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Auf der Jagd nach einer sensationellen Story 1958. Ein Pianist gibt in Bremen ein Konzert, als plötzlich auf ihn geschossen wird. Schwer verletzt überlebt er das Attentat. Alexander Pfitzner, Starreporter bei einer Hamburger Illustrierten, reist an den Ort des Geschehens und beginnt zu recherchieren. Im Zuge seiner Nachforschungen begegnet er Marie Favier, einer französischen Ärztin, die ihm eines der letzten großen Geheimnisse des Zweiten Weltkriegs anvertraut. Was die beiden nicht wissen: Mächtige Geheimdienste haben sie ins Visier genommen und wollen eine Veröffentlichung um jeden Preis verhindern ... Hamburg, Bremen und Paris sind die Schauplätze des Romans, zu einer Zeit, in der in Europa der Kalte Krieg längst begonnen hat ... In seinem spannenden und atemberaubenden Erstlingswerk erzählt Olaf B. Rimmel eine aufsehenerregende Geschichte, in der Fiktion und Realität derart miteinander verwoben sind, dass man den Unterschied nicht zu erkennen vermag.
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Seitenzahl: 490
Veröffentlichungsjahr: 2019
Olaf B. Rimmel
Alles im Leben hat seine Stunde
Das Buch
1958. Ein Pianist gibt in Bremen ein Konzert, als plötzlich auf ihn geschossen wird. Schwer verletzt überlebt er das Attentat.
Alexander Pfitzner, Starreporter bei einer Hamburger Illustrierten, reist an den Ort des Geschehens und beginnt zu recherchieren.
Im Zuge seiner Nachforschungen begegnet er Marie Favier, einer französischen Ärztin, die ihm eines der letzten großen Geheimnisse des Zweiten Weltkriegs anvertraut.
Was die beiden nicht wissen: Mächtige Geheimdienste haben sie ins Visier genommen und wollen eine Veröffentlichung um jeden Preis verhindern …
Hamburg, Bremen und Paris sind die Schauplätze des Romans, zu einer Zeit, in der in Europa der Kalte Krieg längst begonnen hat …
Der Autor
Olaf B. Rimmel, 1968 in Wilhelmshaven geboren, ist gelernter Kfz-Mechaniker, arbeitete in verschiedenen Berufen und hat mehrere Jahre als Soldat in der Bundeswehr gedient.
1995 bestand er die Meisterprüfung im Kfz-Handwerk und absolvierte später erfolgreich eine Ausbildung zum Fahrlehrer.
Er ist nicht nur ein begeisterter Leser, sondern entdeckte bereits als Jugendlicher auch seine Leidenschaft für das Schreiben.
Als alleinerziehender Vater zweier Töchter lebt er mit seiner Familie in Wilhelmshaven.
Olaf B. Rimmel
Alles im Leben hat seine Stunde
Roman
Originalausgabe 2019
Copyright © 2018 by Olaf B. Rimmel
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk, einschließlich seiner
Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist
ohne Zustimmung des Verlages und des Autors
unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische
oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung,
Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Lektorat: Eva-Maria Schürmann-Lanwer
Umschlaggestaltung: Olaf B. Rimmel
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Printed in Germany
ISBN
978-3-7482-0917-1 (Paperback)
978-3-7482-0918-8 (Hardcover)
978-3-7482-0919-5 (e-Book)
Für meine Mutter, meinen Vater und meine Kinder.
In Liebe und Dankbarkeit.
Und für Sandra.
Danke für dein Verständnis und Vertrauen,deine Geduld und deine Liebe.
Du bist mein Herzblatt.
Dieses Buch ist ein Roman.
Daher versteht es sich von selbst, dass die Handlung und die darin vorkommenden Personen – natürlich mit Ausnahme einiger Ereignisse, Daten, Orte, Namen, Firmen, Institutionen und Personen der Zeitgeschichte – von mir frei erfunden worden sind.
Ich erkläre ausdrücklich, dass alle Dialoge sowie alle Aktivitäten, beispielsweise die der Presse oder jene der heute noch zum größten Teil real existierenden Geheimdienste, nie derart stattgefunden haben, sondern von mir erdacht worden sind.
Ebenso sind auch die Sprüche im ersten Buch (Kapitel 3) und das »Unternehmen Sonne«, das detailliert in diesem Roman geschildert wird, reines Produkte meiner Fantasie.
Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Olaf B. Rimmel
„Alles hat seine Zeit. Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;
herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;
suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;
behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;
schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.
Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.“
Der Prediger Salomo, Kapitel 3 (Nr. 1 bis 9), zitiert aus dem Alten Testament der Bibel.
Hamburg, 4. April 1958, 11.00 Uhr
Der alte, rote Lehnsessel, in dem Alexander seit einigen Minuten saß, stand direkt vor einem großen Fenster, sodass er ungehindert hinaus in den zum Anwesen gehörenden, verwilderten Garten blicken konnte.
Draußen schien die Sonne, was ihn keineswegs überraschte. Schließlich war es Frühling, und die Natur war – wie jedes Jahr – allmählich aus ihrem Winterschlaf erwacht, was man bereits deutlich erkennen konnte.
Er war davon überzeugt, dass dieser Tag ein sehr angenehm warmer werden würde, obwohl es in dem Raum, in dem er sich aufhielt, noch nicht zu spüren war.
Dieses große und modern eingerichtete Zimmer befand sich im ersten Stock jener stattlichen Villa, die Roland Heintze im Hamburger Stadtteil Blankenese besaß.
Seit fast zwei Wochen nun schon hielt sich Alexander hier auf. Genauer gesagt: seit elf Tagen!
Während dieser Zeit hatte er beinahe ununterbrochen im Bett gelegen, was unumgänglich gewesen war, denn er hatte viel Blut verloren. Er musste seinen Körper unbedingt schonen, um wieder zu Kräften zu kommen.
Denn schließlich galt es nicht nur, den Blutverlust zu überwinden. Er hatte zusätzlich Fieber und Schüttelfrost bekommen und war – in den ersten Tagen zu keiner Nahrungsaufnahme fähig – nun völlig geschwächt. Das Einzige, was Alexander zu sich genommen hatte, war Wasser gewesen, welches Doktor Hausen ihm in seinen Wachphasen zu trinken gegeben hatte.
Doktor Hausen … Wäre er nicht gewesen, hätte er diese schlimme Schussverletzung bestimmt nicht überlebt.
Der Arzt hatte sich an den schlimmen Tagen aufopfernd um ihn gekümmert …
Als Alexander am Morgen des 4. Aprils aufgewacht war, hatte er zum ersten Mal das Gefühl gehabt, gesundheitliche Fortschritte zu machen. Diese ständige bleierne Müdigkeit hatte er plötzlich nicht mehr gespürt, auch hatten die Augen nicht mehr geschmerzt.
Diese Erkenntnis hatte ihn in seinem Glauben bestärkt, dass er nun das Schlimmste wohl überstanden habe. Somit hatte er Doktor Hausen, der vor einer knappen Stunde hier gewesen war und ihn erneut untersucht hatte, darauf angesprochen.
Der Arzt hatte zufrieden gelächelt und seine Vermutung bestätigt: „Ihr Gesundheitszustand hat sich verbessert, Alexander.“
„Aber was hat das zu bedeuten?“, hatte Alexander gefragt.
„Das bedeutet, dass Sie allmählich auf dem Weg der Genesung sind.“
„Das glauben Sie?“
„Ja.“ Doktor Hausen, ein dreiundsiebzigjähriger Mann mit bereits ergrautem Haar, wusste nicht, was Alexander in den letzten Wochen erlebt hatte. Er hatte ihn immer noch gutmütig angesehen und sogleich aufmunternd hinzugefügt: „Sie können ganz beruhigt sein, Alexander. Sie haben alles überstanden.“
„Hoffentlich behalten Sie recht.“
„Ganz bestimmt“, hatte er schmunzelnd wiederholt, „glauben Sie mir. Ein paar Tage brauchen Sie noch absolute Ruhe, dann sind Sie wieder ganz der Alte.“
Alexander hatte das Gefühl gehabt, dass Hausen ziemlich stolz auf sich selbst gewesen war.
„Jetzt werde ich wieder gesund?“, hatte er erneut beharrlich gefragt, und seine Stimme hatte nicht freudig geklungen.
Natürlich werde ich nie wieder gesund, hatte er gedacht. Mir kann niemand mehr helfen. Ich werde nämlich sterben.Doch das weißt du nicht. Und du wirst es auch nie erfahren, wenn ich es dir nicht selbst erzähle.
„Ja“, hatte Doktor Hausen bestätigt.
Alexander hatte nun also die Gewissheit, dass er nicht an seiner Verletzung sterben würde.
Damit, dass ich wieder gesund werden kann, hatte er wohl recht. Aber die Krankheit, die ich in mir trage, ist, wenn man von einigen Nebenerscheinungen absieht, unbedingt tödlich. Und an dieser Krankheit werde ich sterben.
Doch das hatte Alexander ihm nicht zu sagen gewagt. „Ich muss jetzt gehen“, hatte Doktor Hausen hinzugefügt und sich anschließend von Alexander verabschiedet.
Nachdem der Arzt gegangen war, hatte er vorsichtig das große Bett verlassen. Dabei hatte Alexander die Wunde am linken Oberschenkel gespürt, die ihm heftige Schmerzen bereitet hatte. Ihm war schwindlig geworden. Er hatte sich am Bett fest gehalten, um nicht zu stürzen. Trotz des Pyjamas, den er trug, hatte er gefroren. Trotzdem war er langsam hinüber zum geöffneten Fenster gegangen und hatte sich in dem alten, roten Lehnsessel, der dort stand, niedergelassen.
