... alles muss versteckt sein! - Monika Heintze - E-Book

... alles muss versteckt sein! E-Book

Monika Heintze

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Beschreibung

Schon mit fünf Jahren weiß Hanna, dass Verstecken nicht nur ein Spiel ist. Wenn im Berliner Umland die Tiefflieger kommen, kann es überlebenswichtig sein. Doch nicht nur vor den Bomben, auch vor dem Macht- und Kontrollanspruch der Mutter versteckt sich Hanna: „Verstockt ist sie. Man muss ihn brechen, ihren Willen zur Eigenmächtigkeit.“ Hanna erzählt von ihren Fluchtorten, wie den Märchen oder der Schaukel, von ihrer ersten Lehrerin, die ihre künstlerische Begabung entdeckt und fördert, von der Solidarität unter den Kindern auf dem Hof. Im Alltag der Nachkriegszeit sucht sie immer neue Wege, den Einschränkungen und der Gewalt seitens der Mutter zu entkommen. Sie kämpft um ihren Traum, Künstlerin zu werden. Monika Heintze beschreibt die innere Welt des heranwachsenden Kindes mit literarischer Präzision und Authentizität, die von pädagogischer Kenntnis und großer Einfühlsamkeit zeugt.

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Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Monika Heintze

… alles muss versteckt sein!

Jaron Verlag

MONIKA HEINTZE ist Berlinerin. Schon als Kind begeisterte sie sich für Kunst, später unterrichtete sie Kunst an einer Sonderschule für lernbehinderte Kinder. Bis heute nimmt sie mit ihren Gemälden an Ausstellungen im In- und Ausland teil. Das Schreiben hat sie vor etwa sechs Jahren für sich entdeckt.

1. Auflage 2025

Jaron Verlag GmbH, Erdmannstr. 6, 10827 Berlin

[email protected]

www.jaron-verlag.de

© 2025 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werks und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlags erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

Umschlaggestaltung: Manja Hellpap, typografie.berlin unter Verwendung von Motiven der Deutschen Fotothek / des Bundesarchivs (Vorderseite: © Deutsche Fotothek / K. T. Gremmler, Mädchen mit Zöpfen und Schleifen auf der Schaukel 1938/1941; Rückseite: © Bundesarchiv / O. Donath, Bild 183-M0016-0335, CC-BY-SA 3.0)

Satz: Prill Partners|producing, Barcelona

Lithografie: Bild1Druck GmbH, Berlin

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

ISBN 978-3-95552-085-4

Für Wolfgang

Inhalt

Wandlitzsee

Müssen wir es Mutter sagen?

Vater – Mutter – Kind

Hanna hebt die Flügel

Milch – Zucker – Kakao

Rhabarber

Große Wäsche

Spiegelsberge

Dachschaden

War doch klar, dass det rauskommt

Dank

Wandlitzsee

Die Netze der Spinnen leuchten. Regentropfen zittern an den feinen Fäden. In allen Büschen blitzt es silbrig. Wie die Glasdinger am Weihnachtsbaum. Die glitzern auch, aber nur wenn die Kerzen brennen. Die hier sind kleiner und machen keinen Ton. Die Spinnennetze wackeln, wenn der Wind zustößt. Und wenn er sie kaputtreißt? Dann ärgern sich die Spinnen.

Ich will die Eltern überraschen. Ich hab den Korb vom Kachelofen geangelt und bin in den Wald gelaufen. Der ist ganz nah am Haus. Pilze für das Abendessen sammeln. Mutter soll die Pilze braten. Mit viel Speck, wenn er nicht schon wieder alle ist. Und einen Turm aus Petersilie aus dem Garten obendrauf. Wir können das Graubrot nehmen und in die fette Soße tunken. Vater wird wie immer sagen:

Du machst die Pilze beinahe so gut wie meine Mutter.

Dann zieht Mutter ein komisches Gesicht, und Vater lacht.

