verlaub – als Einleitungssatz in eine kleine Stadtführung sozusagen – nutzen darf, hier einen ganz besonderen Ort entdeckt: Café!Exquisit! Ein Erfahrungsfeld der Besinnungslosigkeit. Wenig Wichtiges dabei, doch selbst der Dreck hier ist besonderer Dreck. Man stolpert schnell von einem Bier ins andere, doch auch wenn du dir denkst: ich geh jetzt nur mal eben Bier gucken. Ja! Ja! Auch das geht. Hier ist gut, wenn du einfach mal gucken willst. Wie der Flüssinger da. Der starrt nur immer vor sich hin. Und das ist gut so, das macht er gut. Niemand starrt so gut wie der Flüssinger. Meine Güte. Was für Weltphilosophien sich in diesem kleinen Kopf verstecken müssen, sieh ihn dir an. Starrt und starrt. In ein Kartendeck, nen Lottoschein oder in ein Bier. Niemand starrt so wie der Flüssinger. Hier haben alle ihre Talente. Alle bringen sich ein!«
Der Mann mit den filzigen Locken, auf den Enno bei seinem euphorischen Vortrag gedeutet hatte, zuckte kaum mit dem Kinn, als sein Name fiel. Das Einzige, was vorsichtig eine Beweglichkeit in seinem Dasein andeutete, waren die vielen knittrigen Falten in seinem viel zu großen Hemd. Frank Leupesch war sichtlich unterhalten von der energischen Performance, mit der Stammkunde Enno den Raum bespielte. Auch Tom Peter schmunzelte und konnte sich vorstellen, hier noch einen recht unterhaltsamen Vortrag zu genießen.
Im Grunde hatte er selten in seinem Leben derart falschgelegen.
»Ich hoffe, ich gehe nicht schon auf den Senkel. Das ist die Radio-Energie, die muss noch raus, die ist noch nicht ganz raus.«
»Das kenn ich«, wollte Tom Peter murmeln.
»Und dann hast du halt noch dringend vom Haus-Absinth nippen müssen«, stichelte Frank Leupesch.
Enno wurde ernst wie die Bühnendiva, deren Show von einem vorlauten Teenager unterbrochen wird. »Nein. Ich wollte nur konversieren. Konversionieren. Konversation tun. Machen. Punktum.«
Da krachte die Tür, und zwei voluminöse Personen brachen herein, deren Wirkung auf den Raum noch um Lichtjahre weitere Orbits zog als ihre beachtlichen Bierwampen.
»Ich will dir ja nur sagen, dass es nicht witzig ist mit diesen vorgetäuschten Herzattacken! Meine Güte, ich hab dich doch lieb! Und du jagst mir immer so einen Schrecken ein.«
Sich in den Armen haltend, sich gegenseitig stützend, rumpelten hinein: eine beleibte volltätowierte Dame mit schwarzen Schweißbändern, Brauenpiercing und dunklem Undercut, in ihren Armen ein beleibterer Pelzberg, dessen in alle Richtungen zu kurze, zu sommerliche und wahnsinnig bunte Kleidung darauf ausgelegt schien, möglichst viel von ebenjenem Pelz auch preiszugeben. Arme, Beine, Bauch und Backen allesamt stark behaart, nur nach oben hin, gen Himmel, vermochte der Pelz eine gewisse lichte Offenheit preiszugeben, einen direkten Draht zur göttlichen Inspiration womöglich. Tom Peter wunderte sich sehr über das sommerliche Outfit, es war schweinekalt draußen.
»Harrharr«, reagierte der Haarige auf die eindringliche Sorge seiner Nebenfrau.
»Und diese beiden Zacken in der Krone der Schöpfung hier sind Borste und der Arschbär«, stellte Enno klar.
