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VON DER UNMÖGLICHKEIT DER SPRACHE Zunächst sind die WORTE ganz, ergeben Sinn, doch sobald sie MICHAELS MUND verlassen, fallen sie zu Boden und ZERBRECHEN, noch bevor sie fremde Ohren erreichen, wie kleine Porzellantassen vor den Augen. Seine Mama ÜBERSETZT zwischen ihm und der Welt. Sie versteht ihn. Als einzige. "Brabbeln" sagt die PÄDAGOGIN in der Spielgruppe dazu. "Wahrnehmungsstörung" nennen es die ÄRZT*INNEN. Einige Jahre später hat die Welt andere Worte für Michael: Computerköpfchen, Pussy, "Schwinghomo", Bärli. Namen, doch kein einziger, der diesem ICH gehört. Michael Michel Mila Mela Mel Mae "Ein Name aus einem Namen entnommen, aus einer Sprache genommen, um zu einer zu finden." ÜBER DAS VERLANGEN – NACH EINER EIGENEN SPRACHE, DEM EIGENEN KÖRPER, EINEM EIGENEN ICH Eindrucksvoll und poetisch schreibt Maë Schwinghammer von einer SUCHE NACH VERSTÄNDNIS, an deren Ende ein gefundenes Ich steht; erzählt vom Aufwachsen in der ARBEITER*INNENKLASSE, von WURZELN in Österreich und Serbien, von der FLUIDITÄT der Geschlechter, von SEXUALITÄT, LIEBE und FREUND*INNENSCHAFT, von AUTISMUS und der Annäherung an gewählte und ungewählte FAMILIEN. Ein SCHMERZHAFTER und zugleich HEILSAMER Roman. Ein Debüt, das beides ist: das Einfangen von STILLE. Oder auch: das Weglassen von ebendieser.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Content Note am Ende des Buches
»Er kann nicht sprechen lernen,
wenn er seinen Körper nicht kennt.«
Mama15. November 1997
Ich hätte gerne Wörter für alles. Und ich hatte Worte, so weit kann ich mich erinnern. Ich sprach sie auch aus, nur verstand sie kein Mensch; ich sah das Problem nicht bei mir. Vielleicht sind Probleme der Sprache immer ein Problem der anderen, der Nichtbetroffenen. Denn die Nichtbetroffenen sprechen über Betroffene und wählen dafür Worte, die Betroffene selbst nie wählen würden. Der Gedanke macht mich betroffen. So präzise ich in allem sein möchte, erschien und erscheint mir alles immer nur verschwommen. Ich erzähle aus dem Verschwommenen.
Heute
»Hallo.«
Sage ich, und die Kindergartenpädagogin sieht mich durch die kreisrunden Gläser ihrer Brille freundlich an. Das ist ein guter Anfang.
»Du Frau!«
Füge ich etwas lauter hinzu, um daraus eine Art Satz zu machen, und die Kindergartenpädagogin schaut mich entsetzt an.
»Er meint: Frau.«
Sagt meine Mama schnell, und ich möchte nachsetzen: Ja klar meine ich ›Frau‹. Was ist daran so schwer zu verstehen? Aber ich sage nichts.
»Gut zu wissen!«
Sagt die Frau Kindergartenpädagogin etwas verwundert, der freundliche Blick ist gänzlich aus ihrem Gesicht verschwunden.
»Wenn Sie ihn nicht verstehen und es dringend ist, können Sie mich immer in der Arbeit anrufen. Hier ist die Nummer meiner Filiale. Manchmal wird er zornig, wenn niemand ihn versteht.«
Die Frau nimmt den Zettel meiner Mama und lächelt.
»Das schaffen wir schon, wir haben Kinder, die nicht reden, solche, die sehr viel reden, und jetzt haben wir halt einen, der ein wenig brabbelt.«
›Brabbelt?‹ Hat sie gerade ›brabbeln‹ gesagt? Diese Frau!
»Ähmm … ja, gut, ich muss dann auch zur Arbeit. Wie gesagt, bitte anrufen.«
Meine Mama verlässt den Kindergarten.
