Alpengold 402 - Erika Hofer - E-Book

Alpengold 402 E-Book

Erika Hofer

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Beschreibung

Xaver Krickl, der alte Postbote von St. Georgen, stapft mit schweren Schritten den schmalen Weg entlang, der aus dem kleinen Dörfchen hinausführt und sich weiter droben im Wald verliert. Bis zum Forsthaus ist es ein gutes Stück Weg, und es geht steil bergauf.
Endlich aber hat der Alte es geschafft. Das Forsthaus von St. Georgen taucht vor seinen Blicken auf, ein anheimelnder Bau mit grüngestrichenen Fensterläden, bunten Blumenstöcken auf der Brüstung und einem Garten, dem man ansieht, dass er liebevoll gepflegt wird.
Ja, die Katrin, die hat für alles, was da wächst und blüht, eine gute Hand, denkt der Xaver. Ist überhaupt ein tüchtiges Dirndl, sauber und blitzgescheit. Da öffnet sie ihm auch schon die Haustür.
"Grüß dich, Xaver! Was bringst uns denn heute Schönes?"
Der Alte schnauft heftig. "Heut’ hab’ ich einen Brief dabei, hoffentlich ist’s was Gutes!"
Das Dirndl nimmt das Schreiben in Empfang und wirft einen Blick auf den Absender. Dann wird es blass ...


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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Cover

Der Förster von Sankt Georgen

Vorschau

Impressum

Der Förster von Sankt Georgen

Wenn ein Herz in Treue wartet

Von Erika Hofer

Katrin Leitner, die bildhübsche Tochter des Försters von Sankt Georgen, freut sich jedes Jahr aufs Neue unbändig, wenn Hubertus Ronacher, ein Industrieller aus München, im Herbst zur Jagd in das abgelegene Dorf kommt. Immer bringt er einen Hauch der großen, weiten Welt mit, und das Madl hängt wie gebannt an seinen Lippen, wenn er abends im Försterhaus von seinen Erlebnissen erzählt. Schon lange ist es Katrins heimlicher Wunsch, der Enge ihrer Heimat zu entfliehen. Und als sich ihr ganz unerwartet die Möglichkeit bietet, in München zu wohnen und zu arbeiten, geht ihr Traum in Erfüllung. Doch die Euphorie währt nicht lange, denn in der Stadt erlebt Katrin die bittersten Stunden ihres jungen Lebens ...

Xaver Krickl, der alte Postbote von Sankt Georgen, stapfte mit schweren Schritten den schmalen Weg entlang, der aus dem kleinen Dörfchen hinausführte und sich weiter droben im Wald verlor.

Der Alte nahm seine Mütze ab, fischte ein bunt kariertes Sacktuch aus der Joppentasche und wischte sich schnaufend den Schweiß von der Stirn. Bis zum Forsthaus war es ein gutes Stück Weg, und es ging steil bergauf.

»Brieftauben müsst ich haben«, knurrte Xaver verdrossen in seinen struppigen Schnauzbart, »dann könnt ich mir den Weg da herauf sparen!«

Endlich aber hatte der Alte es geschafft. Das Forsthaus von Sankt Georgen tauchte vor seinen Blicken auf, ein anheimelnder Bau mit grün gestrichenen Fensterläden, bunten Blumenstöcken auf der Brüstung der Altane, die das obere Stockwerk umzog, und einem Garten, dem man ansah, dass er liebevoll gepflegt wurde.

Ja, die Katrin, die hat für alles, was da wächst und blüht, eine gute Hand, dachte Xaver. Ist überhaupt ein tüchtiges Dirndl, sauber und blitzgescheit.

Gerade als er die Gartenpforte öffnete, trat Katrin Leitner, die Tochter des Försters, aus der Haustür.

»Grüß dich Gott, Xaver«, rief sie ihm entgegen. »Was bringst du uns denn heute Schönes?«

Der Alte schnaufte heftig.

»Grüß dich, Katrin! Du wirst alle Tage hübscher. Heute hab ich einen Brief dabei, hoffentlich ist's was Gutes!«

Das Dirndl nahm das Schreiben in Empfang und warf einen Blick auf den Absender. Dann lachte sie, dass ihre schneeweißen Zähne in dem von der Sonne gebräunten Gesicht aufblitzten.

