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Wenn das Leben Kopf steht – wird alles gut? Zwei Frauen und ihre Schicksale kreuzen sich am Arbeitsplatz. Beide hoffen auf denselben Posten. Beide haben Träume von Lebensglück, Liebe und Erfüllung. Beide haben hochgesteckte Ziele in Familie, Beruf und Karriere. Aber nur eine kann den angepeilten besseren Job in der Redaktion ergattern. Die beiden Journalistinnen werden zu Konkurrentinnen. Beide haben den Eindruck, ihr Chef mache ihnen konkrete Hoffnungen. Doch dann kommt alles anders. Alles! Denn da schiebt sich etwas dazwischen: ein Kind. Die Wirklichkeit verändert sich mit einem Schlag. Lisa erlebt das Gefühl, aus einem himmelhochjauchzenden Schaumbad ("Ich bin schwanger!") ins eiskalte Nordseewasser gestürzt zu sein. Denn ihr Freund, der Vater des Kindes, will dieses Kind nicht – unter gar keinen Umständen. Er setzt Lisa massiv unter Druck. Sie fühlt nur noch eines: an allen vier Seiten von Käfigwänden umschlossen zu sein. Eine Achterbahn im Kampf um das verplante Leben und die Karriere setzt ein, ein Ringen an vielen Fronten – aber es wächst auch täglich die Liebe zu diesem kleinen neuen Wesen in ihrem Bauch. Gleichzeitig wird sie scheinbar komplett alleingelassen. Ach, sie hatte doch so viele Sehnsüchte, und alles schien so wunderbar gut vereinbar (zumindest in der Theorie)! Doch das Leben spielt auf seiner eigenen Klaviatur, und darauf war die Protagonistin nicht vorbereitet. Sie muss sich entscheiden: Soll sie abtreiben, wie ihr Freund es von ihr verlangt? Oder stellt sie sich zu ihrem ureigenen Bedürfnis, dieses Kind auszutragen und zur Welt zu bringen?
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Seitenzahl: 481
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Sonja Dengler Alles wird gut
Am Ende wird alles gut! Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende. – Oscar Wilde
Dies ist eine wahre Geschichte. Die Rahmenhandlung wurde geändert und auch der Ort,
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
© 2019 by Fontis-Verlag, Basel
Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns Bild U1: Beyla Balla / Shutterstock.com Bild Kapitel 25 und 61: Natalya Lys / Shutterstock.com Bild Kapitel 51 (Tacho): dencg / Shutterstock.com Bilder Kapitel 21 / 51 (Stricke) / 52: Archiv «Tiqua»
E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg
ISBN (EPUB) 978-3-03848-578-0 ISBN (MOBI) 978-3-03848-579-7
www.fontis-verlag.com
Der Geschwindigkeitsmesser zeigte 180.
Unpassender hätte deshalb der Zeitpunkt nicht sein können: Ausgerechnet jetzt dachte sie an die Nachmittags-Stunden zwischen ihrer üblichen Rückkehr aus der Mittagspause und ihrer so liebgewonnenen 16-Uhr-Kaffeepause. Irgendwann dazwischen passierte es regelmäßig und vor allem unbemerkt: Die herrliche Mittagssonne schien nicht mehr durch das großzügige Fenster auf ihren Schreibtisch herab. Wieder verpasst.
Wie oft hatte sie sich eigentlich schon vorgenommen, dieser traumhaften Sonnenwanderung eines Tages mal ganz bewusst bis zum Ende zuzuschauen und sie zu genießen? Und diesen großartigen Genuss dann für immer in ihrer Seele zu archivieren.
Sie liebte die Sonne, obwohl sie zum hellen empfindlichen Hauttyp gehörte. Trotzdem machte ihr Hitze gar nichts aus. Zwar rötete sich dann ihre Haut ordentlich, aber sie fühlte sich pudelwohl, sobald es heiß war. Deshalb freute sie sich jeden Abend schon im Voraus auf den neuen Tag, weil sie ja dann ganz bestimmt dem hoffentlich spektakulären Sonnenlauf zuschauen würde, bis er verschwand. Freilich war ihr stets bewusst, dass die Sonne natürlich noch immer am Himmel stand – aber leider war sie wieder einmal, von ihr unbemerkt, aus ihrem Sichtfeld, aus ihrem ganz persönlichen Stückchen Büro-Himmel verschwunden.
Warum dachte sie ausgerechnet jetzt an so etwas Triviales? Um Himmels willen, das war das Falscheste, was sie jetzt gerade denken sollte! Woher diese Assoziation?
Es war eben genau wie der Zeiger des Tachometers, den sie von ihrem Beifahrersitz aus schon nicht mehr erkennen konnte, weil auch er – wie die nachmittägliche Sonne – stetig nach rechts drehend aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Also war seine C-Klasse noch lange nicht am Limit angelangt. Wie lange es wohl noch dauerte? Ein eisiger Schreck durchfuhr sie: Was hatte er gerade gesagt?!
Auch er erfasste, dass sie nicht zugehört hatte, und wiederholte daher:
«Ist es DAS, was du willst?»
Emotionslos und sehr ruhig klang das.
Sein bisheriges Geschrei und Gebrüll hatte er aufgegeben, weil ihm klar wurde, dass er einen drastischen Verhaltenswechsel herbeiführen musste, um ihr Ohr zu erreichen. Er musste sie schockieren, und zwar so lange, bis sie endlich tat, was nötig war, getan zu werden. Deshalb wollte er mit seiner kühl und rational vorgetragenen Frage jeglichen Zweifel an seiner festen Entschlossenheit schon im Keim ersticken. Außerdem wusste er nur allzu gut, dass er unangreifbar wirkte, wenn er – wenigstens nach außen – ruhig blieb.
Doch obwohl ihr Verstand sie aufforderte, sich irgendwie zu äußern, damit er sich abregen konnte, schaffte sie es auch jetzt nicht, sich der widerwärtigen Situation auszusetzen, und floh in ihre Erinnerungen, auch wenn die so noch gar nicht stattgefunden hatten. Sie dachte daran, wie sie für die letzten zwei Arbeitsstunden des Tages die Fensterjalousien ihres Büros hochzog. Wie dann das nun nicht mehr blendende blassrote Abendlicht den Raum warm und freundlich ausfüllte und wunderschöne Schatten an Wände und Fußboden warf. Ein letzter Paartanz flirrenden Schattens und Lichts, ein stolzer Abschiedsgruß des Tageslichts und letzter Widerstand gegen die später alles Licht trinkende Nacht.
Atmete sie überhaupt noch? Sie war sich dessen selbst nicht so sicher.
Schweigend bohrte sie ihre Fingernägel noch tiefer in das Futter rechts und links des Beifahrersitzes. Obwohl sie inzwischen die 200 km/h überschritten haben mussten, lag der Wagen noch erstaunlich gut und satt auf der Straße.
Was hatte er noch mal gesagt?!
«Ob es DAS ist, was du willst, habe ich dich gefragt!», sagte er in besonnenem Tonfall, als wären seine Worte Teil eines gewöhnlichen Small Talks. Diesen Tonfall kannte sie allerdings zur Genüge: Es war der gleiche wie der aus ihrer Kindheit, und er kennzeichnete jene verhängnisvolle Viertelsekunde unmittelbar bevor ihr Vater im Streit mit ihrer Mutter vollends explodierte und jegliche Kontrolle über sich und seine Umwelt verlor.
Jetzt war sie zwar kein Kind mehr, und sie hatte nicht nur für sich zu sorgen – aber was sollte, was konnte sie denn überhaupt tun? Klar war nur: Sie musste etwas tun. Irgendetwas, was ihn auf die Erde zurückholte, was ihn in jenen Mann zurückverwandelte, in den sie sich verliebt hatte.
«Nein, das ist nicht das, was ich will.» Erstaunt nahm sie wahr, dass auch sie in den Small-Talk-Modus gefallen war. Und das fand sie gut. Gern hätte sie noch mehr gesagt, damit er das Tempo drosselte, aber irgendwie wollte es nicht gelingen.
«Und WAS willst du?», schrie er nun doch wieder und starrte sie von der Seite an, dabei den Blick viel zu lange von der Straße abwendend. Das MUSS ihr doch Angst machen! Er wusste schließlich genau, wie sehr sie derart hohe Geschwindigkeiten hasste, und er hoffte, dass sie endlich aufhörte, ihn bis zum Äußersten zu reizen, indem sie schwieg. Es kann, dachte er, doch nicht alles umsonst gewesen sein; wie weit musste er noch gehen? Wie stur war sie? Der Tachometer zeigte inzwischen 220 an. Sein Wagen drohte auf die Gegenfahrbahn zu geraten, weil er ständig zu ihr hinüber starrte.
«Nein!», schrie sie erschrocken auf und trat mit aller Kraft den linken Fuß auf die imaginäre Kupplung, während sie mit dem rechten Fuß die imaginäre Bremse durchtrat. Das scheußliche Gefühl, dabei nicht auf den jeweils erwarteten Widerstand zu stoßen, ließ sie würgen:
«Nein, das ist nicht das, was ich will!», presste sie erneut zwischen ihren Lippen hervor und drückte sich dabei in die Rückenlehne.
Ihr Brustkorb verkrampfte sich schmerzhaft und schob dabei die Speiseröhre nach oben.
Nichts ging mehr. Sie spürte, wie jeglicher Lebensmut sie verließ und wie sie innerlich aufgab. Verzweifelt versuchte sie, den bitter-blechernen Geschmack zusammen mit ihrer Todesangst hinunterzuschlucken. Das in den höchsten Tönen hochgequälte Heulen des Motors erreichte nicht mehr ihr Herz. Sie atmete laut aus.
