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Zwei Menschen. Ein vertauschter Koffer. Und die schönste Liebesgeschichte des Jahres!
Laura ist eine hoffnungslose Romantikerin. Als Redakteurin bei einem Lifestyle-Magazin schreibt sie eine Kolumne über die schönsten Kennenlerngeschichten – und glaubt fest daran, dass auch sie und ihr Traummann eines Tages auf ganz besondere Weise zueinander finden werden. Bei einer Reise auf die malerische Kanalinsel Jersey erwischt sie am Gepäckband aus Versehen den falschen Koffer. Und als sie ihren Irrtum im Hotelzimmer bemerkt, stellt sie fest: Dieser Koffer muss ihrem Seelenverwandten gehören! Denn er enthält nicht nur einen grob gestrickten Seemannspulli und ein wunderbar duftendes Parfum, sondern auch Klaviernoten ihrer Lieblingsband und eine zerlesene Ausgabe ihres Lieblingsbuchs. Wenn Laura eine Sache aus ihrem Job gelernt hat, dann ist es, dass man sich gegen das Schicksal nicht wehren kann. Sie macht sich auf, den geheimnisvollen Unbekannten zu finden – und mit ihm ihr großes Happy End. Doch was, wenn das Schicksal ganz andere Pläne für sie hat?
»Sophie Cousens zu lesen ist als träte eine neue beste Freundin in dein Leben. Sie bringt dich zum Lachen, sie bringt dich auch mal zum Weinen, du hast das Gefühl du hast sie schon immer heiß geliebt, und du willst sie niemals mehr gehen lassen.« Clare Pooley, Autorin von »Montags bei Monica«
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Seitenzahl: 507
Veröffentlichungsjahr: 2023
Sophie Cousens hat über zehn Jahre lang in London als TV-Produzentin gearbeitet. Heute lebt sie mit ihrem Mann Tim auf der Kanalinsel Jersey, schreibt Romane und kümmert sich um ihre beiden kleinen Töchter. Fragen wie »Hatte Cinderella eine Zahnbürste?« oder »Wissen Giraffen eigentlich, dass sie einen langen Hals haben?« stellen sie jeden Tag vor eine neue Herausforderung. Mit einem kleinen Dackel wäre ihr Familienglück ganz und gar perfekt.
»Sophie Cousens zu lesen, das ist, als träte eine neue beste Freundin in dein Leben. Sie bringt dich zum Lachen, sie bringt dich auch mal zum Weinen, du hast das Gefühl, du hast sie schon immer heiß geliebt, und du willst sie niemals mehr gehen lassen.« Clare Pooley
»Lustig und voller großer Gefühle. Dieses Buch legt man nicht mehr aus der Hand!« Sun on Sunday
Außerdem von Sophie Cousens lieferbar:
Unsere Zeit ist immer. Roman
Sophie Cousens
Roman
Aus dem Englischen von Babette Schröder
Die Originalausgabe erschien 2021
unter dem Titel Just Haven’t Met You Yet
bei Arrow, London.
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Copyright © 2021 der Originalausgabe by Sophie Cousens
Copyright © 2023 der deutschsprachigen Ausgabe by Penguin Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Das Zitat aus Leo Tolstois Krieg und Frieden stammt aus der Übersetzung von L. Albert Hauff.
Redaktion: Lisa Caroline Wolf
Covergestaltung: FAVORITBUERO, München
Coverabbildung: © shutterstock
Gesamtherstellung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN978-3-641-29454-0V002
www.penguin-verlag.de
Für Natalie, eine einzigartige Freundin und ein wunderbarer Mensch
Die ganze Welt ist für mich in zwei Hälften geteilt; die eine ist sie, und dort herrscht Glück, Hoffnung und Licht, die andere Hälfte ist – alles, wo sie nicht ist, und dort herrscht Jammer und Finsternis …
Leo Tolstoi, Krieg und Frieden
»Wollen wir anfangen?«, frage ich das Paar auf dem Sofa. »Erzählt mir einfach eure Geschichte und denkt daran, mir dabei in die Augen zu sehen und nicht in die Kamera.«
Sian und Paul lächeln und nicken. Sie ist rothaarig und hat sich sorgfältig geschminkt. Er ist ein typischer Bodybuilder mit einem so markanten Kiefer, dass er perfekt in ein Marvel-Comic passen würde. Während Dylan, der Kameramann, noch ein paar letzte Korrekturen am Licht vornimmt, flüstert Paul Sian etwas ins Ohr und streichelt sanft ihr Knie. In dem kleinen Studio bin ich ihnen so nah, dass ich sehe, wie sich auf ihrem Bein eine Gänsehaut bildet. Wann habe ich das letzte Mal eine Gänsehaut bekommen, nachdem mich jemand berührt hat? Im Ernst, wann? Ich kann mich ungelogen nicht daran erinnern, dass es überhaupt schon mal passiert ist, es sei denn, man zählt das eine Mal mit, als mich im Supermarkt jemand mit einem gefrorenen Huhn in der Hand angerempelt hat.
»Alles bereit«, sagt Dylan. Das Licht an seiner Kamera hat aufgehört zu blinken und leuchtet nun konstant rot.
»Also, Paul, Sian, erzählt doch mal – wie habt ihr euch kennengelernt?«, frage ich. So beginne ich alle diese Interviews.
»Na ja, das ist ein bisschen peinlich«, sagt Sian und legt ihre Finger an die Lippen wie ein Pin-up-Girl aus den Fünfzigern. »Nach dem Junggesellinnenabschied einer Freundin war ich ziemlich betrunken, und als ich morgens nach Hause gekommen bin, hatte ich die dumme Idee, Popcorn auf dem Herd zu machen. Das habe ich dann aber vollkommen vergessen und bin eingeschlafen.«
»Wir erhielten einen Anruf aus einer Wohnung auf der anderen Straßenseite, dass eine Küche brennen würde«, sagt Paul. »Ich bin Feuerwehrmann.«
»Ich glaube, das sehen sie, Schatz.« Sian lächelt und deutet auf seine Uniform, die er zu dem Interview anziehen sollte. Unter all den Schichten müsste es sich für ihn eigentlich so anfühlen, als würde er bei lebendigem Leib gekocht werden. Das Studio ist winzig und hat keine Fenster; es gibt nur eine Kamera und ein paar Studiolampen sowie unser charakteristisches rotes Sofa, hinter dem das prominente Love Life-Logo an der Wand prangt. Die Lampen haben den Raum in Sekundenschnelle in einen Backofen verwandelt, aber Paul und Sian sehen immer noch aus wie frisch aus dem Ei gepellt. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass ich als Einzige etwas angespannt und nervös bin.
»Ich habe davon überhaupt nichts mitbekommen«, lacht Sian.
»Und ich musste die Tür eintreten, das Feuer löschen und die Jungfrau in Not retten«, erzählt Paul und dreht sich mit einem finsteren Schmollen zur Kamera.
»Nur, dass ich nicht der Ansicht war, dass ich gerettet werden müsste. Ich war noch ein bisschen benebelt von den vielen Gin Slings.« Sie zwinkert mir zu.
