Als das Leben unsere Träume fand - Luca Di Fulvio - E-Book

Als das Leben unsere Träume fand E-Book

Luca Di Fulvio

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9,99 €

Beschreibung

Drei Leben. Zwei Welten. Ein Neuanfang. Es ist das Jahr 1913, und eine Schiffsreise nach Buenos Aires verheißt eine zweite Chance für drei junge Menschen: Der Sizilianer Rocco hat den Zorn der Mafia auf sich gezogen, als er sich weigerte, sein Leben in den Dienst der ehrenwerten Gesellschaft zu stellen. Rosetta hat in einem sizilianischen Dorf dem Don die Stirn geboten und nur knapp eine Vergewaltigung überlebt. Die russische Jüdin Raquel ist die einzige Überlebende eines Pogroms, ihre kostbarste Habe ist die Erinnerung an die Liebe ihrer Eltern. Doch das Leben in der Neuen Welt stellt sie vor schier unüberwindbare Hindernisse ...

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EPUB

Seitenzahl: 928




Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber den AutorTitelImpressumAnmerkungWidmunugZitateErster Teil: Drei ReisenKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Zweiter Teil: Der FleischmarktKapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Dritter Teil: Der Ruf der VergangenheitKapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Kapitel 45Kapitel 46Kapitel 47Kapitel 48Kapitel 49Kapitel 50Kapitel 51Kapitel 52Kapitel 53Kapitel 54Kapitel 55Kapitel 56Kapitel 57Vierter Teil: Der Tango der Neuen WeltKapitel 58Kapitel 59Kapitel 60Kapitel 61Kapitel 62Kapitel 63Kapitel 64Kapitel 65Kapitel 66Kapitel 67Kapitel 68Kapitel 69Kapitel 70Kapitel 71Kapitel 72Kapitel 73Kapitel 74Kapitel 75

Über dieses Buch

1913. Der zwanzigjährige Rocco aus einem Dorf in Sizilien hat sich mit der Mafia angelegt, der er nicht dienen will wie einst sein Vater. Rosetta, ebenfalls 20, hat mit dem Don ihres sizilianischen Geburtsorts die Stirn geboten und nur knapp eine Vergewaltigung überlebt, und die dreizehnjährige Raquel ist die einzige Überlebende eines Pogroms gegen ihr jüdisches Heimatdorf in der Ukraine. - Drei junge Waisen in auswegloser Situation begeben sich auf eine gefährliche Reise nach Argentinien, um dort ihr Glück zu finden. Doch das Leben, das sie in Buenos Aires erwartet, stellt sie abermals vor schier unüberwindbare Hindernisse.

Über den Autor

Luca Di Fulvio, geb. 1957, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Rom. Bevor er sich dem Schreiben widmete, studierte er Dramaturgie bei Andrea Camilleri an der Accademia Nazionale d‘Arte Drammatica Silvio D‘Amico. Seine Romane Der Junge, der Träume schenkte und Das Mädchen, das den Himmel berührte standen monatelang auf den ersten Plätzen der Spiegel-Bestsellerliste.

Luca Di Fulvio

Als dasLeben unsereTräumefand

Roman

Aus dem Italienischen vonKatharina Schmidt und Barbara Neeb

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustration: © Sandra Cunningham / Trevillion Images;© Svetoslava Madarova / Trevillion Images;© picture alliance / Frank May; © FinePic /shutterstock

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-5572-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Dieses Buch ist ein Werk der Fantasie. Jede Ähnlichkeit mit Tatsachen sowie lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig. Mit Ausnahme der Sociedad Israelita de Socorros Mutuos Varsovia, seit 1929 bekannt als Zwi Migdal. Aber sie hat schon lange vorher existiert. Und zwar vor den Augen der ganzen Welt.

Für meine Frau Elisa

Descendemos de los barcos.

Wir kommen von den Schiffen.

Redewendung aus Argentinien

Eine neue Chance beginnt immer mit der vollständigen Vernichtung der Vergangenheit.

Jean-Christophe Grangé, Purpurne Rache

Erster Teil

Drei Reisen

1912

1

Alcamo, Sizilien

»Bottana!«, zischte jemand.

Doch Rosetta Tricarico setzte ihren Weg durch die staubigen Gassen von Alcamo fort, ohne sich nach der Frau umzudrehen, die sie als Hure beschimpft hatte.

»Bottana svergognata!«, rief eine andere, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidete alte Frau, deren Gesicht mit zahllosen Falten übersät und von der unbarmherzigen Sonne Siziliens gebräunt war.

Schamlose Hure, so hatte sie sie genannt. Aber auch das konnte Rosetta nichts anhaben, sie hastete unbeirrt weiter, barfuß, in ihrem luftigen mohnroten Kleid, dessen Saum um ihre Beine flatterte.

An einem Tisch unter dem schilfgedeckten Vorbau der Osteria saßen ein paar Männer, in Hemden mit speckigen Kragenrändern und dunklen Westen mit ausgebeulten Taschen, die coppola tief in die Stirn gezogen, und mit Bartstoppeln am Kinn. Sie alle verschlangen Rosetta wie eine Jagdbeute mit geradezu gierigen Blicken. Einer spuckte einen zähen Klumpen Schleim aus, dunkel vom Tabak.

»Wo willst du denn so eilig hin?«, höhnte der Wirt, während er sich die Hände an seiner Schürze abwischte.

Die Männer lachten spöttisch, doch Rosetta ging wortlos und mit erhobenem Haupt an ihnen vorbei.

Einer der Männer trank einen großen Schluck süßen Passito. »Ich hab gehört, heut Nacht sind die Wölfe aus den Bergen gekommen«, sagte er, und wieder lachten alle. »Zum Glück haben sie meine Herde verschont«, fuhr der Mann fort.

»Wölfe suchen halt nur Huren heim, brave Christenmenschen lassen sie in Ruhe«, warf der Wirt ein, und alle Männer nickten.

Rosetta blieb abrupt stehen. Sie ballte die Hände zu Fäusten, hielt den Männern aber den Rücken zugewandt.

»Hast du uns was zu sagen?«, fragte einer herausfordernd.

Rosetta zitterte vor Wut, antwortete aber nicht. Schließlich riss sie sich zusammen und setzte ihren Weg zur Kirche San Francesco d’Assisi fort. Dort stürmte sie wie eine Furie in das Pfarrhaus und baute sich vor dem Pfarrer auf.

»Wie könnt Ihr so etwas zulassen, Pater?«, brüllte sie. Ihr Gesicht war weiß vor Wut, ihre Haare, schwarz und glänzend wie das Gefieder eines Raben, fielen offen über ihre Schultern, ihre dunklen Augen, von dichten Wimpern umrahmt, glühten im Zorn wie zwei brennende Kohlestücke. »Wie kann ein Mann Gottes wie Ihr nur so tun, als wäre nichts geschehen?«

»Was meinst du?«, fragte Pater Cecè sichtlich verlegen.