«Nimm endlich das Geld raus, du …!», schrie er nun wieder – längst hatte er jegliche menschliche Grenze überschritten. Er musste sich durchsetzen, er MUSSTE. Heute! Hier und jetzt!
Lisa beugte sich nach vorne und streckte die Hand aus, um das Handschuhfach zu öffnen:
Erleichterung breitete sich in seiner Brust aus.
Er hatte sie so weit:
«Dann nimm ENDLICH das Geld!» – sein schöner Wagen geriet ins Schlingern, aber er hatte das Lenkrad sofort wieder im Griff.
«Nimm das Geld, und bringe es hinter uns. Du wirst sehen: Dann geht es uns allen wieder gut!» Er war wieder ganz ruhig.
Ihr blieb nun keine Wahl mehr.
Sie musste und wollte gehorchen.
Ihr starrer Blick entdeckte in der Sekunde, in der sie ihre Hand nach dem Geldbündel greifen sah, die tödliche Gefahr: Die Kontrolle über sein Auto hatte er verloren. Zur rettenden Vollbremsung war es zu spät …
Sandra betätigte die Home-Taste ihres Smartphones, das sie im unendlichen Nirwana ihrer großen Handtasche herausgefischt hatte. 8:54 Uhr. Verdammt noch mal, blieben nur noch sechs Minuten. Pünktlich zum Arbeitsbeginn würde sie es bei diesem fürchterlichen Verkehr in der allmorgendlich verstopften Stuttgarter Innenstadt unmöglich schaffen.
Fahr endlich, du Penner, bedachte sie unfreundlich den Fahrer vor ihr und hielt ihren rechten Daumen bereits über der Hupe positioniert, um sie sofort zu betätigen, falls der Lieferwagen auch nur eine Sekunde zu lang an der inzwischen grün gewordenen Ampel stehen bliebe. Zwar wusste sie ganz genau, dass sie selbst bei zügigem Verkehrsfluss zwei Ampeln weiter erneut anhalten musste. Dennoch bildete sie sich ein, dass nicht die faktische Verkehrslage, sondern allein ihr Wille es war, der zählte. Ihre nervöse und aggressive Fahrigkeit kam ihr dabei sehr gelegen, denn es half ihr dabei, sich vorzumachen, sie würde sich ja bitteschön beeilen, und somit wäre sie am Zuspätkommen unschuldig. Und außerdem konnte sie sich so vormachen, möglicherweise doch noch etwas Zeit herauszuschinden, wenn sie nur hibbelig genug blieb. Hibbelig sein bedeutete: schnell sein, und sie brauchte diese fadenscheinige Zuversicht dringend.
Vanessa, ihre süße Kleine, hatte sich heute so gar nicht süß aufgeführt. Beim Abschiednehmen in der Kindertagesstätte legte sie wieder einmal eine ausgebuffte Szene hin, daher der enorme Zeitverlust. Ausgerechnet heute. Das Verrückte daran war, dass Vanessa mittlerweile gerne in ihre Kita ging, was sie den Erwachsenen vor allem dadurch demonstrierte, dass sie abends nicht gerne von dort abgeholt wurde. Genauer gesagt, wollte sie abends überhaupt gar nicht abgeholt werden, sondern nach ihren eigenen Worten «für immer» dortbleiben. Sandra hätte nicht mit Bestimmtheit sagen können, was schwieriger für sie war: Vanessa abzuliefern oder Vanessa abzuholen – es war Stress pur und vor allem Stress in endlos erscheinender Zukunftsschleife.
Sandra ärgerte sich hauptsächlich deswegen, weil sie sich für das Zuspätkommen wirklich keinen ungünstigeren Tag hätte aussuchen können. Aber wenn es dicke kommt, kommt es halt gleich multipel-dicke. Lukas’ Kindergarten war der erste Stopp. Dass er gerade montags, nachdem er ein paar Stunden des Wochenendes bei seiner Oma verbringen durfte, gerne mal Probleme bei der Verabschiedung machte, um damit seinerseits nicht hinter der schwesterlichen Machtdemonstration zurückzubleiben – das hatte sie in weiser Voraussicht sogar in ihrer Zeitplanung mit einberechnet, indem sie etwas früher als üblich aufbrach. Natürlich gegen den erklärten Widerstand ihrer Kinder, die selbst noch Zeitlupen in die Unendlichkeit zu dehnen vermochten.
Tja, Frau Sandra Süselbeck, man muss eben gegen alle Eventualitäten des Lebens gefeit sein und so etwas in seine Fahrtzeiten einkalkulieren, genau so würde ihr Chef Heiko rumnörgeln – nur, dass er sie inzwischen duzte. Und was, bitteschön, sollte sie ihm auch schon entgegnen? Dass sie für die reine Fahrtzeit von nur dreißig Minuten eine volle Stunde vor Arbeitsbeginn losgefahren war und dadurch wahrlich genug Pufferminuten geschaffen hatte? Das würde er einfach nicht gelten lassen. Einmal mehr nicht gelten lassen.
Dem Lieferwagen vor ihr noch immer am Heck klebend, trat nun doch das Unausweichliche ein. Die Ampel, deren Schaltung offenbar gewollt so geplant worden war, dass sie den ohnehin schleppenden Verkehr vollends ausbremste, schaltete auf Rot. Echt jetzt. Sandras Zeigefinger tippte erneut auf das Smartphone: 9:01 Uhr. Verflixt und zugenäht. Nun war es amtlich: Sandra würde nun schon zum dritten Mal in vier Wochen unpünktlich zur Arbeit erscheinen. Das war exakt ein Mal zu viel. Also noch mehr Wasser auf Heikos Mühlen und die der übrigen Krokodile, die wie üblich in ihrer Abteilung auf der Lauer lagen.
Nachdenklich sah sie zum Fenster hinaus. Sie dachte an die Zeit zurück, wie es so war – bevor die Kinder da waren. Sicher, sie würde ihre Kinder um gar keinen Preis der Welt mehr hergeben. Ganz im Gegenteil, sobald sie ein paar Stunden weg waren, schmerzte ihr Herz vor Sehnsucht nach ihrem Gekreische und Gezanke – und nach ihrer überbordenden Lebenslust, um die sie ihre Kinder oft beneidete. Woher haben die bloß ihre Lebensfreude? Ob sie wohl als Kind auch so war?
Nur manchmal fehlte sie ihr doch ziemlich: ihre frühere Freiheit nämlich. Zum Beispiel mal mit Michael spontan an ihrem Kennenlerntag ins verregnete London zu fliegen, das wäre schön. Ihr fiel wieder die ärmliche, aber gemütliche Stadtwohnung mitten im Stuttgarter Zentrum ein, die sie damals so mochten. Wie sie zuerst während des Studiums als WG-Mitglied dort eingezogen war, ehe nach dem Auszug von Petra und Anastasia sinnvollerweise Michael zu ihr gezogen war.
Inzwischen lebten sie recht nett mit deutlich schöneren Möbeln in einem Reihenhaus im Vorort … Ja, sie haben es verstanden, sich einzurichten, im übertragenen und im faktischen Sinne. Aber wo war eigentlich ihre einst berühmt-berüchtigte rebellische Widerstandslust geblieben? Hin und wieder vermisste sie die schmerzlich. Damals war sie immer am Kämpfen, am Verbessern der Weltlage, besonders der der Frauen – sie träumte von nichts Kleinerem als einer gewaltigen Frauen-Revolution, die sie höchstpersönlich in Bewegung setzen würde. Aber diesen hochfliegenden Träumen folgten leider viel zu viele Ernüchterungen und eine ungerechte Abfolge unsinniger Hindernisse. Alle aufrührerischen Pläne hatte sie freiwillig eingetauscht gegen ein konservatives Leben mit Mann, Sohn und Tochter. Es fehlte nur noch der Hund, für dessen Anschaffung die Kinder zumindest Michael bereits auf ihre Seite ziehen konnten. Ausschließlich Sandras entschiedenem Veto war es bisher zu verdanken, dass diese allerletzte Stufe der bilderbuchmäßigen Metamorphose zum Vorstadt-Familienklischee nicht auch noch erklommen wurde. Aber es wurde immer schwieriger, sich gegen einen dreifachen Sturm von Argumenten durchzusetzen. Wie zum Beispiel gestern Abend wieder.
Glücklicherweise hatte sie erneut gewonnen. Vorläufig.
Über kurz oder lang würde sie jedoch einlenken müssen, das war ihr klar. Eventuell konnte sie die ihr gegenüberstehende und gut konditionierte Allianz ja vielleicht mit der Anschaffung einer Katze oder besser noch mit einem Zwergkaninchen in die Falle locken. Dieser Gedanke gefiel ihr, sie merkte ihn sich für die nächste Schlacht.
Noch keine rettende Idee dieser Art fiel ihr zu Michaels gestern auch wieder geäußertem Wunsch nach einem dritten Kind ein. Zwar konnte sie sich am Ende auch hier durchsetzen, aber sie spürte ein ungutes Gefühl in sich aufsteigen, obwohl es doch eigentlich so war, dass sie es geschafft hatte, seinen Kinderwunsch zuerst in ein «Besser kein weiteres Kind mehr» umzuwandeln. Überraschenderweise hatte sie dann sogar noch seine Zustimmung dafür herausgepresst, dass er sich sterilisieren lassen wolle. Eigentlich ganz glatt gelaufen. Schön. Worüber mache ich mir da überhaupt Sorgen?
