Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein missmutiger Witwer, der jeden Tag der Nachbarin hinter der Gardine winkt. Eine Frau im Krankenhaus, die ständig ruft, um nicht vergessen zu werden. Ein Alzheimerpatient, der jede Sorte Kleidungsstück doppelt anzieht. Ein Straßenräuber, der von drei kleinen Hunden in Schach gehalten wird: Die Erzählungen von Martin Grigat sind voll von Beobachtungen, in denen Tragik und Komik eng beieinander liegen und hinter dem Alltäglichen immer wieder das Absurde sichtbar wird. Der 1971 in Oyten geborene Autor erkrankte im Jahr 2003 an einer besonders schweren Form von Multipler Sklerose. Seine Geschichten verfasst er mithilfe eines Computers, der sich mit den Augen bedienen lässt. Einige der Texte in diesem Buch sind autobiografisch und erzählen vom Leben mit der Krankheit und in dem Pflegeheim, in dem er heute zu Hause ist - aber auch von der Zeit davor, von seiner Leidenschaft für Billard und Handball wie von - manchmal unwiderstehlich komischen - Erlebnissen bei der Ausbildung und bei der Bundeswehr. Neben autobiografischen Stücken und fiktiven Prosaskizzen runden drei Kurzkrimis das Buch ab. Und überall besticht Martin Grigat mit einer schnörkellosen Sprache, einem lakonischen Ton und nicht zuletzt mit immer wieder aufscheinendem trockenem Humor.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 61
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Einfallswinkel ist gleich Ausfallswinkel
Mein Leben hat sich sehr verändert
Herr Müller und die Schranktür
Die Gedanken der anderen
Die Nachtwache
Ein Nickerchen am Nenster
Tommy und Taffy
Agranulosytose
Mein erster Job
Meine Ausbildung
Bundeswehr
Die Erkrankung
Herr Müller und die Wanderschaft
Hallo!
Mitoxantron
Fotokopf
Mein Leben im Pflegeheim
Herr Müller und das doppelte Lottchen
Morgen, heute, gestern
Der Chef und seine drei Beschützer
Die Prinzessin und das Blumenfeld
Herr Lehmann und das Gesundheitsamt
Die Bombe
Die Balkontür
Eric
Früher
Zuerst will ich erklären, warum dieser Titel. Bevor ich an multipler Sklerose erkrankte, habe ich gerne Billard gespielt. Im Grunde ist Billard Mathematik. Das soll nicht heißen, dass ich besonders gut in Mathematik wäre. Aber man muss eigentlich nur erkennen, wie sich mehrere Kugeln zueinander verhalten. In dem Wörtchen »nur« liegt aber auch das Geheimnis. Richtig gute Spieler, die mehrere Stunden täglich trainieren, können den zeitgleichen Lauf von mehreren Kugeln vorhersagen.
Man kann also alles berechnen. Wenn eine Kugel an eine Bande schlägt, kommt sie im gleichen Winkel zurück.
Aber das hier soll kein Fachbuch werden, und bevor die Nichtinteressierten einschlafen, die Interessierten dafür ihre Hände über dem Kopf zusammenschlagen, weil ich anfange, Blödsinn zu reden, höre ich lieber auf.
Früher waren meine Leidenschaften Handball, Billard, Bowling und Computer, plötzlich konnte ich das alles nicht mehr. Handball und Bowling sind zu körperlich, Billard und Computer zu filigran, jedenfalls, was ich am Computer so gemacht habe. Ich habe nach Bedarf selbst am Computer herumgeschraubt. Besonders das Innenleben mit seinen diversen Steckern und Kabeln ist eine echte Fummelarbeit. Ich habe zu Beginn versucht, damit weiterzumachen, aber das Ganze war extrem schwierig. Selbst ich, der ziemlich geduldig ist, wurde nervös, wenn das verdammte Kabel nicht auf den Stecker wollte.
Ich habe eine Alternative gefunden. Seit Kurzem habe ich einen Computer, den ich mit meinen Augen bedienen kann. Ich war oft im Krankenhaus und habe dabei einiges erlebt. Diese Erlebnisse habe ich aufgeschrieben. Um dieses Buch aufzulockern, flechte ich sie hier von Zeit zu Zeit ein.
Zwar ist dies kein Ersatz für ein Handballspiel (das ich wirklich vermisse), aber es gibt mir die Möglichkeit, meine Erlebnisse zu verarbeiten.
Eine höhere Macht war der Meinung, dass es besonders witzig wäre, wenn ich Multiple Sklerose bekäme.
Ich bekam die Diagnose 2003. Damals war ich dreißig. Ich bin im Laufe der Zeit häufiger im Krankenhaus gewesen. Es wurde immer versucht, mich in einem Einzelzimmer unterzubringen. Das war aber nicht immer möglich. Davon handelt diese Geschichte.
Einmal war ich mit einem Mann auf dem Zimmer, der unter Alzheimer im Frühstadium litt. Ich habe bei ihm immer von Herrn Müller gesprochen, um seine Anonymität zu wahren, aber hauptsächlich, weil ich mir mit dem Namen nicht ganz sicher bin.
