Alles gut auf der Insel - Elina Halttunen - E-Book

Alles gut auf der Insel E-Book

Elina Halttunen

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Beschreibung

Ein großer, berührender Familienroman  Als die fünfzigjährige Maria, erfolgreiche Kostümbildnerin, nach Jahren in die prachtvolle Villa ihrer Großeltern auf der Insel Manvik zurückkehrt, wird die Erinnerung an das Sommerparadies ihrer Kindheit sofort wieder wach: Oma in ihrem zitronengelben Badeanzug, Bootsausflüge mit dem unternehmungslustigen Opa, Tante Esters himmlische rote Grütze, die phantastische Aussicht auf dem Plumpsklo, unbeschwerte Tage mit Hannu und Jussi. Doch warum ist Oma damals aufs Meer hinausgeschwommen und nie wiedergekommen? Warum sind Marias Eltern ihrer Tochter ein Leben lang ferngeblieben? Und welche Rolle spielte Opa bei all dem?

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Seitenzahl: 362

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Elina Halttunen

Alles gut auf der Insel

Roman

Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat

Deutscher Taschenbuch Verlag

Ungekürzte Ausgabe 2012© 2011 für die deutschsprachige Ausgabe:Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, MünchenDas Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,KN digital– die digitale Verlagsauslieferung, StuttgarteBook ISBN 978-3-423-41343-5 (epub)ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21372-1Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Websitewww.dtv.de/​ebooks

Inhaltsübersicht

Als ich den Scheitelpunkt...

Ich hörte die Autohupe...

Der Kachelofen glüht vor...

Ganz im Westen bei...

Nachts wache ich immer...

Oskar Falk war bereits...

Am Morgen ist es...

Während unserer Reise durch...

Auch wenn Hannu geografisch...

Omas Leiche blieb verschwunden...

Ich lasse heißes Wasser...

Wir taten, was Opa...

Der Wäscheschrank ist so...

Es war der 5. Juni 1968...

Ich klettere auf die...

Als ich mich im...

Morgen ist Wintersonnenwende...

Mitte der 80er Jahre...

Wenige Tage vor Weihnachten...

Textnachweise

Für meine Eltern

Alles an mir– meine Kindheit, meine Persönlichkeit, meine Sehnsüchte, meine Träume, meine Erinnerungen– habe ich mir ausgedacht, um davon erzählen zu können. In meinen Filmen ist alles und nichts autobiografisch.

Federico Fellini

Manche Dinge lernen wir sehr langsam, und dafür müssen wir bezahlen– mit Zeit, dem Einzigen, was wir haben. Es sind die einfachsten Dinge von allen, und weil das Erlernen dieser Dinge ein ganzes Menschenleben braucht, ist das wenige, was wir dann vom Leben erhalten, sehr teuer. Es ist das einzige Erbe, das wir weitergeben.

Ernest Hemingway

Als ich den Scheitelpunkt der Brücke erreiche, verlangsame ich das Tempo; eine Meeresenge soll man nicht zu schnell überqueren. Früher haben wir hier mit einer Kabelfähre übergesetzt, auf dem leuchtend gelben Bug stand Storholm. Wenn die Fähre gerade auf der anderen Seite war oder erst auf den Anleger gegenüber zusteuerte, musste man warten. Manchmal hatten wir Glück: Kaum waren wir am Ufer angekommen, senkte sich uns die Auffahrrampe mit einem Ächzen entgegen, der Schlagbaum ging hoch, und wir konnten direkt an Bord rollen. Wir grüßten den Fährmann und warteten sieben zähe Minuten– so lange dauerte die Reise auf die andere Seite. Für die Erwachsenen genau richtig, um eine Zigarette zu paffen und mit Bekannten über die neuesten Ereignisse zu reden. Das wichtigste Thema blieb das Wetter.

Letzten Winter ist das Meer nicht zugefroren, und auch in diesem Jahr, das sich bereits dem Ende zuneigt, spiegeln sich die Lichter des Ufers auf der noch offenen Wasserfläche. Hinter mir erhebt sich die größte Ölraffinerie des Landes. Als ich klein war, standen dort nur zwei unscheinbare Schornsteine. Inzwischen ragen Dutzende rauchender Schlote in den Himmel, die Anlage ist zu einer futuristischen Stadt angewachsen. Wenn der Wind von Norden kommt, riecht man das Öl bis hierher, hört man den Druck der Hitze in den Schornsteinen rauschen. Unter der Brücke verrotten allmählich die alten Anleger. Nur das weiße Haus des Fährmanns und die Inselstraße sehen aus wie früher.

Links und rechts der Straße liegen vereinzelt die alten Höfe; manche werden noch bewirtschaftet. Die Uferlinie ist inzwischen von schmucken neuen Sommerhäusern gesäumt. Månvik liegt auf dem südlichsten Zipfel der Insel, dreizehn Kilometer von der Brücke entfernt. Ehe mein Opa es bauen ließ, standen dort alte Fischerhütten.

Ich parke das Auto im Schutz der Eichen, deren dicke Stämme an gewaltige Statuen erinnern; manche sind fünfhundert Jahre alt. Meine Augen suchen die Stelle, wo 1991 in einer Augustnacht der Blitz einschlug und einen riesigen Ast vom Stamm riss. Jetzt, nach siebzehn Jahren, wächst dort üppig das Moos, doch auch sein freundliches Grün kann die Narbe nicht verstecken.

Ich bin noch immer aufgeregt wegen der E-Mail und bleibe einen Moment im Auto sitzen. Sie kam völlig unerwartet, mitten in den Vorbereitungen für Tschechows Möwe. Zum Glück werde ich am Theater gerade selten gebraucht und kann meiner Arbeit auch woanders nachgehen, wie jetzt. So habe ich der nasskalten Stadt den Rücken gekehrt.

Vor einer Woche ist ein Schneesturm über das Land gefegt. Als die Räumarbeiten endlich in Gang kamen, steckten die Autos an den Straßenrändern schon längst in tiefen Schneewehen. Fußgänger rutschten aus, Züge verspäteten sich, die ganze Hauptstadt versank im Chaos. Dann drehte der Wind auf Süd, schmolz die Pracht innerhalb weniger Tage dahin und hinterließ riesige Seen und breite Flüsse, mitten auf dem Asphalt. Der Winter ist unbeständig geworden, schon mehrere Jahre konnten wir im März nicht mehr Ski laufen. Am 27.3., so haben wir es notiert, blühen in Månvik schon die Krokusse, und der Hang zum Meer hinunter leuchtet gelb von Narzissen.

Seit Omas Beerdigung habe ich von Hannu und Jussi kein Lebenszeichen mehr erhalten. Damals war ich zehn, Hannu dreizehn.

Hallo Maria,

lange nichts gehört. Ich muss ein paar Dinge regeln und komme Anfang Dezember nach Helsinki. Sobald ich Genaueres weiß, rufe ich an. Ich würde gern in Månvik vorbeischauen, sofern das möglich ist.

Gruß, Dein Cousin Hannu Falk.

