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Die Blutschuld des Vaters
Ergreifender Roman um ein Mädchenschicksal
Von Gustl Steiner
Vor zwanzig Jahren haben die Wiesners Franz als kleinen Buben aus dem Waisenhaus auf ihren Hof geholt. Dort wuchsen er und die Hoftochter wie Geschwister miteinander auf. Doch seitdem Marei zu einem bildhübschen Madl herangereift ist, begehrt Franz sie wie keine andere. Er ist geradezu verrückt nach ihr und träumt davon, dass sie die Seine wird.
Marei jedoch will nichts von dem Burschen wissen. Franz glaubt sich seinem Ziel dennoch ganz nah, denn er kennt ein dunkles Geheimnis, das Mareis Vater jederzeit das Genick brechen kann.
"Ich will die Marei zur Frau", erklärt er ihm, "und du wirst ihr gut zureden, damit sie zustimmt. Sonst häng ich dich hin!"
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover
Impressum
Die Blutschuld des Vaters
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Michael Wolf
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 9-783-7325-8666-0
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Die Blutschuld des Vaters
Ergreifender Roman um ein Mädchenschicksal
Von Gustl Steiner
Vor zwanzig Jahren haben die Wiesners Franz als kleinen Buben aus dem Waisenhaus auf ihren Hof geholt. Dort wuchsen er und die Hoftochter wie Geschwister miteinander auf. Doch seitdem Marei zu einem bildhübschen Madl herangereift ist, begehrt Franz sie wie keine andere. Er ist geradezu verrückt nach ihr und träumt davon, dass sie die Seine wird.
Marei jedoch will nichts von dem Burschen wissen. Franz glaubt sich seinem Ziel dennoch ganz nah, denn er kennt ein dunkles Geheimnis, das Mareis Vater jederzeit das Genick brechen kann.
„Ich will die Marei zur Frau“, erklärt er ihm, „und du wirst ihr gut zureden, damit sie zustimmt. Sonst häng ich dich hin!“
Der Mann, der zwischen den blühenden Alpenrosen hoch droben im Sonnenschein auf einem Felsbrocken saß, summte ein Lied vor sich hin und putzte sein Fernglas, durch das er vorhin eine Zeit lang die einsame Gegend betrachtet hatte.
Am Felsen lehnten ein Bergstock und der Stutzen, dessen Mündung mit einer Lederkappe geschützt wurde. Neben dem Stutzen lag der Rucksack, aus dem der Duft von Rauchfleisch und Sauerteig drang.
Lorenz Bäumler hatte die fünfzig auf dem Buckel, einen struppigen grauen Kopf, ein sonnenverbranntes Faltengesicht und daheim eine kränkelnde Frau, die mit dem schmalen Einkommen des Mannes drei unmündige Kinder zu ernähren hatte.
Dem Forstamt Brunnbach war Lorenz unterstellt, und das schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren. Ihm war die Aufsicht über das Hochlandrevier und den fast dreitausend Meter hohen Kofelstein herum befohlen worden, und hier versah Lorenz schon seit Jahr und Tag seinen schweren Dienst.
Haargenau wusste er, wo die Murmeltiere ihre Erdhöhlen, wo das Rotwild seine Standorte und wo die Gamsherden ihre Äsplätze hatten.
Im Augenblick dachte er an den kleinen Peppi, der noch immer so arg hustete, dass es einem angst und bange werden konnte. Hoffentlich steckte er die anderen nicht an.
Lorenz seufzte. Das liebe Geld war so knapp, und wenn man darüber nachdachte, was geschehen würde, wenn man nicht mehr so konnte wie augenblicklich …
Net dran denken, sagte er sich und blinzelte den Hang hinunter – zum Geröllfeld hinüber, das im Verlauf der Jahrhunderte vom Kofelstein abgebröckelt war und vom Fuß der Felswände bis hinunter zu den Latschenkiefern reichte.
Plötzlich hob Lorenz das Fernglas wieder vor die Augen und spähte abwärts.
Dort unten, am rechten Rand des Geröllfeldes, hatte sich doch eben etwas bewegt! Ein einsamer Gamsbock?
Nein! Lorenz pfiff leise durch die Zähne.
„Hundskerl, was hast du dort zu suchen?“, murmelte er.
