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In sechs fiktiven Potsdamer Gesprächen zu Theodor Fontanes zweihundertstem Geburtstag beleuchten Leser von heute sein Leben und Werk, diskutieren seine Medientauglichkeit und machen sich Gedanken über seine Modernität. Auch Fontanes Frauenfiguren sowie seine Schriftstellerkonkurrentinnen setzen sich mit dem Meister der geselligen Konversation auseinander. • Im Neuen Garten: Parkbankplauderei zweier Fontane-Bewunderer • Ein Babelsberger Projektgespräch über Fontanes Medientauglichkeit • Auf dem Pfingstberg: Fünf Schüler machen sich Gedanken zu Fontanes Geburtstag. Ein ziemlich hilfloser Diskurs über Fontanes Balladen und Novellen • Wartmanns Café, Klein-Glienicke: Ein Modegespräch über die designerischen Möglichkeiten einer Fontane-Vermarktung • Vor dem Landtag: Fontanes Frauenfiguren protestieren • Auf der Schlossterrasse von Sanssouci: Ein Parnassgespräch unter Eingeweihten über den „alten Kollegen Fontane“
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Im Neuen Garten: Parkbankplauderei zweier Fontane-Bewunderer
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Ein Babelsberger Projektgespräch über Fontanes Medientauglichkeit
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Auf dem Pfingstberg: Fünf Schüler machen sich Gedanken zu Fontanes zweihundertstem Geburtstag. Ein ziemlich hilfloser Diskurs über Fontanes Balladen und Novellen
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Wartmanns Café, Klein-Glienicke: Ein Modegespräch über die designerischen Möglichkeiten einer Fontane-Vermarktung
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Vor dem Landtag: Fontanes Frauenfiguren protestieren
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Auf der Schlossterrasse von Sanssouci: Ein Parnassgespräch unter Eingeweihten über den »alten Kollegen Fontane«
Auf einer Bank im Neuen Garten, in der Nähe des Marmorpalais. Ein älterer Herr sitzt allein dort und blickt auf den See. Eine nicht mehr ganz junge Frau stellt ihr Fahrrad ab und nimmt neben ihm Platz. Sie hat zwei große Tüten mit Büchern, die sie auf die Bank legt. Der Herr liest den Namen der Buchhandlung auf einer der Tüten.
Er: Ach, Sie haben in der Buchhandlung Bürgel in Babelsberg eingekauft?
Sie: (überrascht) Ja. Sie kennen das Geschäft? Es ist eine kleine Buchhandlung, doch das Fontane-Angebot hat mich erstaunt.
Er: Oh, Sie sind eine Fontane-Leserin?
Sie: Ja, eine begeisterte!
Er: (mit einer angedeuteten Verbeugung) Da sind Sie auf einen Gesinnungsgenossen gestoßen.
Sie: Das ist aber schön. Ja, für Bruno Bürgel, den »Weisen von Babelsberg«, den Sternengucker, hätte sich Fontane sicherlich interessiert. Für Originale hatte er ja große Sympathie.
Er: Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Die Schwierigkeiten eines Außenseitertums kannte Fontane aus eigener Erfahrung. Er musste sich ja alles mühsam selbst beibringen. Was das für ihn bedeutet hat, können wir nur noch schwer nachvollziehen.
Sie: (packt ein paar Bücher aus und legt sie neben sich auf die Bank) Glauben Sie? Nun, wir sicherlich nicht. Aber wenn ich mir die Probleme ansehe, die manche Einwanderer mit dem deutschen Bildungssystem haben, mit unserem Qualifikationswahnsinn – nicht, was du kannst, interessiert, sondern welche Abschlüsse in Deutschland akzeptiert werden – dann denke ich, so weit weg sind wir heute davon nicht.
Er: (nickt) Daran habe ich nicht gedacht. Aber Sie haben Recht. Fontane hätte sich das sicherlich gut vorstellen können. Als einfacher Apotheker besaß er in den gebildeten Kreisen der akademischen Ministerialbeamten und Reserveoffiziere keinerlei gesellschaftliche Legitimation. Er wuchs nicht, wie andere, mit Goethe, Homer, Schiller und Vergil auf ...