Hans J.Falk

Corp. Senior Vice President

President, Herox Europe

Tel: +1.803.543254 or cell: +1.765.603315

Fax: +1.803.543244

Herox Corporation

168Oak Avenue

PO Box 6698

Norwalk, CT 06856-4505

USA

Die Nachricht ist knapp und präzise. Er redet nicht lang drumherum. Ich überlege, was das für Dinge sein könnten, die er regeln muss, und ob sie etwas mit Månvik zu tun haben. Andere hätten sich die Mühe gemacht und angerufen, aber Hannu hat einfach nur diese kurze E-Mail geschickt. So ist er schon immer gewesen. Unberechenbar. Na ja, soll er ruhig kommen– nach dreiundvierzig Jahren. Da hat er sich ziemlich viel Zeit gelassen.

Unentwegt denke ich darüber nach, was ich Hannu erzählen soll. Dass alles ein wirrer Traum war, den ich lieber nicht zu Ende geträumt hätte? Meine Kindheitstage– wie kühle Perlen, von der Nacht aufgefädelt.

Die großen Sprossenfenster der Vorderfront sind dunkel, der Garten ist verwildert, alles liegt in tiefem Winterschlaf. Die Wäscheleine schaukelt sacht zwischen den Pflaumenbäumen. Schon seit Wochen beschäftige ich mich mit einem Stück, das Tschechow als Komödie über die Liebe angelegt hat– dabei ist in diesem Stück kein einziger Liebender glücklich. Alle siechen und schmachten vor sich hin, vor allem Mascha, die nur Schwarz trägt und ihr ganzes Leben betrauert.

Schwarz ist die Farbe der Trauer, der Nacht und des Bösen; es saugt alle übrigen Farben restlos in sich auf. Trotzdem, ich mag Schwarz. Es ist schlicht und klar, verleiht seiner Umgebung einen rhythmischen Akzent. Und es ist fruchtbar, wie Lava oder Erde, aus deren Dunkel Orangen- und Olivenbäume sprießen.

Ich rätsele oft, wie es für Mascha nach dem letzten Akt weitergegangen ist. Wessen Hoffnungen brutaler ausgelöscht wurden, wessen Schicksal härter war: das von Mascha, die ein monotones Leben ohne Liebe lebte und Lotto spielte, oder das von ihrem Sohn Kostja, für dessen Traum vom Schriftstellerdasein Mascha nur Spott übrig hatte und der sich am Ende umbrachte. Und zwar mit derselben Waffe, mit der er am Anfang eine Möwe schoss. Tschechow ist ein Meister der Ökonomie– wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, muss es bis zum Ende des dritten Aktes auch zum Einsatz kommen.

Ich bin froh, dass ich ganz allein in Månvik arbeiten kann; dass niemand weiß, wo ich bin. Ich habe ein großes schwarzes Tuch für Mascha entworfen, das sie sich ständig um den Körper schlingt. Ihr restlicher Aufzug ist in verschiedenen Grautönen gehalten– fast unsichtbare Farben. Wenn für mich eine Farbe Trauer ausdrückt, dann eher Grau als Schwarz. Es ist die Farbe der Resignation. Aber auch eine anrührende Farbe: Haare werden grau, kurz vor dem Tod sogar durchscheinend, und dasselbe gilt für Haut, Lippen und Nägel. Alles wird zu feinem Staub, den die Sonne durchdringt, sodass man zarte Partikel im Licht tanzen sieht.

Ich nehme meine Tasche und die Mappe mit den Kostümentwürfen vom Beifahrersitz. Als ich die Fahrertür schließen will, reißt der Wind sie mir aus der Hand und knallt sie zu. Ich schließe nicht ab– noch nie wurden Autos in Månvik abgeschlossen, denn die Straße endet an unserem Haus; wer hier herumläuft, gehört sowieso zur Sippe. Auch die Nachbarn lassen alles offen, sogar die Häuser, das ganze Jahr über. Wir schließen Månvik nur im Winter ab, denn dann kann es passieren, dass ein paar Monate lang niemand von uns vorbeikommt.

Ich recke mich zum Vogelhäuschen und taste nach dem Schlüssel. Auf einmal habe ich eine Vorahnung und amüsiere mich beinahe: Vielleicht hat Hannu mich übertölpelt wie ein Krimineller und ist nach dreiundvierzig Jahren einfach schon hineinspaziert. Der Gedanke an meinen Cousin treibt meinen Puls erneut in die Höhe, versetzt mich in eine fiebrige Unruhe. Ob ich mich hier überhaupt auf die Arbeit konzentrieren kann?

Auf der Veranda steht alles an seinem Platz, in der Luft hängt der vertraute Geruch; eine Mischung aus Wandfarbe, mit Schmierseife geschrubbten Flickenteppichen, verschwitzter Kleidung, bröselnden Gummitürmatten, von Amseln angefressenen Äpfeln. In der Ecke liegen alte Lappen, ein Spaten und eine Blechgießkanne, auf den Stufen erwarten Blumentöpfe den Frühling, verkümmerte Geranien, deren Wurzeln Wasser und Wärme brauchen. Gummistiefel, Hausschuhe und an der Garderobe Opas Fischerjacke und seine rote Strickmütze, daneben eine Harke, die Gartenschere und Omas Sonnenhut mit der breiten Krempe.

»Hallo!«, rufe ich beim Eintreten und lege meine Sachen ab.

Wir haben immer Hallo gerufen, wenn wir reinkamen, und von drinnen schallte dasselbe Hallo zurück. Bei Oma und Tante Ester klang es eher wie Hallu. Sie gehörten zur schwedischsprachigen Minderheit des Landes.

Im Haus ist es dämmrig und kühl. Ich kenne jeden Winkel, kenne die farbenfrohen Muster der Teppiche auswendig. Ich weiß, wo jedes Möbelstück steht, wo die kleinsten Gegenstände hingehören. Auf den knarrenden Dielen habe ich Krabbeln und Laufen gelernt, habe unter dem Holztisch den Gesprächen der Verwandten und Gäste gelauscht und dabei die Fransen des Tischtuchs nass gesabbert. Ich habe mich vom hellen Ton der Standuhr aufschrecken lassen und vom Quietschen der Schranktür, wenn der Alkoholvorrat zum Einsatz kam.

Ich drehe die Heizung auf. Auf dem Tisch steht die große Süßigkeitenschachtel von Hellas. Ich hatte sie bei meinem letzten Besuch dorthin gestellt und gedacht, dass es endlich an der Zeit wäre, die Briefe meines Vaters zu lesen. Doch ich war nicht dazu gekommen, da der Regisseur mich anrief und ich früher in die Stadt zurückmusste.