Aus der aufkeimenden Träumerei zog ihre stets zuverlässige innere Uhr sie unvermittelt wieder ins Auto zurück. Innerhalb der nächsten Sekunde müsste die Ampel – und damit die letzte lästige Hürde zwischen ihr und Heikos Standpauke – auf Grün umspringen. Noch war sie rot, und die Abgase unzähliger Autos um sie herum hatten sich inzwischen trotz geschlossener Fenster auch in den Innenraum ihres alten Golfs verirrt. Sie öffnete trotzdem das Fahrerfenster, um wenigstens irgendetwas zu tun.
Dabei fiel ihr Blick unwillkürlich auf einen schlaksigen Jungen, der mit geschultertem Schulranzen dahertrottete, dann an der Ampel vorschriftsmäßig stehen blieb und seinen Kopf tief zu Boden gesenkt hielt.
Sandra atmete hörbar aus. Endlich. Wenn die Fußgänger bereits stehen bleiben mussten, konnte es sich nur noch um wenige Augenblicke handeln, bis das hoffnungsvolle Grün sie erlösen würde. Heute kam es ihr so enervierend lang vor wie die Werbeunterbrechung eines spannenden Psychothrillers.
Ihr Blick wanderte zu dem Jungen zurück. Irgendwie sah der unglücklich aus. War mit ihm was nicht in Ordnung? Obwohl er nicht nennenswert kleiner als Sandra sein dürfte, war er doch maximal in der 4. Klasse, dachte sie sich. Wieso war er an einem ganz normalen Schulmontag, noch dazu um kurz nach neun, immer noch auf der Straße? Und was war das überhaupt für ein seltsamer Typ, der da neben ihm stand? Den sah sie erst jetzt.
Anstatt weiter am Lieferwagen zu kleben, als seien alle Autos durch ein unsichtbares und maximal zehn Zentimeter langes Abschleppseil miteinander verbunden, fuhr Sandra langsam an dem ungewöhnlichen Duo vorbei. Was geht mich das an?
Moment mal! Hier stimmt aber etwas ganz und gar nicht.
Sandras Bauchgefühle versuchten blitzschnell, die unstimmige Situation in irgendeiner Form zu «lesen». Der Begleiter des Jungen war etwa 25 Jahre alt, allerhöchstens 30. Ihrer Meinung nach also einerseits zu alt, um als sein großer Bruder durchzugehen. Anderseits zu jung, um sein Vater zu sein. Außerdem war da kein Ring am Finger.
Du musst sofort anhalten! Signalisiere den beiden, dass du merkst, dass hier etwas nicht stimmt! Sprich den Jungen an und bleib dabei so weit weg, dass dir nichts passiert, wenn sein Begleiter zum Angriff übergeht, aber geh so nah dran, dass du ihn noch einholen kannst, wenn er wegrennt! Und auf jeden Fall so nahe, dass du den Jungen ansprechen kannst.
Während sich nun hinter Sandra die verärgerten Autofahrer stauten, passte sie blitzschnell eine geeignete Stelle ab, um ihren Golf auf dem Bürgersteig abzustellen. Drei Autos hinter ihr hupte es wegen des Rückstaus heftig, als sie ausstieg und ein Anzugträger ihr ein übles Schimpfwort nachschrie, während er ihr den Vogel zeigte. Der Junge und sein Begleiter wurden durch den plötzlichen zusätzlichen Lärm auf sie aufmerksam und blickten nun interessiert zu ihr herüber.
Kein Gehupe und schon gar kein Geschimpfe konnte sie noch in ihrem Entschluss aufhalten; ihr Bauchgefühl war stets zuverlässig. Und Heiko würde um 9:07 Uhr exakt die gleiche Standpauke halten wie um 9:20 Uhr oder 9:50 Uhr. Sandra lief zügig ein paar Schritte auf die beiden zu:
«Hey du! Ist alles in Ordnung?», rief sie dem Jungen entgegen, als sie glaubte, eine optimale Position erreicht haben. Dessen Kopf war wieder zu Boden gesenkt. Als er sie anschaute, konnte sie erkennen, dass sein Gesicht total verheult aussah, und sie erkannte gleichzeitig, dass der Begleiter seine Hand fest auf die Schulter des Jungen drückte. Das ist gar nicht gut, mach dich lieber vom Acker, das hier riecht nach mehr als nur Ärger. Aber diese leise Warnung schlug sie in den Wind:
«Was machen Sie da!», hörte sie sich stattdessen angriffslustig rufen, «gehört der Junge zu Ihnen?»
Statt einer überzeugenden Antwort machte sich der junge Mann abrupt aus dem Staub, und sie beschloss, ihm doch nicht hinterherzurennen.
Sie sprach den Jungen an:
«Wieso bist du um diese Uhrzeit nicht in der Schule? Weiß deine Mutter davon, und wie heißt du überhaupt?»
Das waren natürlich zu viele Fragen auf einmal, und ihr schulmeisterlicher Ton musste einschüchternd auf ihn wirken. Wie auf Kommando schluchzte der Junge einmal auf, ließ seinen Kopf wieder hängen und zeigte auf die Schule, die der Kreuzung gegenüber in einem kleinen Park lag.
Sie entschied sich für eine andere Frage:
«Kennst du den Mann, der neben dir stand und der gerade eben weggelaufen ist?»
Das war schon besser, vielleicht machte er den Mund auf.
Dem Jungen liefen die Tränen übers Gesicht, und stumm schüttelte er seinen Kopf. Die Fußgängerampel wurde in diesem Moment grün, so dass er sich mit den anderen Menschen über den Zebrastreifen von ihr fortbewegen konnte. Sandra wartete verblüfft, bis sie sehen konnte, dass er das Schultor passiert hatte. Ein Mann lief ihm dort gestikulierend entgegen. Suchend sah sie sich nun doch noch nach dem abgehauenen jungen Mann um, aber der blieb verschwunden und war nicht zurückgekommen.
Mannomann.
Teambildung und Corporate Identity, unter diesem jährlichen Weckruf versammelte die Firma möglichst viele ihrer Mitarbeiter. Am späten Nachmittag war es schon losgegangen, jeder nahm sein Zimmer in Beschlag, und so saß heute Abend Lisa hier am rechteckigen Sechser-Tisch – und sie kannte wieder einmal keine einzige Person. Sie war ein paar Minuten zu spät gekommen, weil die Dusche zunächst nicht funktionierte. Die anderen schienen sich zu kennen, nur sie war die Neue auf dieser Fortbildung, oder wie? Am besten, sie wartete erst einmal ab.
«Noch Wein?», wurde sie in diesem Moment von dem gutaussehenden Mann Mitte 40, der sich eingangs als Ulrich Schalk vorgestellt hatte, angesprochen. Obwohl er direkt in ihr Ohr sprach, tat er so, als ob er konkret niemanden Bestimmtes ansehen wollte. Dass die ältere Dame zu seiner Linken sowie der junge IT-ler rechts von ihm teils genervt, teils peinlich berührt wegschauten, registrierte er nicht. Oder er ignorierte es.
Lisa gab keine Antwort, weil sie nicht wusste, ob sie zustimmen oder ablehnen sollte. Ihn schien das nicht weiter zu stören:
«Na gut …», gab er sich selbst die Antwort, «dann bleibt umso mehr für mich übrig! Wie heißt es so schön? In vino veratis», rief er in lautem Tonfall. So laut, dass sogar ein gesetzter Mann in edlem Anzug am Nebentisch aufhorchte, sich gleichermaßen prüfend wie tadelnd zur Quelle der Störung umdrehte und mit der flachen Hand wedelnd Ruhe einforderte.
«Oh mein Gott – es heißt veritas und nicht veratis», korrigierte ihn der IT-ler, dessen Augen hinter den dicken Brillengläsern mit den schwarzen Rändern gereizt rollten. Sein Gesicht war von Akne überzogen, er war also bestimmt noch jung, und seine etwas zu blasse Hautfarbe verriet außerdem, dass er sich nicht gerne im Freien aufhielt.
«Du kannst Ulrich zu mir sagen», sprach er in Lisas Richtung, ohne sich um die nun schon zweite Zurechtweisung innerhalb weniger Sekunden zu kümmern.
«Was?!»
Das klang ein wenig zu unfreundlich, dachte Lisa, aber nun war es schon ausgesprochen. Auch das schien Ulrich sowieso nicht abzuschrecken:
«Na, ich heiße Ulrich», verkündete er jovial, lächelte breit und zeigte eine Reihe schöner weißer Zähne.
«Ja doch! Das dürfte inzwischen auch der Letzte hier im Raum mitbekommen haben», mischte sich die gertenschlanke Frau neben Lisa ein. «Und jetzt Ruhe, bitte. Ja?»
«Feeeiiin!» Ulrich gab sich nicht geschlagen, er zog das Wort in die Länge, während er reihum blickte und strahlte, als hätte er gerade tosenden Applaus bekommen.
«Dann sprecht mich alle ruhig weiter mit ‹Gott› an. Ich danke herzlichst für diese Beförderung. Wollte nur nett sein.»
Eine Sekunde schwieg er, dann flüsterte er in Lisas Ohr – wenn von Flüstern überhaupt die Rede sein konnte, waren die drei bereits geleerten Flaschen Wein, die zu den ersten beiden Gängen serviert worden waren, doch vorwiegend auf sein Konto gegangen: «Ich wollte nur nett sein …», wiederholte er.
