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Ein junger Musiker jagt einer ebenso verständlichen wie verstörenden Obsession hinterher: Er braucht ein Piano. Doch das ist gar nicht so einfach, denn es mangelt ihm nicht nur an den finanziellen Mitteln für das Instrument, sondern auch an grundlegenden sozialen Fähigkeiten. Außerdem wird er von einem grünbäuchigen Waldgeist getriezt, der neuerdings immer öfter in seinem Leben auftaucht und sich auch in die zunächst vielversprechende Affaire mit einer Musikalienhändlerin einmischt. Die Kellerband um Hausmeister Knasse bringt neben zu viel Alkohol zumindest kurzzeitig eine gewisse Stabilität in die verworrene Welt des Möchtegern-Pianisten, doch eine verkorkste Konzerttournee mit den Alt-Hippies wirft auch neue Fragen nach den wahren Bedürfnissen auf. Jan Bratensteins Debütroman ist wie einer dieser verrauchten Kneipensongs: kurz da, hinterlässt er einen bitteren und seltsamen Geschmack auf der Zunge, und schon ist er wieder weg.
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2018
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© 2018 Carpathia Verlag GmbH, Berlin
Linolschnitt: Johannes Stahl, www.johannesstahl.com
ISBN 978-3-943709-25-4 (Print)
ISBN 978-3-943709-26-1 (EPUB)
ISBN 978-3-943709-27-8 (MOBI)
ISBN 978-3-943709-28-5 (PDF)
www.carpathia-verlag.de
Teil eins (Piano, Nein, Nicht)
Teil zwei (Piano Bluespunk)
Teil drei (Ein ganz besonderer Patient)
Songzitate
Ich brauchte ein Piano. So. Ich war einsam. Es war so langweilig. Ich brauchte ein Piano. Ich saß da, grübelnd, in meinem winzigen Zimmer und sah den Wänden beim Vergilben zu. Acht Möbelstücke hatte ich im Blick. Acht Töne in einer Oktave. So hatte ich sie arrangiert. Bürostuhl, Holzstuhl, Nachttisch, Matratze, Esstisch, Stehlampe, Kommödchen, Kommödchen. Manchmal sprang ich durchs Zimmer, die Möbel waren Tasten und ich kreierte fiktive Lieder. Niemand hörte sie. Nicht ich, nicht die Nachbarn. Meine Gliedmaßen wirbelten herum, spielten das fiktive Instrument und wirbelten Staub auf. Breite Beine erzeugten zwei Töne, Dreipunktlandung für einen Dreiklang. Ein bisschen wie Twister, nur einsamer. Und schlecht fürs Mobiliar. Fragen Sie mich am besten erst gar nicht nach der Stehlampe.
Ich brauchte ein Piano. Diese alte Mundharmonika war einfach nicht befriedigend. Ich brauchte eine Spielwiese für die Finger. Ich war immer gut gewesen mit den Fingern. Zwinker, zwinker, meine Damen. Mein Vater wollte, dass ich Zimmermann werde, wie er. Für Filigranes und Schönes hatte er keinen Sinn. Deshalb musste ich weg. Und das alte Piano meiner Großmutter im Speisezimmer zurücklassen. Ich musste weg. Aber ich brauchte ein Piano.
Sogar die Penner hier hatten Pianos. Also einer. Unter einer Brücke. Ich hatte es ihm stehlen wollen, als er schlief, aber er hatte es festgebolzt. Soweit trieb es mich schon. Arme Leute bestehlen. Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich tagträumte von Sprungbrettern aus Elfenbein, und meine Finger katapultierten sich darauf in die Höhe und fielen wieder herab.
Es gab drei Musikgeschäfte in dieser Stadt. Aalbrecht, der war gut. Bertraam, der war in Ordnung. Kloss, dahin hätte ich meinen schlimmsten Feind nicht schicken wollen. Das war also die vorgeschriebene Reihenfolge. Wir hatten einen Plan, meine Damen und Herren. Was wir nicht hatten, war Geld.
