Alligator, Gassi gehen! - Christine Colo - E-Book

Alligator, Gassi gehen! E-Book

Christine Colo

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Beschreibung

Marie-Luise, eine fast 40jährige alleinerziehende Mutter, wohnt in Hamburg und schlägt sich mit ihren beiden Teenagern Lukas und Charlotte herum, von deren Vater sie geschieden ist. Außerdem erzieht sie noch die vierjährigen Zwillinge Maria und Joseph, die sie von ihrem verstorbenen spanischen Ehemann Carlos "geerbt" hat. Die Mutter der Zwillinge sitzt derweil in einer Nervenheilanstalt. Ergänzt wird die chaotische Familie durch einen schwarzen Labrador, Rufname Alligator. Während Marie-Luise hinter jedem Mann einen potentiellen Axtmörder vermutet, versucht ihre Mutter unermüdlich, einen weiteren Lebenspartner für ihre Tochter zu finden. So arrangiert sie immer wieder neue Verabredungen für ihre Tochter, die diese mit haarsträubenden Geschichten über den Tod ihres Mannes torpediert. An Marie-Luises Geburtstagsparty treffen zufällig alle Männer aufeinander und nach einem desaströsen Abend merkt Marie-Luise, dass in ihrem Leben vielleicht doch noch Platz für eine neue Beziehung ist. Allerdings hat sie nun die Wahl zwischen zwei Verehrern. Da einer der Beiden in München wohnt, kann Marie-Luise vorerst unproblematisch eine Beziehung mit beiden Männern führen. Dann erhält der Münchner plötzlich ein Jobangebot in Hamburg. Jetzt fangen Marie-Luises Probleme erst richtig an ...

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis
IMPRESSUM
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

Alligator, Gassi gehen!

von Christine Colo

©2017 Christine Colo

Alle Rechte vorbehalten

Christine Colo

Ernst-Albers-Str. 14

22043 Hamburg

 

 

 

 

 

 

Für Aldo, Antonia und Phil. Ich liebe Euch.

 

 

 

 

 

 

 

 

KAPITEL EINS

 

Es ist November. Ein verregneter Donnerstagnachmittag. Die Farbe des Tages: Grau. Ich sitze auf dem schwarz-weiß karierten Küchenfußboden in mitten von Scherben und Resten eines Marmeladenglases. Schaufel und Handfeger in der einen, Zwiebeln in der anderen Hand. Die Tränen strömen mir nur so über das Gesicht, als meine Tochter Charlotte in Kopf in die Küche steckt.

„Oh mein Gott, wie siehst du denn aus?! Total verquollen! Was ist denn passiert?“ Sie schaut sich entsetzt in der Küche um.

„Mir ist das blöde Glas runtergefallen, irgendeiner von euch hat den Deckel mal wieder nicht richtig raufgeschraubt“, presse ich genervt zwischen den Tränen hervor.

„Aber deswegen musst du doch nicht gleich heulen?“ Charlotte guckt mich fragend an.

„Ich heule, weil ich eben Zwiebeln geschnitten habe“.

Während ich die restlichen Marmeladenflecken entferne, redet Charlotte weiter: „Du hast heute Abend eine Verabredung, Mama. So kannst du da nicht hingehen, schau dich mal an, überall Flecken im Gesicht - und dein Pulli, grauenhaft!“ Sie guckt mich vorwurfsvoll an. „Wieso wolltest du jetzt Zwiebeln schneiden? Ich bestelle mir gleich eine Pizza und du gehst essen, soweit ich weiß!“

Ach ja, die Verabredung, ich hatte sowas von keine Lust dazu. „Lotte, ich weiß doch gar nicht, wer dieser Mensch überhaupt ist und nachher ist das so ein Gammeltyp mit schlechten Zähnen und Mundgeruch!“ Apropos schlechte Zähne. „LUKAS!“ brülle ich an Charlotte vorbei, die zusammenzuckt „Zähne putzen, aber dalli!“ Charlotte ist sauer: „Schrei hier nicht so rum und nenn mich nicht immer Lotte, ich heiße Charlie!“

„Charlie erinnert mich immer an diesen Affen aus dieser Fernsehserie. Wie hieß die noch gleich?“ Ich überlege fieberhaft. „Immer dieser Affe? Charlie und wir? Keine Ahnung, ist ja auch egal. Obwohl, wenn ich recht darüber nachdenke, gab´s auch eine Kinderserie mit Lotte. Lotte aus der Krachmacherstrasse oder so. Nee, LOTTA“ schreie ich plötzlich los, „Genau, Lotta, Gott sei Dank, ich bin noch nicht senil! LUKAS! Zähne putzen! Oder der Typ gehört zu einer von Omas New-Living-Dingsda-Freundinnen, arrogant und eingebildet, das fehlt mir noch!“

„Wieso Oma? Was hat die denn damit zu tun?“ Charlotte schaut mich erneut fragend an. „Na, der Typ ist doch der Sohn einer ihrer Kartenfreundinnen.“

„Welche von ihren Kartengruppen denn?“

„Das ist genau das Problem, ich hab vergessen zu fragen. Entweder die Kneipen-Skatgruppe, die gemischte Doppelkopfrunde oder diese reichen Bridge-Frauen.“ Ich stöhne wieder auf. „Und was ist, wenn das der Axtmörder ist?“ „Welcher Axtmörder?“, möchte Lotte wissen. „Was weiß ich, es gibt immer einen Axtmörder, oder nicht?“

Lukas schaut in die Küche rein: „Mutter! Ich putz mir erst die Zähne, wenn ich gegessen habe!“ Er stakst zum Kühlschrank und reißt die Tür auf.

