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In AlltagsChampagner sind Geschichten ganz verschiedener Herkünfte und Lagen abgefüllt. Alte Jahrgänge neben jungen, spritzig-wilden. Lagen aus nächster Nähe ebenso wie aus dem sonnigen Süden. Allen gemeinsam ist die Stimulans für Momente des Lächelns und der Leichtigkeit.
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Prolog
Der Fremde
Kafka
Anna
Eine Fahrradliebe
Gute Nacht, du …
Cinema im Kopf
Liebe Pauline,
Frauen mit großen Herzen
Pickel, Flirts und weitere Komplikationen
Haareschneiden und vieles mehr
Zirkuszauber
Ratzfatz
Italia
Vous cumpra?
Cappuccino Vero
Novella
Valentinsgrüße a tutti!
Von Weihnachtsengeln und . . .
Gustav Gans
Wellness-Weihnacht
Dezemberträume
Don Ruprecht
Weihnachtsfreuden
Caspar ohne Melchior und Balthasar
Epilog
Champagner ist ein besonderes Getränk. Besonders wegen seines erlesenen Geschmacks, besonders wegen seiner Wirkung auf Körper und Geist, besonders aber auch seines exklusiven Preises wegen. Er ist also kein Getränk für alle Tage und alle Gelegenheiten.
Der Titel des Buches, lieber Leser, scheint also ein Paradoxon zu sein, gibt es doch, jedenfalls für die allermeisten von uns, das edle Getränk keinesfalls alle Tage!
Alltäglich haben wir eher Mineralwasser, spritzig oder still. Nicht nur, weil das für Körper und Geist ein wichtiges Lebenselixier ist, sondern auch, weil das finanzielle Budget sonst an seine Grenzen stößt. Champagner wird von den wenigsten von uns im Alltag schmerzlich vermisst, seine belebende Wirkung schon eher.
Vitalität, Freude, das prickelnde Gefühl, wenn etwas Besonderes unseren Lebensweg kreuzt oder einfach nur eine heitere Gelassenheit – all das, was uns zum Lächeln, Schmunzeln oder Träumen bringt – davon gibt es im Alltag, so scheint es, zu wenig.
Es wäre grandios, könnten die Geschichten dieses Vorurteil ein wenig ins Wanken bringen, alkoholfrei und ohne unerwünschte Nebenwirkungen.
Gin, gin, à la vôtre!
Immer häufiger fand Karen ihr Leben bedrückend, sich selber kraftlos und außerstande, auch nur halb so alt zu werden, wie sie sich fühlte. Eigentlich gab es für diese Stimmung keine Gründe. Sie war Anfang dreißig, sah gut aus und hatte eine gesicherte Existenz als Bankangestellte. Die Ereignislosigkeit, die sich wie zäher Nebel ihres Lebens bemächtigt hatte, war der Grund ihrer Freudlosigkeit und Verzagtheit. Nach einigen Enttäuschungen war sie längst davon überzeugt, Liebe und Leidenschaft entweder für Selbsttäuschung zu halten oder vom Schicksal dazu ausersehen zu sein, ihr Leben abseits dieser beglückenden Erfahrungen fristen zu müssen. So sehr verstrickt war sie in die eigene Unzufriedenheit, dass sie ihre Umwelt nur sehr eingeschränkt wahrnahm. Eine Kollegin war es, die ihre Aufmerksamkeit auf jenen Fremden lenkte, der sie offensichtlich beobachtete. Ein großer Mann, muskulös, mit dunklen Haaren, die in einem kurzen Bürstenschnitt gebändigt waren. Karen wollte Gewissheit und so testete sie in einem wilden Hindernislauf durch die Stadt sein Durchhaltevermögen. Die Geschicklichkeit, mit der er folgte, ließ ahnen, dass er sein Geschäft verstand. Von Zufall konnte nicht die Rede sein. Zu Hause, bei einer Tasse Tee, versuchte sie, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. War es nötig, die Polizei einzuschalten? Sie beschloss, das Wochenende verstreichen zu lassen, viel zu Hause zu bleiben, was sie ja ohnehin meistens tat, und erst danach eine Entscheidung zu treffen.