Heute ist Mutter rüber zu Frau Hinze gegangen, unserer Nachbarin. Einen Rock verlängern. Vater hat Holz hinterm Schuppen gestapelt. Für den Winter. In der Mittagssonne war es noch warm. Ich sollte mit Puppen und einer Decke hinterm Haus spielen. Aber das ist langweilig. Das hab ich schon gestern gemacht. Ich wollte etwas anderes. Etwas Heimliches. Staunen sollen die Eltern, dass ich so viele Pilze kenne. Ich kann sie sogar von Weitem riechen. Aber du bist doch kein Spürhund, hat Vater gesagt. Besonders stark duften Grünlinge. Sie mögen den Sandboden unter den Kiefern. Manche ihrer grün-braun-schuppigen Hüte sind verknautscht wie Vaters Stofftaschentuch, wenn er es aus der Hosentasche zieht. Die vertrockneten Nadeln und den Sand kann ich abmachen. Ganz zarte weiße Lamellen hat der Grünling unter seinem Hut. Wie ein Fächer, den man zuklappen kann.

Die Butterpilze sehen von oben glitschig aus. Denen kann man die Haut vom Kopf abziehen. Dann haben sie eine Glatze. Unter dem Hut sieht man die zusammengequetschten Röhren. Gelb wie Butter. Vater denkt beim Pilze sammeln, ich nehme die falschen, bin noch zu klein zum richtig Hingucken. Aber nächsten Frühling bin ich schon sechs und komme in die Schule. Doch nur, wenn der Krieg vorbei ist.

Erst hab ich geglaubt, wenn ich alle meine Spielsachen in der Wohnung in Berlin lassen muss, hab ich nichts mehr hier in Wandlitzsee, womit ich spielen kann. Ich hab geschrien und mich auf den Boden geworfen. Mutter und Vater haben mir einen großen Garten versprochen mit Blumen drin und Bäumen, wo Kirschen und Äpfel dran wachsen, die ich selber pflücken kann. Mit einer Leiter. Aber ich hab es ihnen nicht geglaubt. Sie sagen öfter Sachen, die nicht wahr sind, und denken, ich merke das nicht.

Wir gehen in ein Gartenhaus nach Wandlitzsee, haben sie gesagt. Das ist nicht weit weg von Berlin. Da heulen keine Sirenen und du musst nicht nachts aus dem Bett und dich anziehen und die vielen Treppen runter in den Luftschutzkeller rennen.

Nichts durfte ich mitnehmen. Meine neuen bunten Bauklötzer nicht, mein Dreirad nicht, mit dem ich immer auf dem Hof rumfahre, nicht mal das Puppenbett, das mir Tante Änne aus Pankow zum Geburtstag geschenkt hat, auch nicht meine Holzeisenbahn. Alles haben sie verboten.

Ist ja nicht für lange. Ist ja nur, bis der Krieg vorbei ist.

Zwei Puppen für den Korbpuppenwagen. Bubi und die Knuddelpuppe. Und das Buch vom Struwwelpeter. Den Teddy hab ich einfach nicht losgelassen, als sie mich ins Lastauto geschoben haben, wo die Möbel drauf waren für den Umzug nach Wandlitzsee.

Schon wieder ein Grünling. Bald ist der Korb voll. Ich werde ihn vorsichtig bis an sein Wurzelwerk ausgraben. Ich hab sowieso schon die Finger voll Erde und das Pilzmesser vergessen. Mutter wird sich ärgern über den vielen Sand.

Vorhin war es nicht da. Das Brummen. Es klingt gefährlich und wird lauter. Das kenne ich von Berlin: Schnell, schnell, wach auf, Hanna, zieh den Mantel übers Nachthemd. Wir müssen rennen, sonst lässt der Blockwart uns nicht mehr rein.

Sehen kann ich sie nicht. Nur Bäume und kein Himmel. Hoffentlich sind es nicht Tiefflieger. Wo ist der Korb? Schnell raus aus dem Wald. Da, wo das Heidekraut steht, kann ich nach oben gucken.

Es sind doch Tiefflieger. Die kenn ich. Sie werfen kleine Dinger ab. Granatsplitter. Gefährlich sind die. Spitz und heiß und können den Kopf und die Arme und Beine oder den Rücken kaputt machen. Ich hab welche gesammelt. Aber erst, wenn die Flieger weg waren und die Granatsplitter sich abgekühlt hatten. In einem leeren Weckglas. Immer wenn die Sonne drauf scheint, glänzen sie. Wie Diamanten von der Krone von Königssöhnen.