»Das wisst Ihr sehr genau!«

»Beruhige dich …«

»Heute Nacht haben sie zehn meiner Schafe getötet!«

»Ach so … das … natürlich«, stammelte der Pfarrer. »Man sagt, das waren die Wölfe …«

»Wölfe schneiden Schafen nicht die Kehle durch!«

»Aber mein Kind … wie kannst du das sagen …«

»Wölfe fressen Schafe auf«, fuhr Rosetta fort. In ihrem Blick lag jetzt neben Wut auch Verzweiflung. »Sie fressen sie! Sie lassen sie nicht einfach liegen!« Wieder ballte Rosetta die Hände zu Fäusten, so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. »Aber das wisst Ihr sicher«, fügte sie hinzu. »Wie könnt Ihr, wie könnt Ihr nur …?«

Pater Cecè seufzte, er fühlte sich sichtlich unwohl unter Rosettas Blick. Als er sich abwandte, bemerkte er, dass die Haushälterin sie belauschte. »Verschwinde!«, fuhr er sie an und schloss die Tür. Dann holte er aus dem hinteren Teil des Raumes zwei Stühle, die er einander gegenüber aufstellte. Einen davon wies er Rosetta zu.

Rosetta trat auf ihn zu und sah ihn lange an, ehe sie sich schließlich setzte. »Wie könnt Ihr das nur zulassen?«, fragte sie noch einmal.

»Ich habe dich lange nicht mehr in der Kirche gesehen«, entgegnete der Pfarrer.

Rosetta lächelte bitter. »Na und? Wenn ich in die Kirche komme, helft Ihr mir dann?«

»Unser Herr wird dir helfen.«

»Und wie?«

»Er wird zu deinem Herzen sprechen und dir raten, was du tun sollst.«

Rosetta sprang auf. »Ihr seid doch auch bloß ein Knecht des Barons«, rief sie verächtlich.

Der Pfarrer stieß noch einmal einen tiefen Seufzer aus. Dann beugte er sich vor und nahm Rosettas Hand, doch sie schüttelte ihn ab.

»Setz dich wieder hin«, forderte Pater Cecè sie sanft auf.

Und Rosetta setzte sich.

»Du kämpfst jetzt schon über ein Jahr, meine Tochter. Seit dem Tod deines Vaters«, begann der Pfarrer. »Es ist an der Zeit, aufzugeben.«

»Niemals!«

»Aber sieh doch: Niemand kauft mehr von deiner Ernte, sie verfault auf dem Feld. Vor zwei Monaten ist gar die Hälfte davon verbrannt …«

Rosetta ließ den Blick zu ihrem rechten Unterarm wandern, der von einer Brandnarbe gezeichnet war.

»Und je länger dieser Streit zwischen dir und dem Baron dauert, desto seltsamer und trotziger wirst du.« Pater Cecè deutete auf ihr Kleid. »Sieh dich doch bloß an, sieh doch, was für ein Kleid du trägst …«

»Was ist daran auszusetzen?« Rosetta blickte den Pfarrer an. »Ich bin keine Witwe, also muss ich auch nicht Schwarz tragen. Der Rock reicht bis zu den Knöcheln, und die Brüste sind bedeckt.«

»Hör dir doch zu, wie du redest«, seufzte der Pfarrer.

»Wie eine bottana«, höhnte Rosetta und sah ihm fest in die Augen. »Aber ich bin keine Hure. Und das wisst Ihr.«

»Ja, das weiß ich.«

»Alle schimpfen mich eine Hure, nur weil ich mich nicht beuge …«

»Das verstehst du nicht!«

»O doch, ich verstehe sehr gut, um was es geht!« Wieder sprang Rosetta auf. »Der Baron besitzt Hunderte Hektar Land, aber er hat sich in den Kopf gesetzt, auch noch meine vier Hektar zu bekommen, weil dort der Bach verläuft. Dann würde ihm alles Wasser gehören. Aber dieses Land gehört mir! Meine Familie schuftet dort seit drei Generationen, und genau das will ich auch, das ist alles. Die Leute aus dem Dorf sollten mir helfen, aber alle haben Angst vor dem Baron. Sie sind allesamt Feiglinge, elende Feiglinge.«

»Du verstehst es nicht«, sagte Pater Cecè. »Natürlich fürchten die Leute den Baron, aber glaubst du wirklich, dass das der Grund ist, weshalb sie auf dich losgehen? Du irrst dich, du hast nichts verstanden. Für sie bist du noch viel gefährlicher als der Baron … Und in mancherlei Hinsicht muss ich ihnen sogar recht geben. Du bist eine Frau, Rosetta.«

»Ja und?«

»Was wäre, wenn andere Frauen sich auch so benehmen würden wie du?«, ereiferte sich Pater Cecè. »Das ist gegen die Natur! Gott selbst verdammt es!«

»Ich bin genauso viel wert wie ein Mann!«

»Genau das verdammt Gott!« Der Pfarrer packte sie bei den Schultern. »Eine Frau muss …«

»Diese Leier kenne ich«, unterbrach Rosetta ihn und schüttelte seine Hände ab. »Eine Frau muss heiraten, Kinder kriegen und die Schläge ihres Ehemannes ohne Gegenwehr hinnehmen, ganz wie eine brave Magd.«

»Wie kannst du das heilige Sakrament der Ehe so in den Schmutz ziehen?«

»Mein Großvater hat seine Frau geschlagen. Bis aufs Blut!« Rosettas Nasenlöcher bebten vor Wut. »Und mein Vater ebenso meine Mutter. Er hat ihr das ganze Leben lang vorgeworfen, ihm nur eine Tochter geboren zu haben. Wenn er betrunken war, schlug er sie mit dem Gürtel. Und dann schlug er auch mich und sagte, ich wäre nur für eine Sache gut: für einen Mann die Beine breitzumachen.« Rosetta ballte die Fäuste, die Erinnerung an diese Zeit füllte ihre Augen mit Tränen der Wut und des Schmerzes. »Ist das Eure von Gott geheiligte Ehe? Dann hört mir genau zu: Ich werde niemandem erlauben, mich zu schlagen wie ein Stück Vieh!«