Ich mache Feuer im Kamin und bleibe vor dem Schrank mit den Puppen stehen. Ich habe sie auf einer langen Reise durch Europa bekommen und sie um mich gruppiert wie Freunde. Die älteste, die schief lächelnde Esmeralda, trägt ein schwarzes Spitzenkleid und ein Häubchen, unter dem ihre Locken hervorquellen. Neben ihr sitzt, stark ausgeblichen, aber mit strengem Gesichtsausdruck, Selma Lagerlöf. Vor ihr kniet Nicole aus Cannes und bietet ihre Rosen feil. Daneben steht ein blumenverziertes, hellrotes Dalarna-Holzpferd aus Schweden. Die kleine Heidi trägt einen Filzhut mit der Aufschrift St. Gotthard, an ihrer Seite lehnt breitbeinig der Igeljunge Mecki aus Berlin. Eine Etage unter ihnen spielt der Rattenfänger von Hameln für die dänische Königin Caroline Mathilde. Weiter oben wacht in zünftiger Pelzkappe der Soldat Jeppe aus dem Tivoli in Kopenhagen. Neben ihm vergnügt sich das Äffchen Schrecklich aus Rimini, in seinem Rücken steckt der rostige Aufziehschlüssel. Insgesamt sind es vierundfünfzig Puppen– ihre Namen haben Oma und ich uns ausgedacht. Wenn wir Opa nach dem Namen einer Puppe fragten und er durcheinanderkam, lachten wir laut. Irgendwann begriff ich, dass Opa sich ebenfalls seinen Spaß machte und absichtlich falsch antwortete.

Ob Schrecklich noch tanzen kann? Ich öffne den Schrank und nehme das Äffchen in die Hand. Der Geruch erinnert mich an unsere Autoreise nach Barcelona. Schrecklich trägt eine blaue Jacke, eine gelbe Hose und ein rotes Käppchen. Ich drehe den Schlüssel bis zum Anschlag und stelle den Affen auf den Tisch. Mit eckigen Bewegungen beginnen seine Füße zu tänzeln, dazu erklingt eine Geige– eine zauberhaft schöne, wehmütige Melodie.

Ich hörte die Autohupe schon von Weitem, ließ alles stehen und liegen und rannte Opa entgegen.

Opa hupte immer sieben Mal, das war das Erkennungszeichen, wenn er aus der Stadt zurückkam. Jedes Mal hatte er Mitbringsel dabei. Frischen Kuchen von der Bäckerei oder angeschmolzenes Schokoladeneis, manchmal Hackfleischpiroggen von der Tankstelle.

»Marie!«, donnerte er mit seinem vollen Bass. »Wir fahrn nach Spanien!«

»Wer wir?«, fragte ich.

»Du, ich und die Oma. Ich zeig dir das Denkmal von Kolumbus und den Atlantischen Ozean! Weißte, wie blau der ist? Wie Kornblumen, wie der Himmel im Hochsommer!«

»Fahren wir mit dem Flugzeug?«

»Mumpitz! Wir fahrn mit dem Auto! Erst nach Schweden und von da immer der Nase nach Richtung Süden, bis nach Spanien.«

Opa streckte seine Arme aus und hob mich in die Luft, obwohl ich längst nicht mehr klein war und schon Schuhgröße dreißig trug. Ich roch Zigarrenrauch und Aftershave, dann ließ er mich wieder los.

»Und jetzt bringste den Kuchen in die Küche und sachst den Frauen, dass sie einen ordentlichen Kaffee kochen solln.«

Oma hatte eine ganze Woche lang getrauert, und ich wusste nicht, wo sie steckte. Jetzt hätte das Trauern ein Ende, wo Opa endlich wieder da war.

Mein Opa, Oskar Falk, war lange der Chef von Victoria-Blusen gewesen. 1964 gab er das Geschäft mit Blusen und Korsetts in die Hände der Schweizer zurück und sattelte auf Schuhfabrikant um. Nach Jahren des Sparens konnte er sich endlich einen nagelneuen Peugeot 203 kaufen. Er liebte französische Autos, weil sie geschmeidig waren wie eine Frau, wie er sagte. Nun wollte er seinen Traum wahr machen und durch ganz Europa fahren.

Eine Reise? Normalerweise verbrachte ich den Sommer in Månvik, zusammen mit meinen Cousins Hannu und Jussi. Meine Eltern waren ständig mit Filmaufnahmen beschäftigt, jeder an einem anderen Ort. Mein großer Bruder Juhani verdiente in den Ferien Geld beim Bau, und meine große Schwester Heli verkaufte auf Helsinkis schönstem Marktplatz Eiscreme und wurde dabei dicker und dicker.

Hannu und Jussi hießen in Wirklichkeit Hans und Johan, aber wenn sie zu Besuch nach Finnland kamen, waren sie Hannu und Jussi. Ihre Eltern lebten schon länger in den Vereinigten Staaten und schickten die Söhne jeden Sommer nach Månvik, damit sie mit den Verwandten zusammensein und ihre Sprachkenntnisse auffrischen konnten. Gerade für Jussi war das wichtig; er fing bereits an, ein seltsames Kauderwelsch zu sprechen.

In den ersten Jahren hatte ich in Månvik große Sehnsucht nach meinen Eltern, vor allem abends. Auch nach meinen Geschwistern. Nachts weinte ich mich unter der Bettdecke in den Schlaf, doch irgendwann gewöhnte ich mich an die Abwesenheit meiner Familie. Außerdem konnte meine Oma Catharina manchmal wirklich lustig sein. Sie las uns auf den warmen Felsen und in der Gartenschaukel vor oder mischte lauthals bei unseren Spielen mit. Wenn sie in Fahrt kam, lösten sich ihre langen braunen Haare aus dem Dutt und hingen irgendwann voller Tannennadeln. Ihr war es mit dem Spielen so ernst, dass ihre Augen funkelten und ihre Wangen rot glühten.

Wenn sie Migräne hatte, lag sie den ganzen Tag im abgedunkelten Schlafzimmer. Die Schmerzen begannen meist, nachdem Opa weggefahren war. Dann durften wir nicht drinnen spielen und flüchteten in den Rabenwald, auf den Trollzahn-Felsen oder an den Froschteich. Ab dem zweiten Migränetag trug Oma nur noch Schwarz.

»Ich bin in Trauer«, sagte sie knapp.

Solange die Trauer anhielt, verweigerte Oma jedes Gespräch mit ihrem Mann. Sosehr sich Opa nach seiner Rückkehr auch mühte, sie blieb stumm. Die nötigsten Dinge zur Organisation des Alltags vermittelte sie ihm mit Hilfe von Tante Ester und uns Kindern. Wir fanden das ziemlich albern.

»Hör mal, Oskar«, sagte sie mit lauter Stimme in meine Richtung und flüsterte mir auf Schwedisch ins Ohr, was ich Opa ausrichten sollte.

Meine Oma gehörte zur schwedischsprachigen Minderheit Finnlands und sprach nur dann Finnisch, wenn es gar nicht anders ging. Sie hatte einen hellen Akzent, der sich wie Gesang anhörte.

