Almost a Fairy Tale - Verwunschen (Almost a Fairy Tale, Bd. 1) - Mara Lang - E-Book
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Almost a Fairy Tale - Verwunschen (Almost a Fairy Tale, Bd. 1) E-Book

Mara Lang

3,5

Beschreibung

Fantasy mit Spannung, Action und Romantik in einer dystopischen Märchenwelt Die 17-jährige Natalie lebt in einer modernen Märchenwelt, in der Magie festen Regeln unterworfen ist und nach höchstem technischen Standard funktioniert. Dennoch gibt es hier alles, was die Herzen höher schlagen lässt: Schlösser, Einhörner, Riesen - und Prinzen, in die man sich verlieben kann. Doch genau das wird Natalie zum Verhängnis. Denn um dem Prinzen Kilian in einer Gefahrensituation beizustehen, verwendet sie unerlaubterweise Magie und löst damit eine Katastrophe aus. Ein Riese bricht aus dem Zoo aus und verwüstet die halbe Stadt. Und das ist nur Anfang. Bald begehrt das magische Volk überall auf und ehe sich's Natalie versieht, verliert sie alles, was ihr lieb und teuer ist. Sie muss erkennen, dass der Grat zwischen Gut und Böse sehr schmal ist, und sich entscheiden, auf wessen Seite sie sich schlägt ...

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Über das Buch

Aeromobile, Sicherheitsdrohnen und »Tischlein Deck Dich«-Fastfood-Ketten: Die junge Magische Natalie lebt in einer modernen Märchenwelt, die nach höchstem technischen Standard funktioniert. Und auch wenn es Schlösser, Einhörner, Riesen – und Prinzen – gibt, ist alles Magische festen Regeln unterworfen.

Als Natalie ihr Herz an Prinz Kilian verliert und ihm in einer brenzligen Situation helfen will, benutzt sie verbotenerweise Magie. Damit bringt sie einen Stein ins Rollen, der nicht nur ihr Leben aus den Fugen geraten, sondern auch die Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern lässt …

Inhalt

Über das Buch

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Teil II

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Teil III

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Teil IV

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Nachwort und Dank

Über die Autorin

1

Eine Drachenlady? Sie sah sich schon auf ihrem Drachen zwischen den Wolkenkratzern in die Lüfte aufsteigen, die Hände in die schimmernde Schuppenhaut gekrallt, mit wallendem Haar, flatterndem Kleid …

Interessante Vorstellung. Natalie lächelte gezwungen. »Das kann nicht dein Ernst sein, Jolly. Ich habe eine Verabredung und gehe nicht auf eine Faschingsparty.«

Ungerührt zuckte Jolly mit den Schultern. »Vielleicht gefällt dir ja was anderes. Ich nehme Vorschläge entgegen.«

Natalie betrachtete die großformatigen Hochglanzplakate an den Wänden, alles magisch gestylte Models. Bei den Kreationen blieb einem die Spucke weg, das musste sie zugeben, doch keine davon konnte sie sich für ihr eigenes Styling vorstellen. Überhaupt war sie nur hier, weil sie eine Wette verloren hatte.

»Pastelltöne vielleicht?«, schlug Olga, die Inhaberin des Studios, vor. Sie hatte einen typischen Schlafzimmerblick und genauso sprach sie: leise, weich, langsam. Niemand hätte in ihr eine Hexe vermutet. Dass sie eine war, stand außer Frage. Natalie spürte das Aufwallen der Magie ganz deutlich, als Olga etwas Pulver in die Luft stäubte und einen Zauberspruch murmelte. Unmittelbar darauf erglühte ihr blonder Bubikopf in Puderrosa. »Oder gespenstisches Weiß? Ein leuchtender Regenbogenlook?«

Irritiert verfolgte Natalie, wie Olga erneut die Magie anzapfte. Ein winziger, silbriger Funken sprang von der magischen Ader, die sich quer durch den Raum erstreckte, auf das Pulver über und aktivierte den Zauber. Olgas Haar färbte sich weiß, danach präsentierte sie einen schillernden Farbmix. Jolly klatschte begeistert in die Hände.

Natalie konzentrierte sich wieder auf die Glasröhrchen mit dem Haarpulver. Gut fünfzig befanden sich in der Metallkassette, und dazu gab es die jeweils gefärbte Haarsträhne zur Ansicht. Mitternachtsblau, schimmerndes Perlmutt, Orange …

Wie die Farben wohl an ihr aussähen? Ihr Haar war schneewittchenschwarz, wie es Jolly, mit ihrem Faible für magische Geschichte, so gern formulierte. Sie trug es schulterlang gestuft und meistens nervte es sie, weil es ihr ins Gesicht hing, aber es gehörte zu ihr, genau wie das Muttermal über ihrem Mundwinkel und das Grübchen am Kinn.

»Für den Drachenladylook wäre Grün ideal«, meinte Olga und führte die Farbe auch gleich vor.

Oh Hölle! Nein, als Eidechse oder Nymphe verkleidet würde sie Kilian keinesfalls unter die Augen treten. »Lass uns die Wette ein anderes Mal einlösen«, versuchte sie ihre Freundin umzustimmen.

Unbarmherzig schüttelte Jolly den Kopf. »Gewonnen ist gewonnen.«

Hätte sie sich bloß nicht darauf eingelassen. Zu wetten, dass der Junge, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte, sie nie im Leben innerhalb einer Woche einladen würde, war der erste Fehler gewesen. Jolly hingegen hatte Kilians Interesse an Natalie richtig eingeschätzt. Das wirklich Schlimme war der Wetteinsatz – das Hexenstyling.

»Warum dann ich? Lass du dich stylen, Jolly!«

»Natalie Amalia Windersom, du weißt, dass ich das nicht darf. Meine Eltern bekämen die Krise. Du kennst meinen Vater doch. Außerdem«, sie senkte die Stimme, »ist das eine gute Gelegenheit, um auf euer Problem zu sprechen zu kommen.«

»Wir haben absolut kein Problem«, entrüstete sich Natalie. Schön, sie hatte Kilian vorenthalten, dass sie kein Mensch war, aber Jolly übertrieb maßlos.

»Okay. Wann willst du das Thema anschneiden? Vor oder nach dem ersten Kuss? Ich kann dich schon hören: ›Du küsst wahnsinnig toll, Kilian! Ach, übrigens, ich bin eine Hexe.‹«

»Na und? Was ist schon dabei?«

»Kilian arbeitet für die Organisation, wie dir kaum entgangen sein dürfte. Nebenbei ist er ein Prinz. Das könnte ihn in einen klitzekleinen Interessenskonflikt stürzen.«

Olga pfiff leise durch die Zähne. »Etwa der Prinz Kilian? Du willst den Nachfahren der ältesten Königsdynastie Europas aufreißen?«

»Prinz Kilian von Nauders, genau der«, bestätigte Jolly mit einem Nicken. »Sie muss ihn nicht aufreißen, sie hat ihn längst an der Angel. Die zwei schreiben sich in einem fort Herzchen- und Küsschennachrichten. Das Einzige, was dem jungen Glück im Wege steht, ist die Tatsache, dass sie …«

»Also echt, Jolly!«, unterbrach Natalie ihre Freundin. Manchmal könnte ich sie auf den Mond schießen!

»… dass sie eine Magische ist und er ein verdammter Agent«, beendete Olga den Satz, wobei sie die Hologramme auf ihren Nägeln durch einen Zauber aktivierte. Zehn 3D-Feen stiegen empor und bekundeten ihre Empörung mit einem Aufschrei.

Jolly begutachtete sie entzückt. »Sind die niedlich! So was brauchst du, Nat. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.«

Blödsinn! Jeder konnte sich ein solches Styling verpassen lassen, es sagte absolut nichts aus. Gut, sie war eine Angehörige des Magischen Volkes, eine Magische. Zwar zählte sie zu den menschlichen Magischen und besaß sogar die A-Klassifikation, doch es gab einen wesentlichen Unterschied zu reinen Menschen: In ihrem Blut ließen sich Magyära nachweisen, Symbionten, die ihr die Fähigkeit verliehen, Magie zu nutzen. Theoretisch. Denn mit einem A galt sie als Mensch, sie lebte wie ein Mensch, sie fühlte sich auch so. Und da die meisten Menschen nun mal mit Magie nichts anfangen konnten, verzichtete man mit einem A grundsätzlich aufs Zaubern.

Sinnlos jedenfalls, weiter darüber zu diskutieren. Wenn Jolly sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war sie vernünftigen Argumenten gegenüber uneinsichtig. Um ihrer Freundschaft willen würde Natalie zu ihrer Verabredung also mit einer neuen Haarfarbe, magischem Make-up und Holonägeln erscheinen. Sie konnte nur hoffen, dass Kilian nicht sofort Reißaus nahm.

»Na schön. Jolly, such was aus.«

»Echt? Egal, was?«

»Egal, was. Bloß kein Grün, ja?«

Jolly jauchzte. »Die Drachenlady also. Dann nehmen wir eine Kombination aus Türkis und Violett für die Haare und dazu Gold, das Gold aber nur an den Spitzen. Außerdem ein Kunst-Make-up auf Augen und Lippen. Die Nägel unbedingt mit Hololack, vielleicht animierte Drachen, die Feuer speien …«

An diesem Punkt stieg Natalie aus. Ihr Blick schweifte über die fliederfarbenen Stühle des Studios und aus dem Schaufenster. Die Fußgängerzone war belebt, aber keiner der Passanten fand den Weg in den Laden, ungeachtet des spiegelverkehrten Schriftzugs auf der Scheibe: MagicStyleIn by Olga – Mitrans erste Adresse in Sachen Styling. Ob Olga ihre Lizenz erst kürzlich erworben hatte? Es dauerte Monate, bis der Antrag von der OMB, der Organisation für magische Belange, geprüft und bewilligt wurde, und sie wirkte kaum älter als Natalie.

