Alles endet hier - Dave Zeltserman - E-Book

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Dave Zeltserman

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Beschreibung

Dan Selby und seine Frau Rachel müssen hilflos mitansehen wie sich ihre finanzielle Situation weiter zuspitzt. Sie haben ihre gutbezahlten Jobs aufgeben und ihre gesamten Ersparnisse in ein kleines vielversprechendes Software-Start-up investiert, das Dan mit seinem Freund Warren Costas gegründet hatte. Doch Costas ist nach Meinungsverschiedenheiten inzwischen auf einem anderen Trip und will die gemeinsame Firma zerstören. Als einer von Dans Freunden betrunken einen Russen erwähnt, der weiß, wie man Probleme wie Warren löst, öffnet Dan eine Tür, die man besser nicht öffnen sollte …. Ein weiterer düsterer Crime-Thriller aus dem Hause Zeltserman über den langen Prozess der Selbsterkenntnis, in den Zwängen einer kalten Gesellschaft, in der man zum Erfolg verdammt ist.

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Seitenzahl: 358

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Alles endet hier
Dave Zeltserman
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Michael Grimm und Angelika Müller
PROLOG
Etwas Feucht-Klebriges überzieht meine rechte Hand. Ich will mir das nicht ansehen, jedenfalls nicht jetzt, und kneife ganz fest die Augen zusammen. Ich stehe im Dunkeln, versuche, mir in Erinnerung zu rufen, dass ich vor nicht allzu langer Zeit ein Leben hatte. Scheiße, ich hatte Arbeit, eine Frau, ein Zuhause, Freunde, sogar eine Zu­kunft. Und jetzt sieh mich an. Meine Gedanken schwei­fen ab, als ich mich bei der Frage ertappe, wie ich an diesen Punkt gelangt sei. Überlegungen, die enteilen.
Erstarrung lastet auf meinen Gliedern. Ich öffne die Augen. Gerade mal so durchsticht das Licht der Straßenbeleuchtung die Schwärze der Nacht und erzeugt eine graue Unschärfe um mich herum, und ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, was vor mir ist. Nur nicht auf meine Hand, noch nicht. Ich lache auf bei dem Gedanken an meine flüchtige Überlegung, weshalb ich gestrandet bin, wo ich gestrandet bin. Warum mir in die eigene Tasche lügen? Ich kenne die Antwort. Ich weiß genau, weshalb es so weit mit mir gekommen ist. Scheiße, ich meine, man muss kein Genie sein, um das herauszufinden. Nicht dass es noch groß eine Rolle spielen würde, ob ich es mir eingestehe oder nicht.
Ach, Scheiße ...
Bis vor drei Tagen hatte ich nicht ein Mal eine Waffe in der Hand gehalten. Ich kenne mich kaum aus damit, und ich weiß kaum etwas über die, die ich jetzt mit meiner rechten Hand so fest umschließe, dass meine Knöchel weiß hervortreten; nur dass sie schwer ist und eine Halbautomatik. Ich weiß, dass es eine Halbautomatik ist, weil ich zu einem früheren Zeitpunkt dahintergekommen bin, wie man das Magazin herausgleiten lässt und checkt, ob es voll ist, und wie man die Waffe entsichert.
Ich will nicht, aber ich betrachte die Quelle des Feuchten und Klebrigen, das sich über meine Hand verteilt. Genügend Licht, das die Straßenbeleuchtung rüberschickt, sodass ich das Blut und das Gewebe an der Pistole meine Finger und mein Handgelenk benetzen sehen kann. Ich könnte es wegwischen, aber mir fehlt der Sinn darin. Wie auch immer, das alles wird schon bald vorbei sein.
KAPITEL 1
Sechs Monate zuvor, als es begann ...
Die Website war weg.
Verdammter Mistkerl.
Die Welt um mich herum verabschiedete sich. Für ein paar Minuten bestand mein Universum nur aus dem pochenden Blutstrom in meinem Kopf und der flackernden Abbildung auf dem Monitor. Anstelle der Website meiner Firma eine Grafik mit einem ausgestreckten Mittelfinger. Er hatte es getan. Der verdammte Mistkerl hatte es getan. Seit Wochen hatte ich mich davor gefürchtet, mir ausgemalt, er könne so weit gehen, und doch war es ein Schock, die Website gelöscht vorzufinden. Allmählich baute sich die Welt um mich herum wieder auf. Lauthals informierte ich Rachel über das Geschehene.
»Was hast du gesagt?«, schrie sie aus einem anderen Zimmer.
»Er hat die Website gelöscht. Der Hurensohn hat uns lahmgelegt!«
Ich hörte Rachels eilenden Schritt in Richtung Büro und spürte ihren Körper sich anspannen, als sie schließlich hinter mir stand. Anfangs hätte ich den Anblick von Frustration und Wut nicht ertragen, die, wie ich wusste, ihre Gesichtszüge entstellten, doch dann musste ich einfach. Ich warf einen Blick nach hinten. Geteiltes Leid ist halbes Leid, nicht wahr? Rachel und ich waren seit fünfzehn Jahren verheiratet, und unter normalen Umständen war sie die sanftmütigste und nachsichtigste Person, die ich je kennengelernt hatte. Eine schlanke, zierliche, dunkelhaarige Schönheit mit hypnotisierenden braunen Au­gen und ei­nem Lächeln, das das kälteste Herz erwärmen konnte. In diesem Moment stand nichts weiter als Mordlust in diesen Augen. Rachels Gesichtszüge waren zu einer eisigen Mas­ke erstarrt und ein angespanntes, boshaftes Grinsen ver­zerrte ihre Lippen, zog sie so weit zu­rück, dass ihre Schneide­zähne zu sehen waren. Niemals hätte ich ge­dacht, eine derartige Wut in ihr brodeln zu sehen, aber es hatte sich über Monate entwickelt. Der ganze Mist und die Kleinlichkeit von Warren Costas trugen endgültig Früchte. Mir war klar, dass ich nicht besser abschnitt als Rachel, hatte sich meine Kiefermuskulatur nämlich derart angespannt, dass es wehtat, und im Geiste konnte ich mir lebhaft vorstellen, dass meine Mimik mindestens ebenso brutal war wie Rachels, wenn nicht gar brutaler.
»Weshalb musste er das machen?«, fragte Rachel verzweifelt.
Sie kannte die Antwort, aber ich gab sie ihr dennoch.
»Weil er ein verdammter Psycho ist, deshalb.«
»Vielleicht sollten wir einfach eine andere Website er­stellen?«
Ich schenkte mir eine Antwort.