Wenn Oma ihr »Hör mal, Oskar« wieder direkt an Opa richtete, der Migräneanfall und die Trauerzeit vorbei waren, sahen Hannu und ich uns erleichtert an. Unsere Großeltern hatten noch eine weitere Eigenart: Sie redeten morgens erst miteinander, wenn Oma ihren Kaffee getrunken hatte. Ohne Kaffee gab es unnötigen Streit.

Bei Regenwetter schlichen wir uns auf den Dachboden. Dazu musste man die steile Leiter hochklettern, die im ersten Stock im Flur stand. Eigentlich war das streng verboten. Aber wenn Oma Migräne hatte und ohnehin nichts mitbekam, wenn Opa in die Stadt fuhr und Tante Ester, die im Haushalt mithalf, sich hingelegt hatte, nutzten wir die Gelegenheit.

Der Einzige, der die schwere Tür aufbekam, war Hannu: Er warf sich gegen das Holz und ruckelte am riesigen Schlüssel. Wenn die Tür endlich aufsprang, landete er meist auf dem Bauch. Der Dachboden war der wärmste Ort im Haus. Es dauerte eine Weile, bis die Nase sich an den Geruch von Mottenkugeln und trockenem Holz und die Augen sich ans Dämmerlicht gewöhnt hatten. Vier winzige runde Fenster zeigten in alle Himmelsrichtungen. Der Regen trommelte aufs Blechdach und erfüllte den Raum mit einem gleichmäßigen Rauschen. Überall standen nutzlos gewordene Dinge herum, Kinderbetten, Lampenschirme, Skistöcke, Skier, Schlittschuhe, Zeitschriftenstapel und unter einem Fenster Omas alter Schlitten. Das war mein Platz, hier las ich vergilbte Modern-Hus-Zeitschriften von 1930.Auf einer Titelseite lächelten zwei Frauen mit Heugabeln. Eine hatte geflochtene Affenschaukeln– wie ich zu Festtagen. Mich faszinierten die Kosmetik-Anzeigen, die Einrichtungstipps und die Berichte über die schwedische Königsfamilie. Aber am meisten interessierte mich die berühmteste weibliche Seglerin der Welt, Madam Hériot. Auf dem Foto trug sie eine kurzärmelige gestreifte Bluse und eine weite Hose mit Hosenträgern und lehnte lässig an der Reling. Ihre dunklen Haare waren kurz geschnitten und schauten unter einer Baskenmütze hervor. Sie blickte ernst und bestimmt. Ich fand es wahnsinnig aufregend, dass sie ganz allein über die Ozeane segelte.

Jussi stöhnte, heulte und ächzte: Er spielte Krieg. Mit einem alten Bajonett bekämpfte er den Feind, die Kleidungsstücke auf der Kleiderstange. Auf den Schutzhüllen aus braunem Papier standen in Tante Esters runder Schrift die Namen seiner Gegner: kurze Bisamjacke, großer Ulster, grüner Umhang. Die Kleidungsstücke waren längst nicht mehr im Einsatz, aber sie wurden aufgehoben für den Fall, dass man sie doch noch einmal brauchte. Die Erwachsenen wussten nicht, dass die Schutzhüllen längst voller Löcher waren und in Jussis Einstichen Motten nisteten.

»Hör mal, Hans«, sagte ich zu Hannu, der in einer Ecke saß und alte Wochenschriften las. Er tat, als hörte er mich nicht, hob einen langen Nagel vom Boden und sog daran wie an einer Zigarre. Ich beschloss, dass ich ab sofort in Trauer war und nicht mehr mit ihm reden würde.

Da wir bei unserer Rückkehr vom Dachboden von oben bis unten staubig waren, kamen sie uns immer auf die Schliche. Tante Ester schickte uns wutschnaubend in die Sauna, wo wir jeden Zentimeter Haut sauber schrubben mussten, auch die Fingernägel. Danach folgte Arrest mit Strafdiät. Nie wieder würden wir Nachtisch oder Hefezopf bekommen, hieß es. Meistens servierte uns Tante Ester dann am selben Abend rote Grütze.

»Ich will mal nicht so sein. Aber mit den Ausflügen auf den Dachboden ist endgültig Schluss!«, sagte sie mit bebender Stimme.

Jedes Mal mussten wir versprechen, dass wir den Dachboden nie wieder betreten würden, schließlich konnte man sich dort gefährlich verletzen. Und Verletzungen, Brüche und offene Wunden sind das Letzte, was man auf einer Insel gebrauchen kann.

»Was würden eure Mütter nur dazu sagen!«, schimpfte Tante Ester oder »Was würden eure Väter davon halten!«, während sie Jussi unsanft die Nase abwischte, aus der ständig Rotz lief.

Wir wussten, dass unsere Eltern nichts dazu sagen würden, denn Hannus und Jussis Eltern waren frisch geschieden und hatten mit sich selbst genug zu tun, und meine Eltern steckten tief im Schauspielersumpf, wie Opa zu sagen pflegte.

Für uns war es normal, dass sich die Großeltern um uns kümmerten. Allerdings betonte Oma oft, dass sie ihre Kinder selbst großgezogen hatte– mit Hilfe von Dienstmädchen, wie Opa dann hinzufügte. Jedenfalls blieb Oma zu Hause, obwohl sie eigentlich Lehrerin war. Vielleicht hat sie das so unzufrieden gemacht, so sonderbar angespannt. »Eine rastlose Seele bin ich«, sagte sie manchmal.

Als ich noch ganz klein war, dachte ich, dass auch Oma ein Mann sei. Erst eines Abends in der Sauna wurde mir klar, dass es einen Unterschied gab. Ich war schon fertig und wartete im Bademantel vor der Sauna. Die Tür zum Innenraum stand einen Spaltbreit auf, und durch den Dunst hindurch sah ich, wie Opa Oma an sich drückte und sie herumwirbelte.

»Mein herrliches Weib, mein herrliches Weib«, brummte er und presste seine haarige Brust an ihren gewaltigen Busen.

Er ließ den Badeschwamm über den Rücken und den Popo des herrlichen Weibes gleiten, bis Oma sich losmachte und ihren Mann mit kaltem Wasser übergoss. Opa lachte nur. Egal was Oma tat oder sagte, er lachte eigentlich immer. Auch über Omas Kaffeehäuschen, aus dem ein Plumpsklo wurde.

Das graue Plumpsklo thronte hoch oben auf den schönsten Felsen. Dort hatte Opa es bauen wollen, nicht irgendwo im Ufergebüsch versteckt. Er wollte die Tür auflassen und die Aussicht genießen können, wenn er sein Geschäft erledigte. Der Blick reichte bis weit übers Meer. Oma und Opa hatten lange über diesen Platz gestritten, denn Oma wollte dort ein Häuschen für die nachmittägliche Kaffeestunde errichten lassen. Opa hatte gewonnen: Eines sonnigen Tages war er einfach auf die Felsen geklettert und hatte zu hämmern begonnen, zusammen mit unserem Nachbarn. In die Sitzfläche sägten sie zwei Löcher, ein großes für die Erwachsenen und ein kleines für die Kinder. Opa beauftragte mich, Bilder für die Wände zu malen. Ich hatte keine Ahnung, was für Werke man in einem Plumpsklo aufhängte, und ließ ein paar Tage verstreichen. Dann kam mir eine Idee.