Ich muss zurück in den Wald. Die da oben denken bestimmt nicht, dass ich eine Vogelscheuche bin. Die gucken durch ihre Ferngläser und wollen mich treffen. Ich muss den Graben finden und mich reinwerfen. Dann können sie mich nicht sehen und schmeißen keine Bomben. Aber wo ist er? Auf dieser oder auf der anderen Seite?

Ich kann die Pilze nicht mitnehmen. Ich kippe sie aus. Ich brauche den Korb für meinen Kopf. Den Kopf muss man schützen. Das ist das Wichtigste. In Berlin musste ich im Luftschutzkeller immer einen Kochtopf oder einen Kaffeekannenwärmer aufsetzen. Wenn mein Platz zu weit weg war, konnte ich die Märchen nicht richtig verstehen, die Frau Schäfer erzählt hat.

Der Korb ist viel zu groß. Er schaukelt mir auf dem Kopf hin und her. Ich kann nichts sehen. Sie müssen genau über mir sein. Ich glaube, sie haben gewendet. Sie sind zurückgekommen. Sie werden mich sehen. Gleich werden sie eine Bombe werfen.

Es war die richtige Seite. Hier fängt der Graben an. Ich muss mich flach und lang machen, das Gesicht in Sand und Steine drücken. Egal wie ich hinterher aussehe. Liegenbleiben, mich nicht rühren, die Augen zumachen. Vielleicht denken sie, ich bin ein Stück vom Graben. Tief ein- und ausatmen. So wie Vater sagt, wenn ich vom Schnelllaufen Seitenstechen bekomme: Atme langsam und tief.

Bin ich eingeschlafen? Die Vögel machen wieder Töne. Ein Specht klopft. Ich höre Äste knarren. Keine Motorengeräusche mehr.

Ich werde furchtbare Haue bekommen.

Erst mal Sand und Kiefernnadeln abschütteln. Und die Steinchen aus dem Gesicht. Ist da Blut an der Backe? Hab ich gar nicht gemerkt.

Zu Hause wissen sie nicht, wo ich bin. Sie werden mich gesucht haben und wütend auf mich sein. Vielleicht waren die Flugzeuge nur über dem Heidekraut-Platz. Vielleicht haben die Eltern sie gar nicht gehört.

Soll ich die ausgekippten Pilze wieder einsammeln? Wenn ich was zum Essen mitbringe, denkt sich Mutter vielleicht eine andere Strafe aus als die mit dem Stöckchen.

Der Himmel ist wieder blau und leer, der Korb nur noch halbvoll, die Pilze zerbröckelt.

Es fängt an, dunkel zu werden. Ich gehe lieber nicht quer durch den Wald. Ich gehe lieber auf dem Weg zurück. Gegen das Dunkle hilft laut singen, meint Vater.

Da liegt was im Graben. Wie Fell. Hellbraun mit weiß. Ein Kaninchen! Es duckt sich. Warum läuft es nicht weg? Ist es tot?

Ein Hundebaby! Du bist ja süß! Hast dich vor den Flugzeugen versteckt, stimmt’s? Du brauchst keine Angst zu haben. Die sind schon lange weg.

Es hat vertrocknete Blätter im Fell. Und Kiefernnadeln. Und das Dunkle hier? Blut? Kannst du nicht laufen? Tut dir die Pfote weh? Ich mach mal den Sand aus deinem Fell.

Wenn du nicht laufen kannst, trag ich dich im Korb. Ich kippe die Pilze aus und setze dich dafür rein. Haben wir eben nur Specksoße zum Abendbrot. Strafe gibt’s sowieso. Mit oder ohne Pilze.

Frau Hinze hat Milch von Lotte. Hoffentlich magst du Ziegenmilch. Ich muss sie trinken, damit ich gesund bleibe. Aber sie schmeckt ekelig wie Lebertran.

Hundchen, willst du mit mir spielen, wenn du wieder laufen kannst? Ich bin alle Tage alleine. Eveline und Christa sind in Berlin geblieben. Die dürfen immer abends kein Licht anmachen, wenn Verdunkelung ist, und müssen beim Fliegeralarm mitten in der Nacht in den Bunker rennen.

Du bist schwer, Hundchen, obwohl du noch klein bist. Magst du ein Mädchen mit roten Haaren und Sommersprossen? Christa und Eveline sagen immer, meine roten Haare und meine grünen Augen sind nicht richtig.