„Spinnst du?! Du hast dir gerade eine Currywurst mit Pommes reingezogen!“ Ich schlage die Kühlschranktür wieder zu. „Dir wird schlecht!“

„Quatsch“, grummelt Lukas, „Ich mach mir jetzt Spiegeleier, hab Hunger!“ Herrje, 15-jährige Halbwüchsige sind nicht satt zu bekommen. Außerdem sollte ich mal über die Ernährung meiner Kinder nachdenken.

Irgendwann. Vielleicht. Wenn ich mal Zeit habe.

Ich stelle die Zwiebeln in den Kühlschrank und verlasse die Küche, nicht, ohne mich vorher nochmal zu vergewissern: „Und du passt heute Abend auf die Zwillinge auf, ja?“ „Ja, Mama, hab ich doch schon tausendmal gesagt“ Charlotte wirkt jetzt auch genervt, „sie zu, dass du jetzt endlich unter die Dusche kommst, sonst fährt Klaus-Günther ohne dich zum Essen.“

„Wer ist Klaus-Günther?“ fragen Lukas und ich gleichzeitig.

 

 

 

Klaus-Günther ist ein Buchhalter-Typ. Auf diese Art von Menschen stehe ich besonders. Humorlos, stocksteif und der Name sagt eigentlich schon alles. Wobei, bei Namen sollte ich besser ganz vorsichtig sein; die Zwillinge sind hier Programm.

Maria und Joseph, meine geerbten 4-jährigen Zwillinge. Charlotte mag es gar nicht, wenn ich das sage, aber ich erkläre ihr immer, sie muss auch nicht im Kindergarten stehen und rufen: „Maria, Joseph, Jacken anziehen!“

Die Zwillinge hat mir mein verstorbener Mann vererbt. Sie stammen aus seiner früheren Beziehung mit einer durchgeknallten Künstlerin, die es besonders witzig fand, ihre beiden am 24.Dezember geborenen Kinder Maria und Joseph zu nennen. Ich habe mich oft gefragt, wie es wohl bei Drillingen gewesen wäre? Maria, Joseph und Jesus? Oder die heiligen drei Könige?

Nachdem man die Dame eingewiesen hatte, sprach man das Sorgerecht meinem Mann zu und nach seinem Tod meinte das Jugendamt, die Beiden wären offensichtlich bei mir vorerst am besten aufgehoben. Ich sehe das ab und zu etwas anders. Hätte ich vier Kinder gewollt, hätte ich auch vier bekommen. Aber naja, jetzt bin ich froh, dass ich nur zwei Kinder hatte, sonst wären es schon sechs!

Soviel zu den Zwillingen. Kann ja auch sein, dass die leibliche Mutter irgendwann mal als geheilt entlassen wird und ihre Kinder zurückhaben will. Ist alles möglich.

Zurück zu meiner Verabredung. Wir sitzen also in diesem vornehmen Lokal - er ist tatsächlich der Sohn einer der reichen Bridge-Frauen - und versuchen krampfhaft, Konversation zu betreiben. Ich langweile mich zu Tode, trinke ein Glas Rotwein nach dem anderen (guuuten Rotwein, wie mir Klaus-Günther versichert) und schaue mich unauffällig im Restaurant um. Vielleicht gibt es hier irgendwo eine Alternative zum `Buchhalter´? Während ich einen kleinen, dunkelhaarigen Mann ins Visier nehme, wird Klaus-Günther persönlicher: „Sag mal, Marie-Luise, du bist also verwitwet?“ „Ja.“ Ich schau ihn an. Jetzt könnte es interessant werden. „Wie ist denn dein Mann gestorben, wenn ich fragen darf?“

Ich will direkt mit „Nein, du darfst nicht fragen“ antworten, da höre ich schon den vorwurfsvollen Ton meiner Mutter in meinen Ohren: „Mariechen, sei freundlich!“

Stattdessen erzähle ich also Klaus-Günther meine Geschichte: „Mein Carlos war ein ganz verrückter, mutiger Mann und hatte viel Abenteuerlust. Eines Tages ging er zum Fallschirmspringen. Das Wetter war fantastisch, die Sonne schien, die Bedingungen waren scheinbar perfekt. Doch er hatte auch Feinde durch seinen Beruf geschuldet, und so kam es, dass jemand seinen Fallschirm manipuliert hatte. Er ließ sich nicht öffnen und Carlos prallte mit 200 km/h ungebremst auf dem Boden auf. Er war sofort tot.“

Klaus-Günther ist entsetzt. Er öffnet seinen Mund und flüstert: „Das ist ja furchtbar! Wie schlimm und schrecklich. Du Arme! Was musst du da mitgemacht haben! Und wer war der Täter? Hat man das herausgefunden?“

Ich nehme noch einen großen Schluck Rotwein, bevor ich antworte: „Die Ermittlungen dauern noch an. Ich bin selber im Visier der Polizei, denn ich hatte doch das beste Motiv. Eine große Lebensversicherung, deren einzige Begünstigte ich war.“ Nach einer kurzen Pause fahre ich fort: „Hast du auch eine Lebensversicherung? Wenn wir weiter ausgehen wollen, dann solltest du das Bezugsrecht auf mich umschreiben lassen, falls dir was passiert.“

Auf Klaus-Günthers Gesicht erscheinen rote Flecken und er atmet plötzlich flach: „Ich glaube, mir ist gerade nicht so gut, ich würde dich dann jetzt gerne nach Hause fahren, wenn es okay ist?“

Ich lächle süffisant: „Gerne, kein Problem, wir können unser Gespräch ja ein andermal fortführen.“

 

 

 

„Mutter!“ Mein herzallerliebster Sohn, der mich mit seinem Mutter gerne in den Wahnsinn treibt (er sagt, dann reagiere ich wenigstens), brüllt ein paar Tage später am frühen Nachmittag durchs Haus: „Wo ist meine X-Box? Ich kriege gleich Besuch! Wo ist die X-Box?!“

„Schätzelein“, brülle ich zurück, „Wenn du Besuch bekommst, brauchst du die X-Box doch nicht. Dann könnt ihr euch doch unterhalten.“ Ich weiß, dass das wiederum meinen Sohn auf die Palme bringt. Ein schönes Spielchen, das wir seit Jahren treiben. Von Nintendo über Nintendo DS, dann kam die Playstation eins, zwei, drei und die X-Box. Gibt’s davon eigentlich auch schon Mehrere? Ja, X-Box One, hatte ich vergessen. Genau. Egal.