»Vom Herrn Ronacher«, sagte sie erfreut. »Da wird er sicher wieder zu uns kommen, zur Hirschbrunft. Der Vater wird sich freuen.«

»Ah so, der Herr Ronacher aus München«, meinte Xaver bedächtig. »Freilich, das ist ein feiner Herr, reich ist er, aber net eingebildet, sondern allweil freundlich und zu einem Spaß aufgelegt.«

»Ja, und er ist ein waidgerechter Jäger, kein Sonntagsschütze, der keine blasse Ahnung hat von der Jägerei. Komm doch rein, Xaver. Ich spendiere dir einen Enzian.«

Der Postbote folgte Katrin ins Haus. Auf der Bank im Herrgottswinkel ließ er sich nieder und sah zu, wie Katrin die bauchige Flasche mit dem selbst gebrannten Enzian aus dem Wandschrank holte und ein Glas füllte.

»Wohl bekomm's, Xaver«, sagte sie freundlich.

»Auf deine Gesundheit, Dirndl, und auf dass du einen feschen Hochzeiter bekommst und viele Kinder!«, sagte der Alte mit einem verschmitzten Lächeln und hob das Glas.

»Geh, Xaver, red doch net allweil einen solchen Unsinn daher!«, erwiderte Katrin errötend. »Ans Hochzeitmachen denk ich noch lang net.«

»Das solltest du aber bald tun, Katrin«, riet Xaver ihr mit listigem Augenzwinkern.

Wohlgefällig betrachtete er sie, wie sie da rank und schlank vor ihm stand, ihr dunkles Haar und die leuchtend blauen Augen, die so rein und klar waren wie ein Bergsee.

»Drunten im Dorf hab ich schon öfter so was gehört«, fuhr er fort, nachdem er das Glas geleert hatte, »dass der Anderl dich gern mag. Und ich denk halt, das wäre schon der rechte Mann für dich. Dein Vater würde sich gewiss freuen, wenn du seinen tüchtigen Jäger zum Mann nehmen tätst.«

Katrin zog die dunklen Brauen unmutig zusammen.

»Was die Leut den lieben langen Tag daherreden, das kümmert mich net! Und was den Anderl betrifft, na ja, er ist ein netter Bursch, aber heiraten tät ich einen Jäger nie!«

»Hast du gar einen anderen im Sinn?«, fragte Xaver. »Mir kannst du es schon anvertrauen, Katrin, ich kann schweigen wie ein Grab!«

Das Madl lachte hellauf. Ausgerechnet Xaver, das wandelnde Nachrichtenblatt, wie man ihn im Dorf nannte!

»Na ja, könnt schon sein, dass ich einen anderen gernhab!«, sagte sie jetzt und bemühte sich, ernst zu bleiben.

Xaver sperrte Mund und Augen weit auf. Sein Gesicht war ein einziges großes Fragezeichen.

»Der Blasi hat mir erst vor drei Tagen einen Heiratsantrag gemacht. Vielleicht sag ich Ja«, erklärte Katrin.

»Kruzitürken, Dirndl, das ist net recht von dir, einen alten Mann so zum Narren zu halten!«, brummte Xaver. »Schämst du dich denn gar net?«

Jetzt lachte Katrin laut heraus, und der Alte stimmte ein. Blasi war ein uraltes, verhutzeltes Männlein, das den Sommer über droben auf der hoch gelegenen Schartenalm das Vieh hütete. Im Spätherbst, nach dem Almabtrieb, wanderte der Blasi von einem Haus des kleinen Dorfes zum anderen, blieb ein paar Tage oder auch Wochen und verrichtete die Arbeit, die man ihm auftrug, fleißig und gewissenhaft.

Er nahm niemals Geld dafür, nur Essen, Kleidung und ein warmes Plätzchen auf der Ofenbank brauchte er und war glücklich und zufrieden dabei.

Blasi war ein schweigsamer Mensch, und manche sagten, er sei ein wenig wirr im Kopf. Aber er war gutmütig, hilfsbereit und trotz seines Alters noch sehr flink und kräftig.

