Allia - Sylvie Kaufhold - E-Book
SONDERANGEBOT

Allia E-Book

Sylvie Kaufhold

0,0
4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Allianz der neuen Königreiche droht zu zerbrechen und steht am Rande eines allumfassenden Krieges. Gleichzeitig kämpfen die alten Völker hinter der Dornenhecke um ihr Überleben. Mitten in diesem Chaos, das eine Handvoll gieriger Menschen ausgelöst hat, wird das Schicksal der drei Cousins Allia, Meltem und Hegoa, von den Ereignissen tief erschüttert. Doch dann wirken sie wie Sandkörner im Getriebe eines globalen Konflikts. Sie sind verstreut und doch durch ein Kristalllicht verbunden. Meltems Mut und die magischen Kräfte von Allia und Hegoa helfen ihnen beim Kampf, das Gleichgewicht unter den Völkern wiederherzustellen. Die Trilogie um Allia erscheint in einem Band. Die Autorin Sylvie Kaufhold entführt den Leser in eine zauberhafte Welt, in der es von eigenartigen und faszinierenden Figuren wimmelt. In diesem Kosmos aus Magie, Prüfungen und existenziellen Zwängen, über den eigenen Schatten zu springen, verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Präsentation

Die Allianz der neuen Königreiche droht zu zerbrechen und steht am Rande eines allumfassenden Krieges. Gleichzeitig kämpfen die alten Völker hinter der Dornenhecke um ihr Überleben. Mitten in diesem Chaos, das eine Handvoll gieriger Menschen ausgelöst hat, wird das Schicksal der drei Cousins Allia, Meltem und Hegoa von den Ereignissen tief erschüttert. Doch dann wirken sie wie Sandkörner im Getriebe eines globalen Konflikts. Sie sind verstreut und doch durch ein Kristalllicht verbunden. Meltems Mut und die magischen Kräfte von Allia und Hegoa sollen ihnen beim Kampf helfen, das Gleichgewicht unter den Völkern wiederherzustellen.

Die Trilogie um Allia erscheint in einem Band. Die Autorin Sylvie Kaufhold entführt den Leser in eine zauberhafte Welt, in der es von eigenartigen und faszinierenden Figuren wimmelt. In diesem Kosmos aus Magie, Prüfungen und dem existenziellen Zwang, über den eigenen Schatten zu springen, verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse.

 

 

***

 

 

 

Sylvie Kaufhold ist eine französische Fantasy-Autorin, die seit 20 Jahren in der südbadischen Universitätsstadt Freiburg lebt. Sie arbeitet dort als Sprach- und Kunstlehrerin.

 

Von der selben AutorinSol, Les réfugiés du froid, dystopie, Les Éditions du 38Voleurs de lumière, Fantasy, Les Éditions du 38Terres Obscures - Chroniques du jour pâle, Fantasy, Les Éditions du 38

Sylvie Kaufhold

ALLIA

die komplette Saga

aus dem Französischen von Christine Papillon

Les Éditions du 38 verlag

Buch I: Der Bergkristall

1

Zehn Tage. Es waren zehn Tage vergangen, und es gab immer noch keine Nachricht von Meltem. 

Allia legte ihr Buch zurück auf den Berg von Kissen, die das Bett bedeckten. Ihre Hände zitterten leicht, ein Zeichen der Unruhe, die in ihr wuchs. Kurz hatte sie gehofft, sich beim Lesen der Kriegsnotizen von Großvater Lith ablenken zu können. Leider schaffte es keine Erzählung, ihre Sorgen zu vertreiben. Sie musste ständig an ihren Bruder denken.

Meltem hätte schon lange von seiner Inspektion bei den Bauern aus dem Norden zurück sein sollen. Allia konnte ein Frösteln nicht unterdrücken. Sie vergrub ihre nackten Füße unter der großen purpurroten Decke, die über ihrem Bett lag, und schob ihre langen braunen Haarsträhnen aus ihrem Gesicht. Ihr Bruder war ein guter Reiter, er würde kein unnötiges Risiko eingehen, wiederholte sie zu sich selbst. Es gab keinen wirklichen Grund, sich Sorgen zu machen. Es war nicht das erste Mal, dass Meltem nach Norden geritten war. Die kargen Hochebenen erstreckten sich zu beiden Seiten des Flusses Blisse bis zu den Bergen, und die Bauern dort arbeiteten seit Jahren für die Familie Dhzari. Der junge Mann besuchte sie regelmäßig. Die Gegend war sicherer als früher geworden, und Meltem war es gewohnt, allein zu reiten, obwohl es für die Händler dieser Zunft nicht üblich war. Meistens waren es nur kurze Aufenthalte, die den wirtschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen dienten. Meltem hatte sicher nur seinen Besuch bei einem seiner Freunde verlängert, versuchte sich Allia zu beruhigen. Er nutzte bestimmt das schöne Herbstwetter, um auf den Hochebenen zu jagen. Wenn er wieder zu Hause wäre, würde er über sie und ihre kindlichen Sorgen lachen.

Allia konnte ihre Sorgen jedoch nicht abstreifen. Sie warf einen letzten flüchtigen Blick auf das Buch, das noch auf dem Bett lag, nahm es und räumte es in das nächstbeste Bücherregal ein. Eigentlich liebte es die junge Frau, in den Aufzeichnungen ihres Großvaters zu stöbern, um dort vieles über andere Völker und Orte zu erfahren, fernab ihrer bekannten Welt. Sie konnte sich stundenlang zum Lesen in ihr Zimmer verkriechen oder, bei schönem Wetter, auf der Wiese unter den Apfelbäumen des Gartens liegen. Großvater Lith genügte es nicht, die militärischen Fakten aufzuschreiben. Er besaß die wunderbare Gabe, über Orte und Menschen, denen er auf seinen Reisen begegnete, einfühlsam zu erzählen. Seine Hefte waren eine wahre Fundgrube über die Geschehnisse der Welt da draußen, denn der verstorbene König Plenien hatte jahrelang seine Truppen in alle Ecken der Allianz geschickt. Großvater Lith hatte so an vielen Expeditionen teilnehmen dürfen, die ihn bis zur südlichen Wüste geführt hatten und später auch in den Norden, als ein Friedensvertrag mit den Bergländern geschlossen worden war.  

Die Lieblingskapitel von Allia waren diejenigen, die über die Zeit erzählten, als Großvater Lith an den reichen Küsten der Marge stationiert war. Er hatte dort mit einigen Händlerfamilien Freundschaft geschlossen. Eine Freundschaft, die der Ursprung des Lebens von Allia und Meltem bedeuten sollte. Sie selber hatte kaum Erinnerungen an das Gebiet der Marge. Sie erinnerte sich nur noch schemenhaft an das große Anwesen ihrer Eltern, die einladenden Schatten unter den hundertjährigen Bäumen, wo sie so oft Zuflucht gefunden hatte, als sie traurig war. Sie erinnerte sich an die Liebe ihrer Mutter, als sie Allia ins Bett trug, an das Gefühl von Geborgenheit in den Armen ihres Vaters. Das alles schien so weit weg. Sie wollte diese Erinnerungen festhalten, sich gegen die Zeit stemmen, aber sie war erst fünf Jahre alt, als sich alles geändert hatte. Dann blieben ihr nur noch die Erzählungen von Großvater Lith.

Aber heute waren die Erinnerungen an damals oder die Geschichten des Großvaters nicht wichtig. Diese geheimnisvolle und zugleich fremde Welt konnte sie nicht ablenken, ja sie steigerte nur ihr Bangen um Meltem. Sie hätte jetzt so gerne einen Brief von ihrem Bruder erhalten und nicht irgendwelche Aufzeichnungen oder ein Buch gelesen. Allein die Jagd hätte ihn nicht davon abhalten können, nach einer Möglichkeit zu suchen, seiner Familie eine Nachricht zukommen zu lassen. Die junge Frau schob die purpurrote Decke von sich weg und stand plötzlich auf. Sie ging bis zum großen, dunklen Holzschreibtisch, der voll von Büchern und Heften in der Mitte ihres Zimmers stand. Sie öffnete die erste Schublade, nahm eine kleine Ledertasche heraus und ging zum Bett zurück. Rasch löste sie das dünne blaue Band. Vorsichtig glitt sie mit einer Hand hinein und holte ein kleines Ding hervor, so glatt wie ein von der Meeresbrandung geschliffener Stein. Eine Träne rann über ihr Gesicht. In ihrer Hand blieb das Kristall grau wie ein Gewitterhimmel. Es brachte ihr diesmal keine Erlösung, keine Erleichterung. Allia schaute durch das Fenster ihres Zimmers zu den Bergen und fühlte, wie ihr Herz schmerzte. Die Berge schienen so nah zu sein und trotzdem war ein Zweitagesritt nötig, um sie zu erreichen.

 

Zwei schnelle Schläge pochten gegen die Tür, und die laute Stimme von Großvater Lith war plötzlich durch die dünne Wand zu hören.

»Aufstehen, Allia! Der Tag wartet nicht!«

»Ich komme sofort, Großvater«, antwortete Allia und wischte sich die Träne aus dem Gesicht. »Ich ziehe mich nur noch an!«

Sie hörte die Schritte auf den Holztreppen und zögerte noch eine Weile, ihr vertrautes Bett zu verlassen. Dann entschied sie endlich aufzustehen. 

»Nicht aufzustehen ist keine Lösung. Es ist höchste Zeit, nach Nachrichten zu suchen.«

Sie steckte den Kristall in die kleine Ledertasche zurück, knotete das Band fest und schob das Täschchen unter ihre Kissen. 