Sie: (ergänzt) … sondern mit Militäranekdoten des Vaters, der »zehn Studierte in den Sack stecken konnte«, wie Fontane in seiner Autobiographie beschreibt.
Er: Sie sagen es. Fontanes Bildung basierte auf Konversationslexikon, Guckkastenbildern, Balladen, Walter Scott, Lenaus Polenliedern und Apothekerlatein. Und darauf war er stolz. Aber, Entschuldigung, ich langweile Sie sicherlich mit meinen Ausführungen.
Sie: Nein, überhaupt nicht. Ich kann Ihnen nur zustimmen. Das Zufällige seiner Bildung verwundert mich immer, wenn ich in Fontanes »Kinderjahren« lese.
Er: Ja, nicht wahr? Wenn man diese Erziehung mit der Systematik und Pedanterie vergleicht, mit der der kaiserliche Rat Johann Caspar Goethe seinen Sohn gequält hat.
Sie: (nickt heftig) Wie sehr hat Fontane versucht, die »sokratische Methode« seines Vaters zu verteidigen! Trotzdem, das Gefühl der Minderwertigkeit ist ihm bis zuletzt geblieben. Irgendwo (sie überlegt) habe ich gelesen, dass er selbst, als er schon ein berühmter Autor gewesen ist, Angst vor akademischen Ehrungen hatte.
Er: Ja. Er hat die Einladung zur Eröffnung des Goethe-Schiller-Archivs in Weimar durch Professor Suphan mit der Begründung abgelehnt, man könne ihn vielleicht mit einem lateinischen oder griechischen Zitat in Verlegenheit bringen. (beugt sich zu ihr) »Wissen Sie, was ich an diesem Fontane sympathisch finde«, hat einmal eine Studentin zu mir gesagt. »Der schmeißt nicht ständig mit diesen antiken Göttern um sich, bringt keine Anspielungen auf diesen mythologischen Käse. Man kommt sich nicht total verblödet vor, wenn man kein Altgriechisch hatte.« Aber, nun habe ich Sie richtig zugetextet, würde meine Familie sagen. Entschuldigen Sie, doch es kommt ja nicht so häufig vor, dass jemand Fontane liest und so viel über ihn zu sagen weiß. Wie kommen Sie zu ihm?
Sie: (lacht) Das hat mich mein Enkel vergangene Woche auch gefragt und empört auf seinen altmodischen Lehrer verwiesen. Der habe etwas von Fontane-Jubiläum gemurmelt und dass sie nun mehrere Texte von diesem Fontane lesen würden. Nun, das war für mich die Herausforderung. (sie zieht ein paar Bücher aus der Tüte)
Er: (amüsiert) Und? Was haben Sie für Ihren Enkel gekauft?
Sie: Ich war selbst auch Deutschlehrerin und da packt einen natürlich sofort der Ehrgeiz. Schon als Studentin habe ich gerne Fontane gelesen. (sie hebt ein paar Taschenbücher hoch) Ich erinnere mich an meinen ersten Berlinaufenthalt. Die »Jenny Treibel«, »Stine«, »Irrungen, Wirrungen« und »Die Poggenpuhls« hatte ich im Gepäck. Die Taschenbuchausgaben aus dem Ullstein Verlag. Als Studentin hatte man ja noch nicht so viel Geld.
Er: Da müssen Sie aber über viel Fantasie verfügt haben. Fontanes Berlin existierte ja schon lange nicht mehr. Und damit meine ich noch nicht einmal die zahllosen Metamorphosen dieser Stadt vor und nach dem Mauerfall.
Sie: (nickt) Aber gerade in dieser sich permanent neu erfindenden Stadt bedeutete für mich Fontane immer so etwas wie ein Navi.
Er: Ich fürchte, Fontane hätte sich gar nicht schnell genug updaten können, um sich zwischen all den Hochhausgiganten, Riesenbaustellen, Absperrungsgittern, aufwändigen Schautafeln und vor allem den Scharen von Touristen zurechtzufinden.