Im Sommer besuchte ihn Katrin, die den Alten gern mochte, ab und zu auf der Schartenalm und brachte ihm einen Korb voller guter Sachen.

Mitten hinein in das Gelächter schlug die alte Standuhr elfmal, und Katrin erschrak.

»Schon elf! Da muss ich mich aber sputen, der Vater und der Anderl wollen heut schon um zwölf zum Essen daheim sein.«

Xaver stand auf und griff nach seiner Mütze.

»Alsdann, behüt dich Gott, Katrin, und ich dank schön für den Enzian«, sagte er.

»Nix zu danken, Xaver. Behüt dich!«

Der Postbote stapfte davon. Das Madl eilte in die Küche und machte sich am Herd zu schaffen. Dabei gingen ihr Xavers halb scherzhaft gesagte Worte nicht aus dem Kopf.

Dass Anderl sie sehr gern mochte, dass wusste sie schon lange. Andreas Hornbichler, der Jagdgehilfe ihres Vaters, hatte sich auf den ersten Blick in sie verliebt, als er vor fast zwei Jahren ins Forsthaus von Sankt Georgen gekommen war. Er hatte in seiner stillen, ein wenig unbeholfenen Art versucht, ihr näherzukommen, hatte sie zum Kirchweihfest eingeladen, hatte ihr vom Berg droben die schönsten Edelweißsterne mitgebracht, aber Katrin war kühl und zurückhaltend geblieben.

Vielleicht hätte Katrin sich dem Jäger gegenüber nicht so abweisend gezeigt, wenn sie nicht eine stille, aber heftige Sehnsucht im Herzen getragen hätte, von der niemand etwas wusste, nicht einmal ihr Vater, dem sie doch sonst alles anzuvertrauen pflegte, was ihr Herz bedrückte.

Katrin und der Vater hatten sich seit jeher sehr gut verstanden, und als vor drei Jahren die Mutter gestorben war, hatten sie sich noch enger zusammengeschlossen.

Aber dass Katrin sich brennend danach sehnte, aus der stillen Bergeinsamkeit herauszukommen und die weite Welt kennenzulernen, die Großstadt mit ihrem Leben und Treiben, das ahnte Leopold Leitner nicht.

Alljährlich, wenn der reiche Fabrikant Hubertus Ronacher aus München hierherkam, um auf die Jagd zu gehen, hörte Katrin ihm andächtig zu, wenn er des Abends von der Weltstadt München erzählte, und ihr Wunsch, das alles einmal mit eigenen Augen zu sehen, wurde immer stärker.

Nachts träumte Katrin manchmal sogar davon, und tagsüber, wenn sie still ihrer Arbeit im Haus nachging, den Garten bestellte oder die sanftäugige braune Haflingerstute Lisa striegelte, die in dem kleinen Stall hinter dem Forsthaus stand, dann malte sie sich aus, wie wunderschön es sein müsste, endlich einmal das Dorf verlassen zu können.

Sie konnte es nicht so recht begreifen, warum Herr Ronacher immer wieder nach Sankt Georgen kam und jedes Mal, wenn er wieder zurück in die Stadt musste, traurig war.

Eines Tages sag ich's dem Vater, dass ich von hier fortgehen will, dachte sie, während sie geschickt Klöße formte und in das sprudelnde Wasser legte.

Im Sommer, ja, da ging es noch an, wenn die Sonne am tiefblauen Himmel strahlte und ringsum alles grünte und blühte. Dann spannte der Vater manchmal am Sonntag nach dem Kirchgang den Haflinger vor den Kutschwagen, und sie fuhren hinunter in die Kreisstadt. Das war aber auch die einzige Abwechslung, die sich hier bot.

Wenn der Winter kam, wenn eisige Winde um das kleine Forsthaus tobten, wenn der Schnee meterhoch lag und die Rehe und Hirsche manchmal bis zur Gartenpforte kamen, um das Futter aufzunehmen, das der alte Förster ihnen streute, dann kam sich Katrin wie eine Gefangene vor.

Freilich, auch im Winter gab es Arbeit genug. Sie besserte Wäsche aus und stricke warme Strümpfe für die beiden Männer, aber es gab doch immer wieder Stunden, da glaubte das Madl es nicht mehr aushalten zu können heroben in der Einsamkeit. Dann geschah es manchmal, dass sie ihr Strickzeug in den Schoß sinken ließ und mit weit geöffneten Augen, ein entrücktes Lächeln um die Lippen, vor sich hinträumte.