Allia warf einen Blick in den Spiegel ihres Zimmers. Mit fünfzehn war sie noch erstaunlich klein, sodass jeder, der sie nicht kannte, sie für ein zehnjähriges Mädchen hielt, das noch die Freiheit genoss, sich nach Lust und Laune zu bewegen. Dabei war sie bereits eine junge Frau, deren Pflichten durch die Etikette ihres Rangs und ihres Berufes diktiert wurden. Soweit sie sich erinnern konnte, war sie immer kleiner gewesen als ihre gleichaltrigen Freundinnen. Andere Kinder machten sich einen Spaß daraus, sie zu hänseln. Sie hatte erst rebelliert und ihren kämpferischen Charakter mit einigen blauen Flecken bezahlt. Dann aber war sie älter und klüger geworden, wenngleich nicht viel größer. Sie hatte ihr Aussehen als einen Teil ihrer Identität akzeptiert und hatte gelernt, daraus auch Vorteile zu ziehen. Besonders die kindliche Bewegungsfreiheit war etwas, das sie in einer sonst sehr strengen Gesellschaft sehr genoss. Sie war trotzdem etwas neidisch auf ihre Cousine Hegoa, die mit ihren siebzehn Jahren eine der schönsten Frauen am königlichen Hofe war. Hegoa ging dort dem noblen Beruf der Harfenspielerin nach. Ihre Bewegungen und die Auswahl ihrer Kleider waren dementsprechend streng reglementiert.

In weniger als einem Jahr, dachte Allia, werde ich auch als Erwachsene leben können. Ich werde endlich aus Burdal hinausreiten und die Welt entdecken dürfen.

In der Tat würde sie in ein paar Monaten sechzehn werden und neben Meltem die Geschäfte ihrer Familie übernehmen. Wie viele Familien aus der Marge waren die Dhzaris seit Generationen Händler. Allia wusste, dass sie trotz ihres kindlichen Aussehens schon die nötigen Fähigkeiten für ein selbstständiges Leben besaß. Als Reiterin war sie sehr gut und ausdauernd, gleichzeitig konnte sie unheimlich schnell laufen. Zwar waren die Schwertübungen noch zu anstrengend für ihren kleinen Körper, dafür aber entwickelte sie außerordentliches Geschick beim Bogenschießen. Am liebsten aber kämpfte sie mit dem Dolch. Sie war auch eine begabte Schülerin im Erlernen fremder Sprachen und im Rechnen, was für eine Händlerin der Zunft sehr wichtig war. Wie sehr hatte sie sich gewünscht, schon sechzehn Jahre alt zu sein! Sie sehnte den Tag herbei, der Enge des Gasthauses und der dreckigen Gassen der Hauptstadt zu entfliehen, um Meltem in die fremden Provinzen zu begleiten. Sie hatte ihn schon wieder gebeten, sie mitzunehmen. Ohne Erfolg. Er war wieder allein losgeritten.

»Du bist zu jung, Alli. Ich verspreche dir, später kommst du mit, später.«

Er hatte sie nochmal Alli genannt, eine Koseform, die Allia an ihre Kindheit erinnerte.

Für ihn war sie immer noch das Mädchen, das gerne in den Bäumen herumkletterte. Er hatte nicht bemerkt, wie sie älter geworden war. Sie würde ihm aber beweisen, dass sie kein Kind mehr war. Als Erstes würde sie von jetzt an aufhören, sich grundlos zu sorgen. Meltem verfiel nie in Untätigkeit. Alles war so einfach für ihn! Er war ständig beschäftigt und doch so frei. Er war zwanzig, lebte noch bei Großvater Lith, und seit vier Jahren schon ordnete er die Geschäfte der Familie in der Stadt Burda. Er sah regelmäßig seinen Onkel Antis Dhzari, der vor neun Jahren die Gesamtleitung ihres Handels übernommen hatte, nachdem sein älterer Bruder und dessen Frau gestorben waren. Das Wüstenfieber hatte damals Meltem und Allia ihren Eltern weggenommen. Ihr Onkel war ledig und sehr beschäftigt, so hatte er die zwei Kinder zu ihren Großeltern nach Burda geschickt. Erst Jahre später, als Meltem endlich alt genug geworden war, um selber Händler zu werden, hatte Antis Dhzari sich wieder gemeldet und Meltem mit dem Geschäft vertraut gemacht. Darüber hinaus war eine tiefe Freundschaft entstanden. Der junge Mann reiste seitdem überall in Burdal herum, um Geschäfte abzuwickeln. Allia war aber aufgrund ihres Alters noch an ihr Zuhause gebunden und konnte von langen Reisen und Abenteuern nur träumen.

Sie hob einen Finger und schimpfte mit ihrem Bild im Spiegel.

 »So, jetzt reicht es mit der Träumerei. Los, junge Dame, anziehen und raus hier!«

Ihre Stimme brachte Allia wieder ins Hier und Jetzt zurück. Sie kleidete sich an und zog eine kurze dunkelgrüne Leinentunika über. An den Schultern war dieses Kleidungsstück mit zwei Silberbroschen versehen, die im Stil des Wigg-Volkes verarbeitet waren. Sie hatte früher ihrer Mutter gehört, und sie mochte sie deshalb besonders gerne. Die Hosen aus leichtem braunem Stoff und die geschmeidigen Lederstiefel, die sie immer trug, waren eher für einen Jungen gedacht. Ihre Familie hatte aber längst aufgegeben, tadelte sie nicht mehr für ihr Aussehen und versuchte auch nicht mehr, ihr zu anderen Kleidern zu raten. Sie band ihre langen braunen Haare in einem Zopf zusammen. Nach einem letzten Blick in den Spiegel schwang sie sich rasch über die gewundenen und knarzenden Holztreppen, die zum großen Saal herunter führten.

2

Die klare und fröhliche Stimme von Großvater Lith empfing sie auf der Treppe. Im Gasthaus herrschte bereits reges Treiben. Allia hatte wirklich sehr lange getrödelt, der Vormittag war schon fortgeschritten. Die Arbeiter des Viertels saßen zusammen in kleinen Gruppen um die langen Tische aus dunklem Eichenholz und genossen ihre erste Pause. Es duftete im ganzen Haus verführerisch nach frisch gemahlenem Kaffee und gebackenem Brot. Allia spürte, wie ihr Magen knurrte, und die junge Frau huschte so schnell wie möglich über die steile Wendeltreppe, ohne dabei einen Sturz zu riskieren.

Die meisten Gebäude in Burda sahen nicht aus wie jene traditionellen Häuser, die man gewöhnlich auf dem Lande sah. Sie wirkten eher wie langgezogene Schornsteine, die bis zum Himmel hinaufreichten. Die unzähligen Zimmer türmten sich weit hinauf und wurden von etlichen Holztreppen an der Seite gestützt. Schon zu den Gründerzeiten der Stadt hatten Edelleute mittels einer überhöhten Grundsteuer versucht, ihre Macht über den Boden zu erweitern. Die ersten Einwohner fanden darauf eine listenreiche Antwort, indem sie ihre Häuser einfach in die Höhe bauten. Das sparte Grund und Boden und damit auch Steuerkosten. So versiegte diese Einnahmequelle bald. Doch weil die Bevölkerung in der Hauptstadt weiter zunahm und auch der Größenwahn der Leute kaum einzugrenzen war, setzten die Architekten ihre schlanke und steil aufragende Bauweise fort. Das Gasthaus, in dem Großvater Lith und Großmutter Flore die beiden Geschwister Allia und Meltem nach dem Tod ihrer Eltern aufgezogen hatten, lag im alten Bezirk von Burda und zählte mehr als zwanzig Stockwerke, auch wenn nur die vier ersten wirklich bewohnt waren.

Allia liebte die alten, knarzenden Treppen und dieses seltsame Haus. Zugegeben, es war nicht gerade praktisch, aber voller kostbarer Erinnerungen. Sie liebte auch ihren Großvater, trotz einer respektvollen Distanz, die immer zwischen den beiden eingehalten wurde. Als ehemaliger Wandersoldat war Großvater Lith nach dem friedlichen Feldzug im Norden in das Gasthaus seiner Frau zurückgekehrt. Doch es verging kein Jahr nach der Ankunft der zwei Waisen, da raffte das Wüstenfieber Flore wie schon vorher ihre Tochter und deren Mann dahin. Wie ein pflichtbewusster Soldat hatte Großvater Lith nicht lange geklagt, sondern flugs die Leitung des Gasthauses und die Erziehung der zwei Kinder, die damals sechs und elf Jahre alt waren, übernommen. Er hatte die Zukunft seiner Enkel als Händler fest im Blick. Und er weihte sie in die Geheimnisse der Waffenkunst ein, lehrte sie alle Sprachen der Allianz. Er vermittelte Allia und Meltem auch eine geradezu militärische Disziplin. Zwischen Bruder und Großvater wurde Allia wie ein Junge erzogen. Das feine Verhalten der noblen Damen war ihr fremd. Sie entwickelte vielmehr praktische Fähigkeiten, die besser zu ihrem Charakter passten. Sie war organisiert und willensstark, sie besaß Ausdauer und konnte sich problemlos mit vielen Gästen aus den vier Gebieten der Allianz unterhalten. Sie verstand selbst ein paar Dialekte, die von den alten Völkern noch gesprochen wurden, die jenseits der Dornenhecken lebten. Das Gasthaus war eine beliebte Anlaufstelle für Soldaten, und für die kleine Allia der perfekte Ort, um kauernd neben dem riesigen Kamin im großen Saal den vielen Erzählungen aus allen Ecken der Allianz, vereinzelt auch von der anderen Seite der Dornenhecke zu lauschen.