Der Arschbär wurde direkt hellhörig, und noch bevor sich die beiden an den ersten, runden Tisch, einen Marmortisch, direkt am Eingang pflanzen konnten, verdrehte er seinen runden Kopf in eine kindliche Querstellung und süßelte mit einer infantil-naiven Verstelltheit in der Stimme: »Oh, machen wir eine Vorstellungsrunde? Sie nennen mich den Arschbären. Ich esse gerne, ähm, Vanillepudding, mein Lieblingsfußballer ist Walter Frosch, und vom Sternzeichen bin ich Antifaschist. Das hier ist Borste. Borste ist meine dickste –«
»Na! Vorsicht!«
»… meine beste Freundin, schon seit immer. Und -«
»Borste hat keinen Bock auf Vorstellungsrunde.«
»Und Borste hat keinen Bock auf Vorstellungsrunde.«
»Borste will Bier.«
»Und Borste will Bier.«
Eine harte Ernsthaftigkeit im Gestus der von unten bis oben schwarz gekleideten Dame vermochte nicht zu verbergen, dass sie ihre fest betonierten Sätze selbst ein wenig genoss. Einen milde hochgezogenen Mundwinkel konnte sie sich nicht ganz verkneifen. Sie war die Gegenthese zum maximal farbenfroh gekleideten Arschbären, dessen Hellacopters-Bandshirt sich bemühte, dieser seiner knalligen Erscheinung ein wenig Schwere und brummige Gesetztheit zurückzugeben.
Enno hatte sich währenddessen in eine gefällige Trance zurückgezogen. Leicht schwankend begutachtete er, wie sich alle Puzzleteile nach seinen Vorstellungen zusammengefügt hatten, wie die Verrückten im Raum seine orchestrale Direktion bereitwillig angenommen hatten. Nun schaltete er sich wieder zu, indem er sagte: »Das ist Tom Peter. Tom Peter ist Trompeter. Ach, nein. Klarinist. Klarinnisist. Er ist neu und wir müssen ihn pflegen. Wie ein junges Reh müssen wir … Reh … Rehbier! Frank Leupesch, Meister der Zapfung, bitte, bitte noch eins, bitte.«
Borste und der Arschbär hatten sich mittlerweile an den runden Tisch gesetzt, hielten noch immer Händchen auf dessen schwerer Marmorplatte und wirkten trotz einer gewissen gelangweilten Abfälligkeit doch bereit, Ennos Show mitzutragen. Tom Peter sollte das Komplettpaket Exquisit bekommen, also gut, so sei es.
»Enno Brotschmier: schick und beschickert«, konstatierte der Arschbär. Sein dicker Po wickelte sich warm um einen Holzstuhl herum.
»Schick und beschickert!? Ha! So wird mein Podcast heißen. Oh Gott, Arschbär, das ist gut! Das ist verdammt gut. Hast du dir das grade, jetzt, in dieser Sekunde ausgedacht?«
»Sei weniger überrascht. Ich bin ein verdammter Poet.«
»Interviewen werde ich nur wichtige Gesichter des Undergrounds. Und Gäste dieser Kneipe. Genial. Genial, genial. Weil ich bin schick. Und ihr seid beschickert.«
»Enno, du bist am beschickertsten. Gib dem Mann bloß keinen Podcast, Welt. Er redet doch auch so ohne Unterlass!«, monierte Borste. Noch immer rieben die beiden sich liebevoll die Hände.
Enno drehte sich wieder zu Tom Peter. »Da zieht sich der Arschbär einfach so einen genialen Podcast-Titel aus dem bärigen Arsch, ich fass es ja nicht. Hier, erstes Interview. Der Arschbär. Legende der hiesigen Trinkerszene. Gärtner, oder was er macht, im wahren Leben, aber das ist schon egal. Das wahre Leben findet ja eigentlich hier statt! Einmal war er gestrandet auf einer einsamen Insel und musste sich wochenlang nur von … Bier ernähren. Ein Animal! Ist er geworden. Sieh ihn dir an. Sein Wille und sein Bierdurst haben triumphiert. Über das Schicksal. Ein Animal!«
Das mit der Insel musste eine Erfindung sein, überlegte Tom Peter hin und her. Das wäre eine zu wilde Information, um sie einfach so zusammenhanglos in einen Satz zu streuseln. Bevor er aber nachfragen konnte, schloss sich bereits eine kompetente Gegenrede seitens Borste an, die ein bisschen Weltschmerz in sich und in den Raum hineintrug.
»Außerdem ist er ein großer Kuschelbär und weiß sich manchmal auf seiner Suche nach Liebe nicht anders zu helfen, als mir einen riesen motherfucking Schrecken einzujagen, indem er so tut, als hätte er eine Herzattacke.«
»Funktioniert immer wieder. Schau, wie du meine fragile Hand zärtlich berührst. Love, Baby. It’s love.«
»Stellst du dir so deinen Samstagabend vor?«, fragte Enno Brotschmier mit einem satanischen Schalk in Nacken und Auge. Dabei schob er sich bewusst in Tom Peters Sichtfeld, so als ob er sich die Autorität und Aufmerksamkeit zurückholen wollte, die sich inzwischen klar um den Marmortisch eingependelt hatte.