»So, und wir ziehen dir jetzt mal deine Jacke aus.«
Das kann ich schon alleine, denke ich und lasse mir von ihr helfen, obwohl ich das eigentlich nicht möchte.
»Gut hast du das gemacht.«
Ich weine und weiß nicht ganz, warum.
»Deine Mama kommt dich ja am Nachmittag wieder abholen, jetzt besorgen wir dir mal einen Kakao und einen Apfel, und dann lernst du die anderen Kinder kennen.«
Ich weine weiter.
»Er spielt nicht mit den anderen, egal, was man sagt. Er ist jetzt seit drei Wochen hier und hat noch kein einziges Mal von sich aus versucht, mit anderen zu spielen. Er versteht ja, was ich sage, oder?«
Und ich höre und verstehe genau, was die Kindergartentante sagt. Mehrere Kinder haben beim Morgenkakao davon gesprochen, dass vom Augenrollen die Augen stecken bleiben können, darum verzichte ich auf äußerliches Augenrollen.
»Klar versteht er, was Sie sagen, er ist ja nicht dumm.«
Danke, Mama.
»Aber wenn man ihm etwas sagt, schaut er einen nur an. Gell, Michael, wie geht es dir denn heute?«
Sie schaut mich an. Meine Mama schaut mich an. Ich schaue demonstrativ zurück.
»Da, schauen Sie!«
»Vielleicht will er nicht mit den anderen spielen?«
Sagt meine Mama und zuckt dabei mit den Schultern.
»Aber … die Entwicklung … er soll sich ja eingliedern in die Gruppe. Freunde finden. Sowas. Gerade, wenn er etwas … na ja … Sie wissen ja …«
Die Kindergartenpädagogin schluckt schwer, verschluckt sich fast an ihrer Antwort.
»Was willst du denn?«
Fragt mich meine Mama. Ich schaue zur Kindergartentante. Erst will ich nicht antworten, dann schaut sie aber komisch drein, und ich sage doch etwas.
»Ich will lieber alleine mit dem Duplo in der Ecke spielen.«
Sage ich und erkenne am Blick der Kindergartentante, dass sie, wenn es hoch kommt, das Wort ›Duplo‹ verstanden hat.
»Er will lieber alleine bauen, mit Bauklötzen spielt er am liebsten ungestört. Aber es gibt sicher auch viele Dinge, bei denen er mit anderen Kindern spielen wird. Das ist ja nicht so schlimm, oder?«
Sagt meine Mama, und ich stimme ihr teilweise zu.
»Aber es macht doch viel mehr Spaß, zusammen an etwas zu bauen, oder?«
Sie blickt mich mit einem derart begeisterten Grinsen im Gesicht an, dass es fast unmöglich scheint, mit etwas anderem als freudigem Kopfnicken zu reagieren.
Ich schüttle den Kopf.
»Na, offenbar tut es das nicht.«
Sagt meine Mutter und rollt dabei mit den Augen, ich beiße mir auf die Lippen. Sie trägt das dunkelblaue Baumwollhemd ihres Arbeitgebers, und ich finde das sehr cool. Als wäre sie gerade im Einsatz und trage deshalb ihre Uniform, wie bei der Rettung oder der Feuerwehr.
»Er wird schon noch auftauen, das tun sie alle früher oder später. So eine Eingewöhnungsphase ist ganz normal, gerade wenn er, wie Sie sagen, eine …«
Sie kennt das Wort, es liegt auf ihrer Zunge. Ich kann es sehen, und wenn ich es sehen kann, kann es Mama auf jeden Fall sehen, sie ist nämlich größer als ich und schaut der Kindergartentante noch besser auf den Mund.
»… Störung. Wahrnehmungsstörung und Sprachstörung.«
Erlöst meine Mama die Tante. Ich kenne die Wörter nicht, aber der Klang von ›Störung‹ gefällt mir nicht, es klingt wie etwas, das ich nicht haben möchte.