Sie: Glauben Sie? Sie meinen, weil sich Fontane auch manchmal verfahren oder verlaufen hat? Ich bin mir ganz sicher, er hätte den Fortschritt genau beobachtet, hätte die Ausstellung in der Humboldt-Box kommentiert und sich höchstens gewundert, dass es so viele italienische Delikatessengeschäfte gibt, wenn er »Sala Tarone« Unter den Linden gesucht hätte. (temperamentvoll) Was glauben Sie, wie viele Balladen er über die Berliner Politprominenz und ihre Schildbürgerstreiche verfasst hätte! Ich bleibe dabei. Auch Berlin wird einem vertrauter, wenn man Fontanes Formulierungen im Ohr hat: »Auf der Straße lagen die Marmelspieler und auf dem Fahrdamm lag die Sonne.«
Er: (lacht) Ich stimme Ihrem Plädoyer zu. Wer um 1900 in die neue Hauptstadt zog, erfuhr aus Fontanes Romanen, wie es in Berlin zwischen Tiergartenvillen und Kleine-Leute-Gegenden zugegangen ist, nachdem die Reichseinigung von 1871 die Deutschen überrascht hatte. Und dass die Berliner Luft besonders schlecht ist, auch das wusste Fontane schon. Das wird ja in seinen Berliner Romanen häufig thematisiert und vor allem in seinen Briefen. Aus diesem Lokalkolorit gewinnen viele Unterhaltungen in seinen Romanen ihren Charme. Sie haben, anders als oft behauptet, übrigens wenig Verplaudertes. In ihnen kommen die großen Gegensätze der Zeit zu Wort. Fontane schildert Liebe, Heirat, Ehe in einer Welt im Umbruch mit klarem Blick für Unausweichliches.
Sie: (amüsiert, indem sie sich zu ihm hinüber beugt) Da bin ich ja anscheinend an einen ganz besonderen Fontane-Enthusiasten geraten, oder?
Er: (lachend) Ja und außerdem an einen Leser, der seit wenigen Monaten hier in Potsdam lebt. Ich habe nach meiner Emeritierung und dem Tod meiner Frau noch einmal einen Neuanfang gewagt und bin in die Nähe meiner Kinder und Enkel nach Berlin gezogen. Und nun bin ich sozusagen auf den Spuren meiner Forschungsgegenstände unterwegs. Ich bin Germanist.
Sie: (nickt) Nun, bei mir liegt der Fall ähnlich. Ich war Gymnasiallehrerin für Deutsch in Schwaben. Ich bin im Ruhestand nach Potsdam umgezogen, weil meine beiden Töchter in Berlin leben und weil meine Vorfahren mütterlicherseits aus Potsdam stammten. Meine Großeltern hatten ein Lebensmittelgeschäft im Holländischen Viertel! Daraus resultiert wahrscheinlich auch meine für Bayern ganz untypische Begeisterung für Fontane. Ich habe es immer sehr bedauert, so wenige junge Leute für Fontane gewinnen zu können. (seufzt) Aber, Jammern hilft nicht und bringt keinem etwas. Bei meinen Enkeln hoffe ich jedenfalls auf ein bisschen Interesse.
Er: Aha. Deshalb also die Fontanebücher.
Sie: Richtig. (sie greift wieder in die Tüte, holt ein Taschenbuch heraus und begutachtet das Titelbild) Und eine ansprechende Aufmachung ist dabei ganz wichtig.
Er: Das kenne ich von meinen Enkeln. Schade, dass man die Lektüre Fontanes der heutigen Generation nicht mehr so leicht vermitteln kann. Fontane war ein kluger Kopf, viele seiner Ansichten sind durchaus modern. Manchmal, wenn ich so spazieren gehe, überlege ich, wie würde Fontane wohl die aktuelle Situation in Deutschland oder die Probleme im vereinigten Europa kommentieren?