»Ich musste sie über die Schulter werfen und hinaustragen.«
»Und ich habe den ganzen Weg die Feuerleiter hinunter getreten und geschrien.«
»Ich hatte blaue Flecken«, sagt er und verzieht im Spaß das Gesicht, als hätte sie ihn ernsthaft verletzt.
»Tut mir leid, Schatz.« Sie küsst ihn auf die Wange, er drückt ihr Knie, und sie sehen sich verliebt in die Augen. Ich kann das Knistern zwischen ihnen förmlich spüren.
Ich bin mir ziemlich sicher, wenn man bei Google »von heißem Feuerwehrmann gerettet werden« eingibt, taucht ein Bild von Paul auf. Doch sollte jemals meine Küche in Brand geraten, würde ich garantiert von einer Furcht einflößenden, besserwisserischen Feuerwehrfrau gerettet werden, die mir währenddessen noch einen strengen Vortrag über die korrekte Wartung von Rauchmeldern hält. Als ich beobachte, wie sich Sian und Paul in die Augen schauen, bin ich hin- und hergerissen. Einerseits freue ich mich, dass sie sich gefunden haben, andererseits bin ich ein ganz kleines bisschen neidisch, dass mir so etwas nie passiert.
»Wir haben Sian ins Krankenhaus geschickt, um untersuchen zu lassen, ob sie eine Rauchgasvergiftung hat. Das ist Standard«, fährt Paul fort, »und als meine Schicht zu Ende war, dachte ich, ich schaue mal nach, wie es ihr geht.«
»Machst du das bei jedem, den du rettest?«, frage ich und sehe mit wissendem Blick in die Kamera.
»Also, sie ist mir vielleicht mehr in Erinnerung geblieben als die anderen.« Er hebt die Hand und streicht eine Strähne ihrer roten Locken zurück. »Dieses Feuer möchte ich niemals löschen.«
»Oooooo …«, sage ich und bin ehrlich gerührt, wie innig ihre Beziehung offensichtlich ist. Unsere Zuschauer werden diesen Kerl lieben – ein Körper aus Eisen, ein Herz wie ein Marshmallow.
»Er wollte mich im Krankenhaus besuchen«, sagt sie und klimpert mit den Wimpern, »aber inzwischen war ich wieder nüchtern und habe mir schreckliche Sorgen um meine Katze gemacht. Also wollte ich mich davonschleichen, weil sie sich weigerten, mich offiziell zu entlassen.«
»Wir standen nebeneinander im Aufzug, ohne dass ich gemerkt habe, dass sie es ist.« Wieder beginnt er, ihr Bein zu streicheln.
»Dann blieb der Aufzug stecken – kannst du dir das vorstellen?« Sian seufzt und kuschelt sich an seine Schulter. »Fünfundvierzig Minuten später war ich verliebt.«
»Es hat nur zehn Minuten gedauert, bis ich wusste, dass ich mit dieser Frau den Rest meines Lebens verbringen will.«
Wie oft bin ich in meinem Leben schon mit einem Aufzug gefahren? Wahrscheinlich vierhundertmal. Okay, das war nur geraten, ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Jedenfalls schon sehr oft, und nicht ein einziges Mal ist einer stecken geblieben; und ganz sicher bin ich dort noch nie einem auch nur halbwegs annehmbaren Kerl begegnet. Vielleicht ist der Teil des Universums, der für Verabredungen zuständig ist, auch für Fahrstuhlpannen verantwortlich.
»Süßer«, flüstert Sian und neigt ihm ihr Gesicht zu.
Sie küssen sich vor der Kamera und scheinen vollkommen vergessen zu haben, dass ihnen jemand dabei zusieht, ein richtiger, vollkommener Kuss, als wollten sie sich sagen: »Lass uns schnell nach Hause fahren und uns die Klamotten vom Leib reißen.« Ich wette, sie bringt ihn dazu, sein Feuerwehr-Outfit im Bett zu tragen. Ich schüttle den Kopf und versuche, diese unangebrachten Gedanken zu verdrängen. Als ich wieder hochsehe, knabbert sie an seinem Ohrläppchen.
Vielleicht wäre es einfacher, diese Interviews zu führen, wenn ich nicht Single wäre. Mein Ex David und ich hatten nicht gerade den besten Sex, den man sich vorstellen kann, aber wenigstens musste ich während der Beziehung mit ihm nicht eifersüchtig auf andere Paare sein.
Was, wenn ich nie den einen besonderen Menschen finde? Bei diesem Gedanken spüre ich einen Kloß im Hals. Alle denken, alleinstehende Frauen, die auf die dreißig zugehen, machen sich ausschließlich Gedanken darüber, ob sie jemals heiraten und ein Baby bekommen werden. Aber ich fände es viel schlimmer, nie so eine innige Verbindung mit jemandem zu teilen, wie diese beiden es offensichtlich tun. Und ich will mindestens einmal in meinem Leben Sex wie im Film haben. Ich weiß, ich weiß. Film-Sex ist nicht echt – alles ist choreografiert, beide kommen gemeinsam zum Orgasmus, als wäre es ein perfekt aufeinander abgestimmtes Orchester, aber es muss doch irgendjemanden geben, der so umwerfenden Sex hat wie in Wie ein einziger Tag. Diese zwei hier haben bestimmt solchen Sex.
»Versucht das nicht zu Hause nachzumachen, Leute«, sage ich und wende mich mit meiner fröhlichsten, unbefangensten Stimme zur Kamera. »Fackelt ja nicht euer Haus ab, nur weil ihr denkt, dass ihr so den perfekten Partner findet. Ha, ha. Wenn ihr uns auch gerne erzählen wollt, wie ihr euch kennengelernt habt, meldet euch bitte auf unserer Website. Wir sind ganz gespannt auf weitere romantische Liebesgeschichten aus dem echten Leben! Ich bin Laura Le Quesne und berichte für Love Life – Liebe, was du kaufst, kaufe, was du liebst.«
Ich schaue zu Dylan hinüber, um ihm zu signalisieren, dass es sich um einen Schnitt handelt, dann springe ich auf, um die Tür zu öffnen und etwas kühlere Luft hereinzulassen. Wir mieten das Studio und die gesamte Ausrüstung stundenweise, also muss ich auf die Anzahl der Takes achten, die wir machen.
»Hey, das war perfekt – ihr seid brillant, bezaubernd«, sage ich, dann kneife ich frustriert die Augen zusammen. »Oh, Moment, ich habe vergessen, nach der Katze zu fragen. Ging es ihr gut?«
Einen Moment lang herrscht Schweigen, dann lässt Sian Pauls Hand los.
»Nein, also …« Sie schlingt ihre Arme um sich. »Es hat sich herausgestellt, dass Felicia von Pauls Feuerwehrwagen überfahren wurde. Sie musste eingeschläfert werden.«
Paul drückt Sian die Schulter und schüttelt den Kopf.
»Oh, das tut mir sehr leid«, sage ich und mache ein mitfühlendes Gesicht. »Nun, ich denke, es ist vielleicht besser, wenn wir dieses Detail weglassen.«
Sian zuckt ganz leicht zusammen. Offenbar habe ich die aufgeheizte Stimmung zwischen ihnen zerstört, indem ich die Katze erwähnt habe. Jetzt werden sie nicht nach Hause rennen und sich dort gegenseitig die Kleider vom Leib reißen. Kein Sex für niemanden! Juhu!