Er schreit weiter: „Wenn du so weitermachst, dann ziehe ich zu Papa!“ „Gerne“, schreie ich zurück, „Vergiss dann die X-Box nicht!“

Er steckt den Kopf durch die Tür: „Mama, jetzt mal ernsthaft, wo ist die X-Box?“

„Wenn du mit dem Hund wiederkommst, dann sag ich es dir.“ Ich lächle freundlich.

„Wieso Hund? Ich hatte nicht vor, mit dem rauszugehen.“ Lukas schaut irritiert. „Nun, dann hast du es jetzt vor und ich bring dir in der Zeit die X-Box in dein Zimmer.“ Ich lächle immer noch freundlich.

Lukas wird wütend. „Ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Kann man hier auch einfach mal in Ruhe gelassen werden?!“

„Wenn du deinen eigenen Haushalt führst, kannst du tun und lassen, was du willst. Aber solange du deine Füße unter meinen Tisch …“ Oh Gott, hab ich das gerade wirklich gesagt? Aber es scheint zu funktionieren, Lukas schiebt Richtung Haustür ab und ruft nach dem Hund: „Alligator, Gassi gehen!“

Nee, das ist jetzt kein Überbleibsel der durchgeknallten Künstlerin, da wollte ich mal witzig sein!

Solange ich Maria und Joseph noch nicht hatte, war das auch wirklich lustig, wenn ich im Wald gerufen habe: „Alligator, hierher, Fuß!“

Aber jetzt klingt das nur noch dämlich, wenn ich auf dem Spielplatz stehe und rufe: „Maria und Joseph, wir müssen los, ich muss noch mit Alligator Gassi gehen.“ Ich befürchte, eines Tages werden Sie mich zu Carlos´ Ex schicken.

Meine Tochter schneit herein: „MAMA! Ich hasse alle Menschen, und vor allem hasse ich dumme Menschen!“ „Ja“, sage ich, „das ist ja jetzt keine neue Erkenntnis.“ Ich hole den Staubsauger raus.

„Hör mir gefälligst zu!“, pöbelt sie los „die blöde Frau von Reim mit ihrer blöden Emanzenlektüre und Stasiliteratur will mir ernsthaft nur 13 Punkte in Deutsch geben! Die tickt doch nicht ganz richtig!“

Ich schaue entspannt mit dem Staubsauger in der Hand (huch, das reimt sich sogar). „Lotte“, und ich genieße den Blick, während ich das sage; bin ich eigentlich Sadomaso veranlagt? Was genau heißt das überhaupt? Muss ich nachher mal googlen. „Wenn ich mich recht entsinne, hast du den Studienplatz in Holland schon sicher, worüber regst du dich dann eigentlich auf?“ Und dann dieses Wort `eigentlich´ Ich habe mal gelesen, dass es dieses Wort nicht gibt, also keine Bedeutung hat. Wieso benutzt man es dann eigentlich? Ich schweife schon wieder ab, vielleicht bin ich überarbeitet.

Charlotte grunzt nur. „Erstens heißt es die Niederlande und nicht Holland, das habe ich dir schon tausendmal erklärt, und dann geht es hier ums Prinzip! Aber das verstehst du ja nicht!“ „Stimmt“, sage ich und schmeiße den Staubsauger jetzt endlich an. Somit geht der Rest von Lottes Schimpftirade in diesem ätzenden Geräusch des saugenden Elektrogerätes unter.

Plötzlich steht mein Sohn in der Tür und macht den Staubsauger wieder aus.

„Mama, die Zwillinge prügeln sich schon wieder. Und wo ist jetzt die X-Box?! Und du willst ja jetzt wohl nicht staubsaugen, wenn ich gleich Besuch bekomme?!“ Er wirkt direkt panisch. „Kommt ein Mädchen?“, will ich wissen. „Wieso?“ „Weil dich das sonst auch nicht interessiert, wenn ich staubsauge, während du Besuch hast“. „Ja, wenn du es unbedingt wissen willst: Es kommt gleich Nadja vorbei!“

Plötzlich habe ich es eilig, die X-Box aufzubauen und lasse den Staubsauger links liegen. Die Zwillinge dürfen sich noch ein wenig weiter prügeln, das hier ist jetzt entscheidend wichtiger!

 

 

Es ist endlich Wochenende und die Zwillinge treiben mich noch in den Wahnsinn.

Da sitzt Joseph auf der Treppe, hat sich die Hose ausgezogen, schmiert seine Hinterlassenschaften auf den Parkettfußboden, während Maria seelenruhig ihre Hände ableckt und verzückt Schok`laade ruft. Ich stehe vor dem Schlamassel und weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. „Kann mal bitte irgendjemand kommen? Hiiiilfe!“ verzweifelt klingen meine Rufe durchs Haus. „Haaalloooooo? Charlotte? Lukas?“

Der einzige, der auf meine Worte reagiert, ist Alligator. Herzlichen Glückwunsch, der hat mir hier gerade noch gefehlt. Bevor er sich auch auf die Schok`laade stürzen kann, reiße ich ihn am Halsband zurück und sperre ihn im Badezimmer ein, wo er erst mal protestierend unverständliche Gurgelgeräusche von sich gibt. Ist das jetzt ein Bellen? Oder hat er von der Köstlichkeit hier vor mir schon genascht?