»Ich ab leine Örun.«
Rufe ich empört hinein, meine Augen röten sich. Gut, vielleicht habe ich eine ›Örun‹. Aber ich höre und verstehe alles.
»Natürlich nicht, du bist ein ganz besonderer Junge.«
Ich kenne weder das Wort ›Sarkasmus‹ noch seine Bedeutung, aber ich weiß, dass diese Worte nicht aufrichtig klingen. Ich bin mir mittlerweile auch sehr sicher, dass sie nicht meine Tante ist.
»Kohle«
Sagt sie.
»Lole«
Sage ich.
»Kasten«
»Lässe«
»Kassa«
»Lassa«
»Kopf«
»Fopf«
»Noch einmal. Und die Zunge einfach lassen, wo sie ist. Kopf.«
»Kopf«
»Das ist ja schon richtig gut.«
Sagt die Logopädin und lächelt mir zu, ich drehe mich um, und auch meine Mama lächelt mich an. Ich strahle. Das bedeutet, es gibt später Eis. Eis gibt es zwar auch, wenn es schlecht läuft, aber es schmeckt besser, wenn es gut geklappt hat.
»Wie oft muss ich noch, Mama?«
Frage ich, als wir draußen sind.
»Bis man dich gut versteht.«
»Du verstehst mich doch?«
»Bis dich alle gut verstehen.«
Ich habe das Gefühl, das kann noch dauern. Aber jetzt Richtung Eis, vorbei am Autohändler mit den Girlanden, die aus sich abwechselnden blau- und rotglitzernden Dreieckszipfeln bestehen und aussehen wie Weihnachtsbaumschmuck.
»Für mich einmal Vanille. Und für ihn bitte einmal Zimt und einmal Grüner Apfel im Becher.«
Wenn ich Apfel und Zimt höre, denke ich an Geborgenheit. Die Frau an der Theke reicht mir den Becher herunter, ein kleiner, grüner Plastiklöffel steckt darin, und ich beginne meine Grabungen. Die Sorte Grüner Apfel ist grüner als jeder Apfel, den ich in meinem Leben gesehen habe.
»Elle Ataog.«
Sage ich mit forderndem Ton, und mein Papa sieht mich an, reagiert aber nicht. Dann blickt er sich hilfesuchend nach meiner Mama um. Meine Mama seufzt, legt die Kuscheldecke mit Zebramuster ab und steht auf, geht zur Kommode. Sie reicht mir den Quelle-Katalog herab. Ich platziere mich im Schneidersitz auf dem Boden, der Versandkatalog liegt schwer auf meinen Oberschenkeln. Ich blättere unheimlich gerne durch die vielen Seiten, mehrmals die Woche. Ich verstehe nichts, aber die Bilder geben mir ein Gefühl dafür, was alles in der Welt existiert. Kleidung, Möbel, Gartengeräte, Sportgeräte, elektronische Geräte, allerlei andere Geräte, Schmuck, Uhren und natürlich Spielzeug. Ich bin überzeugt, der Katalog ist ein Verzeichnis aller Dinge, die es gibt, und jetzt, da ich von ihnen weiß, kann mich nichts mehr überraschen in der Welt da draußen. Es liegen zwar auch ein Otto und ein Universal herum, aber am Ende komme ich immer auf die Quelle zurück.
Jeden Abend, wenn mein Papa von der Arbeit heimkommt, liest er mir aus der Kinderbibel vor. Dabei liege ich auf seiner Brust. Manchmal trägt er noch das Polohemd der Supermarktkette, und ich rieche den herben Schweiß, der tagsüber darin eingesickert ist. Der Stoff, auf dem mein Kopf ruht, riecht männlich und nach zuhause. Dann schlägt er die Bibel auf, hält sie vor unsere Gesichter und liest vor. Mir ist relativ egal, was er vorliest, ich finde die Bibel lange nicht so spannend wie den Quelle-Katalog, auch die Zeichnungen sind viel blasser und weniger aufregend. Aber ich schlafe sehr schnell ein und merke gar nicht, dass Papa mich zur Seite schiebt und zudeckt.