»Nat? Natalie!« Jolly wedelte mit beiden Händen vor ihrem Gesicht herum. »Bist du bereit?«

Natalie warfeinen Blick aufden Bildschirm, wo ein computeranimiertes Foto ihren magischen Look präsentierte. »Wow!«

Sie erkannte sich kaum wieder. Was sie sah, war kein siebzehnjähriges Mädchen, sondern ein Gesamtkunstwerk, das die Models auf den Plakaten noch übertraf. Sehr farbig zwar, mit den Drachenschuppen über ihren Augen und den Flammen, die aus dem aufgerissenen Maul des Ungeheuers züngelten, aber traumhaft schön. Wenn sie schon magisch gestylt herumlaufen musste, dann so.

»Jolly, du bist der Hit! Einverstanden. So machen wir es.«

Ein wenig Herzklopfen bekam Natalie schon, als Olga sie in eine Wolke aus magischem Pulver hüllte. Es war lange her, dass sie mit Magie in Berührung gekommen war. Viel zu lange.

Die Umgebung verschwamm vor ihr, flirrende Lichter explodierten vor ihren Augen, Jolly ließ ein ehrfürchtiges »Oh« hören. Natalie spürte, wie die Magie an ihr zupfte, sachte anfangs, dann mit mehr Intensität. Sie kannte das Gefühl, das Prickeln unter der Haut, wenn die Magyära in ihrem Blut angefeuert wurden, und ja, sie liebte es … doch langsam wurde es unangenehm. Wie Millionen Nadeln, die sie unaufhörlich piksten, tiefer und tiefer stachen, als wollten sie Säure in sie hineinpumpen. Sie verkrampfte sich.

»Komisch. Da stimmt was nicht.« Olga schob eine Ladung Magiepulver nach und sprach ihren Zauber erneut.

Natalie unterdrückte einen Hustenanfall. Besser, wenn sie stillhielt. Ihre Wangen brannten, ein Kreischen ertönte, so durchdringend, dass sie meinte, ihr würde das Trommelfell platzen. Nur sie konnte es hören, das war ihr durchaus klar. Allerdings hätte es lediglich ein Summen sein dürfen, das übliche Geräusch magischer Entladungen, nicht dieser quälend schneidende Laut.

»Ich verstehe das nicht!«, drang Olgas Stimme an ihr Ohr und erneut atmete Natalie pures Magiepulver ein.

Das Kreischen steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden Laut. Funken rasten über ihre Hände, Schmerz brandete in ihr auf. Es fühlte sich an, als würde ihr die Haut abgezogen, als würden ihr die Fingernägel ausgerissen, als …

Plötzlich gab es einen Knall, und eine Druckwelle fegte sie regelrecht vom Stuhl. Ringsum hörte sie Gepolter, Jolly schrie. Blitze zuckten im Studio auf, es knisterte und stank nach verbranntem Haar. Endlich lichtete sich der farbige Staub. Natalie rappelte sich auf. Die Stühle waren umgekippt, eine graue Schmiere bedeckte Arbeitstisch und Computerbildschirm. Über ihren Köpfen quoll Rauch.

Jolly beugte sich über Olga, die hustend die Augen aufschlug. Ihr Blick huschte fiebrig umher und als sie Natalie entdeckte, stieß sie einen erstickten Laut aus.

Jolly wandte sich ebenfalls um. »Auweia.«

Angesichts Natalies Ratlosigkeit deutete sie auf den Spiegel.

»Hölle, nein!« Mehr fiel ihr zu ihrem Spiegelbild nicht ein. Und es traf den Kern der Sache ganz gut.

Das graue Zeug klebte auch an ihr, und zwar auf Haut und Kleidung, als wäre sie durch einen Kamin gerutscht. Der Drache, den Jolly für ihre linke Wange ausgewählt hatte, schillerte nicht wie geplant in kräftigem Türkis, sondern wirkte wie im eigenen Feuer verkohlt und dekorativ auf ihr Gesicht geklatscht. Sosehr sie auch rubbelte, die Farbe ging nicht ab. Ihre Haare waren zerzaust und von undefinierbarem Matschbraun. Der Gipfel jedoch waren ihre Fingernägel, die sich zu gelblich grauen Krallen deformiert hatten, lang genug, um jemanden damit zu erdolchen.

Olga sprang auf. »Bist du irre? Das hätte ins Auge gehen können!«

»Ich? Was ist mit dir?«, schoss Natalie zurück. »Du hast mich verunstaltet!«

Jolly schnalzte mit der Zunge. »Entstellt. Verhunzt. Total verpfuscht …«

»Wir hätten alle dabei umkommen können!«, rief Olga und an ihrer unerwartet schrillen Stimme erkannte Natalie, wie erschrocken sie war.

»Allerdings«, sagte sie. »Mach das rückgängig! So kann ich auf keinen Fall rumlaufen!«

Selbst ihr Bruder Liam wäre vor ihr zurückgeschreckt. Zum Glück hatte sie kein permanentes Styling gewählt. Trotzdem würde es Stunden dauern, bis der Zauber komplett erloschen war. Noch immer schien die Magie in ihren Adern zu pulsieren. Sie fühlte sich nicht länger aufgeputscht, sondern paralysiert, als hätte sie eine Überdosis erwischt, die alles in ihr lahmlegte.

»Dein Problem, ich rühr dich bestimmt nicht mehr an. Raus aus meinem Laden, ihr zwei, sofort! Ihr vergrault mir die Kundschaft. Und solltest du je wieder ein Hexenstyling in Erwägung ziehen, dann leg vorher gefälligst den Schutzzauber ab!« Olga riss die Ladentür auf. »Verschwindet! Los!«

Wie betäubt trat Natalie ins Freie, eine quengelnde Jolly im Schlepptau. »Schutzzauber? Was für ein Schutzzauber?«

Die Antwort blieb ihr im Hals stecken. Eine Drohne surrte heran. Mit blinkenden Lichtern scannte sie den Strichcode, der an der Tür angebracht war. Natalie entwich ein hysterisches Lachen. Das wäre die Krönung, wenn mit Olgas Lizenz etwas nicht stimmte! Aber die Drohne piepte nur und flog weiter, um woanders potenzielle Magiedelikte aufzuspüren.

»Was war das jetzt?«, wunderte sich Jolly.

»Lizenzabgleich. Hätte ja sein können, dass Olga illegal Magie ausübt.« Bei dem Ergebnis nicht so abwegig.

Die Werbebotschaft im Schaufenster mutete wie blanker Hohn an: SONDERANGEBOT: Komplettes Styling 2 Taler. Magische Taler konnte man bei der Goldesel Bank abheben und einer war zwanzig Euro wert. Hätte sie ihr Geld bloß für einen Friseurbesuch ausgegeben, dann sähe sie jetzt höchstwahrscheinlich annehmbar aus. Ein magisches Stylingstudio würde sie jedenfalls nie wieder betreten.

»Deine Smartwatch piept«, sagte Jolly. »Vielleicht Kilian?«

Kilian! Sie hatte eine Verabredung mit dem Jungen ihrer Träume – und sah aus wie eine dieser Gruselhexen aus Liams Lieblingscomputerspiel. In diesem Aufzug konnte sie ihm nicht gegenübertreten, nein, unmöglich!

Es war tatsächlich Kilian: Ich habe einen Einsatz, tut mir furchtbar leid! Könntest du gegen fünf in den Zoo kommen? Dort gibt es ein nettes Café. Will dich unbedingt treffen. Kilian

»Was mache ich denn jetzt bloß?«

»Natürlich hingehen!«

»Mit einem Vogelnest auf dem Kopf?«

»Gar kein Problem. Und weißt du auch, warum?« Jolly schob sie vor den Spiegel neben der Tür.

»Es … es ist weg! Wie …?« Erleichterung durchflutete sie. Sie sah wieder völlig normal aus. Die Haare schwarz, die Wangen leicht gerötet, die Fingernägel kurz, mehr als kurz – alles in allem wie immer. Aber gruselig kam es ihr schon vor, was war da nur passiert?

»Los, antworte ihm, dass du kommst.«

Okay. Freu mich!, schrieb sie an Kilian und spürte wieder dieses nervöse Kribbeln in ihrem Magen.

Noch einmal kniff sie sich in die Wangen, strich über ihre Kleidung, zupfte an ihren Nägeln. »Einfach weg. Ich verstehe das nicht …«

»Ich kenne mich ja mit Zauberei nicht aus. Aber es müsste ein echt miserabler Schutzzauber sein, wenn er dich nicht schützt. Oder er stammt von einem echt miserablen Zauberer. Oder beides?«

Natalie nickte nachdenklich. Ein Schutzzauber sollte einen magischen Angriff auf die geschützte Person verhindern. Logisch, dass das Hexenstyling nicht funktioniert hatte.

Aber, Hölle noch mal! Seit wann war sie mit einem solchen Zauber belegt?

2

Der sommersprossige Zwergenjunge mit den roten Haaren, der neben ihnen an der Absperrung hing und Natalie kaum bis zu den Knien reichte, zog angesichts der neun Felsbrocken im Gehege eine Grimasse. »Och, nur Steine!«

Seine Mutter, eine in Zwergentracht gekleidete Magische, ermahnte ihn. »Trolle sind nachtaktiv. Tagsüber erstarren sie zu Stein. Schau, der da drüben hat eine typische Trollnase. Wie eine Kartoffel.« Mit ein bisschen Fantasie konnte man auch den bulligen Kopf und die Knie erkennen, fand Natalie.