»He, Dirndl, von wem träumst du denn grad so schön?«, neckte der Vater sie dann. »Ist's vielleicht gar der Anderl? Du brauchst es nur zu sagen, dann geb ich ihm einen Wink, wenn du dich net traust!«

Dann wurde Katrin sehr verlegen und wehrte so heftig ab, dass der alte Förster sich fragte, was denn das Madl eigentlich gegen den Anderl haben mochte.

Er war ein tüchtiger Jäger, verstand sein Handwerk, war anständig und solide. Und ein fescher Bursch war er auch. Groß und breitschultrig, mit dichtem Blondschopf und klaren grauen Augen in einem gebräunten Gesicht, das meist ein fröhliches jungenhaftes Lächeln zeigte.

Nein, Leopold Leitner hätte wirklich nichts dagegen gehabt, wenn seine einzige Tochter den Jäger heiraten würde, der sein Nachfolger als Förster von Sankt Georgen werden sollte.

Katrin jedoch übersah Anderls rührend schüchterne Bemühungen um ihre Gunst mit einer Gleichgültigkeit, die schon fast beleidigend war. Ein anderer Mann als der Anderl hätte sich das gewiss nicht gefallen lassen.

Aber der Bursch liebte Katrin wirklich, und darum gab er die Hoffnung nicht auf, eines Tages doch noch ihre Liebe erringen zu können.

***

Fünf Minuten nach zwölf Uhr kamen die beiden Männer müde und hungrig von ihrem Pirschgang zurück.

Leopold Leitner, ein hünenhafter Mann mit eisgrauem Haar und ebensolchem Bart, riss die Küchentür auf und schnupperte.

»Aha, Knödel gibt's heut!«, sagte er zufrieden. »Hoffentlich sind's genug. Wir haben Hunger wie die Wölfe.«

»Wird schon reichen, Vater.« Katrin lachte und beeilte sich, die köstlich duftende Vorsuppe in die tiefen Teller zu schöpfen.

Während sie noch damit beschäftigt war, trat Anderl Hornbichler in die Küche. Seine hellen Augen leuchteten auf, als er das schöne Madl ansah.

»Grüß dich, Katrin! Kann ich dir was helfen?«, fragte er.

»In der Küche haben Mannsbilder nix zu suchen, Anderl«, erwiderte sie schroff. »Geh und stör mich net! Ich steck meine Nase auch net in deine Sachen hinein.«

Anderl errötete wie ein gescholtener Schulbub und tappte eilig hinaus. Seine Miene war finster, als er sich im Wohnzimmer an den gedeckten Tisch setzte.

Der Förster sah ihn forschend an.

»Was hast du denn auf einmal, Anderl?«, fragte er freundlich. »Schaust ja so bekümmert drein! Dabei gibt's heut Knödel, Selchfleisch und Kraut.«

Anderl sagte nichts, aber Leopold Leitner konnte sich schon denken, dass seine Tochter den jungen Mann wieder einmal hatte abfahren lassen. Eine gelinde Wut ergriff von dem alten Förster Besitz.

Was bildete sich das Dirndl eigentlich ein? Einen besseren Mann als den Anderl würde Katrin nie im Leben finden, das war Leopold Leitners feste Überzeugung, und er nahm sich vor, seiner Tochter noch einmal ernstlich ins Gewissen zu reden.

»Der Xaver hat einen Brief gebracht, Vater, vom Herrn Ronacher aus München«, sagte Katrin, als sie später das Hauptgericht auftrug.

»Ah, da schau her!«, rief der Forstmeister erfreut. »Gewiss wird er auch heuer wieder zur Hirschbrunft kommen. Zeig her.«

Er nahm den Brief, riss den Umschlag auf und las die wenigen Zeilen.

»Ja, er kommt, der Herr Ronacher, in einer Woche«, sagte er dann. »Er lässt euch beide herzlich grüßen.«

»Dann werden Sie ihm doch schreiben, dass wir einen sehr starken Hirsch im Bärengraben droben gesehen haben, Herr Förster?«, fragte Anderl lebhaft.