Sie: (nickt) Wahrscheinlich hätte ihn der Brexit-Irrsinn an den Engländern verzweifeln lassen. Ich erinnere mich noch gut an einen Text, in dem er schreibt, dass die Engländer auch das Schlechte gewissenhaft konservieren. Fontane hat das an einem Beispiel illustriert, wie die gehobene Klasse das aristokratische Nichtstun kultiviert und selbst kleinste Tätigkeiten den Dienstboten überlässt.
Er: Ja, sein Blick auf die Engländer war sehr differenziert. Wie er etwa die Politik des britischen Premiers Lord Palmerstone beurteilte, zeugt von großem Gespür. Auch Palmerstone habe, so schrieb Fontane, die große Krisis, die sich in seinem Lande vorbereitete, geschickt hinausgeschoben. Wenn ich es richtig im Gedächtnis habe, so urteilte er über Palmerstones Verhalten: »Er wusste, dass das Geheimnis der englischen Größe in der Fortdauer jener freien und doch beschränkten Klassen liegt, die beim Biere ‚Britons never will be slaves‘ zu singen pflegen«.
Sie: Ja, Fontane und der Brexit! Das gäbe eine interessante Kombination! Fontane hätte aber sicherlich auch die Entwicklung des neuen Berlin umfassend kommentiert. Etwa mit: »Lamm-Frommheit ist schön, Schaf-Frommheit ist schlimm.«
Er: (lacht) Da haben Sie recht. Seine Sprüche amüsieren mich immer wieder.
Sie: D‘accord. Man muss ja nicht gerade Fontanes Feldherrenballaden zitieren. Die finde ich manchmal schon etwas peinlich. Obwohl ich mit dem »alten Derffling« bei den Schülern erstaunlich gut angekommen bin. Ein Mann, der als Schneider angefangen hat und dann Karriere als Feldmarschall gemacht hat – das hat vor allem die Jungen interessiert. Das ist aber etliche Jahrzehnte her. Da fanden die meisten Fontanes Formulierungen ganz cool: »Einst als das Nadelhalten/ Ihm schier ans Leben ging/ Dacht er: ‚Das Schädelspalten/ Ist doch ein ander Ding!« Die Eltern dagegen waren weniger angetan. Was glauben Sie, wie viele damals auf der Matte standen und von »Gewaltverherrlichung und faschistoidem Militarismus« sprachen.
Er: (lacht) Oh! Ihre Ausführungen verraten die pädagogische Praxis.
Sie: (nickt) Ich musste beim Schulleiter antreten. Der meinte damals, Fontanes Heldenballaden könne man jungen Leuten nicht mehr zumuten.
Er: Eine solche Aussage sollte man mit Fontane parieren: »Das Alter hat viel Hässliches und Dummes, aber das eine Kluge hat es, dass es einsieht: nichts ist von besondrer Wichtigkeit, und man kann es so machen und auch so.«
Sie: (lacht) Wissen Sie, wie mein Enkel das kommentierte, als ich ihm kürzlich davon erzählte? »Dein Fontane ist also eine Art Grauer Panther.« Was sagte unser Schulleiter damals noch: »Fontane taugt nur fürs Seniorenheim. Dahin gehören Schriftsteller, von denen es Aussprüche wie den folgenden gibt.«
Er: Und, was zitierte er?
Sie: »Gute Verdauung ist besser als eine Million.«
Er: (lacht schallend) Schade, eigentlich kann einem der Mann nur leid tun.
Sie: (lacht, dann wieder ernst) Mitleid war in seinem Falle nicht angebracht. Er war einer der Naturwissenschaftler, die Belletristik für Zeitverschwendung halten. Wahrscheinlich hat er das Zitat in der Apothekenrundschau gelesen.
Er: Haben Sie nicht auf Fontanes Zitat aus dem »Stechlin« verwiesen: »All die Süddeutschen sind überhaupt viel netter als wir, und die nettesten, weil die natürlichsten, sind die Bayern.«
Sie: (schüttelt den Kopf) Er war kein Dr. Lau, von dem Fontane in seinen Kindheitserinnerungen geschrieben hat, er sei ein vorzüglicher Pädagoge gewesen, weil er ein vorzüglicher Mensch gewesen sei.