Tom Peter sah sich um, bemüht, der Frage eine ernsthafte Reflexion zu gönnen. Er legte seine weichen, sonst so unbesorgten Musikerstirnfalten in eine angestrengte Welle. Äußerlich war er ein sanfter, zarter Musikus, doch Tom Peter hatte früh gemerkt, dass Gott einem nicht den Reißverschluss zumacht. Das musste man schon selber machen, wusste er. Und es belustigte ihn, wenn es um ihn herum laut und unberechenbar wurde.
Bier perlte und schwitzte ihm entgegen in güldener Verheißung. An den Wänden hingen krakelig beschriebene Preistafeln, deren Kreidezeichen auf den unzähligen Schichten alter Kreidezeichen kaum noch herauszustechen vermochten, daneben merkwürdige unpassende Urlaubsbilder von Menschen, die Tom Peter nirgends in der Kneipe ausmachen konnte. Mitarbeitende? Ehemalige Mitarbeitende? Verstorbene Stammkunden? Man konnte sich nicht sicher sein. Unbenutzt am anderen Ende des Tresens lugte ein Kickertisch hervor, der Erzfeind eines jeden gepflegten Kulturmenschen, der nur ungestört in sein Bier starren will. Der Flüssinger schien Wache zu schieben, mit dem Rücken zum Gerät.
Frank Leupesch wischte still und zufrieden nasse Gläser trocken und drehte sich ab und an mal um, um einen kontrollierenden Blick – nein, Tom Peter meinte hier eher einen Blick der Zuneigung, der Hingabe zu erkennen – in den Raum hinter der Theke zu werfen (die Küche?). Er wurde in Ruhe gelassen, denn alle Gäste, es waren nicht viele, hatten gerade ihr frisches Getränk. Der Erfolgsmoment, die verdiente Ruhepause des emsigen, eifrigen Kneipiers. Wenn jeder mal eben bedient ist und man kurz mit seinen Gedanken allein sein kann. Gedanken und Gläserwischen, das geht gut zusammen. Frank Leupesch wirkte bei aller Besonnenheit wie ein Kerl von entspannter Autorität, wie der Chef seines Ladens, wie ein alter Onkel, der die Familie zu sich nach Hause eingeladen hatte. Die Familie waren dann wohl Tom Peter, Enno, Arschbär, Borste, Flüssinger, ein, zwei weitere Gestalten, die sich scheinbar schon aufmachten, ihre Jacken vom Stuhl zogen und die würdevolle Ruhepause des Kneipiers mit einem subtilen Zahlungsruf unterbrachen. Das störte Tom Peter wenig, denn die dort waren die einzigen, die er nun gerade nicht namentlich kannte, die Ennos Familienfoto nicht betreten hatten. Vielleicht bewusst. Bewusst und Enno wirkten jedoch bei genauerem Blick wie ein spielerisches Gegensatzpaar. Er sah ja aus wie ein kompetenter – was war es? – Radiomoderator. DJ. Hätte vom Typ schon auch Lehrer sein können, einer von den lässigeren, jung gebliebenen. Tom Peter glaubte, es da mit einer ganzen Reihe kompetenter und vernunftbegabter Menschen zu tun zu haben, die ihre Freizeit nun mal gerne damit verbrachten, miteinander jegliche Kompetenz und Vernunft in einer miefigen Kneipentoilette runterzuspülen. Da gehörten sie ja manchmal auch hin. Tom Peter, nach einem gelungenen Konzert, gehörte dazu.
»Warum bin ich eigentlich nicht so muskulös wie du? Ich bin doch genauso alt«, hörte Tom Peter den Arschbären fragen, im Ohrenwinkel, woraufhin Borste schallend lachte.