Rachel wusste selbst, wie witzlos das wäre. Das Buch, das mein beknackter Partner Warren Costas und ich ge­meinsam verfasst hatten, verwies auf die Website. Mehr als zehntausend Ex­em­plare unseres Buches waren bereits verkauft, was mehr als zehntausend potenzieller Kunden bedeutete, die uns wegen der speziellen Technologie engagieren könnten, die ich gerade entwickelte, was allerdings nur dann gelänge, hätten sie Zu­griff auf die Website und nicht auf eine Grafik, die ihnen den Mittelfinger präsentierte. Genauer gesagt, die Rachel und mir den Mittelfinger präsentierte, war diese Botschaft schließlich nur an uns gerichtet. Neun Monate zuvor hatten wir unsere Jobs aufgegeben und einen Großteil unserer Ersparnisse reingebuttert, um die Firma auf die Beine zu stellen. Und jetzt, da wir erste Anfragen erhielten, hatte dieser durchgeknallte Mistkerl uns den Hahn ab­drehen müssen.
Rachels Knie begannen zu zittern und sie ließ sich schwer auf den Futon neben mir fallen, soweit sich je­mand mit rund vierzig Kilo Gewicht schwer auf einen Futon fallen lassen kann.Ihr Aufgebrachtsein, ihr Zorn von eben waren komplett verschwunden. Jetzt waren da nur noch Verzagtheit und Elend. Tränen stiegen ihr in die Augen und ihr Gesicht wurde zu einer Fratze, als sie mit diesen Tränen kämpfte. Es brach mir das Herz, sie so zu erleben. Doch nach vielleicht einer Minute befeuerte das meine Wut auf Costas und nährte den Wunsch in mir, ihm das fette, schmierige Genick zu brechen.
»Ich ruf ihn an«, sagte ich.
»Bitte, Dan, gönn ihm keine Genugtuung.«
Doch sie war angesichts seines jüngsten Schachzuges viel zu sehr am Boden zerstört, um darüber einen Streit anzufangen. Ich drückte ihre Hand, wählte dann Costas’ Nummer. Beim ersten Klingeln ging er ran.
»Was willst du?«, fragte er in grobem, feindseligem Ton, nach Kräften bemüht, dieser Mistkerl, so zu klingen, als käme mein Anruf überraschend.
»Was meinst du wohl?«
Stille; dann ein Anflug süffisanter Selbstgefälligkeit, als er in sich hineinlachte und sagte: »Du hast gesehen, was ich mit meiner Website gemacht habe, nicht wahr?«
»Scheiß auf dich, Warren.«
Was ihn wieder zu einem leisen Lachen animierte.
»Jetzt weißt du, wie ich mich gefühlt habe, als ich das Buch gesehen habe.«
Ich sah zu Rachel. Sie fixierte mich, angespannt. Eine Träne machte sich frei und bahnte sich kriechend ihren Weg die Wange hinunter. Ich hatte die Freisprecheinrichtung nicht aktiviert, aber dank meines Beitrags an der Unterhaltung wusste Rachel, wie schlecht es lief.
Verdammt, sie hätte es an meiner Miene erkennen kön­nen. Ich senkte die Stimme und sagte: »Ich habe dir bereits erklärt, dass ich nichts damit zu tun hatte.«
»Du lügst, Dan. Du hast mich mit diesem Buch hintergangen.«
»Du bist nicht ganz bei Trost. Ich habe nicht gegen dich intrigiert, Warren. Du verhältst dich verdammt noch mal wie ein Kind. Und nebenbei bemerkt, das Buch sollte uns lediglich ins Geschäft bringen. Das war der einzige Sinn und Zweck, und es funktioniert. Also, weshalb zur Hölle machst du das?«
»Du weißt sehr wohl, weshalb ich das mache«, sagte Costas. »Und du weißt, dass das Buch mehr war, als du behauptest. Ich habe mich gedemütigt gefühlt, als ich es gesehen habe. Ich musste das Cover abreißen und verstecken, damit meine Frau es nicht sehen würde. Sie hat es noch immer nicht gesehen.«
Das war ein abgestandenes Argument, eines, das ich mir während der letzten vier Monate in der einen oder anderen Form hatte anhören müssen. »Wie beendigen wir das?«, fragte ich. »Muss es vor Gericht landen? Verflucht noch mal, Warren, einigen wir uns auf eine Mediation und bringen es hinter uns.«
»Ich werde einer Mediation nicht zustimmen«, sagte er brüsk. Dann kam noch mehr seiner Selbstgefälligkeit zum Vorschein, als er hinzufügte: »Wenn du nicht willst, dass es vor Gericht geht, dann akzeptier meinen Buy-out. In Anbetracht der Situation ist das mehr als großzügig und es ist der einzige Deal, den ich anbieten werde.«
Ich schloss die Augen und stützte ermattet meine Stirn in die linke Hand. Ich überlegte angestrengt, wie ich vernünftig mit ihm reden könne, aber es kam nichts, womit ich hätte aufwarten können. Ich verzichtete auf jedes weitere Wort und beendete das Telefonat. Als ich Rachel ansah, erinnerte sie mich an eine zarte Porzellanpuppe, die bei zu unachtsamer Berührung zerbrechen könnte, ihr Gesicht mindestens ebenso gezeichnet und erschöpft wie mein Inneres.
»Das war’s also?«
Ich schüttelte den Kopf. »Es ist nicht vorbei«, erwiderte ich. »Noch nicht. Wir bringen diesen Scheißkerl vor Gericht, wenn es sein muss.«
Sie lächelte mich niedergeschlagen an und stellte glück­licherweise nicht die im Raum stehende Frage, wie wir die hundert Riesen für das Honorar auftreiben sollten, die nach Aussage meines Anwalts fällig würden, sollte ich Costas vor Gericht bringen, und diese Summe auch nur, sofern wir Glück hätten und unsere Prozesskosten auf ein Minimum beschränken könnten.
»Und was nun?«, fragte Rachel.
Ich wandte mich weg und zuckte lahm mit den Schultern. »Da sind noch ein paar Softwaregeschichten, mit denen ich mich beschäftigen muss.«
»Ich schätze, ich sollte ein paar Anrufe machen und Leute darüber in Kenntnis setzen, dass die Website gehackt wurde, wir aber weiterhin am Start sind«, sagte sie mit einem brüchigen Lächeln, das komplett zu verschwinden drohte.