Er: Ja, dieser Dr. Lau war der einzige Lehrer, den Fontane außer seinem Vater gelten ließ. (lacht) Der hat mit seinen Schülern Goethes »Westöstlichen Diwan« gelesen.
Sie: Ich stell mir lieber nicht vor, was mein Schulleiter dazu gesagt hätte! Aber das Erziehungskonzept der Eltern Fontanes kann man heute noch all den ehrgeizigen und ungeduldigen Eltern empfehlen. Gelassen bleiben, den Kindern ein Vorbild sein und durch das bloße Dasein wirken – das entscheidet. Wie oft habe ich das den Eltern meiner Schüler ans Herz gelegt. Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
Er: Fontanes Beschreibung ist natürlich indirekt eine harsche Kritik an den Erziehungsmethoden der preußischen Aristokratie, die wenig mit den Humboldtschen Idealvorstellungen zu tun hatten.
Sie: Allerdings. Und seine Romane illustrieren, wozu eine falsche Erziehung führt. Man denke nur an Effi Briest. Aber Fontane hat auch gesagt: »Mit bloßem Charakter ist auch nicht viel zu machen, oder höchstens Feiertags; Alltags verlangt man ein bisschen Esprit.«
Er: Da schwingt die höfische Bildung des Großvaters, die gründliche französische Erziehung der Hugenotten mit. Nichts war in dieser Familie so wichtig wie Esprit, nichts so wertvoll wie intellektuell anspruchsvolle Gesprächs- und Briefpartner.
Sie: (seufzend) Und für die Mama »gutes Aussehen und gute Manieren«. Denn mit der Poesie und dem Verständnis dafür war es bei ihr nicht so weit her.
Er: Apropos Poesie. Bei Dr. Lau muss ich immer an die Episode mit dem Geburtstagsgedicht für Fontanes Papa denken. Meine Kinder haben mir eine entsprechende Umdichtung zu meinem 70sten Geburtstag geschenkt. Den Anfang haben sie aus dem Original übernommen: (überlegt einen Moment, dann rezitierend) »Lieber Vater/ Du bist kein Kater/ Du bist ein Mann,/ der nichts Fettes vertragen kann«.
Beide lachen und beobachten eine Weile ein vorbeifahrendes Ruderboot.
Sie: Ja, da hat der Lyriker Fontane gewaltig kokettiert. Nun, ich finde, er hat schöne Gedichte verfasst. (sie hält ein kleines Buch hoch) Vielleicht gefällt meinem Enkel dieses wunderhübsche Fotobüchlein. Richtige Perlen finden sich da: (sie liest) »Es kann die Ehre dieser Welt/ Dir keine Ehre geben,/ Was dich in Wahrheit hebt und hält,/ Muß in dir selber leben.«
Er: (ernst geworden) »Das flücht‘ge Lob, des Tages Ruhm/ Magst du dem Eitlen gönnen/ Das aber sei dein Heiligtum:/ Vor dir bestehen können.« (nach einer Pause) Diese Schlusspassage habe ich schon oft zitiert. (mit einem skeptischen Blick auf das Fotobüchlein) Glauben Sie wirklich, dass diese Aufmachung ihrem Enkel gefällt und dass er mit diesen Gedichten etwas anfangen kann?
Sie: (blickt ihn ein wenig verunsichert an) Meinen Sie nicht? Ich habe es gekauft, weil hier auch einige Texte des jungen Fontane, des Barrikadenkämpfers und Revolutionärs abgedruckt sind. Das könnte für meinen Enkel vielleicht spannend sein. (sie legt ein weiteres Buch neben sich auf die Bank)
Er: Ah! Regina Dieterles Fontane-Biographie. Da haben Sie einen guten Kauf getätigt.
Sie: Ja. Ich muss mein Wissen doch »updaten«, wie man heute sagt.