Er beobachtete noch eine Weile die verdächtige Gestalt. Sie verschwand ein paarmal und tauchte wieder auf. Und jetzt tauchte weiter oben eine zweite Gestalt auf und winkte der andern, die etwas tiefer herumkroch.
Zwei also, die eine Lumperei im Sinn haben!, dachte Lorenz. Er rutschte vorsichtig von seinem Platz, warf den Rucksack über die Schultern, ergriff den Stutzen, lud ihn, prüfte die Sicherung, ergriff den Bergstock und machte sich davon.
Wie ein Fuchs schlich er durch die blühenden Alpenrosen den unsichtbaren Pfad entlang, der nach drüben führte. Möcht nur wissen, was das für Lumpen sind, dachte Lorenz. Ich muss sie noch eine Zeit beobachten. Es können ja auch zwei harmlose Herumtreiber sein! Aber der Verdacht, dass es doch zwei Lumpen waren, war stärker.
Die Sonne stand schon schräg, aber sie brannte noch immer heiß aus dem wolkenlosen, etwas diesigen Himmel. Weit unten lag Brunnbach – hingestreut ins enge Tal wie aus Gotteshand.
Lorenz schlich zwischen Felsblöcken und dunklen Latschengruppen auf die andere Hangseite hinüber. Von oben herunter wollte er versuchen, den beiden Lumpenkerlen beizukommen und ihr trübes Handwerk zu legen. Eine gottlose Gemeinheit, am helllichten Nachmittag zu wildern! Jawohl, zu wildern! Das stand für Lorenz fest wie das Amen in der Kirche.
Jetzt musste er höllisch aufpassen, denn sie waren zu zweit. Ob es gut ausgehen würde? Oder sollte er lieber umdrehen und die Lumpen laufen lassen?
Nein!
Lorenz pirschte sich möglichst leise den Hang hinunter. Dabei war es unvermeidlich, dass ein paar Steine ins Rollen gerieten und in immer größer werdenden Sprüngen abwärtssausten.
Verdammt und zugenäht! Nun hatte er einen schmalen Gürtel Latschenkiefern erreicht, den er durchqueren musste. Auch dies ging nicht ohne Geräusche ab. Schließlich lag die Baumgruppe hinter ihm.
Und da sah er die zwei. Sie standen keine hundert Meter weiter unten in einer Mulde. Sie mussten etwas gehört haben, denn sie schauten jetzt herauf. Zwei Unbekannte. Ein langer Kerl und ein etwas kleinerer, der plötzlich heraufzeigte. Der Lange hatte ein Gewehr.
„Halt!“, schrie Lorenz hinunter und riss den Stutzen hoch. „Schmeiß das Gewehr weg, du Lump!“ Und als er, vor Erregung zitternd, über Kimme und Korn schauen wollte, sah er, dass auf der Stutzenmündung noch die Lederkappe saß. Zum Teufel!
Lorenz ließ den Stutzen sinken, riss den Mündungsschoner herunter und …
Da krachte es auch schon. Es krachte zweimal ganz schnell hintereinander. Gleichzeitig spürte Lorenz einen kurzen wilden Hieb gegen den rechten Schenkel. Dann krachte der Stutzen. Aber Lorenz spürte, dass er ins Leere schoss, dass auf einmal der Körper bleischwer wurde und die Beine ihn nicht mehr tragen wollten.
Funkelnde Sterne sausten Lorenz vor den Augen herum. Ob er wollte oder nicht, er knickte plötzlich zusammen und auf die Knie. Um ein Haar wäre er noch den Hang hinuntergekollert, wenn er sich nicht rechtzeitig auf die Seite gelegt hätte.
Es hat mich erwischt, dachte er völlig benommen. Er spürte, dass ihm etwas Warmes im rechten Hosenbein runterlief.
Wie durch einen Nebel sah Lorenz, dass die beiden Gestalten in der Mulde unten verschwunden waren.
Wie lange lag er so am Hang? Wie lange brauchte er, bis ihm klar wurde, dass er heim musste, ins Tal runter, zum Doktor oder zur Frau?
Er konnte auch keinen Rettungswagen mit dem Handy rufen, denn hier oben gab es keinen Empfang.
Das Blut rann im Hosenbein hinab, drang unten heraus und färbte den Schuh und das dürre Gras dunkelrot. Bleischwer waren die Glieder geworden. Lorenz musste die Zähne zusammenbeißen, um sich bewegen zu können.
