Alles im Bild - Marion L. Becker - E-Book

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Marion L. Becker

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Beschreibung

Viktor von Trutzen ist verzweifelt. Sein neues Auskunftsbureau in Berlin-Mitte will einfach nicht recht anlaufen. Dabei bräuchte er das Geld so dringend, um seine Mutter und Schwester zu unterstützen. Als eine geheimnisvolle Frau sich hilfesuchend an ihn wendet, ist Viktor hellauf begeistert. Endlich ein lukrativer Auftrag. Doch dann verschwindet Viktors Schwester und die Ereignisse überschlagen sich.

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Seitenzahl: 58

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Marion L. Becker

Alles im Bild

Viktor von Trutzens erster Fall

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Alles im Bild

Impressum

Alles im Bild

„Noch ein wenig höher. Nein, nicht rechts, links. Ja, so ist es gut!“

Viktor trat zufrieden einen Schritt zurück und betrachtete das Ergebnis seiner Anweisungen. Gutmütig hielt der dickbauchige Hauswart mit rotgefrorenen Wangen das glänzende Messingschild an der Position und wartete geduldig auf die Anweisung, dass er es endlich anschrauben durfte. Mittlerweile hatte sich eine kleine Ansammlung von rotznasigen Gassenjungen zusammengerottet, die feixend den Anweisungen folgten und den aufgeregten jungen Mann imitierten und nachäfften indem sie dem Hauswart weitere Ansagen zuriefen.

„Nene, Paule, mach hinne, so wird das nüschte.“

„Pass doch uff, du machst Tappen uff dit Schild. Musste jleich widda polieren!“

Johlend schlugen sie die Hände auf die Schenkel was den jungen Mann sichtlich nervös machte. Lediglich „Paule“, den Hauswart, interessierte das alles nicht. Er murmelte nur leise zwischen den Zähnen, in denen eine kleine Pfeife hing: „Saubande.“

Endlich hing das Schild. Unter dem Gekicher der Straßenkinder wischte der Hauswart noch einmal mit seiner blauen Schürze über das Metall und trat dann zur Seite.

Auskunftsbureau Viktor von Trutzen

Amerikanischer Standard garantiert!

Viktor stellte sich vor das Schild, steckte die kalten Hände in die Jackentaschen und las zufrieden. Endlich. Das kleine Büro am Spittelmarkt war sein ganzer Stolz und seine ganze Hoffnung.

„So, das müsste halten, Herr von Trutzen.“ Der Hauswart kratzte sich am Hinterkopf und wischte erwartungsvoll die Hände an der Schürze ab.

Viktor schaute auf das Schild und lachte. „Na hoffentlich. Danke schön. Das macht sich trefflich.“

Der Hauswart nickte und rieb erneut die Hände an den Seitennähten seiner Hose.

Viktor begriff. Mit klammen Händen kramte er in seinen Taschen und ertastete endlich einige harte Münzen zwischen dem zerrissenen Innenfutter. Ein kurzer Blick in die hohle Hand, dann reichte er dem Hauswart eine davon.

„Danke nochmals. Habe gerade nicht mehr bei mir … bei Gelegenheit.“

Der etwas abschätzige Blick des Mannes ließ ihn verschämt verstummen. Vermutlich hielt der Hauswart ihn nun für einen Geizkragen. Wenn der wüsste, dass Viktor ihm eben seine letzten Münzen gegeben hatte, mit denen er eigentlich eine Frühstücksschrippe kaufen wollte. Wie im Protest grummelte auch gleich sein Magen. Denn Tatsache war: Viktor war pleite. Die Miete des kleinen Büros, das Schild, die Möblierung sowie einige anderen kleineren Anschaffungen hatten den letzten Sparpfennig aufgefressen. Ohne seine goldene Uhr wäre all das nicht möglich gewesen. Einst hatte er sie vom Vater zur Konfirmation erhalten, nun lag sie im Pfandhaus, vermutlich auf immer verloren. Aber er bereute es nicht. Alles auf eine Karte. An ein Scheitern durfte er nicht denken. Wenn es nur um ihn ginge, dann würde er sich keine Sorgen machen. Er könnte sich schon durchschlagen. Aber Ria und die Mutter, für die beiden wäre es eine Katastrophe. Viktor schüttelte sich kurz. Es musste einfach klappen.