»Dann verkaufe.«

»Nein.«

»Ich mache mir Sorgen um dich …«

»Macht Euch lieber Sorgen um Eure Seele, wenn Ihr den Bauern Absolution erteilt, die meine Schafe umgebracht haben.« Rosetta starrte den Pfarrer wütend an. »Ihr habt meinen Vater doch von seinen Sünden losgesprochen, oder? Hat er Euch gesagt, dass er mir mit dem Gürtel die Haut vom Rücken geprügelt hat? Dass er mir mit den Fäusten ins Gesicht geschlagen hat? Habt Ihr die Blutergüsse in meinem Gesicht nicht gesehen? Nicht die im Gesicht meiner Mutter? Habt Ihr unsere aufgeplatzten Lippen nicht gesehen, die selbst beim Beten des Ave Maria bluteten? Sie ist aus Angst, Leid und Trauer gestorben.« Rosetta hielt kurz inne. »Und Ihr habt ihn losgesprochen«, zischte sie schließlich voller Hass. »Behaltet Euren Gott, wenn das alles ist, was er Euch rät.«

»Versündige dich nicht! Er ist auch dein Gott!«

»Nein!«, rief Rosetta. »Mein Gott will Gerechtigkeit!« Sie lief zur Tür und riss sie auf. Und sah sich der Haushälterin gegenüber, die am Schlüsselloch gelauscht hatte. Rosetta stieß sie beiseite und verließ das Pfarrhaus.

Die Haushälterin bekreuzigte sich dreimal, als wäre sie dem Teufel höchstpersönlich begegnet, und murmelte: »Bottana.«

Rosetta trat ins Freie und wurde sogleich vom grellen Schein der Sonne geblendet. Vor der Kirche hatte sich eine kleine Gruppe Neugieriger versammelt, die sie schweigend anstarrten und ihr den Weg in die Gasse versperrten.

Rosetta lief mit klopfendem Herzen auf die bedrohliche Menge zu, obwohl sie am liebsten geflohen wäre. Ihr Atem ging schnell, das Blut hämmerte in ihren Schläfen, während ein leichter Windhauch ihre offenen schwarzen Haare zerzauste. Einen Schritt von dem ersten Dorfbewohner entfernt blieb sie stehen. Sie presste ihre Lippen zusammen und fixierte ihn mit dem Blick.

Der Mann zögerte kurz und trat dann beiseite.

Rosetta trat langsam einen Schritt und dann weitere vorwärts, während die Leute nach und nach zur Seite wichen.

Als Rosetta den letzten Mann passiert hatte, war sie am Ende ihrer Kraft. Dennoch zwang sie sich, so aufrecht wie möglich weiterzugehen und auch das Tempo nicht zu erhöhen. Doch kaum hatte sie die Ecke erreicht, an der sie zu ihrem Hof abbiegen musste, war es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei, und sie rannte los, als wären hundert Ungeheuer hinter ihr her.

Sie überquerte das Feld, auf dem die getöteten Schafe lagen, zwang sich, nicht hinzusehen, und rannte in das weißgetünchte Haus, in dem sie schon geboren worden war. Sie verriegelte die Tür von innen und lehnte sich keuchend dagegen. Plötzlich überkam sie ein Würgereiz, und sie fiel zusammengekrümmt auf die Knie. Sie stützte sich mit den Armen auf den sonnengetrockneten Backsteinfliesen ab und rang nach Luft.

Alle Dorfbewohner glaubten, sie würde nichts und niemanden fürchten. Doch innerlich wurde Rosettas Seele von Angst fast zerfressen, seit sie ein kleines Mädchen war. Und jede einzelne Nacht kehrten die Albträume zurück, um sie zu quälen.

Rosetta versuchte vergeblich, die Schluchzer zu unterdrücken, die sie schüttelten, und brach schließlich in Tränen aus. Immer und immer wieder murmelte sie die Worte, die sie als kleines Mädchen vor sich hin gesagt hatte, wenn ihr Vater sie bis aufs Blut schlug: »Es tut nicht weh … Es tut nicht weh …«

2

Sorotschinzy, Gouvernement Poltawa, Russisches Zarenreich

Mit dreizehn Jahren – selbst wenn man in einem schtetl in der Nähe von Sorotschinzy aufwuchs, das so armselig und gottverlassen war, dass es nicht einmal einen Namen hatte, selbst wenn man sich an die ständigen Pogrome von Polizisten und Bauern gewöhnt hatte, die in den Juden das Böse auf der Welt sahen, selbst wenn man zwanzig Grad unter null mit Holzpantinen an den Füßen und einem Stoffkleidchen voller Löcher überstand, selbst wenn man mit einer einzigen halbverfaulten Rübe im Bauch drei Tage überleben konnte –, mit dreizehn Jahren sollte niemand erfahren müssen, wie das Leben wirklich war. Und wie grausam es sein konnte.

Doch das Leben hatte beschlossen, Raechel Bücherbaum nicht das Geringste zu ersparen.

Es begann an einem Morgen, der so dunkel war, dass er unter den dichten, undurchdringlichen Wolken eher wirkte wie eine milchig trübe Nacht.

Wie an jedem schabbat begleitete Raechel ihren Vater zu dem ehemaligen Stall, den die Gemeinde zu ihrer Synagoge umgebaut hatte. An der Tür der schul, vor der man den ersten Schnee des Jahres zur Seite geschippt hatte, blieb sie stehen und verabschiedete sich vom Vater, um zur Außentreppe zu gehen, die auf den Heuboden führte. Dort hatte man die Empore eingerichtet, von der aus die Frauen getrennt von den Männern den Gebeten folgten. Doch dann bemerkte sie in dem den Männern vorbehaltenen Teil ein gelbliches Blatt Papier an der Wand. Neugierig reckte sie den Hals in dem Versuch, etwas von dessen Inhalt zu erhaschen, und setzte einen Fuß in den Raum.

»Halt, Raechel«, mahnte der Vater, den die Unbotmäßigkeit seiner Tochter keineswegs überraschte.

»Was steht dort?«, fragte Raechel, ohne den Blick von dem Blatt zu wenden.

»Geh weg!« Der Vater wedelte mit einer Hand in der Luft herum, wie er es tat, wenn er die Hühner scheuchte.

»Ich will nur wissen, was dort steht«, beharrte Raechel.

»Wenn es die Gemeinde betrifft, wird der Rabbi es nach dem schiur verlesen«, antwortete der Vater mit einem geduldigen Lächeln, bevor er sie mit einer Kopfbewegung des Raumes verwies, die auch seinen gewellten, in einer gepflegten Spitze auslaufenden Bart in Bewegung brachte. Er hob mahnend den Finger: »Beherrsch dich bitte und sing nicht wieder wie sonst lauter als alle anderen.« Dann verschwand er in der schul.

Raechel schnaubte und wandte sich der Treppe zur Frauenempore zu, blieb jedoch stehen, als sie Elias erblickte, einen mageren, pickligen Jungen in ihrem Alter.