Die Schränke im Krankenhaus waren abschließbar. Ich ließ meinen immer offen, aber er schloss seinen immer ab.
Einmal wachte ich von einem lauten Poltern auf. Herr Müller versuchte seinen Schrank aufzuschließen. Er verwendete dafür aber nicht den Schrankschlüssel, sondern einen anderen. Natürlich hatte das nicht funktioniert, was er mit einem lauten Fluchen quittierte.
Ich sagte zu ihm: »Lass gut sein. Du kannst heute sowieso nichts machen.«
»Das stimmt«, sagte er, »aber gleich morgen rufe ich den Schlosser an. Es ist typisch, dass ich den Schrank mit einem defekten Schloss erwische.«
Oftmals steht man vor der Herausforderung, zu erkennen, was das Gegenüber denkt. Am einfachsten wäre es, wenn es das denkt, was man weiß.
Da jede Person ein individuelles Wesen ist, besteht die Aufgabe darin, ihr meine Meinung so zu verkaufen, dass sie davon überzeugt ist. Am einfachsten erreicht man das, wenn das Ganze von ihr kommt. Aber sehr oft teilt mein Gegenüber nicht meine Meinung. Was tut man dann? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man der Person das Gefühl geben muss, dass alles von ihr kommt. Ein Beispiel: Die Person möchte einen Schrank an der Wand B aufbauen, ich würde aber die Wand A bevorzugen, dann versuche ich sanft zu überzeugen. Ich behaupte einfach: »Oder wir probieren es so, wie du sagst, und bauen ihn dann eventuell doch an der Wand A auf.« Damit gebe ich ihr was zu grübeln, zeige aber gleichzeitig meine Bereitschaft, Fehler einzugestehen.
Interessant wird es, wenn man eine Gruppe vor sich hat. Das erfordert einiges an Fingerspitzengefühl. Schön ist es, wenn man der Gruppe das Gefühl gibt, etwas zu tun, was sie will. Man darf nicht offensichtlich der Chef sein. Man muss die Überzeugung geben, dass man lediglich ein Teil der Gruppe ist. Damit umgeht man manche Probleme.
Ich lebe in einem Pflegeheim. In letzter Zeit war ich häufiger im Krankenhaus. Da habe ich viele verschiedene Nachtwachen kennengelernt. Eines muss ich sagen: Egal ob Krankenhaus oder Pflegeheim, vor den Nachtwachen habe ich den größten Respekt. Wer denkt, die Nachtwache hat einen easy Job, der täuscht sich. Neben der Betreuung ihrer eigenen Patienten muss sie auch auf anderen Stationen aushelfen. Sie muss die Arbeit, die am Tag von mehreren Personen erledigt wird, allein bewältigen. Und sie muss zu fast allen Problemen eine Lösung parat haben. Am besten muss sie an mehreren verschiedenen Orten gleichzeitig sein. Sie hat nur selten jemanden, den sie um Rat bitten kann.
Ich bewundere die Ruhe, die sie hat. Sie schafft es durch ihre entspannte und einfühlsame Art, beruhigend zu wirken.
Mein Dad hatte viele gute Sprüche auf Lager. Wahrscheinlich habe ich daher meine Sprachgewandtheit. Es gibt allerdings eine Sache, die hat für eine Menge Verwirrung gesorgt. Mein Dad lebte eine Zeitlang im Trump-Land (Amerika). In Chicago (wo er wohnte) wird anscheinend kein weiches »th« gesprochen. Als ich mit ihm Englisch übte, ging ich am nächsten Tag stolz zur Schule. Dann musste ich feststellen, dass vieles von dem Gelernten zumindest fragwürdig war. Alle Worte mit »th« hatte ich falsch ausgesprochen. So sprach ich zum Beispiel das Wort »three« wie Baum, also »tree«, aus. Da war mein Stolz nicht mehr so groß.
Ach so, die Erklärung, warum ein Nickerchen am Nenster: Immer wenn mein Dad zu Hause war und man kam dazu und fragte ihn, was er gemacht hat, bekam man diese Antwort. Ich habe erst nicht verstanden, was es heißen soll. Dann habe ich den Witz begriffen.
Wir hatten eine Katze, Tommy. Dann kam noch ein kleiner Hund dazu, Taffy. Eine Szene ist unvergessen.
Also, Taffy war neu. Und so, wie es bei jungen Hunden häufig vorkommt, hörte er erst mal nicht auf seinen Namen.
Wir standen in unserer Straße, Tommy saß daneben und hatte sich das ganze Schauspiel angesehen. Taffy lief die Straße runter, und wir riefen ihn. Er lief und scherte sich nicht um uns. Wir riefen und er lief, er lief und wir riefen.
Dann kam das Unvermeidliche: Tommy bekam ihren »Einsatzbefehl«.
Sie rannte daraufhin zu Taffy, hieb ihm mit ihrem Pfötchen über sein Schwänzchen. Worauf Taffy zu Frauchen rannte, und Tommy ging mit breiter Brust hinterher.
Ich habe immer behauptet, dass ich nur mit Tommy drohen musste, aber vielleicht hat er mich auch nicht verstanden.
I
