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Ob beim Joggen, im Spaßbad, auf dem Weg zur Kita, auf der Autobahn oder im öffentlichen Nahverkehr: Der Alltag schreibt die absurdesten Geschichten. Als Vater, Erzieher oder einfach als Stadtbewohner sauge ich alles Mögliche auf und bastle daraus meine Texte. Alltagskrämpfe – das sind Mini-Geschichten zwischen Fantasie und Realität. Für Erwachsene.
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Seitenzahl: 82
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Matthias Gammrath
Alltagskrämpfe
Ein Familienvater / Stadtmensch / Erzieher erzählt
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Neulich beim Joggen
Generationsbrücke
Aus dem Alltag eines Neuköllner Erziehers
Beziehungskrieg auf der A13
Der steinige Weg
Obacht mit dem Radl!
Im Nebel (nicht von Hermann Hesse)
Wir Rentner vom Hörsingsteig
Obst-Laster
Elternabend
Einen Tag Wahrheit
Einen Tag Freiheit
Mit den Öffentlichen
Neulich im Spaßbad
Traumhaft
Im Hier und Jetzt
Krank im Bett
Auf dem Spielplatz
60 Liter
Bärenhunger
Menschenskind
Ein freundlicher Adler
Sonntagsfrühstück
Morgens und abends
Kasse 3
Kasse 4
Nackt in der U7
Seitensprung und Paprika
Alltagskrämpfe
Impressum neobooks
Als ich neulich, in vierteljährlicher Regelmäßigkeit, in meine Laufschuhe glitt und in den städtischen Park startete, wurde mir erneut klar, wie sehr auch das Joggen ein ganz eigener Kosmos mit eigenen Regeln, Rangordnungen und Riten ist: Sobald man die Haustür verlässt und das Hirn von Gehen auf Laufen umschaltet, taucht man ein in diesen Urkosmos und alles andere wird bedeutungslos: Rasende Rentner, kiffende Kleinkinder, fickende Frösche, (alarmierend alberne Alliterationssucher) – den Jogger interessiert das alles nicht. Der beschleunigte Rhythmus verwandelt ihn in ein Sportwesen, dessen Gedanken sich nur noch um die neugewonnene ureigene Bestimmung drehen. Sofort beginnt das automatische Klassifizieren, ja Scannen, des noch relevanten sozialen Umfeldes.
Ich überhole einen Ü-85-Jährigen, dessen Hauptmotivation es zu sein scheint, dem Tod noch einmal von der Schippe zu joggen. Man möchte ihn bremsen. Man möchte ihn betten. Man möchte ihn zu einer Runde Schach und weichen Buttercookies zwingen. Im Vorbeilaufen nicke ich ihm freundlich zu und frage mich, ob meine Gedanken auf pure Nächstenliebe oder eher auf die Angst einer erforderlichen Erste-Hilfe-Leistung zurückzuführen sind.
Wie auch immer: Weiter geht's. Erste heftige Herz- und Lungenstiche stellen sich ein und verdeutlichen mir den geringen Grad meiner Fitness. Eine Horde Jogger-Pros kommt mir entgegen. Perfekt anmutende Gestalten, deren Knochen und Gelenke sich evolutionär zu Sprungfedern und Stoßdämpfern weiterentwickelt haben. Ohne mich wahrzunehmen, gleiten die Sporthybriden an mir vorbei. Kein Wunder, denn auch der Mikrokosmos ist eine Welt mit klaren Hierarchien, in der meine Gruppe nun mal ganz unten rangiert. Ich gehöre nämlich eindeutig zu den Quartalsläufern, die selbst nicht wirklich daran glauben, dass sie jemals zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft aufsteigen – also: dass sie das Ganze regelmäßig durchziehen werden. Von Selbstzweifeln und Atemnot zerfressen peitschen wir unsere unfitten, in unpassende Kleidung (nicht atmungsaktiv!) gehüllten Körper mit verzerrter Mimik durch den Kosmos.
Ich passiere einen Spielplatz. Ein etwa Mitte vierzigjähriger Vater (Marke 'Körnerfresser, ich bin der Geilste und Lockerste und meine grauen Locken sind super sexy') joggt los (betritt den Kosmos) und lässt seine zwei Kinder, wie eine Schildkröte ihre Eier am Strand, schutzlos zurück. "Erna (2 1/2), pass mal kurz auf Emil (1 1/2) auf. Ich jogge nur kurz um den Spielplatz" (10 Kilometer).