Dass die Nachbarn mich nicht hörten, war wohl ein Irrtum, denn der alte Knasse kam vorbei und sagte, die unter mir hätten sich beschwert. Ich war wieder im Zimmer herumgesprungen, weil es mir beim Denken half, weil ich denken musste, wie ich an Geld kommen sollte, Geld für ein Piano. Die unter mir hätten das als störend empfunden, sagte der alte Knasse. Der alte Knasse, das war so eine Art Hausmeister hier. Eben der alte Knasse. Kahlrasiert am Kopf fragte er mich dann nach meiner Mundharmonika, die er da liegen sah. Ich sagte: »Ja.« Und ich sagte noch: »Das ist eine Mundharmonika.« Dann blickten wir uns grimmig an. Nach einer Weile setzte er sich ungefragt auf das C und erzählte, er habe einmal eine Bluesband gehabt, aber alle anderen wären an Kotze erstickt. Ob jeder an seiner eigenen oder irgendwie gegenseitig, wollte er nicht sagen. Er fragte, ob er das Instrument anspielen dürfe. Mit sabberigen Lippen saugte und nuckelte er an dem kleinen Stück Metall. Ihm kamen die Tränen. Der alte Knasse saß da und heulte auf dem C. Nach einer Weile hielt er inne und mir seinen Flachmann entgegen, der sich für gewöhnlich aus seinem Hosenhintern beulte. Ich nahm einen Schluck. »Eigentlich bin ich Pianist«, sagte ich dann. Der alte Knasse nickte und brummte irgendwas von Essiggurken. Ich wusste nicht genau, was ich von diesem Treffen halten sollte. Ein so inniges Verhältnis wie dieses hatte ich zu einem Hausmeister noch nie zuvor aufgebaut. Vielleicht könnten der alte Knasse und ich eine Formation bilden. Aber ein Piano war hierfür noch immer das fehlende Element. Bevor ich ihn fragen konnte, ob er mir zufällig Geld borgen könne, knallte der alte Knasse die Wohnungstür zwischen uns zu und war verschwunden. Ich fing wieder an, im Zimmer herumzuhüpfen. Ein gutes Lied sollte mir an diesem Tage aber nicht mehr gelingen.
Aalbrecht hatte samstags geöffnet, von 10 Uhr morgens bis 14 Uhr. Ich musste mich also beeilen. Um 12.51 Uhr verließ ich die enge Wohnung, und die Sonne strahlte mir auf die Stirn und aufs Kinn. (Dazwischen hatte ich eine übergroße Sonnenbrille platziert.) Ich wusste nicht recht, wie mein Besuch in Aalbrechts Musikladen laufen würde, denn ich hatte ja kein Geld. Ein Piano, das werden Sie wissen, meine Damen und Herren, kann man auch nicht einfach so stehlen. Vielleicht wollte ich einfach wieder in der Nähe eines solchen Instruments sein, das Holz beschnuppern, das Elfenbein streicheln, meinen Fuß auf dem Pedal wippen lassen. Ich wusste aber auch, dass ein solches Erlebnis mehr oder weniger viel Trennungsschmerz bedeuten und den Drang nach einem Piano nur verstärken würde. Ich fühlte mich, wie sich Drogenabhängige fühlen müssen, wenn sie nach langer Abstinenz einmal wieder zu ihrem Dealer schlendern.
Aalbrechts Musikladen befand sich hinter einer riesigen Kirche. Man konnte wählen, ob man den langen Weg außen herum oder den demütigen Weg hindurch ging. Ich hatte mich ganz in Schwarz gekleidet und dazu diese riesige Sonnenbrille im Gesicht. Ich musste wie ein Vampir ausgesehen haben für die armen, alten Katholiken, die da saßen und mich vorbeischlendern sahen, während sie doch eigentlich nur ganz vampirfrei beten und untertänig sein wollten. Ich fühlte mich auch ein wenig wie ein Vampir, um ehrlich zu sein, als die kühle Kirchenluft meine Wangen umwehte und mir gewissermaßen Zuflucht vor der glühenden Sonne gewährte. Was sind das für Leute, die die Sonne verschmähen? Die den Schatten vorziehen? Vampire sind das. Vampire und Pianisten.