Während Alexander nun hinaus sah, dachte er darüber nach, wie diese Geschichte eigentlich begonnen hatte, damals, in einem kleinen, schlecht möblierten Zimmer, am frühen Morgen des 8. März 1958, einem Samstag. Der Raum hatte sich im dritten Stock eines Hotels in Wedel befunden. Er erinnerte sich auch noch daran, dass Monika es schon tags zuvor gemietet hatte.
Und überraschenderweise wusste er ebenfalls noch, dass im Moment seines Erwachens an jenem Morgen des 8. März das Telefon geklingelt hatte.
Erstes Buch
Der Auftrag
1
Zum wiederholten Male klingelte das Telefon.
Es stand auf dem Nachttisch neben dem Bett, in der Nähe eines kleinen runden Weckers, der genau sieben Uhr anzeigte.
Draußen regnete es an diesem Samstagmorgen, und die ersten Lichtstrahlen des beginnenden Tages drangen durch das geöffnete Fenster in den kleinen Raum, dessen Vorhänge nicht zugezogen waren.
Das Telefon hatte mittlerweile erneut geklingelt. Alexander sah Monika an, die reglos neben ihm in dem Bett lag. Sie schlief immer noch tief und fest, und ihr Gesicht sah glücklich und zufrieden aus.
Er griff zum Hörer und hob ab. „Ja?“, flüsterte er.
„Hier ist die Rezeption, Herr Pfitzner“, antwortete eine freundliche junge Männerstimme. „Es tut mir außerordentlich leid, Sie stören zu müssen. Aber ein gewisser Herr Heintze möchte Sie unbedingt sprechen.“
„Herr Heintze?“, wiederholte er, ein wenig überrascht, obwohl er ihn kannte, sehr gut sogar. Heintze war der Redaktionschef des Verlages, für den er als Journalist arbeitete.
„Ich verbinde Sie jetzt, Herr Pfitzner.“
Alexander schwieg und hörte, wie es daraufhin in der offenen Leitung knackte.
„Hallo, Alex? Bist du dran?", ertönte es schließlich.
Es war in der Tat die Stimme Roland Heintzes, seines besten Freundes, der ihn stets nur Alex nannte.
„Hallo, Roland“, erwiderte Alexander leise. „Warum rufst du an?“
Heintze antwortete, wie immer, mit ruhiger Stimme: „Weil du noch heute nach Bremen fahren musst, mein Lieber. Doch vorher kommst du zu mir in mein Büro. Feldberg ist schon hier. Er wird dich begleiten.“
Rudolf Feldberg war der erfahrenste Fotoreporter im Verlag, eigentlich der beste überhaupt, den Alexander kannte.
„Nach Bremen?“, fragte er und glaubte, sich verhört zu haben. „Was ist dort passiert?“
„Kennst du einen Mann namens Thomas Werner?“ „Meinst du etwa diesen berühmten Pianisten?“ „Richtig!“
„Was ist mit dem?“, wollte er, wieder flüsternd, wissen und blickte während des Telefonats gelegentlich zu Monika, die weiterhin schlief und anscheinend von allem nichts mitbekam.
„Werner ist zurzeit auf Deutschlandtournee“, klärte Heintze ihn auf, „und gestern Abend gab er vor Hunderten von Menschen ein Konzert. Dabei fiel es natürlich nicht auf, dass einer der Besucher eine Pistole bei sich trug.“
„Ja? Und?“
„Jetzt kommt's: Nach dem Konzert, während Werner sich vor dem begeisterten Publikum verbeugte, schoss man mehrmals auf ihn.“
„Ist er tot?“
„Nein. Er lebt und liegt jetzt im Städtischen Krankenhaus in Bremen.“ Roland Heintze hustete. „Er muss einen Schutzengel gehabt haben. Denn er wurde nur ein einziges Mal von einer Kugel getroffen, und zwar an der rechten Schulter!“
„Ist das alles?“, fragte Alexander, immer noch emotionslos.
„Nein“, kam prompt die Antwort. „Nachdem der Attentäter die Schüsse abgefeuert hatte, brach im Großen Saal unter den Anwesenden natürlich helle Panik aus, und alle eilten fluchtartig nach draußen. Trotzdem gelang es den Sicherheitsleuten, den Schützen zu überwältigen. Dabei wurde einer der Männer leicht verletzt und ein anderer …“, er stockte, „… von dem Attentäter erschossen.“
Alexander legte sich langsam wieder auf den Rücken. Den Hörer aber hielt er dicht ans linke Ohr. „Kann die Recherche nicht eine andere Person aus dem Verlag übernehmen?“, versuchte er zu protestieren.
Seit Langem hatte er sich auf dieses freie Wochenende gefreut … und nun das!
„Nein.“
„Und warum nicht?“
„Weil Lindner unbedingt will, dass du das übernimmst.“
„Weiß er eigentlich, dass ich an diesem Wochenende frei habe?“
„Na klar. Doch das war ihm völlig gleichgültig.“ „Typisch Lindner.“ Alexander war über seinen Verleger verärgert. Am liebsten hätte er seinem Freund das mitgeteilt, doch stattdessen presste er nur die Lippen zusammen und atmete tief durch die Nase ein und aus.
Er beherrschte sich wegen Monika, die immer noch schlief. Er wollte vermeiden, dass sie wach wurde, wenngleich er soeben etwas lauter gesprochen hatte.
„Er will unbedingt, dass unsere besten Leute vor Ort recherchieren“, betonte Heintze. „Und Lindner erwartet von euch, dass ihr um jeden Preis in Erfahrung bringt, warum man auf diesen Werner geschossen hat.“
„Als wenn das so einfach wäre!“
Heintze reagierte nicht auf Alexanders Bemerkung. Stattdessen berichtete er ihm weiter: „Außerdem sollen wir uns Gedanken darüber machen, inwieweit man hier eine Geschichte konstruieren kann, um sie als Serie zu veröffentlichen.“
„Ab kommendem Donnerstag?“
„Ja.“ Wieder hustete Heintze, diesmal aber heftiger. „Lindner wittert, wörtlich, eine großartige Story, die der Aufmacher schlechthin in Deutschland sein wird“, fuhr er sachlich fort. „Diese Tatsache, so glaubt er, erhöht schlagartig den Bekanntheitsgrad unseres Blattes, und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.“
„Das … das hat Lindner wirklich zu dir gesagt?“
„Ja, Alex.“
„Klingt irgendwie sehr optimistisch!“ Alexander sah zum Fenster. Draußen schien der Regen heftiger geworden zu sein.
„So, jetzt weißt du alles“, gab Heintze ihm eindeutig zu verstehen.
„Okay.“ Alexander hatte genug und wollte das Gespräch beenden, sofort.
„Also bis nachher, Alex, bei mir im Büro. Ich warte auf dich“, schloss Heintze.
Alexander verabschiedete sich und legte auf.
2
Immer noch lag er in dem großen Bett neben Monika und betrachtete sie, nachdem er aufgelegt hatte.
Sie lag auf dem Bauch, natürlich nackt, wie es ihrer Eigenart entsprach, wobei sie sich selbst auch nie zudeckte, wenn sie schlief. Ihre langen, dunkelblonden Haare verdeckten jetzt ihr Gesicht.
Er hörte, wie sie regelmäßig atmete und sah, wie sich ihr schöner Rücken in demselben Rhythmus hob und senkte.
Und in diesem Moment fragte er sich, wie er es ihr schonend erklären könnte, dass er für sie an diesem Wochenende keine Zeit mehr hatte.
Wie würde sie reagieren?
Um sie nicht zu wecken, stieg er langsam aus dem Bett. Es war ziemlich kalt in dem kleinen Zimmer.
Auch an diese sonderbare Eigenart Monikas hatte er sich gewöhnt, dass sie überall das Fenster während der Nacht offen ließ. Anfangs hatte ihn das gestört, doch jetzt war es ihm gleichgültig.
Er stellte sich vor das Fenster und schaute hinunter auf die Straße. Einige Fußgänger eilten mit hastigen Schritten durch den Regen davon.
Anschließend duschte er und musste erneut an Monika denken: Natürlich würde sie wütend reagieren. Aber sollte er sie belügen?
Er drehte das Wasser ab und schob den blickdichten Duschvorhang beiseite. Erst in diesem Augenblick entdeckte er Monika, die, ebenfalls nackt, im Türrahmen zum Badezimmer stand und seinen Blick mit ihren dunkelblauen Augen fragend erwiderte.
Sie besaß ein kleines, rundes Gesicht, keine besonders zierliche Nase und einen etwas zu großen Mund. Das schulterlange, dunkelblonde Haar stand ihr wirr vom Kopf ab. Sie war groß und schlank, hatte wunderschöne kleine, feste Brüste, die immer wieder sehr anziehend auf ihn wirkten, und ihre Haut war sehr hell. Ihre weißen Zähne strahlten, als sie Alexander anlächelte. „Guten Morgen“, begrüßte er sie freundlich, und fühlte, wie Begierde nach ihr in ihm aufkam.
Erfolgreich unterdrückte er sie jedoch.
„Guten Morgen“, erwiderte Monika und setzte sogleich fragend hinzu, während er sich schweigend mit einem Frottiertuch abtrocknete: „Musst du mich schon verlassen, Liebling?“
„Ja.“
„Und warum?“ Das Lächeln war nun gänzlich aus ihrem Gesicht verschwunden.
„Weil ich vom Verlag gebraucht werde.“
„Heute? An deinem freien Wochenende?“ Anscheinend glaubte sie ihm nicht.
„Ja“, reagierte er nochmals knapp, aber bestimmt. Enttäuscht drehte sie sich um und ging zurück ins Schlafzimmer.
Er legte das Frottiertuch beiseite und folgte ihr.