KAPITEL 2
Marat Baranovsky und ich kannten uns seit über fünfzehn Jahren. Über diese gesamte Zeit hinweg war er immer ein Mann mit Umfang gewesen; sein birnenförmiger Körper und sein ausufernder Bauch sorgten dafür, dass er ein wenig aussah wie eine dieser Matrjoschkas, dieser russischen Schachtelpuppen. Seines schnell aufbrausenden Temperaments wegen nahm sein großflächiges Gesicht regelmäßig die Farbe Roter Bete an, was seinen prallen Wangen das Erscheinungsbild kleiner Äpfel verlieh.
Wir hatten uns für sieben Uhr am Abend verabredet. Ich war pünktlich, doch Marat war vor mir am Restaurant eingetroffen und wartete vor dem Eingang auf mich, die Schultern stark nach vorn gebeugt. Als ich auf ihn zuging, schien er für einen Moment erschrocken, als hätte ich mich an ihn herangeschlichen und plötzlich hu! gerufen; dann nickte er ernst, streckte mir seine Bärenpranke von einer Hand entgegen und begrüßte mich mit Daniel, sein russischer Akzent derart fett, dass sich die Vorstellung nahezu aufdrängte, man könne ihn mit ei­nem Messer in Scheiben zerteilen.
Wir betraten das nahezu leere Restaurant und ein dem Anschein nach ab­gespannter Oberkellner führte uns zu einer Nische im hinteren Teil.
Marat war in der ehemaligen Sowjetunion zur Welt gekommen, in Kyjiw, und erst mit Ende zwanzig in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Er hatte nicht nur einen fetten Akzent, sondern er sprach auch, als hätte er den Mund voller Murmeln, sodass Marat sich eigentlich nur aufs Murmeln verlegen konnte. Im Laufe der Jahre waren wir gute Freunde geworden, hatten häufig gemeinsam für dieselben Softwarefirmen gearbeitet. Bei unserem ersten Zusammentreffen waren die wi­der­spenstigen Haarbüschel auf seinem Kopf noch von einem hellen Braun gewesen, jetzt waren sie schneeweiß; ansonsten jedoch hatte er sich kaum verändert, wenn überhaupt. Allenfalls war sein Akzent noch fetter geworden, seine Gesichtsröte intensiver und sein Körper noch birnenförmiger. Nach Costas’ jüngster Scheißaktion hätte ich unsere Planung für ein Abendessen beinahe über den Haufen geworfen, aber ich hatte Marat seit mehr als einem halben Jahr nicht gesehen, und überhaupt, ich musste mir bei jemandem Luft machen und Rachel kam dafür todsicher nicht infrage, nicht mit diesem Anschein, sie würde vollständig in Stücke zerfallen, sofern ich mir für sie keine »Wir-­über­leben-den-jüngsten-Scheiß-von-Costas«-Fassade zu­legen würde.
Der Laden, in dem wir uns trafen, war Marats Lieblingsrestaurant. Ein russisches, gelegen im Nordwesten Bostons, in Brighton. Es war eine schwach beleuchtete, riesige Örtlichkeit, unterteilt in diverse Räume und mit der Anmutung eines Labyrinths. Russisches Essen war nicht so mein Fall, und ich denke, wäre Marat in dieser Frage ehrlich gewesen, hätte er eingeräumt, der italienischen, chinesischen oder japanischen Küche den Vorzug zu geben, aber tatsächlich waren wir wegen des Wodkas dort. Sie gaben Preiselbeeren hinzu, eine Variante, die ihn ziemlich aufwertete, selbst für jemanden wie mich, der ich kein passionierter Wodkatrinker war. Nachdem man uns an unseren Platz geführt und die Bedienung die erste Runde serviert hatte, erhob Marat sein Glas für einen schwermütigen Toast.
»Budem sdorowy!«, murmelte er feierlich.
»Salud«, sagte ich, mein Glas zur Erwiderung ebenfalls erhoben.
Für eine halbe Stunde vermied ich es, mit Marat über die Firma oder Costas zu sprechen, und wir verlegten uns mehr oder weniger auf Small Talk – wie sich seine Töchter in der Schule machten, der Bassettwelpe, den er kürzlich für seine Familie gekauft hatte, und gemeinsame Freunde, mit denen wir über die Jahre hinweg zusammengearbeitet hatten, aber seiner Miene war glasklar abzulesen, dass er spürte, etwas stimme nicht. Als wir bei unserem dritten Wodka waren, fing ich an, von Costas zu erzählen und was er mit unserer Website angestellt hatte. Während ich ihm davon berichtete, lehnte sich Marat schwerfällig zurück, seine Lippen zu einem matten Lächeln verzogen, die Augen mit den schweren Lidern bereits mit einem leichten vom Wodka herrührenden Glanz.
»Die Sache mit eurem Buch verstehe ich nicht«, konstatierte er in der für ihn typischen breiigen Manier. »Es ist doch für euch beide ein Geschäft, oder? Worüber macht er sich dann Gedanken?«
Ich war im Begriff, ihm zu antworten, hielt mich jedoch zurück, da die Bedienung im Anmarsch war, um zwei weitere Wodka zu servieren. Eine junge, schlanke Frau, die ihr langes blondes Haar zu einem Pferdeschwanz ge­bunden trug und Marat respektvoll anlächelte, als sie ihm das Glas hinstellte. Marat wies sie mit ein paar Worten Russisch ab, sein Auftreten insgesamt schroff. Für ge­wöhnlich war er eine liebenswürdige Seele von einem Kerl, aber betraf es das Servicepersonal in Restaurants, war sein Gebaren brüsk, nahezu snobistisch. Vermutlich so ein Russending. Ich nahm einen kleinen Schluck Wod­ka, genoss den Geschmack und versuchte, so wenig wie möglich an Costas zu denken. Auch wenn geschehen war, was geschehen war, fühlte ich mich so entspannt wie seit Wochen nicht mehr. Es fällt schwer, so viel aufgestaute Wut nach drei Wodka zu unterdrücken, und doch, zum ersten Mal seit dem Anblick der vernichteten Website entspannte sich meine Kiefermuskulatur. Ich führte mir jedoch vor Augen, dass ich in Sachen Trinken Tempo rausnehmen musste. Marat war ein Profi, was das Leeren von ein oder zwei Flaschen dieses Stoffes anbelangte; im Vergleich dazu war ich ein blutiger Amateur. Hätte ich versucht, mich Glas für Glas mit ihm zu messen, wäre ich nur bewusstlos unter dem Tisch gelandet. Ich wartete zunächst ab, dass sich die Bedienung von unserem Tisch entfernte, bevor ich Marat erzählte, dass Costas’ Problem mit dem Buch darauf fußte, dass mein Name auf dem Cover zuerst genannt wurde.