Er tastete nach dem Stutzen, hing ihn sich quer über den Rücken, schaute sich nach dem Bergstock um und nahm ihn. Und dann versuchte der Jäger Lorenz Bäumler den Hang hinunterzurutschen. Es gelang ihm auch irgendwie. Ihm wurde übel, es wurde ihm schwarz vor den Augen, und sein Kopf dröhnte.
Unten, auf dem Waldweg angekommen, konnte Lorenz nicht mehr aufstehen. Auf allen vieren – oder vielmehr auf drei Gliedern – kroch er den gerölligen Weg weiter, das zerschossene Bein und eine dunkle Blutspur nach sich ziehend – Meter um Meter, bis zum Waldrand. Dort blieb er ein paar Stunden liegen, um dann weiterzukriechen und kraftlos um Hilfe zu rufen.
Es wurde Nacht, und es wurde wieder Morgen, als Lorenz noch immer auf dem Weg lag, ohne dass ihn jemand fand.
Er spürte die Zeit nicht mehr, er ahnte nur, dass es bald mit ihm zu Ende ging, wenn nicht bald Hilfe kam. Ein paarmal versuchte er zu rufen, aber ihm entschlüpften nur ein paar lallende, gekrächzte Laute, die einen neugierigen Eichelhäher vertrieben.
Kurz vor dem Abend fanden ihn endlich drei Holzknechte, die zum Schnappenkirchlein hinaufwollten. Sie dachten erst, Lorenz sei schon tot, aber dann machten sie aus ein paar Ästen eine Tragbahre, luden ihn darauf und trugen ihn im Laufschritt nach Brunnbach hinunter – zuerst ins Forsthaus, dann zum Doktor hinüber, der auf der andern Dorfseite seine Praxis hatte. Der Forstmeister kam mit und hielt schon für alle Eventualitäten den Dienstwagen bereit.
„Auf dem schnellsten Weg ins Spital“, sagte der Arzt. „Er muss schon viel Glück haben, wenn er durchkommen soll!“
Mali Bäumler, eine blasse, schwindsüchtig aussehende Frau, erfuhr von dem Unglück ihres Mannes erst ein paar Stunden später. Der Forstmeister persönlich begab sich in das windschiefe Bachhäusl, wo die Familie zu Hause war.
Umgeben von ihren drei Kindern, starr und aufrecht, vernahm Mali Bäumler, was geschehen war. Sie brach nicht zusammen, sie schrie auch nicht auf. Sie weinte nur still in die Hand hinein.
„Was machen wir denn jetzt, Mutter?“, fragte die zwölfjährige langzöpfige Leni, das älteste der Kinder, schüchtern.
„Wir werden schon dafür sorgen, dass es euch an nix fehlt“, erwiderte der Forstmeister bewegt. „Euer Vater ist im Dienst verunglückt! Ein braver Mann! Hut ab vor ihm!“
Hut ab! Jawohl!
Aber in der gleichen Nacht nahmen die Chirurgen im Spital Lorenz das rechte Bein bis hinauf zum Schenkel ab und machten aus dem Jäger Bäumler einen Einbeinigen.
***
Niemand wusste, wer Lorenz Bäumler das Bein kaputt geschossen hatte. Zwar versuchte ein Haufen Polizisten, den Fall zu klären und die beiden Wilderer, von denen Lorenz immer wieder faselte, in der Gegend ausfindig zu machen, aber ebenso gut hätte man in einem Heuhaufen nach Stecknadeln suchen können.
Ein paar Wochen lang redete man noch von dem Unglück, das Lorenz getroffen und das ihm das rechte Bein bis zum Schenkel hinauf gekostet hatte. Dann verstummte das Gerede, und der Alltag brachte andere Gesprächsthemen.
Eins davon war, dass der Nachfolger des Lorenz Bäumler angekommen war, ein gewisser Anton Brucker, ein baumlanger, scharfäugiger Mann mit einem verschlossenen, kantigen Gesicht.
Der übernahm also jetzt das Hochlandrevier rundum den Kofelstein, während Lorenz Bäumler noch immer im Spital lag.
Forstmeister Adams, ein gemütlich aussehender Bilderbuchförster mit grauem Backenbart, dienstlich aber unnachsichtig streng und pflichtbewusst, war mit dem neuen Jäger nicht nur einverstanden, sondern gleich von Anfang an sehr zufrieden.