Sie hatte sich auf das Bett gesetzt und starrte nun hinüber zum Fenster, in den prasselnden Regen.
„Das musst du verstehen, Monika“, versuchte er es, während er seinen dezenten, dreiteiligen Anzug, seinen Mantel und seinen grauen Hut aus dem großen Mahagonischrank neben dem Fenster holte und alles auf das Bett legte.
„Ich verstehe es aber nicht.“ Sie war ungehalten.
„Monika, was hast du denn? Was stört dich?“ Er zog sich schwarze Socken an.
„Mich stört, dass du kaum noch Zeit für mich hast!“
Er schüttelte den Kopf. „Wir sehen uns, so oft es meine Zeit erlaubt“, sagte er und zog sich jetzt die weiße Unterwäsche an. „Sicherlich, wir haben uns in der Vergangenheit nicht immer regelmäßig getroffen, aber ein oder zwei Mal in der Woche doch mindestens.“
Immer noch saß sie auf jenem zerwühlten Bett, in dem sie die vergangene Nacht gemeinsam verbracht hatten. Sie zündete sich jetzt eine Zigarette an, zog mit ihren schmalen Lippen mehrmals nacheinander heftig daran und entgegnete anschließend mit gereizter Stimme:
„Das reicht mir aber nicht! Ich möchte, dass wir jeden Tag zusammen sind!“
„Das wird nicht möglich sein.“ Er zog sich nun das Perlonhemd an. „Dafür ist mein Beruf zu zeitaufwendig.“ „Du musst nicht als Reporter arbeiten!“, erklärte sie mit ernster Miene und drückte hastig die Zigarette in dem Aschenbecher aus, der auf ihrem Nachttisch stand.
Dieses Gespräch – das die beiden nicht zum ersten Mal miteinander führten – hatte sie doch mehr aufgewühlt, als sie für möglich gehalten hatte.
Er zog seinen Mantel über und sagte dann, sich selbst im Schrankspiegel betrachtend: „Aber ich möchte nichts anderes machen!“
„Und wenn ich dich darum bitte?“
„Auch dann nicht“, antwortete er wahrheitsgemäß.
Sie schwiegen. Für eine Weile war nur der Regen zu hören, der schier unaufhörlich gegen die Fensterscheibe trommelte.
„Aber ich will dich nicht verlieren“, setzte sie schließlich die Konversation fort, erhob sich gleichzeitig von dem Bett und kam auf ihn zu, während sie mit herzlicher Stimme hinzufügte: „Ich liebe dich doch!“
„Ja, Monika. Ich weiß es.“ Das wusste er wirklich.
Denn so gut hatte er sie in den letzten zwei Jahren kennengelernt, um überzeugt zu sein, dass sie ihn wirklich liebte, bis in alle Ewigkeit. Und er selbst?
Sie umarmte ihn und presste ihre linke Wange gegen seine, während sie ihm ins linke Ohr flüsterte: „Ich möchte, dass du immer bei mir bleibst, Alex.“
Er zögerte. Er wollte in diesem Moment nichts Voreiliges sagen, nichts, was ihre Gefühle noch mehr verletzen könnte, und schließlich kam sie ihm zuvor, indem sie forschend fragte: „Liebst du eine andere Frau?“ „Nein“, antwortete er.
„Und das ist die Wahrheit?“, zweifelte sie.
„Ja“, bestätigte er.
Sie legte ihre warmen Hände auf seine Wangen und küsste ihn sanft.
Er erwiderte ihren Kuss nicht.
Anscheinend hatte sie es gemerkt, denn sie löste sich von ihm.
„Monika …“, bat er und setzte den Hut auf.
„Ja?“
„Ich muss gehen.“
Sie trat einen Schritt zurück und ihre Augen hatten jetzt einen feuchten Glanz bekommen. „Dann geh, Liebling.“ Wortlos drehte er sich um und verließ das Zimmer.
3
Was der Mensch auf Erden liebt, das wird er nie vergessen.
Ein weißes Stück Papier in einem großen, braunen Holzrahmen auf Roland Heintzes Schreibtisch offenbarte diese Worte.
Der mächtige Eichenschreibtisch des langjährigen Redaktionschefs befand sich inmitten seines geräumigen Büros im dritten Stock. Die Räume der Research-Abteilung lagen ebenfalls auf dieser Etage, waren jedoch nicht so groß und modern eingerichtet wie Heintzes Büro. Auf der rechten Seite dominierte ein wuchtiger, runder Tisch, um den vier gepolsterte Stühle gruppiert waren. An der linken Wand erhoben sich drei ebenfalls eichene Aktenschränke, die er vor neun Jahren mitgebracht hatte, und daneben beeindruckte ein überdimensionales, vom Fußboden bis unter die Decke reichendes Bücherregal.
Heintze war ein leidenschaftlicher Leser.
Alexander kannte dieses Büro durch seine bereits siebenjährige Tätigkeit für diesen Verlag gut. Natürlich hatte er auch oft andere Büros in dem gigantischen Verlagshaus gesehen, doch nirgends gefiel es ihm so wie bei Heintze, dem Mann, der ihn als Einziger im Verlag immer verstanden hatte. Ohne seine Unterstützung, so glaubte Alexander, wäre er längst nicht mehr hier als Reporter tätig.
Heintze wusste: Der Verlag brauchte Alexander!
Ja, so war das. Es mochte für Außenstehende ungewöhnlich, vielleicht sogar überheblich klingen, aber er war zu dieser Zeit, als die Geschichte unaufhörlich ihren Gang genommen hatte, der beste Sensationsreporter in dieser verfluchten Branche und auch der teuerste gewesen.
Das wusste auch die Konkurrenz.
Sie hatte in der Vergangenheit wiederholt versucht, ihn mit Exklusivverträgen zu locken. Dies war Heintze bekannt.
Doch immer hatte Alexander der Versuchung widerstanden und engagiert daran mitgewirkt, dass der Verlag einmal in der Woche, nämlich donnerstags, BLICKZEIT auf den Markt brachte. Das war die viertgrößte Illustrierte in der Bundesrepublik.
Was der Mensch auf Erden liebt, das wird er nie vergessen.
Dies war der Lieblingsspruch Roland Heintzes.
Seine vierzehnjährige Tochter Eva hatte ihn einst verfasst und ihrem Vater geschenkt. Das war kurz vor ihrem Tod gewesen, im vergangenen Herbst. Sie war an Leukämie gestorben.
Heintze, dessen Frau bei der Geburt ihres Kindes gestorben war, hatte seine Tochter Eva mehr als alles andere auf der Welt geliebt. Und jetzt hatte er auch sie verloren. Geblieben waren ihm nur die Erinnerungen an eine schöne Zeit …
Roland Heintze, nun beinahe sechsundfünfzig Jahre alt, war schlank und für einen Mann zierlich. Die hellblauen, vereinzelt von roten Äderchen durchzogenen Augen in seinem kleinen, blassen Gesicht tränten manchmal heftig. Er war fast ein Gewohnheitstrinker geworden, doch das erst, seitdem Eva gestorben war.
Heintze selbst versuchte nicht einmal, dies zu verbergen, und viele im Verlag wussten, dass er den schmerzhaften Verlust von Frau und Tochter mit Alkohol zu kompensieren versuchte.
Alexander hatte sich daran gewöhnt, wenngleich er das Verhalten seines Freundes nicht akzeptieren konnte, besonders, wenn er bereits morgens mit dem Trinken anfing, und es gab so manchen Tag, an dem Heintze schon gegen Mittag betrunken nach Hause gebracht werden musste …
An diesem Samstagvormittag des 8. März 1958, als Alexander gegen neun Uhr in Heintzes Büro eintraf, begrüßte dieser ihn überaus freundlich und bat ihn, Platz zu nehmen, während er das Barfach seines rechts neben dem Schreibtisch an der Wand befindlichen Schranks öffnete, in dem sich unterschiedliche Cognacflaschen befanden.
Er schenkte sich ein Glas ein und fragte Alexander geradezu beschwingt: „Möchtest du auch einen?“
„Nein.“ Alexander reichte Feldberg, der bereits im Büro saß, zur Begrüßung die Hand, setzte sich dann ebenfalls vor den großen Schreibtisch und beobachtete Heintze, der sich, das Glas grinsend in der rechten Hand haltend, inzwischen dahinter niedergelassen hatte und sich nun zurücklehnte.
„Geht es dir wieder schlecht?“, fragte Alexander teilnahmsvoll und verbarg seine Enttäuschung über das verlorene freie Wochenende.
„Ja. Aber lassen wir das.“ Hastig trank Heintze einen Schluck aus dem Glas, ergänzte anschließend: „Kümmern wir uns lieber um die Arbeit. Das ist wichtiger.“
„Wie du meinst!“ Alexander beließ es dabei, wollte ihn nicht bedrängen, und wechselte spontan das Thema, indem er schließlich hinzufügte: „Hast du schon im Archiv nachsehen lassen, ob wir etwas über Werner besitzen?“
„Nein, noch nicht.“ Er trank wieder einen Schluck. „Erledige ich später.“
Alexander ging nicht weiter darauf ein, äußerte stattdessen: „Diesmal habe ich Bedenken, ob wir bis nächsten Donnerstag genug Informationen für einen Aufmacher haben werden, denn die Zeitspanne ist ja ziemlich kurz, Roland.“
„Du könntest recht haben“, sagte Heintze. „Daher ist es vor allem wichtig, in Erfahrung zu bringen, was den Täter zu seiner Tat getrieben hat.“
„Wir werden unser Bestes tun“, versicherte Alexander, ihn weiterhin anblickend, „das weißt du doch.“
Heintze leerte das Glas mit einem Schluck und stellte es auf der Schreibtischplatte ab. Auf seinem Gesicht lag nach wie vor dieses selige Lächeln, was Alexander nicht verborgen geblieben war. Anscheinend hatte er an diesem Morgen schon sehr viel getrunken.