»Ich habe der Lektorin gesagt, sie soll, wie von ihm ge­wünscht, seinen Namen voranstellen, und trotzdem hat sie meinen vorangestellt.«
»Lächerlich! Es sollte keine Rolle spielen, wessen Name zuerst erscheint!« Marat schloss kurz die Lippen, als er mich intensiv ansah. »Aber warum hat sie das getan?«
Ich verzog das Gesicht und winkte bei dieser Frage halbherzig ab. »Keine Ahnung.« Ich setzte das Glas wieder an, trank den kalten, mit Preiselbeeren versetzten Wodka aus und begegnete dann einem noch intensiveren Blick Marats. »Weil sie ihn nicht mochte, vermutlich«, sagte ich. »Vermutlich auch, weil sie wusste, dass ein Großteil des Buches von mir stammt. Zumindest war das der Grund, den sie mir geliefert hat, als ich sie gefragt habe. Meine Güte, sie hat alle Kapitel bearbeitet, kein Problem für sie dahinterzukommen, wer von uns beiden was geschrieben hat.«
Marats Miene verkrampfte sich zu einem Ausdruck schierer Bestürzung. »Aus diesem Grund will Warren eure Firma ruinieren?«
»So hat er’s gesagt«, erwiderte ich. »Doch das ist nicht sein wahrer Beweggrund. Was ihn tatsächlich dazu be­wegt, ist die Tatsache, dass er seinen Job dreizehn Monate früher als ich aufgegeben hat, um seine angebliche Marktforschung zu betreiben, und als ich dann zur Firma gestoßen bin, ist mir aufgefallen, dass er Panik schiebt und sich definitiv wünscht, wieder in den sicheren Hafen eines Angestelltenverhältnisses einzulaufen. Das Problem nur, er will die Firma nicht intakt lassen und mitbekommen müssen, dass Rachel und ich sie erfolgreich aufbauen. Er muss sie erst einmal zunichtemachen.«
Wieder tastendes Sinnieren bei Marat, dann: »Warum hast du ihm das Betreiben der Website überlassen?«
»Was verdammt noch mal habe ich seinerzeit schon gewusst über das Registrieren einer Website?«, so meine Gegenfrage. »Wir setzen diese Firma aufs Gleis, müssen uns tonnenweise um irgendwelchen Mist kümmern, ich erledige das gesamte Finanzielle und dieses Arschloch erklärt sich freiwillig bereit, die Website zu betreuen. Ich hab ihm vertraut, der Grund auch für meine Blödheit, keinen Anwalt zurate zu ziehen, der einen Vertrag aufsetzt. Ich hatte es zu eilig – wir beide hatten es zu eilig. Also registriert er die Website auf seinen Namen, und jetzt bin ich am Arsch.«
Die Vorspeisen – Heringssalat, Lachsmousse und marinierte Pilze – wurden serviert, zusammen mit einer weiteren Runde Preiselbeerwodka. Wir aßen die Vorspeisen, tranken unseren Wodka und schwiegen, bis Marat mit seinem kräftigen Zeigefinger in meine Richtung wedelte.
»Ich habe dir gesagt, es wäre ein Fehler, eine geschäftliche Verbindung mit Warren einzugehen«, sagte er verärgert. »Und eine geschäftliche Verbindung ohne Rechtsvereinbarung einzugehen. Pure Dummheit!«
Ich zuckte mit den Achseln. Was hätte ich sonst ma­chen sollen, verdammt noch mal? Es war schließlich nicht so, dass ich mich in den letzten fünf Monaten nicht mit den gleichen Gedanken herumgequält hätte.
»Ich dachte, ich könne ihm vertrauen.«
»Pah! Du hättest es besser wissen müssen.«
»Wir waren siebzehn Jahre befreundet. Ich hätte nie gedacht, dass er mir so was antun würde.«
»Er hat eine unschöne Scheidung hinter sich, nicht wahr? Damit hättest du wissen müssen, was dich erwartet.«
Marat presste die Lippen zu einem unwirschen Strich aufeinander.
»Du hättest es wissen müssen, so, wie er sich von Sol­stice Software verabschiedet hat. Mit dieser E-Mail, die er der Firma geschickt hat. Wenn er so was abzieht, muss er geistig umnachtet sein.«
Darauf konnte ich rein gar nichts erwidern. Weil Marat recht hatte.
Costas, Marat und ich hatten zur gleichen Zeit bei Solstice Software gearbeitet. Es war zu Beginn unserer Beschäftigung dort, dass Costas zum dritten Mal in Scheidung lebte. Eines Tages erschien die Polizei und nahm ihn fest, führte ihn in Handschellen aus dem Ge­bäude. Später kam heraus, dass er Scheiße gebaut hatte, denn er hatte den Wagen seiner Frau von ihrem Arbeitsplatz abschleppen lassen und ihrer Firma eine Bombendrohung geschickt. Die Anklagen wurden fallen gelassen, nachdem sich Costas rasch mit einer Scheidungsvereinbarung einverstanden erklärt hatte. Als ich ihn auf diese Geschichten ansprach, auf seine Schikanen gegenüber seiner Frau, wies er alles von sich, behauptete, sie sei das gewesen, um ihn zu einer Vereinbarung zu nötigen, zeigte mir aber zugleich sein kleines Fick-dich-Grinsen, das mir – wäre ich nicht so komplett be­schränkt gewesen – hätte sagen müssen, dass er diesen ganzen Mist veranstaltet hatte. Der von Marat erwähnten E-Mail mit der Kündigung hatte Costas noch ein Foto anhängen müssen, worauf er der Firma seinen nackten Hintern präsentierte. Seinerzeit fand ich das lustig. Jetzt nicht mehr.
»Was wirst du jetzt machen?«, fragte Marat. »Willst du dich nach einem Job umsehen? Vielleicht kann ich dir helfen.«
Verbissen schüttelte ich den Kopf. »Ich werde diesem Hurensohn die Software nicht überlassen, die ich entwickelt habe«, sagte ich.»Was wir haben, kann klappen. Das ist ein richtigesUnternehmen, eins, für dessen Gründung Rachel und ich viel zu hart gearbeitet haben, während dieses Arschloch sich auf den Versuch beschränkt hat, es einzureißen. Absolut ausgeschlossen, dass ich sie rausrücke.«
»Was willst du dann machen?«
»Ich lass mir was einfallen.«
Unser Essen wurde serviert. Marat hatte gebackenen Stör bestellt und ich hatte mich für Lammkeule entschieden. Welchen Nutzen der Wodka auch gebracht haben mochte, er hatte sich als flüchtig erwiesen, verdüsterte sich meine Stimmung doch mit jedem Bissen, den ich zu mir nahm, büßte das Essen schließlich komplett an Ge­schmack ein und sank wie Ballast in meinen Magen. Ich konnte nur an Costas denken und daran, was er mir antat und wie ausweglos die Lage geworden war. Die Einsicht in diese Ausweglosigkeit wurde zu einem wachsenden Druck in meiner Brust, so heftig, dass ich kaum noch mit dem Atmen dagegen ankam. Ich erklärte Marat, ich wis­se nicht, was ich tun solle.