Er: (nickt) Apropos Fontane entdecken. Zeigen Sie Ihrem Enkel doch das Gedicht: »Das Publikum ist eine einfache Frau/ Bourgeoishaft, eitel und wichtig/ Eine einfache Frau, doch rosig und frisch,/ Und sie lacht und sie führt einen guten Tisch,/ Und es möchte sie jeder besitzen.« Der kleine Text bringt doch die Mediensituation – die damalige wie die heutige – treffend auf den Punkt. Finden Sie nicht?
Sie: (nickt) Doch. Was ist das Gieren nach Quoten, nach Followern denn anderes? Allerdings glaube ich nicht, dass im Zeitalter von »Coffee to go« und »Happy Hour« noch irgend jemand Formulierungen wie »führt einen guten Tisch« verstehen wird.
Er: Liest man in der Schule denn überhaupt noch Fontanes Gedichte?
Sie: Natürlich kennen die meisten noch den »Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland«, auch außerhalb Brandenburgs, wage ich zu behaupten. (schmunzelt) Das klingt hoffentlich nicht abwertend. Denn für mich ist der »Herr von Ribbeck« tatsächlich eine der besten Balladen Fontanes.
Er: Ja und unverwüstlich. Auch meine Enkel haben den Text gelernt und mit Begeisterung aufgesagt. Nur an der Formulierung »So ging es viel Jahre, bis lobesam/ der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam« sind schon meine Kinder regelmäßig gescheitert und ich genauso regelmäßig an der Erklärung.
Sie: Ja, von diesen Schwierigkeiten kann ich ein Lied singen! Rip Rap Ribbeck. Meine Schüler haben mich damit einmal zu einem Geburtstag überrascht. Der Herr von Ribbeck hat mehr Fans, als man denkt. Auch ich war kürzlich dort. Schloss, Gutsgebäude, Friedhof und Kirche – ein geschlossenes Ensemble. Wenn man Glück hat und es sind nicht zu viele Touristen unterwegs, kann man den gemütlichen Platz hinter der Kirche genießen. Und dass im Schlosspark sich alle deutschen Bundesländer mit einem besonderen Birnbaum verewigt haben, das hat sogar meinem Enkel imponiert.
Er: Der dürftigste, der ein wenig schwächelt, ist die bayerische ‚Gute Luise‘.
Sie: (lacht) Alles Birnenmäßige bekommt man angeboten. Bloß den Text von Friedrich Christian Delius »Die Birnen von Ribbeck« sucht man vergeblich, die schöne Erzählung, in der sich Ost und West bestaunten, anfremdelten.
Er: (nickt) Ja, als er 1991 erschienen ist, bekam er gute Kritiken. Aber die Brandenburger verstanden es als Nestbeschmutzung.
Sie: Ja, lieber ein Café mit Waschzuber und Waschweibern einrichten, wo man alles nur irgendwie Birnenmäßige erhält.
Er: Warum denn auch nicht! Birnenschnaps und -marmelade sind wahrscheinlich bekömmlicher als die vielen Ginkgo-Produkte, die man in Goethes Weimar angepriesen bekommt. Und Brandenburg hat so viel mehr zu bieten. Das wissen die wenigsten Deutschen, die zwar gerne nach Italien, Griechenland, sogar nach Vietnam oder Mexiko reisen, sich aber keine Vorstellung von der schönen Landschaft an der Havel machen.
Sie: Das stimmt. Und die Birnen auf den Märkten, nicht nur die aus Werder natürlich, sind ganz vorzüglich. Ja, es gibt hier in der Region viel zu entdecken. Ich bin immer wieder aufs Neue begeistert. (beugt sich zu ihm) Und das Fahrradfahren ist hier sehr viel einfacher als in meiner alten Heimat Schwaben.
Er: Auch für mich ist dieses Brandenburg, nicht nur wegen der exzellenten Birnen, eine ganz neue Erfahrung.
Beide beobachten eine Gruppe von Radfahrern, die offensichtlich zum Picknick am Grünen Haus unterwegs ist. Auf dem See kämpfen mehrere Stand Up-Paddler um die richtige Haltung.