»Guten Morgen, Elias«, begrüßte sie ihn mit einem übertrieben freundlichen Lächeln.

»Guten Morgen, Raechel«, brummte der Junge, ohne seine Schritte zu verlangsamen.

»Warte. Du musst mir einen Gefallen tun«, bat Raechel.

»Welchen?« Elias schien misstrauisch.

»Siehst du das Blatt da an der Wand?«, fragte Raechel immer noch lächelnd. »Ich will wissen, was darauf steht.«

Elias blickte zu dem Blatt, dann wieder zu Raechel. »Ich kann nicht lesen«, sagte er schulterzuckend.

»Das weiß ich. Du sollst es ja nur holen und mir geben, dann lese ich es dir vor.«

Doch Elias verharrte unschlüssig auf der Stelle und kratzte mit einem Fingernagel einen Pickel an seiner Wange auf.

In diesem Moment trat Tamar zu ihnen, das schönste Mädchen des ganzen Dorfes. Sie bedachte Raechel mit einem abfälligen Grinsen. »Grüß dich, Stachelschwein«, sagte sie und stieg die Stufen hinauf.

Elias’ Augen funkelten anzüglich. »Wenn die da mich um was bitten würde, dann würde ich es sofort tun«, sagte er und ließ ein dümmliches Kichern folgen.

»Und damit einen Riesenfehler machen«, antwortete Raechel schlagfertig. »Weil Tamar dir nie erlauben würde, ihre Brüste anzufassen, wie du es dir erhoffst.«

Elias’ Gesichtsfarbe wechselte zu knallrot.

»Außerdem kann auch sie nicht lesen. Also tu es für mich.«

Elias starrte ungeniert auf Raechels Brust. Die flach wie ein Brett war. Dann blickte er ihr ins Gesicht, in dem eine schmale lange Nase thronte. Und dazu hatte sie noch diese schrecklichen Haare, die sie nicht, wie all die anderen Mädchen, ordentlich zu Zöpfen geflochten trug, sondern offen und wirr abstehend wie Gestrüpp. Oder laut Tamar wie bei einem Stachelschwein. Aber zu guter Letzt war sie doch immerhin ein Mädchen. »Was krieg ich dafür, wenn ich es tue?«, fragte er grinsend.

»Dass ich dir keinen auf die Nase gebe, du pickliges Ferkel«, antwortete Raechel.

Das dumme Grinsen verschwand aus Elias’ Gesicht.

»Los, mach schon«, drängte Raechel.

Der Junge zögerte kurz, trat dann aber langsam zu dem Blatt, um es herunterzunehmen.

»Was machst du da, Elias?«, fragte ein Mann.

»Sie ist schuld«, rief Elias und deutete anklagend auf Raechel.

»Feigling!«, stieß Raechel voller Verachtung hervor.

»Was ist hier los?« Raechels Vater erschien jetzt ebenfalls in der Tür.

»Deine Tochter wollte offenbar, dass Elias ihr dieses Blatt gibt, und der Trottel hat ihr gehorcht.« Der Mann versetzte Elias einen Klaps. »Die Männer sagen den Frauen, was sie zu tun haben, und nicht umgekehrt, du Dummkopf.«

»Raechel, du bist störrisch wie ein Maulesel.« Der Vater schüttelte den Kopf, lächelte ihr dabei aber gutmütig zu. »Jetzt geh endlich hinauf.«

»Mach schon, du unverschämtes Ding«, befahl die zweite Ehefrau ihres Vaters, ein dürres Weib mit verhärmtem Gesicht, die hinzugetreten war, und packte sie grob am Arm.

Raechel versuchte, sich loszureißen.

»Sie hat nichts Unrechtes getan«, verteidigte der Vater seine einzige Tochter, die er nach dem Tod seiner ersten Frau allein aufgezogen hatte und über alles liebte.

»Genau, ich habe nichts Unrechtes getan«, wiederholte sie grinsend.

»Nein, natürlich nicht. Aber nur, weil du vorher erwischt wurdest«, erklärte ihr die Stiefmutter bissig und zog sie am Arm mit sich.

»Was steht da?«, beharrte Raechel.

»Hinauf mit dir«, befahl der Vater lachend.

Raechel ließ sich von ihrer Stiefmutter auf die Empore schleifen, wobei ihre Pantinen lauter als nötig auf den Stufen aufknallten. Du läufst wie ein Mann, dachte sie und begann sogleich, innerlich bis drei zu zählen.

»Du läufst wie ein Mann«, sagte ihre Stiefmutter sodann wie erwartet, und Raechel konnte sich ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen. Es verging kein Tag, an dem die zweite Frau ihres Vaters ihr nicht vorhielt, hässlich und unscheinbar zu sein, unweiblich und gänzlich ohne Anmut, eben wie ein Junge. Und um sie zu ärgern, änderte Raechel ihr Verhalten nicht etwa, sondern verstärkte das Männliche darin eher noch. Außerdem weigerte sie sich standhaft, ihre störrische Haarmähne mit Bändern und Nadeln zu bändigen.

Oben auf der Empore drängelte sie sich unter Einsatz ihrer Ellenbogen bis in die erste Reihe durch und beugte sich vor, um ihren Vater zu beobachten. Er war der chasan, der Vorbeter der Gemeinde, der nun mit seiner Tenorstimme die Melodie des schiur anstimmte und die ungeübteren Stimmen der Gläubigen meisterhaft leitete, damit sie die Gebete richtig sangen. Mein Vater ist der beste Vorbeter, den ich je gehört habe, dachte Raechel stolz. Sie selbst sang auch gut, aber Frauen durften nicht chasanwerden. Überhaupt konnten Frauen all die Dinge nicht tun, die Spaß machten und die Männer taten. Raechels wahre Leidenschaften waren das Lesen und das Schreiben. Sie konnte von rechts nach links schreiben, und zwar alle Lettern ihrer Sprache. Und sie konnte sogar von links nach rechts schreiben, sowohl diese seltsamen kyrillischen Buchstaben des Russischen als auch die der westlichen Welt. Sie hatte alles gelesen, was sie in die Finger bekommen hatte, selbst wenn ihr das als Mädchen eigentlich verboten war. Allerdings waren das immer nur heilige Schriften gewesen, und sie träumte davon, einen Roman zu lesen. Doch das war strengstens verboten, die Lektüre eine schanda, eine Sünde, und so hatte niemand in ihrem schtetl je einen Roman zu Gesicht bekommen. In Raechels Augen war das nicht richtig. Es gab überhaupt viel zu viele ungerechte Vorschriften, die eine Frau dazu zwangen, nicht so frei leben zu können wie ein Mann.

»Baruch atta Adonai, elohenu melech ha-olam …«, sang Raechel mit dem Chor.