Gegen ihren Willen musste Lisa über seine Schlagfertigkeit wegen der Gott-Anrede lachen. Obwohl das schon ein alter abgedroschener Witz war, fand sie ihn lustig, was Ulrich augenblicklich dazu ermutigte, ihr ein weiteres breites Lächeln zuzuwerfen. Sie war ihm entschieden zu still und zu ruhig, und er konzentrierte sich nun darauf, sie aus der Reserve zu locken. Mit den anderen war ja leider nichts weiter anzufangen. Er hob sein Glas und prostete ihr höflich zu. Lisa, in Zugzwang geraten, erhob ebenfalls ihr Glas, nickte ihm zu und probierte einen Schluck von dem Wein, den sich ihr Arbeitgeber «Radego Entertainment» wohl eine ordentliche Stange Geld hatte kosten lassen. Der Wein schmeckte köstlich, und sie verstand, warum etwas «wie Samt und Seide die Kehle hinunterlaufen» konnte. Überhaupt war ihr Arbeitgeber großzügig und immer sehr daran interessiert, die Mitarbeiter bei der Stange zu halten, ihnen ein Zusammengehörigkeitsgefühl und ein vereinendes «Wir» zu vermitteln. Auch diese Fortbildungstage hier wurden von der Firma finanziert – offensichtlich versprach man sich also durch ihre, Lisas, Tüchtigkeit großen Nutzen.
Das bereits von ihr bezogene edle Einzelzimmer des Hotels, das Radego Entertainment allen gut 300 aus ganz Deutschland nach Berlin gereisten Mitarbeitern zur Verfügung gestellt hatte, machte mächtig Eindruck auf sie. Eindeutig hatte man im Vergleich zur letzten Fortbildung hier noch eine Schippe draufgelegt. Verständlich bei dem offenkundigen Mitarbeitermangel, aber noch größer schien ja der Mangel an Führungskräften zu sein. Es war schließlich kein Zufall, dass ihr Chef unbedingt sie teilnehmen lassen wollte.
Lisa genoss die beiden ersten Gänge des köstlichen Diners und wiegte sich im angenehmen Tagtraum, sich wie eine wichtige Politikerin beim Staatsbesuch im Ausland fühlen zu dürfen. Eine Wertschätzung, die sie so bisher noch nicht erfahren hatte und die sie still für sich bis zum allerletzten Krümel auskosten wollte. Nur die vielen Leute störten. Sie war lieber alleine, sie war gerne Einzelgängerin, und sie wusste, dass sie eine gute Vorgesetzte werden würde, denn ihre Arbeitsdisziplin lag weit über dem Durchschnitt. Nur badete sie eben ungern in einer Menschenmenge; das war ein Manko, aber nun mal nicht zu ändern. Was sein musste, musste sein. Zuhören war jetzt dran, ermahnte sie sich.
«… haben für stetiges Wachstum gesorgt, weshalb wir im kommenden Jahr auch unsere ersten Standorte in Luxemburg und Belgien eröffnen können. Wir sind ungeheuer stolz auf unser aller Leistung», fuhr der Geschäftsführer in seiner Lobrede fort, die im Anschluss an Vorspeise und Zwischengang eingeplant worden war, um einerseits die Wartezeit auf den Hauptgang zu verkürzen und andererseits alle in eine angenehme Erwartungshaltung zu versetzen.
Ulrich nutzte die Vorlage des Geschäftsführers sofort:
«Standort in Luxemburg und Belgien? Uuuh, hoffentlich bald auch in Frankreich!» Beifall heischend schaute er sich bei seinem vermeintlichen Publikum am Sechser-Tisch um. Stille schlug ihm entgegen, niemand beachtete ihn so richtig. Dafür erntete er von der älteren Dame erneut einen kurzen, sehr missbilligenden Blick, der etwas Giftiges an sich hatte und in den sie eine gehörige Prise Verachtung mischte. Das ging Lisa entschieden zu weit, deshalb lächelte sie Ulrich mitfühlend an:
«Ich mag Frankreich», reagierte sie betont freundlich.
«Ach, mir reicht eigentlich schon der französische Wein», prustete Ulrich heraus und ließ einen lang gezogenen Lacher folgen, der sie irgendwie an die Filmfigur Alf erinnerte. Eigentlich stieß sie sein Benehmen sogar ein wenig ab, und trotzdem stimmte Lisa in sein Lachen mit ein, während sie dabei über sich selbst staunte. Prompt fing auch sie sich von der älteren Dame einen abschätzigen Blick ein, der sie verunsicherte. Hastig senkte sie ihren Blick und nahm verlegen ihr Weinglas in die Hand, das sie in einem Zug leerte.
Ulrich rettete sie:
«Darf ich Ihnen nachschenken, meine Liebe?»
Die gezückte Weinflasche bereits auf ihrem Glasrand aufsetzend, konnte Lisa gerade noch ein bestätigendes Nicken herausbringen, ehe Ulrich die dunkelrote Flüssigkeit aus dem luxuriös aussehenden Dekanter strömen ließ. Köstlich anzusehen, wie die ersten dicken Tropfen an der Innenseite ihres Glases auftrafen. Als Zeichen des Dankes lächelte Lisa kurz und immer noch ein wenig verlegen, schwenkte den kostbaren Wein vorsichtig, um zu sehen, ob und wie sich an den inneren Glaswänden seine «Kirchenfenster» bilden würden: Ganz viele und ganz schmale wurden sichtbar. Wunderbar. Lisa war über sich selbst verwundert, weil es ihr mit einem Mal ganz wichtig erschien, unter der Beobachtung der Dame stehend durchzuhalten, unbedingt – und dabei keinen Fehler zu machen. Gut gemacht, setzen, eins! Nie hätte sie gedacht, dass sie das mit den «Kirchenfenstern» so schön zelebrieren könnte, wie ihr das gerade eben gelungen war. Aber aufzuschauen wagte sie dennoch nicht mehr so recht. Ihre Selbstsicherheit wäre innerhalb einer Sekunde dahin gewesen. Man sollte nichts übertreiben und schon gar keine Herausforderung heraufbeschwören, der man nicht standhalten kann.
Alte Indianerweisheit.
Die Rede des jungen Geschäftsführers neigte sich dem Ende zu. Sie fand, er verfügte über eine gute Radio-Stimme, die auf sie angenehm beruhigend, entspannend und doch auch mitreißend wirkte. Da saß der richtige Mann auf dem richtigen Stuhl, sie sollte ihm unbedingt zuhören, ermahnte sie sich.
Das «Herausreißen aus der comfort zone», wie es in der ersten Rede des Abends genannt wurde, hatte zum Ziel, dass alle Mitarbeiter mittels fester Platzkarten an gemischten (!) Tischen Platz nehmen mussten, damit sie während der einzelnen Menü-Gänge mit Kollegen aus anderen Abteilungen ins Gespräch kommen und sich so ganz zwanglos kennen lernen sollten. Das widerstrebte ihr, auch wenn sie verstand, warum das richtig war. Sie war einfach zu schüchtern und hatte im Laufe ihres Lebens viel zu wenig Selbstbewusstsein aufgebaut. Nun ja, es wird schon irgendwie gut gehen, sie brauchte ja ihren Kleinmut nicht öffentlich zur Schau stellen – selbstbewusste Maske aufsetzen, das konnte sie schon immer gut, und die anderen trugen schließlich auch nur ihre Masken. Wichtig war der gute Umgang miteinander und dass man die Firmenziele zu seinen eigenen Zielen machte, sich dabei integer verhielt und zur Zusammenarbeit bereit war.
Widerstand breitete sich nun aber doch in ihr aus, als der Geschäftsführer auf der Bühne dazu überging, einzelne Abteilungen zu benennen und dabei namentlich die jeweiligen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aufzurufen, damit sie kurz aufstehen und sich zeigen konnten. Jeder sollte jeden sehen können, um zu erfahren, welches Gesicht zu welchem Namen gehörte, und ein erstes Gefühl dafür zu entwickeln, mit wem man es vielleicht mal zu tun haben wird. Dass sie selbst natürlich auch an die Reihe kommen sollte, war unausweichlich. Derart in den Mittelpunkt gerissen zu werden, war ihr höchst peinlich, auch wenn es nur wenige Sekunden andauerte.
Zum Glück tat sich für Lisa ein schlichter Ausweg auf. Sie hatte so viel Wasser getrunken und nun auch das Glas Wein so schnell hinuntergekippt, dass sich ihre Blase zu Wort meldete. Die Toilette wäre genau der richtige Ort, um sie davor zu bewahren, auf Zuruf wie ein Affe im Zoo aufstehen zu müssen, alle Blicke im Raum auf sich gerichtet wissend. Dabei hatte sich irgendwie der merkwürdige Trend fortgeschrieben, dass alle Aufstehenden in die Saalrunde nickten und – furchtbar! – mit den Händen winkten wie die Royals auf dem Balkon, während der Vor- und Zuname vorgelesen wurde.
Schlimmer geht immer, dachte sich Lisa leicht verzweifelt und sah sich suchend nach einem rettenden Toiletten-Schild an der Wand um. Aber gerade, als sie es ausgemacht hatte, war sie an der Reihe. Zu spät, jeder Rettungsversuch war jetzt aussichtslos.
Der Name ihrer Abteilung fiel laut und deutlich und traf Lisa wie der erste eisige Strahl damals in ihrer Studenten-WG-Dusche, die volle fünf Minuten brauchte, um warmes Wasser zu spenden. Fünf Minuten, die sie an so manchem Morgen nicht übrig hatte, und genau wie jetzt gab es keine Aussicht auf Entkommen. Unweigerlich fiel nun auch ihr eigener voller Name, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als sich zu erheben. Jetzt.