»Freilich werd ich es ihm schreiben, Anderl. Schade, dass wir das Geweih nicht richtig sehen konnten, aber ich mein, dass der Hirsch mindestens sechzehn Enden trägt. Er wird wohl aus dem Revier des Grafen drüben zu uns herübergewechselt sein, und es sollt mich nur freuen, wenn der Kapitale bei uns bleibt und wir ihn erlegen können. Dann ärgert sich der Graf in seinem alten Felsennest.«

»Ist Graf von Reutten wirklich ein solch menschenscheuer Einsiedler, wie man sich bei uns erzählt?«, wollte Anderl wissen.

»Ja, das kann man schon sagen. Früher, da war er ein freundlicher Mann, und er liebte seine junge Frau, die schöne Gräfin Hella, abgöttisch. Aber dann, als die Gräfin tödlich verunglückte, wurde alles anders. Der Graf konnte ihren jähen Tod nicht verwinden und zog sich von der Welt völlig zurück. Die Gräfin war eine passionierte Bergsteigerin, und bis heute ist es nicht ganz geklärt worden, warum sie, die die Berge doch so genau kannte, damals am Lahnerkogel abstürzte.«

»Wann war denn das?«, fragte Anderl.

»Seinerzeit war ihr einziges Kind, die Komtess Felizitas, gerade ein Jahr alt. Heute muss sie ungefähr fünfundzwanzig sein. Aber niemand hat sie seither gesehen. Im Dorf erzählt man sich, dass der alte Graf seine Tochter im Schloss wie eine Gefangene hält, weil er eine entsetzliche Angst davor hat, dass auch Felizitas eines Tages dasselbe Schicksal erleiden könnte wie einst ihre Mutter. Ja, als das Unglück damals geschah, da warst du noch gar nicht auf der Welt«, schloss der alte Förster seine ungewöhnlich lange Rede, zu Katrin gewandt, die mit großen Augen zugehört hatte.

»Der Graf tut mir leid, Vater«, sagte sie. »Er hat keinen Glauben und kein Gottvertrauen mehr. Wir alle stehen doch zu jeder Stunde unseres Lebens in Gottes Hand, und wenn er es so fügt, dass der Komtess ein Leid zustoßen soll, so kann es auf einem Berg oder in jedem anderen Ort auf der Welt geschehen.«

Ernst nickte Leopold Leitner.

»Du hast recht, mein Kind. Aber das sind nicht unsere Sorgen. Wir wollen jetzt lieber an die bevorstehende Hirschbrunft denken und an Herrn Ronachers Besuch. Schau, dass die Kammer für ihn gerichtet ist, wenn er kommt, Katrin.«

»Freilich, Vater, da soll nix fehlen«, antwortete das Dirndl voller Eifer, und Anderl Hornbichler sah das Madl fast erschrocken an.

Wie ihre Augen leuchteten, sobald von diesem Herrn Ronacher die Rede war! Ob sie etwa gar in ihn verliebt war?

Aber dann schalt sich Anderl selbst einen Narren ob dieser Vermutung. Hubertus Ronacher war fünfzig Jahre alt und könnte Katrins Vater sein.

***

Jeden Tag stand der Anderl jetzt vor Morgengrauen auf und stieg in den Berg, das Gewehr über der Schulter, den treuen Jagdhund Wastl an der langen Leine. Anderl wollte feststellen, wo der kapitale Hirsch seinen Einstand hatte.

Am dritten Morgen sollte seine Mühe endlich belohnt werden. Anderl schlich sich auf leisen Sohlen den Bärengraben entlang, eine felsige Rinne, schmal und voller Geröll. Unermüdlich suchte der Jäger mit einem starken Fernglas den gegenüberliegenden Berghang ab, auf dem Krüppelkiefern wuchsen.

Plötzlich vernahm er ein leises Knacken und Knistern, und seine sehnige Gestalt straffte sich.

Angestrengt spähte er durch das Glas, und jetzt tauchte mitten im Gewirr der dunkelgrünen knorrigen Kiefernzweige eine massige Gestalt auf, kam näher und stand dann plötzlich frei und fast zum Greifen nahe am Rand des Waldbestands.