 

Allias Lieblingsmomente waren aber jene Stunden, in denen der Großvater nur ihr gehörte: die Zeit des Unterrichts. Besonders wenn es um die Entstehung der dritten Welt und um die sonderbaren Völker aus der Zeit vor dem Wunder ging. Sie genoss stets die Ruhe, die im Gasthaus nach der Mittagshektik herrschte und saß auf dem Boden vor dem riesigen Sessel ihres Großvaters. Sie fing dann an, ihn mit Fragen zu löchern.

»Großvater, welche Völker lebten in der zweiten Welt, und warum sind sie über die Dornenhecke gewandert?«

»Du kennst schon die Wiggs, die auf dem Türkisen Meer und den Coquillages-Inseln leben«, begann der Großvater, »die Urgroßmutter deiner Cousine Hegoa stammt von diesem Volk. Die Wiggs sind friedlich und trotzdem fürchten sich die Leute der Marge vor ihnen, denn sie können den Meereswind und die Wellen mit ihren Gesängen und Harfen lenken. Früher kamen sie mit ihren reich verzierten Holzbooten nach Houle, wo sie mit den Einwohnern der Marge Geschäfte machten. In den alten Zeiten war es nicht selten, dass einige Wiggs Mitglieder der größten Handelsfamilien heirateten, um Verträge zu besiegeln. Genau das ist mit der Urgroßmutter von Hegoa passiert. Sie ist von ihrem Land über das Türkise Meer nach Houle gesegelt und hat einen jungen Händler der Familie Ziliz geheiratet.«

»Warum sieht man aber keine Wiggs in der Marge mehr und auch nicht in anderen Gegenden der Allianz?«

»Seit mehreren Jahrzehnten kommt kein Boot mehr in den Häfen des Königreiches. Keiner kennt den Grund dafür. Und die meisten Einwohner der Marge fürchten sich zu sehr vor dem Meereswind, um so weit zu segeln. Es wird gesagt, dass jeder, der über die Coquillages-Inseln hinaus segelt, für immer verschwindet.«

»Die Wiggs waren aber nicht die einzigen Einwohner der zweiten Welt vor dem Wunder«, entgegnete Allia.

»Das stimmt«, antwortete der Großvater. »Da waren auch die Iokas und die Fenji. Sie teilten sich die Territorien, die wir heute besitzen – die Iokas im Norden, die Fenji im Süden. Die Welt war damals ein einziger riesiger Wald. Der Legende nach öffnete sich die Erde, und heraus trat die Welt mit unseren vier Völkern. Der Wald ist weggeschoben worden, und eine dornige Hecke wuchs zwischen unseren Welten.«

»Wie haben die alten Völker reagiert? Haben sie sich dagegen aufgelehnt und gekämpft?«

»Die Iokas haben sich gewehrt, aber sie waren nicht stark genug für unsere Armeen. Die Fenji haben dagegen nicht gekämpft, sie haben sich tief in den Wald zurückgezogen. So weit weg wie nur möglich von unserer Welt. Alles um sie ist sehr geheimnisumwittert. Man weiß sehr wenig über sie, nur dass sie Magie nutzen, um sich vor uns zu verstecken. Sie sind uns weder freundlich noch feindlich gesonnen. Sie wollen ganz einfach keinen Kontakt zu uns, und es ist ohne Zweifel gut so. Sie haben ihre Welt, wir haben unsere.«

»Und die …«

»Genug, Allia, genug. Ich muss mich jetzt ausruhen.«

Die junge Frau schwieg, wenngleich widerwillig. Sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte. Wenn Großvater Lith nicht mehr erzählen wollte, sollte man sich geschlagen geben und geduldig auf die nächste Gelegenheit warten. Allia war aber älter geworden, und die letzten Unterrichtsstunden wurden eher der Buchhaltung und der Korrespondenz gewidmet, die Geschichten aus der zweiten und der dritten Welt kamen nicht mehr so oft vor. Sie bedauerte es, aber sie sollte sich gezielter auf ihren Beruf als Händlerin vorbereiten. Heute würde sie mit Großvater über das Verschwinden von Meltem reden müssen. Sie sollten gemeinsam entscheiden, was zu tun war.

 

Sie betrat den großen Saal und näherte sich der riesigen, aus dunklem Holz geschnitzten Theke, die am Ende des Gemeinschaftsraums stand. Wie immer nahm sie einen Krug warmer Milch, der ohne Zweifel für irgendeinen Gast vorbereitet war, wie die dunkel funkelnden Augen von Magda ihr verrieten. Magda war um die fünfzig, und es kam Allia vor, als habe sie immer in diesem Gasthaus gelebt. Sie schenkte der Köchin ihr schönstes Lächeln und zeigte als Entschuldigung auf ihren knurrenden Magen. Magda hob drohend den Finger, seufzte aber machtlos, als die junge Frau noch dazu ein frisch gebackenes Mischbrötchen aus einem der Körbe stibitzte. Allia ging rasch zu ihrer Lieblingsstelle – sie setzte sich auf die großen Kissen, die neben dem Kamin auf dem Boden lagen. Sie würde bald zu alt sein, um dieses aufmüpfige Verhalten rechtfertigen zu können.

Großvater Lith war gerade vertieft in ein lebhaftes Gespräch mit einer Gruppe von Händlern – es ging um die Preise für diverse Getreidesorten – als ein paar Soldaten aus dem Norden die Gaststätte betraten. Sie schienen erschöpft von dem langen Ritt, und ihre weißen, leicht bläulich schimmernden Uniformen, typisch für Grenztruppen der Hochebenen, waren mit Staub bedeckt. Der Offizier ging direkt auf Großvater Lith zu und salutierte, was Allia und die anderen Gäste überraschte. Die Angst, mit der die junge Frau seit dem Morgen gekämpft hatte, war wieder da. Voller Sorge näherte sie sich den Männern.

»Leutnant Lith, ich entbiete Ihnen meinen Respekt! Meine Männer brauchen was zu trinken, und jemand sollte sich um die Pferde kümmern. Würden Sie …«

»Hauptmann Lemont – bei allen Winden von Burdal! Ich dachte, Sie würden im Norden für mehreren Wochen bleiben, mein Guter. Magda!«, rief Großvater Lith und drehte sich zu seiner Haushälterin um. »Sieh‘ bitte zu, dass diese Männer ein kräftiges Frühstück bekommen und dass der Stallmeister sich um ihre Pferde kümmert.«

»Was ist passiert?«, fragte Allia den Hauptmann.

Der Soldat zögerte, überrascht von Allias ernstem Tonfall. Er hielt sie wahrscheinlich wie die meisten der Gäste noch für ein Kind. Er sah aber, dass der Leutnant ihn aufforderte weiterzusprechen und sagte:

»Wir kommen viel früher nach Burda zurück als geplant. Mehrere Bauernhöfe sind angegriffen worden.«

Der Hauptmann sprach mit tiefer und trauriger Stimme. Die Leute verstummten, und eine Gruppe sammelte sich um ihn herum. Allia schaute zu ihrem Großvater herüber und bemerkte die Anspannung und die Sorge in seinem Gesicht.

»Wie angegriffen? Wollen Sie behaupten, dass einige Bergländer den Friedensvertrag nicht eingehalten haben?«, fragte einer der anwesenden Händler.

»Nein«, antwortete der Hauptmann, »natürlich nicht. Bergländer sind auch unter den Opfern. Ihre Bauernhöfe wurden ebenfalls angegriffen. Wir hatten aber die Anweisung, nichts zu unternehmen, solange nichts auf unserer Seite der Grenze passierte.«

»Aber wer könnte es sonst gewesen sein?«, fragte der Handler.

»Ioka-Krieger, kleine Gruppen, die sich sehr schnell bewegen. Zwei Höfe sind angegriffen worden. Am Fluss Blisse.«

»Die Brelons?« fragte Großvater Lith.

»Nein, die Longes und die Vitalis. Ein klassischer Ioka-Angriff. Ein regelrechtes Massaker.«

Allia schaute zum Hauptmann hoch und dann zu ihrem Großvater. Sie konnte nicht glauben, was sie da gerade hörte. Die Iokas waren Märchenwesen aus einer fernen Vergangenheit. Sie gehörten nicht ins Hier und Jetzt, sie gehörten nicht in ihre Gegenwart. Natürlich hatte Großvater Lith ihr erklärt, dass ein paar Nomadengruppen immer noch in der Nähe der Dornenhecke lebten und hin und wieder Bergdörfer im Südosten angriffen. In einem alten Märchen hatte sie auch gelesen, dass es sogar im Wald eine alte Ioka-Stadt entlang eines großen Flusses gab: die Stadt der Göttin Gâa. Sie hatte das alles bis jetzt aber als Märchen abgetan. Wie konnte sie jetzt an einen Ioka-Angriff gegen Bürger aus dem Burdal glauben?

Viele Gäste schienen genauso an der Geschichte des Soldaten zu zweifeln.