Zweiunddreißig Jahre war Anton Brucker alt, aber er sah jünger aus. Er kam aus dem Salzburgischen herüber, wo er fünf Dienstjahre gesammelt und jagdliche Gepflogenheiten jenseits der Landesgrenze studiert hatte.
Forstmeister Wenzel Adams hatte es irgendwie im Gespür, dass dieser Brucker in der Lage sein könnte, den Fall „Lorenz Bäumler“ zu klären, und instruierte seinen neuen Beamten über die Dinge. Anton Brucker versprach nichts, aber er wollte scharf aufpassen.
Er bewohnte oberhalb des Forsthauses eine schon seit Jahren leerstehende Blockhütte, die die Frau des Forstmeisters ein bisschen wohnlich hergerichtet hatte. Dort also bezog Toni, wie er genannt wurde, mit seinem Dackel Emil Quartier und begann seinen Dienst im Hochlandrevier.
Er wusste schon bald, wo die Grenzen verliefen, wo die Gamsrudel sich tagsüber aufhielten, wo sie ästen und wo das Rotwild seinen Stand- und Futterplatz hatte. Er machte sich auch mit den Holzknechten bekannt und besuchte sie bei den schweren Arbeiten.
Auch bei der Bäumlerin, die noch immer allein daheim war und auf die Genesung ihres Mannes wartete, machte er einen Besuch, schenkte den Kindern Süßigkeiten und freundete sich besonders mit dem kleinen, etwas schwächlichen Peppi an, dem der böse Husten arg zugesetzt hatte.
So kam es also, dass Toni Brucker in kurzer Zeit eine ortsbekannte Erscheinung wurde, abends zum Oberwirt ging, um eine Maß Bier zu trinken und sich mit den Leuten auf Du und Du zu bringen. Das war ja von Wichtigkeit und Vorteil, wenn er jenen auf die Spur kommen wollte, die Lorenz Bäumler das Bein kaputt geschossen und eine Familie in Not und Sorgen gebracht hatten.
Aber Brunnbach schien nur aus redlichen Bewohnern zu bestehen, und beim Oberwirt verkehrten wohlhabende Bauern und unverdächtige Gäste. Die Burschenschaft des Dorfes, die Toni heimlich aufs Korn nahm, war anständig und ging geregelter Arbeit nach. Es gab keinen müßigen Herumtreiber unter ihnen, und die Mädchen, die sich nach dem schneidigen Jäger mehr oder weniger offen umschauten, waren gut gewachsen und hübsch.
***
Fünf Wochen versah Toni Brucker bereits seinen Dienst. Es war ein total verregneter Tag, an dem er im Hochlandrevier herumstieg, die Gamsrudel beobachtete, Rotwild in nebelverhangenen Waldschneisen äsen sah und die Holzknechte besuchte. Am Spätnachmittag schlug der Jäger dann den Heimweg ein, weil der Regen immer dichter fiel und ihn völlig durchnässt hatte.
Mit triefendem Lodenumhang und durchweichtem Schuhwerk, vom pitschnassen Dackel gefolgt, der brav hinter seinem Herrn herlief, erreichte Toni den Forstamtsweg und strebte talwärts.
Weiter unten zweigte ein abkürzender Weg ab, der eine Zeit lang durch die Schonung führte und dann einen Hof erreichte, der ziemlich einsam in einer Mulde lag, von grünen Hügeln umgeben, auf denen ein paar Kühe grasten.
Dieser Hof gehörte Gustav Wiesner, dessen Frau vor zwei Jahren nach kurzer schwerer Krankheit verstorben war. Zusammen mit seiner Tochter Marei und dem fünfundzwanzigjährigen Knecht Franz Stammer, der mit zur Familie gehörte und den die Wiesners als kleinen verwaisten Buben vor mehr als zwanzig Jahren auf den Hof genommen hatten, bewirtschaftete der alte Wiesner sein Anwesen.
Es war ein Hof mittlerer Größe, und er ernährte die Menschen gut.
An die zwanzig Stück Vieh besaßen die Wiesners und dazu große Ackerflächen und Wiesen. Das einstöckige Wohnhaus mit dem Balkon sah gepflegt aus. Die Stallmauern waren frisch gekalkt, und im offenen Schuppen standen die landwirtschaftlichen Geräte in Reih und Glied nebeneinander.
Der Wiesnerhof lag etwas abgeschieden. Bis zum Dorf hinüber waren es gut zwei Kilometer, der Weg führte am Bach entlang.