„Wir können von Glück reden, wenn wir überhaupt etwas erfahren werden“, meinte Feldberg lapidar.
Er hatte bisher geschwiegen, umso überraschter war Alexander nun, als er sich plötzlich an dem Gespräch beteiligte.
Alexander blickte ihn von der Seite an. Feldberg hatte einen kleinen Kopf, hellblondes kurzes Haar und blaue Augen. Außerdem trug er eine modische Brille mit sehr dicken Gläsern.
„Was soll das denn heißen?“, wollte Alexander wissen. „Ich habe meine Zweifel, ob wir überhaupt an die Beteiligten herankommen werden.“
„Weil wir von der Presse sind?“
„Eben! Weil wir von der Presse sind.“
„Wir haben schon ganz andere Sachen gemeistert“, sagte Heintze stolz. „Stimmt’s, Alex?“
„Ja, das stimmt.“ Er nickte bestätigend.
„Aber habt ihr es jemals mit ähnlichen Ereignissen wie in Bremen zu tun gehabt?“
„Nein. Natürlich nicht.“ Heintze beugte sich vor. „Was in Bremen gestern geschah, kommt bei uns nicht alle Tage vor. Trotzdem verstehe ich deine Reaktion überhaupt nicht. Sei doch froh, dass du die Möglichkeit bekommst, an so einer spannenden Aufgabe beteiligt zu sein. Stattdessen verbreitest du hier im Moment pessimistische Stimmung.“
„Entschuldigt. Das wollte ich nicht“, sagte der einunddreißigjährige, stets schüchtern wirkende Feldberg zurückhaltend. „Ich wollte lediglich darauf aufmerksam machen, dass unsere Recherche in Bremen nicht einfach werden könnte. Im Gegenteil. Sie könnte mit enormen Schwierigkeiten verbunden sein.“
„Dass unsere Arbeit in Bremen nicht einfach werden wird, ist doch klar“, bestätigte Alexander. „Nur, wer das Risiko scheut, der wird niemals ans Ziel gelangen.“
Heintze lachte. „Kluger Spruch!“
„Und da ich jetzt und auch in Zukunft nie das Risiko scheuen werde, weil ich viel zu neugierig bin, bin ich der festen Überzeugung, dass wir etwas in Bremen erreichen werden. Doch was das sein wird, das müssen wir dann sehen.“
4
Etwa zur gleichen Zeit, als Alexander sich mit Feldberg in Roland Heintzes Büro aufhielt, betrat ein stattlicher, schlanker und weißhaariger Mann das kleine Einzelzimmer, in dem Thomas Werner lag.
Der Raum befand sich im vierten Stock der Städtischen Klinik in Bremen, und wie in allen Krankenhauszimmern war auch hier das Mobiliar vollständig in Weiß gehalten. Das Bett. Der Tisch. Die zwei Holzstühle davor. Das Waschbecken. Der links von dem Bett befindliche kleine Holzschrank, gleich neben der Tür, die der Hereingekommene hinter sich schloss.
Danach trat er an das Bett und lächelte Thomas an.
„Wie fühlen Sie sich?“, fragte er.
„Schlecht.“ Thomas erwiderte trotz seines geschwächten Zustands den Blick.
„Sie haben sicherlich im Schulterbereich Schmerzen, nicht wahr?“
„Ja.“
„Auch im rechten Arm?“
Thomas nickte.
„Herr Werner?“, fuhr der Weißhaarige lächelnd fort.
„Ja?“
„Mein Name ist Fabian.“ Und er setzte sogleich betont hinzu: „Doktor Fabian. Ich bin der leitende Oberarzt dieser Station. Es freut mich, Sie kennenzulernen, Herr Werner.“
„Ganz meinerseits.“
„Sie wissen, was mit Ihnen passiert ist?“
„Ja“, antwortete Thomas. Jetzt, auf die Frage hin, erinnerte er sich wieder an das, was am gestrigen Abend in dem Konzertsaal geschehen war, und er schämte sich dessen, denn wenn er sich zuvor anders entschieden hätte, dann wäre das alles nicht passiert.
„Was haben Sie?“ Doktor Fabian beugte sich über Thomas.
„Nichts. Mir ist bloß etwas ins linke Auge gekommen“, log Thomas, dessen Augen plötzlich tränten.
„Soll ich mal nachschauen?“
„Nein. Danke, Doktor.“ Er wischte sich mit der linken Hand die Tränen fort. „Wie bin ich hierher ins Krankenhaus gekommen?“
„Nachdem die Kugel Sie getroffen hatte, brachte man Sie in Ihre Garderobe …“
„Ich weiß. Und?“
„… und dort wurden Sie dann ohnmächtig.“ Doktor Fabian setzte sich auf einen der weißen Stühle, kreuzte die Beine und beobachtete weiterhin seinen berühmten Patienten, den er insgeheim bewunderte.
Er hörte selbst in seiner Freizeit gerne klassische Musik – am liebsten von deutschen Komponisten – und er kannte viele Interpreten dem Namen nach, so auch Thomas Werner. „In der Zwischenzeit hatte man uns hier telefonisch benachrichtigt, und wir fuhren sofort zum Konzerthaus.“
Thomas, der aufmerksam zugehört hatte, stellte die alles entscheidende Frage: „Werde ich jemals wieder den rechten Arm bewegen können?“
„Ja, sicher.“
Erleichtert atmete er auf. „Dann werde ich auch wieder Klavier spielen können?“
„Aber natürlich, Herr Werner“, bestätigte Doktor Fabian rasch. „Wir haben Sie, gleich nachdem Sie hierhergebracht worden sind, operiert, und es zeigte sich, dass diese Schussverletzung, die Sie haben, doch nicht so schlimm ist, wie es anfangs schien.“
Thomas schwieg.
„Natürlich wird es eine gewisse Zeit dauern“, erklärte Doktor Fabian weiter, „bis Sie wieder Klavier spielen können. Aber das müssen Sie erdulden, und wir werden Ihnen dabei helfen, schnellstmöglich wieder gesund zu werden. Daher ist es sehr wichtig, dass Sie genau das befolgen, was meine Kollegen und ich anordnen. Wir wollen nur das Beste für unsere Patienten.“
„Ja, ich verstehe.“
Genau in diesem Augenblick öffnete sich die Tür und eine gedrungene, etwas korpulente Schwester trug ein Tablett mit einem Wasserglas und einer Schale mit vielen bunten, kleinen Kapseln herein.
„Entschuldigen Sie, Doktor.“ Sie lächelte. „Ich bringe das gewünschte Medikament.“ Sie stellte das Tablett auf dem Tisch ab.
„Danke, Schwester“, sagte Doktor Fabian, während diese sich entfernte.
Thomas fragte: „Was ist das für ein Medikament?“
„Ein schmerzstillendes.“ Doktor Fabian ergriff mit der linken Hand die Schale, mit der anderen Hand das Glas Wasser und stand dann auf.
Thomas schwieg wieder und beobachtete den Arzt aufmerksam.
Doktor Fabian trat erneut an das Bett und sagte: „Ich möchte, dass Sie davon eine Kapsel nehmen, Herr Werner. Das wird Ihnen die Schmerzen erträglicher machen.“
Thomas folgte der Aufforderung.
„Sie werden ab morgen jeweils drei Kapseln am Tag einnehmen, Herr Werner.“
„Darf ich auch schon das Bett verlassen?“
„Nein“, erwiderte Doktor Fabian. „Eine Schwester wird zu Ihnen kommen …“
„Natürlich.“
„… und Ihnen die Kapseln dann geben.“
*
„So geht das schon seit fast zwei Stunden“, bemerkte der Mann hinter dem Lenkrad. Er war beinahe vierzig Jahre alt, und sein blasses Gesicht bildete einen Kontrast zu seinen schwarzen Haaren. „Die Observation hat noch keine neuen Erkenntnisse hervorgebracht.“
„Natürlich nicht, James“, antwortete Robert Rosyth und sah ihn dabei an. „Hast du etwas anderes erwartet?“ „Nein.“
„Aber es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis wir es wissen“, ergänzte Rosyth zuversichtlich.
„Hoffentlich“, entgegnete James und beugte sich zum Lautsprecher, der sich zwischen den beiden Vordersitzen in einer eigens dafür konstruierten Vorrichtung befand, einem Behälter, der aussah wie ein Aschenbecher, den man auf einer metallenen Unterlage befestigt hatte. All dies war natürlich sofort, nachdem sie den Mercedes gekauft hatten, installiert worden. Gleichzeitig war das Funkgerät unter dem Beifahrersitz mit einem Zerhacker ausgerüstet worden, der es für Dritte unmöglich machte, alles, was sie per Funk miteinander besprachen, bei eventuellen Abhörversuchen zu verstehen.
Sie besaßen noch vier andere Wagen verschiedener Typen, in die ebenfalls diese moderne Funkanlage eingebaut worden war. Das Besondere der Anlage bestand darin, dass sie es ermöglichte, auch Gespräche zu empfangen, die durch ein verstecktes Mikrofon übermittelt wurden …
Genau so ein Mikrofon hatten sie in Thomas Werners kleinem Krankenzimmer versteckt, das man ihm nach der sofort eingeleiteten Notoperation noch am selben Abend zugewiesen hatte.
„Wir werden diesmal erfolgreicher sein“, sagte Robert Rosyth optimistisch. Er, der seit 1945 in Deutschland lebte und für den britischen Geheimdienst SIS tätig war, hatte sich als einer der besten Agentenführer in Deutschland bewährt.