»Da passt etwas nicht.«
Will ich sagen. Denn meine Hose sitzt locker, und der Weg ist uneben. Mit jedem Schritt rutscht mir die Hose weiter die Beine runter. Ich will meinen Eltern mitteilen, dass da etwas nicht passt, will ihnen klarmachen: Da ist etwas nicht gut. Sie gehen weiter, links und rechts von mir, mich an den Händen haltend. Sie unterhalten sich, sehen ab und an zu mir herab, spazieren vor sich hin, während mir die Hose weiter herunterzurutschen droht. Ich fange an zu zappeln. Das merkt meine Mama nach einiger Zeit und beugt sich zu mir, worauf ich ihr mitteile, dass da etwas nicht stimmt. Sie hört mir kurz zu, sieht mir in die Augen, kneift ihre zusammen und streift mir liebevoll mit ihrer zweiten Hand über den Kopf. Dann zuckt sie mit den Schultern. Ich mag das Gefühl der rutschenden Hose überhaupt nicht. Ich mag es nicht, wenn Mama mich nicht versteht, sie versteht mich doch sonst auch.
Es fühlt sich an, als würde mir alles entgleiten, der Boden, die Hose, die Worte, die mir fehlen. Ich hasse es, wenn Kleidung nicht sitzt, wenn sie juckt oder klebt oder zu weit vom Körper entfernt ist. Es wird mir alles zu viel, alles zu schnell. Der Abstieg, die Schritte, die Kiesel, über die ich förmlich gezogen werde, weil mich meine Eltern an den Händen halten, mich zwischen sich schützend, nichts von meiner zu lockeren Hose ahnend. Dazu die Hitze, der Schweiß und das Wissen, irgendwann die Hose zu verlieren, nicht wissend, welche Konsequenzen das für mich haben würde. So viele nicht abschätzbare Ausgänge dieser Situation – ohne Spur eines Erfolges beim Unterfangen, mich meinen Eltern mitzuteilen.
Ich drehe den Kopf zur Seite und beiße meiner Mama in den Unterarm. Sie reißt die Hand weg und schreit leise auf, schaut auf ihren Arm. Mein Papa fragt, was denn das jetzt gewesen sei. Beide fragen mich, was los sei, meine Mama beugt sich zu mir herab und schaut mir in die Augen. Ich weine, sage aber nichts mehr und deute stattdessen auf meine Hose. Meine Mama weint auch, erkennt aber nun mein Problem und löst es durch das Enger-Schnallen meines Gürtels. Es tut mir unfassbar leid. Ich will nicht, dass sie wegen mir weint. Ich nehme mir ganz fest vor, meine Mama nie wieder zu beißen.
»Ao.«
Sage ich.
»Hallo.«
Sagt meine Mama. Meine Mama übersetzt zwischen der Welt und mir. In mir sind die Worte ein Ganzes, ergeben Sinn, aber sobald sie meinen Mund verlassen, fallen sie zu Boden, noch bevor sie fremde Ohren erreichen, und zerbrechen wie kleine Porzellantassen vor meinen Augen.
Für mich klingen ›Ao‹ und ›Hallo‹ exakt gleich, ich verstehe den Unterschied nicht. Meine Mama versteht den Unterschied und setzt trotzdem beides für mich gleich, wird meine Dolmetscherin. Es ist keine Generationenfrage. Nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die anderen Kinder verstehen mich nicht, außer diesem einen Jungen, der nuschelt. Christopher sieht mit seinem blassen Gesicht und den immer tiefroten Kreisen auf den Wangen ständig so aus, als würde er gleich vor Anstrengung umkippen. Aber er kippt nicht um, und irgendwie können wir uns verständigen. Wir sind Ninja Turtles oder Power Rangers und sind uns die einzigen Freunde im Kindergarten.