»Ich will zurück zu den Pinguinen!«

Jolly fiel in das Gejammere ein: »Schade, ich hätte sie zu gern in Aktion gesehen.«

Natalie grinste, obwohl sie die Enttäuschung nachvollziehen konnte. Trolle bekam man nur selten zu Gesicht. Sie hätte an dieser Stelle ja publikumswirksamere Geschöpfe platziert, die Drachen zum Beispiel.

»Vielleicht kriegen wir die Greife zu sehen. Oder die Phönixe. Du hast doch noch Zeit totzuschlagen, oder?«

»Jede Menge. Ich muss erst zum Abendessen zu Hause sein.« Jollys Eltern legten Wert auf Pünktlichkeit und das Abendessen war ein Familienritual, bei dem Anwesenheitspflicht bestand. Jollys Halbschwester Paige hatte mit zwanzig die Konsequenzen gezogen und sich eine eigene Wohnung genommen.

Kopfsteinpflasterwege schlängelten sich durch die magische Abteilung des Zoos, gesäumt von Pappeln und mittelalterlich anmutenden Infohäuschen, ein jedes einer magisch historischen Persönlichkeit gewidmet. Jolly blieb stehen und betrachtete ein Hologramm, das überlebensgroß vor ihnen aufragte.

»Königin Thalie, durch einen Feenzauber in einen hundertjährigen Schlaf gefallen und unter dem Namen ›Dornröschen‹ weltbekannt geworden«, ratterte sie die Fakten herunter, ohne einen Blick auf den Infobildschirm zu werfen.

»Du bist echt ein Ass in magischer Geschichte«, erwiderte Natalie kopfschüttelnd. Auch Roderick, den Kobold, der sich vor Königin Saria als »Rumpelstilzchen« ausgegeben hatte, um an ihr Kind zu gelangen, hatte Jolly vorhin schneller erkannt als sie. »Ich kann nicht glauben, dass das dein erster Besuch in der magischen Abteilung ist.«

»Doch. Vor der Zugbrücke ist meine Mutter jedes Mal umgedreht. ›Das ist nichts für dich, Joleen‹, hat sie gesagt und wollte mich armes Würmchen unwissend sterben lassen. Aber zum Glück«, sie drückte Natalie an sich, »habe ich ja dich.«

»Und zum Glück hat sie nichts gegen mich.«

»Oh, das hat sie. Mein Vater auch. Ihr Pech. Ich suche mir meine beste Freundin selbst aus.«

Was Jolly so leichthin verlauten ließ, löste bei Natalie ein unangenehmes Magendrücken aus. Sie hatte sich bei den Dibenskys nie richtig willkommen gefühlt und war nur selten bei ihnen zu Gast, während Jolly in Natalies Haus ein und aus ging und mit ihren Eltern sogar per Du war.

»Was glaubst du«, meinte Jolly, als sie weiterschlenderten, »stimmt das mit dem Schutzzauber oder hat Olga Mist gebaut?«

»Das wäre auch eine Erklärung.«

»Vielleicht waren es deine Eltern. Alle Eltern wollen ihre Kinder beschützen. Wäre doch verständlich.«

Verständlich schon, aber total untypisch. Ob Liam auch einen hatte? »Sie haben keine Lizenz. Ich glaube nicht, dass sie überhaupt wissen, wie man einen Schutzzauber durchführt.«

Abwesend knibbelte sie am Nagelbett ihres Daumens. Bis vor wenigen Stunden hätte sie geschworen, dass ihre Eltern mit Magie nichts am Hut hatten. Sie waren Befürworter des Systems. Niemals würden sie die Magiegesetze brechen, die für Natalies Empfinden inzwischen reichlich angestaubt waren. Abgesehen von geringfügigen Änderungen hatten sie seit ihrem Inkrafttreten 1897 in ganz Europa ihre Gültigkeit. In Deutschland sorgte die OMB dafür, dass sie eingehalten wurden. Wer sich widersetzte, wurde von den Agenten ausgeforscht und inhaftiert. Das organisationseigene Gefängnis war voll von Magischen aller Gattungen. Riesen, Trolle, Zwerge, Feen, Zauberer – Kriminelle gab es zuhauf.

Was Natalie zur nächsten Frage führte: War der Zauber, falls es ihn gab, unter legalen Bedingungen gesprochen worden?

Umschwirrt von Pixies, geflügelten Feenwesen, die wie die Irrlichter in Freiheit lebten, gelangten sie wenig später zum Gehege des Einhorns – und fanden nur eine um eine Heuraufe versammelte Ponyherde vor.

»Echt jetzt?«, entrüstete sich Jolly. »Alles, was ich zu sehen kriege, sind schnöde Gäule? Wo ist das edle Tier mit dem magischen Horn?«

Natalie deutete auf die Bäume im Hintergrund. »Im Wald?«

»Im Wald. Super. Keine Trolle. Kein Einhorn. Die magischen Wesen haben sich alle gegen mich verschworen!«

»Gegenüber sind die Phönixe.« Natalie zeigte Jolly die Vögel mit dem rotgoldenen Gefieder. »Die sind extrem selten. Schau, auf dem … Oh. Da ist Kilian.«

Jolly grinste breit. »Ja, das ist wirklich ein höchst seltener Vogel. Und so hübsch, alle Achtung.«

Vor dem Phönixgehege parkte ein dunkelblauer Kleintransporter mit silbernem Schriftzug und dem Emblem der Organisation, dem Zepter des Mächtigen. Er war der Boss, der oberste Zauberer, dem sämtliche Agenten unterstanden.

Auf dem Dach des Wagens saß Kilian im Schneidersitz mit einem Laptop auf den Knien. Der Wind zupfte an seinem braunen Haar. Seinen Waffengurt hatte er nicht abgelegt, aber seine Haltung war entspannt. Ungeachtet der Neugierigen, die sich unten versammelt hatten, konzentrierte er sich auf den Bildschirm.

»Soll ich ihn rufen?«, flüsterte Natalie und fragte sich gleichzeitig, ob er sie überhaupt erkennen würde.

Sie schrieben sich mehrmals täglich und tauschten Fotos aus, aber persönlich waren sie einander erst einmal begegnet: Am Berufsinformationstag an ihrer Schule. Kilian und sein Partner hatten ihre Arbeit als Agenten der OMB vorgestellt. Im Anschluss daran hatte Natalie ihn angesprochen. Mit dem Ergebnis, dass sie ganze zwei Stunden in der Cafeteria gesessen hatten, plaudernd und lachend.

Kilian löste Gefühle in ihr aus, die sie nie zuvor empfunden hatte, Herzrasen, Bauchkribbeln und glühende Wangen mit eingeschlossen. Es hatte sie voll erwischt, noch dazu auf die bescheuerte wie-vom-Blitz-getroffene Art.

Und hier stand sie und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie hatte keine Erfahrung mit Jungs, noch dazu war sie zu früh dran und erst recht nicht am Treffpunkt, er würde verärgert sein, sie gar nicht mehr sehen wollen …

»Ich sehe schon, in seiner Gegenwart mutierst du zum schmachtenden Püppchen. Ich mach das.«

Jolly hüpfte auf einem Bein zum Transporter, sodass ihre kastanienroten Locken wild um ihr Gesicht tanzten. Zu allem Überfluss trällerte sie ein Kinderlied, lautstark und grundfalsch. Schon drehten sich die Leute nach ihr um, und Natalie wäre am liebsten im Boden versunken. Aber da blickte Kilian auf, entdeckte sie und winkte. Sie winkte ebenfalls.

Atemlos fand sich Jolly an ihrer Seite ein. »Mission geglückt.«

Kilian sprang vom Dach. Mit drei langen Schritten war er bei Natalie und küsste sie zur Begrüßung auf die Wange. Hitze jagte in ihr hoch, unwillkürlich spürten ihre Finger dem Kuss nach. Hastig zog sie die Hand zurück.

»Hallo.« In seinen Augen tanzte ein Lächeln. »Entschuldige, dass ich nicht in die Innenstadt kommen konnte. Wir hatten eine Drohnenmeldung bezüglich Magiefluktuationen, der mussten wir sofort nachgehen.«

»Halb so wild, mach dir keine Gedanken.«

»Es dauert nicht mehr lang. Nur noch die Banngitter vom Einhorn und dem Riesen, dann können wir los. Super, dass du schon da bist!«

Natalie nickte. Er mochte ein Prinz sein, aber das war nur ein Titel, auf den er, das wusste sie inzwischen, keinerlei Wert legte. Und sie war eine Hexe, na und?

»Das ist übrigens Jolly«, stellte sie ihre Freundin vor.

Jolly zwinkerte ihm zu. »Keine Sorge, ich werde euer Date nicht vermasseln. Ich verzieh mich, sobald du fertig bist.«

»Nett von dir, dass du Natalie begleitet hast.«

»Hey, Kilian!« Sein Partner Ed, ein Mann um die fünfzig mit vollem, aber bereits ergrautem Haar, der am Nachbargehege beschäftigt war, deutete auf die Drohne. »Flirten kannst du später. Ich will hier nicht bis in die Nacht rumstehen.«

»Ich muss wohl«, sagte Kilian bedauernd. »Bis gleich, Nat.« Er lief zum Auto und zog sich mit Schwung aufs Dach, wo er sich wieder seiner Arbeit zuwandte.

»Was genau macht er da eigentlich?«, erkundigte sich Jolly. »Einen Einsatz hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt, mit Verfolgungsjagd und Rumgeballere und so.«

Natalie lachte. »Klar doch. Im Zoo, vor allen Besuchern.«

Sie sah genauer hin, bis die Magie vor ihren Augen Gestalt annahm. Anscheinend überwachte Kilian eine Drohne, die über dem Gehege kreiste und Aufzeichnungen machte. Ed kontrollierte ebenfalls Daten, allerdings verwendete er dafür ein Gerät an seinem Handgelenk, das einem Handy ähnelte. Die beiden Wassermänner im Teich beobachteten ihn teils argwöhnisch, teils belustigt, während die Phönixe sich versteckt hielten.