Er wurde – so wie jetzt auch – von seinen Vorgesetzten in London stets mit schwierigen Missionen beauftragt, die auf dem europäischen Festland zu bewältigen waren, und er wusste, dass sie ihn immer wieder einsetzen würden, wenn er nicht bald aus dem aktiven Dienst ausschied.
Mittlerweile war er vierundsechzig Jahre alt. Seine äußere Erscheinung ließ stark an Winston Churchill erinnern, jenen großen Politiker aus seinem Heimatland. Rosyth war ziemlich klein und zu dick. Sein nur spärlich vorhandenes, bereits leicht ergrautes Haar war zwar ziemlich kurz geschnitten, kam aber auf seinem ansonsten kahlen Kopf dennoch zur Geltung. Sein Gesicht mit der kleinen runden Nase, dem breiten Mund und den kräftigen Brauen über den großen Augen präsentierte sich stets leicht gerötet, einer alten Kriegsverletzung geschuldet, die Rosyth sich im Zuge der alliierten Invasion am 6. Juni 1944 in der Normandie zugezogen hatte.
„Wann werden wir abgelöst?“, fragte James und lehnte sich wieder in seinem Sitz zurück. Aus dem Lautsprecher war immer noch nichts zu hören.
„In knapp vier Stunden“, antwortete Rosyth, dabei auf seine Armbanduhr blickend. Diese zeigte soeben neun Uhr dreißig an.
„Hoffentlich sind sie diesmal pünktlicher als gestern.“
„Sie werden pünktlicher …“ Rosyth unterbrach sich selbst, denn aus dem Lautsprecher erklangen wieder die beiden Männerstimmen, die sie zuvor schon gehört hatten.
Eine davon fragte nun: „War meine Mutter auch schon hier?“
„Ja“, antwortete die andere Stimme. Diese klang dunkler als die vorherige. „Aber da waren Sie noch bewusstlos. Ihre Mutter wollte Sie unbedingt sehen, und ich erklärte ihr, wie harmlos doch Ihre Verletzung sei.“
Die beiden Männer, die im Fond des Mercedes saßen, schwiegen nun und hörten gespannt zu.
„War sie sehr um mich besorgt?“
„Ja. Aber ich konnte sie beruhigen.“
Plötzliche Stille.
Der Mann, der James hieß, fragte: „Die Mutter von diesem Pianisten lebt auch noch?“
„Ja“, antwortete Rosyth. „Sie wohnt hier in Bremen.“
„Das ist ja großartig.“
Natürlich ist das großartig, dachte Rosyth, und nickte zustimmend. Vor zehn Tagen war er noch in London gewesen, bei seinem Vorgesetzten, und hatte von diesem all das erfahren, was er über seinen neuen Auftrag wissen musste und vor allem, was er zu tun hatte.
„War sonst noch jemand hier, der sich für mich interessierte?“, drang es neugierig aus dem Lautsprecher.
„Zwei Kriminalbeamte“, lautete die Antwort.
„Haben sie gesagt, was sie von mir wollen?“
„Sie sagten, dass sie unbedingt mit Ihnen über die Ereignisse gestern Abend sprechen müssten.“
„Natürlich.“
„Und sie sagten auch, dass sie wiederkämen, wenn Sie vernehmungsfähig seien.“
Erneut plötzliche Stille.
Auch die beiden Männer im Mercedes sprachen kein Wort miteinander.
„Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten, Doktor“, erklang es schließlich aus dem Lautsprecher.
„Und der wäre?“
„Sagen Sie den Polizisten, dass ich noch nicht vernehmungsfähig sei. Zwei, drei Tage möchte ich noch meine Ruhe haben, ja?“
„Gibt es dafür einen bestimmten Grund, Herr Werner?“
„Nein. Ich möchte nur meine Ruhe haben. Mehr nicht.“ „Ich verstehe.“
„Hat sonst noch jemand nach mir gefragt?“
„Ja. Ein gewisser Bruno Klauser.“
„War er persönlich hier?“
„Sie kennen ihn?“
„Ja. Er ist mein Manager“, lautete die Antwort, die sie deutlich hören konnten. „War er hier?“
„Nein. Er rief nur an und sagte uns nicht, dass er Ihr Manager sei.“
„Was wollte er?“
„Er wollte eigentlich nur wissen, …“
*
„… ob Sie noch am Leben sind“, antwortete Doktor Fabian, dessen Blick immer noch auf Thomas gerichtet war. „Doch sein Anruf war vergebens. Wir geben grundsätzlich am Telefon keine Auskunft, und schon gar nicht an fremde Personen, die nicht mit dem Patienten verwandt sind. Das hätte Ihr Manager eigentlich wissen müssen.“
„Das weiß er auch.“ Thomas lächelte, obwohl ihm im Moment nicht danach zumute war. „Mehr wollte mein Manager nicht wissen?“
„Nein.“
„Das sieht ihm ähnlich.“ Es klang verärgert.
„Warum?“, fragte Doktor Fabian. Er hatte sich erhoben, seine zierlichen Hände in die Hosentaschen gesteckt und war dann im Zimmer auf und ab gegangen. Nun blieb er vor dem kleinen weißen Schrank stehen und sah Thomas verwundert an.
„Weil mein Manager ein egoistischer und skrupelloser Mensch ist!“
„Das klingt ja fast so, als könnten Sie Ihren Manager nicht leiden?“
„Richtig!“
„Wieso trennen Sie sich nicht von ihm?“
„So einfach geht das leider nicht. Schließlich haben wir einen Vertrag miteinander, und der läuft noch mehrere Jahre.“
„Aber Verträge kann man kündigen.“
„Natürlich kann man das.“ Thomas kratzte sich mit der linken Hand am rechten Ohr, während er erklärte: „Wenn einer von uns beiden den Vertrag vorzeitig kündigt – so ist es vereinbart – dann ist derjenige dem anderen gegenüber verpflichtet, eine große Geldsumme … praktisch als Entschädigung … zu zahlen.“
„Ich verstehe.“ Doktor Fabian lächelte einsichtig und wechselte spontan das Thema, um seinen Patienten auf andere Gedanken zu bringen. Er setzte sogleich fragend hinzu: „Sind Sie damit einverstanden, Herr Werner, nun, wo Sie bei Bewusstsein sind, dass ich Ihre Frau Mutter benachrichtige?“
„Ja, natürlich.“
„In Ordnung.“ Doktor Fabian ging zur Tür, wo er nochmals stehen blieb, sich umdrehte und Thomas wieder lächelnd ansah. „In zwei Stunden werde ich zusammen mit einem Kollegen wiederkommen. Versuchen Sie bis dahin, etwas zu schlafen. Das wird Ihnen bestimmt guttun.“
„Ich werde es probieren.“ Thomas nickte.
Dann verließ Doktor Fabian den Raum und zog die Tür leise hinter sich wieder zu.
Und nun, wo Thomas allein war, konnte er deutlich die Schritte und die Stimmen der Menschen hören, die draußen auf dem Flur an seinem Zimmer vorbeigingen. Thomas schloss die Augen, aber das Einschlafen gelang ihm nicht. Er spürte immer noch diesen stechenden Schmerz im rechten Arm, den zu bewegen er nicht imstande war. Das Medikament zeigte noch keine Wirkung, worüber er sich auch nicht wunderte.
Er hatte sich vorgenommen, nicht ungeduldig zu werden, jetzt, wo er die Gewissheit hatte, dass er wieder gesund würde und in Zukunft auch wieder Klavier spielen könnte. Darüber hatte er sich gefreut.
Nun aber ärgerte er sich über seine Entscheidung, die er vor drei Tagen noch für richtig gehalten hatte. Denn wenn er mit diesen Leuten zusammen gearbeitet hätte, dann wäre es zu jenem schlimmen, beinahe tödlichen Anschlag auf sein Leben gar nicht erst gekommen. Sie hatten ihm zuvor angekündigt, dass sie ihn töten würden, wenn er sich weigerte.
Doch woher hatte er damals wissen sollen, dass sie es ernst meinten?
5
Natürlich fuhren sie mit Alexanders Wagen, einem silbernen Mercedes vom Typ 190 SL, nach Bremen.
Dieser Mercedes – auch Roadster genannt –, dessen Höchstgeschwindigkeit 171 Kilometer in der Stunde betrug, besaß einen Vierzylinder-Reihenmotor, der eine Leistung von 105 PS erreichte.1*
Der Wagen, der knapp 17000 D-Mark gekostet hatte, war sein ganz persönlicher Stolz. Man könnte nun von ihm denken, er sei aufgrund des vielen Geldes, das er durch seinen Job verdiente, überheblich und arrogant geworden und müsse seinen Wohlstand durch protziges Verhalten in der Öffentlichkeit zur Schau stellen.
Doch dieser Gedanke entsprach nicht der Wahrheit.
Alexander war weder arrogant, noch musste er seinen Reichtum öffentlich in Form von Statussymbolen kund tun. Trotzdem vertrat er den Standpunkt, dass ein erfolgreicher Mensch, der imstande war, sich etwas Außergewöhnliches zu leisten, dies auf Wunsch auch tun sollte.
Dieser teure Wagen war das Einzige, was er sich bisher geleistet hatte, im Gegensatz zu anderen Kollegen, die er kannte und die sich aufgrund des vielen Geldes, das sie verdienten, entsprechend benahmen. Neureiche Emporkömmlinge waren Alexander zutiefst zuwider. Alle, die ihn kannten, wussten dies und respektierten seine Ansicht.
Als sie in Hamburg losfuhren, war es kurz nach zehn Uhr, und es regnete immer noch sehr stark.
Da die beiden davon ausgingen, dass ihr Aufenthalt in Bremen nicht von langer Dauer sein würde, hatte jeder von ihnen, abgesehen von seinem Arbeitsmaterial, nur einen kleinen Reisekoffer mit den nötigsten Utensilien bei sich.