Sie spürte alle Blicke des Raumes auf sich gerichtet und versuchte, sie zu deuten. War das Verachtung? Oder gar Feindseligkeit? Oder machten sie sich heimlich über sie lustig? Sie senkte ihren Blick und traf unterwegs direkt Ulrichs Augen. Später dachte sie: Was auch immer es war, das in seinem Blick gelegen hatte, es gab Lisa die Kraft, ihre leicht hängenden Schultern aufzurichten, und ihr unauffälliges dunkelblaues Kleid offenbarte etwas, um das sie nahezu jede Frau im Saal beneidete. Lisa war groß und schlank, hatte eine makellos-perfekte Figur, und kein Gramm Fett war an der falschen Stelle zu finden. Was für ein gutes Gefühl sich dank Ulrichs strahlendem Lächeln mit einem Mal in ihr ausbreitete, während sie spürte, dass ihre Schultern sich tatsächlich strafften und sie selbst auch lächeln konnte. Sogar in die Runde ihres Tisches konnte sie lächeln.
«… Lisa Hinkel …», führte mit warmer Stimme der Geschäftsführer seine Namensliste fort, und da sie nun schon mal aufrecht stand, erhob sie wie alle vor ihr zum Zeichen des Grußes ihre rechte Hand, lächelte mit leichter Körperdrehung in die Saalrunde und hielt es aus, dass jeder sie ansehen und einen ersten Eindruck über sie gewinnen konnte.
So sekundenschnell alles über sie hereinbrach, so schnell war es auch schon vorüber. Mit kerzengeradem Rücken konnte sie wieder Platz nehmen und Haltung bewahren.
Lisa registrierte kaum noch, dass danach weiter die unterschiedlichsten Personen aus den verschiedensten Abteilungen von «Beta-Testing» über «Content-Marketing» bis hin zu «Social-Media-Management» benannt und vorgestellt wurden. Irgendwann beendete der Geschäftsführer seine Rede und schloss damit, allen Anwesenden für die bisherige hervorragende Zusammenarbeit zu danken und angeregte Gespräche zu wünschen. Beifall. Alle erhoben ihre Gläser und erwiderten sein «Zum Wohl und auf weitere gute Zusammenarbeit».
Aus dem Augenwinkel heraus nahm sie wahr, dass Ulrich nicht zum Geschäftsführer schaute, sondern sich prostend ihr zuwandte:
«Zum Wohl, Lisa Hinkel! Und auf anregende Gespräche.»
Der Spätnachmittag und der Rest des Abends nach dem Diner und den Reden waren jetzt nur noch Kür – sie hatte sich tapfer geschlagen, viel besser als befürchtet, und niemand bemerkte ihre unangemessene Schüchternheit. Fast wie von selbst kehrte Selbstsicherheit zurück.
Das Tageslicht, das am nächsten Morgen ins Hotelzimmer drang, kam ihr ganz unwirklich vor. Als habe jemand sehr Freundliches einen warmen weichen Filter über die Sonne gelegt, um damit eine barmherzige Decke über Lisas Alkohol-Kater auszubreiten. Sie vermochte nicht einzuschätzen, ob es an diesem unwirklich-schönen Licht lag oder ob es andere Gründe gab, die ihr bewusst machten: Ich bin dabei, aufzuwachen, und ich bin glücklich, Restalkohol und Kopfschmerzen hin oder her.
Lisa trank bei solchen Anlässen für gewöhnlich nichts. Bereits nach den ersten beiden Gläsern Wein hätte sie gestern Abend aufhören müssen, wenn sie das jetzt geschwind zunehmende Wummern hinter ihren Schläfen hätte vermeiden wollen. Aber trotzdem, sie bereute keinen einzigen Schluck, denn seit einer Ewigkeit hatte sie sich nicht mehr so glücklich gefühlt, genauer gesagt, fühlte sie sich jetzt immer noch. So als wäre sie wieder 15 Jahre alt – damals hatte sie sich in Niklas verliebt, den Schwarm all ihrer Freundinnen, und er erwiderte ihre Gefühle, wollte ausgerechnet mit ihr gehen. Wie damals war auch jetzt so ein schwirrendes Hochgefühl da, so stark, dass sie sich nicht zu bewegen wagte aus Angst, es zu vertreiben. Was wohl aus Niklas geworden ist? Er war damals als Messdiener jeden Sonntag, jeden Feiertag «auf der Bühne» zu sehen, und sie fand seine Souveränität und seine sicheren eingeübten Schritte einfach großartig. Auch erinnerte sie sich daran, wie sie damals dachte, die tiefen Gefühle zu Niklas könne sie kaum aushalten, und sie erwartete beinahe, dass es sie in Stücke reißen würde. Dem war nicht so, und es ging auf ganz banale Weise mit ihr und Niklas zu Ende: Er ließ sie plötzlich stehen. Und erst das war es, was sie tatsächlich in Stücke riss, weil sie gezwungen war, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Es gelang ihr, sich so zu geben, als hätte sie selbst vorgehabt, sich zu trennen. Und als ob sie froh darüber sei.
Lisa hatte nicht mehr damit gerechnet, dass so starke Gefühle noch einmal ihr Denken beherrschen könnten. Zu schmerzhaft war das letzte Auseinandergehen. Und das Auseinandergehen davor und das davor und so weiter …
Sie rollte sich vorsichtig auf den Rücken zurück, streckte sich langsam aus und genoss zufrieden das fantastische Gefühl, das die weiche Bettdecke ihrer nackten Haut schenkte. Es fühlte sich wie ein Versprechen an, dass sie hier nicht nur willkommen war, sondern auch geliebt wurde. Ein wahrer Tsunami von Wärme und Nähe, ein Gefühl von: alles. Eine Verheißung, dass alles gut werden würde, wenn sie einfach nur hier liegenbleiben und sich rein gar nichts verändern würde. Sie wagte kaum, tiefer ein- und auszuatmen, auch wegen der scheußlichen Kopfschmerzen natürlich, aber hauptsächlich wegen des herrlichen Glücksgefühls.
Eine Hand tastete unter der Zudecke nach ihr und streichelte sanft ihren Bauch. Selig nahm sie wahr, dass seine Berührung sich kein bisschen fremd anfühlte. Vielmehr stellte sie sich die Frage, wie sie so lange schon auf der Welt sein, ja wie sie bis heute überleben konnte, ohne seine Hand auf ihrem flachen Bauch gespürt zu haben. Glücklich schaute sie zu ihm hin. Womit hatte sie das verdient?
Charmant lächelte Ulrich zurück, und es kam ihr wie das unschuldige Lächeln eines Babys vor, das die ganze Nacht hindurch geschrien hatte und sich erst morgens, wenn man schließlich am Ende aller Kräfte war, beruhigte und sich nun für die geschenkte Liebe dankbar zeigte. Man konnte einfach nicht anders, als dieses selige Lächeln auf der Stelle zu lieben. Man konnte ihm für nichts auf der Welt böse sein, jeder Schlafmangel verlor angesichts dieses schmerzfreien und glücklichen kleinen Gesichtchens seine Macht. Man war selber überglücklich, weil man mit dem Baby gemeinsam die schlimme Nacht überstanden hatte.
Leider traf Lisa bei diesen schönen Träumer-Gedanken aber auch auf eine unerwünschte Realität. Ihr wurde bewusst, dass sie sich beide hier in diesem Hotelzimmer gewissermaßen wie in einer Luftblase befanden, die ihr eine lang vermisste Geborgenheit schenkte. Die aber auch in Kürze mit ihrer beider Alltag kollidieren und durch die Wucht dieses Aufpralls zerplatzen würde. Eine traurige Entzweiung, auf die sie unweigerlich zuschritten. Zwei Frischverliebte, die bereits am heutigen Abend mindestens 600 Kilometer voneinander getrennt sein werden.
«Ich wünschte, wir könnten ewig in diesem Zimmer bleiben», drückte Lisa ihren Kummer aus. Sie blinzelte vorsichtshalber schnell zur Decke, als sie merkte, dass ihr plötzlich weinerlicher Zustand sie gleich in Tränen ausbrechen ließ, wenn sie den Kopf noch länger zu ihm gedreht hielte.
«Ach Ulrich – halte doch bitte die Welt an und mach, dass alles bis in alle Ewigkeit genau so bleibt, wie es jetzt ist. Diese Sekunden jetzt, die sollen unser Leben lang genauso bleiben. Wir rühren uns einfach nicht, wir bleiben einfach hier liegen!»
Jetzt hatte sie es doch ausgesprochen.
Ulrich lächelte angesichts des kindlichen Wunsches bloß. Seine Hand wanderte zu ihrer Schulter. Klug, wie er war, sagte er darauf einfach gar nichts, zog sie zu sich und küsste sie. Das war so gut. Die Traurigkeit verlor ihren Schrecken. Und dass Ulrich hier war, das allein zählte – und nur das.
Schon halb in Ulrichs Nähe abgetaucht, fragte Lisa sich, warum das seltsame Tageslicht keine Rückschlüsse darüber erlaubte, ob es nun 8 Uhr morgens oder etwa 15 Uhr nachmittags war. Bloß nicht auf die Uhr schauen.
Hanna und Antonia, zwei der angestellten Krokodile, standen gerade in der kleinen Kaffeeküche, die sich rechts vom großzügigen Foyer befand, als Sandra endlich die große gläserne Eingangstür hereinstürmte.