Mit einem Mal war da ein Loch im zähen Nebel der Ereignislosigkeit und neben dem Unbehagen und der Angst, die der Zwischenfall hervorrief, spürte Karen auch eine prickelnde Spannung. Der schrille Ton der Türglocke ließ sie erschrocken zusammenfahren. Vor der Tür stand der Bürstenhaarige und sah sie lächelnd an. Er hielt ihr eine Visitenkarte unter die Nase, auf der sie die Worte Detektei Weimer, Inhaber Thomas Kamprath erfasste. Thomas Kamprath bat, eintreten zu dürfen, um ihr sein Anliegen vorzutragen. Er arbeite im Auftrag von Dottore Minetti und solle sie für morgen Nachmittag zum Tee bei Minetti einladen. Dieser habe ihr ein Geschäft vorzuschlagen. Überrascht blickte sie Kamprath an und dieser beeilte sich, ihr den Dottore als erfolgreichen italienischen Geschäftsmann zu schildern. Modebranche, die Domäne der Italiener, wie sie wohl wisse. Daneben sei Minetti auch ein geschätzter Kunstmäzen. Mehr war von Kamprath nicht zu erfahren, alles Weitere würde sie von Minetti selbst hören. Karen ahnte, dass sie sich nun nicht länger um ein ereignisloses Leben würde grämen müssen. Der Dottore bewohnte ein Stockwerk einer alten Jugendstilvilla nahe dem Englischen Garten. Was Karen sofort auffiel, waren die vielen Uhren, die die Wohnung zierten. Schon im Foyer machten sich zwei große alte Standuhren breit. Auf dem Kaminsims im Salon standen Uhren in allen Größen und Ausführungen, und ihr Ticken in verschiedenen Geschwindigkeiten und Tonlagen hing als ständiger Geräuschpegel im Raum. Minetti entsprach ganz Karens Vorstellung von einem italienischen Modezaren. Ein älterer Herr, um die sechzig, elegant gekleidet, mit südländischem Charme. Ohne lange Umschweife kam er zum Geschäft. Wie Karen unschwer erkennen könne, sei er ein fanatischer Sammler von Uhren. Sie besitze nun eine Damenarmbanduhr, die sein lebhaftes Interesse geweckt habe. Der Uhrmacher, bei dem sie kürzlich die Uhr habe reparieren lassen, habe ihn auf die Spur dieses Kleinods geführt. Diese Patek Philippe aus Genf mit Berguetspirale, Rubinlager und gebläuten Vogelaugenzeigern habe seine Begehrlichkeit geweckt, schwärmte Minetti mit dem Eifer des versierten Sammlers. Er scheue also keine Mühe, um in den Besitz dieser Kostbarkeit zu kommen. Er gedenke, ihr ein so gutes Angebot zu machen, dass sie einfach nicht ablehnen könne. Überrascht blickte Karen auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Sie stammte von ihrer Urgroßmutter und war ein Familienerbstück. Karen hatte sie zu ihrer Firmung bekommen und sie am Ende des Festtages sofort wieder ablegen müssen. Sie hatte die Uhr nie besonders gemocht, fand sie altmodisch, verglichen mit den farbenfrohen Modellen ihrer Freundinnen. Erst viel später hatte sie sie schätzen gelernt. Das Angebot Minettis ärgerte sie. Was dachte sich dieser Mensch eigentlich? Dass mit Geld alles machbar sei?
„Das ist ein Familienerbstück, davon trennt man sich nicht ohne Not! Geld ist nicht alles im Leben, verstehen Sie?“
Herausfordernd starrte sie Minetti an. Der war von ihrer Ablehnung keineswegs beeindruckt, nannte ihr mit einem feinen Lächeln den Preis und bot ihr einen Monat Bedenkzeit. Die Höhe des Angebots verursachte Karen leichten Schwindel und der Protest blieb ihr im Halse stecken. Zum Abschied schenkte ihr der Dottore noch ein kleines Buch, Das Fräulein von Scuderi, als Entscheidungshilfe, wie er sagte.