»Ich arbeite halt für meine Muscle Boobs. Und deshalb wirst du immer ein Wabbelsack sein, das ist psychologisch, das hat mit Disziplin zu tun.«
»Ich wollte das jetzt gar nicht so wissenschaftlich haben.«
Enno hatte ebenfalls gelauscht, stupste sein Bier an Toms Bier und lallte mit rollenden Augen: »Was ist Wissenschaft, Tom Peter? Was ist das? Hn?«
Die Furcht, dass eine gefährlich-verschwörerische Weltsicht das halbwegs positive Familienbild zerstören könnte, das Enno in den Raum gemalt hatte, wurde am Ende übertroffen von einer Faszination davon, wie sehr die Trunkenheitszustände des Radiomanns, und vielleicht die Trunkenheitszustände von uns allen, in schwankenden Kurven abliefen und wie man binnen kürzester Sekundenabstände zwischen relativer Klarheit zu mutierter Kreativität zu einem lallenden Wrack werden konnte und umgekehrt. Tom Peter strebte diesen Zustand an und rollte seine Zunge nochmal tief in das Glas.
»Ich sag’s dir. Pass auf. Pass auf.« Enno Brotschmier wiederholte sich, wie sich nur der aufmerksamkeitssüchtige Showman und der wahrnehmungsbeeinträchtigte Säufer wiederholen konnten, beide niemals sicher, ob ihnen gerade auch genügend Menschen zuhören. Enno war befürchtenswerterweise beides. »Wissenschaft ist Neugier. Neugier ist Wissenschaft. Wissenschaft will ja immer schauen, ob sie selbst noch stimmt. Wissenschaft ist sich ja nie – nie – selber sicher über sich selbst. Oder? Ja, geil. Also: Fragen sind wichtiger als Antworten, oder? Fragen sind interessanter. Fragen sind, was zählt! Das ist so schwer zu schlucken für manche Leute.« Beim letzten Satz war da direkt ein kleiner fundamentaler Schmerz über das Geschick der Welt in seiner Stimme, seinen hängenden Schultern.
»Ich glaube, ja, genauso hatte ich mir das vorgestellt. Meinen Samstagabend«, sagte Tom Peter.
Enno Brotschmier musste lächeln, dann aufstoßen, dann wieder lächeln.
»Ich sag dir, das ist auch das Problem mit diesen ganzen Rechten. Den Neu-Rechten. Den Alt-Rechten. Den Extrem-Rechten. Und all denen. Mit unseren Kickerern. Der ganzen rechten Fotzensuppe!«. Da wurde Borste direkt ein wenig laut.
Mittlerweile saßen sie alle an dem großen, runden Marmortisch. Das heißt, alle außer Flüssinger, der beharrlich still vor sich hinstarrte. Und Leupesch, der nun irgendwelche Rechnungen durchblättern musste. Es war ein ruhiger Abend. Denn sonst waren im Café Exquisit nur der Arschbär, Borste, Enno und Tom Peter, alle an einem Tisch.
»Die Kickerer?«, fragte Tom Peter interessiert.
»Nicht so wichtig. Willste nicht wissen«, versicherte Borste, doch Enno, in seiner Redseligkeit, wollte mehr erklären.
»Du bist ja nicht von hier, richtig? Richtig. Nun, wir haben in dieser unserer schönen Stadt« – hierbei fuchtelte er wild in die Fensterrichtung, wo sich der kleine Bürgersteig vor der Kneipe und die gegenüberliegende Häuserfront in grauem Abendlicht badeten – »leider ein kleines … ähem … Naziproblem. Ich benenne das jetzt einfach. Und ich sehe, keiner widerspricht. Es mischt sich natürlich. Die einen nennen sich konservativ, die anderen stehen schon mal mit erhobenem Arm. Es ist ne äußerst eklige Angelegenheit. Mal brennt ne Flüchtlingsunterkunft. Mal schmeißen sie ne Scheibe hier ein, weil – schau ihn dir an – der Leupesch, vor dem haben sie Angst.«
Bescheiden und beschämt winkte der langbärtige Wirt ab. Er hätte keiner Fliege was getan, wenn sie ihm ins Bierglas scheißen würde. Wahrscheinlich pflegte er irgendwo einen Insektenzoo, eine Sammlung, weil er es nicht übers Herz brachte, störende Tiere zu ermorden, wenn sie über seine Kneipe herfielen. Dachte Tom Peter. Enno lachte herzhaft.
Borste fiel nun doch misslaunig ins Gespräch ein. »Sogar Leute, mit denen ich auf der Schule war. Das ist der Wahnsinn. Ich dachte immer, die wären cool, aber dann heiraten die und kriegen Kinder.«
»Das ist der erste Schritt, oder?«, grinste der Arschbär.