Der Hauswart ging zurück in das Haus, die Gassenkinder zerstreuten sich und auch Viktor begab sich wieder in sein neues, noch eiskaltes Büro. Kohlen konnte er sich vorerst keine leisten. Hoffentlich wurden die Tage bald ein wenig wärmer, so dass er zumindest die Kunden empfangen konnte, ohne dass sie festfroren. Wenn denn Kunden kamen.

Und sie kamen. Langsamer als erhofft, doch sie kamen. Nichts Aufregendes, aber das hatte Viktor auch nicht erwartet. Das war in New York nicht anders gewesen. Auch dort waren es zumeist Anfragen von Geschäftsleuten, die Bonitätsauskünfte wünschten, weitaus häufiger waren Schulden einzutreiben. Aber es war ein Anfang. Schon bald konnte er die Miete für die nächsten Monate beiseite legen und inzwischen reichte es auch für ein tägliches Frühstück, das aus mehr als einer trockenen Schrippe bestand.

Viktor fiel es nach wie vor schwer, sich wieder in Deutschland einzuleben. New York fehlte ihm. Da konnten die Berliner sagen was sie wollten, im Vergleich zu der schnellen, amerikanischen Lebensweise war der Puls der Stadt hier der eines alten, müden Mannes. Weitaus schlimmer empfand Viktor mittlerweile den Standesdünkel, den er derzeit besonders hart zu spüren bekam. Wobei es in der Metropole Berlin, in der man immerhin einigermaßen anonym leben konnte, einigermaßen erträglich war. Kein Vergleich zu Königsberg. Viktor erinnerte sich mit Grausen an das Spießrutenlaufen im vergangenen Herbst, als er dort die letzten Formalitäten nach dem Tod des Vaters erledigen musste. Niemals hatte er sich stärker nach New York zurückgesehnt. Doch das war nun Geschichte, ebenso wie das alte Familiengut, in der Bucht zwischen Tilsit und Königsberg, und die heile Welt des alten Rittergeschlechts der „von Trutzens“.

Nun galt es nach vorne zu schauen. Seine Mutter und seine Schwester brauchten ihn. Und Berlin war schließlich auf jeden Fall besser, als die Rückständigkeit Ostpreußens. Keine zehn Pferde hätten Viktor dazu bringen können, dort noch einmal zu leben. Nicht dass er noch ein einziges Pferd besessen hätte. Dass er noch irgendetwas besessen hätte. Nein, dafür hatte Viktors Vater gründlich gesorgt, bevor er sich „ehrenvoll“ mit einem sauberen Schuss aus der Verantwortung gezogen hatte. Ob er sich jemals Gedanken darüber gemacht hatte, was er seinem einzigen Sohn damit für eine Verantwortung aufbürden würde? Oder war seine „Ehre“ das einzige, was ihm noch wichtig war? Immer wenn diese Gedanken Viktor bemächtigten, versuchte er sie so schnell wie möglich zur Seite zu schieben. Damit kam er nicht weiter. Schließlich lag es nun an ihm allein, seine kleine Familie aus dem Nichts heraus zu versorgen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er seine Mutter und Ria nach Amerika geholt. Aber nicht nur, dass ihm das Geld für zwei Überfahrten gefehlt hatte, seine Mutter hatte sich rigoros geweigert, in dieses wilde Indianerland überzusiedeln. Lieber wäre sie gestorben. Viktor seufzte bei dem Gedanken. Er machte sich nichts vor. Eine wirkliche Wahl hatte er nie gehabt, nicht davor und auch nicht danach. Ihm war letztlich nichts anderes übrig geblieben, als seine Arbeit, seine Freunde, Mary … ja sein ganzes neues, so mühsam aufgebautes Leben in Amerika hinter sich zu lassen und den Weg über den großen Teich erneut zurückzulegen. Den Weg, den er erst vier Jahre zuvor, zutiefst gedemütigt und mit schwerem Herzen angetreten hatte. Zumindest dieses Büro, hier am Spittelmarkt, dieser Neuanfang, das war seine Chance und würde ihn für vieles in seinem bislang verkorksten Leben entschädigen, da war sich Viktor sicher. Doch vorerst ging es um’s nackte Überleben, da machte er sich nichts vor.

Es war ein warmer Apriltag, als die verschleierte Dame in sein Büro trat. Dieser Tag würde aus unterschiedlichen Gründen fest in Viktors Erinnerung bleiben, nicht nur weil es der Tag war, an dem nach und nach immer neue schreckliche Einzelheiten über das schwere Erdbeben eintrafen, das zwei Tage zuvor, am 18. April 1906, die Küste Kaliforniens erschüttert hatte.