Sie hatten Hamburg zügig hinter sich gelassen, und als sie sich endlich auf der A1 befanden, hatte es aufgehört zu regnen, und die dunklen Wolken hatten sich verzogen. Die Sonne schien plötzlich und Alexander konnte so richtig Gas geben.
Feldberg hatte es sich, gleich nachdem er eingestiegen war, einigermaßen gemütlich gemacht und versuchte zu schlafen, was ihm während der Fahrt auch überwiegend gelang.
Alexander fuhr ziemlich schnell.
Trotzdem nahm die Fahrt beinahe zwei Stunden in Anspruch, denn sie gerieten infolge eines schlimmen Unfalls in einen größeren Stau.
Bei ihrer Ankunft in Bremen war es drei Minuten nach zwölf Uhr, und bis sie das Städtische Krankenhaus endlich gefunden hatten, waren nochmals vierzig Minuten vergangen.
Alexander stellte den Wagen auf dem Parkplatz ab, der sich großflächig vor dem Krankenhaus erstreckte.
Den Himmel über Bremen verfinsterten dunkle Wolken, kühler Wind kam auf, und es war nur eine Frage der Zeit, bis es auch hier anfangen würde zu regnen.
Alexander zog sich seinen Mantel an und kramte seine schwarze Ledertasche, in der sich hauptsächlich Papiere und Schreibzeug befanden, hinter dem Fahrersitz hervor.
Während er die Fahrertür abschloss, sah er kurz zu Feldberg hinüber, der sich eine Kamera um den Hals gehängt hatte und nun neben dem Wagen stand.
Schweigend erwiderte Feldberg seinen Blick.
„Auf geht’s“, sagte Alexander beiläufig. „An die Ar beit.“
Den Haupteingang des Krankenhauses hatten sie nach wenigen Minuten erreicht.
Weder Feldberg noch Alexander hatten zu diesem Zeitpunkt die beiden Männer bemerkt, die am Ende des Parkplatzes in einem Mercedes saßen und sie scheinbar uninteressiert beobachteten, bis sie aus ihrem Sichtbereich verschwunden waren.
In der großen Empfangshalle, die sie sodann betraten, herrschte eine rege Betriebsamkeit.
Viele Menschen liefen umher oder nahmen auf einer der vier gepolsterten Sitzreihen mitten in der Halle Platz und unterhielten sich angeregt miteinander.
Hinten rechts in der Ecke erblickte Alexander einen Informationsstand, auf den er, ohne zu zögern, zuging. Feldberg folgte ihm, sie sprachen kein Wort miteinander.
Hinter einer halbhohen Theke saß eine junge, hübsche Frau mit dunkelblondem, schulterlangem Haar. Sie trug eine weiße, eng anliegende Bluse und silbergraue Kreolen.
„Guten Tag. Entschuldigen Sie bitte“, begann Alexander höflich.
Sie hob den Kopf und erwiderte lächelnd: „Guten Tag, der Herr. Sie wünschen?“
„Ich bin auf der Suche nach einem Patienten, der seit gestern hier im Krankenhaus liegen soll.“
„Kennen Sie zufällig auch seinen Namen?“
„Ja.“ Er lächelte nun auch. „Thomas Werner.“
Sie zögerte einen kurzen Augenblick. „Darf ich fragen, wer Sie sind?“, wich sie aus.
„Wieso? Ist das wichtig?“ Er hielt sich bedeckt.
„Ja, das ist wichtig, mein Herr.“ Ihre Stimme klang nun energisch, als sie ergänzte: „Es ist mir nicht gestattet, fremden Personen den Aufenthaltsort des Patienten mitzuteilen. Oder sind Sie mit Herrn Werner verwandt?“
Sie sahen sich immer noch direkt an.
Er überlegte, ob er sie anlügen sollte. Das wäre wahrscheinlich das Einfachste gewesen in dieser Situation. Doch er antwortete: „Nein. Verwandt sind wir nicht.“ „Dann tut es mir leid. Ich kann Ihnen nicht weiterhelfen.“
„Ich verstehe.“ Er war verärgert, ließ es sich aber nicht anmerken und bedankte sich bei ihr. Danach wandte er sich an Feldberg: „Wir gehen.“
Wenig später, als sie wieder in seinem Wagen saßen, fragte Feldberg neugierig: „Und was machen wir jetzt?“ „Wir suchen uns erstmal ein Hotel“, antwortete Alexander gelassen, startete den Motor und fuhr davon.
1*Die hochgestellten Zahlen im Text verweisen auf die Quelle, aus der zitiert wurde. Wer mehr darüber wissen möchte, findet am Ende des Buches unter „Anmerkungen“ das entsprechende Quellenverzeichnis.
6
Das Hotel, das sie nach längerem Suchen endlich in der Bremer Innenstadt fanden, hieß KLOSTERBURG und lag nicht weit vom Rathaus entfernt in einer kleinen, stillen Seitenstraße.
Es befand sich, wie sie später erfuhren, seit Kriegsende im Besitz einer Familie namens Birkenfeldt, die es von einem verstorbenen Onkel geerbt und anschließend modernisiert hatte. Der sich ihnen nun offenbarende Stil war zeitgemäß und anspruchsvoll.
Dementsprechend präsentierten sich auch die beiden Einzelzimmer, die ihnen der junge, freundliche Mann an der Rezeption zuwies, komfortabel und auf das Modernste eingerichtet. Eine kleine, zierliche Sitzgruppe, bestehend aus zwei gepolsterten, hellgrünen Cocktailsesseln vor dem Fenster, ergänzte einen kleinen, sechzig Zentimeter hohen grau-weißen Dreieckstisch, auf dem sich eine Flasche Wasser, zwei Gläser und eine Vase mit Blumen befanden. Ein großes, frisch bezogenes Bett lockte mit einem Himmel aus weißer Seide. Die dunkelgrauen Läufer auf dem Parkettboden bildeten einen Kontrast zu den dezenten, gelblichen Tapeten, die ihrerseits in einem farblichen Gegensatz zu dem dunklen Mobiliar standen.
Gegenüber dem Bett befand sich ein großer, brauner Holzschrank, in dem Alexander seine wenigen Kleidungsstücke unterbrachte. Außerdem besaß jedes Einzelzimmer ein eigenes Bad, ein separates WC und einen kleinen Balkon mit zwei Korbsesseln und einem Tisch. Nachdem jeder von ihnen sich in seinem Zimmer frisch gemacht hatte, trafen sie sich, wie vorher verabredet, in der Bar im Erdgeschoss. Sie setzten sich an einen Tisch und bestellten Kaffee.
Feldberg zündete sich eine Zigarette an und stellte anschließend mit nüchterner Stimme fest: „Genau so habe ich mir das vorgestellt. Wir kommen hierher, und nichts läuft so, wie wir uns das gedacht haben.“
„Dass man uns nicht mit offenen Armen empfängt“, erwiderte Alexander ruhig, „war doch klar. Doch das sollte uns nicht entmutigen. Im Gegenteil. Jetzt müssen wir erst recht dran bleiben. Resignation bringt uns auch nicht weiter.“
„Natürlich nicht!“ Feldberg zog genüsslich an der Zigarette. „So war das von mir auch nicht gemeint. Ich wollte lediglich damit ausdrücken, wie ich bereits heute Morgen schon sagte, dass unsere Recherche nicht einfach werden wird. Wie wir ja soeben leider erleben mussten.“
Nachdem ihnen der Kaffee serviert worden war, schwiegen sie für eine kurze Weile.
Feldberg zog ein letztes Mal kräftig an seiner Zigarette, bevor er diese im Aschenbecher ausdrückte.
Alexander beobachtete ihn dabei und nahm gleichzeitig einen Schluck Kaffee zu sich.
Dann trank auch Feldberg.
Schließlich setzte Alexander als Erster das Gesprächsthema fort, indem er sagte: „Auch wenn wir vorhin einen herben Rückschlag erlitten haben, möchte ich dennoch so weitermachen, wie ich mir das vorgestellt habe.“
„Und was heißt das genau?“, fragte Feldberg, der von all seinen Plänen natürlich keine Ahnung hatte.
„Ich habe mir auf der Fahrt hierher überlegt“, antwortete er, „dass unsere Recherche eigentlich nur von zwei Menschen abhängig ist. Da wäre zum einen Thomas Werner zu nennen, der im Krankenhaus liegt und wahrscheinlich unter Polizeischutz steht. Deswegen kommen wir auch nicht an ihn heran. Und zum anderen ist da dieser Attentäter, dessen Namen wir noch nicht kennen. Doch den bekommen wir raus. Kein Problem. Allerdings würde es die Sachlage erheblich beeinflussen, wenn wir auch an diesen Attentäter nicht herankämen.“ „Das bedeutet also, dass wir als nächstes herausfinden müssen, wo der Attentäter inhaftiert wurde?“
„Ja.“ Alexander nickte. „Das kannst du übernehmen. Ich werde mich unterdessen erkundigen, ob Thomas Werner Verwandte hat. Vielleicht bringt uns das weiter.“
Sie tranken ihren Kaffee aus und einigten sich darauf, dass sie sich an diesem Tisch wieder treffen würden. Dann trennten sie sich.
*
Knapp eine Stunde später saßen die beiden wieder an dem gleichen Tisch in der Hotelbar, die immer noch mäßig besucht war. Ein deutsches Lied, gesungen von Silvio Francesco, ertönte aus mehreren kleinen Lautsprechern, die, passend zur gesamten Einrichtung, in die Decke integriert und kaum zu erkennen waren.
„Hast du etwas erreichen können?“, fragte Alexander abwartend.