Mit Christopher und meiner Mama ist die Welt in Ordnung, dann ergibt alles Sinn. Erst wenn ich versuche, mit anderen in Kontakt zu treten, entsteht ein Riss. Der Riss macht mich wütend, ich laufe dann rot an, im ganzen Gesicht, schnaufe, aber schreie nie, denn ich mag keine lauten Geräusche. Würde ich es mögen, wenn es laut ist, würde ich jedes Mal sehr, sehr laut schreien, wenn mich jemensch nicht versteht.
»Du, Andi … Ich habe Angst, dass Michael mal ein unsicherer, schüchterner Jugendlicher wird, der, um ›dabei‹ zu sein, sich leicht zu irgendwelchem Unsinn wie Drogen überreden lässt.«
Teilt sich meine Mama mit.
»Drogen. Ernsthaft, Michaela? Er ist fünf Jahre alt.«
Lacht mein Papa.
»Das ist nicht witzig. Wir tragen hier die Verantwortung über ein Menschenleben in unseren Händen. Das tun ja alle Eltern, aber Michael hat ein Handicap, das macht es einfach schwerer, ihn auf den rechten Weg zu bringen. Du bekommst seine ganzen Eigenheiten auch gar nicht wirklich mit. Sie wechseln außerdem ständig, manchmal hat er von Woche zu Woche komplett neue Ticks.«
Erklärt meine Mutter.
»Welche denn?«
»Das Nägelschneiden, besonders an den Füßen, ist ihm unangenehm, ich glaub, sogar schmerzhaft.«
»Da ist er sicher nicht der Einzige.«
»Bis vor einem halben Jahr war er ziemlich ruhig, konnte sich super alleine beschäftigen, nun will er dauernd beschäftigt werden.«
»Er ist halt ein Kind?«
»Am Spielplatz weiß er fast gar nichts mit sich anzufangen.«
»Weißt du dir denn auf Spielplätzen etwas anzufangen?«
»Alles, was auch nur irgendwie mit Schwung, Höhe oder Schnelligkeit zu tun hat, vermeidet er.«
»Vielleicht will er lieber etwas anderes spielen. Er weiß halt, was er möchte.«
»Beim Anziehen stellt er sich unbeholfen und kompliziert an.«
»Ich kann mir noch nicht einmal eine Krawatte binden, und vor dem ersten Kaffee sind auch die Schnürsenkel schon eine kleine Herausforderung.«
»Du willst kein Problem sehen, oder? Manchmal wird es richtig unangenehm, wenn man ihn nicht versteht.«
»Ich mein ja nur, dass er alles in allem ein toller Junge ist. Und wirst du nicht auch unrund, wenn ich dich nicht verstehe?«
»Stimmt. Glaub mir, ich werde gerade sogar etwas wütend. Wenn ihm etwas nicht gelingt, dann wird er richtig ungehalten.«
»Er läuft ja nur rot an und weint ein bisschen, wenigstens schreit er nicht wie die anderen Kinder. Aber auch das wächst sich aus, da bin ich mir sicher. Zusammen kriegen wir das hin.«
»Du nimmst das alles nicht ernst. Ich habe Bücher zu dem Thema gelesen. In seinem Alter sollte er schon viel, viel weiter sein. Wenn er mit seinem Plastilin knetet, kommen irgendwelche Wülste dabei heraus, er versucht nie, etwas damit darzustellen.«
»Hast du denn schon mal versucht, etwas damit darzustellen? Gar nicht so leicht, sag ich dir!«
»Für dich ist das alles ein Witz, kommt mir vor. Im Alltag ist das aber nicht witzig, sondern anstrengend. Er weigert sich häufig, wenn ich ihm etwas beibringen möchte. Etwa, ein Wort richtig zu sagen. Obwohl er die Buchstaben vertauscht, behauptet er dann, dass meine Version falsch ist. Oder wenn ich ihm einen Trick zeigen möchte, wie er einen Handgriff einfacher bewältigen kann. Er sagt mir darauf: ›So das nicht geht. So das nicht heißt.‹«
»Ja, klingt eh mühsam, ich glaube dir ja, aber irgendetwas Positives gibt es sicher, oder? Beim Duplo-Bauen hat er viel Fantasie, finde ich, und wenn man seine Geschichten versteht, die er so erzählt, dann sind das sehr schöne Geschichten.«
»Ja, da hast du recht.«
»Na schau her, also hat er doch Vorstellungskraft!«
»Er puzzelt auch wahnsinnig gerne.«
»So Kinder soll es geben.«
Mein Papa schmunzelt dabei.