Hannu, Jussi und ich spielten oft die Märchen nach, die wir vorgelesen kriegten. Wenn meine Cousins keine Lust dazu hatten, malte ich das Märchen auf, während die Jungs am Ufer um die Wette Steinchen hüpfen ließen oder heimlich Tex-Willer-Hefte lasen, die Opa ihnen besorgte. Die Willers– Tex und Kit– kämpften mit ihren Freunden Kit Carson und dem Navajo-Indianer Tiger-Jack gegen verschlagene Betrüger und Diebe, bis alle Gauner in der Hölle landeten, wo sie Kohlen schaufeln mussten. Oma kam gern mit Andersens Kleiner Meerjungfrau an, obwohl die Jungs lieber Tarzan oder wenigstens Nils Holgersson gehört hätten. Dennoch saßen sie ruhig mit Oma und mir auf der Gartenschaukel und verfolgten mit, wie die kleine Meerjungfrau ihren geliebten Menschenprinzen zurückließ, aber auch nicht mehr zu ihrer Familie ins Reich des Meeres zurückkonnte und dreihundert Jahre unsichtbar mit den Jungfrauen der Lüfte umherschwebte. Wenn sie genügend gute Dinge für ein Menschenkind getan hatte, würde ihre Seele unsterblich werden.

Diese Geschichte wollten meine Cousins natürlich nicht nachspielen, und so malte ich sie fürs Plumpsklo. Die Meerjungfrau mit dem schillernden Schwanz hatte einen zitronengelben Badeanzug an– den gleichen, wie Oma ihn trug. Auf ihrem Kopf saß ein Krönchen, um sie herum im Ozean trieben Wasserpflanzen, Fische und Medusen. Ja, meine Meerjungfrau hatte zu ihrer Familie ins Reich des Meeres zurückgefunden, das war ihr Lohn. Ich fand das viel besser als eine unsterbliche Seele. Oben ins Bild schrieb ich für Oma und unten an den Rand Maria. Auf Opas Bild malte ich kein Märchen, und untendrunter stand Marie statt Maria, denn so nannte Opa mich. Auch ich mochte Marie lieber, obwohl Oma nicht verstand, warum, ich sei doch auf einen so wunderschönen Namen getauft. Bei ihr hatte Maria wegen des schwedischen Akzents ein besonders langes i: Mariia. Auch, dass Opa sie Partisanna oder Partisanin nannte, fand sie überhaupt nicht witzig– ihr Name lautete Sanna Catharina, und in ihrem Pass war Catharina als Rufname unterstrichen.

Auf das Bild für Opa malte ich echte Dinge aus unserer Welt: sein Segelboot Läskelä und– über den Wolken– den fuchsroten Spitz Tilu. Der Hund war im finnischen Bürgerkrieg verschwunden, und wenn wir Tilu vorübergehend zum Leben erwecken wollten, baten wir Opa, von ihm zu erzählen; manchmal mussten wir bei der Geschichte sogar weinen. Tilu hatte sich während einer wilden Schießerei losgerissen, war verstört davongerannt und nie wieder aufgetaucht. An der Stelle »und dann verschwand sein Ringelschwanz im Qualm des Schießpulvers« begann Opas Stimme regelmäßig zu zittern. Hannu mutmaßte, dass Tilu in Gefangenschaft der Sozialisten geraten war, und Jussi flüsterte, dass er alles geben würde, damit Opa seinen Tilu wiederbekäme. Opa wischte sich über die Augen, räusperte sich und sagte, dass die Erinnerung an seinen geliebten Freund in seinem Herzen ewig weiterleben werde und dass Tilu es gut habe im Hundehimmel, wo er Tag für Tag Eichhörnchen jagen dürfe.

Um die beiden Bilder im Plumpsklo aufzuhängen, stieg ich aufs Schnaufbrett, wie Opa die hölzerne Klobrille nannte. Zuerst befestigte ich das Bild mit Tilu und bewunderte es ausgiebig. Dann wollte ich die Meerjungfrau aufhängen und trat etwas nach links, doch mein Fuß rutschte ab, und ich fiel ins tiefe Dunkel.

Als die Jungs endlich ins Plumpsklo gestürmt kamen, schrie ich noch immer aus vollem Halse. Die Schmeißfliegen surrten wild umher, und meine Cousins starrten verblüfft auf mich hinunter. Erst kicherte Hannu, dann auch Jussi. Als ich, statt wütend zu werden, noch verzweifelter schrie, begriffen sie den Ernst der Lage und rannten ins Haus.

»Meine kleine Mandel, meine arme kleine Mandel«, tröstete Oma mich, als ich in ein Handtuch gewickelt in ihrem Bett lag.

Oma hatte mich mit Kölnischwasser abgerieben, so gründlich, dass mein Unterleib wie Feuer brannte. Ein beißender Schmerz zog sich von der Wunde hoch bis in meine Körpermitte. Ich fühlte mich wie entzweigerissen.

»Hör mal, Oskar«, setzte Oma an, obwohl von Opa nirgends eine Spur war, und sie verstummte, als Tante Ester eine neue Wanne mit heißem Wasser und frische Lappen brachte. Tante Ester blieb wie ein Denkmal an der Tür stehen und hielt den Holzgriff fest, damit die Jungs nicht hereinkommen konnten. Oma und Tante Ester überlegten, ob sie Doktor Lindroos holen oder mich zu ihm hinüberbringen sollten– während des Sommers wohnte Lindroos auf dem Nachbargrundstück. Seine Ehefrau Helga wohnte ebenfalls dort, was Oma nicht gefiel; jedenfalls war sie immer am Sticheln, wenn die beiden zu Besuch kamen. Allerdings bemerkte Helga das gar nicht– weil sie ein bisschen blöd war, wie Oma meinte. Ich gestand, dass ich Helga kein bisschen blöd fand, sondern sehr nett, schließlich hatte sie immer Haferküchlein da, wenn wir zu Besuch kamen. Oma beharrte darauf, dass Helga schwer von Begriff sei und gewisse Zusammenhänge nicht verstehe; in ihren Augen sei sie geradezu dumm. Dumm!

Ich weiß nicht, was schlimmer war, der Schmerz oder die Scham. Der Gestank, der von mir ausging, war entsetzlich, da konnte man noch so waschen und wischen. Vielleicht hatte sich der Gestank auch in meiner Nase festgesetzt, weil ich so lange im Plumpsklo hatte warten müssen. Und es tat höllisch weh, nie zuvor hatte ich solche Schmerzen gehabt! Als Opa nach Hause kam, brachte er mir angeschmolzenes Tiger-Eis, Fleischpiroggen, einen Himbeerlolli und Salmiak-Kegel, und mit diesem Proviant wurde ich nach oben in mein Zimmer umgesiedelt. Opa schlug vor, Aftershave-Balsam zwischen meine Beine zu schmieren, damit seien im Krieg alle möglichen Verletzungen kuriert worden, es habe nichts anderes gegeben. Ich liebte den Geruch der Creme, die schließlich sogar den Plumpsklogestank besiegte.