»Ich glaube, sie prüfen, ob die magischen Gitter intakt sind.« »Banngitter« hatte Kilian sie genannt. Natalie zeigte nach oben, wo die Magie im Sonnenlicht flirrte.

»Magische Gitter?«, wunderte sich Jolly.

»Oder Netze. Die magischen Wesen sind dahinter eingesperrt.« Während viele Tiere im Zoo hinter massiven Gittern verwahrt waren, verwendete man in der magischen Abteilung zusätzlich zum Elektrozaun lediglich Magie – natürlich nur bei friedlichen Geschöpfen, der Riese, die Trolle und die Drachen waren zusätzlich gesichert.

»Wo denn? Da ist doch nichts. Nur Luft.«

»Sie sind da, ich sehe sie«, versicherte Natalie.

Sobald sie sich darauf konzentrierte, erschienen ihr die Magiestränge so real wie Schneeflocken oder Nebel. Je nach Lichteinfall schimmerten sie silbern und nachts wie Laserstrahlen, die in unterschiedlichen Dimensionen die Stadt durchzogen. Wunderschön.

Als Kind hatte sie geglaubt, der mehrere Meter breite Strang, der sich durch den Zoo wälzte, sei ein verwunschener Fluss, den niemand sehen konnte, nicht ihre Eltern, nicht Liam, nur sie. Erst viel später hatte sie erfahren, dass es sich dabei um eine der Hauptlinien des Erdmagienetzes handelte, das die Welt umspannte und durchdrang.

»Ich kann sie auch hören und spüren.« Da war ein Summen in ihren Ohren. Und ein Kribbeln unter der Haut, das sich bis in ihre Fingerspitzen fortsetzte. Ihr Blut pulsierte, als flitzten die Magyära vor lauter Aufregung umher.

Sie bezogen Posten am Einhorngehege. Jolly schaute sich nach dem Riesen um, der nebenan einquartiert war, aber zu ihrem Pech schlief er im Schatten hinter den Holunderbüschen. Nur seine Füße guckten hervor. Auf seinen nackten Zehen, die bei jedem Schnarchen wackelten, saßen Meisen und pickten an seiner Hornhaut.

»Igitt.« Jolly schüttelte sich. »Na ja, immerhin kann ich jetzt behaupten, zumindest ein magisches Wesen in natura gesehen zu haben … Oh, das Einhorn!«

Es bremste aus vollem Galopp vor ihnen ab, die Nüstern gebläht, den Kopf gesenkt, als wollte es den Erstbesten, der ihm in die Quere kam, mit seinem Horn aufspießen. Unter dem weißen Fell traten die Muskeln deutlich hervor. Unablässig scharrte es mit dem Vorderhuf und wirbelte jede Menge Staub auf.

»Es ist so schön«, hauchte Jolly ergriffen. »Aber es sieht ziemlich wild aus.«

Auch die Ponys stoben wie von Sinnen durchs Gehege. Was beunruhigte die Tiere? Gegenüber war Kilian nach wie vor in seine Computerdaten vertieft. Die Drohne zog ihre Kreise über dem Zentrum des Banngitters. Natalie wandte sich wieder um, den Fokus nach wie vor auf die Magie gerichtet, und da begriff sie, was das Einhorn derart in Aufregung versetzte.

»Hölle, da bildet sich ein Riss im Banngitter!« Auf Kopfhöhe war eine der fingerdicken Adern, aus denen die Gitter gewebt waren, gerissen und der Magiefluss unterbrochen. Die beiden Enden drifteten auseinander. »Da ist ein Fehler im Gewebe. Ein Loch.«

Wie war das nur möglich? Kam das von diesen Magiefluktuationen, von denen Kilian gesprochen hatte?

»Wie jetzt, ein Loch?«, meinte Jolly. »Ein kleines, so wie in einem Socken? Oder ein Megaloch?«

»So groß wie ein Fenster. Aber es weitet sich bereits aus. Ich muss Kilian informieren.« Sie wandte sich nach ihm um, nur um festzustellen, dass er gerade vom Dach des Wagens sprang und sich durch die Schaulustigen drängte, deren Zahl beträchtlich angewachsen war. »Wo will er denn hin?«

Jolly deutete nach rechts. »Ich glaube, da drüben gibt’s Ärger.«

Natalie entdeckte eine Gruppe von Jungen, die sich um einen Zwerg geschart hatten und ihn lautstark anpöbelten. Er sah ganz eingeschüchtert aus, seine Sommersprossen leuchteten in seinem blassen Gesicht. Gleich würde er in Tränen ausbrechen. »Oje. Das ist der kleine Rothaarige von vorhin. Wo ist seine Mutter?«

»Nicht da. Aber …«, Jolly setzte ein schwärmerisches Lächeln auf, »… dein Herzallerliebster ist schon unterwegs, um ihn zu retten. Was für ein Held, so müssen Prinzen sein!«

Natalie grinste, doch es verging ihr schnell, als sie bemerkte, dass sich das Loch im Banngitter vergrößert hatte. Das Einhorn schnaubte mit geweiteten Augen, während die wild gewordene Ponyherde im Hintergrund wie ein Uhrwerk ihre Galopprunden drehte. Sie blickte sich nach Ed um, konnte ihn aber nirgends entdecken. Das Gehege der Wassermänner war verwaist.

»Ed ist auch verschwunden. Das Loch reißt immer weiter auf. Was machen wir denn jetzt?«

»Warten, bis sie zurückkommen. Dann darf Kilian gleich weiter den Helden spielen und das Loch flicken. Höchst dramatisch, euer Date.«

»Das ist kein Witz, Jolly, das könnte echt gefährlich werden. Außerdem kann Kilian hierbei nichts tun. Er ist zwar Agent, aber ein Mensch.«

»Und wer kann dieses Gitter sonst reparieren?«

Natalie überlegte kurz. »Der Mächtige, denke ich. Er ist der zuständige Zauberer der OMB.«

»Warum ist er dann nicht beim Einsatz dabei?«

»Woher soll ich das wissen, Jolly? Er ist jedenfalls der Einzige, der Magie wirken kann.« Sie zögerte. »Oder … ich.«

Jolly riss die Augen auf. »Du? Ernsthaft?«

»Ich weiß nicht … Vielleicht.« Ich könnte es zumindest probieren. So lange, bis Hilfe da ist.

Während ihre Familie bei jedem Zoobesuch immer und immer wieder dieselben Tiere und magischen Wesen bestaunte, hatte sie sich die Langeweile vertrieben, indem sie ins Magiegitter griff. Sie fischte Stränge heraus, leitete sie um, flocht sie an anderer Stelle wieder ein, anfangs rein instinktiv, später zielgerichtet. Sie erfand neue Muster, erweiterte das Netz um Rüschen oder formte Ohren, Pfoten und Schwänzchen, sodass Tiere entstanden, die über die Gitter zu laufen schienen. Sie hatte einen Riesenspaß dabei und wurde von Mal zu Mal besser.

Keine Magielinie war vor ihr sicher, nicht einmal die feinsten Adern, auf die man in Mitran praktisch an jeder Ecke stieß. Natürlich brachte sie stets wieder alles in Ordnung. Nie war der Drohnenalarm losgegangen, nie war jemandem etwas aufgefallen. Und natürlich hatte sie niemandem je verraten, welches Geheimnis sie hütete.

Erst als Schulkind hatte sie diese Spielereien aufgegeben. Aus reinem Selbstschutz, da sie nicht länger Spott und Hänseleien ausgesetzt sein wollte, weil sie wie eine Verrückte mit den Händen in der Luft herumfuchtelte.

Der Gedanke, wie damals in die Magie zu greifen, es zumindest zu versuchen, füllte plötzlich ihr Denken. Natalie spürte, wie ihre Brust sich verengte, als ob sich dort ein Knoten in ihr ballte. Sogar ihre Muskeln zuckten unwillkürlich. Sie atmete tief durch.

»Aber du darfst nicht zaubern!«, rief Jolly. »Oder?«

Natalie schüttelte den Kopf. Zaubern ohne Lizenz war streng verboten. Doch sollte sie etwa tatenlos zusehen, wie das Banngitter kollabierte?

Der Magiekreislauf war ein geschlossenes System. Ungebändigt strebten lose Stränge immer der nächstgelegenen Magielinie zu, wie es ihrem natürlichen Fluss entsprach, das hatten sie in Physik gelernt. Nachbarstränge würden mitgerissen werden, eine Kettenreaktion, die, einmal in Gang gesetzt, nicht mehr aufzuhalten war.

»Du hast recht. Besser, ich warte, bis …«

Abermals preschte das Einhorn heran. Schrill wiehernd und mit peitschenden Hufen stieg es empor. Als es wieder auf dem Boden auffußte, verfing sich sein spiralartig gedrehtes Horn im Elektrozaun, sodass die Funken nur so stoben. Panisch setzte sich das Einhorn auf die Hinterbeine und zerrte und zog, bis es freikam. Es rannte den demolierten Zaun nieder und stürmte gegen das Bannnetz. Noch hielt es, aber an der Stelle mit dem Riss dehnten sich die Waben und platzten auf, eine nach der anderen.

»Hol Kilian!«, rief Natalie entsetzt. »Schnell, Jolly, bevor sich das Gitter komplett auflöst!«

»Und du?«

»Ich … keine Ahnung … beruhige das Einhorn?« Es hörte sich wie eine Frage an, so wenig war sie davon überzeugt, dass es ihr gelingen könnte, auf das hysterische Tier einzuwirken. »Los doch! Lauf!«

Jolly schoss davon.