«Oh wow! DAS wird gut», freute sich Hanna und rührte klingelnd mit dem Löffel ihre fünf Stück Würfelzucker um, zu denen sie nur ein paar Alibi-Tropfen Kaffee zu nehmen pflegte. Süß musste es sein, süß und pappig, der Löffel musste buchstäblich drin stehen können. Antonia machte sich währenddessen an dem Kaffee-Vollautomaten zu schaffen: Ewig war der dusselige Bohnenbehälter leer, außer ihr füllte den ja nie jemand auf.
Heiko Stoffgärtners Büro, ein gläserner monströser Raum, lag ebenfalls im Foyer. Er wollte das genau so haben, damit niemand, der kam oder ging, sich seinem scharfen Blick entziehen konnte. So hatte er alles unter Kontrolle und ließ das auch alle wissen. Meistens hielt sich in seinem Büro noch mindestens ein Besucher auf, aber heute war sein Büro leer, weil zu seinem Ärger kurzfristig ein wichtiger 9:00-Uhr-Termin vom Kunden abgesagt wurde. Ausgerechnet sein zweitwichtigster Anzeigenkunde. Die nächstbeste Person, die ihm schräg daherkam, würde er als seine Entlade-Station benutzen, soviel stand fest.
Einmal hatte er aus dem Stand heraus die langjährige Putzfrau entlassen. Sie war an diesem Tag unglücklicherweise nicht um Punkt 18:00 Uhr erschienen wie sonst immer. Obwohl zu diesem Zeitpunkt kaum noch jemand im Haus und es eigentlich egal war, wann genau die ansonsten zuverlässige Frau die Räume reinigte. Genau genommen war eigentlich nur wichtig, dass sie ihre Arbeit bis zum nächsten Morgen erledigte. Doch wegen der paar Minuten ihres Zuspätkommens kündigte er ihr auf der Stelle – weil er sich unmittelbar zuvor über einen Kunden geärgert hatte. Obwohl es sich anschließend als nahezu unmöglich erwies, einen Ersatz für sie zu finden, nahm er die Kündigung nicht zurück. So war er eben.
Mittlerweile war es 9:19 Uhr.
Antonia ließ sich mit dem Nachfüllen der Kaffeebohnen viel Zeit und beschloss, bei der Gelegenheit auch gleich noch den Wassertank aufzufüllen. Machte ja außer ihr auch sonst keiner, immer blieb alles an ihr hängen. Und das wollte sie jetzt ausnutzen. Denn von der Küche aus konnte man halt prima mithören, wenn Sandra nun gleich ihre verdiente Standpauke erteilt bekam. «Das at geprickelt so schön in mein Bauchnabel», sagte eine Bierwerbung dazu und brachte damit exakt Antonias Vorfreude auf den Punkt. Außerdem hätte ihr Weg von der Kaffeeküche in ihren Arbeitsraum zurück mitten durch die sich gerade anbahnende Szene geführt – und es war im Blick auf Heikos meist verletzende Ausbrüche sehr ratsam, sich nicht freiwillig zwischen die Fronten zu begeben.
Mutig ignorierte Sandra ihre Zuhörerinnen und setzte an, sich Heiko gegenüber herauszureden: «Ähm, der Verkehr …», aber es klang ungewollt nicht wie nebenbei als unverrückbare Tatsache erwähnt. Sie spürte sofort, dass so ein Anfang viel zu lahm und leider auch viel zu ideenlos klang.
Am liebsten hätte sie sich auf die Zunge gebissen, weil sie wieder einmal den Mund aufgemacht hatte, bevor das Gehirn eingeschaltet war. Immerzu gewann ihre flinke Zunge die Oberhand über ihren Verstand, und sie wusste schon jetzt ganz genau, wie Heiko darauf reagieren würde. Ihre schöne Steilvorlage musste für ihn zu schön sein, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen.
Heiko atmete tief ein, sein Durchgreifen war gefragt. Mal hing er seinen Verweis daran auf, dass man als App-Texterin eine hohe Affinität zu Smartphones haben müsse und dementsprechend mit den simpelsten Verkehrs-Apps wie z. B. Google-Maps alle aktuellen Verkehrsaufkommen in Windeseile einsehen und dementsprechende Anpassungen an seine eigene Abfahrtszeit vornehmen könne. Ein anderes Mal verliebte er sich in einen verworrenen und leicht pseudo-mathematischen Ansatz, wie man die perfekte Pufferzeit mit einer einfachen Formel vorher (!) berechnen könne. Und ein weiteres Mal referierte er rechthaberisch über die Vorteile des öffentlichen Nahverkehrs und trat die Tatsache breit, dass er in der Firma lange dafür gekämpft habe, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Job-Ticket anbieten zu können. Und so weiter und so fort, alles in rasender Geschwindigkeit und mühelos formuliert, sagte er, was zu sagen war. Er hörte sich furchtbar gerne maßregeln, er schmolz darin wie Schokolade im Wasserbad. Alle seine Reaktionen hatten einen gemeinsamen Nenner: Die Ausrede, wie genial sie auch immer ausfallen mochte, ließ er unter keinen Umständen gelten. Unter gar keinen.
Heute entschied sich Heiko für eine neue Mischung aus den sattsam bekannten Kernpunkten seiner berüchtigten, oft wiedergekäuten Standpauken und redete sich wegen seines ausgefallenen 9-Uhr-Termins schließlich richtig schön in Rage. Er konnte nicht genug davon kriegen, alles rauszulassen; wer wusste denn schon, wann sich ihm die nächste Gelegenheit dazu bieten würde.
Antonia drückte ausgerechnet jetzt, in der spannendsten Minute, den Button der Kaffeemaschine, woraufhin sich das Mahlwerk unverzüglich und laut krachend über die dunkelbraunen Bohnen her machte – im gerade mal vier Quadratmeter kleinen Küchenkabuff glich dies einem Spektakel der ganz besonderen Art. Begleitet von lautem Dröhnen, inhalierte das Mahlwerk eine Handvoll Bohnen, um sie unter beträchtlichem Ächzen, Knirschen und Klackern als die gewünschte braune Flüssigkeit herausfließen zu lassen. Dem Krawall folgten abschließend zwei heftige Knaller, die jedem anzeigten, dass das gebrauchte Kaffeemehl in den dafür vorgesehenen Behälter ausgespuckt worden war. Die daraufhin einsetzende Stille tat dann fast weh.
Hanna warf Antonia einen vernichtenden Blick zu. Sie hatten etwas Wichtiges verpasst, vielleicht sogar DAS Wichtigste, es war unwiederbringlich verloren. Und was immer das gewesen sein mochte, sie mussten es sich später beim Weitertratschen leider selbst aus den Fingern saugen, damit es passend würde. Das war unangenehm, weil sie meist vergaßen, sich darüber genauer abzusprechen. Wenigstens aber konnten sie jetzt wieder mühelos folgen.
Gerade hörten sie Heiko Gift und Galle spucken:
«Ich habe deinen Vater, Gott hab ihn selig, als Kollegen sehr geschätzt. Aber mit dieser deiner Einstellung, was pünktlichen Arbeitsbeginn angeht, wirst du hier nicht weit kommen, das kann ich dir versprechen!»
Das saß.
Sandra hasste es, wenn Heiko die Vater-Karte bei ihr ausspielte. Heiko hatte vor mehr als zwei Jahrzehnten unter ihrem Vater, der damals hier Chefredakteur war, bei einer renommierten Tageszeitung gearbeitet. Faktisch war Heiko dort nur ein kleiner Fisch und als Zuarbeiter für ihren Vater tätig gewesen – und den Erzählungen ihres Vaters nach war er darin keine große Hilfe gewesen. Unleugbare Tatsache war aber, dass es der einstige Zuarbeiter inzwischen in seine jetzige Chefposition geschafft hatte, während sich aus der kleinen Tageszeitung eine Online-Zeitschrift mit angeschlossenem Versicherungs-Konzern entwickelt hatte. Aus Sandras Sicht hat Heiko es schlicht und einfach deshalb zum Chef geschafft, weil es an geeignetem Führungspersonal fehlte. Eines musste sie ihm aber lassen: Er füllte diese Stellung mit großer Durchsetzungsfähigkeit aus und ließ alle Mitarbeiter, von denen er nicht wusste, dass Sandra sie heimlich «Krokodile» nannte, seine Macht spüren. Allzu gerne verbreitete er unter ihnen Unsicherheit und Angst. Ebenso gerne sah er den manchmal ungeheuerlichen Büroklatsch kreißen, weil er sich sagte: Wenn jeder gegen jeden kämpft und dabei ums eigene Überleben ringen muss, hat keiner Zeit dafür, an meinem Stuhl zu sägen, geschweige denn, eine Intrige gegen mich anzuzetteln. Intrigen waren DAS Machtinstrument schlechthin, keiner wusste das besser als er, Heiko.
Während sich endlich Antonia und Hanna mit ihren gefüllten Kaffeetassen an den beiden ungleichen Gegnern vorbeischlichen, säuselten sie ein überbetont freundliches «Guten Morgen, Heiko». Sandra hingegen bedachten sie schadenfroh mit süffisantem Lächeln. Die stand immer noch in Jacke und mit ihrem Schlüsselbund in der Hand hilflos da. In angestrengter Suche nach aufrechter innerer Haltung ließ sie unwillkürlich ihre linke Hand den alten Zigarrenbohrer ihres verstorbenen Vaters aus- und wieder einklappen. Den pflegte sie stets am Schlüsselbund zu tragen. Solange sie diesen Zigarrenbohrer besaß, konnte ihr die Welt nichts anhaben, und deshalb ließ sie ihn zu ihrer Beruhigung immer wieder hörbar klicken.