»Er erinnert sich oft an Sachen, die ich schon längst vergessen habe.«
»Unser Junge muss noch dieses Wochenende zu ›Wetten, dass …‹, ganz klar.«
»Dann ist da noch die Sache mit dem Wortschatz, über die wir sprechen sollten. Die vom ›Ambulatorium für körper- und mehrfachbehinderte Kinder‹ haben gemeint, er müsste schon viel mehr Wörter sprechen als fünfzig.«
»Das wird schon noch.«
»Glaube ich auch. Inzwischen kann man ja schon eine richtige Unterhaltung führen. Er verdreht die Satzteile, und es fehlen einige Buchstaben oder Kombinationen, aber mit etwas Übung und viel Geduld versteht man ihn.«
»Also darin bist du Weltmeisterin, muss ich sagen. Ich versteh ihn meistens nicht, und du hast schon recht, dann wird er wütend.«
»Er zeichnet auch sehr gern und hält den Stift dabei richtig.«
»Da schau! Immerhin. Ein Hoffnungsschimmer, an den Stift klammern wir uns. Und glaub mir, unser nächstes wird so viel reden, da werden wir froh sein, dass der Michael so wenig spricht, das gleicht sich dann aus.«
Sagt mein Papa mit Blick auf den kugelrunden Bauch meiner Mama.
»Magst du nachschauen, ob er schon schläft?«
»Ja, mach ich.«
Sagt mein Papa und dämpft die Zigarette aus.
»Eim a bick, bick görl in a bick, bick wörld«
Singe ich lauthals.
Bravo Hits 24. Ich sechs.
Durch die angelehnte Kinderzimmertür kann ich meine neue, kleine Schwester Tina schreien hören. Sie ist ein sehr lautes Baby, darum muss ich sehr laut singen.
Die CD-Hülle liegt ausgeklappt auf der Weltkarte, die meine Schreibtischunterlage ist. Das Cover ist bunt, viele kleine Kästchen mit Fotos von Menschen, die zusammen den Schriftzug Bravo Hits ergeben. Ich spiele immer nur CD eins. Das erste Lied ist mein Lieblingslied. Ich drücke direkt auf ›Rewind‹.
»I’m a big, big girl in a big, big world«
Dröhnt es krächzend aus dem Radio, das nicht für die hochwertige Wiedergabe von Kunstwerken wie der Bravo-Hits-CD geschaffen wurde.
»Unser großes, großes Mädchen in der großen, großen Welt«
Lachen meine Eltern später beim Abendessen. Sie übersetzen mir die Bedeutung des Textes, während ich das Gemüse auf meinem Teller zu kleinen Haufen gleicher Farbe sortiere. Mein Englisch reicht dafür noch nicht, ihres reicht dafür gerade noch. Der Text ist mir im Grunde egal, ich bin einfach berührt von der Stimme, ich weiß, da passiert etwas in diesem Lied, eine große Empfindung.
In der Schule sage ich nur einmal, dass es mein Lieblingslied ist. Als manche Kinder lachen und ich nicht verstehe, warum, beschließe ich, keine Lieblingslieder mehr mit anderen zu teilen. Ich höre es noch ab und zu in meinem Zimmer mit abgeschlossener Türe und singe nicht mehr mit.
»I’m a big, big girl in a big, big world«
Das Lied kribbelt unter der Gänsehaut.