»Ruhig, ganz ruhig.«

Das Einhorn kümmerte sich nicht um ihre Beschwichtigungsversuche. Mit dem Huf zog es Furchen in die lockere Erde, der Staub wurde immer dichter. Die losen Enden des gerissenen Magiestrangs fegten unkontrolliert umher. Sie würden weitere Risse in den Waben bewirken.

Hastig blickte sich Natalie um. Immer mehr Neugierige strömten herbei, angezogen von den Eskapaden des wild gewordenen Einhorns. Nichts zu sehen von Kilian, Ed oder Jolly.

Tu was!, schrie eine Stimme in ihr, angefeuert durch die Magie, die um sie tobte.

Du darfst nicht, sagte die andere Stimme, jene, auf die sie ihr Leben lang gehört hatte. Sei vernünftig. Kilian muss gleich hier sein.

Aber Kilian ist ein Mensch! Du kannst helfen!

Vernunft gegen … gegen … Ja, was? Sie konnte es nicht benennen. Es war, als wäre etwas in ihr erwacht, etwas, das sie jahrelang unterdrückt hatte, und das nun in ihr loderte, stark, nicht zu bezwingen. Die Magie rief nach ihr.

Und während die beiden Stimmen weiter in ihr stritten, trat sie dicht an das Banngitter heran. Das Einhorn stieß ein einzelnes Schnauben aus, ein durchdringendes Geräusch, das in jeder Faser ihres Körpers vibrierte, aber es wich nicht zurück. Der Blick seiner dunklen Augen traf Natalie mitten ins Herz.

»Ganz ruhig … Ich tu dir nichts, ich will nur helfen …«

Sie musste es versuchen.

Das fällt nicht unter Zaubern. Kein Hexenspruch, keine Essenzen oder Pulver, sie würde bloß mit der Magie spielen, wie damals. Tu es, mach schon, bevor es zu spät ist!

Die Stimme der Vernunft schwieg.

Behutsam tastete sie sich an das magische Gitter heran, bemüht, das Summen, diese pulsierende Melodie in sich aufzunehmen, in jede Zelle, in jede Nervenfaser. Ihr letztes Mal war eine halbe Ewigkeit her und sie hatte erwartet, alles vergessen zu haben, doch es fühlte sich an wie Heimkommen, vertraut und viel zu lange vermisst.

Von Euphorie durchflutet, spürte sie den Schwingungen der Magie in sich nach. Alles in ihr lebte auf, alles sang, jubelte, tanzte. Alles war möglich. Die Gefahr, das Risiko traten in den Hintergrund. Plötzlich war sie wieder ein Kind und das hier ein Spiel, ein Spiel, das sie beherrschte.

Die Hände erhoben, summte sie mit, und begann, die Melodie zu beeinflussen, indem sie die Töne minimal veränderte. Auf diese Weise entsandte sie Wellen, die über die Magiestränge glitten und sich schließlich mit ihnen vereinten. Die Verbindung war hergestellt. Die losen Stränge folgten ihrem Ruf und schmiegten sich an ihre Hände, einer links, der andere rechts. Um sie zusammenzuführen, musste sie sie anreichern, mit Energie, die aus ihrem tiefsten Inneren kam.

Und es gelang! Sie hatte nichts vergessen, ja, es floss förmlich aus ihr heraus, so aufgeputscht war sie. Erleichtert lachte sie auf. Sie konnte die Magie in Schach halten, sie konnte verhindern, dass sich das Loch vergrößerte, mehr noch, vielleicht, vielleicht konnte sie es sogar flicken …

»Das Einhorn!«, schrie jemand.

Auf die Warnung folgten erschrockene Schreie. Die Menge der Schaulustigen geriet in Bewegung, Natalie bekam einen Stoß in die Rippen. Sie krümmte sich, ihre Hände zuckten reflexartig zurück – und die Magie entglitt ihr, rutschte ihr förmlich durch die Finger. Das Einhorn galoppierte auf sie zu, den Kopf gesenkt, das Horn wie eine Lanze vor sich tragend. Im letzten Moment wendete es ab, rammte jedoch dabei das Gitter. Die Magie kreischte auf, als sie so unsanft aus dem Strom gestoßen wurde.

Natalie traf fast der Schlag: Weitere Löcher hatten sich gebildet, das Banngitter löste sich auf!

In heller Panik fasste sie in die Magie, grob diesmal, was das Summen zu einem grässlichen Ton anschwellen ließ, der ihr schier durchs Gehirn sägte. Wenn sie nur einen der silbrigen Stränge in den Griff bekäme, einen nur …

Doch die Magie wandte sich gegen sie. Eine Art Rückstoß traf sie und sie ging unter einer Welle von Schmerz zu Boden. Als sie wieder zu Atem kam, bemerkte sie zu ihrem Entsetzen, dass sich der Schaden ausgeweitet hatte: Auch die Wabenstruktur am angrenzenden Banngitter war betroffen.

»Nein, nein, nicht der Riese!«

Auf dem Boden kauernd bekam sie endlich einen der Magiestränge unter Kontrolle. Sie rief ihn zu sich, hielt ihn fest, obwohl die gewaltige Kraft in ihren Händen kaum zu bändigen war.

Stimmen wurden laut, fluchend bahnte sich jemand seinen Weg durch die Schaulustigen.

»Natalie?«

»Kilian …«

»Weg da!«

Er schnellte auf sie zu, stieß sie zur Seite, sodass sie auf das Kopfsteinpflaster knallte. Fauchend schnalzte die Magie davon, während das Einhorn in einem gewaltigen Sprung das zerstörte Banngitter durchbrach.

3

»Vergiss das Einhorn, Kilian!«, hörte er Ed aus einiger Entfernung schreien. »Wir haben andere Probleme!«

Kilian hatte das Einhorn, das wie der geölte Blitz über die Wege der magischen Abteilung des Zoos gefegt war, ohnehin aus den Augen verloren.

Der Detektor an seinem Handgelenk spielte schon länger verrückt und nun, da er sich im Zentrum des Geschehens befand, schlugen die Zeiger zu hundert Prozent aus.

Jawohl. Sie hatten eindeutig Probleme. Gerade erst die Sache mit dem Zwerg und den rassistischen Äußerungen dieser Jungen, jetzt auch noch ein beschädigtes Bannsystem.

Jolly hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, aber er hatte ihr nicht glauben wollen, vor allem, als sie nicht mit der Sprache rausrücken wollte, woher sie von dem Loch wusste. Ich Idiot! Er blickte sich nach ihr um, konnte sie im herrschenden Tumult allerdings nicht entdecken. Stattdessen hockte Natalie vor ihm, völlig aufgelöst. Er half ihr auf die Beine und sah, dass sie am Knie und an den Handflächen blutete.

»Du bist verletzt! Tut mir echt leid, ich wollte nur …«

»Nicht so schlimm. Kilian, das Banngitter … ich habe versucht …« Der Rest ging im Gebrüll des Riesen unter, der nach einem Durchschlupf im zerstörten Gitter suchte.

Riesen waren mäßig intelligent und häufig aggressiv. Ihr Gehirn war dem des Menschen in Masse und Struktur ähnlich, lediglich der Frontallappen war geringer ausgebildet, und dementsprechend instinktgesteuert reagierten sie. Und sein Instinkt würde ihm den Weg in die Freiheit weisen.

»Du musst hier weg, Nat! Bring dich in Sicherheit!«

Sie blinzelte verwirrt. Begriff nicht, in welcher Gefahr sie schwebte. Wie sollte sie auch? Sie konnte ja nicht sehen, welches Drama sich mit den Banngittern abspielte. Niemand konnte Magie mit bloßem Auge wahrnehmen, vom Mächtigen abgesehen. Er war ein Bannmagier, sämtliche Magiegitter im Zoo entstammten seinem Zauber.

Kilian hielt ihr den Detektor hin, der auf dem Display eine elektronische Darstellung des Schadens anzeigte. Ein riesiges Loch klaffte im Gitter. Mit Sicherheit würde es sich rasch ausweiten. Nie zuvor hatte er einen solchen Fall erlebt.

»Das Bannsystem bricht zusammen«, erklärte er ihr. »Wenn der Riese entkommt, können wir uns auf etwas gefasst …«

»Es ist meine Schuld!« Ihre Unterlippe zitterte, die Wangen waren gerötet.

»Wovon redest du?« Er musste sie hier wegschaffen. Sollte ihr etwas zustoßen, könnte er sich das nie verzeihen. Er wollte sie mit sich ziehen, sie aber stemmte sich dagegen.

»Wo ist Jolly? Ist sie …? Jolly? Jolly!«

Himmel noch mal! »Sie ist längst fort. Komm schon, Nat, lauf!«

Ed, der neben ihm auftauchte und seinen Lähmer auf den Riesen richtete, berichtete hastig, dass er Verstärkung angefordert habe. »Was uns nicht viel nutzen wird«, fügte er hinzu. »Bis die hier antanzen …«

Der Riese brüllte erneut und rammte mit dem Kopf voran das Banngitter, sodass der Detektor einen durchdringenden Warnton von sich gab.

»Das Gitter löst sich auf!«, rief Natalie.

Tatsächlich. Der Detektor zeigte an, dass das Banngitter komplett kollabierte. Woher wusste Natalie das?

»Der Riese bricht aus!«, brüllte Ed. »Weg hier! Lauft!«

Schreie gellten, die Leute, die das Wüten des Riesen mit sensationslüsterner Neugier beobachtet hatten, flohen blindlings. Natalies Hand entglitt Kilian. Erleichtert sah er, dass sie davonstob. Er zog den Lähmer im Bewusstsein, dass sie zu zweit ohnehin kaum etwas ausrichten würden.

Die letzten Reste des Banngitters fielen in sich zusammen. Der Riese griff nach dem Elektrozaun und riss ihn aus der Verankerung. Funken sprühten. Die massive Sicherheitsabsperrung flog als Nächstes.