»Sind Sie sicher? Es gibt deutlich mehr Straßenräuber seit der letzten Hungersnot. Ihre Angriffe reichen immer weiter auf der Hochebene Burdals.«

»Ja, Sie haben Recht, aber… diese Angriffe zielen auf die Lebensmittel. Diesmal sprechen die Spuren eine ganz deutliche Sprache: Wir haben Nomadenwaffen wie Dolche und Lanzen gefunden. An den Toten waren rituelle Verletzungen erkennbar. Es gibt da keine Zweifel. Sie haben auch nicht versucht, ihre Spuren zu verwischen. Sie sind Richtung Nordosten weitergezogen. Vorher haben sie noch die mit Getreide gefüllte Scheunen in Brand gesetzt! Es sah überhaupt nicht wie ein Angriff von Straßenräubern aus.«

»Gab es Zeugen?«

»Nein, es gab keine Überlebenden. Es waren aber nur Erwachsene unter den Leichen. Keine einzige Kinderleiche! Das war schon seltsam, es sah aus, als hätten sie die Kinder mitgenommen…«

»Das macht keinen Sinn!«, rief jemand. »Die Iokas machen keine Gefangenen!«

»Ich weiß«, antwortete der erschöpfte Soldat, »die Spuren besagen aber das Gegenteil. Wir haben die anderen Bauern informiert, aber die Iokas sind sehr schnell unterwegs, trotz der Kinder.«

Alle verstummten im Raum. Die Nachricht eines Massakers an der Grenze und die Tatsache, dass Ioka-Krieger aus der alten Welt so nah vor Burda standen, klangen sehr bedrohlich. Sämtliche Gäste waren jetzt sehr aufmerksam. Der Übergriff an sich war nicht bemerkenswert, so etwas kam in der Vergangenheit immer wieder vor, gerade vor dem Frieden in den nördlichen Gebieten. Die Entführung der Kinder hingegen war etwas Neues, unverständlich und schockierend. Alle waren nachdenklich geworden, sie versuchten den Sinn dieser ruchlosen Tat zu ergründen. Die besorgte Stimme des Großvaters brach das Schweigen:

»Gab es noch andere Opfer?«

Allia verstand sofort, worauf ihr Großvater hinauswollte. Sie hielt den Atem an. Ihr Herz schlug so heftig, dass ihr das Pochen weh tat. Könnte es sein, dass Meltem tatsächlich bei den Bauern war, die angegriffen worden waren? Die Stimme des Hauptmanns riss sie aus ihren Grübeleien.

»Andere Opfer? Nein, nur Bauern, warum?«

»Meltem Dhzari, mein Enkelsohn«, antwortete Großvater Lith. »Er besuchte gerade die Bauernhöfe der Hochebenen. Er ist seit mehreren Tagen unterwegs.«

»Es tut mir leid, Leutnant. Wir haben ihn nicht gesehen, aber die Hochebenen sind ein weites Land und ihr Enkelsohn ist sicher ein guter Reiter. Die Ioka-Krieger sind schnell, aber sie besitzen keine Pferde. Es ist durchaus möglich, dass er sich versteckt hat oder einen Umweg geritten ist. Möglicherweise hat er sich deswegen verspätet.«

»Ja, Sie haben sicher Recht. Jetzt müssen Sie aber mit Ihren Männern was essen und sich ausruhen.«

Großvater Lith zeigte dem Hauptmann einen freien Stuhl.

 

Doch der ehemalige Leutnant kannte selbst keine Ruhe. Seine militärische Erfahrung und seine Autorität weckten in ihm den Befehlshaber der königlichen Armee. Er war es gewohnt, die Dinge in die Hand zu nehmen. Wohlwissend um die Müdigkeit der Soldaten fing er an, die Sache zu organisieren.

»Wir werden jetzt eine kleine Gruppe zusammenstellen, die mit dem Hauptmann Lemont zum Schloss reiten wird. Sie…«, befehligte der Großvater und schaute dabei auf die Gäste, die sich um ihn versammelt hatten. »Ihr geht jetzt alle an die Arbeit zurück und verliert kein Wort darüber. Es ist unnötig, Panik auszulösen, so lange wir nicht mehr wissen und der König und seine Präfekten nicht über eine angemessene Reaktion entschieden haben.«

Großvater Lith schaute auf die drei stämmigen Burschen, die vor einem üppigen Mittagessen saßen.

»Torl, Gellard und auch du, Louf. Ihr werdet alle drei den Hauptmann begleiten, um den dritten Präfekten zu informieren. Er ist für die Grenzangelegenheiten mit dem Bergland zuständig. Meine Enkelin Allia geht mit euch. Sie kann für die Anwesenheit ihres Bruders auf den Hochebenen bürgen. Allia«, sagte er zu der jungen Frau weiter, »du kannst dabei deine Cousine Hegoa besuchen«.

3

Zehn Tage. Schon zehn Tage ist es her, dass Meltem den zerstörten Hof der Vitalis hinter sich gelassen hatte. Er hatte die ihm so bekannte Landschaft der Hochebenen verlassen und die schneebedeckten Wege der Berge erreicht. Brise, sein treues Pferd, war das harte Klima des Nordens nicht gewohnt und kam nur schwer voran. Der Schnee gab unter seinen Hufen nach, so dass Meltem vom Pferd abstieg. Er führte Brise eine Weile über den Weg, bis der Schnee fester wurde. Dabei schaute er sich suchend um im Bestreben, frische Spuren zu entdecken. Leider hatte es in der Nacht schon wieder geschneit. Alles war weiß bedeckt. Er wollte aber nicht aufgeben, er war es seinem toten Freund schuldig. Er stieg wieder auf Brise und wischte sich die Tränen, die über seine eiskalten Wangen kullerten, aus dem Gesicht. »Ich habe es Horg versprochen«, sagte er zu sich. Die feinen Züge in seinem Gesicht wichen einer geisterhaften Starre. Von seinen Freunden waren jetzt nur noch leblose Hüllen übrig, ein gefundenes Fressen für die Geier. Er hatte nicht mal Zeit gehabt, sie würdevoll zu bestatten. Darunter litt er sehr. Die schrecklichen Bilder der verstümmelten Körper und der abgebrannten Gebäude gaben ihm keine Ruhe. Er würde all dies wahrscheinlich nie vergessen können.

 

Dabei hatte seine Inspektion ein paar Tage vorher nur Gutes verheißen. Nachdem er mehrere Höfe in der Nachbarschaft besucht hatte, gab er der Verlockung nach, das milde Wetter dieses Herbstanfangs zu genießen und ein paar Tage für sich zu nehmen, ehe er nach Burda zurückkehrte und seinen Pflichten als Händler nachging. Im letzten Hof, den er besucht hatte, hatte er sich lange mit Ahl Brelon, dem Patriarchen der Familie, über das Jagdvergnügen unterhalten. Der alte Mann saß in einem Schaukelstuhl auf der Terrasse des großen Anwesens. Eine warme Decke lag auf seinen Beinen, und er betrachtete den Sonnenuntergang über den Hochebenen. Meltem mochte ihn sehr und bewunderte ihn, weil er seine Sippe mit Strenge, aber auch mit Liebe führte. Er musste dabei an seinen eigenen Großvater denken, den ehemaligen Leutnant Lith.

Ahl Brelon erzählte lange von den Herden Izles, die in dieser Jahreszeit in der Nähe grasten.

»Beim Hof der Vitalis lagern die größten Herden«, hatte der alte Mann behauptet. »Ach, wenn ich nur jünger wäre, dann würde ich dich so gerne begleiten! Ich habe das Jagen so geliebt, bevor mich meine Beine im Stich ließen.«

»Horg Vitalis ist ein guter Jäger«, sagte Meltem und musste dabei an seinen Freund denken.

»Gut möglich. Mein Sohn hält deinen Freund für den besten Bogenschützen nördlich des Flusses.«

»Er ist der Beste! Es ist immer schön, ihm dabei zuzuschauen. Seine Bewegungen sind so geschmeidig und so genau. Er trifft das Tier zwischen den Augen und es fällt sofort tot um, alles kurz und schmerzlos. Allia, meine jüngere Schwester, ist auch eine ausgezeichnete Bogenschützin. Nächstes Jahr wird sie alt genug sein, um mich zu begleiten.«

» Ja«, erwiderte der alte Mann, »der Bogen ist eine ästhetische Waffe. Es liegt alles in der Bewegung. Die Jagd morgen wird erfolgreich sein, das Wetter ist mild. Heute Abend solltest du jedoch lieber bei uns bleiben. Meine Enkelinnen werden sich sicher freuen, uns zu bekochen.«

»Nein, nein«, antwortete Meltem hastig. »Deine Enkelinnen sind zweifelsohne sehr gute Köchinnen, und ich danke dir für deine Gastfreundschaft. Ich möchte aber lieber weiterziehen. Das Wetter ist mild, wie du es eben sagtest, und ich würde nicht so gerne zu lange von meiner Familie in Burda fernbleiben.«

 

So machte sich Meltem noch am gleichen Abend auf den Weg zum Hof der Familie Vitalis. Er schmunzelte noch immer über das kleine Manöver des alten Mannes. Wie immer hatte er vergeblich versucht, Meltem für eine seiner Enkelinnen zu gewinnen. Der arme Mann hatte nur einen Enkelsohn und vier Enkeltöchter, und keine Einzige war verheiratet. Die Einsamkeit der Familien auf den Hochebenen war kein Vorteil, um eine gute Partie zu finden. Und dies war längst nicht ihr einziges Problem. Diese Bauern hatten wirklich kein leichtes Leben. Die schöne Stimmung dieses milden Herbstabends auf der Terrasse der Brelons war trügerisch. Das raue Klima und die ständigen Angriffe der Räuber aus den Bergen waren nur einige ihrer Sorgen. Sie lebten fernab der Gemütlichkeit und Sicherheit Burdas, sie mussten hart arbeiteten um zu überleben. Ihr Leben war nicht beneidenswert, sie waren jedoch tapfer und akzeptierten es, denn es war der Preis der Freiheit für sie und für ihre Kinder. Als ehemalige Leibeigene aus dem Süden hatten die Bauern ihre Freiheit erlangt, indem sie an die kalte und unwirtliche Nordgrenze der Allianz zogen und hier das Land bewirtschafteten.