Was ist nur los mit mir? Ich bin ein furchtbarer Mensch.
Heute Morgen stehen noch drei weitere Interviews an: ein Paar aus Liverpool, das sich kennengelernt hat, als sie Schutz vor einem Gewittersturm suchten (sie haben ihr erstes Kind Blitz Jones genannt – kein Witz), ein Paar aus Nordlondon: Beide wurden am selben Tag im selben Krankenhaus geboren, haben sich dann dreißig Jahre später wiedergetroffen und ineinander verliebt (wie wahrscheinlich ist das?), und ein Paar aus Nottingham, das sich als Krebspatienten auf derselben Station kennengelernt hat. Die Onkologin war ihre Trauzeugin.
Am Ende des Vormittags bin ich emotional ausgelaugt.
Als die krebskranke Frau sagt: »Ich habe in diesem Krankenhaus zwar alle meine Haare verloren, aber mein Herz gefunden«, schluchze ich so laut, dass wir die Aufnahme noch zweimal wiederholen müssen, bis sie brauchbar ist.
Versteht mich nicht falsch, ich liebe diese Geschichten. »Wie habt ihr euch kennengelernt?« ist meine absolute Lieblingsfrage – das Erste, was ich jeden frage, der in einer Beziehung ist. Ich liebe es zu hören, wie sich die Wege der Menschen auf scheinbar zufällige Weise gekreuzt haben und wie diese zufällige Begegnung die Richtung ihres Lebens so tiefgreifend beeinflusst hat. Ich bin die klassische hoffnungslose Romantikerin. Und doch fällt es mir in letzter Zeit, vielleicht seit dem Verlust meiner Mutter, immer schwerer, mich für das Glück anderer Menschen zu freuen.
Vielleicht war es einfacher, als ich noch das Gefühl hatte, mein Seelenverwandter könnte hinter der nächsten Ecke auf mich warten, aber ich biege immer wieder um Ecken, und da ist niemand.
Auf dem Rückweg ins Büro schlendere ich durch die Carnaby Street in Soho und komme an der Gasse vorbei, in der, etwas versteckt, Vera’s Vintage liegt – ein Secondhandladen für Kleidung und Schmuck. Seit dem Tod meiner Mutter bin ich nicht mehr in so einem Laden gewesen, aber heute ertappe ich mich dabei, wie ich vor dem Schaufenster stehe und neugierig hineinsehe.
Als ich ein Kind war, sind meine Mutter und ich jedes Wochenende in ihrem klapprigen Morris Minor zu Flohmärkten und Vintage-Messen gefahren. Es gab niemanden, der einen Kofferraumverkauf besser nach Schätzen durchforsten konnte als sie; sie besaß die Augen einer Elster. Meine Mutter hat mir immer erzählt, dass Gegenstände Erinnerungen in sich tragen, und je häufiger ein Gegenstand den Besitzer wechselt, desto mehr Bedeutung habe er. Wenn das stimmt, waren ihre Schubladen und Schränke mit mehr Bedeutung vollgestopft als irgendein anderer Platz im Universum.
Sie sammelte alten Schmuck, um ihn aufzuarbeiten und ihm so ein neues Leben zu schenken. Am Anfang war es nur ein Hobby, doch dann stellte sie fest, dass die Leute die Dinge, die sie herstellte, auch kaufen wollten. Als ich ihr Haus auflöste, war die große Schmucksammlung das Einzige, von dem ich nicht wusste, was ich damit tun sollte. Ich zahle immer noch vierzig Pfund im Monat für die Aufbewahrung der Kartons in einem Lagerraum in Wapping – eine Steuer für aufgeschobene Entscheidungen. Vorsichtig lege ich meine Hand an die Schaufensterscheibe. Allein der Anblick der ausgestellten Schätze macht mir schmerzlich bewusst, wie sehr ich meine Mutter vermisse.
Ganz vorne in der Auslage entdecke ich eine Brosche mit einem Rubin – ein wunderschöner Stein in einer angelaufenen Silberfassung, die Schrift ist gerade noch zu erkennen. Aufregung erfasst mich. Gibt es etwas Romantischeres als eine alte Gravur? Ich stelle mir vor, dass diese zerkratzten Buchstaben ein Hinweis auf eine Geschichte sind, die darauf wartet, von mir entdeckt zu werden. Genau wie bei der Münze, die ich um meinen Hals trage, seit ich fünfzehn bin. Ich taste nach dem Anhänger, wie ich es immer tue, wenn ich an meine Mum denke. In diesem Moment kommt ein Mann in einem langen Kamelhaarmantel aus dem Geschäft. Er lässt etwas fallen, ein Stück Papier, und ich hebe es auf und rufe ihm nach.
»Entschuldigen Sie, Sie haben etwas verloren.«
Er dreht sich um und sieht mir direkt in die Augen. Er ist in den Dreißigern, hat grau meliertes Haar, tief liegende Augen und eine majestätische Nase. Er ist attraktiv, hat etwas von einem römischen Kaiser. Und aus irgendeinem Grund, vielleicht liegt es an dem aufregenden Vormittag, der hinter mir liegt, oder an der Tatsache, dass ich gerade an meine Mutter denke, habe ich das Gefühl, dass dies der Anfang meiner Liebesgeschichte sein könnte. Sexy Caesar lässt eine Quittung fallen, ich hebe sie auf, wir unterhalten uns über Vintage-Schmuck, schauen uns tief in die Augen und dann, Kawumm, wissen wir einfach: Das ist es; endlich haben wir uns gefunden.
»Wie bitte?«, sagt er.
»Sie haben etwas verloren.« Ich strecke meine Hand aus, um ihm die Quittung zu geben, stecke mir eine blonde Haarsträhne hinters Ohr und schenkte ihm mein herzlichstes Lächeln.
»Die brauche ich nicht.« Er macht eine wegwerfende Handbewegung und wendet sich zum Gehen.
»Hey, Moment«, rufe ich ihm nach. »Sie können doch Ihr Papier nicht einfach so auf der Straße liegen lassen.«
Der Mann bleibt stehen, dreht sich um und sieht mich finster an, als sei ich ein kleiner Hund, der gerade auf seine grauen Wildlederschuhe gepinkelt hat.
»Wer sind Sie, das Ordnungsamt?«, fragt er und schüttelt den Kopf, als er sich erneut zum Gehen wendet.
»Wenn alle ihre Quittungen fallen lassen, würden wir knöcheltief im Müll stehen!«, rufe ich ihm hinterher und wedele dabei mit dem Stück Papier in der Luft herum, als hätte ich eine goldene Eintrittskarte von Willy Wonka gefunden.
»Verpiss dich, du Müllhexe«, ruft er mir über die Schulter zu, und ich stoße empört die Luft aus. Okay, vielleicht war das doch nicht mein »Wie habt ihr euch kennengelernt?«-Moment. Wahrscheinlich bin ich gerade noch mal davongekommen. Er sah vielleicht nicht schlecht aus, aber würde ich wirklich wollen, dass die Liebe meines Lebens ein Umweltverschmutzer ist?