»Nicht so laut!«, mahnte die Stiefmutter verärgert.

Normalerweise hätte Raechel nun erst recht lauter gesungen, aber heute kreisten ihre Gedanken um das Blatt, das unten an der Wand hing. Es musste sich auf etwas beziehen, das nichts mit ihrem schtetl zu tun hatte, da Gemeindeangelegenheiten auf den Versammlungen besprochen wurden. Mündlich, denn schließlich konnten nur der Rabbi, sein Sohn, Raechels Vater und sie selbst lesen, alle anderen konnten nicht mehr als ihren Namen schreiben. Das ganze schiur über kreisten Raechels Gedanken um den geheimnisvollen Aushang.

Als der Rabbi endlich das Blatt nahm und sich mit einem Räuspern über den langen weißen Bart strich, wurde es totenstill im Raum. Alle lauschten gespannt den Worten des Rabbi, der sie quälend langsam und genauso salbungsvoll vorlas, als würde er die heiligen Worte der Torah verkünden. Raechels Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, doch als er geendet hatte, ließ das Mädchen ihrer Begeisterung freien Lauf und sprang aufgeregt auf der Empore auf und ab.

Nur fünf Personen ihrer kleinen Gemeinde erfüllten die auf dem Papier geforderten Eigenschaften. Und eine davon war sie selbst.

Auf dem Heimweg hakte sich Raechel bei ihrem Vater unter. Sie musterte ihn schweigend, in der Hoffnung, er würde etwas sagen. Doch einzig und allein das Knirschen ihrer Schritte auf dem gefrorenen Schnee war zu hören.

Offensichtlich in Gedanken über das Gehörte vertieft, schwieg ihr Vater den ganzen Weg über, und seine Miene war finster. »Nein, du bist zu jung«, sagte er schließlich, als sie zu Hause ankamen.

»Aber Vater!«, protestierte Raechel.

»Geh und sammle die Eier ein«, befahl er.

»Warum darf ich nicht mit?«, fragte Raechel aufgebracht.

»Weil du zu jung bist«, wiederholte der Vater.

Die Stiefmutter packte sie am Arm und schob sie auf den Hühnerstall zu. »Nun sammle schon die Eier ein, dumme Gans«, rief sie mit gewohnt hasserfüllter Miene.

»Lass mich los!« Raechel befreite sich aus ihrem Griff und rannte davon. Erst zum Sonnenuntergang kam sie wieder nach Hause.

Die Mutter empfing sie mit einem herausfordernden Grinsen. »Ohne Abendessen ins Bett mit dir, du unverschämtes Ding.«

»Nein«, ging der Vater dazwischen. »Bei dem Wenigen, das wir haben, kann sich keiner leisten, das Abendessen auszulassen.« Er sah seine Frau streng an. »Für meine Tochter würde ich mir jeden Bissen vom Munde absparen.«

»Sie war ungehorsam«, wandte die Frau ein.

»Und dafür wird sie um Entschuldigung bitten«, erwiderte der Vater mit einer harschen Geste in Richtung seiner Tochter.

»Entschuldige«, flüsterte Raechel, ohne die Frau anzusehen.

»Glaubst du etwa, damit kommst du durch?«, beharrte ihre Stiefmutter.

»Das reicht!« Der Vater schlug gebieterisch mit der Hand auf den Tisch, und seine zweite Frau schwieg, mit vor Wut zusammengepressten Lippen.

Raechels Vater forderte seine Tochter auf, sich neben ihn zu setzen. Er schnitt das altbackene Brot und tauchte es zum Aufweichen in eine Tasse Brühe, gekocht aus einer alten Henne, deren Fleisch sie schon vor einer Woche gegessen hatten. Auch eine halbe Rote Bete legte er vor Raechel. »Iss jetzt, wir reden später.«

»Du musst dich so einem verzogenen Balg gegenüber überhaupt nicht rechtfertigen«, protestierte die Stiefmutter. »Sie muss dir bedingungslos gehorchen. In diesem Haus befiehlst du.«

Der Vater wandte sich mit einem strengen Blick an seine Frau. »Du hast recht, hier befehle ich. Auch über dich.« Seine Stimme war eisig. »Und ich habe gesagt, dass die Sache damit erledigt ist.« Er starrte sie an, bis die Frau den Blick senkte. Gebieterisch und kalt fügte er hinzu: »Lass uns allein. Meine Tochter und ich müssen reden.«

Als sie allein waren, forderte er Raechel auf zu essen. Raechel verschlang das Brot und die Rote Bete und wartete gespannt, was ihr Vater ihr zu sagen hatte.

»Wissen wir, wer die Leute sind, die die Nachricht hinterlassen haben?«, fragte ihr Vater.

»Aber …«

»Ja oder nein?«

»Nein.«

»Gut, also fangen wir damit an«, meinte er. »Die oberste Pflicht eines guten Vaters ist es, Sorgfalt walten zu lassen.«

Raechel biss sich auf die Zunge, um sich zurückzuhalten. Dieses Blatt Papier hatte in ihr eine Welt voller abenteuerlicher Vorstellungen erweckt, die weit aus diesem erbärmlichen schtetl hinausführten, in dem sie zu ersticken glaubte.

»Und die zweite, aber nicht minder wichtige Pflicht eines guten Vaters ist es, das Beste für sein Kind zu wollen …« Sein Blick trübte sich kurz. »Selbst wenn man sich von ihm trennen muss.«

Raechel fühlte einen Schauer der Aufregung über ihren Rücken laufen. Was bedeutete diese letzte Bemerkung? Hatte ihr Vater seine Meinung geändert? War er bereit, sie ziehen zu lassen?

»Wenn du drei oder auch nur zwei Jahre älter wärst, hätte ich die Sache in Betracht gezogen«, fuhr er fort. »Aber du bist noch ein Mädchen.«

»Ich bin dreizehn!«, protestierte Raechel. »Auf dem Papier stand: alle Mädchen im Alter von dreizehn bis siebzehn Jahren!«

Der Vater sah sie voller Liebe an. »Ich frage mich schon den ganzen Tag, ob ich mich nur aus Egoismus gegen den Gedanken sträube, mich von dir zu trennen. Du bist schließlich meine größte Freude.«

Raechel senkte den Blick und spürte, wie sie errötete. Sie hatte nicht einen Gedanken an die Trennung von ihrem Vater verschwendet, hatte überhaupt kein Problem darin gesehen. Das bereitete ihr nun ein schlechtes Gewissen.