Sie: Wenn man in einem Zeitschriftenladen die Massen an Magazinen zum Thema »Landleben« sieht, dann könnte man eigentlich vermuten, dass der »Herr von Ribbeck« durchaus im Trend liegt. Landgüter, Gärten und Tafelfreuden im Havelland – nun, was passt dazu besser als Fontanes Ballade?
Er: (schmunzelnd) Ja, ja, die Landlust! Einer meiner Enkel hat sich kürzlich in Kladow eine Datsche gekauft. Nun verwirklicht er sich selbst, indem er dort Tomaten und Spargel züchtet und Hühner hält. Und mir gegenüber hat er seine Entscheidung damit begründet, dass ja auch Fontane in seinen Wanderungen den Ort erwähnt habe.
Sie: (lacht) Ich stelle mir gerade Fontane als Landwirt vor. Ausgerechnet Fontane. Er ist ja ein olfaktorisches Phänomen gewesen. Wo auch immer er Station gemacht hat, stets hat er höchst sensibel auf Gerüche aller Art reagiert. Ich habe erst von ihm überhaupt etwas über die Toilettensituation im 19. Jahrhundert erfahren. Seine Reisebeschreibungen sind für mich immer höchst amüsant zu lesen, vor allem die in seinen Briefen.
Er: Dann kennen Sie sicherlich auch den wunderschönen Fotoband von Michael Ruetz zu Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg?
Sie: Aber natürlich. Leider ist das Buch bei meinem Umzug irgendwie verschwunden. Aber nun kann ich ja all die schönen Orte selbst aufsuchen. Schade, dass das heute so wenige Menschen noch tun.
Er: Da täuschen Sie sich. Die Tourismusbranche hierzulande hat es inzwischen sehr gut verstanden, Fontane als Werbeträger zu nutzen. Schließlich bieten die »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« Dialoge, Porträts, fundiertes Wissen, aber auch Tratsch, lokale Sagen und jede Menge Anekdoten. Für Fontane waren sie ein Experimentierfeld. Und für heutige Wanderer, zumal für die vielen Ruheständler, die Brandenburg entdecken wollen (verbeugt sich ein wenig), so wie ich, sind sie ein, wie sagt man Neudeutsch, »Must-have«.
Sie: (skeptisch) Glauben Sie? Die meisten brauchen etwas für ihr Smartphone. Fontanes Texte sind doch viel zu umfangreich.
Er: Nein, nein! Der rbb hat sogar eine App konzipiert, die auf Fontanes Spuren durch Brandenburg führt. Wer würde sich beispielsweise heute noch für Paretz interessieren, hätte nicht Fontane über den regelmäßigen Besuch des preußischen Königspaares, v.a. natürlich über Königin Luise, geschrieben.
Sie: Von dieser Lady Di einmal abgesehen, die heutige Generation verträgt so viel historische Details nicht mehr. Auch wenn Fontane seine Informationen geschickt verpackt.
Er: Daran erkennt man den erfahrenen Journalisten. Nehmen Sie als Beispiel Glienicke. Er erklärt den Namen (beugt sich zu ihr) – glin bedeutet wendisch Lehm –, beschreibt dann etwas genauer die Kirche von Klein-Glienicke mit den Epitaphen der Herren von Ribbeck, bevor er dann ein wenig Statistik bringt, die Anzahl der Gläubigen, also der Bewohner anführt und dann ergänzt: »Darunter, wie die Nachschlagebücher gewissenhaft bemerken, zwei Katholiken. Diese werden es schwer haben, sich paritätisch zu behaupten.«
Sie: (lacht) Überzeugt!
Er: Hoffentlich öde ich Sie nicht an. Meine Kinder sagen immer, ich doziere die ganze Zeit. Meine Enkel drücken es noch etwas anders aus.
Sie: (seufzt) »Großmama, du nervst!«, heißt es bei mir manchmal. Aber (sie beugt sich zu ihm) glauben Sie mir. Es ist schön, jemanden zu treffen, mit dem man sich über etwas anderes als Rentenbeiträge, Reha-Maßnahmen oder Seniorenschwimmen unterhalten kann. (nach einer Weile) So viele Leute kenne ich hier außerdem noch nicht. Und die Kinder sind ja alle immer schwer beschäftigt.