»Und dann haben sie plötzlich so Ideen. Und dann sagen sie dir plötzlich ins Gesicht, dass sie es nicht so schlimm finden, wenn die Flüchtlingsunterkunft am Stadtrand brennt.«
»Wie soll man denn noch anständig saufen gehen, wenn man Kinder hat?«, brach Enno quer hinein.
Frank Leupesch freute und wunderte sich über die urige Truppe dort am Tisch, die das neue Gesicht so emsig in sich aufgenommen hatte. Einmal mehr. Enno war einfach ein Klebermann. Einer dieser magischen Klebermänner. Dann stellte Frank dem Flüssinger noch ein Reh hin, weil der das telepathisch bestellt hatte. Wusste Leupesch, hatte er im Gefühl.
Die Stadt hatte tatsächlich ein verstärktes Problem mit den Rechten bekommen in den letzten Jahren, das ging sogar in den Stadtrat hinein und machte auf jeden Fall nicht Halt vor dem höchst bedenklichen Bürgermeister Gerdt Konradt, einer kapitalistischen Ratte sondergleichen, einem schmierscheißigen Fiesling, der jegliche Alternativkultur für linksradikalen Abfall hielt. Das war eine brandgefährliche Situation für so eine gemütliche Kneipe, wo die Stammgäste das Leben anders, nämlich richtig, verstanden hatten. Leupesch hatte innerlich Angst vor dem Zustand seiner kleinen Stadt. Durch seinen dicken Bart konnte davon aber nichts nach draußen dringen, und so war er – wie eh und je – der Chef, der gute Hirte, der Hotelier und Türsteher für die alte, abgefuckte Szene. Flüssinger nickte ihm dankend zu, vor allem, weil er nichts hatte sagen müssen, seinen scheuen Wunsch nicht hatte in Worte fassen müssen. »Keine Sache, ist doch keine Sache«, murmelte der Wirt bescheiden. Und dann warf er einen kurzen, verliebten Blick in die Küche, wo sein Rückgrat war. Seine Partnerin, die Frau mit dem heilenden Lächeln. Das schwor Leupesch, da konnte sogar Enno ein Lied von singen, dass das Lächeln von Lina Rundchen einen vor dem fiesen Alkoholtod retten kann. Enno selbst war mehrere Mal nur knapp entkommen, nur weil Lina Rundchen ihm noch einen süßen Blick zugeworfen hatte, bevor er ins Taxi gefallen war. Ohne Lina Rundchen ging hier nix, alle hatten sie ein bisschen toll gefunden, als alle noch jung waren im Dorf, und der Leupesch hatte sie sich einfach geangelt und mit ihr das Café Exquisit aus dem Boden gestampft. Und wer sollte sich da noch beschweren?
Das bequeme Schuhwerk unter den mehrfach umgekrempelten Jeanshosen ermöglichte Lina Rundchen, gemütlich bei der Küchenarbeit zu tanzen und die Hüften zwischen dem beengenden Küchenmobiliar hin und herzuschwingen. Es lief Tom Waits, Lina Rundchen bereitete den Käse für die Käse-Nachos vor. Sie frohlockte, denn es war einer ihrer liebsten raubeinigen Blues-Songs. Lina Rundchen tanzte zu Tom Waits und Leupesch murmelte zufrieden: »Keine Sache.«
»Hier, das ist Lina, Lina ist noch da. Zum Glück ist es eine Slow Night, ey, sonst kämen wir ja nie mehr raus aus der Vorstellungsrunde. Irgendwelche Fragen so weit?«
»Machst du das immer so, wenn jemand Neues reinkommt?«
»Hier kommt nie jemand Neues rein. Haha! Aber weil wir ja unter uns sind, nur die Familie und so. Probier den Absinth! Der macht heiteeeeer.« Das letzte Wort zog Enno lang wie einen Clownschuh und fiel dabei beinah vom Stuhl. Dafür erntete er wohlwollendes Kopfschütteln von Borste und dem Arschbären und ein paar naiv auffangende Arme von Tom Peter.
»Deshalb kommt hier auch niemand Neues rein. Die riechen das Teufelszeug von der nächsten Straßenecke aus und machen gleich wieder kehrt«, murrte Borste borstig murrend.
»Also ich – als Neuer hier -«, setzte Tom Peter an, nachdem er Enno wieder auf seinem Stuhl zurechtgerückt hatte.
»Du weißt ja im Grunde gar nix. Und deshalb weißt du auch nicht, dass du unbedingt den Absinth probieren musst. Meine Güte, das weißt du ja gar nicht!«, vollendete Enno, aufrichtig schockiert.