Ihr Vater kannte sie gut und wusste, was in ihr vorging. »Das ist nicht schlimm«, sagte er gütig. »Ich weiß, dass du mich liebst.« Zärtlich strich er ihr durch die schwarzen Haare, deren ungezügelte Wildheit im Dorf so viel Spott und Missbilligung hervorrief. Er dagegen legte keinen Wert auf solche Äußerlichkeiten. »Wenn man jung ist, kann man nicht alles gleichzeitig bedenken. Es ist ein Vorrecht der Erwachsenen, den Berg einmal ganz zu umrunden, bevor man zu der Entscheidung gelangt, von welcher Seite man ihn besteigen will.« Er stieß einen tiefen Seufzer aus und beugte sich vor, um seiner Tochter nahe zu sein. »Du weißt doch, dass dein Name in unserer Sprache ›unschuldiges Lamm‹ bedeutet.«

»Ja, natürlich.« Raechel war ungeduldig.

»Und der Hirte muss über seine Herde wachen. Ganz besonders über die Lämmer, selbst wenn er sie in einen Pferch einsperren muss, damit sie durch ihr Ungestüm nicht in eine Felsspalte fallen«, sagte der Vater ruhig und zog sie zu einer liebevollen Umarmung an sich.

Raechel lehnte den Kopf an seine Schulter und genoss für einen Moment das Gefühl tiefer Geborgenheit. Es gab keinen anderen Menschen, bei dem sie sich so geliebt und beschützt fühlte wie bei ihm. Wie so oft wanderten ihre Gedanken zu ihrer Mutter, die gestorben war, als sie selbst noch ein kleines Mädchen gewesen war. Raechel erinnerte sich kaum an sie, und doch war sie sicher, dass ihre Mutter ganz anders gewesen sein musste als die zweite Ehefrau ihres Vaters. »War Mama eine gute Frau?«, fragte sie vorsichtig.

Der Vater schwieg einen Moment, dann strich er ihr erneut über das Haar. »Ja, sie war eine gute Frau«, sagte er ruhig, und seine Stimme klang zutiefst traurig.

Raechel umarmte ihn fest. »Konnte sie auch lesen?«, fragte sie schließlich und hob den Kopf von seiner Schulter.

»Willst du wissen, ob sie dich hätte gehen lassen?«

»Ja … Nein … Es ist bloß …«

»Sie war, was das Lesen betraf, wie alle Frauen hier im Dorf«, antwortete der Vater. Dann breitete sich ein verschmitztes Lächeln auf seinem Gesicht aus. »Aber ich habe es ihr heimlich beigebracht.«

Raechel traute ihren Ohren nicht. »Du hast es ihr beigebracht?«

»Ja. Weil nicht alle Vorschriften gerecht sind.«

In Raechel breitete sich ein Gefühl des Stolzes aus. Ihr Vater war wirklich ein besonderer Mensch. In der Gemeinde gab es keinen zweiten Mann wie ihn. Dann kam ihr ein Gedanke. »Und … die?«, fragte sie mit einem Nicken in Richtung Nebenraum, in dem ihre Stiefmutter war. »Warum hast du die da geheiratet?«

Der Vater ließ die Schultern hängen. »Weil du langsam älter wurdest und ich glaubte, wenn du allmählich zur Frau würdest, Unterstützung bei gewissen Dingen zu brauchen. Und … vielleicht auch, weil ich mich allein fühlte … Als Mann, meine ich.«

»Sie hasst mich«, sagte Raechel hart.

»Sie ist nur eifersüchtig.«

»Sie hasst mich!«

»Ich habe es nie geschafft, ihr auch nur einen Bruchteil der Zuwendung zu geben, die ich dir schenke. Ihr Verhalten dir gegenüber ist ihre Art, mich dafür zu bestrafen.« Der Vater sah Raechel liebevoll an. »Sie kann nicht hinnehmen, dass eine zweite Frau weniger wichtig ist als eine Tochter. Aber mach dir darüber keine Gedanken. Ich werde immer für dich da sein, und dir wird nichts geschehen.« Er strich ihr zärtlich über die Wange. Dann holte er tief Luft. »Also: Auf dem Blatt steht, dass eine Gesellschaft namens Sociedad Israelita de Socorros Mutuos Varsovia Mädchen sucht, die sie ihrem erbärmlichen Leben entreißen will, um ihnen stattdessen respektable Ehen und gute Stellungen als Dienstmädchen in den Haushalten reicher Juden in Buenos Aires in Argentinien zu vermitteln …« Er streifte seine Tochter mit kummervollem Blick. »Auf der anderen Seite der Welt.«

»Aber ich werde dir schreiben! Ich werde dir all das Geld schicken, das ich verdiene, damit du zu mir kommen kannst!«, rief Raechel.

Der Vater schüttelte den Kopf. »Ich werde nicht dort sein können, um dich zu beschützen«, sagte er und stand auf. »Und du bist noch zu jung, um auf dich selbst aufzupassen.« Erneut strich er ihr zärtlich über den Kopf. »Reden wir nicht mehr darüber. Und jetzt geh schlafen.«

Am nächsten Tag beobachtete Raechel, wie vier Mädchen aus dem Dorf, unter ihnen auch Tamar, miteinander tuschelten. Ihren strahlenden Blicken entnahm sie, dass sie abreisen würden.

»Und was ist mit dir, Stachelschwein? Kommst du nicht mit?«, höhnte Tamar.

»Nein, ich habe keine Lust.« Raechel ging mit schnellen Schritten die schlammige Straße im schtetl entlang, verfolgt vom Gelächter der Mädchen. Niemand sollte sehen, dass sich ihre dunklen Augen mit Tränen der Enttäuschung füllten. Irgendwann versteckte sie sich hinter einem Schuppen und trat wütend auf einen Hackklotz ein, bis eine ihrer Holzpantinen einen Sprung bekam. Sie erhob drohend die Fäuste gegen einen kleinen Jungen, der sie verwundert beobachtete und sogleich ängstlich davonrannte. Schließlich zerrte sie eine alte Axt aus dem Klotz, ging damit an den Waldrand und spaltete dort Holz, bis sie erschöpft auf einem Baumstamm niedersank. In ihrem Kopf war nur ein Gedanke: Tamar und die anderen Mädchen würden morgen nach Buenos Aires aufbrechen, wo auch immer das lag, und ein wunderbares Abenteuer erleben, das wie Manna vom Himmel gefallen war – wie ein echtes Wunder.

»Und ich werde hierbleiben und altes Brot mit Rote Bete essen«, schimpfte sie neidisch, »und die Hühnerkacke von den Eiern waschen.« Sie stand auf und richtete den Blick zum Himmel: »Adonai«, sagte sie ernst, »ich weiß nicht, ob du dieses Gebot geschrieben hast oder die Rabbis. Aber mein Vater hat recht, wenn er sagt, dass nicht alle Regeln gerecht sind. Und auch wenn es eine Sünde ist, gelobe ich hiermit, dass ich dafür kämpfen werde, einmal genauso frei zu sein wie die Männer.« Die Dreizehnjährige richtete den Finger zum Himmel, auf den sie immer noch starrte, und bewegte die Hand beinahe drohend hin und her. »Und das meine ich ernst«, fügte sie hinzu.