Er hatte wie gebannt auf sein Essen gestarrt, seine ganze Aufmerksamkeit auf seinen Stör konzentriert. Er sah mich verwirrt an, als hätte er vergessen, dass ich dort saß.
»Ich weiß verflucht noch mal nicht, was ich tun soll«, wiederholte ich. »Er macht mich fertig, Marat. Mich und Rachel.«
Er knurrte beipflichtend, mit sich verdunkelnder Mie­ne, um sich meinem Gemütszustand anzupassen. Wir aßen schweigend weiter, beide auf eine eher lustlose Art. Die nächste Runde Wodka wurde serviert, und als wir kurz im Essen innehielten, um einen Schluck zu trinken, brach sich ein Funkeln durch Marats glasigen Blick. Er verrenkte sich den Hals so weit wie möglich, um sich davon zu überzeugen, dass niemand in Hörweite saß, beugte sich dann vor und winkte mich zu sich heran.
»Was, wenn man sich dieses Problems annehmen könnte?«, murmelte er mit einem leichten Krächzen.
Ich schüttelte den Kopf, verstand den Sinn seiner Worte nicht. Wieder ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen, um sich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war, und signalisierte mir dann mit Nachdruck, noch näher heranzurücken. Ich beugte mich weiter über den Tisch, bis mein Gesicht nur noch Zentimeter von seinem entfernt war.
»Es gibt da einen Mann«, sagte Marat, seine Stimme ein noch leiseres Krächzen. »Für eine akzeptable Summe könnte sich dein Problem in Luft auflösen.«
Vielleicht war ich schon dicht, vielleicht wollte ich auch einfach nicht zugeben, dass ich verstanden hatte, was Marat andeutete; jedenfalls schüttelte ich den Kopf, als würde Marat Russisch sprechen und ich auf Teufel komm raus nicht wissen, was er meinte. Unter Anstrengungen rückte Marat noch näher heran.
»Dieser Mann sorgt dafür, dass Probleme verschwinden«, flüsterte er. »Er kann jemanden aus Russland holen. Jemanden, der danach wieder nach Russland verschwindet, wenn dein Problem gelöst ist. So, als wäre diese Person nie hier gewesen und zugleich unmöglich für die Polizei, sie jemals zu finden.«
Ich konnte nicht länger vortäuschen, nicht zu wissen, was Marat vorschlug. Ich drückte mich vom Tisch weg, die Stuhlbeine ächzten, als wollten sie sich in den Holzboden graben. Ich schüttelte den Kopf, einigermaßen betrunken und wie betäubt.
»Warum nicht?«, fragte Marat. »Wenn Warren all das abzieht, um dich fertigzumachen und dich und deine Frau einem Risiko auszusetzen, warum nicht? Weshalb solltest du dich nicht gegen diesen durchgeknallten mudak wappnen? Ist das nicht dein gutes Recht?« Marat schüttelte verärgert den Kopf. »Warren hätte es verdient. Und dieser Mann, von dem ich gehört habe, kostet nicht die Welt. Honorar, Provision, Reisekosten. Es käme nicht viel zusammen.«
Ich schüttelte energischer den Kopf. Ich schüttelte ihn heftig genug, um mir vorstellen zu können, wie mein Hirn im Schädel umherschwappte.
Marat zuckte mit den Achseln. »Vergiss, dass ich es erwähnt habe.«
Wir beendeten unser Essen und bestellten türkischen Mokka. Während wir unseren Mokka tranken, benahmen wir uns, als hätten wir nie etwas in Zusammenhang mit meiner Firma und Warren Costas erörtert und als hätte Marat nie ein Wort über einen Mann verlauten lassen, der, wie er wusste, gewisse Dinge arrangieren konnte. Vielmehr waren wir zum unverfänglichen Small Talk über die banalen Dinge des Alltags zurückgekehrt.
Irgendwann stellte ich angewidert fest, dass ich Marat fragen wollte, was er meine, welchen Preis dieser Mann mir in Rechnung stellen würde. Ich biss mir auf die Zunge und verdrängte den Gedanken aus meinem Kopf. Ich sagte mir, das seien nur Marat und seine neun Wodkas, die aus ihm sprächen. Dieser Mann, von dem er wusste, war vermutlich nur ein weiterer Russe, der große Töne spuckte, hatte er zu viel Wodka intus. Abgesehen davon, das war ein Weg, den einzuschlagen ich nicht einmal in Erwägung ziehen sollte. Ich schämte mich, ihn auch nur für einen Moment in Betracht gezogen zu haben, und schob es darauf, einigermaßen besoffen zu sein.
Wir ließen uns noch zwei Mokka bringen. Marat be­stand darauf, die Rechnung zu übernehmen, und ich diskutierte nicht sonderlich leidenschaftlich, versprach vielmehr, dass beim nächsten Mal die Reihe an mir sei und meine Firma bis dahin hoffentlich besser laufen werde. Als mir bewusst wurde, wie leer dieses Versprechen klang, verfluchte ich Costas im Stillen, was jedoch nicht bedeutete, dass ich auch nur das geringste Interesse hat­te, Kontakt zu dem Typ aufzunehmen, der in der Lage war, meine Art von Problem aus der Welt zu schaffen.