Ein Pfarrer sah mich böse an. Aber das war nicht das erste Mal, dass mich ein Pfarrer böse ansah, wissen Sie.
Ich öffnete die Hintertür des Gottesgemäuers und ein großer Platz mit einem noch größeren Brunnen tat sich vor mir auf. Tauben. Kindergeschrei. Das Geplätscher des Brunnens. Eine mittelgroße Stadt und ihre mittelgroßen Plätze. Auf der anderen Seite war Aalbrechts, ein kleiner, unscheinbarer Laden zwischen einem Küchenzubehörgeschäft und einem Teppichladen. Ein grünes Neonschild versuchte, schwächlich gegen die Sonne anzuleuchten. Vor der Tür standen zwei Alt-Hippies und rauchten. Sie hatten womöglich gerade ihre Mandolinen zur Reparatur gebracht. Einer von beiden nickte mir freundlich zu, als ich an ihnen vorbei durch die klingelnde Eingangstür glitt. Der andere nickte nicht. Aber so sind Alt-Hippies: einer so, einer so.
»Was kann ich für Sie tun?« Egon Aalbrecht, holländische Vorfahren, kaum rauszuhören, guckte mich freundlich an. Dies war ein Musikladen, der gleich süßlich-nette Atmosphäre versprühte. Und Vanillegeruch. Wurde hier irgendwo gebacken? »Pianos sind hinten?«, fragte ich und deutete zwischen Tubas und Hörnern auf einen Gang. Aalbrecht nickte, und zu meiner Verwunderung riefen die beiden Herren vor der Tür auch »Ja! Ja!« durch die Tür hinein, ein wenig zu laut, wenn Sie mich fragen. Ich ging nach hinten. Das hätte ich nicht tun sollen, wissen Sie.
Da stand sie. Selbstbewusst stand sie da, sicher, dass sie meine volle Aufmerksamkeit haben würde. Diese Formen, dieser nuancierte Hautton. Ich war gefangen in ihrem Anblick. Sie blickte zurück, als wollte sie sagen: Hier bin ich. Nur ich. Sie saugte mich ganz ein, wir glitten gemeinsam hinab in eine Welt aus Wellen und Formen. Ihre Kurven. An all den richtigen Stellen. Faszinierend. Ich dachte daran, sie zu berühren. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn, als ich daran dachte, meine Zunge die Kurven entlangzuführen. Sie funkelte im Licht des Musikladens. Ich war gebannt, wie in Trance. Mein Herz war bewegt. Meine Seele tänzelte herum, doch tatsächlich stand ich regungslos, fassungslos. Sie blitzte mir mit weit ausgestreckten, weißen Zähnen entgegen. Eine zarte Hand fuhr ihr sacht über die Zahnreihe, die gespickt war von schwarzen Lücken. Die Besitzerin der zarten Hand, die Dame am Piano, war auch ganz hübsch.
Ich näherte mich langsam, auf Zehenspitzen. Vanillegeruch und irgendein Mist von Mozart verhedderten sich in der Luft zu einer synästhetischen Brise Wohlbefindens. »Hallo«, sagte sie. Die Dame, nicht das Piano. Ich brummte nur zurück. Die Schönheit des Flügels hatte mich noch nicht losgelassen. Doch je mehr ich die weißen und schwarzen Tasten bei ihrem Tanz zu beobachten suchte, desto mehr fiel mein Blick auf die geschwinden Finger, die den Tanz antrieben. Und von den Fingern zur Hand. Winzige, goldene Härchen schimmerten mir entgegen, als mein Blick den Unterarm hinaufglitt, über die von ausgewachsenen, goldenen Haaren bedeckte Schulter bis hin zu dem wohlgeformten Gesicht mit den geschlossenen Augen. Hochkonzentriert wirkte sie, wie sie da saß. Silvia. Silvia Aalbrecht, die Tochter. Ich kannte sie. Irgendwoher. Ich wusste nicht mehr genau, woher. Ich bin da manchmal etwas löchrig. Möglicherweise war es die Euphorie, die ich noch in mir trug, vom Beäugen des Instruments, die sich nun übertrug auf das Gesicht dieses Menschen. Oder war ich immer schon verliebt gewesen? Hatte ich hier eine große Zuneigung, eine uralte Verbindung vergessen und nun wiederentdeckt? Sollte ich etwas sagen?