Im gleichen Moment waren Lärm und laute Rufe zu vernehmen. Ein Blick in Richtung schtetl zeigte ihr, dass dort etwa fünfzig Bauern und Soldaten, allesamt Männer des Zaren, die Gemeinde angriffen. Ohne zu zögern rannte sie auf das Getümmel zu. Beim Laufen zerbrach die Holzpantine, die durch ihre Fußtritte einen Riss bekommen hatte, doch Raechel lief unbeirrt weiter, mit einem nackten Fuß, der immer wieder im Schnee versank. Eine Art Vorahnung schnürte ihr die Brust zu.

Je näher sie dem Tumult kam, desto deutlicher hörte sie die Beschuldigungen der Bauern und Soldaten: Die Juden vergifteten die Brunnen, schrien sie, die Juden verhexten die Ernte, damit sie schlecht wurde, sie zögen Gottes Zorn auf Mütterchen Russland herab, und sie hätten Christus’ Mörder beherbergt. Für Raechel war das nicht ungewöhnlich, denn wenn der Schrecken sich mit entwaffnender Regelmäßigkeit wiederholt, fürchtet man ihn zwar weiterhin, aber er überrascht einen nicht mehr.

Nach dem Angriff lagen viele Männer und Frauen des Dorfes am Boden, mit zerschlagenen, blutenden Gesichtern, mit gebrochenen Knochen und mit Wunden, deren Narben sie für den Rest ihres Lebens entstellen würden. Als Erster fiel Raechel der Rabbi ins Auge. Er hob kniend die Hände zum Himmel. Etwas an ihm war anders, auch wenn Raechel nicht gleich wusste, was. Bis sie bemerkte, dass sein langer, weißer Bart fehlte. Der war ihm mitsamt einem Stück seines Kinns abgeschnitten worden, von dem nun reichlich Blut herunterfloss. Und der alte Mann flehte den Herrn von Davids Volk mit zum Himmel erhobenen Händen an, er möge ihm verzeihen, dass er mit dieser Blöße vor sein Angesicht trat.

Erst dann bemerkte Raechel ihren Vater, der ganz in der Nähe des Rabbi reglos auf dem Boden lag. Sie schrie auf und rannte zu ihm.

Der Vater atmete rasselnd. In der Mitte seiner Brust senkte sich eine tiefe, unnatürliche Delle. Raechel wusste sofort, was das bedeutete, so etwas sah man auf dem Land häufiger, wo es nicht ungewöhnlich war, dass man von den Hufen eines Pferdes oder eines Stiers getroffen wurde. Oder mit Fußtritten misshandelt. Letzteres musste ihrem Vater widerfahren sein. Und Raechel wusste nur zu gut, dass solche Wunden tödlich waren, da das Blut nicht abfließen konnte, sondern im Inneren blieb. Manche Leute hielten eine Woche durch, andere hatten das Glück, sofort zu sterben.

»Vater …« Raechel begann zu weinen und beobachtete entsetzt, wie seine Augen, die sonst so lebendig funkelten, sich jetzt trübten.

Der Vater bewegte die Lippen in dem Versuch, etwas zu sagen, aber aus seinem Mund kam nur ein kleiner Blutklumpen.

Raechel wischte ihm sanft die Lippen ab.

Mit letzter Kraft nahm der Vater ihre Hand in seine. Dann versuchte er es noch einmal, doch er brachte nur ein unverständliches Gurgeln heraus.

»Streng dich nicht an, Vater«, sagte Raechel.

Doch er gab nicht auf, er hatte ihr etwas Wichtiges zu sagen, und ihm blieb nur noch wenig Zeit, das wusste er. Er bedeutete ihr, sich zu ihm vorzubeugen.

Gehorsam legte Raechel ihr Ohr an die Lippen des Vaters.

»Geh … fort …«, flüsterte er mit übermenschlicher Anstrengung.

Raechel wich zurück, überrascht und verwirrt zugleich.

Der Vater nickte, zum Zeichen, dass sie richtig gehört hatte. Er wiederholte mit einer Stimme, die nichts mehr mit der Klarheit des Vorbeters der Gemeinde gemein hatte: »Geh … fort … mei…ne … Toch…ter …« Dann verharrte er mit offenem Mund, während der Tod ihm den letzten Atemzug raubte.

3

Palermo, Viertel Mondello, Sizilien

»Rocco … Rocco …« Don Mimì Zappacosta betonte jede Silbe einzeln. Der Boss saß auf einem Korbstuhl unter dem Vordach seines Sommerhauses am Meer in Mondello und trank einen Schluck kalte Limonade, bevor er missbilligend den Kopf schüttelte. »Rocco«, begann er von neuem, »stimmt es, was man mir über dich erzählt?«

Rocco Bonfiglio, zwanzig Jahre alt und mit blondem Haar, das er von irgendeinem normannischen Vorfahren geerbt hatte, stand aufrecht vor Don Mimì und hielt dessen Blick stand. Hinter ihm warteten mit umgehängten Gewehren die beiden Männer, die ihn hergebracht hatten.

»Was erzählt man denn?«, fragte Rocco.

Don Mimì seufzte. »Wie lange kenne ich dich jetzt schon, Rocco?« Er trank noch einen Schluck und stellte dann das Glas auf dem Korbtisch neben seinem Sessel ab. Richtete eine schlichte Goldnadel am Aufschlag seines weißen Leinenjacketts und stand auf. »Ich kenne dich seit deiner Geburt!«, sagte er wohlwollend, während er lächelnd zu Rocco trat und sich bei ihm unterhakte. »Lass uns ein paar Schritte am Strand entlanggehen. Der Arzt sagt, Spazierengehen sei gut für meine Gelenke.« Er stützte sich auf Rocco, umklammerte aber dessen Unterarm mit seiner mageren Hand sehr fest, als wolle er ihn spüren lassen, wie stark er war.

Wortlos stiegen sie die fünf Stufen hinab und durchquerten den Garten voller Kaktusfeigenbäume und hoher Bougainvilleabüsche, deren violette Blüten aussahen, als wären sie aus Papier. Am Ende des Gartens öffnete einer der Männer mit Gewehr ihnen diensteifrig das Tor zum Strand. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, und die Wasseroberfläche kräuselte sich leicht im Maestrale. Kleine Wellen schwappten träge an den Strand.