Ed feuerte, aber der Riese nahm Kurs auf sie und sie mussten beiseitespringen. Nur zu leicht landete man unter den Füßen oder zwischen den Fingern des Kolosses. Donnernden Schrittes stapfte er an ihnen vorbei, quer durch den Zoo, und walzte einen Imbissstand und ein Infohäuschen nieder. Das Letzte, was Kilian von ihm sah, war sein Schädel, der über den Baumkronen tanzte wie eine Bowlingkugel.

Sie stürmten zum Auto. Ed fuhr bereits los, als Kilian sich auf den Sitz warf und die Tür zuschlug.

»Der Laptop!«, fiel ihm ein. »Er steht auf dem Dach.«

Sie hörten ein Scheppern und ein Schatten huschte an der Heckscheibe vorbei.

»Jetzt nicht mehr«, bemerkte Ed grimmig und schaltete die Sirene ein. »Wurde ohnehin Zeit für neues Equipment.«

»Und die Drohne! Mist! Das wird dem Chef nicht gefallen.«

»Glaub mir, an der Geschichte wird ihm so manches nicht gefallen. Er wird sich gar nicht für die Top Drei entscheiden können. Weg da, macht den Weg frei! Die haben wohl alle Tomaten auf den Augen!«

Trotz Blaulicht und Sirene kamen sie nur langsam voran. Zu viele Menschen steuerten auf den Ausgang zu, alle in heller Aufregung, es war zum Verrücktwerden. Erst als sie auf eine Lieferantenzufahrt abbogen, konnte Ed Gas geben. »Gib die Warnung an die Sicherheitskräfte raus!«

»Schon dabei.«

Kilian setzte den Funkspruch ab, während sie der Spur der Verwüstung folgten. In Fällen wie diesem arbeitete die Organisation eng mit den Einsatzkräften zusammen, der Schutz der Zivilbevölkerung hatte oberste Priorität. Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst bestätigten. Ersten Meldungen zufolge war der Riese Richtung Zentrum unterwegs.

»Jetzt zeigt sich wieder mal, dass der Kastenwagen als Einsatzfahrzeug nichts taugt«, schimpfte Ed. »Mit einem Aeromobil hätten wir ihn längst eingeholt. Aber nein, diese Idioten im Aufsichtsrat mussten ja dagegenstimmen!«

»Nimm die Autobahn«, sagte Kilian.

»Was denkst du, was ich vorhabe? Ich bin schließlich nicht taub …«

… und auch nicht blind oder altersschwach, vervollständigte Kilian Eds Lieblingsspruch in Gedanken. Er hätte die Qualifikation seines Partners niemals infrage gestellt, obwohl dieser nächstes Jahr seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag feierte. Andere seines Alters wären längst in Rente gegangen, Ed aber dachte gar nicht daran.

Während sie über den Zubringer zur Stadtautobahn rasten, erstattete Kilian der Einsatzzentrale Bericht. »Zentrale, hier Team Epsilon, wir folgen dem Riesen in die Stadt. Erste Lähmungsschüsse haben nichts gebracht, das wird ein Fall für die ganze Brigade.«

Lydia, die IT-Technikerin der OMB, hatte sie längst auf dem Radar. »Verstanden, Team Epsilon. Wir rücken mit allen verfügbaren Teams aus. Viel Glück!«

Ed brummte anerkennende Zustimmung. »Ist ein echtes Goldstück.«

Kilian nickte. Seine Gedanken schweiften zu Natalie. Was war da bloß vorgefallen? Was genau hatte sie versucht? Er probierte, sie zu erreichen, aber sie meldete sich nicht, also hinterließ er ihr eine Nachricht. Hoffentlich war sie in Sicherheit.

»Wie ist das passiert?«, überlegte er laut. »Das waren simple Magiefluktuationen, unmöglich können die ein solches Leck verursachen. Hast du mitgekriegt, wie schnell sich das Bannsystem aufgelöst hat? Binnen weniger Minuten!«

»Hm.«

»Die Drohnenmeldung kam wohl vom Gitter des Riesen. Oder vom Einhorn. Alle anderen Banngitter waren doch intakt.«

»Hm.«

»Wir hätten mit der Kontrolle nie bei den Drachen beginnen dürfen. Die Koordinaten waren falsch. Aber wieso?«

»Hm.«

»Kannst du auch mal was anderes dazu sagen?«

»Klar, mein Junge. Erstens: Vergiss die Koordinaten. Das Zeug ist Schrott. Das Kontrollsystem, die Drohnen, die Signalübertragung – alles Schrott.« Damit hatte er nicht unrecht. Die Messgeräte waren veraltet und fehleranfällig. Das Einzige, worauf Verlass war, waren die Detektoren. »Zweitens: In der Nähe starker Magielinien gibt es laufend Schwankungen, doch meiner Erfahrung nach fallen die nie ins Gewicht. Was glaubst du, wie oft wir schon wegen eines Fehlalarms ausgerückt sind? Es war eine reine Routineüberprüfung, sonst wäre der Chef mitgekommen. Was mich zu drittens führt: Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, ein Bannmagier hatte die Finger im Spiel.«

Kilian lachte auf. »Bannmagier sind so selten wie dreiköpfige Esel.«

»Ich habe noch nie von einem dreiköpfigen Esel gehört, von Bannmagiern schon.«

»Momentan gibt es in Deutschland nur einen, den Mächtigen.« Insgesamt sorgten in ganz Europa überhaupt nur drei Bannmagier für Ordnung.

»Ich sagte ja auch: ›… wenn ich es nicht besser wüsste.‹« Ed grinste. »Dein Mädchen – wie gut kennst du sie?«

»Wie bitte?«

»Du weißt, dass sie eine Hexe ist?« Er bemerkte Kilians Gesichtsausdruck. »Sag bloß, das ist dir nicht aufgefallen?«

»Blödsinn!«, entgegnete er, doch in seinem Kopf formte sich bereits eine eigenartige Gewissheit.

Sie hatten nicht darüber gesprochen, er war einfach davon ausgegangen, dass Natalie ein Mensch war. Hatte sie es nicht erwähnt, weil sie sich keine Abfuhr einhandeln wollte?

»Es kann mir ja egal sein. Verlieb dich, in wen du willst. Ich bin nicht intolerant, aber ich habe mit Magischen keine guten Erfahrungen gemacht, unabhängig vom Job, verstehst du?«

Kilian verstand sehr gut. Ed spielte auf den Tod seiner Schwester an, deren Mörder – ein Magischer – nie gefasst worden war.

»Hast du Beweise? Hast du gesehen, dass Natalie Bannmagie angewandt hat?« Allein die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, erschien ihm absurd.

»Wir müssen die Daten der Detektoren auswerten. Aber ich habe einen Screenshot gemacht. Kam mir gleich so komisch vor, was sie dort veranstaltet hat.«

Ed löste seinen Detektor vom Handgelenk und warf ihn Kilian zu. Lebewesen wurden auf dem blauen Hintergrund als rote Silhouetten dargestellt, die Magie in Form von weißen Linien. Der Screenshot zeigte mehrere Personen. Die in der Mitte hatte die Arme erhoben und war durchdrungen von Magie. Er vergrößerte das Bild. Unzählige feine Adern zogen sich quer durch ihren Körper, verbunden mit dem Banngitter, als wäre sie selbst Teil davon.

»Ach du Scheiße.« Er schloss für einen Moment die Augen, sah wieder hin, fluchte erneut. Die Darstellung ließ sich nicht anders interpretieren. »Und du meinst, das ist Natalie? Sie hat ja noch nicht einmal ein Zepter. Könnte es nicht einer der anderen Leute …«

»Ich habe einen eingebauten Magischensensor, mein Junge. Ich erkenne eine Hexe, wenn ich sie sehe. Und wo steht geschrieben, dass man ein Zepter für Bannmagie braucht? Jedenfalls habe ich die Fahndung nach ihr schon rausgegeben.«

»Fahndung?«, wiederholte Kilian schockiert. »Ist das nicht ein bisschen voreilig?« Ihm war bewusst, dass dies das übliche Vorgehen war, aber verflucht noch mal … es handelte sich um Natalie! Seine Nat. »Magischensensor – hörst du dich überhaupt reden? Trägt sie etwa ein Schild auf der Stirn? Du musst dich irren, Ed«, fügte er ruhiger hinzu, »es muss eine andere Erklärung dafür geben …«

Ed erwiderte nichts und so verfiel auch Kilian in Schweigen. Bilder spukten ihm durch den Kopf. Momentaufnahmen von dem Chaos im Zoo, dann wieder musste er an die Fotos denken, die Natalie ihm geschickt hatte. Gestern erst hatte sie eines für ihn geschossen und er hatte es wieder und wieder angestarrt, völlig hingerissen von ihrem Lächeln. Es war so echt, so unverfälscht. Sie war es. Unter Adeligen aufgewachsen, hatte er gelernt, dass sich hinter jeder noch so schönen Maske Verschlagenheit und Berechnung verbergen konnten. Natalies Natürlichkeit war einer der Gründe, warum er sie so anziehend fand.

Und ausgerechnet sie sollte eine Bannmagierin sein?

»Holla, was ist denn hier los?« Ed bremste scharf ab und verriss das Lenkrad, um nicht auf seinen Vordermann aufzufahren. Kilian wurde in den Gurt gepresst.

Ein Stau hatte sich gebildet und natürlich hielt keiner die Rettungsgasse ein. Trotz Sirene machten die Autofahrer nur schleppend Platz, bis der Verkehr endgültig stockte. Es gab kein Weiterkommen mehr. Über Polizeifunk erfuhren sie, dass der Riese quer über die Autobahn gelaufen war und dabei einen Sattelschlepper beschädigt hatte, der nun die Fahrbahn blockierte.