Irgendwann drehte sich ihr Kopf ganz vorsichtig in meine Richtung. Sie spielte weiter, warf mir aber für einen Sekundenbruchteil einen Blick zu, der zwischen Verwunderung, Misstrauen und Gefallen alles hätte sein können, und ich bekam es mit der Angst zu tun. Meine Erinnerung wollte mir immer noch nicht mehr Informationen gewähren, doch in diesem Augenblick kam es mir äußerst plausibel vor, dass ich immer schon vor Silvia weggelaufen war. Dass ich ein Angsthase gewesen war, immer wenn ich sie gesehen hatte, so wie auch in diesem Moment. Hastig sprintete ich zur Tür hinaus. Ich würde ein anderes Geschäft aufsuchen müssen.
Auf dem Nachhauseweg über den Obstmarkt fragte ich mich, ob es nicht einfacher wäre, homosexuell zu sein. In der Anwesenheit von Männern hatte mich nie eine derartige Nervosität befallen. Im Gegenteil, Männer betrachtete ich zumeist als meiner minderwertig. Die meisten waren dumme Bauerngeschöpfe ohne Sinn und Verstand, nur des Bieres wegen, nur der Weiber wegen aus dem Hause gekrochen. Selbst die Musiker, die ich kennengelernt hatte, waren großteils derartig stumpf. Viele musizierten aus eben genannten Gründen und nicht der Schönheit der Musik wegen. Ich wollte da ein anderer sein. Eine höhere Art. Ich wollte aufsteigen in die göttlichen Sphären. Den anderen waren diese Sphären ganz egal. So als ob sie sich gar nicht damit befassten, so als ob sie ganz zufrieden wären im Hier und Jetzt. Unfasslich. Inmitten dieser ohnehin schon recht tragischen Gedanken schiss mir dann auch noch ein Vogel auf die Schulter. Profanität überall um mich herum, dachte ich.
Aber ich schüttelte die Gedanken schon bald in eine andere Richtung, zurück in die von Silvia. Ich schämte mich einen Moment lang, dass ich quasi im gleichen Atemzug an Vogelschiss und Silvia denken musste. Was für ein Eindruck! Was für ein Geschöpf! Engelsgleich und so behände am Piano.
Der alte Knasse lag halb bewusstlos sabbernd im Hausflur. Ich wusste nicht genau, welche Körperflüssigkeiten da um ihn herum in den Boden sickerten, aber ich konnte ihn auch nicht fragen. Ich half ihm auf. Er stöhnte. Tränen glitten seine Wangen herab und Blut tropfte langsam von seiner Stirn auf sein Hemd. Er wäre in eine Schlägerei verwickelt worden, mit seiner Ex-Frau, sagte er. Sie habe ihm ein Glas teuren Whiskys über den Schädel gezogen. Er musste wieder lauthals weinen, als er bei mir in den Sessel sackte. Ich wusste, ich würde ihm einen Gefallen tun, wenn ich ihm Alkohol anbieten würde, aber ich hatte nichts im Haus. Da packte er aber auch schon seinen Flachmann aus. Er faselte etwas von einem Projekt. »Jetzt wo ich frei bin, frei von dieser Frau, frei zu tun und zu lassen was ich will, jetzt starte ich mein Projekt! Ach! Diese Freiheit!«
»Was machen wir hier unten jetzt?«
»Was soll denn diese Fragerei? Fürchtest du dich im Dunkeln oder was? Ich bitte dich.«
»Nein. So ist das nicht. Ich bin nur nie hier unten. Knasse? Knasse?«
»Ja, hier bin ich. Warte. Jetzt. Hier ist der Lichtschalter. Was meinst du, du bist nie hier unten? Nutzt du dein Kellerabteil gar nicht?«
»Wüsste nicht, was ich da reinstellen sollte.«
»Na gut. Jetzt warte mal, bis du das hier siehst.«
Klick.