Hälfte eines halben Pennys gefunden. Auf der Rückseite steht »Jersey, ’37«. Auf der Vorderseite sind die folgenden Worte eingraviert: »Die ganze Welt ist für mich in …«. Wir suchen Informationen über die Herkunft dieser Münze. Sind Sie oder Ihre Familie im Besitz der anderen Hälfte? Möglicherweise steht »… zwei Hälften geteilt« darauf. Wenn Sie Informationen haben, wenden Sie sich bitte an Annie; Bristol POBOX 1224.
Zwei Tage später geht es los. Meine Freundin Dee hat mir angeboten, mich zum Flughafen zu fahren. Sie hat sich vor Kurzem ein Auto gekauft, weil sie und ihr Verlobter Neil nach Farnham ziehen und man anscheinend auf ein Auto angewiesen ist, wenn man außerhalb Londons lebt. Sie sagt, sie brauche Fahrpraxis, und noch bevor wir das Ende ihrer Straße erreicht haben, verstehe ich, warum.
Vanya ist ebenfalls mitgekommen, hauptsächlich weil sie kein Auto besitzt und Dee überreden wollte, auf dem Rückweg bei IKEA vorbeizufahren. Ich mache mir Sorgen, was sie für unsere winzige Wohnung noch alles kaufen will. Sie steht bereits voller nicht fertig aufgebauter Möbel von ihrem letzten Besuch dort.
»Ich kann nicht glauben, dass Suki dir eine dreitägige Reise spendiert, du hast so ein Glück«, sagt Vanya vom Rücksitz und schiebt eine offene Tüte Riesenerdbeeren von Haribo zwischen Dee und mich. Bis zum Flughafen Gatwick brauchen wir keine Stunde, aber Vanya hat genug Süßigkeiten dabei, um uns bis Mexiko zu versorgen.
»Nur weil sie einen Sponsor hat, der dafür bezahlt«, sage ich und nehme mir eine Handvoll Süßigkeiten. »Ich wünschte, ihr würdet mitkommen, dann wäre es viel lustiger.«
»Weißt du, ich habe so ein Gefühl, dass du unterwegs jemanden kennenlernst«, sagt Vanya.
»Ist es dasselbe Gefühl, das dir gesagt hat, dass ich keinen Strafzettel bekomme, wenn ich auf einer doppelten gelben Linie halte, um dich vor Selfridges abzusetzen?«, fragt Dee und winkt mit der linken Hand, damit ihr jemand eine Erdbeere reicht.
»Nun, ja.« Vanya räuspert sich. »Ich würde sagen, ich habe ein feineres Gespür für Liebesdinge als für Parkwächter.«
»Bitte führe diese lächerlichen Ideen nicht weiter aus«, spottet Dee.
»Welche Ideen?«, frage ich.
»Über Liebe und Beziehungen, die irgendetwas mit Schicksal zu tun haben.«
Ich kenne Dee schon seit unserer Kindheit; wir haben uns mit elf am ersten Schultag auf der Mädchentoilette kennengelernt. Sie hatte einen langen schwarzen Pony, der die Hälfte ihrer Augen verdeckte, und sah sehr ernst aus. Als ich die Toilette verließ, packte sie mich am Ellbogen, und ich dachte, sie wollte mein Essensgeld stehlen, dabei zog sie mich an sich und sagte mir, dass ich versehentlich meinen Rock hinten in den Schlüpfer geklemmt hatte. So bewahrte sie mich davor, mich vor meinen neuen Klassenkameraden zu blamieren, und seitdem weiß ich, dass sie hinter mir steht.
Dee atmet vernehmlich durch die Nase aus und schaltet krachend in den fünften Gang, als wir auf die Autobahn auffahren.
»Passt auf, ich werde jetzt etwas sagen, das euch nicht gefallen wird, okay?«, warnt sie uns.
»War der Brexit eine dumme Idee? Brad Pitt ist nicht gut gealtert? Denkst du, wir sollten alle wieder mit dem Rauchen anfangen?« Ich schenke ihr ein albernes Lächeln, während ich versuche, mir vorzustellen, was sie sonst meinen könnte.
»Nein, ich finde, du hättest nicht mit David Schluss machen sollen.«
Ich schüttele den Kopf, und Vanya macht auf dem Rücksitz ein abfälliges Geräusch.
»David war nicht der Richtige, Dee. Er war nett, aber du weißt …«
»Nein, weiß ich nicht. Ich habe keine Ahnung, was du eigentlich suchst. David war ein toller Kerl.« Dee sieht mit besorgt zusammengezogenen Augenbrauen zu mir herüber. »Ich möchte nur, dass du glücklich bist, dass du jemanden hast, mit dem du dein Leben teilen kannst.«
»Ich hab doch euch!«
»Ja, aber Neil und ich werden London in ein paar Monaten verlassen«, Dee seufzt, »und Vanya, nun ja, Vanya hat einen schlechten Einfluss auf dich.«
»Ich habe keinen schlechten Einfluss auf sie – ich bin diejenige, die für den Spaß sorgt!«, sagt Vanya, hebt die Arme über den Kopf und hüpft wild auf ihrem Sitz herum, als ob das beweisen würde, wie lustig sie ist. Um ehrlich zu sein, ist Vanya wirklich lustig. Wenn wir ausgehen, ist sie diejenige, die nachts um zwei Uhr vorschlägt, Shots zu bestellen, dafür ist Dee diejenige, die einem das Haar zurückhält, wenn man sich später auf dem Klo übergibt.
»Ich mache mir Sorgen, dass du dich zu sehr für diese Website aufreibst; die Suche nach all den verrückten romantischen Geschichten und dann noch das Kennenlernen deiner Eltern …« Dee deutet auf meine Hand, die wieder mit meinem Anhänger spielt. »Das alles hat deine Erwartungen ein bisschen … unrealistisch werden lassen.«
»Hör zu, ich würde nicht sagen, dass ich besonders wählerisch bin. Ich weiß, was ich will, und ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich mit weniger zufriedengeben muss.«
»Und was genau willst du?«
»Das erkenne ich, wenn ich es sehe«, sage ich.
Dee hebt skeptisch eine Augenbraue.
»Okay, wenn du mich zwingen würdest, eine Liste zu schreiben, würde ich mir einen Mann wünschen, der freundlich, charmant, gut gekleidet, belesen und am besten auch noch musikalisch ist. Jemanden, der die gleichen Dinge mag wie ich, keinen, der zu kompliziert ist. Ist das etwa zu viel verlangt?«
»Auf Dating-Apps schon«, entgegnet Vanya.