»Als Neuer hier«, fuhr Tom Peter fort, sein Selbstvertrauen gesteigert von der hervorragenden Gesellschaft, die ihn so schnell und herzlich aufgenommen hatte, »möchte ich mich auf jeden Fall nicht verlaufen. Der Nachhauseweg ist noch weit weg. Aber er wird kommen! Und der Bahnhof, wo ist überhaupt der Bahnhof?«
»Da.«
»Ja, aber seht ihr, wisst ihr, was ich meine? Ich will ja ein bisschen die Konzentration verlieren, ein bisschen leben heute, ist schon gut. Aber eine angenehme Alkoholkonzentration ist das Ziel! Nicht zu viel.«
»Hä. Häää. Wenn du die Alkoholkonzentration haben willst, dann hast du sie doch schon!« Enno hatte diesen seinen Satz als große Weisheit angelegt. Die große Bedeutsamkeit blieb dem Rest der Gruppe allerdings verborgen. Inzwischen wurde die vierte oder fünfte Bierrunde bestellt, um das Gespräch entsprechend klüger, weiser, gehaltvoller zu machen. Lina Rundchen tanzte mit einem gefährlichen Tablett, aber voller Kontrolle am Flüssinger vorbei zum magischen Marmortisch.
Enno flüsterte ihr was ins Ohr. Alle schüttelten alarmiert den Kopf.
»Nein, Lina! Glaub ihm kein Wort. Niemand hier will die Absinthrunde, außer Enno, neinklaresnein!«, rief der Arschbär dazwischen. Höflich, aber bestimmt.
Ein grimmig-enttäuschter Enno schmiss seinen Kopf herum, weg von Linas Ohr – die hackebeilartigen Bewegungen eines Schwerbesoffenen – und beschwerte sich, dass über seinen Kopf hinweg entschieden worden war. Dann beugte er sich wieder wissend zu Tom Peter, seinem Schützling, seinem Protegé, hinüber, zu dem Männlein, dem er noch was zu sagen hatte, das er noch formen konnte. »Probier den Absinth, Tom Peter! Das ist ein Geheimtipp!«
Borste forschte bissig dazwischen: »Enno, ist es eigentlich wahr, dass man davon blind wird? Du als Experte, was sagst du?«
Wie die Geschwister waren sie. Tom Peter hatte sich das immer gewünscht. So eine Familienstimmung, so einen Zusammenhalt. Deswegen war er ins Ensemble, in die Band eingetreten und hatte sich dort lässige Musikerfreundschaften und gedankenschwangeres Abgehänge erhofft. Nichts davon war eingetreten, die Kolleg*innen waren allesamt verheiratete Langweiler, mit denen er zwar gute Konzerte spielen konnte, die ihn danach aber allein um die Häuser ziehen ließen. Aber warum meckern, wenn es so enden konnte? Enno, Borste, Arschbär, Frank und Lina. Sogar der Flüssinger leistete seinen Beitrag zum Dekor, wie eine schlecht gelaunte Topfpflanze.
»Pff, Nonsens! Sieh mich an! Ich kann mehr sehen als vorher, als vorhin noch. Die großen und die klitzeklitzekleinen, die winzigen Zusammenhänge. Nichts bleibt mir verborgen mehr! Außerdem waren die größten Legenden des Blues blind. Alle!«
»Wo ein Vorteil ist, da gibt es auch irgendwo auf der Welt einen Nachteil, stimmen wir so weit überein?«
»Das kommt immer, immer darauf an, worauf du eigentlich hinauswillst, Enno.« Borste rollte mit den Augen.
Es war ein derart ruhiger Abend, dass auch Lina und Frank sich eben an den schweren Marmortisch gesellt hatten und den Flüssinger ganz allein an seinem Treseneck sitzen ließen. Tom Peter sorgte sich ein wenig, doch Lina winkte ab. Der Flüssinger habe noch nie menschliche Interaktion gebraucht, der sei ganz froh, wenn er mal glotzen könne, ohne Getümmel im Hintergrund.
»Naja, hier globaler Kapitalismus und so. Wir – die erste Welt – wir haben den Vorteil. Auf Kosten von denen mit dem Nachteil, der dritten Welt, auf deren Kosten wir leben. Ich trink zehn Bier und woanders hoffen sie auf einen Eimer Wasser.«
Ennos Augen zuckten nun weniger, es umgab ihn wieder die bedeutungsschwere Klarheit eines Radiomannes, der über jeden Kehricht reden konnte und es auch zu verkaufen wusste. Und damit über fehlende Inhalte hinwegtäuschen konnte. Eine gefährliche und unterhaltsame Gabe.