 

Während seiner langen Herrschaftszeit hatte König Plenien viel für den Frieden innerhalb der Allianz getan. Er hatte die Sklaverei in seinem eigenen Reich Burdal abgeschafft, und den Händler der Marge vorgeschrieben, das Gleiche zu tun. Sie hatten solche Praktiken sowieso nie wirklich gutgeheißen. Das Herzogtum der Tiefebenen, drittes Mitglied der Allianz, hatte sich wiederum geweigert, es dem König gleichzutun, und behauptete, dass seine Landwirtschaft nicht auf diese Arbeitskräfte verzichten konnte. König Plenien war damals schon Kommandeur der Allianz und hatte es notgedrungen geduldet, um den noch jungen Frieden nicht zu gefährden. Er hatte jedoch das Ende des nördlichen Krieges genutzt, um einen Kompromiss vorzuschlagen. Die Leibeigenen hatten die Wahl, Untergebene im Süden zu bleiben oder die Einöde der Hochebenen als freie Menschen zu besiedeln. Der Herzog der Tiefebenen hatte zugestimmt, wenn auch nur widerstrebend. Als er daran dachte, was diese Familien alles durchgemacht hatten, um allein das Recht zu erkämpfen, ihr Leben selbst zu bestimmen, konnte Meltem ihren Mut nur bewundern. Er war aber gleichzeitig dankbar dafür, unter einem besseren Stern geboren zu sein.

 

Meltem war also nicht nach Hause geritten, hatte stattdessen einen kleinen Umweg auf sich genommen, um die Familie Vitalis zu besuchen. Nach einer Nacht unter freiem Himmel hatte er sich am frühen Morgen dem Hof genähert. Von weitem hatte er schon die zum Himmel aufsteigenden schwarzen Rauchwolken gesehen und war im Galopp zur Hilfe geeilt. Leider war es dafür schon zu spät. Die meisten Gebäude waren bereits niedergebrannt, leblose Körper lagen überall im Hof. Die Angreifer – Meltem dachte zuerst an Räuber – waren bereits fort. Er hastete hilflos von einem Toten zum nächsten, als er das Röcheln von Horg wahrnahm. Der Bauer war schwer verletzt, Meltem konnte ihn nicht mehr retten. Tief erschüttert konnte er nur neben ihm bleiben, bis der Tod ihn ereilte. Horg Vitalis war ein friedfertiger Bauer, ein einmaliger Bogenschütze, ein treuer Freund. Meltems Familie handelte seit mehr als zehn Jahren Getreide, und jetzt war er in seinen Armen gestorben. Mit seinen letzten Worten hatte er Meltem im Namen ihrer langen Freundschaft angefleht, die Ioka-Angreifer zu verfolgen. Die Krieger hatten den Hof am frühen Morgen überfallen und hatten nicht nur alle Erwachsenen getötet, sie hatten auch die zwei Kinder von Horg entführt. Meltem hatte seinem Freund geschworen, die Kinder zu finden und zu retten, egal um welchen Preis.

 

Iokas. Das klang irgendwie irreal. Warum sollten Ioka-Krieger Bauern aus dem Burdal angreifen? Und trotzdem hatte Meltem keinen Grund, an den Worten seines Freundes zu zweifeln. Die Spuren ließen nur einen Schluss zu: Es waren Iokas gewesen. Die Toten trugen rituelle Verstümmelungen im Gesicht und auf den Armen. Sie hatten die Vorräte nicht gestohlen, sondern niedergebrannt. Hier hatten keine Räuber gebrandschatzt, auf keinen Fall. Dies war ein kriegerischer Akt. Eine kalte Wut hatte Meltem gepackt und ließ ihn nicht mehr los. Wie alle Einwohner der Allianz hasste er die Iokas von seiner Geburt an. Ihm war in seiner Kindheit durch Märchen und Legenden beigebracht worden, dass dieses uralte Volk grausam und ohne Mitleid ist. Obwohl er bis heute noch nie einen Ioka gesehen hatte, stand er diesem Volk zutiefst feindlich gegenüber. Und nun schienen alle seine Vorurteile bestätigt. Er würde gegen die Krieger dieses Volks kämpfen müssen.

Meltem dachte an die jahrelange Arbeit, an die Bemühungen von Horg und seiner Frau, ein besseres Leben für sich und ihre Kinder aufzubauen. Seitdem er die Geschäfte der Familie Dhzari in der Region übernommen hatte, kannte Meltem die Familie Vitalis. Er betrachtete Horg als einen Freund. Ihre Beziehungen gingen längst über das Geschäftliche hinaus, und Meltem besuchte ihn auch, wenn es nicht nötig gewesen wäre. Sie hatten oft zusammen gejagt und lange Abende gemeinsam am Feuer verbracht, singend und den Legenden lauschend, die Horgs Bruder Betis so wunderbar erzählen konnte. Meltem fühlte sich dort wohl und hatte oft mit ihnen Würfel gespielt. Sein Akzent hatte die Kinder immer wieder zum Lachen gebracht. Die langen blonden Haare und das wunderbare Lächeln von Tlia, Horgs Frau, das herzhafte Lachen von Horg, die spannenden Geschichten von Betis, alles war für immer zerstört worden. Seine Freunde waren ermordet worden, und ihre leblosen Körper lagen jetzt in diesem verwahrlosten Hof. Ihre ganzen Anstrengungen waren von einer Gruppe blutrünstiger Ioka-Krieger zunichte gemacht worden.

 

Rastlos war Meltem ihnen seit Tagen gefolgt, getrieben von seiner Wut und seinem Leid. Er hatte sie zuerst über die Hochebenen verfolgt, dann weiter über die ersten Anhöhen der Berge. Sie waren aber schnell und ständig in Bewegung. Sie ließen gezähmte Hunde ihre Schlitten ziehen, so wie es die südlichen Bergländer gewöhnlich taten. Das Pferd von Meltem sank immer wieder in den tiefen Schnee ein, und der junge Mann bedauerte langsam, nicht erst nach Burda zurückgeritten zu sein, um Hilfe zu holen. Er klopfte den Schnee von seinem Mantel und flüsterte seinem Pferd ein paar ermutigende Worte ins Ohr. Nein, er würde nicht umkehren, er musste weiter. Burda lag zu weit entfernt, und Helfer hätten zu lange gebraucht; die Spuren wären bereits verschwunden. Er hatte richtig gehandelt. Er musste so schnell wie möglich die Iokas einholen und die Kinder befreien. Naj und Yazu waren der eisigen Kälte und den grausamen Kriegern ausgeliefert, sie würden wahrscheinlich nicht lange überleben.

Brise strauchelte erneut und zwang so seinen Reiter abzusteigen. Meltem versank im Schnee mit seinen Stiefeln bis zum Knie. Er öffnete eine der Satteltaschen, holte zwei Schneeschuhe aus Holz heraus und streifte sie mühsam über. Er musste zu Fuß weiterkommen, so schnell wie er konnte, wenn er die Spuren nicht verlieren wollte. Vom Gewicht seines Reiters befreit, würde auch Brise das Fortkommen leichter fallen. Normalerweise sollten die Ioka-Krieger bald Richtung Osten weiterziehen, um das Gebiet ihres Volkes zu erreichen. Es würde einfacher für Meltem werden, ihnen zu folgen, aber nicht weniger gefährlich. Die letzten Spuren, die Meltem gefunden hatte, bevor neuer Schnee fiel, deuteten auf eine kleine Gruppe hin. Es wäre besser, sie einzuholen und den Kampf endlich hinter sich zu bringen, bevor sie die Grenze der Dornenhecken erreichten. Meltem hatte es Horg versprochen. Und dieses Versprechen trieb ihn unermüdlich an, trotz der Kälte und der Erschöpfung, die ihn plagten. In ihm loderten nur noch sein Verlangen nach Rache und der Wille, die Kinder zu retten.

 

Diese Rache würde aber warten müssen. Der Himmel verdunkelte sich plötzlich und der Wind blies immer stärker. Ein Schneesturm zog auf. Meltem hätte sofort nach einem Unterschlupf suchen müssen, aber er wollte nicht aufgeben und versuchte langsam und gebückt dem Schnee zu trotzen. Doch plötzlich buckelte das Pferd und Meltem musste die Zügel loslassen. Er fiel der Länge nach in den Schnee, versuchte sein Pferd zu beruhigen, aber der Wind übertönte seine Rufe. Brise scheute und sprang verängstigt umher. Dabei versank es immer tiefer in den weißen Massen. Meltem arbeitete sich durch den Schnee zu ihm vor und begann, es mit bloßen Händen frei zu schaufeln. Er ergriff seine Zügel und betrachtete seine schmerzhaften blauen Finger. Er hatte keine Chance gegen diesen Sturm. Er musste sich und Brise in Sicherheit bringen, sonst würde er bald erfrieren.

Ein paar Meter vor sich sah er eine kleine Vertiefung in einem Felsen, der sich entlang des Weges zog. Er stapfte mühsam dorthin, zog Brise dabei hinter sich. Tatsächlich öffnete sich der Spalt auf einen kleinen Hohlraum, und er versuchte mit einer Schneemauer den Eingang so gut es ging zu schließen, um sich vor dem beißenden Wind zu schützen. Ein Feuer anzuzünden war unmöglich, er rollte sich in seinem Mantel und band einen Schal um seine fast erfrorenen Hände. Er dankte dem Himmel für das Proviant, das sich noch in seinen Satteltaschen befand. Er nahm ein wenig Gerste für Brise heraus und gönnte sich einen Apfel und getrocknetes Fleisch. Die Einsätze mit Großvater Lith hatten ihm gezeigt, wie er auf den Hochebenen allein überleben konnte. In dieser eisigen Welt aber war er überfordert. Obwohl er ein guter Jäger und ein ausgezeichneter Kämpfer war, hatte er nicht die richtigen Waffen zur Verfügung, um die Verfolgung fortzusetzen. Das langsame Vorankommen durch den Schnee, die Kälte und der tiefe Schmerz über den Verlust seines Freundes raubten ihm jede Kraft. Er zweifelte langsam am Erfolg seiner Mission, würde aber nicht aufgeben, egal was es kosten würde.