KAPITEL 3
Ich spielte mit dem Gedanken, meinen Wagen über Nacht stehen zu lassen und mit dem Taxi nach Hause zu fahren, doch nachdem unser Gespräch über Costas bei mir mehr Ausnüchterung bewirkt hatte, als zwei Kännchen türkischer Mokka allein es je vermocht hätten, stieg ich in den Wagen und fuhr los. Mit jeder verstreichenden Minute bemerkte ich, wie mich mein Ärger und meine Verbitterung mehr und mehr zum Kochen brachten. Nur noch etwas mehr als einen Kilometer von meiner Wohnung entfernt, wendete ich unvermittelt, mit nervtötend quietschenden Reifen, als ich aufs Gaspedal trat und Gummi auf der Straße hinter mir zurückließ. In gewisser Weise wusste ich, dass das, was ich tat, ein riesiger Fehler war, aber ich dachte nicht vernunftbasiert. Es handelte sich auch nicht um ein trunkenes Wüten – denn, wie gesagt, das Essen, der Kaffee und das Sinnieren über Costas hatten dafür gesorgt, dass ich am Ende stocknüchtern war. Nachdem ich für Marat über eine Stunde alles hervorgekramt hatte, was Costas Rachel und mir in den letzten vier Monaten zugefügt hatte, war es völlig ausgeschlossen, mich anders zu verhalten, als ich es jetzt tat. Nicht, nachdem ich meine Stimme Punkt für Punkt hatte beschreiben hören, wie Costas in mein Leben eingegriffen hatte. Himmel, es war unglaublich, wie sehr ich es bisher nicht hatte wahrhaben wollen.
Könnte ich die Uhr zurückstellen, ich würde alles dafür geben, um so an Costas’ Haus vorbeifahren zu können; doch ich fuhr nun mal nicht vorbei und nichts daran ließe sich jetzt ändern. Aber, verdammt, hätte ich doch nur für einige Minuten angehalten, um mich der Dummheit meines Handelns zu besinnen, dann wäre wo­möglich nichts von dem geschehen, was sich an­schloss. Und nicht allein in dieser Nacht, sondern auch all das, was sich noch anschließen sollte. Aber meine Wut hatte mich geradezu verschlungen, hielt mich in meinem Kopf gefangen, sodass Gedanken an Konsequenzen nicht aufkamen. Es war, als wäre ich aus einem dunklen Tunnel gekommen und Costas samt meiner Wut auf ihn das Einzige, worauf ich mich konzentrieren konnte. Ohne dass ich dessen gewahr wurde, war ich raus aus meinem Wa­gen und im Sturmschritt auf dem Weg zu seiner Haustür, hämmerte dann gegen diese Tür und forderte den Huren­sohn brüllend auf, herauszukommen und sich mir zu zeigen.
Als sich die Tür öffnete, war es Costas’ vierte und aktuelle Ehefrau Monica, die sich mir zeigte. Monica war eine zierliche, attraktive Chinesin, viel zu normal, um bei Costas zu landen. Irgendwas im kulturellen Austausch musste komplett untergegangen sein, die einzige Erklärung, die mir je eingefallen ist, weshalb die beiden zusammengekommen waren. Monica starrte mich an, ihre Miene ausdruckslos, ihre Augen kaum mehr als dunkles Glas.
»Du solltest gehen, Dan«, sagte sie mit einer Stimme, ebenso ausdruckslos wie ihre Miene.
»Warren hat die Polizei gerufen. Sie werden gleich hier sein.«
»Weißt du, was dein Mann gemacht hat?«, wollte ich wissen, völlig desinteressiert an der Bedeutung ihrer Worte. »Er hat die Website gelöscht! Was zum Teufel stimmt nicht mit ihm?«
Costas tauchte hinter ihr auf. Ich hatte ihn seit drei Monaten nicht gesehen und er sah aufgeschwemmter aus, als ich es in Erinnerung hatte. Sein Vierkantgesicht und sein Hals waren aufgedunsen und über seinem Gürtel hing eine dicke Speckrolle. Seine Lippen verzerrten sich, brachten die gleiche Wut zum Ausdruck, die mich verschlungen hatte, und er schrie über seine Frau hinweg: »Fick dich, Dan, das ist meine Website, mit der ich machen kann, was ich will. Und solltest du jemals wieder bei mir zu Hause auftauchen, um meine Familie zu belästigen, prügel ich dir die Scheiße aus dem Leib!«
Seine Stimme als auch diese Worte beförderten mich vollends über die Klippe, welche auch immer es gewesen sein mochte, an die ich mich geklammert hatte. Dass er die absolute Unverfrorenheit besaß, mich zu beschuldigen, seine Familie zu belästigen, nach allem, was Rachel und ich seinetwegen hatten durchmachen müssen. Ich sah rot. Als wäre ich erblindet, ich schwöre bei Gott. Ich bin mir nicht sicher, was danach passierte. Sollte ich Monica umgestoßen haben, um zu Costas vorzudringen, war ich mir dessen nicht bewusst gewesen. Erst als sie vor Schmerz aufschrie, blickte ich nach unten und nahm durch den roten Schleier vor meinen Augen wahr, dass sie gestürzt war und sich das linke Handgelenk hielt. Ich sah augenblicklich wieder klar.
Der An­blick ihres schmerzverzerrten Gesichtes hatte mir allen Wind aus den Segeln genommen. »Oh, ­Scheiße. Es tut mir so leid, Monica. Ich wollte dich nicht umreißen. Scheiße.«
Costas nutzte diesen Moment, um mir unerwartet einen heftigen Hieb zu versetzen. Ich stand noch in der Tür, und mit Monica am Boden, hatte er sich über sie beugen müssen, um mich zu schlagen, und dieses Unbeholfene in seinem Agieren hinderte ihn, sein ganzes Ge­wicht in den Schlag hineinzulegen – der alleinige Grund, weshalb er mir nicht den Kiefer brach. So jedoch ließ mich die Wucht des Schlages nach hinten taumeln. In diesem Augenblick hörte ich Polizeisirenen herannahen und sah kurz darauf den Widerschein flackernder blauer und roter Lichter an der Fassade. Ich drehte mich nicht um. Stand wie erstarrt, mit pochendem Kiefer, und hörte den Streifenwagen anhalten und dann Wagentüren, die geöffnet und zugeschlagen wurden. Einer der Cops schrie mir zu, ich solle mich nicht von der Stelle rühren. Costas ließ für mich ein Fick-dich-Grinsen aufblitzen, das von einem Ausdruck der Entrüstung abgelöst wurde, als er auf die Tür zuging, um die Cops zu empfangen.
»Officers, das ist mein Haus«, brüllte er ihnen mit künst­licher Aufgebrachtheit entgegen. »Dieser Irre kommt, donnert gegen meine Tür, bedroht mich und attackiert meine Frau. Ich glaube, er hat sie verletzt. Ich möchte, dass er festgenommen wird!«
»Das ist eine geschäftliche Auseinandersetzung.« Ich versuchte, ebenfalls zu brüllen, aber meine Stimme zerbröselte mir in der Kehle und meine Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.