»Oha.«
»Das ist alles uralt. Mit dem Equipment hab’ ich schon vor 20 Jahren gespielt. Hier, das ist ’ne alte Fender. Oh, das gute alte Zeug. Spiel mal an.«
»Ich kann nicht Gitarre spielen.«
»Ah, warte, ich zeig dir was.«
Und er spielte auf. Mit dem Ehrgeiz und der Fingerfertigkeit, wie sie nur die frisch Gedemütigten hervorzuzaubern wissen.
»So. Ich bin natürlich ein bisschen eingerostet. Aber das kommt alles wieder, wirst sehen. In ein paar Wochen kann ich wieder auftreten.«
»Nicht schlecht. Nicht schlecht, Knasse.«
»Klasse, Knasse! Das haben sie früher immer zu mir gesagt. Damals, als noch was ging.«
»Klasse, Knasse.«
»Ja.«
»Oh, das ist eine Menge Schnaps da in der Ecke.«
»Jaja, ich hab’ vorgesorgt. Suff gehört dazu. Ich spiele den Blues, da gehört Suff dazu. Haha.«
»Na, dann steht dem Projekt ja nichts mehr im Wege.«
»Richtig, richtig. Sag der Putzfrau nicht, woher das Blut im Treppenhaus kommt, ja?«
Ich lag im Zimmer und starrte vor mich hin. Der alte Knasse fing etwas an. Ich wollte auch etwas anfangen. Ich war so abhängig. Silvia spielte Piano. Wahrscheinlich saß sie da immer noch und spielte Piano. Na. Es war fast Mitternacht. Wahrscheinlich nicht. Aber auch sie war mir da voraus. Und ich war so abhängig. Und zu Aalbrecht konnte ich nun nicht mehr gehen. Einmal mehr ging ein ereignisreicher aber erfolgloser Tag voller dunkler Gedanken zu Ende, und ich schwor mir, morgen würde ich zu Bertraam gehen. Das war auch ein guter Laden, hatte ich gehört. Und ich würde nicht gehen, ohne zumindest ein Piano berührt zu haben. Jawohl!
Diese Nacht träumte ich von einer Bühne, die vor einem brodelnden Vulkan aufgebaut war. Der alte Knasse, im schicken Anzug, sagte meinen Namen laut in ein Mikrofon hinein und ein großes Publikum fing an zu jubeln. Aber die Bühne war leer und ich konnte nicht darauf, die Bühnentreppe wollte mich irgendwie nicht lassen. Jedes Mal, wenn ich einen Schritt machte, fügte sich oben eine neue Stufe hinzu, wie eine Rolltreppe nach unten, die man falsch herum hinaufläuft. Da rief jemand auf der anderen Seite der Bühne meinen Namen. Es war Silvia. Sie hatte riesige Hände und streckte sie in meine Richtung aus, aber ich musste mich ducken, damit sie mich nicht mit ihren Pranken umriss. Sie hatte keine Kontrolle über ihre riesigen, wunderschönen Hände. Plötzlich sah ich, wie der alte Knasse am Bühnenrand stand und lasziv an einem ihrer riesigen Finger leckte. Dabei sah er mich ganz spöttisch an. Seit diesem Traum war ich dem Knasse gegenüber wieder etwas skeptischer eingestellt.