»Großartig«, zischte Ed. »Dann muss ich uns wohl den Weg freiboxen.«

Gesagt, getan. Gnadenlos fuhr er auf ihren Vordermann auf, im Zurücksetzen krachte er auf das Fahrzeug hinter ihnen, bis die Fahrer ihrerseits auswichen. Nach schier endlosem Rangieren und jeder Menge Blechschäden hatte er den Transporter gewendet. Nun ging es entgegen der Fahrtrichtung zurück bis zur nächsten Autobahnauffahrt, die sie mit achtzig Sachen hinunterrasten, wobei sie nicht bloß einen Wagen touchierten.

»Kreative Lösung«, bemerkte Kilian kopfschüttelnd. Wenn das erst ausgestanden war, würden sie sich mit einem Haufen Klagen auseinandersetzen müssen.

Sie wichen der Route des Riesen großräumig aus und näherten sich der Stadtmitte aus entgegengesetzter Richtung. Die Meldungen ließen das Schlimmste befürchten. Teile des Stadions waren zertrümmert, der Rasen komplett ruiniert. Im Stern-thaler Park war beträchtlicher Sachschaden entstanden. Aktuell lief der Riese auf der Rapunzel Chaussee entlang und hatte bereits Dutzende Autos beschädigt.

Kilian rieb sich die Stirn. »Er wird die Stadt in Schutt und Asche legen.«

»Tja, dann sollten wir froh sein, dass es nur der Riese ist. Stell dir vor, es wären die Drachen.«

4

»War ja klar«, murmelte Paige und bremste scharf ab. Schritttempo, super. Sie öffnete das Fenster einen Spalt. Rapunzel Chaussee. Einer der neuralgischen Punkte auf ihrem Heimweg, an denen der Verkehr regelmäßig zum Erliegen kam.

Sie liebte ihre Heimatstadt Mitran. Liebte das pulsierende Leben, das einen zu jeder Tages- und Nachtzeit in Atem hielt, die bunte Vielfalt, eine Mischung aus Tradition und Moderne. Sie konnte den historischen Gebäuden, die Jahrhunderte hatten kommen und gehen sehen, genauso viel abgewinnen wie den spiegelverglasten Wolkenkratzern. Die Blechkolonnen in den Straßen aber hasste sie.

Liebend gern hätte sie auf das Auto verzichtet, doch Mitran-Biotec, das Pharmaunternehmen, für das sie arbeitete, lag am Stadtrand und war mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer erreichbar. Und ihre gemütliche Innenstadtwohnung wegen ihres Jobs aufzugeben, kam nicht infrage.

»Man muss Prioritäten setzen«, hätte ihre Stiefmutter Louisa gesagt. Und ihr Vater: »Du kannst jederzeit bei mir anfangen, die Tür steht dir immer offen.«

Dieses Angebot hatte sie bereits mehrmals ausgeschlagen. Sie war Biologin, ihr Anliegen war es, die Natur zu schützen. Eher würde die Hölle zufrieren, als dass sie an chemischen Kampfstoffen für die Rüstungsindustrie forschte.

Zumeist überbrückte Paige die einstündige Fahrzeit mit Hörbüchern, am liebsten historische Romane. Sie war zwar nicht so vernarrt in magische Geschichte wie ihre Halbschwester Jolly, aber Geschichte interessierte sie sehr, vor allem in Hinblick auf die wissenschaftlichen Fortschritte. Ihr aktuelles Hörbuch handelte von Königin Blanka von Hessen, deren Schicksal Millionen berührt hatte. Dutzende Filme waren bereits über »Schneewittchen« gedreht, etliche Bücher geschrieben worden. Dieses beschäftigte sich mit dem Leben und Wirken der Königin nach dem Mordversuch durch ihre Stiefmutter.

Vertieft in ihr Buch, wurde ihr erst nach einer Weile bewusst, dass es sich um einen ernsten Zwischenfall handeln musste. Der Verkehr auf der zweispurigen Richtungsfahrbahn war zum Stillstand gekommen, ein Hubschrauber knatterte, Sirenen erschallten. Auf den Bürgersteigen beiderseits der Straße waren jede Menge Leute unterwegs, es schien fast, als flüchteten sie, und zwar alle stadtauswärts.

Paige stoppte das Hörbuch und wechselte zum Radio, da wurde ihre Aufmerksamkeit anderweitig gefesselt. Sie warf nur einen beiläufigen Blick aus dem Fenster, doch der genügte. Jäh stieg Hitze in ihr auf und mit kurzer Verzögerung wurde ihr bewusst, dass ihr Puls raste.

Der Typ zu ihrer Rechten, der große Blonde mit den kurz geschorenen Haaren, der sich durch die Menschenmassen schob, dem Strom entgegen wohlgemerkt – sie kannte ihn! Er war es, ganz sicher!

»Valeriu«, flüsterte sie, nein, nicht sie, es war die Paige von damals, hin- und hergerissen zwischen Liebe und Hass, Sehnsucht und Verlorenheit, die, von der sie gedacht hatte, sie längst hinter sich gelassen zu haben.

Was für ein fataler Irrtum!

Alles brach in ihr auf. Die Wut, die Tränen, das Magendrücken, der Schmerz, der gefühlt niemals weichen wollte, Tage nicht, Wochen, Monate nicht. Über ein Jahr lang fraß sich die dumpfe Leere durch ihr Innerstes. Jetzt, zwei Jahre nachdem Valeriu aus ihrem Leben verschwunden war, kam es ihr vor, als sei es gestern gewesen. Gestern erst …

Sie drosch mit der Faust auf die Hupe, ein paarmal hintereinander, dann im Dauerton. Endlich drehte er sich um. Sein Blick glitt über die Autokolonnen und blieb an ihrer giftgrünen alten Kiste hängen, die er unzählige Male repariert hatte und die erstaunlicherweise, oder vielleicht gerade deshalb, immer noch lief.

Sie sah das Wiedererkennen in seinen Augen, sah einen Sturm von Gefühlen über sein Gesicht branden, ehe seine Miene wieder unverbindlich wurde. Er wandte sich ab.

»Oh nein, wage es ja nicht!«

Paige stürzte aus dem Auto, ließ es einfach an Ort und Stelle stehen, und nahm die Verfolgung auf. Sie schubste und drängte und hatte den Eindruck, keinen Meter voranzukommen. Was war hier eigentlich los?

»Das ist die falsche Richtung, junge Dame«, informierte sie jemand im Vorbeieilen.

Als hätte sie das nicht längst gemerkt. Noch immer begriff sie nicht, wovor die Leute alle flohen, aber selbst wenn das der direkte Weg in einen Vulkankrater wäre, würde sie nicht umkehren.

»Valeriu! Warte!«

Sie hatte ihn tatsächlich eingeholt. Mit dem Rücken zu ihr stand er da, zur Salzsäule erstarrt. Seine Schultern hoben sich, als er tief einatmete und sich umwandte.

»Paige.«

Seine Stimme war noch genauso tief und weich wie damals. Paige, Paige, Paige, ich liebe dich, du bist das Beste, was mir je passiert ist … Aber klar doch.

Falls überhaupt möglich, war er noch attraktiver geworden. Er hatte immer schon gut ausgesehen, doch sein jungenhafter Charme, dem sie nicht hatte widerstehen können, war gewichen, der Schalk in seinen Augen, dieses amüsierte Funkeln, war erloschen.

Er war zum Mann gereift, muskulös und – sie suchte nach der passenden Bezeichnung – hart, ja hart, wie ein Soldat. Angespannter Kiefer, ein leicht verkniffener Zug um den Mund, zusammengezogene Brauen. Alles an ihm strahlte Abwehr aus, und Paige sank ein bisschen in sich zusammen, als er den Kopf schräg legte, wie zur Aufforderung, um Himmels willen endlich zur Sache zu kommen.

Ihr entfuhr ein bitteres Lachen. Sie war Hals über Kopf losgelaufen, ohne sich zu überlegen, was sie ihm sagen wollte. Und nun, unter dem ungeduldigen Blick seiner gewittergrauen Augen, brachte sie keinen Ton hervor.

»Was machst du hier?«, fragte er schließlich. Für Paige hörte es sich mehr nach »Was willst du denn?« an. Was sie wollte? Eine Erklärung, oder noch besser: eine Entschuldigung. Nicht, dass sie ihm je verzeihen könnte …

»Nach Hause fahren, was sonst? Du erinnerst dich an meine Wohnung? Oder hast du mich komplett aus deinem Gedächtnis gestrichen?«

»Nein. Bestimmt nicht …« Valeriu fuhr sich in einer nervösen Geste über die Stirn. »Das ist nicht der passende Zeitpunkt, Paige. Sieh zu, dass du hier verschwindest.«

»Komm mir nicht so! Du bist einfach abgehauen, von heute auf morgen! Hatte ich nach drei Jahren Beziehung nicht mehr verdient als einen verdammten Dreizeiler?«

Paige, ich muss fort.

Vergiss mich, wir können uns nicht wiedersehen.

Es tut mir leid. Valeriu

Sie hatte den Wisch in winzige Schnipsel zerfetzt und ins Klo gespült, doch jetzt wünschte sie sich sehnlichst, ihm das Beweisstück unter die Nase halten zu können.

»Schon, aber ich … konnte nicht. Und ich kann auch jetzt nicht. Bitte hab Verständnis …«

»Verständnis? Ist das dein Ernst?« Sie schrie jetzt, all ihre Enttäuschung in ihre Stimme gepackt. »Wofür soll ich Verständnis haben? Dass du mich sitzen gelassen hast?«

»Hör zu.« Er beugte sich vor und sah sie eindringlich an. »Was zwischen uns vorgefallen ist …«

»Zwischen uns? Du hast mich verlassen! Ich bin aus allen Wolken gefallen!«

Valeriu blickte sich unruhig um. »Paige, bitte, ich muss gehen. Und du auch. Du … Lauf! Bring dich in Sicherheit!«

»Ich will eine Erklärung!«

Er schüttelte den Kopf. Presste die Lippen aufeinander. Und war im nächsten Moment im Gewühl verschwunden. Wo er eben noch gestanden hatte, so dicht vor ihr, dass sein Geruch eine Erinnerung nach der anderen weckte, klaffte mit einem Mal eine Lücke in der Menge.