 

Als Meltem sein karges Mahl beendet hatte, versuchte er sich so gut wie möglich zwischen die Felswand und die selbst errichtete Schneemauer zu kauern. Er hoffte auf ein baldiges Ende des Sturms. Er wollte mit allen Kräften wach bleiben. Seine Erschöpfung aber war zu groß, und bald versank er in der Dunkelheit eines tiefen Schlafs, nahe der Bewusstlosigkeit.

 

4

Zwei Augen starrten ihn an. Sie waren außergewöhnlich groß und hell, sogar fast durchsichtig. Meltem erwachte langsam aus einem tiefen Schlaf. Sein Kopf schmerzte und seine Augen gehorchten ihm nicht. Halb benommen merkte er jedoch die warmen Decken aus weißem Fuchsfell, in die er gewickelt war. Er versuchte sich zu sammeln. Seine Erinnerungen waren verschwommen: die Kälte, sein Pferd, gefangen im Schnee, der Sturm, ein Unterschlupf und dann die Dunkelheit. Wonach hatte er aber im Schnee gesucht? Und wo war er jetzt? Es kostete ihm viel Kraft, seine Augenlider zu heben. Er versuchte auch aufzustehen, seine Glieder taten aber so weh, dass er aufgab. Eine männliche Stimme ertönte plötzlich.

»Sei willkommen, Fremder aus den Tiefebenenund den Hochebenen.«

»Wo bin ich?« murmelte Meltem. »Wer sind Sie?«

Die Augen, unglaublich groß und klar wie ein Bergsee, gehörten einem sehr großen Mann, den Meltem als Bergkrieger einordnete. Der Mann lächelte. Er hatte offensichtlich friedliche Absichten. Er sprach perfekt Burdalisch, jedoch mit einem starken Akzent aus den Berggegenden. Da die Berge Teil der Allianz waren, gab es für Meltem keinen Grund, misstrauisch zu sein.

»Wir sind deine Verbündeten und empfangen dich als Freund in unserem Zelt«, fuhr der Mann fort, der offensichtlich bemüht war, Meltem zu beruhigen. »Ich bin Ikuma, Krieger-Sohn der Inklis, und das hier ist meine Schwester Sakari, Krieger-Tochter meines Volkes«, fügte er hinzu und zeigte auf die junge Frau, die neben ihm saß. »Sakari jagt und kämpft an meiner Seite. Du bist in unserem Zelt willkommen und unser Feuer ist deins.«

Meltem nickte und ließ sich nach hinten fallen. Er gab der Erschöpfung nach und erlag beruhigt dem Schlaf.

Stunden vergingen, ehe der junge Mann wieder zu sich kam. Seine beiden Gastgeber saßen am Feuer und unterhielten sich leise auf Montesisch, der Sprache der Berge. Meltem erinnerte sich an die Geschehnisse der vergangenen Tage: der Dringlichkeit seiner Aufgabe bewusst, versuchte er erneut sich aufzurichten und sprach den Mann an, der sich gerade zu ihm drehte.

»Entschuldige meine Unhöflichkeit, aber ich muss die Iokas und die Kinder meines Volkes weiter suchen. Ich muss sie wiederfinden. Ich kann nicht…«

«Sei unbesorgt, Fremder«, unterbrach ihn der Bergkrieger mit einem mitfühlenden Lächeln. »Du musst dich erst ausruhen und wieder zu Kräften kommen.«

»Nein, ich kann nicht warten, ich muss…«

»Hör mir zu, Fremder. Du sprichst von Menschen, die nicht mehr da sind. Unsere Krieger sind einer Ioka-Gruppe auf die Spur gekommen und haben sie umgebracht. Zwei Kinder unseres Volkes und zwei aus den Hochebenen waren bei ihnen. Die, die du suchst, sind mittlerweile im Schutze der Wölfin, unserer Mutter.«

»Ich danke dir«, antwortete Meltem in einem Atemzug.

Eine schwere Last fiel von seinen Schultern. Naj und Yazu lebten. Sie waren unter den verbündeten Krieger in Sicherheit.

»Du brauchst dich nicht zu bedanken, Fremder. Meine Leute haben nur ihre Pflicht erfüllt.«

»Kann ich sie sehen?«, fragte Meltem.

»Die Kinder deines Volkes halten sich nicht mehr in unserem Lager auf. Sie fanden Wärme und Erholung in unseren Zelten und sind nun mit unseren Leuten auf dem Weg zur Stadt des ewigen Eises, Balook. Du wirst sie sehen, wenn es Zeit für dich ist, dich wieder auf den Weg zu machen. Trink dies, Fremder, und schlaf weiter. Nur Ruhe kann deinen geschwächten Körper heilen.«

Der Bergkrieger führte eine heiß-dampfende Schüssel an Meltems Mund und schloss seine Augen mit seiner durchsichtigen Hand, die mit blauen Venen durchzogen war. Meltem konnte gerade zwei Schluck des Tranks zu sich nehmen, schon fielen seine schweren Augen zu. Er versank in einen traumlosen Schlaf.

 

Ikuma, der Bergkrieger, drehte sich zu seiner Schwester um und schaute sie nachsichtig, aber entschlossen an. Es war ihm klar: Sie wollte nicht, dass er dem jungen Fremden ein Schlafmittel verabreichte, es war aber notwendig. Die unersättliche Neugierde seiner Schwester sorgte immer wieder für Spötteleien in ihrem Clan. Dieses Mal aber musste sie sich in Geduld üben. Der junge Mann brauchte Ruhe. Sakari musste mit ihren Fragen warten. Die junge Kriegerin fühlte sich von ihrem Bruder beobachtet, sie lächelte ihn an und versuchte ihre Ungeduld zu verbergen, indem sie sich weiter ihrer Arbeit widmete. Feine Silberspäne fielen zu ihren Füßen auf den Zeltboden, während sie einen Schneefuchs, das Symbol ihrer ersten Mission, in den Griff ihres Dolches schnitzte. Sie hatte zwei Männer mit Pfeilen aus ihrem eigenen Köcher erschossen, jedoch war ihre Seele friedlich. In ihren Augen und in denen ihres Volkes war das Leben von ein paar Ioka-Kriegern nichts wert. Sie hatten Dörfer zerstört, Kinder aus den Bergen entführt und wurden für ihre Verbrechen bestraft. Das war nur gerecht! Mit dem Gefühl, ihre Aufgabe erfüllt zu haben, und mit einem gewissen Stolz erinnerte sie sich an die Ereignisse der letzten Tage.

Ihre Gruppe, bestehend aus Krieger-Söhnen und -Töchtern aus Balook, war seit mehreren Wochen auf der Spur lokaler Ioka-Banden. Die Magier der Stadt des ewigen Eises hatten von mehreren Angriffen auf Dörfer und der Anwesenheit von Ioka-Kriegern im Süden und im Osten der Berge Nachricht erhalten. Die Bergdörfer wurden nach einem merkwürdigen Ritual zerstört: Alle Erwachsenen wurden systematisch ermordet, alle Kinder entführt. Dies ähnelte nicht früheren Angriffen der Iokas. Seit der Entstehung des Königreichs der Berge waren beide Völker entzweit. Die Iokas forderten Gebiete zurück, die sie seit jeher als eigene betrachteten. Sie hatten das Mirakel, das die Oberfläche der Welt weitreichend geändert hatte, nie anerkannt. Der ursprünglich große Krieg war jedoch nach und nach in Scharmützel zerfallen. Übrig geblieben waren einzelne Angriffe auf Bauernhöfe im Süden und Osten. Diese Attacken waren schwer vorherzusehen und hatten das Bergvolk gezwungen, das Angebot des verstorbenen Königs Plenien anzunehmen und der Allianz beizutreten. Seitdem waren die Bauernhöfe im Süden in der Nähe der Hochebenen besser geschützt. Sie hatten auch wirtschaftliche Beziehungen mit dem Burdal aufgenommen. Im Osten hingegen war die Lage nicht so ruhig, die Dornenhecke markierte deutlich die Grenze zwischen beiden Welten: Kleine Gruppen von Ioka-Kriegern zogen wie Nomaden umher und überquerten die Grenze, um zu plündern  und zu rauben. Die Magier waren nach den letzten Angriffen der Iokas sehr besorgt und hatten Kriegerinnen und Krieger in den Süden und Osten der Berge entsandt.

Die kleine Gruppe, die Ikuma leitete, war nächtelang erfolglos mehreren Spuren gefolgt. Die Bergleute bewegten sich lieber im bleichen Mondlicht, denn ihre empfindliche durchsichtige Haut vertrug kaum das Sonnenlicht. Ihre lange Suche wurde endlich belohnt, als sie vor zwei Nächten ein Ioka-Lager ausgemacht hatten. Sie hatten den Gegner umzingelt und die Wachen mit ihren weit reichenden Pfeilen, die so leise wie präzise die Luft durchschnitten, ausgeschaltet. Sachlich und ohne überflüssige Grausamkeit hatten sie alle schlafenden Ioka-Krieger über die Klinge ihrer Dolche springen lassen, um die Verluste in den zerstörten Bergdörfern zu rächen. Sie hatten dann die Hunde befreit und die leblosen Körper ihrer Feinde gemäß des Brauchs den Füchsen und Bären überlassen. Dann hatten sie die Kinder in Sicherheit gebracht. Sie waren überrascht, als sie zwei Kinder aus dem Volk der Hochebenen fanden, hatten sie jedoch ins Warme gebracht und wie Gäste behandelt.