Am nächsten Morgen schrillte die Türglocke erneut und Karen öffnete widerwillig. Sie hatte wenig geschlafen und gar keine Lust, Besuch zu empfangen. Thomas Kamprath stand in der Tür und bat, sie sprechen zu dürfen. Er legte Das Fräulein von Scuderi vor sie auf den Tisch, fragte mit rauer Stimme, ob auch sie vom Dottore mit dieser Lektüre beschenkt worden sei, und ob sie die Geschichte kenne. Es sei ein Kriminalroman, in dem ein begnadeter Juwelier sich nicht von seinen Werken trennen wolle und könne. Wann immer er ein Stück verkaufen müsse, hole er es sich zurück, auch um den Preis eines Menschenlebens. Karen zog scharf die Luft ein und starrte Kamprath entsetzt an. „Und Sie haben auch …? Sie mussten ihm auch eine Uhr verkaufen?“
Er nickte bedächtig.
„Die Taschenuhr meines Großvaters. Ich habe es nach reiflicher Überlegung für klüger gehalten, auf das Geschäft einzugehen. Jetzt allerdings weiß ich, dass es noch eine dritte Möglichkeit gegeben hätte, und darüber wollte ich mit Ihnen reden, damit wenigstens Sie noch davon profitieren können.“
Einen Monat später war Karen wieder zum Tee bei Dottore Minetti. Schnell war das Geschäft abgewickelt, und Minettis Augen ruhten verzückt auf der Uhr. Karens Wangen brannten, als sie den Scheck entgegennahm. Zu Hause erwartete sie Thomas mit einer Flasche Champagner und einem Päckchen. Lächelnd legte er ihr eine Uhr um das Handgelenk und küsste sie zärtlich.
„Ich bin Minetti wirklich sehr dankbar, denn durch ihn haben wir uns kennengelernt, und als er auch dir mit der Scuderi drohte, war das die Herausforderung, die ich brauchte, um mich mit ihm zu messen.“
Selbstzufrieden strich sich Thomas über die Stoppelhaare. Es war seine Idee gewesen, eine Dublette der Uhr fertigen zu lassen, und er hatte auch den Uhrmacher ausfindig gemacht, der den Plan so hervorragend verwirklichte. Sogar der winzige Kratzer am unteren Glasrand fehlte nicht. Karen lächelte und dankte Thomas mit einem leidenschaftlichen Kuss.
Ihrem Geheimnis würde hoffentlich keiner der beiden je auf die Spur kommen. Sie hatte die beiden Uhren völlig identisch verpackt und sie dann in einem Tuch durcheinandergewirbelt. Das Schicksal sollte entscheiden, wem das Original zustand. Das war sie ihrem Gewissen und Minettis Scheck schuldig.
Sie hatte ihn nur wenige Male gesehen, aber von Anfang an flößte er ihr Angst ein. Das war nichts Ungewöhnliches, vieles in ihrem Leben löste Ängste aus. Seit ihrer Kindheit waren Ängste ihre treuen Begleiter. Sie kannte es nicht anders, schließlich – sie war darauf vorbereitet worden: Immer und immer wieder hatte sie Sätze gehört wie: Das Leben ist hart, im Leben bekommt man nichts geschenkt, gute Freunde passen in einen Fingerhut. Der Start in ihr Erwachsenenleben bestätigte diese Prophezeiungen hinreichend. Nach mehreren gescheiterten Beziehungen lebte sie alleine, beruflich standen die Dinge zwar gut, aber das, was man ein glückliches, erfülltes Leben nennt, hatte Jule noch nicht für sich entdeckt. In letzter Zeit meldeten sich ihre Ängste zurück. Vehement dominierten sie ihr Leben und auch die Sitzungen beim Therapeuten änderten bislang nichts daran.
An diesem grauen Samstagmorgen im Januar hatte sie den heroischen Entschluss gefasst, ihren Ängsten zu begegnen. Ihr Therapeut hatte ihr diese Aufgabe gestellt und sie war entschlossen, nicht länger zu kneifen. Sie atmete tief aus, griff sich ihre Joggingschuhe und machte sich auf den Weg. Nachdem sie ihm zwei Mal begegnet war, hatte sie seinetwegen auf den geliebten Lauf am zeitigen Morgen verzichtet.