Er: (nickt) Ja, das kenne ich.
Beide schweigen einen Moment. Auf dem See schwimmt eine Formation Blesshühner vorbei.
Sie: Ja, vieles, was Fontane geschrieben hat, ist auf die Gegenwart übertragbar. Auch wenn seine Helden lieber in den Hoppe-Garten geritten und nicht mit dem Mountainbike gefahren sind. Liebe, Eifersucht, Neid und Eitelkeit, Erfolg, Karriere, Versagen … (sie beugt sich zu ihm) Ist das etwa heute anders? In jedem Tatortkrimi geht es doch darum.
Er: (nickt) So wie in Fontanes Novellen und Romanen. Aber die Wanderungen enthalten eigentlich andere Botschaften.
Sie: Finden Sie?
Er: Sie haben die Menschen sensibilisiert, sorgsam mit ihrem kulturellen Erbe umzugehen. Vieles von diesem Wissen, das Fontane zusammengetragen hat, ist in der DDR mit viel Umsicht und Sachverstand behandelt und so für uns heute gesichert worden. Die Wanderungen vermitteln Geschichte, erinnern an lokale Ereignisse, an Naturkatastrophen, an all das, was wir vergessen haben und was im kollektiven Gedächtnisarchiv, so würde Aleida Assmann sagen, abgespeichert ist.
Sie: Nicht nur die Adelsgeschichte?
Er: Nein, wenn natürlich der Adel in dieser Region auch die Archive besaß, über Porträts und Quellen aller Art verfügte, so wie in Süddeutschland die Klöster.
Sie: Also hat Fontane in der Mark Brandenburg missioniert?
Er: In seiner Heimat war Fontane zu diesem Zeitpunkt schon bekannt als Kenner der Lokal- und Regionalszenerien, als Experte für die oft verworrene Genealogie märkischer Adelsgeschlechter, als Chronist der insgesamt doch sehr überschaubaren preußischen Geschichte. Generationen von Geschichtsstudenten wurde er später zur Lektüre empfohlen. Bekanntlich erhielt Fontane die Ehrendoktorwürde der Berliner Universität auf Initiative des Historikers Theodor Mommsen, der in seinen Vorlesungen aus Fontane-Texten zitierte.
Ein kleiner Hund bellt vom Ufer aus die vorbeischwimmenden Enten an. Als ein Schwan sich ihm nähert, zieht der Hund es vor, dem Pfeifen seines Herrchens Folge zu leisten.
Sie: Ein »politischer Seher großen Stils«, hat ein Zeitgenosse über ihn geurteilt. Das bezog sich auf Fontanes Darstellung der wenig ruhmreichen Rolle Preußens in der Napoleonischen Ära. Ich erinnere mich an die Seminare meiner Studienzeit. Die Schlachten, die Fontane zitiert hat, waren ja harmlos, vergleicht man sie mit all dem, was im 20. Jahrhundert über die Menschen hereingebrochen ist – gerade in Berlin und hier in Potsdam.
Er: Da muss ich Ihnen entschieden widersprechen. Nehmen Sie z. B. die Völkerschlacht bei Leipzig. Über 100.000 Tote und dazu alle, die auf dem Schlachtfeld überlebt, aber später an den Folgen ihrer Verletzungen gestorben sind. Gerade die großen Gefechte waren für Fontane ganz wichtig. Das Trauma seines Vaters, Großgörschen 1813, hat er da verarbeitet, die ganze Geschichte der Napoleonischen Befreiungskriege. Es ist so bis heute: Die erste, zweite und vielleicht noch die dritte Generation erlebt die Schrecken des Krieges noch »hautnah« mit.
Sie: Sie meinen, dass man danach wieder leichtfertig mit der Frage umgeht, ob man Konflikte militärisch lösen soll oder nicht?
Er: (nickt)