Sakari hatte sich über ihre geringe Größe, ihre dunkle Haut und ihre kleinen, lebhaften und dunklen Augen gewundert. Es war ihre erste Mission im Süden und sie war in Balook nur wenigen Fremden begegnet. Und nun hatte dieser junge Mann, der gerade an ihrem Feuer unter Fuchsfelldecken schlief, auch diese dunkle Haut und gelockte Haare, deren Farbe reifen  Kastanien ähnelte. Er hatte ungefähr ihre Größe. Stehend würde er ihrem Bruder Ikuma gerade bis zur Schulter reichen. Seine Kleider waren so bunt! Als sie sein Pferd in der Nähe des Ioka-Lagers gefunden hatten, führte es sie bis zur halbzerstörten Schneemauer. So hatten sie den jungen Mann entdeckt. Wie hatte er sich dem Feind derartig nähern können, ohne auf dem bläulichen Schnee aufzufallen? Sie wollte ihm so viele Fragen stellen, doch hatte Ikuma ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt schlief der Fremde. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ikuma wusste immer, was zu tun war, und er hatte bestimmt recht. Sakari hätte den Fremden aber so gerne befragt.

 

Die junge Frau war neugierig und bekam ihre ungewöhnliche Ungeduld nur im Kampf in den Griff. Dieser Charakterzug machte sie geradezu einzigartig. Sie war anders als die Frauen ihres Volkes, die in jeder Situation eine solche Ruhe an den Tag legten, dass man diese Gelassenheit leicht mit Ablehnung verwechseln konnte. Sakaris Aussehen hatte jedoch alle Züge, die die Schönheit der Bergfrauen ausmachte. Das Feuer, das mitten im kreisförmigen Zelt loderte, verlieh ihren langen glatten Haaren einen sanften goldenen Schimmer. Sie hatte sehr helle blonde Haare, die fast weiß aussahen. Sakari war größer als die Frauen aus Burdal, extrem schlank und trug, wie alle Krieger des Inkli-Clans, eine einfache weiße Wolltunika mit Stickereien, lang ausgestellten Ärmeln und eine hellblaue Hose, die in hohen Stiefeln aus weißem Fell steckten. Ihre Haut war transparent wie die ihres Bruders, und ihre hellen und außergewöhnlich großen Augen schimmerten silbrig wie Mondstrahlen auf der Oberfläche eines Bergsees.

 

Ikuma stand auf und hüllte sich in einen langen weißen Mantel. Er vermummte sein Gesicht mit einer Art Kopftuch, um seine empfindliche Haut vor der Sonne zu schützen. Dann griff er nach seinem Bogen und wollte nach draußen, um die Fallen einzusammeln, die er am gleichen Morgen in der Nähe des Lagers ausgelegt hatte. Am Zeltausgang drehte er sich zu seiner Schwester um und verabschiedete sich von ihr. Er musste schmunzeln, als sie verärgert reagierte. So lief er wieder auf sie zu und legte eine Hand beruhigend auf ihre Schulter, denn er war sich der Ungeduld der jungen Kriegerin bewusst.

»Du musst über seinen Schlaf wachen, Sakari, ich werde nicht lange weg sein.«

»Oh, Ikuma, er ist so anders. Schau doch«, antwortete die junge Frau und konnte gerade noch ein Grinsen unterdrücken. »Ich möchte so gerne, dass er über seine schneelose Welt erzählt.«

»Geduld, Schwesterchen, Geduld. Deine Fragen müssen warten, bis der Fremde wieder zu Kräften gekommen ist. Nur Wärme, Schlaf und Zlii-Rinde können seine gefrorenen Glieder wiederbeleben. Wenn er wieder aufwacht, muss er etwas essen. Dann können wir uns unterhalten und unseren Aufbruch nach Balook vorbereiten. Er muss uns begleiten, um die Kinder seines Volkes wiederzufinden, muss jedoch sein Pferd aufgeben. Das wird für ihn wahrscheinlich nicht leicht sein. Die Magier erzählen, dass die Bewohner der schneelosen Gegenden nicht gerne zu Fuß reisen, und dass sie ihre Pferde wie Familienangehörige behandeln.«

»Sie halten ihre Pferde für Angehörige?«, fragte Sakari verwundert.

»Vielleicht nicht genau wie Familienangehörige. Sie sind ihnen aber sehr verbunden. In Balook muss der Fremde unbedingt die Magier sehen. Dann kann er die Kinder nach Hause bringen, wenn er das möchte – es sei denn, er verfällt der Schönheit unserer Stadt des ewigen Eises und möchte eine Zeit lang bei unseren Kriegern verweilen. Er könnte uns mehr über unsere Verbündeten aus dem Süden erzählen und damit auch deine Neugierde stillen, Schwesterherz.«

 

 

5

Die Gaststätte von Großvater Lith befand sich in der unteren Stadt, dem lebhaften Teil von Burda. Dort waren zahlreiche Unternehmer und Kaufleute ansässig. Allia, Hauptmann Lemont und eine Eskorte aus drei Männern waren in Richtung Hochstadt gelaufen. Dort oben thronte das alte Königsschloss von Burdal, ein herausragendes Beispiel burdalischer Architektur. Seine vier Türme ragten weit über alle Häuser der Stadt empor, obwohl diese auch in die Höhe gebaut waren. Reisende, die Burdal durchquerten, konnten die vier Türme schon aus der Ferne erkennen, lange bevor sie die Hauptstadt erreichten. Durch ihren Schatten blieb der Hof ständig dunkel und feucht, was den Besuchern einen unangenehmen ersten Eindruck vermittelte, wenn sie die Tore des Schlosses betreten hatten. Lange Holztreppen ummantelten die Türme und zahlreiche Seilbrücken verbanden diese miteinander. Jeder Turm hatte eine eigene Form und einen eigenen Stil. Hauptmann Lemont kannte sich im Schloss aus, seine Begleiter jedoch nicht. Er hätte sich eigentlich in den viereckigen Turm begeben sollen, in dem sich der Raum der Wache befand. Er lief jedoch zielstrebig auf den dreieckigen Turm zu, in dem sich der gesamte Verwaltungsapparat befand.

»Dort befinden sich die Gemächer der königlichen Präfekten«, erklärte er seiner Begleitung. »Wir müssen zunächst um eine Audienz bei den Registratoren im dritten Stockwerk ersuchen.«

»Zu welchem Präfekt müssen wir gehen?«, fragte Allia neugierig.

»Zum dritten. Er ist für Grenzangelegenheiten zuständig.«

»Ich hatte schon mal mit ihm zu tun«, sagte Louf. »Als meine Familie nach Burda gekommen ist, mussten wir uns immatrikulieren lassen, und weil wir aus dem Osten unweit der Dornenhecke kommen, war es nicht einfach.«

»Wie ist er denn?«, fragte Allia leicht besorgt.

»Arrogant und …«

»Es reicht, Louf!«, unterbrach ihn plötzlich der Hauptmann. »Die Vertreter des Königshauses wirken oft arrogant in den Augen des Volkes, das ist völlig normal. Ihre Allüren unterliegen einem strengen Protokoll, das wir nicht immer nachvollziehen können. Wichtig ist, dass sie ihrer Arbeit nachgehen. Wir sollten nicht ihren Charakter, sondern ihre Leistungsfähigkeit beurteilen.«

Louf brummelte vor sich hin, dass beide oft miteinander zu tun hatten, bohrte aber nicht nach. Er akzeptierte die Autorität des Hauptmanns innerhalb der Stadtmauern.

 

Allia und die vier Männer traten also vor den Registrator im dritten Stock. Der etwas ältere Mann trug eine blaue Uniform. Das Mädchen fand ihn auch hochmütig und unfreundlich. Der Mann hörte sich ihr Begehr an, ohne irgendein Zeichen von Betroffenheit zu zeigen. Zum Abschluss schüttelte er aber ablehnend den Kopf.

»Für solche Fälle erhalten Zivilpersonen keine Audienz beim dritten Präfekten. Ihr Anliegen fällt eher in die Zuständigkeit des Militärs.« Er wandte sich an den Hauptmann und fügte hinzu: »Ihre Gefährten können im Vorzimmer auf Sie warten. Hauptmann, Sie dürfen eintreten. Der Präfekt wird Sie empfangen, sobald er aus der Ratssitzung zurück ist. Das dürfte nicht allzu lange dauern.«

»Es geht aber um meinen Bruder«, wandte Allia ein. Die Tatsache, dass der Registrator sie ignorierte, machte sie wütend.

Ohne sie anzuschauen, sprach er mit dem Hauptmann. Seine Stimme war kalt:

»Kinder haben im Dreiecksturm nichts verloren. Schicken Sie diese junge Person sofort zu ihrer Familie zurück, Hauptmann.«

Der Hauptmann verbeugte sich und bat Allia höflich, den Turm zu verlassen. Sie war völlig aufgebracht, wusste jedoch, dass jeder Widerstand zwecklos war. Sie machte auf dem Absatz kehrt und lief, so schnell sie konnte, die Treppe hinunter. Als sie im feuchten Hof angekommen war, steuerte sie auf den viereckigen Turm zu, in dem sich ganz oben die Gemächer ihrer Cousine Hegoa befanden. Sie kannte sich hier im Schloss aus und konnte ihr bestimmt weiterhelfen.