Sie sagen, meine Haare haben eine falsche Farbe. Richtige Haare sind blond. Und richtige Augen sind blau.

Hundchen, du musst keine Angst haben, auch wenn es immer dunkler wird. Das sind alles nur Bäume. Die sehen aus wie Riesen, aber die gibt es ja nur im Märchen. Magst du Märchen? Ich kann dir alle erzählen. Vater liest mir welche vor. Nach dem Abendbrot. Zu Hause setz ich dich in meinen Puppenwagen und schiebe dich, wohin du willst. Bis du wieder laufen kannst.

Du sollst Wuschel heißen. So wie dein Fell. Wuschelig und weich. Hab ich zu viel geredet? Du bist ja eingeschlafen.

Hanna! Hanna!, ruft Vater durch den Wald.

Er rennt. Sein linker Arm rudert über dem Kopf. Der rechte hängt in der schwarzen Schlinge. Bestimmt hat er wieder Schmerzen.

Was hast du uns für Angst gemacht! Er pustet, als ob er seinem Atem hinterherläuft.

Wir haben dich gesucht. Jede Stelle im Garten und auf der Straße.

Nein, nein, das ist kein Grund. So eine Überraschung wollen wir nicht.

Natürlich hätten wir dir verboten, alleine in den Wald zu gehen.

Ja, das war richtig, dass du in den Graben geflüchtet bist. Deine Mutter sitzt mit Herzschmerzen vorm Haus. Versprich mir, dass du das nie, nie wieder tust.

Was ist denn in dem Korb?

Hanna! Das geht nicht.

Nein, behalten darfst du ihn nicht. Auch nicht, wenn er niemandem gehört.

Hör auf zu betteln. Wir können keinen Esser mehr brauchen.

Er bleibt doch nicht so klein. Er braucht eine Menge Futter.

Doch, auf deine Strafe kannst du dich verlassen.

Mutter ringt die Hände, als Vater und ich den Gartenweg entlangkommen. Frau Hinze steht neben dem Terrassensessel und zupft an der Decke über Mutters Knien. Die Glühbirne an der Holzüberdachung schaukelt im Wind.

Mutter wird mich nicht das Stöckchen holen lassen, solange Vater und Frau Hinze dabei sind. Aber was wird sie zu dem Hundebaby sagen?

Vorsichtig halte ich ihr den Korb hin. Ein Schrei. Mutter springt auf. Der Sessel kippt hinter ihr auf den Terrassenboden.

Nu lassen se mal jut sein, junge Frau. Dat Mädel is ja wieda da. Is ja nüscht passiert. Watt haste denn da Kleenet mitjebracht? Frau Hinze nimmt das Hundebaby aus dem Korb.

Das ist Wuschel! Guck mal, Frau Hinze, wie niedlich er aussieht.

So etwas kommt mir nicht ins Haus. Erich, wie kannst du erlauben, dass das Kind so etwas anschleppt. Frau Hinze, bitte, nehmen Sie den Hund mit zu sich. Sie haben ja Erfahrung mit Tieren.

Nee, jute Frau, mach ick bestimmt nich. Aber der Kleene hat Hunger. Ick bring en bisschen Milch vonne Lotte, bevor et janz dunkel is.

Muttilein, guck doch mal hin, er ist verletzt. Er hat Blut an der Pfote. Er war ganz alleine im Wald.

Er kommt mir nicht ins Haus,

Mutter spricht mit scharfer Stimme und schlägt die Verandatür hinter sich zu.

Vater und ich haben für Wuschel einen Schlafplatz gemacht. Den Pilzkorb mit getrocknetem Gras ausgepolstert. Das mag er. Er ist ein Draußen-Hund. Vater hat das an seinem dicken Fell gesehen. Wir haben den Korb unter mein Fenster gestellt. Da kann ich morgen früh gleich nach ihm sehen.

Frau Hinze kommt von drüben mit einer Schale Ziegenmilch. Sie stellt sie vor Wuschel auf den Boden. Ich kann es kaum glauben: Schlapp, schlapp, schlapp ist die Schüssel leer.

Und Wuschel will mehr.

Hab ick mir doch jedacht. Na, kriegst noch watt von meine Hühner. Sie hat ein paar Stückchen gekochte Hühnerhaut mitgebracht.