„Ja. Ich habe herausgefunden, dass der Attentäter Paul Richter heißt. Er wurde in einer Strafanstalt, die sich im Ortsteil Oslebshausen befindet, inhaftiert.“
„Kennst du auch die genaue Adresse?“
„Ja, klar.“
Anschließend berichtete Alexander, dass die Mutter von Thomas Werner noch lebe und in Bremen wohne.
„Und ausgerechnet hier wird ihr Sohn angeschossen?“
Feldberg kam derselbe Gedanke, den Alexander gehabt hatte, als er davon erfahren hatte. „Das kann doch kein Zufall sein, oder?“
„Schwer zu sagen.“ Er hielt sich zurück. „Wir können nur spekulieren. Wirklich weiterbringen könnte uns nur, mit den Betroffenen selbst zu sprechen.“
„Also müssen wir die Mutter in unsere Recherche mit einbeziehen?“ Feldbergs Frage klang eher wie eine Feststellung.
„Genau“, bestätigte Alexander und ergänzte: „Vielleicht kommen wir auch über sie an ihren Sohn heran.“
„Das sollten wir auf jeden Fall versuchen.“
„Das denke ich auch.“ Alexander nickte.
In diesem Moment steckte Feldberg sich eine neue Zigarette an und Alexander nutzte die Gelegenheit, um sofort hinzuzufügen: „Doch alles schön der Reihe nach. Zunächst sollten wir diesem Paul Richter einen Besuch abstatten. Vielleicht haben wir dort mehr Glück.“
7
Marie Isabelle Favier war einearie Isabelle Favier war eine gutaussehende, schlanke Frau von siebenunddreißig Jahren. Sie wirkte aber durch ihr Verhalten und die Kleidung, die sie gewöhnlich trug, wesentlich jünger.
Sie zeigte sich stets leicht geschminkt, wodurch ihr hellblondes schulterlanges Haar noch mehr zur Geltung kam.
Am Morgen des 7. März 1958 war sie um acht Uhr zehn mit der Bahn – aus Paris kommend – im Bremer Hauptbahnhof eingetroffen und anschließend mit einem Taxi zum Hotel KLOSTERBURG gefahren.
Dort hatte sie vor acht Tagen angerufen und eine Zimmerreservierung vorgenommen, die ihr auch noch während des Telefonats bestätigt worden war.
Sie hatte ein Einzelzimmer bekommen, und sie war erleichtert und glücklich gewesen, dass sie endlich am Ziel ihrer Reise angelangt war und ihr Versprechen einlösen konnte.
Sie hatte ihre zwei schwarzen Lederkoffer auf das Bett gelegt, sie geöffnet und deren Inhalt in den Holzschrank gelegt.
Infolge der Strapazen der Reise hatte sie sich schwach und müde gefühlt, außerdem hatte sie seit Stunden nichts mehr gegessen. Sie hätte sich am liebsten in das Bett gelegt, um zu schlafen. Aber sie hatte es nicht getan. Stattdessen hatte sie geduscht.
Währenddessen hatte sie gespürt, dass ihr Körper wieder in Schwung gekommen war. Doch das Hungergefühl war noch vorhanden gewesen. Nach dem Duschen hatte sie sich abgetrocknet und sich angezogen, ein wenig frisches Make-up aufgelegt und ihr Zimmer verlassen, um mit einem Fahrstuhl in das Erdgeschoss zu fah ren.
Ihr Ziel war das große, modern eingerichtete Hotelrestaurant gewesen, das an diesem frühen Vormittag nur von wenigen Gästen aufgesucht worden war.
Sie hatte sich an einen freien, mit weißem Porzellan und silbernem Besteck gedeckten Tisch gesetzt, der sich in einer kleinen Nische befand, und sich anhand der Speisekarte ein Frühstück ausgesucht, welches ihr nach kurzer Zeit von einem älteren, überaus freundlichen Kellner serviert worden war.
Nachdem sie gefrühstückt hatte, hatte sie die Kosten mit auf die Hotelrechnung setzen lassen, dann das Restaurant wieder verlassen und war erneut auf ihr Zimmer gegangen.
Eigentlich hatte sie sich nach dem Frühstück schlafen legen wollen, doch plötzlich hatte sie es sich anders überlegt. Sie hatte in den vorangegangenen Minuten immer wieder an das Telefonat denken müssen, dass sie eigentlich am nächsten Tag hatte führen wollen. Sie hatte zunehmend den Drang verspürt, es noch an diesem Freitag zu erledigen, damit sie um so eher alles hinter sich hatte und wieder zurück nach Paris fahren konnte. Also hatte sie einen Zettel aus ihrer Handtasche geholt, diesen neben das elfenbeinfarbige Telefon auf dem Nachttisch gelegt, den Hörer abgenommen, die Rezeption angerufen und die Hotelmitarbeiterin darum gebeten, sie mit der Nummer, die sie sich vor fünf Tagen auf dem Zettel notiert hatte, zu verbinden.
Sie hatte lange warten müssen, bis die Verbindung hergestellt worden war und sich am anderen Ende der Leitung eine weibliche Stimme gemeldet hatte: „Ja, bitte?“
„Mit wem spreche ich?“
„Wieso wollen Sie das wissen?“
Marie hatte gezögert.
Auf diese Art der Konversation war sie nicht vorbereitet gewesen. Sie hatte kurz überlegt und schließlich mit ruhiger Stimme gefragt:„Spreche ich mit Frau Werner?“ „Ja. Was wollen Sie von mir?“
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie belästige, Frau Werner. Aber ich muss dringend mit Ihnen sprechen.“
„Was soll das?“ Die Stimme von Frau Werner hatte aufgeregt geklungen. „Sind Sie von der verdammten Presse? Können Sie mich denn niemals in Ruhe lassen?“ „Nicht doch, Frau Werner.“ Marie war nervös geworden, obwohl sie die ganze Zeit versucht hatte, dieses Telefonat ruhig und sachlich zu führen. „Ich bin nicht von der Presse.“
„Sie sind keine Reporterin?“
„Nein.“
„Das glaube ich nicht. Das ist doch nur ein billiger Trick von Ihnen, damit Sie mit mir sprechen können.“
„Bitte, Frau Werner, so glauben Sie mir doch“, hatte Marie höflich erwidert. „Ich arbeite für keine Zeitung. Auch nicht für das Fernsehen.“
„Wer sind Sie dann?“
„Ich heiße Marie Isabelle Favier.“
„Sie sind keine Deutsche?“
„Nein. Ich bin Französin.“
„Sie rufen mich aus Frankreich an?“
„Nein. Ich bin hier in Bremen. Im Hotel KLOSTERBURG. Kennen Sie es?“
„Ja. Aber warum sind Sie hier?“
„Weil ich Sie unbedingt noch heute treffen muss.“
„Deswegen rufen Sie mich an?“
„Ja, Frau Werner“, hatte Marie erleichtert reagiert.
„Ich kenne Sie doch überhaupt nicht.“
„Es ist momentan auch nicht wichtig, ob Sie mich kennen oder nicht. Wichtig ist nur, was ich Ihnen zu sagen habe, Frau Werner.“
„Das können Sie mir auch genauso gut am Telefon sagen.“
„Nein, das möchte ich nicht. Das muss ich Ihnen schon persönlich mitteilen.“
Es war eine kurze Pause entstanden.
„Also schön“, hatte Frau Werner eingewilligt. „Ich bin bereit, Sie zu treffen.“
„Heute noch?“
„Nein. Das ist mir leider nicht möglich.“
„Dann am Samstag?“
„Ja. Sagen wir um zwölf Uhr?“
„In Ordnung. Und wo?“
„Bei mir.“
„Ich werde pünktlich bei Ihnen sein, Frau Werner.“
„Sie wissen, wo ich wohne?“
„Ja“, hatte Marie geantwortet. „Ich weiß sehr viel von Ihnen und Ihrem Sohn.“
„Woher?“
„Das erzähle ich Ihnen dann morgen.“
Mit einem lapidaren „Wie Sie meinen!“ hatte Frau Werner das Gespräch beendet.
8
Als Marie am nächsten Morgen gegen zehn Uhr im Hotelrestaurant saß und frühstückte, lauschte sie einem Gespräch, das zwei ältere Männer an einem Nebentisch miteinander führten.
Sie unterhielten sich über einen schrecklichen Mordanschlag, der sich am gestrigen Abend ereignet hatte, und als einer der beiden den Namen des Opfers nannte, fiel Marie vor Schreck das Messer aus der rechten Hand, mit dem sie sich gerade eine Scheibe Brot mit Marmelade hatte bestreichen wollen.
Die beiden Männer schwiegen plötzlich und sahen zu ihr hinüber.
„Was sagen Sie? Man wollte Thomas Werner töten?“ Sie sah die beiden Männer entsetzt an.
„Ja. Gestern Abend, kurz nachdem er sein Konzert beendet hatte“, antwortete einer von beiden gleichgültig. „Er gab ein Konzert? Wo war das?“
„Hier in Bremen. Im Konzerthaus DIE GLOCKE.“ „Woher wissen Sie das?“
„Was?“
„Das mit dem Mordanschlag?“
„Aus den Nachrichten, die ich vorhin im Radio gehört habe.“
Marie schauderte es. Ihr war plötzlich die Befürchtung gekommen, dass Thomas Werner womöglich dem Anschlag zum Opfer gefallen war, bevor sie mit ihm hatte sprechen können. Und seine Mutter?, dachte sie weiter. Vielleicht war sie auch dabei gewesen? Vielleicht war sie jetzt tot? Eine entsetzliche Vorstellung!
„Und wurde auch gesagt, ob … Thomas Werner … tot ist?“, fragte Marie zögernd.