Dee nimmt meine Hand und drückt sie. »Ich glaube, du solltest die Statistik mit einbeziehen.«
Als Teenager hatte ich Poster von Busted und The Pussycat Dolls über dem Bett hängen, während Dee ihre Wände mit dem Periodensystem und einem Foto von Albert Einstein dekorierte. Sie ist die Monica zu meiner Rachel, aber es funktioniert, und ich habe oft von ihrer praktischen Art profitiert. Als meine Mutter starb, war Dee für mich da, als ich mir nur noch die Bettdecke über den Kopf ziehen und in Trauer versinken wollte. Sie bestellte die Blumen für die Beerdigung, weil ich die Worte am Telefon nicht herausbekam; sie zog für einen Monat bei mir ein, weil ich nicht allein sein wollte. Sie war mein Ariadnefaden, der mich aus einem dunklen Labyrinth herausführte. Aber jetzt, zwei Jahre später, erwische ich sie immer noch dabei, dass sie mich ansieht, als ob ich jeden Moment zusammenbrechen könnte. Ich sehne mich nach unserer alten Dynamik, als wir gleichberechtigt waren und ich nicht die schwächere Hälfte, die von ihrer Freundin wie ein kleines Kind behandelt werden muss.
»Dee, ich weiß, dass ich mit einer Mathelehrerin spreche, aber nicht alles im Leben läuft auf Mathematik hinaus«, sage ich lächelnd.
»Man muss schon ein bisschen an Magie glauben, wenn es um Herzensangelegenheiten geht«, pflichtet Vanya mir bei.
Dee rollt mit den Augen.
»A: Alles läuft auf Mathematik hinaus, das ist das Schöne an der Mathematik. Und B: Nicht bei jedem läuft das Kennenlernen so ab wie in einem Liebesfilm. Ich will ja nicht unken, aber die Zahl der infrage kommenden Männer über dreißig schrumpft zusehends. Wenn man zu lange auf dem Feld spielt, bleiben nur noch die Geschiedenen und die Verrückten übrig.«
»Was ist mit mir? Ich bin Single«, sagt Vanya entrüstet.
»Du liebst die Verrückten. Du suchst aktiv nach den Verrückten.«
»Das stimmt«, gibt Vanya zu, zieht ihre rote Mütze herunter und trommelt mit den Fingern eine Melodie auf die Rückenlehne von Dees Sitz.
»Hör zu, ich weiß nur, wenn das Universum für mich keine Liebesgeschichte wie bei meinen Eltern für mich bereithält – so eine, bei der die Welt stehen bleibt, eine Art Seelenverwandtschaft –, dann bin ich lieber allein.« Ich zögere und wäge meine Worte ab, ich will meine älteste Freundin nicht beleidigen. »Und weißt du, Dee, ich bin kein Staffelstab, den man weiterreichen muss. Ich breche nicht zusammen, wenn ich eine Zeit lang allein bin.«
»Darum geht es nicht, Laura, natürlich nicht. Ich wollte nicht andeuten, dass du einen Mann brauchst. Ich dachte nur, David würde dich glücklich machen – glücklicher.« Ihre Lippen verziehen sich zu einem Lächeln. »Ich will nur nicht, dass du auf etwas wartest, das es nicht gibt. Du solltest die Paare, die du für die Website interviewst, nach sechs Monaten noch mal befragen. Wenn das Oxytocin nachgelassen hat und sie sich darüber streiten, dass er seine verschwitzten Laufklamotten im Wäschekorb liegen lässt und das ganze verdammte Badezimmer vollstinkt.«
»Du machst uns das Eheleben ja so richtig schmackhaft, Dee«, bemerkt Vanya.
Dee ignoriert sie und sieht mich mit großen Augen an, offensichtlich macht sie sich Sorgen, dass sie mich beleidigt haben könnte. »Und du bist kein Staffelstab, den ich jemandem in die Hand drücken will. Auch wenn du den Märchenprinzen triffst und in den Sonnenuntergang reitest, würde ich diesen Stab nie wieder loslassen.« Sie zeigt mit einem Finger zwischen uns hin und her.
»Ich weiß. Ich auch nicht«, sage ich und bin tief gerührt.
»Gut, also, nun habe ich dir jedenfalls gesagt, was ich denke.« Dee blinzelt. »Dieses Gespräch würde niemals den Bechdel-Test bestehen, also lasst uns über etwas anderes reden.«
Dee ist besessen vom Bechdel-Test. Es ist ein wissenschaftlicher Test, um festzustellen, ob Frauen in Romanen oder Filmen zu stereotyp dargestellt werden. Um den Test zu bestehen, ist es wichtig, dass zwei weibliche Figuren ein Gespräch über etwas anderes als Männer führen. Aus feministischen Gründen sieht oder liest Dee nichts, was den Test nicht besteht.
»Reicht es aus, dass wir über den Bechdel-Test sprechen, um ihn zu bestehen?«, erkundigt sich Vanya, zieht an ihrem Sicherheitsgurt und beugt sich zwischen unseren Sitzen nach vorn.
»Das weiß ich nicht«, sagt Dee und wirkt ehrlich ratlos.
»Nun, ich habe ein paar Neuigkeiten, die nichts mit Männern zu tun haben«, sagt Vanya und wartet, bis sie unsere volle Aufmerksamkeit hat: »Meine Hypothek wurde genehmigt.« Sie beißt sich auf die Lippe und quiekt dann vor Aufregung.
»Das ist ja wunderbar«, sagt Dee.
»Wow.« Ich klatsche in die Hände, doch mein Magen krampft sich zusammen. Das bedeutet, dass sie wirklich auszieht. »Ich freu mich ja so für dich.«
»Danke, und keine Sorge, Laura, ich ziehe nicht vor Dezember aus, du hast also reichlich Zeit, Ersatz für mich zu finden.«
Vier Monate. Dann ist Dee verheiratet und lebt in Surrey, und Vanya besitzt eine Wohnung in Hackney. Bei allen geht das Leben weiter, nur bei mir nicht.
»Oh, und ich habe ein Geschenk für deine Reise«, sagt Vanya und überreicht mir ein Taschenbuch mit orange-schwarz gestreiftem Einband. Tiger Woman von Bee Bee Graceful, steht in fetten goldenen Lettern auf der Vorderseite. »Das lesen wir gerade in meinem Buchclub. Es wird dein Leben verändern.«
Sie empfiehlt mir immer wieder Bücher, die »mein Leben verändern«.
»Was für ein Name ist das, Bee Bee Graceful?«, frage ich.
»Es muss ein Pseudonym sein. Ich glaube nicht, dass jemand weiß, wer Tiger Woman wirklich ist. Es ist das größte literarische Geheimnis seit Elena Ferrante. Im Ernst, du musst es unbedingt lesen; es hilft dir, deine innere Tigerin zu zähmen und dein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.«
Dee schüttelt den Kopf, spart sich aber einen Kommentar.
Als wir schließlich im Abflugbereich von Gatwick parken, ist mir nach Dees rasanter Fahrt und all den Haribos, die ich gegessen habe, ein bisschen schlecht. Vanya und Dee steigen aus und umarmen mich zum Abschied.
»Vergiss nicht, die Fische zu füttern«, sage ich zu Vanya, während ich meinen schwarzen Rollkoffer aus dem Kofferraum hebe. Wir haben keine Fische, das sagen wir nur immer so. »Und danke fürs Herbringen, Dee, ich weiß das wirklich zu schätzen.«
Dee ergreift meine Hand und sieht mir direkt in die Augen, dann sagt sie: »Ich hab dich lieb. Ruf an, wann immer du willst. Ich weiß, dass diese Reise für dich sehr emotional werden kann.«
Meine Kehle schnürt sich zu, doch ich schenke ihr ein dankbares Lächeln, dann drehe ich mich um und gehe auf die Türen des Flughafens zu.