Frau Hinze scheint alles zu wissen, was Tiere mögen. Sie hat mal bei einem Tierarzt geholfen, kranke Tiere wieder gesund zu machen. Aber dann wollte sie lieber nur gesunde Tiere haben und ist von Berlin nach Wandlitzsee gezogen.

Was machen wir mit dem Kleinen?

Vater überlegt und kratzt sich am kranken Arm.

Hübscher Kerl. Trotzdem ne richtige Promenadenmischung. Der hat sojar watt von Labrador. Ick werd ma hören im Dorf. Jute Nacht ooch.

Ich will ihn behalten, Frau Hinze!

*

Beim Abendbrot reden sie nicht mehr über meine Strafe, auch nicht über den Hund. Mutter hat die Lippen schmal. Wie zugenäht.

Als ich in meinem Bett liege, kann ich an nichts anderes als an Wuschel denken.

Hoffentlich bleiben die Eltern nicht mehr lange wach oder streiten sich ohne aufhören zu können. Wenn ich morgen die Schürze mit der Tasche drauf anziehe und Mutter nicht hinguckt, kann ich was von meinem Frühstück für Wuschel reinschieben. Und was geb ich ihm als Mittag? Ich geh rüber zu Frau Hinze. Der fällt immer was ein.

Ob sie bald schlafen? Ich will lieber noch ein bisschen warten. Ich muss sehr langsam aus dem Bett steigen, das Holz darf nicht knarren. Den Stuhl unters Fenster schieben. Der Griff ist zu hoch. Kalt ist es draußen.

Wuschel, ich komme. Pass auf, ich setz dich zuerst auf den Stuhl. Dann klettere ich zurück ins Zimmer. Nicht jaulen. Sonst musst du wieder in den Korb. Du willst unters Deckbett? Na komm schon.

Ich verrate dir jetzt ein Geheimnis. Aber nur geflüstert, weil es keiner wissen darf. Stell dir vor, ich habe eine Pistole gefunden. Hinter unserem Gartenzaun. Die muss einer verloren haben. Sie sah richtig echt aus. Zuerst hab ich Angst gehabt, wollte sie nicht anfassen. Aber dann wollte ich probieren, wie so was geht. Ich hab mich gewundert, dass sie so leicht ist. Mit der kann ja sogar ein Kind schießen. Auf die verrostete Büchse vielleicht? Aber dann hab ich mich doch nicht getraut. Vater hätte mir die Pistole sofort weggenommen. Das weiß ich genau. Aber ich wollte sie behalten. Ich hab Blätter in meine Schubkarre getan und darunter die Pistole versteckt. Dann hab ich die Schubkarre zurück in den Garten geschoben. Niemand hat geguckt. Ich hab einen guten Platz gefunden zum Vergraben. Das Loch hab ich mit dem rausgeschaufelten Sand wieder zugeschüttet und alte Blätter und braune Kiefernnadeln drüber gepackt. Ja, Wuschel, ich bin schlau. Keiner denkt, dass dort eine Pistole vergraben ist. Nur ich weiß das. Aber dir zeige ich die Stelle. Gleich morgen.

Ach, du willst keine Geheimnisse wissen? Du bist ja schon wieder eingeschlafen.

*

Alles ist still. Ich bin als Erste aufgewacht.

Los, Wuschel, schnell in den Garten. Keiner darf dich in meinem Bett finden. Warte, ich heb dich aus dem Fenster.

Nein! Was ist das denn? Mein Nachthemd ist nass. Und das Bettzeug auch. Überall gelbe Flecken. Ach, Wuschel, warum hast du in unser schönes Bett gemacht? Jetzt krieg ich noch mehr Strafe. Schnell, versteck dich im Korb.

Den Stuhl schiebe ich in die Zimmermitte. Die getragenen Anziehsachen von gestern obendrauf. Vielleicht trocknet alles, wenn ich wieder einschlafe und so lange es geht im Bett liegen bleibe. Die Zudecke dreh ich um und rutsch dicht an die Kante.

Guten Morgen, du Langschläferin. Mutter lacht, zieht das Deckbett weg.

Schon wieder! Katzenkrallen in Mutters Stimme.

Ich wollte das nicht. Ich habe es nicht gemerkt.