»Sir, behalten Sie Ihre Hände an den Seiten!«, er­­mahnte mich einer der Cops. »Keine Bewegung!« Dann kamen beide die Eingangsstufen hoch. Einer der beiden spähte an mir vorbei ins Haus und sah Monica am Bo­den sitzen, ihre Augen zusammengekniffen, ihr Ge­sicht schmerzverzerrt.
»Hat dieser Mann Sie angegriffen?«, wollte er von ihr wissen.
Sie nickte. Ihre Augen wurden ratzfatz feucht, ihre Lippen zu einem zusammengepressten Strich, als kämpfe sie mit aller Macht gegen ein Schluchzen an.
»Es war ein Unfall«, wollte ich erklären. »Ich hatte nicht die Absicht, sie auch nur zu berühren. Ich erinnere mich nicht einmal daran, es getan zu haben. Ich glaube, sie ist gestolpert, als sie vor mir zurückgewichen ist.«
»Du hast mich zu Boden gestoßen«, beharrte Monica. »Ich glaube, du hast mir das Handgelenk gebrochen.«
»Keine Bewegung, Sir, nicht die geringste«, befahl mir der Cop, der direkt neben mir stand, wandte sich dann wieder Monica zu und fragte: »Brauchen Sie einen Krankenwagen, Ma’am?«
Sie zögerte mit der Antwort, aber Costas trat nach vorn und antwortete an ihrer Stelle. »Logisch braucht sie einen Krankenwagen. Dieser Geisteskranke hat sie verletzt!«
»Es war ein Unfall«, versuchte ich es wieder, doch meine Stimme klang leer, ohne Leben, und ich denke nicht, dass mich einer von ihnen hörte.
Der Cop etwas weiter weg zückte sein Walkie-Talkie, um einen Krankenwagen zu rufen. Der andere fragte mich: »Sir, was hat Sie dazu bewogen, das Grundstück zu betreten?« Dieser Cop war jung, nicht älter als fünfundzwanzig. Er war einige Zentimeter kleiner als ich, aber stabil gebaut. Seine höfliche Art wirkte aufgesetzt. Die Kälte in seinen Augen und wie seine Hand sich seinem Gummiknüppel näherte, sagten mir, dass er scharf auf einen Vorwand war, mich wegzuschleppen und mit dem Gummiknüppel auf mich einzudreschen. Ich erwiderte nichts.
»Weisen Sie sich aus, Sir.«
Dem kam ich nach.
Der Cop studierte den Führerschein, den ich ihm ausgehändigt hatte, anschließend eingehend mein Gesicht, bevor er ihn an seinen Kollegen weiterreichte, damit der eventuell nachfragte, ob gegen mich zu vollstreckende Haftbefehle vorlägen. Als sein Kollege mir den Führerschein zurückgab, schüttelte er den Kopf, um zu signalisieren, dass nichts gegen mich vorlag. Dennoch wies der andere mich an, mich umzudrehen und die Hände auf den Rücken zu legen. Ich diskutierte nicht, sondern kam der Aufforderung nach. Meine Hände wurden unsanft zusammengeführt und es klickten Handschellen. Erst dann erkundigte ich mich, ob das nötig sei. »Ich bin noch nie festgenommen worden«, sagte ich, »habe noch nie in Schwierigkeiten gesteckt. Hier geht es lediglich um eine geschäftliche Meinungsverschiedenheit.«
»Ich denke, er ist betrunken«, schrie Costas über meinen Kopf hinweg. »Er ist mit dem Auto hergekommen und ich vermute, in alkoholisiertem Zustand. Der Wagen da vor meinem Haus ist seiner.«
Ich warf einen flüchtigen Blick über die Schulter, und als sich unsere Blicke trafen, blitzte wieder sein kleines Fick-dich-Grinsen auf, aber so, dass nur ich es wahrnehmen konnte. Als der Cop in seine Richtung sah, wurde Costas’ Miene wieder zu der eines tief besorgten Bürgers.
»Mr. Selby, stimmt das? Ist das Ihr Wagen? Haben Sie getrunken?«
KAPITEL 4
Auf dem Revier angekommen, durchlief ich das übliche Verfahren, bei dem mein Polizeifoto auf- und meine Fingerabdrücke abgenommen wurden und man mir eröffnete, dass ich vor dem Morgen in Sachen Kaution keinen Richter zu sehen bekäme. Als man wegen einer Aussage nachfragte, verweigerte ich sie, da mein Anwalt nicht anwesend war, worum sie sich allerdings nicht sonderlich zu scheren schienen. Im Grunde handelte es sich bei dem Fall um Pillepalle, nichts, worüber sie sich große Gedanken machen mussten, ungeachtet der langen Liste mit Anklagepunkten, die sie mir zur Last legten. Sie nahmen mir mein i-Phone ab, Brieftasche und Gürtel, ebenso die Schnürsenkel meiner Sneakers, doch bevor sie mich für die Nacht in eine Zelle sperrten, gestatteten sie mir einen Anruf. Ich rief Rachel an.
»Hallo?«
Ich spürte mein Herz wie einen kalten Fisch nach unten gleiten, als ich ihre Stimme hörte. Die Anrufer-ID auf ihrem Display musste ihr angezeigt haben, von wo  ich anrief. So musste es gewesen sein, so spröde und verhalten ihre Stimme nämlich geklungen hatte, als sie den Anruf  entgegengenommen hatte.