Okay, die Kinder rühren sich immer noch nicht. Ich versuche es nochmal: „Wenn ihr hier nicht sofort auflauft, dann habt ihr 14 Tage Handyverbot!“ Ich bin jetzt echt sauer. Plötzlich tut sich was. Lukas kommt die Treppe hoch und staunt: „Oha, da haben die ja wieder ganze Arbeit geleistet. Ist ja ekelhaft. Viel Spaß noch!“ Er macht tatsächlich Anstalten, die Treppe wieder runterzugehen. „Halt!“, schreie ich los „Du musst mir helfen, nimm Joseph und pack ihn die Badewanne, ich bringe dir gleich Maria hinterher und mache dann die Sauerei hier erst mal weg.“ Lukas guckt mich an, als hätte ich den Verstand verloren. „Hä? Ich bin doch nicht bescheuert. Das ist ja widerlich, ich geh wieder!“

„Lukas“, sage ich drohend, „Du nimmst jetzt Joseph und verschwindest im Bad.“ „Wieso immer ich? Wo ist Charlie? Die kann das doch auch mal machen.“ Lukas weigert sich immer noch. „Weiß ich nicht, ist mir auch egal, ich hab nur zwei Hände, also sieh zu, dass du jetzt loslegst!“

Allmählich reißt mir der Geduldsfaden, während Maria immer noch seelenruhig ihre Finger abschleckt. Der Gestank ist unbeschreiblich und ich muss mich schon fast übergeben, als Lukas sich endlich überwindet und die Tür mit Joseph auf dem Arm zum Badezimmer öffnet.

Als nächstes sehe ich nur noch Alligator mit Lukas und Joseph zusammen in der Scheiße liegen.

Mist, ich hatte den Hund vergessen.

Jetzt taucht auch endlich Charlotte an der Treppe auf und schießt erst mal seelenruhig gefühlte 40 Handybilder, bevor sie sich, vor Lachen krümmend, Maria schnappt und in die Badewanne steckt. Ich bin fix und fertig und frage mich zum achthundertsten Mal in dieser Woche, womit ich das eigentlich verdient habe. Ach, da war es wieder, das Wort. Eigentlich. Wollte ich doch noch googlen. Eigentlich.

Vielleicht. Irgendwann. Wenn ich mal Zeit habe.

Abends sitze ich bei einem Glas Rotwein (ein guuuter, wie mir der Sommelier im Laden versicherte) und lausche ins Haus. Ich höre - Nichts. Wie schön kann doch das Leben sein…

„Mama?“

„Maaaamaaaaa?“

„MUTTER!“

„Ja, Schatz?“, ich schaue auf. Lukas steht mit der Weinflasche vor mir in der Hand. „Möchtest du noch ein Glas? Ich glaube, du hast es heute echt nötig, irgendwie siehst du fertig aus.“

Es geht doch nichts über aufmerksame Kinder!

 

 

 

Zwei Wochen später komme ich gegen zehn Uhr abends nach Hause und schaue mich nochmal um. Ist das wirklich mein Haus? Die Hausnummer stimmt jedenfalls. Im Wohnzimmer schallt mir ein ohrenbetäubender Lärm entgegen, aus dem Kinderzimmer höre ich Geschrei und im Bad scheint jemand zu renovieren. Ist der Klempner da? Ich kann mich nicht erinnern, ihn gerufen zu haben.

Vorsichtig taste ich mich ins Kinderzimmer vor, das erscheint mir erst mal vorrangig zu sein. Die Zwillinge, verkleidet wie Hänsel und Gretel, versuchen gerade den Wolf (Charlotte) zu erwürgen. Gut, die scheint das aber im Griff zu haben, zumindest winkt sie mir noch schwach mit der Hand zu. Reden kann sie nicht mehr, aber ich habe den Eindruck, dass sie trotzdem klarkommt.

Also schleiche ich mich langsam Richtung Wohnzimmer vor und bleibe an der Tür mit offenem Mund stehen. WOW. Was man aus diesem Zimmer alles machen kann, erstaunlich! Die Bilder sind abgehängt, der Teppich aufgerollt, die Möbel stehen alle an der Seite übereinander gestapelt, im Aquarium schwimmt eine Flasche Wodka und den Rest kann ich durch diese dicke Rauchwolke nicht mehr erkennen. Schade. Oder zum Glück. Je nachdem. Aus den Lautsprechern tönen irgendwelche merkwürdigen Geräusche, ist das noch Musik?

Nachdem ich meine Sprache wiedergefunden habe, versuche ich, Lukas ausfindig zu machen. Dies gestaltet sich schwieriger, als ich gedacht habe. Allmählich habe ich mich an den Nebel gewöhnt und erkenne etwa 10 Jugendliche auf dem Sofa. Komisch, ich hatte immer das Gefühl, mit drei Leuten ist das Sofa schon zu klein. Mindestens 20 Teens tummeln sich auf und neben dem Couchtisch - dafür war wohl an der Wand kein Platz mehr - und etwa fünf weitere Gestalten stehen mehr oder weniger lässig an der Seite und starren die halb bekleideten weiblichen Gäste an.

Aber wo war mein Sohn? Ich greife mir den nächstbesten an der Tür. „Wo ist Lukas?“ Der Typ starrt mich an und fragt „Wer?“ „Lukas“, wiederhole ich, „der hier wohnt. Noch“, füge ich hinzu.

„Achso“, nuschelt der Teenager mir zu, „guck mal inne Küche“. „Danke“, sage ich und frage mich gleichzeitig, wieso und wofür ich mich bedanke.