Abends rief Oma trotzdem noch bei Lindroos an, der vorbeikam, mich untersuchte und meinte: »Die Zeit heilt die Wunden, und was einen nicht umbringt, macht einen stark. Eines Tages wirst du viel Freude an genau dieser Stelle zwischen deinen Beinen haben, die dir jetzt so wehtut.« In diesem Moment konnte ich mir das schwer vorstellen, doch der Doktor versprach, dass ich– mit Hilfe einer Sitzbäderkur– in einer Woche wieder herumspränge und auch das Pinkeln nicht mehr brennen würde. Mein Unterleib wurde mit Methylenblau dunkel eingepinselt, was Oma furchterregend fand. Lindroos tröstete: Das sähe doch auch nicht anders aus, als wenn sich das Mädchen ohne Hosen im Blaubeerwald hingehockt hätte, außerdem würde die Farbe ja wieder verschwinden. Als er gegangen war, bekam ich Omas uraltes weißes Nachthemd mit den roten Punkten übergezogen. Ich wollte noch die Geschichte vom hässlichen Entlein hören, die elendig traurig war, denn ich hatte das Bedürfnis zu weinen, und Märchen halfen oft dabei.

Später am Abend tönte von unten eine laute Diskussion herauf: Wie war es möglich, dass die Klobrille eingekracht war? Opa ging hinüber und kehrte mit der Erkenntnis zurück, dass in der Konstruktion ein Stück Holz morsch gewesen sei. Oma wunderte sich, wieso das niemand bemerkt hatte und es erst zu diesem Unfall kommen musste. Opa wurde wütend und brüllte, dass er kein Klowärter sei und ja auch Oma das Problem hätte bemerken können. Doch Oma würdigte das Plumpsklo nie eines genaueren Blickes– sie hatte Angst, davon ein Gerstenkorn zu bekommen, und riet auch uns davon ab, dem Geschäft hinterherzuspähen. Ich bekam mit, wie Hannu und Jussi verhört wurden, ob sie das Plumpsklo beschädigt hätten, doch sie beteuerten ihre Unschuld. Hannus Meinung nach war ich einzig und allein für mein Unglück verantwortlich, denn welcher Idiot würde schon Bilder fürs Scheißhaus malen.

Mitten in der Nacht weckten mich die erregten Stimmen meiner Großeltern. Aus irgendeinem seltsamen Grund waren sie bei Opas Reise nach Turku und bei Aili angelangt und ob diese Reise überhaupt eine Dienstreise gewesen sei und Opa wirklich eine Konferenz besucht habe oder nicht.

»Jetzt lass endlich mal gut sein mit dieser Sache!«

»Lass ich nicht! Nie im Leben werde ich das vergessen!«

Wenn meine Großeltern stritten, war die Sehnsucht nach Mama und Papa besonders groß. Meine Augen kribbelten, mein Hals schnürte sich zu, und ich schluchzte leise ins Kopfkissen. Niemand sollte mich hören. Auf der Spitzenborte des Kissens stand in kunstvoller Stickerei HF; die Spitze roch wie Mamas Rosenpuder. Geliebte Mama! Ich hätte alles getan, um heimfahren zu können ins sogenannte Affenhaus, wo Schauspieler und Regisseure wohnten und viele andere Kinder, mit denen ich jedoch so gut wie nie spielen konnte, weil meine Eltern mich immer wieder woanders hinsteckten. War das Affenhaus überhaupt noch mein Zuhause? Ich holte die knittrig gewordene Postkarte unter der Matratze hervor: eine Flusslandschaft mit Brücke und Kirchturm.

Fräulein Maria Autere

Mattby, Månvik

Storholm

Folgendes hatte Mama an mich geschrieben:

Hei Maria!

Hoffentlich ist alles gut auf der Insel und du bist gesund und munter. Die Filmaufnahmen sind ziemlich hektisch, und zwischendurch hatte ich schlimme Halsschmerzen. Zum Glück sind wir schon zur Hälfte fertig. Vielleicht schaffe ich es, Ende der Woche in Månvik vorbeizukommen. Papa kommt auch, wenn er sich von seinen Filmaufnahmen freimachen kann.

Die liebsten Grüße!

In Eile,

Mama

Tapfer war ich die ganze Zeit gesund und munter gewesen und hatte das Wort Mama so oft abgeküsst, dass die Schrift verschmiert war, aber dennoch kam Mama an besagtem Wochenende nicht zu uns.

Auch ich hatte Mama geschrieben, oft sogar. Ich hatte beim Kaufmannswagen verschiedene Katzenpostkarten gekauft, Mama hatte eine Vorliebe für Katzen. Ich schrieb, dass alles gut sei auf der Insel, schilderte, was wir erlebt hatten, und schickte ihr die liebsten Grüße aus Månvik zurück. Alle meine Karten lagen in der Nachttischschublade– ich wusste nicht, wo ich sie hätte hinschicken sollen, denn Mama schrieb nie einen Absender auf ihre Post.

Ich lutschte abwechselnd am Himbeerlolli und am Salmiak-Kegel, die ich in einem Glas auf dem Nachttisch aufbewahrte wie Tante Ester ihre oberen Zähne. Ich sagte mir, dass meine Eltern sicher am nächsten Wochenende kämen, und versuchte an schöne Dinge zu denken: Elfen, Wichtel, Trolle und Weihnachten.

Das Schaufenster war von außen mit Tannenzweigen verziert, die nach Harz dufteten, innen leuchteten kugelförmige bunte Lichter. Ich konnte meinen Blick nicht von den roten Lederstiefeletten lösen. Sie hatten vorn einen kleinen Reißverschluss, am Schaft blitzte weißes Pelzfutter hervor. Wie gern hätte ich diese Schuhe zu Weihnachten gehabt! Doch ich bekam neue Skistiefel. Die waren Omas Ansicht nach praktischer, da wir viel Ski liefen. Damit auch dicke Wollsocken mit reinpassten, kauften wir sie eine Nummer zu groß, und ich hatte zugleich normale Schuhe für den Winter. Ein Jahr davor hatte ich Weihnachten edle weiße Schlittschuhe gekriegt, und Oma hatte mir in Månvik Schlittschuhlaufen beigebracht. Sie hatte erzählt, dass das Eis zuletzt vor dreißig Jahren so fantastisch gewesen sei und damals viele Insulaner auf Schlittschuhen bis nach Helsinki gelaufen seien. Einige waren sogar gesegelt: Sie hatten ein Stück Stoff an einem alten Tretschlitten festgespannt, und los ging’s! Omas beigefarbene Schlittschuhe waren alt und abgenutzt, doch die Kufen, auf denen Zenith eingraviert war, funkelten im Sonnenlicht. Oma glitt in ihrem kurzen Bisampelz über die Bucht und drehte weite Kreise; manchmal vollführte sie eine Wende und fuhr rückwärts weiter, machte Pirouetten und Walzersprünge und hielt urplötzlich vor mir an, sodass Schnee und Eis in mein Gesicht spritzten. Sie zog mich hoch, wenn ich in einen Schneehaufen gefallen war, und Hand in Hand sausten wir voran, bis unsere Beine zitterten und wir uns lachend in eine weiße Schneewehe plumpsen ließen.