„Nein. Es wurde nur berichtet, dass er zwar getroffen, aber nicht tot sei.“
„Gab es überhaupt … Tote?“ Sie sprach leise.
„Ja. Ein Mann wurde erschossen.“
Marie schwieg und verspürte plötzlich eine gewisse Erleichterung. Dennoch war sie nicht restlos von der Aussage des ihr unbekannten Mannes überzeugt. Es bestand durchaus die Möglichkeit, dass auch Frau Werner von dem Attentäter getroffen worden war. Das musste sie unbedingt in Erfahrung bringen. Sofort.
Marie stand auf. „Vielen Dank für Ihre Auskünfte“, sagte sie hastig und eilte davon.
Die beiden Männer sahen ihr verwundert hinterher.
Marie ging auf ihr Zimmer, rief die Rezeption an und bat um ein Taxi, nahm ihre kleine braune Handtasche und lief in die Empfangshalle, wo sie sich in einem gepolsterten Armsessel niederließ und ungeduldig auf das Taxi wartete, das nach zehn Minuten endlich eintraf.
9
„Warum wollten Sie Thomas Werner töten?“, fragte Alexander.
„Weil die das von mir verlangt haben“, antwortete Paul Richter. „Sicherlich werden Sie sich jetzt bestimmt fragen, wer die sind, nicht wahr? Aber das weiß nicht einmal ich, das müssen Sie mir glauben“, fuhr er betont fort, und als er merkte, dass sie ihn abwartend musterten, ergänzte er: „Es fing damit an, dass ich vor zwei Wochen Post bekam, ohne Absender. Natürlich las ich den Brief, der mit einer Schreibmaschine verfasst worden war. Darin stand, dass man wüsste, was ich während des Krieges getan habe, und man es der hiesigen Polizei melde, falls ich bestimmten Anweisungen nicht Folge leistete.“
„Was haben Sie denn während des Krieges getan?“, fragte Alexander neugierig, machte sich gleichzeitig einige Notizen und schaute ihm danach wieder in die Augen.
Die beiden saßen sich an einem kleinen hölzernen Tisch inmitten eines bescheidenen, trostlos wirkenden Raumes gegenüber. Das Zimmer diente in der Strafanstalt offiziell als Bereich, in dem Häftlinge sich mit ihren Anwälten oder Besuchern unterhalten konnten.
Ein dicker, grauhaariger Wärter, der während des Gesprächs schweigend und anscheinend gelangweilt auf einem knarrenden Holzstuhl neben der Tür saß, hatte Alexander und Feldberg hierhin gebracht, nachdem Richter ihrem Wunsch nach einem Gespräch – überraschenderweise – zugestimmt hatte.
„Sie wollen wissen, was ich während des Krieges getan habe?“, wiederholte Richter nach einer kurzen Pause monoton. „Das werde ich Ihnen alles erzählen, meine Herren.“
„Alles?“ Alexander war zuversichtlich.
„Ja, alles“, bestätigte der Achtundvierzigjährige, der infolge einer Erpressung zum Mörder geworden war, nun fast mit Erleichterung in der Stimme.
Alexander sah ihn sich jetzt genauer an, im hellen Lichtschein der schlichten Lampe, die von der Zimmerdecke herabhing.
Das braune, dichte Haar auf seinem kleinen, schmalen Kopf trug er nach hinten gekämmt. Sein Gesicht war sehr blass, und die dunkelgrünen Augen schienen leicht gerötet zu sein.
Er gewann den Eindruck, dass sein Gegenüber in der vergangenen Nacht nur sehr wenig geschlafen hatte, wenn überhaupt.
„Das wollen Sie doch von mir hören“, setzte Richter, plötzlich energisch, hinzu.
Sie sahen einander immer noch an.
„Was wollen wir hören?“, fragte Alexander vorsichtig. Er wollte ihn nicht verärgern.
„Die ganze Wahrheit.“
Natürlich hoffte Alexander darauf. Doch ihm das direkt zu bestätigen, vermied er. Stattdessen schränkte Alexander ein: „Sie brauchen uns nur so viel zu sagen, wie Sie für richtig empfinden.“
„Ich weiß. Dennoch sollen Sie wissen, dass ich Ihnen unbedingt alles sagen will“, wiederholte er gelassen. „Weil Sie von der Presse sind und meine Geschichte veröffentlichen werden. Habe ich recht?“
„Ja. Das haben Sie, Herr Richter. Aber nur, wenn Sie damit einverstanden sind.“
„Das bin ich.“
„In Ordnung.“ Alexander notierte sich seine Zustimmung und forderte ihn anschließend auf: „Dann fangen Sie mal an zu erzählen.“
Und Paul Richter erzählte …
*
… nie würde er jene klare, heiße Augustnacht des Jahres 1943 in der damaligen Reichshauptstadt vergessen, als er zusammen mit seiner Frau Hilde in dem einzigen großen Keller seines kleinen Hauses gesessen hatte, das er einige Monate zuvor im Stadtteil Zehlendorf gekauft hatte.
Beide schwiegen und lauschten gespannt auf die deutlich wahrzunehmenden, heftigen Detonationen der abgeworfenen Bomben. Bereits seit einer Stunde befanden sie sich hier unten, denn die über sechshundert Bomber der Royal Air Force griffen Berlin scheinbar immer wieder an.
Es war kurz nach Mitternacht.
Immer noch brannte das Licht, flackerte jedoch ab und zu heftig, und auch der Volksempfänger, den Paul Richter beim Betreten des Kellerraums sogleich eingeschaltet hatte, funktionierte noch einwandfrei. Er stand auf einem kleinen runden Holztisch neben der alten unbequemen Couch, auf der beide Platz genommen hatten. Nach längerer Zeit verstummte plötzlich die Musik, und eine weibliche Stimme verkündete: „Achtung! Achtung! Wieder eine neue Luftlagemeldung: Immer noch wird unsere Reichshauptstadt von feindlichen englischen Bomberverbänden angegriffen, obwohl unsere tapfere und ausgezeichnete Luftwaffe mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, die Angreifer unaufhörlich zu bekämpfen. Dank unserer Jagdflugzeuge, die sich ständig im Einsatz befinden, wurden bis jetzt elf Bomber des Feindes abgeschossen.“
Die Stimme schwieg abrupt.
Dann ertönte wieder klassische Musik.
„Wie fühlst du dich, Hilde?“, fragte er fürsorglich.
„Ich habe so schreckliche Angst, Paul“, antwortete sie schluchzend und sah ihn dabei an.
Er erwiderte ihren Blick und versuchte sie zu beruhigen: „Du brauchst dich nicht zu fürchten. Hier unten sind wir sicher.“
„Ich fürchte mich auch nicht vor den Bomben.“
„Wovor sonst?“ Er runzelte nachdenklich die Stirn. „Davor, dass du mich verlässt.“
„Aber warum sollte ich dich verlassen?“
„Weil ich glaube, dass du mich nicht mehr liebst.“
„Aber Hilde!“, widersprach er grinsend, obwohl ihm nicht danach zumute war. „Das ist doch absurd. Ich liebe dich noch genauso wie am ersten Tag, als wir uns begegnet sind.“
„Ja?“
„Ja.“
„Dann erklär mir bitte, wer die andere Frau ist“, kreischte sie, plötzlich unbeherrscht.
„Welche andere Frau?“ Er mimte weiterhin den Unschuldigen, obwohl er sich durchaus im Klaren darüber war, worauf seine Frau – mal wieder – zu sprechen kam. Das kannte er schon. Und er blieb gelassen.
„Jene Frau, mit der du vorgestern im Hotel EXCELSIOR gesehen worden bist.“
„Aber ich war vorgestern überhaupt nicht im Hotel EXCELSIOR.“
„Warst du nicht?“ Es klang ironisch.
„Nein.“
„Und natürlich hast du auch keine Geliebte?“
„Natürlich habe ich keine Geliebte“, log er und vermied es, sie anzusehen.
„Du bist ein verdammt schlechter Lügner, Paul“, sagte sie beherrscht.
Irgendwo in der Nähe schlug in diesem Moment eine Bombe ein, und durch die Explosion bebte die Erde, was beide unweigerlich spürten.
Das Licht flackerte erneut für kurze Zeit.
„Ich bin kein Lügner.“
„Doch. Das bist du!“, beharrte sie. Hilde war dreiunddreißig Jahre alt, genau wie er. Sie hatte hellblondes, langes Haar und ein schönes Gesicht mit blauen Augen und schmalen Lippen.
In dieser Nacht trug sie nur einen aus dünnem Stoff hergestellten Morgenmantel, den sie sich hastig im Schlafzimmer übergezogen hatte, bevor sie in den Kellerraum geeilt war – während die Sirenen draußen die drohende Gefahr angekündigt hatten …
Paul Richter, der die ausweglose Situation erkannte, in die sie ihn gebracht hatte, sah sie dennoch offen an und wiederholte beschwichtigend: „Ich bin kein Lügner.“ Und als sie darauf nichts erwiderte, setzte er hinzu: „So glaube mir doch endlich, Hilde.“
„Nein. Ich glaube dir nicht ein Wort.“
„Und warum nicht?“
„Weil ich dich beschatten ließ in letzter Zeit.“
Wieder eine Explosion. Wieder flackerte das Licht.
„Du hast mich beschatten lassen?“ Er war verärgert.
„Ja.“ Sie nickte kaum sichtbar.
„Und von wem?“
„Was meinst du?“
„Wer hat mich beschattet?“
„Ein Detektiv.“
„Ein Detektiv?“, wiederholte er ungläubig.
„Ja.“
„Und von dem hast du erfahren, dass ich mich mit einer anderen Frau getroffen habe?“, stellte er mehr für sich selbst fest.
„Ja.“