Irritiert musste Heiko das zur Kenntnis nehmen, setzte aber wutschnaubend seinen Monolog so lange fort, bis seine Entladung erfolgreich abgeschlossen schien und seine Standpauke insoweit fruchtete, als Sandras Versuche, wenigstens das letzte Wort zu behalten, vergeblich blieben. Immerhin. Noch ein paar Schlussworte, und dann war’s gut:
«Wie dem auch sei, ich erwarte zukünftig absolute Pünktlichkeit von dir, lass dir das ein für alle Mal endlich gesagt sein. Reize den Löwen nicht noch mehr! Du stehst schon ganz, ganz dicht am Abgrund, meine Liebe!»
«Verstanden», gab Sandra kleinlaut zu Protokoll und wollte sich in ihr Büro davonmachen, als Heiko ihr hinterherrief:
«Ach übrigens, wir brauchen immer noch einen Artikel zu dem Bild von Letizia mit dem gutaussehenden Mann in dem Café.»
«Ernsthaft jetzt?», fragte Sandra in einem Ton, der aussagen sollte: War die Standpauke denn nicht Strafe genug?
«Das ist doch bloß der Fitnesstrainer der spanischen Königin. Selbst Bekia hat am Wochenende nicht mehr darüber berichtet. Wieso sollten wir uns da also noch weiter drauf stürzen?», argumentierte sie.
«Weil es ganz genau DAS ist, was die Leute lesen wollen.»
«Was soll ich denn dann schreiben? Etwa: Spaniens Königin in flagranti mit Fitnesscoach erwischt – er hatte einen großen verliebten Latte macchiato in der Hand? Oder wie?»
Es musste doch möglich sein, sich diesem blödsinnigen Auftrag zu entziehen, was sollte das denn?
Heiko ließ aber nicht mehr locker und trat nach:
«Erfinde einfach eine Geschichte, Mensch! Überrasche mich! Überrasche unsere Leser! Du hast doch sonst auch immer ein Faible für royale Skandale.»
«Aber, Mann, Heiko! Das ist doch meilenweit entfernt von einem Skandal», wehrte sie sich.
Heiko wedelte unwirsch mit der Hand durch die Luft:
«Keine Widerrede! Oder muss ich dir erst erklären, wer hier der Chef und wer hier die Angestellte ist? Ich erwarte deinen Artikel bis morgen Nachmittag auf meinem Schreibtisch», beendete Heiko schließlich ihre Einwände und marschierte festen Schrittes in seinen Glaspalast zurück.
Alles nur wegen ein paar Minuten Verspätung, dachte sich Sandra, während sie unter den hämischen Blicken ihrer Kolleginnen durch den langen Flur in ihr Büro verschwand. Sie verwünschte den heutigen Montag, der sie kalt erwischte und mit aller denkbaren Gewalt über sie hereingebrochen war.
Wie immer, wenn sie genervt wurde, rief Sandra ihr Selbstmitleid zu Hilfe: Zu wenig Zeit, zu viele Autos auf den Straßen, zu viele rote Ampeln – und dann der Junge mit dem Kerl dabei. Warum trifft es immer mich?
Es war frustrierend.
Wochenlang schon arbeitete Jacqueline darauf hin, mehr Verantwortung übernehmen zu dürfen, bekam allerdings bis jetzt weder neue Aufgaben noch tiefere Einblicke in den Ablauf von Ludmillas Arbeitsalltag.
Ludmilla zeigte sich zwar als eine faire, aber recht abgekühlte Chefin, sie verströmte die gewisse Abgebrühtheit eines Bankers, der hinter Begriffen wie Hedgefonds, Annuität oder auch Inflationsschutz zu verschleiern suchte, dass er mit dem Ersparten seines Kunden nach Belieben Schindluder trieb – oder vielleicht auch nicht, je nach Lage der Aktien. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass Ludmilla am Ende offenbar nie in Gefahr geriet, den Überblick zu verlieren, was sich über einen Banker nicht immer sagen ließ.
Dass ihr Wunsch, mehr tun zu dürfen, als bloß den gewünschten Kaffee zu kochen und Akten zu kopieren sowie Telefonate entgegenzunehmen und sie weiterzureichen bzw. Termine zu vereinbaren, sich ausgerechnet heute erfüllen sollte, kam dann allerdings doch überraschend für Jacqueline.
Gerade bevor sie die gute Nachricht erfuhr, hatte sie leider einen schwerwiegenden Fehler begangen, weil sie etwas übersehen hatte. Korrigieren konnte sie ihn leider nicht, weil die Kundin ja noch am Tisch saß. Die geschickte Problemlöserin, die für jede Beratungsstelle überlebenswichtig war, musste her.
Wie gut, dass es gar nicht nötig war, Ludmilla lange zu bitten. Mit der Professionalität einer guten Schauspielerin, die über vergessene Textzeilen improvisierend hinwegspringt, damit das Publikum den Fehler gar nicht erst bemerkt, überspielte Ludmilla gekonnt Jacquelines gerade dokumentiertes Versäumnis. Dabei vergaß sie keineswegs, ihr einen kurzen, strengen Blick als Vorwarnung auf die später folgende Rüge zuzuwerfen.
Mit maximaler Rollensicherheit, erworben in jahrzehntelanger Erfahrung, gelang es Ludmilla zum Glück, die Kundin mit einem durch und durch positiven Gefühl aus dem schwierigen Gespräch zu entlassen.
Zumindest ließen die Dankesbekundungen der jungen Frau darauf schließen, dass es Ludmilla gelungen war, eine tonnenschwere Last von ihrem Herzen zu nehmen.
Auch Jacqueline verabschiedete sich freundlich und mit nicht allzu festem Handschlag von der Kundin, die mit ihren 23 Jahren nur wenige Monate älter war als sie selbst. Sie wünschte ihr von Herzen alles Gute und blieb im Raum zurück, während Ludmilla die sichtlich erleichterte Frau zur Tür begleitete.
Jacqueline sortierte derweil die Informations-Broschüren wieder an Ort und Stelle zurück, die sie während des Gesprächs vom Beistelltisch geholt hatte. In ewiger Selbstanalyse machte sie sich klar, dass das Prospekte-Sortieren möglicherweise nichts als eine Übersprunghandlung war, vielleicht tat sie es auch aus purer Verlegenheit. Denn das hätte sie fraglos auch später erledigen können, aber sie musste ihre Hände mit irgendetwas Sinnvollem beschäftigen.
«Ich hoffe, du hast jetzt den Sinn dahinter erkannt, wieso die wichtige Bescheinigung immer schon fertig unterschrieben und ausgefüllt vor Gesprächsbeginn auf dem Tisch zu liegen hat? Und zwar musst du dabei beachten, dass sie für die Kundin sichtbar daliegt», hörte sie schließlich Ludmilla in strengem Tonfall fragen, als sie von der Verabschiedung zurückkam. Sie sprach dabei in Jacquelines über den Tisch gebeugten Rücken.
«Ja», antwortete Jacqueline und drehte sich zu ihr um:
«Das habe ich heute eindrücklich gelernt, es tut mir schrecklich leid, und du kannst dich darauf verlassen, dass das nicht mehr vorkommen wird.» Der Fehler war ihr äußerst peinlich, das hätte wirklich nicht passieren dürfen.
«Gut», nickte Ludmilla ihr wohlwollend zu, womit sie ihrem Protegé signalisierte, dass es in Ordnung ist, Fehler zu machen. Zumindest ein Mal.
«Dann richte den Raum bitte neu her, bald kommt schon die nächste Kundin. Ich will, dass du auch da wieder hospitierst.»
Jacqueline freute sich überrascht.
Ohne eine weitere Reaktion abzuwarten, drehte Ludmilla sich um und ging. Mit ihrer immer perfekt sitzenden Frisur und ihrem sorgfältig gewählten Kleidungsstil strahlte sie eine zeitlose Eleganz und große Seriosität aus. Mit ihrem fortschreitenden Alter schien sie überhaupt keine Probleme zu haben. Ludmilla wirkte wie der Prototyp einer Frau, die sich niemals beirren ließ, die jederzeit wusste, was sie zu tun hatte, und das Wissen aushielt, dabei gegen die Meinung anderer zu handeln. «Nur so wird man zur Persönlichkeit; einer muss sich ja die Hände schmutzig machen», das waren häufig geäußerte Erklärungen aus ihrem Mund. Klar, Ludmilla tat das, was sie tat, sehr gerne. Daran ließ sie keine Zweifel aufkommen.
Jacqueline bewunderte sie sehr. Zweifelsfrei würde ihr beim nächsten Mal kein solcher Fehler mehr unterlaufen. Sie wollte später mal genauso auftreten wie Ludmilla, und sie wollte mal genauso respektiert und geachtet werden, wie sie selbst das Ludmilla gegenüber zum Ausdruck brachte.
Zu gerne schaute sie ihr Handy-Display immer wieder an:
Ich freue mich auf dich, Lisa-Liebling, mein unerwartetes Himmelsgeschenk, mein Engel – dein Ulrich
Ulrichs letzte SMS las sie nun bestimmt schon zum hundertsten Mal und freute sich wie ein kleines Kind über die geheimnisvolle Kraft, die ihr seine wenigen Worte für die unangenehme Zugfahrt spendeten.