»Und Laura! Laura!«, ruft Vanya mir hinterher, bis ich mich umdrehe. Dann drückt sie eine Hand auf ihr Herz und schreit: »Bleib zuversichtlich. Er ist irgendwo da draußen – du bist ihm nur noch nicht begegnet.«
Ich blicke auf die Abflugtafel, überfliege die Ortsnamen und finde meinen Flug nach Jersey. Allein das Wort sorgt dafür, dass die Gedanken in meinem Kopf durcheinandergewirbelt werden. Ich muss dabei unweigerlich an die Geschichte meiner Eltern denken, den Prolog zu meiner Existenz. Ist es seltsam, dass ich mich nach einem Ort sehne, an dem ich noch nie gewesen bin? Meine Mutter hat immer gesagt, dass wir eines Tages zusammen dort hinfahren würden, aber sie hatte ständig so viel zu tun, dass es irgendwie nie gepasst hat.
Jetzt, wo ich nicht mehr von meinen Freundinnen abgelenkt werde, wird mir klar, wie unvorbereitet ich in dieses Wochenende starte. Suki bestand darauf, dass ich sofort fahre, damit wir den Reisebericht gleich nächste Woche auf der Website veröffentlichen können. Dem Sponsor gefiel die Idee, für einen »Sonnenurlaub im September« zu werben, solange es noch September ist. Ich habe allerdings noch keinen blassen Schimmer, wie genau ich das Ganze aufziehen soll, und ich habe noch nicht herausgefunden, was ich brauche, damit die Geschichte mit den Münzen funktioniert.
Da alles so hektisch war, hatte ich auch noch keine Zeit, darüber nachzudenken, wie ich mich eigentlich bei dieser Reise fühle. Werde ich meinen Eltern näherkommen, indem ich in ihre Geschichte eintauche, oder wird es mich eher verstören?
Meine Mutter ist für mich immer noch sehr präsent. Wir haben ein ganzes Leben voller Erinnerungen geteilt, und meine Trauer über ihren Verlust ist so schmerzhaft, dass ich sie geradezu vor mir sehe – in einem ruhigen Raum kann ich ihre Stimme heraufbeschwören. Ich kann mir vorstellen, wie sie die Arme ausbreitet, wenn ich durch die Haustür komme. Wenn ich im Supermarkt an dem Regal mit dem Rooibos-Tee vorbeigehe, sehe ich ihre schlanke Gestalt am Wasserkocher stehen und den Teebeutel an der Schnur auf und ab bewegen.
Bei Dad ist es anders. Er ist gestorben, als ich drei Jahre alt war, darum kann ich mich nicht mehr an ihn erinnern. Es gibt nur ein paar Dinge, die mich mit ihm verbinden: die Münze natürlich, aber auch ein paar Fotos, seine alte Uhr, die ich nie abnehme, eine Bibliothek mit seinen Lieblingsbüchern und seine heiß geliebte LP-Sammlung. Als ich sechzehn war, habe ich mein ganzes Taschengeld für einen Plattenspieler ausgegeben, damit ich sie hören konnte. Heute bin ich wahrscheinlich die einzige Neunundzwanzigjährige auf der Welt, deren Lieblingsbands Genesis und Dire Straits sind.
Von Mum gibt es zu viel, als dass es in einen Karton passen würde. Von meinem Vater dagegen habe ich lediglich Erinnerungen aus zweiter Hand und diese paar Gegenstände, die er mir hinterlassen hat. Wenn ich das, was ihm lieb war, loslasse, befürchte ich, dass seine unscharfen Konturen verblassen, bis gar nichts mehr von ihm übrig ist.
Eine Frau rempelt mich an, reißt mich mit ihrer Entschuldigung aus meinen Tagträumen, und ich merke, dass ich schon seit gut zehn Minuten auf die Abflugtafel starre. Jetzt muss ich mich beeilen, um nicht zu spät zu kommen.
Der Flug zu der kleinen Insel vor der Nordküste Frankreichs dauert nicht einmal eine Stunde. Ich reise mit Handgepäck, aber am Gate sagt mir ein Mann: »Madam, wir müssen Sie bitten, Ihren Koffer in den Frachtraum zu stellen.« Ich bin etwas irritiert. Seit wann bin ich »Madam« und nicht mehr »Miss«?
»Das ist definitiv eine Standardgröße«, protestiere ich. »Ich habe den Koffer sogar extra gekauft, weil er den Maßen auf Ihrer Website entspricht …«
»Ich weiß, Ma’am, aber die Maschine ist heute sehr voll, darum bitten wir die Leute, Rollkoffer im Frachtraum aufzugeben. Es kostet nichts, und Sie bekommen den Koffer bei der Landung gleich zurück.«
Der Mann schenkt mir ein unaufrichtiges Grinsen, das seine glatte dauergebräunte Haut in Falten legt. Gehorsam schlurfe ich aus der Warteschlange, um meinen Koffer zu öffnen und herauszusuchen, was ich für den Flug brauche. Ich nehme das Jersey-Fotoalbum meiner Mutter an mich – zu wertvoll, um es im Frachtraum zu verstauen – und Tiger Woman, damit ich im Flugzeug etwas zu lesen habe. Gerade als ich meinen Koffer schließen will, stößt mich jemand von hinten an, und mein offener Kulturbeutel fliegt in die Luft. Eine Schachtel mit fünfzig Tampons ohne Applikator fällt auf den Boden und explodiert in der Lounge. Meine Wangen brennen, als ich auf alle viere hinuntergehe, um sie aufzusammeln. Der Mann, der mich angerempelt hat, beugt sich herunter, um mir zu helfen. Warum habe ich nur so viele Tampons für ein Wochenende mitgenommen? Ich bin am vierten Tag; ein paar weniger hätten es auch getan.
»Tut mir leid, das war mein Fehler«, höre ich ihn sagen.
Ich drehe mich zu ihm um, schaue weg und dann wieder hin, als ich merke, dass ich vor dem attraktivsten Mann stehe, dem ich je begegnet bin. Er hat weiches braunes Haar, grüne Augen, ist groß, hat breite Schultern und ein markantes Gesicht, von dem man nur schwer den Blick abwenden kann. Er trägt eine blaue Anzughose und ein frisches weißes Hemd, das am Kragen aufgeknöpft ist. Unsere Blicke treffen sich, und er hält meinen fest. Sein unbeschwertes Lächeln lässt vermuten, dass er die Welt für einen wunderbaren Ort hält, was sie zweifellos ist, wenn man so aussieht wie er.
»Ich habe im Weg gestanden«, sage ich, schüttele den Kopf und wische mir mit dem Handrücken über den Mund. Sabbere ich etwa? Ich glaub, ich habe tatsächlich gerade gesabbert. Gut gemacht, Laura, Beethoven, der sabbernde Bernhardiner, ist so richtig sexy.