Paige schnappte nach Luft. Schwindel überfiel sie und sie taumelte zurück. Er war einfach gegangen – schon wieder. Das Blut pochte in ihren Wangen und die Scham darüber, dass er sie auf diese Weise abserviert hatte, drohte sie beinahe zu zerreißen.

»Was bildest du dir eigentlich ein, du Dreckskerl?«, murmelte sie, als sie den Motor startete. »Ich hasse dich, ich hasse, hasse, hasse dich!« Sie blinzelte den Tränenschleier weg. Nein, sie würde nicht zu heulen beginnen!

Die Menge zerstreute sich, auch der Stau löste sich langsam auf, und zwar vom Ende her. Die Autofahrer setzten zurück oder wendeten, ungeachtet der Einbahnstraße. Momentan galten offenbar andere Regeln.

Sie wollte ebenfalls wenden, als sich ein Schatten über ihr Auto legte. Sie blinzelte durch die Windschutzscheibe und sah eine behäbige Gestalt auf sich zukommen, eine große Gestalt, sehr groß – ein Riese!

»Ach du Scheiße.«

Er befand sich mitten auf der Fahrbahn, vielleicht noch fünfzig Meter entfernt, und kam geradewegs auf sie zu. Ein Auto nach dem anderen zertrümmerte er mit seinen bloßen Füßen. Im Vorbeigehen stieß er die Faust in die Fenster der angrenzenden Häuser und riss die erst kürzlich gepflanzten Jungbäume aus. Er war komplett in Rage.

War er aus dem Gefängnis der OMB ausgebrochen? Aus dem Zoo? Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Riesen lebten nirgendwo auf der Welt mehr in Freiheit.

Aussteigen und rennen, Paige. Doch gerade als sie die Tür aufstoßen wollte, rammte der Fahrer neben ihr beim Wenden ihren Wagen. Sie fing seinen Blick auf, in dem keinerlei Zerknirschtheit lag, lediglich Furcht. Der Motor starb ihm ab und als er ihn wieder zum Laufen gebracht hatte und losfahren wollte, krachte ein Baum in seine Heckscheibe.

Paige schrie auf. Sie rüttelte an der Tür, doch sie ließ sich nicht mehr öffnen, also kroch sie auf den Beifahrersitz. Der Riese war höchstens noch drei, vier Meter entfernt. Nur noch ein Schritt, ein Schritt …

Sie wollte nach dem Türriegel greifen, blieb aber mit dem Riemen ihrer Tasche hängen. Panik überrollte sie, vereiste ihren Körper, ihren Verstand. Sie saß wie ein Tier in der Falle, bewegungsunfähig, ausgeliefert. Sie würde hier sterben, zermalmt unter einem Haufen Blech.

Noch einmal, in einem letzten Aufwallen von Überlebensinstinkt, streckte sie sich nach dem Riegel, da wurde die Beifahrertür aufgerissen. Hände schoben sich unter ihren Körper und hoben sie vom Sitz.

Ein trockenes Schluchzen entwich ihr. »Valeriu!«

Sie klammerte sich an ihn, als er mit ihr zur Hausmauer zurückwich. Nur Sekunden später hörte sie das Ächzen von Metall. Der Riese setzte den Fuß auf die Motorhaube und stapfte über ihr Auto hinweg.

»Verdammt, Paige! Kannst du einmal auf das hören, was man dir sagt? Nur ein einziges Mal?«

Sie starrte ihn an, von keuchenden Atemstößen geschüttelt und unfähig, sich zu rechtfertigen. Als er nichts weiter sagte, barg sie den Kopf an seiner Schulter und brach in Schluchzen aus.

Valeriu brachte sie aus der Gefahrenzone und murmelte ihr beruhigende Worte ins Ohr, die in eklatantem Widerspruch zu seinem Zorn standen. Sie erinnerte sich an diverse Begebenheiten aus ihrer gemeinsamen Zeit, da er sie auf ebensolche Weise angeschnauzt hatte. Es war Sorge, die ihn dazu brachte, Sorge um sie. Bedeutete sie ihm noch etwas?

Erst einige Gassen weiter setzte er sie ab und sah sie forschend an. »Bist du verletzt?«

»Nein.« Ihr Mund war staubtrocken, ihr T-Shirt hingegen nass geschwitzt. Sie trat einen Schritt zurück. »Danke.«

Valeriu seufzte.

Über ihren Köpfen kreisten zwei Hubschrauber der Polizei.

Eine blecherne Stimme forderte durch ein Megafon auf, zu Hause zu bleiben oder in einem Gebäude Schutz zu suchen.

»Was werden sie tun?«, fragte Paige.

»Ihn wieder einfangen.«

»Wie fängt man einen Riesen ein?«

»Das obliegt der Organisation. Schätze, der Mächtige wird ihn bannen.«

Richtig, Magie. Nicht ihr Metier.

Die Uhr an Valerius Handgelenk piepte, ein Signalton, mit dem er offenbar gerechnet hatte, denn sein Gesicht gab keinerlei Überraschung preis. »Ich muss gehen. Leb wohl.« Spontan fasste sie nach seiner Hand. Etwas Undefinierbares blitzte in seinen Augen auf. »Was noch?«

»Können wir uns wiedersehen?«

»Nein.«

»Bitte. Ich lade dich ein, auf einen Kaffee, oder so.« Sie tranken beide keinen, das war der Witz an der Sache, aber mit diesem Anmachspruch hatten sie sich kennengelernt. In einem schäbigen kleinen Café hatten sie sich gegenübergesessen, zwei unberührte Cappuccinos auf dem Tisch. Erst Tage später, bei ihrem zweiten, rein zufälligen Treffen, hatte Valeriu ihr die Wahrheit gestanden.

Ein Lächeln huschte über seine Lippen, doch wieder verneinte er. »Es tut mir leid, Paige. Belassen wir es dabei, bitte.«

Sie schluckte gegen die aufsteigenden Tränen an. Dieser Abschied fühlte sich weitaus schlimmer an als jener vorhin. Zuvor hatte sie sich mit ihrer Wut beholfen, aber jetzt? Sie empfand nichts als den unsäglichen Schmerz des Verlustes. Ein Verlust, der ihr seit damals in den Knochen steckte. Den sie nie verwunden hatte.

Paige blickte ihm nach, bis er am Ende der Gasse um die Ecke bog. Überrascht bemerkte sie seine seltsam schleppenden Schritte. Und taumelte er nicht etwa? Er wirkte so … kraftlos, fast so, als hätte er Schmerzen.

Einbildung? Oder Tatsache?

Sie folgte ihm und ihr Eindruck wurde zur Gewissheit, als er sich zwei Gassen weiter über ein Auto beugte, das Gesicht bleich und stark schwitzend. Die Jacke streifte er ab, das Hemd war bereits bis zum Bauchnabel offen und seine Hände nestelten am Hosenbund, als hätte er vor, sich auf offener Straße zu entkleiden.

»Valeriu?«

Er gab keine Antwort, Paige war sich nicht einmal sicher, ob er sie überhaupt wahrnahm, so unstet war sein Blick. Vor ihren Augen brach er in die Knie. Sie stürzte zu ihm, wollte ihn stützen, ihm aufhelfen, da stieß er einen zischenden Laut aus, und sie wich erschrocken zurück.

Ein eigenartiger Geruch ging von ihm aus, intensiv, fremd, nicht menschlich. Sie konnte ihn nicht zuordnen. Erst als sie das Fell bemerkte, das aus seiner Haut hervorbrach und in Windeseile seine Brust bedeckte, grau-golden gesprenkelt, als seine Kleidung aufplatzte, während sein Körper sich veränderte, als sie beobachten musste, wie er zusammenbrach und unter Schmerzen alle Menschlichkeit abstreifte, erst da begann sie zu begreifen.

Und als er sie mit gefletschten Zähnen anknurrte, sprang sie voller Entsetzen vor ihm zurück.

5

Jolly stupste Natalie an. »Geht es dir gut?«

»Nein.«

Sie saßen im Taxi und die Luft war zum Schneiden dick, weil sich Rouven, der Fahrer, eine Zigarette nach der anderen ansteckte. Er war ein Bekannter von Jolly, den sie angerufen hatte, als sie erfuhren, dass der Riese einen Zug aus der Aufhängung der Schwebebahn gerissen hatte. Der Tag hatte richtig was zu bieten.

Rouven benutzte vorwiegend Schleichwege und musste die Strecke aufgrund der aktuellen Meldungen, die über den Taxifunk hereinkamen, laufend anpassen. Aus dem Funkkauderwelsch wurde Natalie nicht schlau, aber ab und zu übersetzte Rouven für sie.

Der Amoklauf des Riesen schien kein Ende zu nehmen. Er zog randalierend durch die Straßen, beschädigte Autos, entwurzelte Bäume, schlug Fenster und Auslagen ein, durchlöcherte Dächer. Zudem gab es jede Menge Verletzte. Je mehr Meldungen hereinkamen, desto elender fühlte sich Natalie. Ihr Versuch, eine Katastrophe zu verhindern, hatte diese erst recht heraufbeschworen.

Jolly seufzte. »Nein. Natürlich geht es dir nicht gut. Doofe Frage, doofe Freundin. Schätze, ein Schokoflash ist keine Lösung.«