Alltagswunder - Stefanie Kulig - E-Book

Alltagswunder E-Book

Stefanie Kulig

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Beschreibung

Alltagswunder, die unser Leben ein klein wenig verändern, können jedem begegnen; meist, wenn man gar nicht damit rechnet. Genau so ergeht es den Protagonisten in diesen zwölf Kurzgeschichten, wenn sie bei einem Weihnachtseinkauf, bei einem spontanen Roadtrip oder auch beim Lesen eines alten Briefes auf die kleinen Wunder des täglichen Lebens stoßen.

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Seitenzahl: 63

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für meinen Opa Pit, der das Schreiben ebenso liebte wie ich

Inhaltsverzeichnis

Platz an der Sonne?

Der Brief

Durch die dunkle Gasse

Am Abgrund

Nebel

Weihnachtseinkauf

Dicke Luft

Zweifel

Schwere Trennung

Hilflos

Letzte Reise

Das blassblaue Leinenkleid

Platz an der Sonne?

In einem ruhigen und beschaulichen Dörfchen in Bayern wohnte Barbara in einem kleinen, gemütlichen Haus. Wegen ihres Jobs und einiger ehrenamtlicher Tätigkeiten war sie tagsüber nur sehr selten zu Hause.

Nach einem stressigen und arbeitsreichen Tag freute sie sich daher immer auf einen ruhigen Abend mit einem guten Buch oder vor dem Fernseher. Ihr liebstes Hobby war aber das Kochen, weshalb sie meist die erste Hälfte des Abends in der Küche verbrachte.

Beim Schneiden von Karotten, Zwiebeln oder Fleisch hatte sie durch ihr Küchenfenster immer einen guten Ausblick auf den Garten des Nachbarehepaars Boisenberg.

Im Gegensatz zu Barbara hatte das Ehepaar seinen ganzen Urlaub auf den Sommer gelegt und verbrachte jeden Tag im Garten. Neben den üblichen Tätigkeiten wie Rasenmähen oder Blumen gießen, sonnten sich die beiden die meiste Zeit in ihren Liegestühlen. Von Barbaras Küchenfenster aus hatte man genau diese beiden Liegestühle im Blick.

Seit Jahren standen sie jeden Sommer an derselben Stelle und so dicht nebeneinander, dass sich die Armlehnen der Stühle berührten. Barbara kannte ihre Nachbarn zwar kaum, da sie die meiste Zeit unterwegs war. Wenn sie abends aber in der Küche stand und auf die nun wieder leeren Liegestühle blickte, die sich zu berühren schienen, stellte sie sich die Boisenbergs als sehr glückliches Paar vor, das jede freie Minute miteinander teilte.

Jeden Abend blickte Barbara beim Kochen also aus dem Fenster und fragte sich, was ihre Nachbarn wohl den Tag über gemacht hatten. So verbrachte sie den ganzen Sommer über ihre Zeit, während sie sich ihr Abendessen zubereitete.

Eines Tages allerdings war etwas anders. Barbara stand wie immer in ihrer Küche und schaute in den Garten der Nachbarn. Eigentlich schien alles zu sein wie jeden Tag, aber Barbara bemerkte, dass etwas nicht stimmte.

Die Liegestühle standen nach wie vor an derselben Stelle. Allerdings hatte sich der Abstand zwischen den Armlehnen verändert. Es wäre bestimmt niemandem aufgefallen, aber Barbara, die täglich die dicht an dicht stehenden Armlehnen sah, bemerkte die Veränderung sofort. Sie konnte nicht genau sagen, ob die rechte oder die linke Liege ein Stück verrückt worden war, aber der Abstand der Armlehnen hatte sich definitiv um wenige Zentimeter vergrößert.

Immer wieder blickte Barbara nach draußen in den Garten der Boisenbergs um zu überprüfen, ob sie sich nicht doch geirrt hatte. Aber je öfter sie die Liegestühle sah, desto auffälliger wurde der Abstand. Sie hatte es sich also nicht eingebildet.

Diese unscheinbare Banalität beschäftigte Barbara nun die ganze Woche jeden Abend lang. Täglich kontrollierte sie die Liegestühle auf neue Veränderungen. Aber es blieb bei den paar Zentimetern Abstand. Zunächst fragte sie sich, warum die Liegen wohl auseinander geschoben worden waren. Störten sie beim Rasenmähen? Standen sie beim Bepflanzen der Blumentöpfe im Weg? War jemand aus Versehen daran angestoßen und niemand hatte gemerkt, dass eine Liege dadurch ein Stück bewegt worden war?

Einige Tage später beschloss Barbara, dass sie wegen einer solchen Nichtigkeit schon viel zu viel Zeit mit Nachdenken verbracht hatte. Daher zog sie in der Küche die Vorhänge zu, um die Liegen nicht mehr zu sehen.

In der nächsten Woche kam sie nach einem sehr langen und arbeitsintensiven Tag erschöpft nach Hause. Als sie die Post aus dem Briefkasten holte, entdeckte sie einen Paketschein. Darauf stand, dass ihr Päckchen bei den Boisenbergs abgegeben worden war. Also machte sich Barbara gleich auf den Weg zu ihren Nachbarn.