Die Küche gleicht einem Schlachtfeld. Mir war auch vorher nie bewusst, wie viele Menschen in meine Küche passen. Auf dem Herd köcheln komische Suppen vor sich hin, soll das vielleicht Bowle sein oder kann man das essen? Und während ich noch versuche, Lukas ausfindig zu machen, stehen plötzlich fünf Polizisten hinter mir im Flur.

„Sind Sie die Eigentümerin dieses Hauses?“, will einer von Ihnen von mir wissen. „Ja“, stammle ich, „ich glaube schon“. „Ich bin der Einsatzleiter.“

„Einsatzleiter“, hauche ich respektvoll. „Genau“, sagt der wirklich gutaussehende Mann in dieser Uniform vor mir. Mariechen, sage ich mir, du denkst jetzt nicht allen Ernstes an eine Verabredung, während dein Haus zerstört wird. „Wo waren Sie heute Abend?“, will der Polizist jetzt von mir wissen. Wieso heute Abend? Warum fragt er mich nicht, ob ich morgen vielleicht Zeit habe? Der Abend ist doch jetzt schon gelaufen!?

„Essen“ hauche ich wieder entzückt. „Nun“, erwidert der schöne Mann vor mir, „die Nachbarn haben uns gerufen, hier ist offensichtlich eine Party außer Kontrolle geraten. Wo ist denn Ihr Mann?“

„Tot“ sage ich jetzt, schon etwas bestimmter. Was heißt denn hier außer Kontrolle? Und wieso mischen sich die Nachbarn ein? Haben die keine eigenen Probleme oder Hobbies?

„Oh“, sagt der schöne Polizist. Dabei legt er jetzt so ein mitleidiges Gesicht auf und guckt mich wissend an. Hmh, denke ich, jetzt könnte es interessant werden.

Also lege ich los: „Mein Carlos, der war ein mutiger und abenteuerlustiger Mann. Eines Tages wollte er unbedingt Bungeejumping vom Fernsehturm machen. Ich stand unten und schaute zu, wie er oben angeschnallt wurde und sich kopfüber in die Tiefe stürzte. Carlos hasste es allerdings, wenn er nach seinem Gewicht gefragt wurde und gab grundsätzlich immer 15 kg weniger an. In diesem Fall – im wahrsten Sinne des Wortes - wurde ihm das zum Verhängnis. Carlos schlug ungebremst auf dem Boden auf. Er war sofort tot.“

Der Polizist starrt mich entsetzt an. „Das ist ja furchtbar. Es tut mir wirklich schrecklich leid. Ich denke, Sie haben hier alles im Griff und wir können wieder abziehen. Leute“, an seine Kollegen gewandt, „die Mutter hat alles unter Kontrolle, wir gehen.“ „Schon?“ frage ich etwas enttäuscht.

Noch etwa drei Minuten starre ich den Polizisten hinterher, dann gucke ich erneut in die Küche, in der unter anderem mein Sohn steht und einem blonden Mädchen, das eindeutig nicht Nadja ist, irgendetwas ins Ohr säuselt, während seine Hände auf ihrem Po liegen.

„LUKAS“ meine Stimme überschlägt sich „was ist hier los?“

„Mama, ich habe da mal ein paar Freunde eingeladen, wir machen `ne kleine Party.“ Lukas guckt nicht mal schuldbewusst. „Die Party ist vorbei“, schreie ich los und habe den Eindruck, ich stehe kurz vorm Herzinfarkt. „Raus hier, sofort, alle raus hier“, brülle ich weiter nach Luft japsend, erziele damit aber den gewünschten Effekt. Langsam trollen sich alle an mir vorbei, nicht, ohne bei Lukas nochmal ein paar Sprüche abzulassen im Sinne von: Tolle Party, deine Mutter solltest du aber echt in den Griff kriegen.

Nach etwa zehn Minuten ist der Spuk vorbei und das ganze Ausmaß der Zusammenkunft ist zu erkennen.

Lukas wirkt jetzt nicht mehr ganz so cool und auch Charlotte, die sich mittlerweile aus den Fängen der Zwillinge befreien konnte, guckt ziemlich bedröppelt drein.

Ich atme tief durch und lausche den merkwürdigen Geräuschen aus dem Badezimmer. „Wieso habt ihr den Klempner gerufen?“, frage ich die Beiden. „Klempner?“ die Beiden starren mich fragend an.

„Da sind komische Geräusche im Bad, oder nicht?“, ich lausche wieder.

„Alligator“, Lukas rennt los, „den hab ich vorhin im Bad einsperrt, der hat so genervt!“

Lukas befreit Alligator, der auf mich losgeht, als wäre ich vier Wochen weg gewesen. Ich atme tief durch, kraule den Hund und bringe nur noch erschöpft hervor: „Wir gehen jetzt alle ins Bett und morgen gibt’s eine Familienkonferenz!“

„Mama“, Charlotte schaut mich fragend an, „wie war eigentlich deine Verabredung heute Abend?“

„Carlos hat es leider nicht mehr ins Rettungsboot geschafft…“, ich drehe mich um und gehe ins Bett.

Hinter mir höre ich noch Lukas zu Lotte sagen: „Zuviel Rotwein nehme ich mal an.“

 

 

 

Wir sitzen zu fünft im Café um die Ecke beim Frühstück, denn die Küche kann man immer noch nicht betreten. Nach drei Tassen Kaffee gehe ich das brisante Thema an.

„Lukas, kannst du mir mal bitte erklären, was du dir dabei gedacht hast? Du wirst das ganze Wochenende brauchen, um dieses Chaos wieder zu beseitigen!“ Ich schaue meinen Sohn fragend an.