Das sagst du immer. Hol den Stock aus dem Besenschrank. Fünf Schläge für heute. Und fünf für gestern. Ich werde aus dir einen ordentlichen Menschen machen. Und sei es mit Gewalt.

Immer muss ich ihr den Stock bringen. Wo ist Vater? Es ist doch Sonntag. Sie holt den Stock nie selber. Vielleicht gehört das zur Strafe dazu, weil Mutter ja nichts dafür kann, dass ich ein böses Kind bin.

Sechs, sieben. Ich hasse sie. Acht, neun. Gleich ist es vorbei.

Niemals werde ich Wuschel verraten.

Vater ist zu Frau Hinze gegangen, hat den Hund mitgenommen und soll nicht eher mit ihm wiederkommen, bis eine vernünftige Lösung gefunden ist.

Was ist eine vernünftige Lösung? Wuschel totmachen?

Hör auf mit der Heulerei.

Aber mir tut alles weh.

Vielleicht ist sie gar nicht meine richtige Mutter. Vielleicht bin ich vertauscht worden und sollte eigentlich eine haben, die nie haut. Auch nicht, wenn ich nicht gehorche. Oder lüge. Oder ins Bett mache.

Vater kommt ohne Wuschel von Frau Hinze zurück. Er schickt mich in den Garten. Ohne Jacke. Ich gucke von draußen durch das Verandafenster. Sie reden und reden. Sogar mit ihren Händen und mit ihren Armen. Mutters Gesicht sieht rot und fleckig aus, so wie immer, wenn sie wütend auf mich ist. Ihre Sommersprossen ertrinken in dem vielen Roten. In ihren Mundecken sitzt Spucke. Da halte ich es nicht mehr aus und renne zu Frau Hinze.

Wo ist er?

Komm ma rein, meine Kleene. Bist ja janz verheult. Setz dir hin, ick jeb ihn dir uffen Schoß.

Vater und Frau Hinze haben einen Vertrag gemacht. Darüber will er aber erst mit Mutter reden.

Ich soll jeden Tag für Wuschel kochen. Kartoffeln, Möhren und Äpfel aus unserem Garten. Jeden Tag Ziegenmilch und Fleischstücke, wenn welche da sind. In der Küche von Frau Hinze. Sie will mir zeigen, wie alles geht.

Erziehen soll ich ihn auch. Wie das geht, weiß ich genau. Mutter erzieht mich jeden Tag.

Dein Vater will mit dir ne Hütte für ihn bauen. Hier, in meen Garten. Bisschen abseits vonne Hühner. Wenn keener den Hund vamisst, denn wohnta erst mal bei mir, aber du bist für det Futter verantwortlich. Ausreden jibts nich. Det is nu deine Sache. Haste verstanden, Hanna?

Ja, Frau Hinze. Ich werd alles richtig machen. Ich habe mir immer einen Hund gewünscht.

Wird ooch Zeit, dat de wat Ordentlichet zu tun krisst. Hab ick deinen Vata ooch jesacht. Immer allene is nich jut. Nu kieck ma, wie de det mit deine Mutter auf de Reihe kriegst.

Aber er kommt mir nicht ins Haus.

Mutter hat mir den Rücken zugedreht. Es hört sich an wie Beinahe-Erlauben. Ich muss aufpassen. Mutter hat oft eine Laune, die hin und her springt. Heute ist sie keine böse Stiefmutter wie bei Aschenputtel. Ich glaube, ich bin doch nicht vertauscht worden.

*

Vater fährt jeden Tag mit der Heidekrautbahn nach Berlin. Zu Argus-Flugmotoren. Da arbeitet er und kriegt Geld, damit wir das Essen kaufen können, was nicht im Garten wächst. Frau Hinze sagt, er wurde nicht eingezogen.

Vielleicht ist der Krieg ein großer Magnet. Viel größer als der von Mutter, mit dem ich ihre verstreuten Stecknadeln einziehe. Vielleicht, wenn die Männer ihre Gewehre und ihre Stahlhelme gekriegt haben, zieht sie der Riesen-Magnet in seinen Krieg rein. Vater und Mutter erklären mir nie was über den Krieg. Du bist zu klein, du kannst das nicht verstehen. Vielleicht verstehen sie selber nicht, was Krieg ist.