Auch nach Weihnachten dachte ich noch an die roten Stiefeletten. Nachts träumte ich von ihnen, und tags malte ich Bilder, durch die lauter Mädchen in roten Stiefeln marschierten.

»Nun drängel nich so, Marie, wir schaun mal, wir schaun mal.«

Als wir lange genug geschaut hatten,tropfte der Schnee aus den Regenrinnen, und die roten Stiefeletten waren aus dem Schaufenster verschwunden. Auf dem kleinen Podest standen nun graue Gummistiefel. Am Abend nach dieser Entdeckung weinte ich mich wieder in den Schlaf. Ich weinte auch der Trompete nach, an deren Stelle Opa mir eine Blockflöte geschenkt hatte. Und der Meerkatze auf der Schulter des Leierkastenmannes, der immer in der Geschäftsgasse stand, in der auch der Singer-Nähmaschinenladen lag. Sobald Opa von der Arbeit zurückgekehrt war, gegessen hatte und sich aufs Ohr legen wollte, kam ich mit den fehlenden Geschenken und der Meerkatze. Opa wiederholte jedes Mal aufs Neue, dass sie an mir schon genug Meerkatze hätten, und bat mich, ihm die Königlich-Dänischen-Halspastillen aus seiner Schreibtischschublade zu holen. Eine rot-weiße dänische Flagge zierte die goldene Schachtel. Dann veranstalteten wir den Wettkampf »Bei wem hält die Pastille länger?«, bei dem Opa jedes Mal gewann: In seinem rot eingefärbten Mund klebte ein fast durchsichtiger Rest, den man kaum noch von der Zunge unterscheiden konnte. Mein Mund war rot und leer. Als Trostpreis bekam ich eine zweite Pastille, und mit ihr lösten sich auch die Gedanken an die Stiefel und die Meerkatze auf.

Eines hellen Tages zu Beginn des Frühlings, als ich mit Tante Ester vom Markt kam, standen sie plötzlich im Schaufenster, und wieder konnte ich mich nicht losreißen. Am Platz, wo die Stiefeletten und die Gummistiefel gestanden hatten, funkelten nun goldene Riemchensandalen. Eine thronte hochgestellt auf dem Podest, die andere ruhte flach und zierlich daneben. Wie angehext stand ich vor dem Geschäft, doch Tante Ester drängte zum Weitergehen, denn es war ein warmer Tag, die in Zeitung eingeschlagenen Heringe würden schnell verderben.

Ich war so aufgeregt, dass ich nicht einmal spielen konnte. Sooft es ging, schleppte ich Opa vor das Schaufenster und wimmerte, wie brennend ich mir diese Schuhe wünschte, dass ich geradezu verliebt in sie sei. Ich versprach, alles zu tun, wenn ich nur die Sandalen bekäme: zum Beispiel zu Mittsommer endlich genug neue Kartoffeln essen, die Opa mir jeden Sommer anpries. Immer wieder sagte er mir, wie glücklich ich Oma machen würde, wenn ich ihr meinen Teller reichen und verkünden würde: »Zehn Kartoffeln für Marie!«

Ich, die ich kaum eine einzige Kartoffel herunterbekam. Kurz vor Mittsommer spürte ich, dass Opa nachgiebiger wurde und nicht mehr »wir schaun mal« sagte, sondern lachend den Kopf in den Nacken warf.

»Opa, ich will sie, ich will sie unbedingt! Bitte, lieber Opa, bitte!«

Zu meinem Pech bekam Oma das Gequengel mit und wetterte, dass goldene Sandalen der Gipfel der Geschmacklosigkeit seien. Sie würde ihre Füße nie im Leben in solche Dinger stecken, das täten nur kokette, leichtfüßige Frauenzimmer.

Ich weiß nicht, ob Opa mir einen Wunsch erfüllen oder vor allem Oma ärgern wollte– zwei Wochen, bevor wir Månvik verließen, stand ich im Schuhgeschäft und probierte die Sandalen an. Größe siebenundzwanzig passte wie angegossen; Opa nickte der Verkäuferin anerkennend zu. Sie schlug sie in Seidenpapier ein, bettete sie in einen Karton und umwickelte ihn mit einem dicken Papierbogen, auf dem stand:

Schuhgeschäft Schritt

Kalevankatu 11

Helsinki

Um das Paket kam eine Papierschnur, die von einer kleinen roten Holzklemme gehalten wurde. Opa drückte mir die Schuhe und der Verkäuferin einen Schein in die Hand. Ihr Lächeln war so offenherzig, dass ich eine Lippenstiftspur auf einem ihrer Eckzähne entdeckte. Sie drückte ein paar Kassenknöpfe und drehte an der Kurbel, pling, schon bekam Opa Kassenbon und Wechselgeld. Als wir hinausgingen, lächelte sie noch immer. Opa hob zum Gruß seinen Hut und begutachtete noch kurz die geraden Säume ihrer Strumpfhose, die unter einem glockigen Rock verschwanden.

Am Abend vor Mittsommer spielte ich mit Oma und meinen Cousins Verstecken mit Abschlagen. Ich wollte gerade zwischen Pfingstrosen und Wacholderbüschen auf Hannu zurennen, als ich plötzlich wie betäubt am Boden lag– bis Hannu mich hochzerrte. In unsicherem Vierfüßlerstand sah ich, dass mein Festkleid dreckig geworden war. Und Hannu entdeckte das Loch in meiner Schläfe. Als Oma endlich bei uns war, tropfte das Blut schon aufs Kleid, bis hinunter auf die Erde. Oma schimpfte lauthals auf Opa und behauptete, dass ich mit meinen alten Schuhen nie im Leben gestürzt wäre und dass die Verkäuferin Opa den Kopf verdreht und ihn zum Kauf der Sandalen verführt hätte. Opa ließ das alles an sich abprallen, bezeichnete Oma als übergeschnappt und schafsköpfig und noch alles Mögliche andere und erinnerte schließlich daran, dass man mich verflucht schnell zum Roten Kreuz schaffen müsse, wenn ich nicht verbluten sollte.

»Hör auf zu fluchen, verdammt noch mal!«, kreischte Oma, aber Opa war bereits Richtung Telefon gelaufen.