 

Die zahlreichen Wendeltreppen, die sie bis zu ihrer Cousine erklimmen musste, besänftigten ihren Zorn. Sie hatte sich beruhigt, als sie vor Hegoas Tür trat. Als königliche Harfenspielerin wohnte sie im letzten Stock des viereckigen Turms, dem Turm der Musiker. Diese Abgeschiedenheit empfand Hegoa nicht als Strafe. Sie schätzte die Nähe zum Himmel und zu den Vögeln. Sie konnte nachvollziehen, dass es notwendig war, fernab der anderen Zünfte zu leben, denn unter ihnen herrschte eine regelrechte Kakophonie. Die anderen Bewohner des Schlosses stieß dieses Getöse ab. Allia schenkte dem Lärm jedoch keine Aufmerksamkeit. Sie hatte sich daran gewöhnt, denn sie besuchte ihre Cousine jede Woche, seit sie und Meltem in Burda wohnten. Sie war gerade fünf Jahre alt geworden, als sie in die Hauptstadt gezogen war, nachdem ihre Eltern verstorben waren. Sie hatte kaum Erinnerungen an die Marge, wo sie herstammte. Auch wenn das Grundstück ihrer Eltern eines Tages ihr und ihrem Bruder gehören würde, fühlte sie sich nun in der Hauptstadt zu Hause. Und Hegoa gehörte zu den Annehmlichkeiten in ihrem neuen Leben. Sie war mehr als eine Verwandte, sie war ihre Vertraute.

Allia klopfte an die Tür, und diese ging sofort auf.

»Allia, was machst du denn heute hier?«, fragte die junge Musikerin hocherfreut und gleichsam überrascht. »Hatten wir uns nicht für morgen Nachmittag verabredet?«

»Doch, aber ich brauche Dich. Und zwar jetzt«, antwortete Allia hastig und schob ihre Cousine in den kleinen Raum hinein.

Sie schloss die Tür hinter sich zu. Der Lärm der Musikinstrumente verstummte sofort. Endlich konnte man sich normal unterhalten.

»Hegoa, du musst mir helfen«, fuhr Allia fort. »Hauptmann Lemont ist beim dritten Präfekten, und ich muss unbedingt wissen, was sie besprechen.«

Hegoa schaute ihre junge Cousine verblüfft an. Sie hatte keine Ahnung, wer dieser Hauptmann Lemont sein konnte, und inwiefern seine Unterredung mit einem königlichen Präfekten für Allia bedeutsam sein könnte.

»Allia, beruhige dich und erkläre mir, worum es geht.«

»Die Iokas haben mehrere Bauernhöfe im Norden angegriffen. Meltem war vielleicht vor Ort. Bitte, Hegoa«, bettelte das Mädchen. »Ich kann es dir später erklären, wir müssen schnell handeln.«

Die junge Musikerin gab Allias Ungeduld nach und ging ihr durch das Labyrinth aus knatternden Treppen und Seilbrücken voraus.

 

Am Ende eines dunklen und staubigen Flures öffnete Hegoa eine kleine Schiebetür, zog Allia hindurch und legte einen Finger auf ihren Mund, damit sie absolut still blieb. Es war eine Art großer Schrank, verborgen durch zwei schwere Vorhänge. Die zwei Cousinen kauerten im Dunklen, damit sie nicht entdeckt wurden, hielten ihren Atem an und spitzten die Ohren. Hinter den Vorhängen, die mit dem königlichen Wappen von Burdal versehen waren, hielt der dritte Präfekt seine Audienz. Hegoa war ihm schon bei offiziellen Empfängen begegnet. Sie erinnerte sich angewidert an einen kleinen Mann mit einem dicken Bauch, der in einem übertrieben engen Surcot aus dunkelblauem Satin steckte. An seinen fleischigen Fingern hingen zahlreiche funkelnde Ringe.

 

»Hauptmann, Sie sagten, dass ein Bauernhof von einer Ioka-Truppe angegriffen wurde. Es könnten genauso gut einzelne Krieger gewesen sein, die sich hungernd durch die kalte Jahreszeit schlagen, oder Diebe aus den Bergen, wie schon so oft. Und selbst wenn es Iokas waren, handelt es sich bestimmt um eine einzelne Truppe. Kein Grund zur Sorge.«

»Aber die Bauern, Eure Lordschaft …«

»Für die können wir nichts mehr tun, und die anderen sind damit vorgewarnt. Wir werden auf keinen Fall die Truppen des Schlosses einsetzen und somit die Verteidigung von Burda schwächen, um ein paar freigelassene Familien zu schützen! Wäre es ihnen um Sicherheit gegangen, hätten sie die Tiefebenen nicht verlassen, und sie würden für die Gutsherren arbeiten. Sie sehen, Hauptmann, Freiheit hat immer ihren Preis.«

Allia machte der Zynismus des Präfekten wütend. Wie konnte er die Lage der Sklaven in den Tiefebenen als ein Leben in Sicherheit beschönigen und den Verdienst der Bauern ignorieren, die ein schwieriges Leben am Rande des Königreiches führten? Louf hatte recht: Dieser Präfekt war kein gütiger Mann. Sie versuchte ihre Empörung zu zügeln und konzentrierte sich auf die durch den Vorhang gedämpften Stimmen.

»Gewiss, sie stehen aber unter dem Schutz des Königs, genauso wie die anderen Bewohner von Burdal, und wir müssen …«

»Ich weiß bestimmt besser als Sie, was der König will und was er nicht will, Hauptmann! Der Vater seiner Majestät, Friede seiner Seele, schenkte diesen Leibeigenen die Freiheit und seinen Schutz im Rahmen der Möglichkeiten des Königreiches. Diese sind heute eben nun eingeschränkt.«

»Freilich, Eure Lordschaft, aber wenn man seinem Großvater, einem ehemaligen Leutnant der königlichen Armee, Glauben schenkt, befand sich der junge Meltem Dhzari in dieser Gegend. Er ist ein freier Bürger von Burdal. Wir haben seine Spur verloren, und es könnte sein, dass …«

»Meltem Dhzari, sagten Sie? Soweit ich weiß, stammt seine Familie aus der Marge. Wenn ich mich nicht irre, hat er eine entzückende Cousine, die zu den Musikern seiner Majestät gehört.«

Hegoa erschrak, als der Präfekt über sie in dieser Weise sprach. Dieser Mensch war definitiv unsympathisch.

»Er ist Händler, richtig?«, fuhr der Präfekt fort. »Diese Leute reisen viel und kennen die Risiken, die sie dadurch eingehen.«

»Aber, Eure Lordschaft …« versuchte der Hauptmann zu entgegnen.

»Vielen Dank für Ihren Bericht, Hauptmann«, fuhr der Präfekt fort, ohne ihm weiter zuzuhören. »Sie können jetzt gehen. Die Angelegenheiten des Königreiches rufen.«

Der dritte Präfekt schenkte nun den Akten auf seinem Schreibtisch seine ganze Aufmerksamkeit. Lemont zog sich schweigend zurück. Er erlag der hierarchischen Autorität des Präfekten und war offensichtlich verletzt durch die herablassende Art, wie er gerade behandelt worden war. Ihm wurde weder Aufmerksamkeit noch Vertrauen geschenkt.

 

Allia hatte ihre Fingernägel in die Innenhand gedrückt und die Zähne so zusammengebissen, dass es wehtat. Sie versuchte, ihre Wut in den Griff zu bekommen. Sie konnte nicht glauben, was sie eben gehört hatte. Das Leben der Bauern aus dem Norden und das seines Bruders, eines freien Mannes und Mitglieds einer im ganzen Königreich bekannten Händlerfamilie, waren es nicht wert, eine Patrouille loszuschicken! Für wen hielt sich dieser kleine hochmütige Mann, der alleine über Leben und Tod freier Menschen entscheiden wollte? Warum konnte man eine Angelegenheit nicht direkt dem König, sondern lediglich den Präfekten unterbreiten? Sie waren alle so arrogant! Allias Wut verwandelte sich in Niedergeschlagenheit. Sie fühlte sich machtlos gegenüber des königlichen Verwaltungsapparats und der Ignoranz des Präfekten. Meltem war irgendwo in den Bergen verschollen. Lebte er noch? Sie verfluchte sich dafür, dass sie den Kristall im Zimmer der Gaststätte liegen gelassen hatte. Sie war so schnell weggegangen, dass sie nichts mitgenommen hatte.

Sanft und freundlich zog sie eine Hand nach hinten. Allia folgte erneut ihrer Cousine im Flurgewirr des Schlosses. Hegoa hatte ihre gesamte Kindheit im königlichen Hof verbracht, denn ihre Mutter war dort Hofdame der Schwester des Königs gewesen, ehe sie selber Harfenspielerin wurde. Sie kannte jeden Winkel der Hochburg und ihrer schwindelerregenden Türme. Wenn es nötig war, so wie heute, konnte sie sich hier unauffällig bewegen.

 

Als sie wieder im Zimmer ihrer Cousine war, ließ sich Allia in den alten, lilafarbenen Samtsessel neben dem Kamin fallen. Tränen flossen.

»Allia, beruhige Dich«, suchte sie Hegoa zu besänftigen. »Meltem ist stark und mutig. Er konnte bestimmt den Ioka-Truppen entkommen und ist bestimmt auf dem Weg nach Hause.«

»Dann wären die Soldaten ihm begegnet … Nein, wenn er noch lebt, ist er vielleicht verletzt oder gefangen. Auf jeden Fall kann er nicht nach Hause kommen. Und wenn alles gut wäre, dann würde mein Kristall blau leuchten.«