Aber offenbar war Silvia ein Thema. Das hätte ich nicht gedacht, nicht gewollt. Es ärgerte mich, dass sie in direkte Konkurrenz zu meiner Sehnsucht nach dem Instrument zu treten versuchte. Ein Freund von mir hatte einmal gesagt, dass ein jeder Mensch unterschiedliche Reize und Bedürfnisse auslösen und erfüllen kann. Jeder wirkt unterschiedlich und ist deshalb unvergleichbar mit anderen. Und jeder hat seine Daseinsberechtigung. Und deshalb gibt es keine Konkurrenzstrukturen. Und deshalb ist Polygamie okay. Das war seine Argumentation. Ich strengte mich an, diese Sichtweise auf Silvia, mich und das Piano zu übertragen. War es in Ordnung, an sie zu denken und nicht an das Piano, wenn ich etwa allein zu Hause war? Oder sollte ich zumindest an beides gleichzeitig denken? Sollte ich versuchen, die beiden Bedürfnisse zu verbinden? Sollten Silvia und das Piano zu einer Einheit verschmelzen, so wie sie es im Aalbrecht-Laden ja fast getan hatten? Aber worauf sollte dann der Fokus liegen? Ach. Ich fühlte mich wie in einer betrunkenen Ménage-à-trois. Hin und her gerissen, überfordert. Zu viele Reize, zu viele elegante Kurven. Würde Silvia sich weigern, in meinem Kopf eine Einheit mit dem Piano einzugehen, wenn sie davon wüsste? Würde es die Majestät des Instruments beleidigen, sich überhaupt mit einem bloßen Sterblichen messen zu müssen? Mein Kopf drohte zu schwellen ob der schizophrenen Ästhetik. Ich war ein kranker, kranker Mann. Aber was sollte ich tun?
Am Abend hatte der alte Knasse mich in den Keller eingeladen. Er hatte auch alte Hippie-Freunde eingeladen, zum Jam. Ich war viel jünger als die, meine Klamotten viel älter.
»Oh, wir sind keine Boheme mehr. Nicht so wie du. Wir waren vielleicht mal so. Nichts zu tun, nie Geld, dafür mit purpurfarbenen Wölkchen, die über unseren Köpfen geschwebt sind und ziemlich überzeugend nach Freiheit gerochen haben. Jaja, Knasse, weißt du noch? Im Café Flaschenfabrik? Und im Niemandsland? Damals hatten wir auch noch Auftritte.«
Der Gitarrist mit den langen, verfilzten Locken spielte ein Lick, um seinen Vortrag zu untermauern. Ich fühlte mich fehl am Platz und versuchte, irgendwie dazuzugehören. Das waren alles offene, gesprächige, alte Herren, Familienväter. Die hatten ihren musikalischen Zenit überschritten, aber ihren sozialen gerade erst erreicht. Weisheit statt Freiheit. Vielleicht war es Weisheit, sich mit den Grenzen der eigenen Freiheit zurechtzufinden. Ekelhafter Gedanke. Aber ich war nun also Boheme. Und sie waren Familienväter. Ich nahm mir vor zu reden. Um dazuzugehören. Das kann ja nur schiefgehen, wenn man reden will, aber nichts zu sagen hat. Reden um des Redens willen, nicht des Inhalts.
»Und … war das dann also eher Blues oder Bluesrock oder Folk? Oder was war das genau?«
»Ah … das gute, alte Schubladendenken. Junge, ich habe eines gelernt. Ich habe wirklich nicht viel gelernt, aber das eine, das ist sicher. Es gibt nie ein Schwarz und Weiß. Das sind Kategorien, die dem begrenzten menschlichen Verstand Situationen verständlicher machen sollen, aber die Wahrheit liegt immer irgendwo dazwischen. Immer Grau. Die Extrempunkte werden nie komplett erreicht. Das Schöne daran ist, dass du jedem extremen Negativ auch immer irgendwie ein Positiv entlocken kannst, wenn du dich nur genug bemühst.«
»Haha. Benno lässt wieder den Philosophen raushängen. Kommt halt dazu, dass du mit der Einstellung auch in allem Guten was Schlechtes findest.«
»Schon richtig. Aber das Schlechte ist ja nie komplett schlecht.«