Alle am Tisch bemühten sich, grübelnd auszusehen. Sollten sie ihm nun Recht geben? Doch die Antwort war bereits in ihren Köpfen festgenagelt, der Widerspruch bereits im Keim erstickt. Man erfreute sich, oberflächlich genervt, an dem immerzu faselnden Kobold und hatte schon längst vergessen, was er eigentlich gesagt hatte.
»Also, wenn ich dann den Vorteilspack vom Duschgel kaufe. Dann gibt es irgendwo auf der Welt jemanden, der den Nachteilspack kauft. So ein winziges Fläschlein? Ich mein … weil so die Welt offenbar ja funktioniert. Einer gewinnt, einer verliert. Hängt zusammen.«
»Wie ne Wippe«, warf Tom Peter ein.
»Ich brauch ne Kippe«, nörgelte Borste.
»Euer Gespräch ist eher ne Wasserrutsche. Läuft flüssig, geht aber stetig bergab«, schmunzelte Lina.
»Der Spielplatz des Lebens.« Enno lehnte sich zufrieden zurück. Sein wirres Unheil war verrichtet worden.
Tom Peter wusste sich lediglich mit sachlichen Hintergrundfragen aus dem Strudel fragwürdiger Eloquenz zu befreien. Ein Hauch von Fremdscham belegte nun das Brot seines Abends. Weil es auch immer die großen Themen sein mussten. »Und, Lina, Frank, wie lange macht ihr das hier schon? Das Exquisit?«
»Oh, gut, guter Mann, ich mag den Mann. Ein Ablenker. Einfach immer ablenken, wenn Enno quatscht«, verzog sich Borste mit Fluppe in der Flosse nach draußen.
»Harrharr«, machte der Arschbär. Und ging mit. Ohne Fluppe, aber unzertrennlich.
Lina guckte ihnen nach. »Ein Herz und eine Leber, die beiden. Wie lange machen wir das schon, Frank Leupesch? Na, vielleicht so zwanzig Jahre?«
»Wer weiß das schon immer so genau. Vorher jedenfalls, da gab es hier noch richtig Küche. Da war das das Café Roberta. Ein schmuckes Teil auch. Enno, erinnerst du dich daran noch?«
»Frank, da war ich noch klein.«
»Zehn Bier groß warst du damals auch schon. Café Roberta hat uns alle das Saufen gelehrt.«
Und nachdem das Bild gemalt worden war, von einer exotischen und doch bodenständigen südamerikanischen Küche, einer Wirtin mit grauen Haaren, großem Herzen und schweren Hüften, und einer Zeit, in der Frank und Enno und wie sie alle hießen das Saufen gerade lernten, zwischen blau und gelb angestrichenen Holzsäulen, würzigen Gerüchen, diversen Haustieren hinterm Tresen und Landesflaggen an den Wänden, schaffte es Enno als Erster wieder zurück in die Gegenwart.
»Eine reine Erfolgsgeschichte ist das. Das Exquisit. Im Ernst, ich wüsste nicht, dass es eine Kneipe schafft, so sehr die verschiedenen Subkulturen, Altersgruppen, Weltansichten zu vereinen wie hier.«
»Das ist auch nicht immer gut.« Kurz huschte eine düstere Nachdenklichkeit über Franks Gesicht, das nach dem Vergangenheitsplausch deutlich gealtert und faltiger schien.
»Ja, aber im Prinzip halt schon. Generationenübergreifend! Das schaffen wir im Sender auch nicht, und wir probieren’s schon sehr. Eine reine Erfolgsgeschichte.«
»Wie war das mit dem Vorteil und dem Nachteil? Ich hab halt auch dreißig Kollegen beerdigen müssen in der Zeit, deren Kneipen sich nicht gehalten haben, oder? Ich weiß nicht, ob es die individuelle Erfolgsgeschichte so braucht. Ich weiß nicht, ob das das Ziel sein muss, sich abzusetzen von der Konkurrenz. Vielleicht schaffen wir das lieber ab mit der Konkurrenz, mit dem persönlichen Erfolg.«
»Stimmt, Ego-Erfolg gilt nicht. Erfolg ist …«
Und Enno setzte an, mit der verheißungsvollsten und längsten und atemlosesten Spannungspause des Gesprächs bisher, die größte Wahrheit, die unumstößliche Weisheit, den einzig geltenden Sinnspruch anzubringen, der die Welt endlich bereinigen sollte von dem dummen Geschwätz und der großen, großen Zeitverschwendung.