Er rief das einzige Taxi, das es auf Storholm gab– er und Lindroos hatten schon so viel Whiskey getrunken, dass sie nicht mehr fahren konnten. Aber auch Taxi-Isaksson war leicht weggedämmert, Mittsommer stand ja vor der Tür, und so fuhr uns schließlich sein Vater, der alte Isaksson. Mit einer Mullbinde und einem alten Hemd von Opa um den Kopf legte ich mich auf die Decke, die der alte Isaksson auf der Rückbank ausgebreitet hatte. Opa setzte sich neben mich und hob meinen Kopf auf seinen Schoß. Auf dem Beifahrersitz schaute Hund Josef aus dem Fenster und schnappte nach Frischluft. Der alte Isaksson raste den gewundenen Sandweg entlang, als wäre der Teufel hinter uns her– Josefs Ohren flatterten im Wind und erinnerten mich an alte lederne Fliegenklatschen. Opa befahl Isaksson vom Gas zu gehen, damit wir nicht aus der Kurve flogen und mitten in der Forstwirtschaft landeten, doch das schien den Alten erst recht anzufeuern. Erst als wir die Kabelfähre sahen, verlangsamte er– Josef hüpfte erleichtert aus dem Fenster und pinkelte. Leicht beunruhigt hörte ich Opa sagen, dass wir besser bis nach Helsinki fahren würden und nicht nach Porvoo, wo vor Jahren eins der Inselkinder an einer Blutvergiftung gestorben sei.

Beim Roten Kreuz Helsinki wurde meine Wunde mit drei Stichen genäht und eine Gehirnerschütterung diagnostiziert; meine Großeltern sollten mich in der kommenden Nacht einmal pro Stunde wecken. Die Krankenschwester tätschelte mir die Hand und bewunderte meine goldenen Sandalen. Opa zwinkerte ihr zu und flüsterte, dass sie solche Sandalen mit ihren Prachtbeinen doch bestens selber tragen könne. Dann setzte er seinen Hut auf, verbeugte sich und führte mich zur Tür hinaus.

Der Kachelofen glüht vor Hitze. Ich streiche über die Narben in meinem Gesicht. Es sind zwei– an jeder Schläfe eine. Zwischen ihnen liegen dreizehn Jahre, die spätere Wunde musste mit doppelt so vielen Stichen genäht werden.

Die Premiere der Möwe naht, und die Kostüme sind noch nicht ganz fertig. In der Kostümbildnerei arbeiten meine Kolleginnen rund um die Uhr; sie nähen, befestigen Spitze. Wenn derzeit auch noch Nerven- und Stoffbahnen reißen, das Ergebnis lässt sich schon erahnen. Ich überlege, wie ich noch besser veranschaulichen kann, dass Mascha zwischen Szene drei und vier gealtert ist, dass vier lieblose Ehejahre ihre Spuren hinterlassen haben. Vielleicht sollte ihr graues Kostüm jetzt eine Spur Kiefernbraun enthalten– ja, so würde Mascha sich kaum noch vom Grundton des Bühnenbildes unterscheiden.

Meine Gedanken schweifen wieder zu den Briefen meines Vaters, die Süßigkeitenschachtel steht beharrlich vor mir. Eines Tages, so denke ich, wenn Zeit dafür ist, werde ich den Inhalt gründlich studieren. In dem einen Brief, den ich vor Monaten zu lesen begonnen habe, bittet mein Vater meine Mutter um Verzeihung. Was zwischen ihnen vorgefallen ist, habe ich noch nicht herausgefunden.

Auch Hannu verschwindet nicht aus meinem Kopf. Mich stört, dass er den Grund für sein Kommen nicht genannt hat. Unser Kontakt ist abgerissen, als die Beziehung zwischen unserem Opa und Onkel Julius kippte; viel Ungeklärtes steht zwischen uns. Alles war so destruktiv, dass wir einander nicht mal mehr Weihnachtskarten geschickt haben, geschweige denn sonstwie in Verbindung standen. Doch ich bin es gewohnt, dass wichtige Menschen aus meinem Leben verschwinden. Nein, von einem völligen Verschwinden kann nicht die Rede sein: Die Personen führen in mir ein seltsames Schattendasein und tauchen gerade dann aus ihren dunklen Ecken empor, wenn ich es am wenigsten erwarte.

Hannu ist schon immer dickköpfig und stolz gewesen, mitunter sogar hart– wie unser Opa. Opa hat uns vieles beigebracht, nahm uns bei allen Tätigkeiten mit. Er wollte das, was einem in Månvik nützt, an uns weitergeben, und so konnten wir Borkenschiffe und Weidenflöten schnitzen, Kranichzüge erkennen, Schlangen töten, Netze flicken, essbare von giftigen Pilzen unterscheiden und segeln.

Aber Hannu kommt nicht einfach um zu segeln. Ich kann mir denken, warum er kommt. Es hat damit zu tun, was im Sommer unserer Reise passierte, bei der wir bis nach Barcelona fuhren. Damit, was passierte, als Oma in Månvik einen Brief bekam.

Ganz im Westen bei Parainen stand in der sandigen Lillmälö-Senke eine mit bunten Wimpeln geschmückte Baracke. Dort meldeten wir uns für die Schiffsreise an. Der hellgrüne Peugeot von Oskar Falk, ein BS-841, wurde auf das Schiff der Reederei Bore aus Turku geladen, und die Reise begann.

Als das Schiff aus dem Schutz der Schären aufs offene Meer stieß, wurde es stürmisch– und ich seekrank. Opa beschloss, mir einen Esslöffel Kognak zu verabreichen, den ich prompt wieder erbrach. Opa schob mir unbeirrt eine zweite Dosis in den Mund, die zu Omas Verblüffung drinnen blieb. Auch den dritten Löffel behielt ich bei mir, und schlagartig ging es mir besser. In gehobener Stimmung lag ich auf dem oberen Bett unserer Kabine und genoss das warme Gefühl im Magen. Die Stimmen meiner Großeltern schienen sich zu entfernen, vermischten sich mit dem Maschinenlärm aus dem Schiffsbauch, und schließlich schlief ich ein. Als ich wieder aufwachte, hörte ich Oma gedämpft sagen, dass sie am liebsten gar nicht losgefahren wäre und dass diese Autoreise durch Europa eine fixe Idee von Opa gewesen sei, eine dumme Idee, und dass sie in Månvik alle Hände voll zu tun gehabt hätte. Der Rhabarber sei erntereif, und Tante Ester müsse nun alleine Saft und Marmelade kochen und die Gemüse- und Erdbeerbeete jäten. Und was wäre mit Hans und Johan, wie sollten die in Månvik zurechtkommen, was, wenn ihnen etwas zustieße, wie es schließlich in irgendeiner Form jeden Sommer der Fall war, wäre Tante Ester dann nicht überfordert? Opa antwortete kühl, dass die Jungs sich ungeheuer freuten, den halben Sommer lang für sich zu sein, und dass er alles mit Lindroos abgesprochen hätte. Wenn ein Unglück passierte, würde Axel einspringen, so wie es seit jeher Sitte gewesen sei– »erinnerst du dich nicht, Partisanna?«

»Sanna Catharina«, korrigierte Oma, »ich heiße Sanna Catharina.«

An diesem Punkt brach das Gespräch für eine Weile ab.