„Mensch Mama, stell dich nicht so an, ich hatte nur ein paar Freunden Bescheid gesagt, dass bei mir heute Abend Sturm ist, das ist alles.“ „Sturm? Was soll das denn heißen? Ein Sturm zieht hier gleich auf, wenn du mir nicht auf der Stelle sagst, wie es jetzt hier weitergehen soll.“ Ich bin entrüstet und enttäuscht. „Kann man nicht mal einen Abend weggehen, ohne das gleich die Polizei vorbei kommt? Und ich mein Haus renovieren muss?“

Jetzt guckt Lukas doch etwas schuldbewusst: „Okay, es tut mir leid, ich mach alles wieder sauber, versprochen, wird auch nicht wieder vorkommen, Mama“.

So zerknirscht, wie er mich anschaut, kriege ich direkt schon wieder ein schlechtes Gewissen: „Jaja, ich weiß, hast du nicht mit Absicht gemacht…“

Schweigend beenden wir das Frühstück, nachdem ich Lukas noch das Handy weggenommen und ihm drei Wochen Hausarrest erteilt habe. Allerdings überlege ich die ganze Zeit, ob das nicht auch für mich eine Strafe ist, wenn mein Sohn mir jetzt drei Wochen im Nacken sitzt. Ob ich ihn zur Strafe zu seinem Vater schicken kann? Oder vielleicht sollte er auf die Zwillinge aufpassen, dann könnte ich abends nochmal weg. Nee, den Gedanken verwerfe ich direkt wieder. Bei meiner nächsten Verabredung stelle ich vorher einen Türsteher ein. Das nehme ich mir für heute jedenfalls fest vor.

Lukas braucht tatsächlich das ganze Wochenende, um das Haus wieder einigermaßen auf Vordermann zu bringen. Ich denke, alleine das ist schon Strafe genug für ihn. So schnell wird er nicht mehr verkünden, dass er `Sturm´ hat.

 

 

KAPITEL ZWEI

 

Das Telefon klingelt.

Natürlich bewegt sich auch auf mein nachdrückliches „TELEFON!“ wieder keiner außer mir in Richtung Wohnzimmer. Bevor ich noch den Hörer am Ohr habe, höre ich schon das unverkennbare Röhren des besten Freundes meines verstorbenen Mannes: „Hola Chica. ¿Todo bien con usted?“, und dann ergießt sich ein Schwall spanischer Worte über mich, von denen ich aber so überhaupt gar nichts verstehe. Nur weil ich kurzzeitig mit einem Spanier verheiratet gewesen bin, heißt das noch lange nicht, dass ich diese Sprache beherrsche. Carlos konnte nämlich wunderbar Deutsch sprechen.

Während Torben mich weiter zu textet, überlege ich, was mir diese merkwürdige Sprache eigentlich mit diesen Fragezeichen sagen will. Vor der Frage steht ein Fragezeichen. Finde ich ja grundsätzlich nicht verkehrt. Man weiß vorher schon, dass man am Ende des Satzes mit der Stimme nach oben gehen soll, eine tolle Erfindung für Grundschüler, macht doch das Lesen lernen gleich viel einfacher. Aber was soll dann am Ende schon wieder ein Fragezeichen? Befürchten die Spanier, dass man am Ende schon wieder vergessen hat, dass es sich um eine Frage handelt? Da denkt man doch, die halten ihr Volk für total verblödet. Carlos war jedenfalls nicht verblödet, aber eine Antwort auf diese Frage konnte er mir auch nicht geben.

„Chica?“, offensichtlich hat Torben jetzt genug geredet. „Hallöle Torben, was für eine Überraschung, wie geht es dir?“, will ich wissen. „Hab ich dir doch gerade erzählt, hörst du nicht zu?“, Torben klingt beleidigt.

„Ich verstehe kein Wort, weißt du doch, lernste lieber Spanisch, da verstehste jar nischt“, ich kichere über meinen eigenen Witz. „Also, Chica, dann versuche ich es nochmal. Ich bin nächste Woche in der Stadt und wollte dich zum Essen einladen. Was hältst du davon?“

„Kennst du einen Türsteher?“ frage ich sofort. „Wie bitte?“ Jetzt scheint Torben mich nicht zu verstehen. Dabei spreche ich klar und deutlich. „Einen Türsteher. Lukas hat das letzte Mal, als ich essen war, unser Haus in eine Diskothek verwandelt, ich trau dem Kerl nicht mehr über den Weg. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ Torben lacht. Ich mag dieses Lachen. Es klingt nicht so aufgesetzt und hohl, wie bei so vielen Männern.

„Ich seh mal, was ich tun kann und ich hol dich am Dienstag um sieben Uhr ab. Jetzt muss ich los, Ciao Bella“ ruft er noch, dann ist die Leitung tot. War das nicht gerade italienisch? Ich stehe noch mit dem Hörer in der Hand im Zimmer, da kommt Lotte vorbei: „Wer war das?“, gespannt schaut sie mich an. „Wenn du rangegangen wärst, als ich Telefon gerufen habe, dann wüsstest du es jetzt.“

Ich leg auf und lass Charlotte mit ihrem verdatterten Gesicht im Wohnzimmer stehen. Aber Charlotte wäre nicht Charlotte, wenn sie mich damit so einfach davon kommen ließe. Diese ätzende Hartnäckigkeit hat sie jedenfalls nicht von mir geerbt. „Mama!“ Sie steht schon wieder neben mir. „Du hast da diesen komischen Gesichtsausdruck, wer war am Telefon?“ Ich seufze, sie würde eh keine Ruhe geben. „Das Jugendamt, die wollen wissen, ob ich noch Herr der Lage bin, wo doch die Nachbarn gemeldet haben, dass hier die Polizei aufgelaufen ist“, ich lächle Lotte an. „Quatsch, Mama, du spinnst, dann würdest du anders gucken.“ Lotte ist immer so intelligent, das nervt. „Torben war es, ich geh nächste Woche mit ihm essen, er besorgt den Türsteher. So, lässt du mich jetzt in Ruhe?“

Ich will die Tür schließen, aber Lotte stellt ihren Fuß dazwischen. Sie grinst mich an. „Sooo“ sagt sie langezogen, „Torben, ja? Aha.“ Was soll das nun wieder heißen? Doch bevor ich etwas erwidern kann, ist sie verschwunden.