Vater musste nicht in den Krieg, weil er im rechten Arm tiefe Narben hat. Vier Mal ist er an dem Arm operiert worden. Die Narben sehen aus wie Krater auf dem Mond. In den Knochen von seinem Arm sind winzigkleine Tierchen, sagt er, die an dem Knochen rumknabbern, ihn kaputt fressen wollen. Dann muss er wieder ins Krankenhaus, wo sie das Stück raussägen, das die Tiere neu angefressen haben. An einer Stelle ist sein Arm so dünn, dass er irgendwann durchbrechen wird. Darum kann er auf dem Feld kein Gewehr halten, kann nicht genug Feinde totschießen. Dafür hilft er in Reinickendorf beim Bauen von Flugmotoren gegen die Feinde.

Gestern war Fliegeralarm. Nachts. Genau wie in Berlin. Ich sollte mich ganz schnell anziehen. Im Dunkeln. Ich konnte die Unterwäsche nicht finden, und den Pullover hatte ich verkehrt rum an. Wir sind zu Frau Hinze gerannt. Die hat als Einzige einen Keller. Ich bin ein paar Mal hingefallen. Keiner hat mir die Schnürsenkel zugemacht. Wuschel hat schon auf dem Sofa mit den kaputten Sprungfedern gewartet. Mutter hat einen schiefen Mund gemacht, sie wollte sich nicht neben ihn setzen. Aber gesagt hat sie nichts.

Es waren Überflieger. Wir haben nur das Dröhnen und das Jaulen der Sirene gehört. Keine Bombenexplosion.

Ich will einen Bunker bauen. In unserem Garten. Dann müssen wir nachts nicht so weit laufen. Vater hilft mir. Mit dem einen Arm richtig und mit dem kaputten ein bisschen.

Ich nehme den Pickel und haue ihn in die Erde. Sie ist noch nicht gefroren. Danach den Spaten.

Wuschel will die Erdklumpen fangen und fällt dabei ins Loch. Aber es ist ja noch nicht tief. Hoffentlich kommt der Frost nicht so schnell, damit wir weitergraben können. Und der Krieg soll wenigstens so lange bleiben, bis der Bunker fertig ist.

Vater kann nicht oft helfen. Er muss jetzt mit dem Fahrrad nach Berlin zur Arbeit. Die Heidekrautbahn darf nicht mehr fahren. Sie wurde von Fliegern beschossen, weil sie Kriegsmaterial transportiert, hat Vater uns erklärt.

Frau Hinze sagt, ich muss Wuschel besser erziehen. Gestern, vor dem Fliegeralarm, hat er ein Kissen von ihr geklaut, das mit den gestickten Rosen drauf, und hat es im Garten zerfetzt. Ein paar Federn waren am Stamm vom Apfelbaum hängen geblieben, andere zitterten im Wind über den Kohlköpfen. Wie Schneeflocken mit Flügeln. Von den Rosen auf dem Kissen konnte man nur noch wenig erkennen.

Und nie tut Wuschel, was ich will. Ich sag: Sitz, und er macht den Kopf schief. Ich sag: Komm her, und er setzt sich hin. Aber das Schlimmste war, als er sich einen von Mutters Draußen-Schuhen geschnappt und darauf rumgekaut hat. Mutter hat aufgeschrien und ihm den Schuh wegreißen wollen. Und Wuschel dabei mit hochgezogen, weil er nicht loslassen wollte. Sie hat ihn in der Luft hin und her geschlenkert. Ich hab gar nicht gewusst, wie stark sie ist. Schließlich ist er auf den Terrassenboden geplumpst. Mutter hat den zerkauten Schuh weit von sich gehalten und weiter geschimpft. Da ist Wuschel aufgesprungen und hat ihr durch die Kittelschürze in die Wade gebissen. Mutter hat gekreischt:

Dieser Köter bleibt um keinen Preis hier.

Wuschel ist zu Frau Hinze gerannt. Nachts bin ich aufgewacht. Die Eltern haben laut gezankt. Mutter schrie:

Dafür werde ich sorgen!