Meine Haut beginnt unangenehm zu jucken, Schleim bildet sich im Rachen und an den Mundwinkeln. Atemnot stellt sich ein. Neben der Skateranlage überhole ich ein paar Walker. Walker, egal ob mit Stöcken, Gewichten oder ohne alles, sind aus Joggerperspektive niederklassige Geschöpfe am unteren Rand des Kosmos'. Sie rangieren noch weit unter den Quartalsläufern und werden als die Unberührbaren bestenfalls geduldet. Aus Angst ihren Gelenken und Knien zu schaden, bewegen sie sich irgendwo zwischen spazieren gehen und 'ich hab's etwas eilig'. Natürlich gibt's auch noch die 'ich jogge und gehe dabei mit meinem Hund Gassi'- Gruppe. Aber wen interessieren diese Penner? Meine Lunge explodiert, wenn ich so weiter mache, meine Haut verbrennt und meine Luftröhre lässt mich glauben, ich hätte Mukoviszidose im Endstadium. Ich verlasse den Kosmos vorzeitig und gehe schnaufend nach Hause. 'Scheiß Jogger', denke ich und kaufe mir ein Radler.
"Äh, hallo?! Was wird das denn jetzt?", rufe ich dem Grundschulkumpel meines Sohnes in väterlich, ätzender Stimmlage zu, während dieser gerade seine PS4 mit der Selbstverständlichkeit eines Steine schleppenden Bauarbeiters in mein Zimmer trägt. "Na wir zocken Fortnite."
"Aber wir haben doch eine PS4 im Wohnzimmer. Spielt doch einfach da", sage ich genervt. "Wir wollen aber online zocken. Das geht nicht an einer Playstation." Während ich ihn fassungslos anglotze, sucht mein Hippocampus automatisch nach vergleichbaren Zockerlebnissen aus der Kindheit. Im Bruchteil einer Sekunde werden passende Datensätze gefunden, mit der vorliegenden Situation verglichen und als nicht kompatibel bewertet. Sofort veranlasst mein Hirn die entsprechende Verbalisierung: "Was ist das denn für ein Schwachsinn?!"
In den Neunzigern als Nintendo- und Sega-Kind mit einem Kumpel zocken hieß: kabelgebunden, nebeneinander, mit Chips und Cola auf einen Bildschirm glotzen. "Dann geh' doch einfach nach Hause, wenn ihr sowieso in zwei Zimmern hockt", sage ich (meinen wohl sortierten medialen Entertainmentbereich schützend). Sichtlich geknickt packt er seine Konsole wieder in den kleinen Rucksack und hält mich sicher für ein Riesenarschloch. Ich mich auch. Aber andererseits: Was fällt ihm ein, einfach in mein Zimmer zu marschieren?
Ein erneuter Hippocampus-Scan zum Thema ZU BESUCH BEI GRUNDSCHULFREUNDEN ergibt zahlreiche Treffer:
Brav Hände waschen, am Tisch leise aufessen (auch wenn es komisch schmeckt) und dann so etwas Wohlerzogenes wie "War sehr lecker Frau XY" sagen, im Kinderzimmer spielen (im Rest der Wohnung nur in besonderen Fällen und mit größtem Respekt vor den Eltern). Und was ist das hier?! Wenn ich von der Arbeit komme, finde ich regelmäßig halbe Klassentreffen vor. Alle fressen Nudeln mit Pesto, hören frauenfeindliche Deutschrap-Songs in furchtbarer Handyqualität und grölen mit ihren Stimmbrüchen um die Wette. Vergleichbares nannte man bei uns eine Party – heute: Schulschluss. 'Ich sollte dringend an meiner Autorität arbeiten und für Zucht und Ordnung sorgen', denke ich, während ich die mit Pesto beschmierten Teller wegräume.
Warum zum Teufel hat mich eigentlich kein Mensch darüber aufgeklärt, dass sich niedliche Kinder irgendwann, still und heimlich, in stinkende Alien-Freaks verwandeln. Am Anfang erklären sie einem alles – wie man sie wickelt, wie man sie badet, wie man sie stillt. Babys sind ja sowieso das Beliebteste und Interessanteste für alle. Und dann? Dann werfen sie dich ins kalte Planschbecken. Wo sind sie nun, die Experten? Die Windel hätte ich auch noch alleine anbekommen. Schönen Dank für nix!