Er hatte ein ungepflegtes Äußeres, struppiges Haar und – sie bemerkte es, als er sich ihr näherte – einen etwas strengen Körpergeruch. Sie dachte ungern zurück an diesen Moment, Schweiß stand ihr auf der Stirn, das Herz raste und ihr Gehirn war so blockiert, dass es nicht einmal den lebensrettenden Befehl zum Davonlaufen auslöste. Er musterte sie kurz und drehte dann ab, vielleicht war es das Auftauchen der Müllmänner, die am frühen Morgen ihrer Arbeit nachgingen, was ihn bewog, zu gehen. Wie lange es dauerte, bis ihre Beine wieder die Arbeit aufnahmen und sie nach Hause brachten, hatte sie nicht mehr sagen können. An das Pfefferspray in ihrer Tasche hatte sie keine Sekunde lang gedacht.
Es dämmerte gerade, als sie loslief. Der Januar und der ganze bisherige Winter waren kein bisschen winterlich gewesen und auch heute war es so warm, dass sie schon bald die Mütze auf dem Kopf als lästig empfand und sie herunterriss. Sie hatte die Wohnblocks hinter sich gelassen und war in die kleine Gasse eingebogen, die leicht abschüssig, hinunter zum Fluss führte. Ihre Ohren waren mit dem Kopfhörer ihres I-Pad verstöpselt und Bruno Mars schmeichelte Marry You in ihr Ohr. Wahrscheinlich deshalb bemerkte sie nicht gleich, dass er ihr folgte. Als sie es bemerkte, setzten die sattsam bekannten Mechanismen ein: Ihr Herzschlag vervielfältigte sich, in ihren Ohren begann es zu dröhnen und eine Hitzewelle nach der anderen durchflutete ihren Körper. Sie zog das Tempo an, lief schneller, obwohl ihre Beine nicht mehr zu funktionieren schienen. Ihr Atem ging stoßweise, war kurz und flach. Vergessen die Anweisungen des Therapeuten.
Kurz vor dem Erreichen des Ufers stolperte sie und fiel hin. Sie registrierte kurz einen Schmerz am Knie, von dem sie sofort abgelenkt wurde. Er war direkt vor ihr, schien sie kurz zu mustern und stürzte sich auf sie. Sie versuchte, sich unter ihm wegzudrehen, aber er schleckte ihr mit der Zunge quer übers Gesicht, setzte sich dann auf seine Hinterbeine und winselte leise. Dann bückte er sich, nahm etwas vom Boden auf, um es gleich darauf wieder auszuspucken. Jule blinzelte heftig und wischte sich übers Gesicht. Vor ihr lag ein alter, leicht vermoderter Knochen. Der Hund winselte lauter, machte mehrfach den halbherzigen Versuch aufzustehen, ließ sich aber immer sofort wieder auf seine Hinterbeine fallen und begann aufmunternd zu bellen.
Als er sah, dass Jule bei jedem Laut zusammenzuckte, ließ er es und verfiel stattdessen wieder in ein Winseln. Es klang besänftigend, beruhigend. Langsam erfasste Jule die Situation: Dieser Hund wollte ihr nichts Böses, das war sicher. Der Knochen war offensichtlich so etwas wie ein Gastgeschenk, ein Freundschaftsantrag, um mit der Sprache von Facebook zu reden. Vorsichtig, ganz vorsichtig, wie es Jule schien, näherte sich seine Nase ihrem Gesicht von Neuem. Sie hielt still, ängstlich noch, aber nicht mehr in Panik. Erneut schleckte er ihr liebevoll das Gesicht. Jule drehte das Gesicht weg.
„Pfui!“ Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen energischen Ton zu geben, was offensichtlich auch gelang, denn er hörte sofort auf zu schlecken. Stattdessen schob er seinen Kopf energisch in ihre Armbeuge, während sein Schwanz mit hoher Frequenz hin und her wedelte. Jule war erleichtert und gerührt. Womit hatte sie sich die Zuneigung dieses Streuners verdient? Vorsichtig begann sie, ihm über den struppigen Kopf zu streicheln. Ja, ein Streuner war er, das konnte sie leicht sehen. Nicht nur der strenge Körpergeruch ließ auf mangelnde Pflege schließen, dem Fell fehlte auch der Glanz und seine Knochen hoben sich konturenscharf darunter hervor. Jules Liebkosungen schienen ihm zu behagen, er seufzte tief auf und verdrehte die Augen und ließ seine Zunge aus dem Maul hängen. Die Lefzen schoben sich seitlich nach hinten, so dass ein dümmlich wirkendes Grinsen in seinem Gesicht stand. Jule musste lachen. Charme hatte der Bursche, ohne Frage. Sie rappelte sich auf und machte sich auf den Rückweg. Erleichterung machte sich breit, erfasste auch die kleinste Zelle ihres Körpers. Sie fühlte sich entspannt, heiter und – stolz, dieses Abenteuer bestanden zu haben. Gefühle, die sie schon lange nicht mehr empfunden hatte. Der Hund umkreiste sie schwanzwedelnd, und erst kurz vor ihrem Zuhause wurde ihr bewusst, dass er offensichtlich entschlossen war, sie nicht mehr zu verlassen.