»Oh mein Gott!«
Schreit mein Papa und springt aus dem Bett. Ich bin sieben Jahre alt, stehe im Schlafzimmer meiner Eltern, und mein Pyjama ist nass und klebt unangenehm an meiner Haut fest. Ich verstehe nicht, was los ist, aber weiß, dass das ein Fall für meine Eltern ist. Tina, die im Gitterbett liegt, wacht auf und schreit sofort los. Alle sind aufgeregt. Das Nasse im Schlafanzug ist mein Blut, es sprudelt aus mir raus, aus meinem Rücken. Sie packen meine Schwester in den Tragekorb, und wir fahren sofort ins Spital. Mir ist schwindlig.
Meine Eltern erzählen mir, dass das Loch, aus dem das Blut lief, so klein war, als wäre es mit einer Nadel gestochen worden. Ich frage mich, wie aus so einem winzigen Loch so viel Blut kommen kann. Das, was ich habe, heißt irgendetwas mit -›om‹ am Ende, aber nicht ›Hämatom‹, ein anderes -›om‹; ich verstehe den Namen nicht und vergesse ihn.
»Wenn dich jemand fragt, besonders die Mädels in der Schule, sag, das ist eine Schussverletzung, dass sie dir eine Kugel herausgeholt haben. Das macht Eindruck!«
Empfiehlt mir mein Papa, und ich fühle mich wie ein Held, kann es nicht erwarten, die Geschichte zu erzählen, und bin mir sicher, dass die Mädchen in der Klasse mich ab jetzt anhimmeln werden.
Ich vergesse die Narbe. Als ich über sie schreibe, habe ich sie jahrelang nicht berührt, sie befindet sich im rechten oberen Drittel meines Rückens, zwischen Schulterblatt und Wirbelsäule, dort, wo mensch selbst schwer hinkommt. Sie ist länger, als ich sie in Erinnerung habe. Das Loch, aus dem das ganze Blut damals floss, war ein Punkt, aber während ich mit meinen Fingern die Erhebung auf dem Rücken entlangfahre, merke ich, es sind sicher drei Zentimeter.
Es war ein Hämangiom, erfahre ich später, ein gutartiger Gefäßtumor, auch Blutschwämmchen genannt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass so ein Hämangiom platzt. Im Spital mussten sie nur die Blutung stoppen, dann musste ich eine Zeit lang einen Verband am Rücken tragen und durfte länger nicht Trampolin springen oder andere Sachen machen, bei denen es viel auf und ab ging. Also die Sachen, die ich ohnehin nicht gerne machte.
Ich habe keine Beziehung zur Narbe. Sie erzählt eine Geschichte, die nicht meine ist. Jene, die mir mein Papa mitgegeben hat, und die hat mir keine Person geglaubt.
»Champignon!«
Begrüßt mich Onkel Danko und hebt mich hoch. Ich bin mir sicher, er meint nicht das Gemüse, das ich verachte und höchstens in goldbrauner Bröselpanier, begleitet von Sauce tartare, als essbar einstufe.
Wenn ich mir die Fotos von damals ansehe, könnte es auch etwas mit meinem Pilzhaarschnitt zu tun gehabt haben, ein ›Reindlschnitt‹, wie mein Papa diese Frisur nennt. Das Wort ›Champion‹ lerne ich erst später kennen.
Ich weiß noch, als unser Papa uns in den Sommerferien zum Westbahnhof gebracht hat, zwei riesige Lederkoffer tragend, und wir in den Nachtzug nach Serbien gestiegen sind. Das Liegeabteil war voll mit Menschen und Koffern. Unsere Koffer waren ebenso voll, sodass sich die Nähte sichtbar spannten, mit Gewand, Kaffee und Manner-Schnitten. Meine Mama lag auf der untersten Liege, mit meiner kleinen Schwester auf ihrer Brust. Tina blieb die Nacht über ruhig, und wir konnten sogar etwas schlafen. Unser Papa ist auf den Fotos vom Serbienbesuch nicht zu sehen. Bei der Abfahrt stand er draußen am Bahnsteig und winkte uns nach, wie in einem Film, und ich habe geweint. Ich weiß nicht, ob er sich damals als Filialleiter keine Urlaubstage nehmen konnte oder wollte.
»Dobro jutro.«