»Erfolg ist, wenn du uns jetzt ne Absinthrunde hinstellst.«
»Toilette ist da hinten«, leuchtete Lina freundlich den Weg für Tom Peter, der einfach nur suchend aussehen musste, um die gestandene Wirtin seine Wünsche aus der Luft lesen zu lassen.
»Zutiefst verbunden.« Er war sichtlich gerührt. Ummuttert. Der Klarinettist wollte sich nur noch in den Busen dieser Kneipe legen und nie wieder gehen. Aber erst Pipi.
Als er in den Nebenraum verschwunden war, blickte Enno sich um und brummte: »Ruhiger Abend.«
»Lieber so als du weißt schon wie«, brummte Frank Leupesch gedankenverloren zurück.
»Wo sind denn alle Linken hin?«
»Wo sollen die schon sein?«
»Ist irgendeine Demo, von der ich nix mitbekommen hab?«
»Vermisst du deine linken Zecken, Enno? Die sind dir doch sonst immer ein bisschen zu viel? Der feine Herr Kulturmensch?«
»Na, heute sind die mir zu wenig. Wir brauchen sie schon als Streitmacht. Stell dir vor, wir würden jetzt belagert werden. Wo ist dann unsere Streitmacht, Frank? Nee, ich fühl mich schon gut und sicher, wenn die hier sind, die haben ja alle ein großes Herz. Und so spitze Nieten überall. Außerdem streiten die Linken sich immer im Kleinen. Verlieren sich in Details. Da ist das gemeinsame Besäufnis erdend und wichtig. Das macht man schön zusammen.«
»Naja, hol sie halt aus ihren Höhlen. Geh doch den Jakobsweg, Enno Brotschmier. Hol sie zu uns!« Bei diesen Worten erhob sich Frank beschwörend wie der magische Hexenmeister, der er ohnehin war, weil er magisches Elixier zur Verfügung stellte und einen langen Rauschebart hatte.
»Ich gehe den Jakobsumweg! Und schnorr mir ne rauchende Lunte von den Bauchgeschwistern draußen.«
»Dachte, du hast aufgehört.«
»Frank, schau mich an. Ich hör niemals richtig auf. Und wenn der Leichenwagen kommt, fang ich nochmal an!« Mit diesen Worten schlüpfte auch er aus der Vordertür. Lina und Frank widmeten sich wieder dreckigen Melodien und dreckigen Gläsern, von denen es im Grunde viel zu viele gab, in Anbetracht der Tatsache, dass nur der Flüssinger im Raum war und still auf einen kleinen Zettel neben seinem Bierbecher starrte.
»Alle weg«, zwinkerte Lina ihrem schlaksigen Lover zu und ignorierte den einsamen Mann am Tresen. Frank Leupesch wusste das Signal sofort zu deuten und stürzte sich heran an die Frau seiner Träume. Er packte sie bei der Seite und schlüpfte seine Arme unter ihre. Dann tippelten sie einen kurzen Walzer durch die Küche. Tom Waits gab ihnen Recht. Die Batterien luden sich auf. Nun konnten beide einen Abend durchstehen, der zwar wenig Kundschaft, aber viel Ärger mit sich bringen sollte. Und obwohl sie es nicht ahnten, waren sie bereit. Der Moment in den Armen des anderen sollte für den Energiehaushalt beider Seelen unerlässlich bleiben. Lina bedankte sich herzlich bei ihrem Tanzpartner, der sagte verliebt wie am ersten Tage: »Keine Sache, Lina«, drehte sich wieder zu den dreckigen Gläsern und warf dem Flüssinger einen stolzen Blick zu, aber eher so, wie man einem Haustier signalisieren würde, dass man Teil der überlegenen Spezies ist.
Tom Peter betrat fröhlich entleert den Kneipenraum und vermisste sogleich die traute Zusammenkunft am Marmortisch.
»Die sind alle auf dem Jakobsholzweg!«, beantwortete Frank Leupesch die ungestellte Frage und knallte dem Klarinettisten ein frisches Bier hin.