Ich versuche, die verstreuten Tampons so schnell wie möglich wieder einzusammeln. Mussten es von allen Dingen, die aus meiner Tasche fliegen konnten, denn ausgerechnet die Tampons sein? Die Lounge muss leicht abschüssig sein, denn der schier unendliche Vorrat rollt jetzt den Gang zwischen den Sitzen hinunter. Ich krieche auf allen vieren umher und gebe mein Bestes, um unter den Füßen der Leute nach meinen Tampons zu angeln, während sie weiter ihre Nachrichten lesen. Sie sind zu britisch, um zur Kenntnis zu nehmen, dass Hygieneartikel schamlos in aller Öffentlichkeit herumfliegen.
»Entschuldigen Sie, Verzeihung«, murmle ich.
Als ich wieder aufstehe, sehe ich, dass der schöne Mann mit einer Handvoll Tampons, die er aufgesammelt hat, dasteht.
»Ich glaube, wir haben alle erwischt«, sagt er mit einem Grinsen, das ein Grübchen zum Vorschein bringt.
Ich traue mich kaum, ihn anzuschauen, nehme sie und stopfe sie schnell in meine Handtasche. Meine Stirn fühlt sich schweißnass an, meine Wangen brennen. Als er meine Verlegenheit bemerkt, sagt er leise: »Keine Sorge, ich habe Schwestern.«
Ich hebe gequält den Daumen, zu beschämt, um etwas zu sagen, und eile mit meiner Tasche zurück zum Schalter, das Gesicht hinter meinem Ausweis verborgen. Was hätte ich für coole, sexy Gesten machen können, und ich hebe den blöden Daumen.
Während das Boarding noch läuft, sitze ich bereits im Flugzeug neben einem leeren Gangplatz und warte. Würde das Leben wie im Film ablaufen, dann wäre das die perfekte Gelegenheit für ein romantisches Kennenlernen. Ich frage mich, ob so etwas wirklich passiert. Vielleicht sollte ich eine Sonderausgabe von »Wie habt ihr euch kennengelernt?« machen und Paare interviewen, die sich im Flugzeug getroffen haben. Während ich darüber nachdenke, bleibt ein stämmiger Mann mit verschwitztem Gesicht und einer Bauchtasche vor meiner Reihe stehen und deutet an, dass er die Person ist, die ich in der Sitzplatz-Lotterie gewonnen habe.
»Kopf hoch, Schätzchen, nur Fledermäuse lassen sich hängen«, sagt er. Offenbar verrät mein Gesicht meine Enttäuschung über die Platzverteilung. »Und ein Lächeln kann nie schaden.«
Ich beiße die Zähne zusammen. In den letzten zwei Jahren musste ich mir diese Bemerkung unzählige Male anhören, und ich hasse sie. Sie ist zutiefst sexistisch – würde ein Mann, der nachdenklich oder ratlos aussieht, von einem anderen Mann zu hören bekommen: »Kopf hoch, Kumpel, nur Fledermäuse lassen sich hängen«? Würde er ihm sagen, er solle lächeln? Nein, das würde er verdammt noch mal nicht tun.
Der Bauchtaschenmann versucht den ganzen Flug über ein Gespräch mit mir anzufangen. Er fragt mich, wo ich auf Jersey wohne, und streift mit seiner Hand immer wieder »versehentlich« mein Bein. Ich kuschle mich in die Ecke meines Sitzes, stecke meine Kopfhörer ein, höre No Jacket Required, mein Lieblingsalbum von Phil Collins, und vergrabe mein Gesicht in meinem Buch.
In Tiger Woman reiht sich eine bedeutungslose aufbauende Metapher an die andere, genau so, wie ich es erwartet habe. Im ersten Kapitel geht es darum, »das Brüllen zurückzugewinnen«. Ich zitiere: Machen sich Tiger Sorgen, wie laut sie brüllen? Spielen sie das Schmusekätzchen, um jemanden nicht zu kränken? Nein, das tun sie nicht. Das Patriarchat zwingt uns, leise zu sein, aber wenn wir gehört werden wollen, müssen wir brüllen, und zwar laut. Bei dieser Art von Sprache verdrehe ich die Augen, aber dann stelle ich mir vor, wie ich mich zu Bauchtaschenmann umdrehe und ihn anbrülle, damit er aufhört, mein Bein anzufassen, anstatt mich höflich hinter meinen Kopfhörern und einem Buch zu verschanzen, und der Gedanke daran zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht.
All der Optimismus und die Aufregung, die ich heute Morgen beim Kofferpacken empfunden habe, sind verpufft wie die Luft aus einem geplatzten Reifen. Die Nachricht, dass Vanya wirklich ausziehen wird, hat mich aus dem Konzept gebracht; ich dachte, sie würde Monate oder sogar Jahre brauchen, um eine Hypothek zu bekommen. Alle entwickeln sich weiter, werden erwachsen. Vee macht unsere Wohnung zu einem Zuhause; wenn jemand Fremdes einzieht, wird es wieder nur eine Wohnung sein. Als ich fünfundzwanzig war, dachte ich, ich würde mit knapp dreißig schon so viel erreicht haben. Aber was kann ich aus den letzten vier Jahren vorweisen? Das Einzige, was sich geändert hat, ist, dass die Männer, die sich für mich interessieren, jetzt in den Fünfzigern sind und Gürteltaschen tragen.
Als wir landen, springe ich, so schnell ich kann, aus dem Flugzeug, schnappe mir meinen schwarzen Rollkoffer vom Gepäckband, steige am Stand in ein Taxi und bitte den Fahrer, mich in die Stadt zu fahren. Ich will jetzt einfach nur allein in meinem Hotel sein, auspacken, in Ruhe duschen und dann etwas Alkoholisches beim Zimmerservice bestellen.
»Sind Sie zum ersten Mal auf Jersey?«, fragt der Taxifahrer. Er trägt eine karierte Schiebermütze und hat einen wilden graubraunen Bart.
»Ja«, sage ich leise, nicht auf Small Talk eingestellt. Es sollte eine Art Code geben, mit dem man einem Taxifahrer höflich mitteilen kann, dass man keine Lust hat, sich zu unterhalten.
Der Bart des Fahrers ist ziemlich außergewöhnlich, und ich merke, dass ich ihn anstarre. Es ist kein gepflegter Hipster-Bart, sondern erinnert eher an den von Tom Hanks in Cast Away. Und der Typ sieht auch tatsächlich so aus, als wäre er vor ein paar Jahren hier angespült worden, hätte in einer Hütte geschlafen, sich von Kokosnüssen ernährt und dann heute beschlossen, Taxifahrer zu werden. Sein Auto riecht auch irgendwie nach Schiffbrüchigen – es müffelt eindeutig nach nassen sandigen Handtüchern.
Er mustert mich im Rückspiegel, und ich bin zu langsam, um ein Lächeln zustande zu bringen.
»Kopf hoch, nur Fledermäuse lassen sich hängen«, sagt er mit ruhiger tiefer Stimme.
Und das war’s. Etwas in mir schnappt zu, und bevor ich mich beherrschen kann, fauche ich ihn an.