Als sie klingelte, dauerte es ein paar Minuten, bis Frau Boisenberg die Tür öffnete.

„Guten Abend Frau Boisenberg. Ich hoffe, ich störe Sie nicht. Ich wollte nur eben mein Paket abholen, das Sie netterweise für mich angenommen haben“, sagte Barbara und zeigte den Paketschein.

„Kein Problem“, erwiderte die Nachbarin knapp und verschwand kurz im Haus, um das Paket zu holen. Als sie es Barbara überreichte, bedankte diese sich höflich und wandte sich zum Gehen um.

„Warten Sie!“, rief ihr Frau Boisenberg noch hinterher und Barbara kam noch einmal zurück.

„Das ist mir jetzt sehr unangenehm, aber spätestens, wenn die Umzugswagen die Straße blockieren, werden Sie es erfahren. Nur, damit sie vorgewarnt sind…mein Mann zieht demnächst aus. Wir lassen uns scheiden.“

Frau Boisenbergs Stimme wurde zum Ende hin immer leiser, als würde sie ein Geheimnis ausplaudern. Barbara stand zunächst wie erstarrt da und drückte schließlich ihr Mitgefühl aus. Sie bot an, Frau Boisenberg in der kommenden Zeit bei allem zu unterstützen und verabschiedete sich dann.

Auf dem Weg nach Hause kamen ihr wieder die beiden Liegestühle und die plötzliche Distanz zwischen ihnen in den Sinn. Als sie wieder daheim war, ging sie sofort in die Küche und zog die Vorhänge auf, um nach längerer Zeit wieder aus dem Fenster in den Garten der Boisenbergs zu blicken.

Im Garten schien alles wie immer, aber eine Sache hatte sich verändert. Jetzt stand dort nur noch ein Liegestuhl.

Der Brief

Seitdem ihr Vater vor zwei Jahren an einer langen, schweren Krankheit gestorben war, verbrachte Laura nicht nur die Weihnachtsfeiertage in ihrem Elternhaus, sondern auch schon die letzten Tage vor Heilig Abend. Auch dieses Jahr besuchte die 24-Jährige ihre Mutter schon eine Woche vor Weihnachten und half ihr bei den letzten Vorbereitungen für das große Fest.

„Jetzt fehlen uns nur noch der Christbaumschmuck und die Weihnachtssterne vom Dachboden“, stellte Lauras Mutter mit Blick auf den soeben aufgestellten Weihnachtsbaum fest.

„Kein Problem, den Schmuck kann ich schnell holen“, entgegnete Laura und ging die Treppen in den ersten Stock hinauf.

Als sie an der Schnur der Luke zum Dachboden anzog, öffnete sich diese quietschend und die Auszugtreppe wurde ausgefahren. Langsam kletterte Laura die leicht verstaubten Stufen hinauf. Als sie oben ankam, wurde sie gleich von ihren Kindheitserinnerungen eingeholt.

Sofort entdeckte sie zwischen den vielen verstauten Gegenständen ihren alten Puppenwagen. Vorsichtig strich sie über den Stoff des alten Spielzeugs und lächelte gedankenverloren. Schließlich blickte sie sich im Raum um und merkte schnell, dass es eine Herausforderung werden würde, den Schmuck zu finden.

Langsam und vorsichtig arbeitete sie sich zwischen den alten Möbeln, Spielsachen und Reisekoffern vor. In einer der hinteren Ecken konnte Laura einen Kleiderständer mit alten Kleidungsstücken ihrer Mutter entdecken.

Als junges Mädchen hatte sie viele Nachmittage damit verbracht, die Bekleidung ihrer Mutter anzuprobieren und sich vorzustellen, wie es wohl wäre, eine feine Dame zu sein. Bei dem Gedanken daran musste Laura unwillkürlich auflachen. Amüsiert musterte sie noch einmal die einzelnen Kleider, Blusen und Röcke, die sie zuletzt vor vielen Jahren getragen hatte.

Gerade wollte Laura auf der anderen Seite des Raumes weiter nach dem Weihnachtsschmuck suchen, als sie in der Ecke hinter dem Kleiderständer einen alten Koffer erspähte. Dieser war aus dunkelbraunem Leder, der mit einer goldfarbenen Schließe und zahlreichen Beschlägen versehen war. Auf seiner Oberseite befand sich eine dicke Schicht Staub, die darauf schließen ließ, dass der Koffer schon eine lange Zeit unberührt auf dem Dachboden stand.

Neugierig zog Laura ihn ganz vorsichtig aus der Ecke heraus und pustete erst einmal die Staubschicht weg. Dann legte sie ihn vor sich auf den Boden und setzte sich im Schneidersitz davor. Laura befürchtete, dass der Koffer verschlossen sein würde, aber er ließ sich widerstandslos öffnen. Gespannt blickte sie hinein, war aber beim Anblick weiterer Teile der Garderobe ihrer Mutter enttäuscht.