Natürlich hat sie dich gemeint, Wuschel, weil du sie angeknurrt und sogar gebissen hast. Du hast Glück gehabt, dass Frau Hinze den Eltern nichts erzählt hat, als du bei ihr in der guten Stube die Blumentapete zerkratzt hast. Du machst noch schlimmere Sachen als ich. Wenn du dich nach dem Krieg in unserer Wohnung in Berlin auch so schlecht benimmst, wirst du nicht bei uns bleiben dürfen. Dann bekommst du kein rotes Halsband und merkst nicht, wie Christa und Eveline neidisch sind, weil sie keinen Hund haben. Und du kannst mich nicht zur Schule bringen und wieder abholen. Mach dir das mal klar.

Komm, wir gehen ins Dorf. Besser, Mutter sieht dich heute nicht. Du willst nicht an die Leine? Du musst noch viel lernen, bis du ein anständiger Stadthund bist. Lauf wenigstens Schritt mit mir.

Plötzlich steht Wuschel still wie festgewurzelt auf dem Sandweg. Zittert, springt hoch, überschlägt sich und rast los.

Auf dem Dorfplatz zwischen den Frauen finde ich ihn wieder. Er guckt nach oben. Alle gucken nach oben. Zum Baum. Zuerst weiß ich nicht, was das ist, was da hin und her baumelt. Ich merke nur, dass die Sachen in meinem Körper an verkehrte Stellen rutschen und mein Magen plötzlich hoch im Hals steckt.

Am Kopf sind noch Hörner und Fell. Die Zunge hängt aus dem Maul. Ihre Mitte ist aufgeschnitten. Ich kann die Rippen von innen sehen. Von überall tropft Blut. Alles was drin war, haben sie rausgerissen. Es dampft und wabbelt in Schüsseln auf der Erde.

Komm, det is nischt für dich. Frau Hinze zieht mich weg.

Haben die Leute unsere Lotte geschlachtet?

Nee, meine Kleene, die Ziege hier kennste nich. Wir kriegen een ordentliches Stück davon ab. Für Wuschel is ooch watt dabei. Können wa allet in Gläser einwecken. Hilfste mir?

Nein, Frau Hinze, lieber nicht.

Nachts hab ich geträumt, dass sie Wuschel schlachten und einwecken wollen. Ich hab geschrien und geschrien.

*

Mutter sagt, ich soll unsere Sonder-Zuteilung für Butter holen. Im Dorf ist ein kleiner Laden, wo es alles gibt. Aber nur auf Lebensmittelkarten. Meistens gibt es wenig, oder es ist schon wieder alle.

Ich nehme die Henkeltasche und ziehe die Fäustlinge über. Es ist kalt draußen.

Von mir aus kann der Hund mit.

Mutter sagt zu Wuschel immer: der Hund. Sie will nichts Persönliches mit ihm zu tun haben, meinte Frau Hinze neulich.

Ich hol ihn von drüben und wir rennen los. Die Schlange vorm Laden ist lang. Hoffentlich haben sie noch Butter, wenn wir dran sind. Wuschel jagt über den Dorfplatz. Seine Ohren zittern im Wind, als ob sie ohne ihn losfliegen wollen.

Ich hauche gegen die Luft. Es sieht aus wie ein rauchender Schornstein. Und warte und warte. Es geht immer nur ein kleines Stück vorwärts. Meine Füße sind eingeschlafen. Bestimmt träumen sie vom warmen Ofen. Weh tun sie trotzdem. Wenn ich ohne Unterbrechung hopse, kribbele ich sie wach. Aber dann schimpfen die Leute:

Kind, hör auf zu zappeln. Du machst uns verrückt damit.

Endlich. Unser Butterpaket liegt in der Henkeltasche. Eingewickelt in Zeitungspapier. Die Leuteschlange ist immer noch lang.

Los, Wuschel, komm, es ist schon beinahe dunkel.

Seltsam, die Wolken haben die Farbe gewechselt. Sind nicht mehr grau wie vor einem Regen. Sie haben einen lila Ton und hängen so tief runter, als ob sie uns gleich auf den Kopf fallen wollen. Es ist anders still. Geheimnisvoll. Die Luft ist wie Watte.

Guck mal, Wuschel, was vom Himmel fällt. Das ist kein Regen und auch kein Puderzucker. Das hast du noch nie gesehen. Kleine weiße Sterne. Immer mehr. Schneeflocken sind das. Die kannst du nicht fangen. Die setzen sich auf dein Fell. Gleich siehst du aus wie ein Polarhund. Morgen holen wir den Schlitten aus dem Schuppen. Willst du mein Schlittenhund sein?