»Ich darf ein mürrisches Gesicht machen, wenn mir danach zumute ist. Es ist mein Gesicht und mein gutes Recht, nicht zu lächeln. Sie wissen nicht, was in meinem Leben vor sich geht, und es ist nicht meine Aufgabe, die Welt für Sie schöner zu machen, okay? Konzentrieren Sie sich also bitte einfach auf die Straße.«
Seine dunklen Augen weiten sich vor Überraschung, pflichtbewusst richtet er den Blick wieder auf die Fahrbahn. Ich weiß, dass ich aufhören sollte zu reden, mich zusammenreißen, aber es ist, als hätte sich ein Korken gelöst, und all die Wut, die sich schon viel zu lange in meinem Magen angestaut hat, könnte endlich heraussprudeln.
»Und wissen Sie, vielleicht will ich gar nicht fröhlich aussehen. Vielleicht gibt es nichts, worüber ich fröhlich sein könnte. Vielleicht mache ich alles falsch, und auf meinem billigen Standardgrabstein wird stehen: Mit unrealistischen Erwartungen gestorben.«
Ich lasse mich in den Sitz zurücksinken und bin ein wenig erschrocken über mich selbst. Die Autorin von Tiger Woman wollte sicher nicht, dass ich »mein inneres Gebrüll« auf einen armen unschuldigen Fremden richte.
»Sie kommen also aus London?«, fragt der Fahrer und ändert verlegen seine Haltung.
Ach ja, jetzt hält er mich also für eine eingebildete Ziege aus der Großstadt. Nicht das Leben in der Stadt hat mich so wütend gemacht. Ich verschränke die Arme, wende mich ab und blicke aus dem Fenster in den Abendhimmel. Wir fahren jetzt am Meer entlang, ein weiter Strand mit nassem Sand geht in graublaues Wasser über. Ich versuche, zu Atem zu kommen, und nehme mir einen Moment Zeit, um den Anblick des Meeres in mich aufzunehmen.
Der Fahrer schaut auf die Straße, die Schultern entspannt, und tippt mit dem Finger auf das Lenkrad, ohne sich über meinen Ausbruch aufzuregen. Ich sollte mich ganz offensichtlich entschuldigen – ich weiß, dass ich überreagiert habe, und der Taxifahrer kann nichts für meine Gefühle. Aber wenn ich nun versuchen würde, nett zu sein, bestünde die Gefahr, dass ich anfange zu weinen, und das wäre noch peinlicher, als wenn er mich für unhöflich hält.
Ich wohne im Weighbridge, einem Hotel an einem Kopfsteinpflasterplatz im Zentrum von St. Helier. Es hat ein Spa, mehrere Restaurants und einen schönen Blick auf den Hafen. Ridhima, eine der Assistentinnen bei der Arbeit, hat mich dort untergebracht. Ich muss das Hotel dafür lediglich in meinen Social-Media-Beiträgen mit einem Hashtag erwähnen. Auf den ersten Blick scheint es der ideale Ort zu sein, um von dort aus die Insel zu erkunden.
Als wir ankommen, mache ich aus dem Fenster schnell ein Foto für Instagram.
»Danke«, sage ich zu dem Fahrer, als er mich absetzt. Ich gebe ihm ein ordentliches Trinkgeld und murmele eine Entschuldigung.
»Viel Glück«, sagt er in einer Weise, die andeutet, dass ich sehr viel davon brauchen werde, weil ich eindeutig verrückt bin. Wenn ich an meinen Ausbruch eben denke, ist seine Annahme durchaus berechtigt.
Mein Hotelzimmer ist genau das, was ich brauche: sauber und angenehm neutral. Ich glaube, ich habe noch nie allein in einem Hotel übernachtet – immer nur mit einem Freund oder einer Freundin. Wünsche ich mir, dass David hier wäre? Nein, er würde nur an der Rezeption anrufen, um sich nach der Bettdeckenstärke zu erkundigen oder zu prüfen, ob der Fernseher Sky Sports empfängt. Ich werde den Luxus genießen, ein Kingsize-Bett, eine riesige Badewanne und all diesen Platz nur für mich allein zu haben. Ich lasse mir ein Bad einlaufen und nehme mir eine kleine Rolle Pringles aus der Minibar. Ich weiß, dass diese Dinger Abzocke sind, aber seit meinem Ausbruch im Taxi hören meine Hände nicht mehr auf zu zittern. Ich muss ihnen etwas zu tun geben.
Wer war die Person, die auf diesen armen Mann losgegangen ist? Ich kann es nicht gewesen sein, normalerweise werde ich nicht so wütend. Ich wusste nicht einmal, dass ich mir über diese Dinge Sorgen gemacht habe. Ich weiß, dass ich seit dem Verlust von Mum ein wenig durcheinander bin, aber tief im Inneren habe ich mich immer als Optimistin gefühlt. Vielleicht ist mir unter die Haut gegangen, was Dee im Auto gesagt hat – dass ich realistisch sein muss, wenn es um die Liebe geht. Vielleicht muss ich einfach akzeptieren, dass ich nie wieder der glückliche Mensch sein werde, der ich vor dem Tod meiner Mutter war.
Ich gieße mir einen starken Gin Tonic ein, öffne die Balkontür und blicke auf den Kopfsteinpflasterplatz und den Hafen voller Boote. Die Stimmen der Menschen in der Bar unten wehen zu mir herauf. Ich gehe zurück ins Bad, drehe den Wasserhahn an der Wanne zu und spritze mir Wasser ins Gesicht. Verschwende dieses Wochenende nicht mit Melancholie, Laura – es sollte ein glückliches Wochenende werden, eine Feier dessen, was deine Eltern hatten, ein Abenteuer, bei dem du deiner Verbindung zu Jersey auf die Spur kommst.
Als ich den Rollkoffer aufs Bett hieve, um ihn auszupacken, merke ich, dass er sich leichter anfühlt, als er sollte. Dann sehe ich, dass die Farbe des Reißverschlusses nicht stimmt; er ist dunkelgrau, nicht schwarz. Stirnrunzelnd öffne ich den Koffer. Obenauf liegt ein weißes Arbeitshemd, ein Deo in Reisegröße für Männer …
Im ersten Moment begreife ich nicht, was ich da sehe. Das sind nicht meine Sachen; das ist nicht mein Koffer. Als mir dämmert, dass ich das falsche Gepäckstück gegriffen habe, schließe ich für einen Moment die Augen. Das hat mir gerade noch gefehlt; jetzt muss ich den ganzen Weg zum Flughafen zurückfahren, um meinen Koffer zu holen.
Während ich auf den Inhalt starre und mir wünsche, es wäre ein anderer, bemerke ich das Taschenbuch, das neben dem Kleiderstapel liegt: Wer die Nachtigall stört, mein Lieblingsbuch, seit ich denken kann. Es war auch eines von Dads Lieblingsbüchern. Ich nehme das zerlesene Exemplar in die Hand, eine alte Ausgabe, genau wie die, die Dad mir hinterlassen hat, lege das Buch aufs Bett und schaue mir den Inhalt des Koffers an. Ein seltsames Gefühl überkommt mich, als würde sich ein Berg Wolken zur Seite bewegen. Meine Verärgerung darüber, dass ich das falsche Gepäck habe, weicht einem neuen, unerwarteten Gefühl.