„He, ich kann dich nicht mitnehmen. Geh nach Hause! Du brauchst jemand, der sich um dich kümmert, mit dir läuft, mit dir schmust, sich mit dir freut. Jemand, wie …“, jemand wie mich!, schoss es ihr durch den Kopf, und sofort, nachdem sie diesen Gedanken bewusst wahrgenommen hatte, stemmte sich alles in ihr dagegen. Wie sollte das funktionieren? Wahrscheinlich hatte er doch irgendein Zuhause und einen Besitzer, auch wenn sein Äußeres nicht den Anschein erweckte. Ihre Ratlosigkeit weckte Ärger.
„Los, hau ab!“ Mit einer weit ausladenden Geste ihres Armes unterstrich sie ihren Befehl. Der Hund, irritiert durch die Schärfe in ihrer Stimme, wich drei Schritte zurück, setzte sich und hielt den Kopf schief, das Gesicht in gespannter Aufmerksamkeit.
„Du kannst nicht, verstehst du nicht … es geht nicht …“ Bei jedem ihrer Worte drehte er den Kopf, mal nach rechts, mal nach links und seine Augen signalisierten kluges Verständnis.
„Mach dir doch nicht so viele Gedanken! Ich bleib einfach mal bei dir, alles andere findet sich!“ Jule war sich ganz sicher, genau dieser Satz stand in seinem Gesicht, begleitet durch den schelmischen Gesichtsausdruck, der wohl bedeutete: Na los, du Spaßbremse, entspann dich! Zusammen werden wir uns amüsieren! Es war so entwaffnend, dass sie kapitulierte.
Nachdem sie zusammen gefrühstückt hatten, unterzog sie ihn einer gründlichen Säuberung, die er geduldig ertrug. Seufzend ließ er sich auf die bereitgelegte Decke fallen, atmete tief aus und schnarchte bald schon leise vor sich hin. Jule beobachtete ihn fasziniert. Das war die hohe Schule der Entspannung! Dieser Hund brauchte keine Meditations- und Entspannungskurse, nein, der hatte das noch in den Genen.
Einsame Läufe durch die Dämmerung waren Vergangenheit. Der Hund war ihr treuer Begleiter. Ihren Therapeuten hat Jule nur noch einmal aufgesucht: zum Abschiedsbesuch. Während er Jules selbst gebackenen Schokoladenkuchen aß, lauschte er aufmerksam ihrer Geschichte.
„Und, wie heißt mein erfolgreicher Kollege?“
„Kafka, er heißt Kafka“, gestand Jule, verlegen lächelnd. Der Name ist mir eingefallen, weil …“
„Ich kann es mir denken“, fiel er ihr ins Wort. „Die Verwandlung, das ist doch eines von Kafkas berühmten Werken, richtig? Genau das hat der Hund doch bewirkt!“ Er stockte einen Moment, lächelte dann und fuhr fort: „Wenn auch mit einem anderen Ergebnis als bei Kafka, gottlob!“
Jule grinste breit. „Ja“, bestätigte sie nickend, „ein anderes Ergebnis, aber genauso umwälzend!“
Sagen Sie, wäre das nicht der Augenblick?
Welcher Augenblick?
Der, in dem Sie mich küssen!
Dialog zwischen Charlotte Buff und J. W. v. Goethe aus dem Film Goethe! von Philipp Stölzl
Wäre das also nicht der Augenblick?
Welcher Augenblick?
Der, um von Herzensangelegenheiten zu erzählen.
Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. Nach einigen heftigen Zügen an der Zigarette warf er sie angewidert auf die Gleise.
„Seltsam“, ging es ihm durch den Kopf, „eine Woche ohne Zigaretten und schon schmecken sie mir nicht mehr.“ Sie