Kinder. Töchter. Söhne. Leute ohne Kinder wissen gar nicht, wie gut sie es haben. Und ich kenne so viele, die unbedingt welche bekommen wollen, aber bei denen es nicht klappt. Bitte, sage ich dann, nehmt doch mal Meine für fünf Tage, dann überlegt ihr euch das anders. Aber auf mich will ja eh keiner hören. Und anschließend muss ich mir dann immer dieses Gejammer anhören. Ohh, das ist ja alles sooo anstrengend, hätte ich das gewusst, blabla, ja nee ist klar. Hättet ihr mal doch lieber auf mich hören sollen. Aber hinterher ist man ja immer schlauer.

 

 

„Abfahrt! Sofort! Dalli!“ ich stehe seit gefühlten 20 Minuten im Flur, die Zwillinge in Schneeanzügen verpackt und schwitze mir die Seele aus dem Leib. „Wo bleibt ihr denn? Wir kommen zu spät!“ Es ist schon wieder Dezember, ich kann es wirklich nicht glauben. Wie die Zeit vergeht!

„Mama, nerv mich nicht, ich kann auch zu Hause bleiben, ich hab eh keinen Bock auf den Mist.“ Lukas hat sich im Badezimmer verschanzt. „Lotte! Ich werde langsam echt ungemütlich, wo bleibst du?“ „Ich bin noch nicht fertig, geht doch schon mal vor, ich komme dann nach.“ Lotte klingt, als ob sie noch im Bett liegt. „Kein Stück, wir gehen alle zusammen und zwar jetzt!“ Ich zwinge meine Kinder nicht oft zu Dingen, die sie nicht wollen, aber in diesem Fall müssen sie da durch. Im Kindergarten ist Krippenspiel und – oh welch Wunder - haben Maria und Joseph die Hauptrollen ergattert. Wir müssen also dahin, ob wir nun wollen oder nicht. Letzter Versuch, der Schweiß tropft mir von der Stirn über die Augen an der Nase entlang. Ich fühle, wie meine Wimperntusche sich selbstständig macht und ich beim Krippenspiel gleich als Dracula auftreten kann.

„Ich zähle bis zehn und wenn ihr dann nicht an der Haustür steht, könnt ihr eure Weihnachtsgeschenke in diesem Jahr direkt an den Osterhasen weiterreichen.“

„Osterhase“ sagt Joseph lächelnd und schaut mich an. „Ja, mein Häschen, aber jetzt kommt erst mal der Weihnachtsmann“ ich dreh mich um und rufe laut: „Drei, vier fünf“ „He“ ruft Lukas, „fang bei eins an!“ „Sieben, acht“, plötzlich stehen die Beiden neben mir. Erleichterung macht sich bei mir breit. „Super, dann los!“ Ich mache die Haustür auf, da lispelt Maria los: „Ich muss mal Pipi.“

Ich weiß nicht wie, aber irgendwie haben wir es noch rechtzeitig in den Kindergarten geschafft. Ich gebe die Zwillinge bei Frau Gärtner ab - wie kann man nur als Frau Gärtner Kindergärtnerin werden, naja, vielleicht hieß sie vorher anders und wollte nach der Heirat ihren Beruf nicht wechseln – und mache mich auf den Weg zur Toilette, als mir Roland über den Weg läuft. Ausgerechnet Roland.

Ich versuche mich unauffällig an ihm vorbei zu schleichen, aber er stellt sich mir direkt in den Weg. „Marie-Luise, welch ein bezaubernder Anblick, schön, dass du da bist. Ich sitze in der fünften Reihe rechts und neben mir ist noch ein Plätzchen frei.“

Lüstern betrachtet er meine Brüste, welche in ungefährer Augenhöhe bei diesem kleinen Männchen sind. Natürlich ist neben Roland noch ein Plätzchen frei, wahrscheinlich die ganze Reihe. Keine Mutter hier setzt sich freiwillig neben Roland und auch die Väter machen einen großen Bogen um ihn, nachdem er beim letzten Fest das gesamte Bier in den Ausguss gekippt hat, weil Konstantin-Bo nicht mit Alkohol in Berührung gebracht werden darf.

Scheinheilig frage ich ihn deshalb: „Macht Konstantin-Bo auch beim Krippenspiel mit? Meine Zwillinge freuen sich schon auf den Rotwein beim Abendmahl. Ich habe ihnen versprochen, dass sie mal kosten dürfen.“

Roland wird blass aber er fragt trotzdem nochmal nach: „Du machst Witze, oder? Von einem Abendmahl war doch nie die Rede. Die spielen hier doch nur Maria, Joseph und das kleine Jesus-Kind.“ Ich gucke möglichst überrascht: „Wie, das weißt du nicht? Die haben dieses Jahr das Programm geändert, ich muss es ja wissen, immerhin haben meine Zwillinge die Hauptrolle ergattert.“

Roland schluckt nochmal schwer und kämpft sich dann nach vorne zur Bühne durch „Konstantin-Bo, wir gehen! Sofort!“ Unter jubelnden Rufen verlassen Roland und Konstantin-Bo den Kindergarten.

Manchmal kann einem der Junge richtig leidtun.