Wo ist überhaupt das Kindliche dieser elfjährigen Wesen auf einmal hin? Ich habe mit zwölf noch violette Mickey Mouse-Pullis getragen – an besonders krassen Tagen auch mal grüne mit Dinos. Die von Nike und Gucci gesponserte Gesellschaft in meiner Küche scheint die letzten kindlichen Züge irgendwann zwischen dem trocken werden und dem ersten Vokabeltest abgelegt zu haben. You are somebody's reason to masturbate, steht auf dem Handspiegel einer Klassenkameradin, die sich gerade nochmal nachschminkt.
'Ist doch alles nicht wahr', denke ich und gucke mir ein Fotoalbum aus der guten alten Zeit an.
Am nächsten Tag versuche ich's mit einem Strategiewechsel: Generationsbrücke. Ich krame mein altes Super Nintendo aus dem Schrank und lande damit überraschend einen Volltreffer bei den Halbstarken. "Voll verbuggt die Grafik!", rufen sie fasziniert. "Alter, voll antik."
Im Auftrag der Bildung geht es mit den lieben Kleinen heute in die Bücherei. Der Trolley ist startklar, die Zweierreihen gebildet. Alles bereit zum Losgehen. "Bist du so lieb und bringst aufm Rückweg noch Wurst mit von Penny? Fürs Frühstück morgen", ruft mir eine Kollegin hinterher.
"Äh, okay. Mach ich."
"Aber nur 'Muh', kein 'Oink', ja?"
"Halal-Muh?", frage ich. "Ach, was weiß ich denn", sagt sie.
Halal-Muh, wabert es echoartig durch mein Hirn, während wir zur U-Bahn laufen.
In der Bücherei verläuft alles überraschend reibungslos. Jedes Kind hat sich ein Buch ausgesucht (Fußball und Pferde sind heute besonders hoch im Kurs) und ab geht's: zackig zurück in die Kita. Um zwölf gibt's Mittag und wer zu spät kommt, den bestraft der Küchen-Günther.
In der U-Bahn das übliche Prozedere:
"Nimm bitte die Schuhe vom Sitz. Da möchten auch andere Menschen drauf sitzen."
"Halt dich fest! Wenn die Bahn jetzt bremst, dann fliegst du hier quer durchs Abteil."
"Noch fünf Stationen, Kinder. Ja, genau. Eins, zwei, drei, vier, fünf."
"Der Rucksack bleibt bitte auf dem Rücken."
"Nächste Station steigen wir aus. Nächste Station."
"...12, 13, 14. Alle da."
Alles in allem ein ganz normaler Arbeitstag – ein paar Fusseln am Mund, ein paar graue Haare mehr. Aber was dann passiert, bringt mich an den Rand der Berufsfähigkeit: Wir steigen am U-Bahnhof aus und laufen Richtung Kita. Der Weg ist sehr schmal, es gibt kein links, kein rechts – kein Entkommen! Circa zehn Meter vor uns lässt ein etwa zweihundertjähriger Mann plötzlich seine Hosen herunter und geht leicht in die Hocke. Fassungslos laufen wir direkt auf sein Arschloch zu. Erst als er anfängt auf den Weg zu scheißen, bin ich wieder handlungsfähig und stelle mich schützend vor die Kindergruppe. Sofort machen wir kehrt und nehmen tagelange Umwege in Kauf. Wir wollen nur noch vergessen. Wir müssen vergessen. Irgendwann. Vielleicht.
Hektisch wie immer fahren wir endlich los und kommen mal wieder viel zu spät –diesmal geht es zum Picknick mit Freunden nach Brandenburg. Den Köter in seine Box, das spießige Proviantkörbchen in den Kofferraum und los. Um Haaresbreite verfehle ich beim Abbiegen den Außenspiegel eines parkenden Mercedes'. "Ahhh, pass doch auf!", schreit meine Freundin so laut, dass ich nur knapp einem Herzinfarkt entgehe.
"Sag mal, spinnst du? Schrei doch nicht so!"
"Du hättest eben fast den Spiegel abrasiert", sagt sie.
"Als Beifahrer darf man nicht so schreien. Du hast mich krass erschreckt", schimpfe ich und rase auf die Autobahn. "Ich habe seit vierzehn Jahren einen Führerschein und fahre keine Spiegel ab. Bei dir bin ich mir da nicht so sicher."
"Ich habe es doch genau gesehen. Es war übelst knapp und jetzt bist du einfach nur in deinem Stolz gekränkt!"
"Was bitte?!", schreie ich. "Halt doch einfach mal die Fresse!"
Ich schalte das Radio ein. Es läuft ein Walzer.
"Hör auf mich so zu beleidigen, du Arsch", sagt sie und schaltet das Radio wieder aus. Ich beschleunige und überhole einen Viehtransporter. Ich bin auf hundertachtzig!