Toni kam den schmalen, vom Vieh ausgetretenen Hangweg herunter und näherte sich dem Anwesen von der Rückseite her. Plötzlich war es ihm, als höre er einen unterdrückten Schrei. Es klang, als versuche eine Frau sich zu wehren.
Jetzt ertönte noch einmal dieser Laut. Er kam aus der Scheune, die hinter dem Wohnhaus anschloss und deren Torhälften offen standen.
Der Jäger beschleunigte den Schritt. Er lief auf die offene Scheune zu, aus der jetzt deutliche Geräusche eines Zweikampfes drangen: Keuchen, Rascheln, erstickt klingende Laute.
Im Hintergrund rangen zwei Gestalten miteinander: ein Mädchen und ein hemdsärmeliger Bursche mit dunklem, wirrem Krauskopf. Er versuchte das Mädchen ins Heu zu zwingen.
„Franz, lass mich los!“, keuchte das Mädchen. „Lass mich auf der Stelle los, du …! So hör doch auf! Ich schreie!“
Der Bursche lachte heiser und presste seine Hand auf ihren Mund.
„Wildkatze!“, schnaufte er. „Tu doch net so!“
Mit drei schnellen Schritten war Toni bei den beiden, packte den Burschen an der Schulter und riss ihn zurück.
„Lass das Madl los, du Kerl!“
Der Bursche flog mit dem Rücken gegen den in der Scheune stehenden Leiterwagen. Das Mädchen stand mit zerzaustem, lang auf die Schultern fallendem dunkelblondem Haar da, atmete erregt und starrte den Jäger an. Sie war etwa zwanzig Jahre alt, hatte graue, jetzt dunkel und erregt blickende Augen und ein ovales sonnengebräuntes Gesicht. Die in einem Kittelkleid steckende Gestalt war gut gewachsen.
„Bin ich zur rechten Zeit gekommen, Dirndl?“, fragte Toni.
Das Madl nickte und warf dann einen empörten Blick auf den Burschen, der den Jäger mehr erschrocken als wütend ansah.
„Es war nur Spaß, Jäger“, sagte Franz Stammer. „Eine Einmischung wär net notwendig gewesen.“
„Nein, nein, so schlimm war’s auch wieder net“, versicherte jetzt auch das Madl lächelnd.
„Du hast um Hilfe geschrien“, stellte Toni fest. Sein Blick glitt über die noch immer heftig atmende Mädchengestalt hinweg. „Kommt so etwas öfter vor?“
„Misch dich da mal net ein, Jäger“, fuhr Franz ihn an und ging auf Toni zu. „Ich bin hier schließlich kein hergelaufener Fremder.“
„Euer Knecht?“, fragte Toni das Mädchen, ohne den Burschen zu beachten.
Marei nickte und ordnete das Kittelkleid, das am linken Ärmel aufgerissen war und ein Stück schimmernde Haut sehen ließ.
„Dank dir schön, Jäger“, murmelte sie dann, „aber es ist weiter nix geschehen.“ Ein dunkler Blick streifte ihn, in dem es verhalten leuchtete.
Toni wandte sich an den Burschen und maß ihn scharf.
„Es ist ein Zeichen schwachen Charakters, wenn man versucht, bei einem Madl etwas erzwingen zu wollen. Merk dir das! Guten Tag!“
Toni Brucker ruckte den unter dem Lodenumhang verrutschten Stutzen auf die Schulter und verließ den Schauplatz.
Das Mädchen sah der großen, etwas abenteuerlich wirkenden Gestalt nach. Als sie verschwunden war, richtete sich der Blick auf den Burschen.
„Geh an die Arbeit“, befahl sie kühl, „und lass dir nimmer einfallen, dich mir gegenüber so aufzuführen, sonst sag ich’s dem Vater.“
Franz Stammer war von untersetzter Figur und hatte ein dunkles leidenschaftliches Gesicht, das etwas verschlagen wirkte. Die tief liegenden schwarzen Augen hatten einen stechenden Blick. Das krauslockige Haar hing ihm wirr in die niedrige Stirn. Jetzt verzog er den Mund zu einem schiefen Grinsen.
„Der Vater weiß längst, dass ich dich mag, Marei. Ihm wär’s nur recht, wenn wir zwei …“
„Ich mag net“, unterbrach sie ihn brüsk und verließ die Scheune.