 

 

 

Es klingelt. Und wieder bin ich natürlich die Einzige, die sich auf den Weg Richtung Haustür aufmacht. Ich frage mich, wofür man eigentlich Kinder hat? Und schon wieder dieses Wort. Eigentlich. Ich hab’s immer noch nicht geschafft, das zu googlen. Vielleicht in meinem nächsten Leben, in dem ich ganz sicher keine Kinder haben werde und ein Mann bin. Ich versuche es dennoch, obwohl ich weiß, dass es nutzlos ist: „Es klingelt! Halloooo? Kann mal jemand bitte aufmachen?“ Keine Reaktion. Irgendwas muss ich bei der Erziehung falsch gemacht haben. Ich könnte es bei den Zwillingen ja nochmal versuchen, aber ich befürchte, der Zug ist bereits abgefahren.

Ich öffne die Tür und trau meinen Augen nicht. Da steht eine Bulldogge vor der Tür. Die Bulldogge ist eine Frau. Denke ich zumindest. Oder vielleicht doch ein Mann in Frauenkleidern? Himmelherrgott, wer zum Teufel ist das und was will es hier? Abwechselnd starre ich Torben und die Bulldogge an.

„Hola Chica, ich habe dir hier deine Türsteherin mitgebracht. Das ist Beate, sie wird heute Abend aufpassen, dass keine wilden Partys gefeiert werden.“ Ich glaube ihm aufs Wort. Selbst ich verspüre plötzlich den Drang, fluchtartig mein Heim verlassen zu wollen. „Hallo Beate“, bringe ich zumindest noch einigermaßen hervor und kann dieses Anstarren einfach nicht lassen. Oder hat er vielleicht Bert gesagt? Was ist das? Eine Kreuzung zwischen Mann, Frau und Tier? Wo hat Torben die her? Der feixt sich einen, weiß er doch genau, was sich gerade in meinem Kopf abspielt.

„Chica, Beate ist die Klofrau im Frisko, in dem ich öfter verkehre, sie weiß, wie man mit betrunkenen, verrückten Leuten umgehen muss.“ Auch an dieser Stelle muss ich nicken, ich stimme ihm zu. Ganz bestimmt. Wenn nicht Es, was dann?

„Dann lass uns fahren, ich habe einen Tisch im Sanifair reserviert.“ Moment, ist das nicht diese Tankstellen-Klo-Gesellschaft? Ich bin definitiv überfordert. Oder überarbeitet. Wie auch immer. Aber ich tu doch eigentlich gar nichts, oder? Andere Menschen müssen 40 Stunden die Woche arbeiten, ich hab bloß vier Kinder, einen Labrador und ein Haus in der schönsten Stadt der Welt an der Backe. Also, Marie-Luise, stell dich nicht so an.

„Äh, kann ich noch kurz Bescheid sagen, dass ich jetzt weg bin?“ frage ich vorsichtig an der Bulldogge vorbei.

„Dann aber schnell, ich habe nicht den ganzen Abend Zeit!“ Die Bulldogge schaut mich böse an.

Jetzt weiß ich auch, an wen sie mich erinnert. Kathy Dingsda aus Misery. Genau! Das ist es. Oh mein Gott, ich habe die Schlächterin ins Haus gelassen. Torben sieht mich an und schubst mich auf die Straße. „Schick eine Nachricht, du bist jetzt weg. Den Rest erledigt Beate.“

Ha, das befürchte ich ja auch. Erledigt. Alle. Wenn ich wieder zurück bin. Ich bin fix und fertig. Torben bugsiert mich zu seinem Auto und platziert mich auf dem Beifahrersitz. „Schönes Auto“, schaff ich gerade noch zu sagen, da braust er schon los. Die Bulldogge ist vergessen. Mein Leben zieht plötzlich im Flug an mir vorüber. Wo hat der Kerl seinen Führerschein gemacht? Im Senegal?

Irgendwann fällt mir ein, dass ich meine Handtasche zu Hause vergessen habe. Also auch kein Handy dabei. Damit hat sich die Nachricht an die Kinder auch erledigt. Ob sie mir das jemals verzeihen werden? Vorausgesetzt sie leben noch, wenn ich nach Hause komme.

Torben schaut mich von der Seite an „Chica, entspann dich mal, wir machen uns jetzt einen schönen Abend, das Essen im Sanifair ist fantastisch, habe ich mir zumindest sagen lassen“. „Aha“, mehr bringe ich einfach gerade nicht raus.

Ich versuche es nochmal: „Rob Reiner“, ich starre nach vorne.

„Wer?“

„Misery. Das war der Regisseur von Misery.“

Torben guckt mich so komisch an, ich habe das Gefühl, er überlegt, ob ich schon was eingeworfen habe. „Okay“, sagt er vorsichtig, „und weiter?“

„Da gab es mal ein Quiz im Fernsehen, das muss Jahrhunderte her sein und ich weiß noch nicht mal mehr, wie das hieß, egal, jedenfalls kam da diese Frage, wer Regie bei Misery geführt hat. Und die vier Antwortmöglichkeiten hatten eben tolle Namen dabei. So wie Steven Spielberg und so.“

„Und?“ Torben klingt jetzt tatsächlich verwirrt oder neugierig, ich kann das noch nicht unterscheiden. „Naja, also wir – mein Ex-Mann und ich - sitzen auf dem Sofa, damals gab’s noch kein Internet...“ „Du tust so, als seist du 50!“ „Es gab noch kein Internet, wirklich! Und wir sitzen da und mein Ex sagt Rob Reiner. Und ich fang an zu lachen und zähle ihn aus, weil es diese Antwortmöglichkeit nicht gibt und er beharrt darauf und ruft seinen Freund an und ich lache und lache und lache und sage „Gibs auf, du kannst nicht immer alles wissen.“ „Ja und dann?“