Lisa mochte Zugfahren nicht. Sie hatte zwar im Alltag kein Problem damit, täglich ein paar Stationen mit der U-Bahn zur Arbeit zu fahren, längere Strecken waren ihr aber ziemlich unangenehm. Weil in den letzten Monaten in Deutschland einiges passiert ist. Besonders unwohl fühlte sie sich, weil sie seit Neuestem nur in der zweiten Klasse reiste – die erste Klasse, die sie vorher immer buchte, konnte und wollte sie sich aber wegen der teuren, fast wöchentlichen Treffen mit Ulrich nicht länger leisten. Leider wimmelte es aus ihrer Sicht hier geradezu von dubiosen Gestalten, von denen manche ein merkwürdiges Verhalten an den Tag legten. Und schließlich war sie sich dessen bewusst, dass sie eine allein reisende Frau ist. Zierlich. Klein. Extra eher unauffällig gekleidet. Aber bei genauerem Hinsehen doch sehr attraktiv. Leichte Beute? Es half nichts, da musste sie durch, es ging um ihre Zukunft, ohne Ulrich wollte sie nicht mehr leben. Er war jeden Preis wert, und sie würde ihm ihre erzwungene Reiseveränderung unter keinen Umständen verraten.
Und was gäbe es zum Zugfahren auch für eine Alternative? Lisa litt unter Flugangst, und die lange Strecke nach Zwickau im Auto zurückzulegen, war ihr viel zu anstrengend. Bei dem Dauerstress auf den Autobahnen würde sie zwangsläufig total erschöpft bei Ulrich ankommen. Klar, bei der Ankunft hätte ein kleines Erholungsschläfchen sie wieder fit gemacht, aber dazu war die Zeit mit Ulrich viel zu kostbar. Und es war leider auch so: Seitdem sie ihren geliebten Opa wegen eines tödlichen Autounfalls verloren hatte, in den er völlig unverschuldet hineingeraten war, begab sie sich nur noch ausgesprochen ungern in Situationen, in denen die Möglichkeit bestand, den einen entscheidenden schwerwiegenden Fehler eines anderen Autofahrers mit dem eigenen Leben bezahlen zu müssen.
Um Zeit totzuschlagen, schaute sie den gesamten heutigen SMS-Verlauf noch mal an:
Sitze jetzt im Zug. Wenn alles glatt läuft, bin ich in sechs Stunden bei dir. Kuss, deine Lisa.
Um kurz nach sechs Uhr hatte sie ihm das geschrieben. Seine Antwort ließ wieder mal auf sich warten. Irgendwann, so erinnerte sie sich, hatte sie ihn auf die langen Wartezeiten seiner Nachrichten angesprochen und wollte wissen, warum er kein WhatsApp benutzte. Aber da ließ er überhaupt nicht mit sich reden. Vergeblich erklärte sie ihm, wie tröstlich es für sie wäre, wenn sie nachsehen könnte, ob er ihre Nachricht schon gelesen hatte. Auch wenn er nicht gleich antworten könne, so wäre sie dann doch trotzdem mit ihm in Verbindung. Das Wissen darum, dass er gelesen hatte, was sie schrieb, erfülle sie auch dann mit Ruhe, wenn er erst Stunden später zurückschreiben könne. Solchen Argumenten war er nicht zugänglich.
Nervös kontrollierte sie alle paar Minuten das Display, vor allem, um sich von dem Großraumwaggon mit seinen Fahrgästen abzulenken. Aber erst kurz bevor sie bei Nürnberg das erste Mal umsteigen musste, reagierte er endlich:
Ich freu mich auf dich. – Ulrich
Inzwischen trafen sie sich seit fünf Monaten fast jedes Wochenende, aller widrigen Umstände zum Trotz. Ulrich zählte beruflich zu den Erfolgreichen, und deshalb war er sehr viel im Außendienst tätig und arbeitete in der Regel sechs, manchmal auch sieben Tage in der Woche. Zumindest samstags oder sonntags nahm er sich oft für einen halben Tag frei. Er ließ sie jedoch nicht im Unklaren darüber, dass ihm die große räumliche Entfernung jedes Mal ein großes Maß an Kreativität abverlangte. Meist trafen sie sich darum irgendwo in der Mitte Deutschlands, um die wenigen Stunden zu nutzen, die das kurze Treffen ihnen ermöglichte. Dieses Mal trafen sie sich im Osten Deutschlands. Letztes Wochenende auch mal in der Schweiz, wo Ulrich einen Kundentermin wahrnahm. Lisa liebte die Schweiz sehr: Alles sah so sauber, ordentlich und immer sehr gepflegt aus. Wie die Schweizer das bloß hinkriegten?
Obgleich Lisa das häufige Umherreisen an sich hasste, gab es derzeit dazu eben keine andere Möglichkeit, und sie stellte fest, dass Ulrich ihr bisheriges Leben positiv auf den Kopf stellte. Es war echt schön, aufeinander zuzufahren und sich aufeinander zu freuen. Es war schön, in festen Händen zu sein und die sich daraus ergebenden festen Termine nicht verschieben zu dürfen.
Manchmal besuchte sie per Zugfahrt ihre Mutter, die allerdings zu weit weg wohnte, als dass sie das mehrmals im Jahr tun könnte. Tja, und feste Freundschaften schließen, das fiel ihr nach wie vor schwer, ihr fehlte dazu schlicht die notwendige Schmetterlings-Leichtigkeit. Seit sie von zu Hause weggezogen war, lebte sie mehr oder weniger alleine.
Ihre Samstage und Sonntage folgten deshalb vor Ulrichs Auftauchen einem festen Muster, denn sie hatte mal gelesen, dass Rituale im Leben Sicherheit und Glück vermittelten. Das war einleuchtend. Deshalb gestattete sie sich nicht mal den einen oder anderen Wochenend-Durchhänger, stand stattdessen brav samstags früh auf, kaufte das einzige Mal in der Woche eine Tageszeitung sowie ein leckeres Laugen-Croissant beim Kiosk um die Ecke. Anschließend machte sie es sich mit ihren eingesammelten Schätzen auf dem Sofa gemütlich, genoss das Faulsein.
Gegen 11:00 Uhr hatte sie die vormittägliche, sich selbst zugemessene Dosis von maximal drei Tassen Kaffee ausgeschöpft und in der Tageszeitung inklusive des Feuilleton-Teils alles Relevante gelesen. Dem ließ sie ein kurzes Mittagsschläfchen folgen, ehe sie ihre Wohnung gründlich putzte, dann die Wocheneinkäufe erledigte und die restliche Zeit mit Lesen von Kriminalromanen (am liebsten Charlotte Link oder Martha Grimes) oder dem Anschauen neuer Serien bei Netflix zubrachte. Früh abends ging sie ins Bett, wobei sie vor dem Einschlafen sehr gerne gute Gedichte las. Die Sonntage verliefen ganz ähnlich, nur das Einkaufen fiel dann flach, dafür ging sie viel spazieren und arbeitete danach fleißig neue Artikel für Radego Entertainment aus. Völlig ungestörte Sonntage bisher. Sie wusste, dass ihr Chef es sehr schätzte, wenn sie am Montag einen ordentlichen Berg fertig geschriebener Artikel bei ihm ablieferte. Sie war sein Sahnestück, das wusste sie, und das war sie sehr gerne. Keiner zeigte größeren Fleiß als sie.
Ein Programm allerdings, das sie seit Ulrich leider nur noch mit großen Einschränkungen durchziehen konnte, weil sie, wie an diesem Samstag, frühmorgens mit der Bahn durch halb Deutschland reiste. Angekommen, verbrachte sie den Rest des Tages beziehungsweise des Abends mit Ulrich in einem Hotelzimmer. Alle Arbeit war dann nebensächlich, weil sie erst am Sonntag nach dem Frühstück wieder nach Hause aufbrechen mussten. Das wiederum bedeutete, dass sie frühestens am Sonntagabend wieder zu Hause eintraf. Dann musste sie sich erst einmal vom Reisestress erholen. Mit dem Ergebnis, dass sie sich nicht mehr dazu aufraffen konnte, redaktionelle Texte zu erarbeiten.
Ulrichs Kunden verfügten aber nun mal leider recht diktatorisch über seinen Terminkalender. Auch wenn sie jeden Sonntag traurig war über die viel zu kurz bemessene Zeit, so war es ihr nicht ganz so unrecht, wie man das annehmen könnte. Sein restriktiver Terminkalender verschaffte ihr wenigstens am Sonntagnachmittag oder spätestens am Abend erholsames Alleinsein. Nach einem, wie sie selbst es nannte, «Vor-Schläfchen» gefiel ihr ihr 3-Zimmer-Apartement in Stuttgarts Innenstadt immer wieder neu, und nach einem Rundgang und einem Happen Brot machte sie sich ans Schreiben.
Sie versuchte, doppelt so schnell zu arbeiten und sich nützlich zu machen, um die Firma voranzubringen. Am Montag, ihrem Lieblingsarbeitstag, konnte sie dann im großen Meeting ihre Ergebnisse präsentieren. Der erledigte Stapel fiel indessen seit etwa fünf Monaten deutlich kleiner aus, aber er blieb immerhin noch ziemlich beeindruckend dick. Die anderen Kollegen hatten zum Glück gar nichts dergleichen vorzuweisen.
Lisa guckte schon wieder auf die Uhr und motivierte sich damit, dass sie Ulrich nun bald sehen würde, auch er war ja unterwegs zum gemeinsamen Treffpunkt. Das Handy klickte, eine neue SMS war eingegangen:
Ich freu mich so auf dich. – Ulrich :-)