»Ich bin’s, Rachel.«
»Weshalb telefonierst du von einem Polizeirevier?«
»Ja, Scheiße, es tut mir leid, aber ich habe heute Abend etwas richtig Dummes gemacht.« Der Gedanke daran, was ich ihr mit diesem Anruf zumutete, überwältigte mich regelrecht, und ich brauchte einige Zeit, bis ich imstande war, ihr zu erzählen, dass ich zu Costas’ Haus gefahren war. Die Polizei hatte mich in einen Vernehmungsraum gebracht, mich dort allein eingeschlossen, und ich machte die Augen zu und drückte mit dem Zeige- und Mittelfinger dagegen. Ich fühlte mich so wahn­sinnig er­schöpft, dass ich am liebsten nur noch nach einem dunklen Ort Ausschau gehalten hätte, um mich dort zu verkriechen. Ich lieferte Rachel eine abgespeckte Version der Geschehnisse vor Costas’ Haus und erklärte ihr, was sie für mich tun solle. Es wurde so still am anderen Ende der Leitung, dass ich dachte, sie habe aufgelegt. »Bist du noch dran, Rachel?«
»Ich bin dran.«
»Ich konnte nicht anders«, versuchte ich zu erklären. »Es tut mir so leid, Baby.«
Es folgte eine lange, lastende Stille. Dann: »Ich hasse ihn so sehr.«
»Ich auch.« Ich brach in freudloses Gelächter aus, aber die Schmerzen in meinem malträtierten Kiefer zwangen mich innezuhalten. Sacht berührte ich mein Kinn mit den Fingerspitzen und zuckte zusammen. »Was für eine Nacht.«
»Sie werden dich dabehalten? Sie werden dir keine Möglichkeit auf Kaution einräumen, damit du nach Hau­se kannst?«
»Die Kautionsanhörung ist nicht vor morgen früh, tja, nun werde ich meine erste Nacht in einer Zelle erleben. Ich komm damit klar. Es wird eine Erfahrung. Sie haben mir die Schnürsenkel meiner Sneakers abgenommen, also musst du dir keine Sorgen machen, dass ich mich aufhänge.«
»Mach bitte keine Witze darüber, Dan, und mach dir keinen Kopf wegen irgendwas. Ich hol dich so schnell wie möglich da raus.« Härte drängte sich in ihre Stimme, als sie sagte: »Er wird nicht gewinnen.«
Gott, ich liebe sie. Mein einziger Gedanke, als man mich in eine Zelle brachte und für die Nacht wegschloss. Frauen von Freunden wären in einem solchen Fall ausgerastet, aber nicht Rachel. War es einem Menschen überhaupt möglich, so verständnisvoll zu sein? Bei allem, was sonst so los war, hatte ich wenigstens sie in meinem Leben.
Die Zelle, in die sie mich sperrten, war winzig, kaum größer als der Wandschrank in meinem Schlafzimmer. Eine schmale Pritsche, ein Toilettenbecken aus Edelstahl, dessen Sitz man entfernt hatte, und ein kleines Waschbecken aus Edelstahl. Wenigstens bliebe ich die Nacht über allein und musste die Zelle mit niemandem teilen. Ich sank auf die Pritsche, vornübergebeugt, den Kopf in die Hände gestützt. Ich hatte Rachel gegenüber die Latte der Beschuldigungen nicht erwähnt, die man bei der Festnahme gegen mich erhoben hatte. Ordnungswidriges Verhalten, Gewaltanwendung und Körperverletzung, Trunkenheit am Steuer, Hausfriedensbruch waren nur ein paar davon. Immerhin war ich schlau genug gewesen, mich der Festnahme durch die Polizei nicht zu widersetzen, wenigstens das konnten sie mir nicht anhängen, und doch war ich am Arsch. Rachel lag falsch. Costas hatte gewonnen. Mit dem, was ich heute Nacht abgezogen hatte, hatte ich jede Chance zunichtegemacht, die wir möglicherweise gehabt hatten, um an der Firma festhalten zu können. Damit war nun Schluss. War ich erst mal auf Kaution draußen, würde ich ein Arrangement erarbeiten. Sofern Costas und Monica ihre Beschuldigungen gegen mich fallen ließen, würde ich Costas’ Buy-out akzeptieren und ihm meine Anteile an der Firma und die Software verkaufen, die ich entwickelt und in die ich so viel Herzblut und Arbeit investiert hatte, dann einen Job annehmen und den ganzen Mist weit hinter mir lassen.
KAPITEL 5
Am nächsten Morgen erwachte ich mit steifem Rücken und einem unangenehmen Geschmack im Mund. Von meiner Pritsche aus konnte ich durch ein Plexiglasfenster schauen und draußen Grau-Dunstiges erkennen, und ich schätzte, dass es in etwa fünf Uhr morgens sein müsse. Ich stand auf und spülte mir den Mund am Waschbecken aus, versuchte dann, meinen Rücken zu dehnen. Danach setzte ich mich wieder auf die Pritsche und wartete, bis sie kamen, um mich abzuholen und für die Kautionsanhörung zum Gericht zu bringen.
Mike Pierce war der Anwalt, der meine bisherigen Vorstöße in Hinblick auf eine Trennung von Costas in die Hand genommen hatte. Ein eins achtzig großer Pitbull mit breiter Brust auf zwei Beinen, so meine Assoziation in Bezug auf Pierce. Nachdem Rachel ihn letzte Nacht angerufen hatte, hatte er veranlasst, dass ich im Gericht auf einen anderen Anwalt aus seiner Kanzlei treffen würde, da Pierce keine Befassung mit Straftaten hatte. Der Anwalt, der auf mich wartete, ein gewisser Jack Kennery, war ein dünner, drahtiger Mann um die fünfzig mit den Augen eines Bassett Hounds, mit eingefallenen Wangen und spärlichem Haar, das sich nur am oberen Rand seines Kopfes zeigte. Das Wenige an Haut spannte sich straff über seinen gesamten Schädel. Er schien schlicht nicht genügend Gewebe im Gesicht zu haben, was ihm ein wenig das Aussehen einer Monate alten Leiche verlieh. Er war nicht glücklich, als ich ihm erzählte, was geschehen war.
»Sie haben sich dumm verhalten«, sagte er. Um seine Lippen zeigte sich ein säuerlicher Zug. »Sie sollen ein schlauer Kerl sein, zumindest nach dem, was Mike mir gesagt hat. Was zur Hölle haben Sie sich dabei gedacht?«
»Ich habe nichts gedacht.«
»Damit liegen Sie verdammt richtig.« Kennery verzog heftig das Gesicht und gestattete seiner Haut, sich noch straffer anzuschmiegen. »Das wird Ihre Geschäftsauf­lösung beeinflussen. Das ist Ihnen schon bewusst, nicht wahr?«
Ich sah keine Veranlassung, etwas zu erwidern.
Er seufzte und schüttelte den Kopf. »Nun, Sie haben’s verbockt. Versuchen wir, das Beste draus zu machen.« Er nahm den Polizeibericht zur Hand und studierte ihn, wobei sich sein Gesicht noch mehr straffte. Ich rechnete fast damit, seine Gesichtshaut reißen zu sehen. Er sah hoch, fragte: »Hat die Polizei Sie in Ihrem Wagen gesehen?«
»Nein.«
»Waren Sie in einen Unfall verwickelt oder haben Sie Costas’ Anwesen mit Ihrem Wagen beschädigt?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nichts dergleichen. Mein Wagen stand vorschriftsmäßig am Straßenrand. Keins der Räder befand sich auf dem Bordstein oder so.«
»Nur damit wir uns verstehen – es war, als sie eintrafen und Sie bereits mit Costas körperlich aneinandergeraten waren, dass man Sie aus dem Nichts aufforderte, einen Alcotest zu machen?«
»Ja.«