Rocco war angespannt. Es war niemals ein gutes Zeichen, wenn Don Mimì Zappacosta, der Boss der Stadtviertel Brancaccio und Boccadifalco in Palermo, zum Gespräch bat.

Der Tod seiner Mutter lag jetzt ein Jahr zurück, und noch auf dem Sterbebett hatte sie ihm eingeschärft, jeden Befehl von Don Mimì zu befolgen.

Wie alle hier es taten. Wie sein Vater es getan hatte.

Er selbst aber hatte sich dagegen entschieden. Er wollte ein anderes Leben als das, welches ihm vorbestimmt, zu dem er verdammt war.

An der Wasserlinie blieb Don Mimì stehen und ließ seinen Blick über das Meer und den verlassenen unberührten Strand wandern. Seine Hand umklammerte immer noch Roccos Unterarm. »Ein Paradies, nicht wahr?« Mit der freien Hand nahm er ein paar Stücke Brot aus seiner Jackentasche und warf sie von sich. Sofort stürzten sich einige Möwen darauf und zankten sich darum. Don Mimì lachte. »Und jeder muss sich sein Paradies selbst erobern.« Er warf den Möwen zwei weitere Brotkrumen hin. »Und jeder kann Stückchen für Stückchen das Paradies ergattern, das er verdient.« Er deutete auf die Möwen. »Schau sie dir genau an, Rocco. Sieht es so aus, als verschmähten sie mein Brot?«

Rocco schwieg.

»Hat man dir etwa die Zunge rausgeschnitten?«, scherzte Don Mimì. Und doch klang seine Stimme nicht so, als meinte er es lustig.

»Nein.«

»Auf welche der beiden Fragen ist das die Antwort?«

»Auf beide.«

»Sie haben dir die Zunge nicht rausgeschnitten, und die Möwen verschmähen mein Brot nicht, richtig?«

»Ja.«

»Ja.« Don Mimì nickte nachdenklich und lief weiter. Die beiden Leibwächter folgten ihnen in geringem Abstand. »Also stimmt es, was man mir über dich erzählt, Rocco?«

»Was erzählt man denn über mich?«, hakte Rocco noch einmal nach, obwohl er die Antwort kannte.

Don Mimì stieß einen tiefen Seufzer aus. »Minchia«, fluchte er, »du würdest selbst einen Heiligen zur Verzweiflung treiben!« Mit einem dröhnenden Lachen blieb er stehen, ließ Roccos Arm los und sah ihm fest in die Augen. Dann gab er ihm einen Klaps auf die Wange. »Man erzählt, dass du, anders als die Möwen hier, mein Brot durchaus verschmähst.«

Rocco wandte sich ab.

»Du verschmähst mein Brot also wirklich, Rocco?« Don Mimìs Stimme klang nun nicht mehr wohlwollend.

»Worüber genau beschwert Ihr Euch, Don Mimì?«, fragte Rocco.

»Das kann ich dir sagen: Nardu Impellizzeri, mein Statthalter in Boccadifalco, hat mir berichtet, dass du kein Ehrenmann werden willst«, erwiderte Don Mimì hart.

»Don Mimì …«, begann Rocco. Er mühte sich, mutig zu wirken, doch seine Anspannung stieg zunehmend, insbesondere, als sein Blick die goldene Nadel an Don Mimìs Jackenaufschlag streifte. »Ich will …«

»Ja – du willst was??«

»Ich will nicht zur Cosa Nostra gehören«, stieß Rocco in einem Atemzug hervor. »Nichts für ungut.«

»Nichts für ungut?«, rief Don Mimì laut und schlug Rocco hart ins Gesicht.

Dieser ballte die Fäuste und spannte die Muskeln an.

Die beiden Männer hinter ihnen traten einen Schritt vor, doch Don Mimì hielt sie mit einer knappen Handbewegung zurück. »Du gehörst längst zur famiglia, genau wie dein Vater«, sagte er.

»Mein Vater wurde umgebracht, als ich dreizehn Jahre alt war«, erklärte Rocco. Noch heute träumte er in manchen Nächten davon. In seinen Träumen sah er ihn auf dem Straßenpflaster vor der Kirche San Giovanni dei Lebbrosi liegen, die Augen weit aufgerissen und die Brust von einer Gewehrsalve zerfleischt, die Don Mimì gegolten hatte.

»Er starb ehrenvoll, indem er mir das Leben gerettet hat«, sagte Don Mimì. »Und seit dem Tag hat die famiglia für dich gesorgt. Ist es nicht so? Habe ich es dir je an etwas fehlen lassen?«

»Ich habe mir den Buckel krumm geschuftet in Eurem Weinberg«, antwortete Rocco. »Ich habe Euch alles mit meinem Schweiß zurückgezahlt.«

»Du hast mein Brot gegessen«, beharrte Don Mimì und bohrte einen Finger gegen Roccos Brust. »Ich hätte dich auf die Straße werfen können. Aber aus Respekt gegenüber deinem Vater habe ich dich bei mir behalten.«

»Eure Statthalter haben mir befohlen, arme Tagelöhner zu verprügeln, die ihr Land nicht verlassen wollten«, sagte Rocco. Das Blut pulsierte heftig in seinen Adern. »Und letzten Winter ist eins ihrer Kinder verhungert. Ihr habt sie zugrunde gerichtet.«

»Das haben sie schon selbst getan!«, erwiderte Don Mimì ohne jede Spur von Mitleid. »Ich habe ihnen ein großzügiges Angebot gemacht. Ich hätte es ihnen abgekauft, das Land. Aber die … dumme unwissende Bauern. Sie mussten ja zu diesen Sozialistenschweinen laufen. Sie haben diesen Jungen getötet.«

»Nein! Ich war es!«, brüllte Rocco. »Ich habe ihn auf dem Gewissen!«

»Red keinen Unsinn!« Don Mimì wurde wütend. »Wenn nicht du, dann hätte ein anderer diesen Job erledigt.«

»Aber ich war es«, sagte Rocco traurig. »Und deshalb werde ich nie zu Eurer famiglia gehören – oder zu irgendeiner anderen.« Er sah den Boss herausfordernd an, bevor er hinzufügte: »Ich bin nicht wie mein Vater.«

»Nein, das bist du nicht«, sagte Don Mimì voller Bitterkeit. Er musterte Rocco eine Weile schweigend, dann wandte er ihm den Rücken zu, warf den Möwen weitere Brotkrumen hin und beobachtete, wie sie sie verschlangen. »Das Leben ist eine schwierige Angelegenheit, Rocco«, sagte er langsam. »Viel komplizierter, als ein junger Mann wie du es erkennen kann.« Er entfernte sich ein paar Schritte, trat dann aber wieder zu Rocco und sah ihm fest in die Augen. »Und was willst du stattdessen werden?«

»Automechaniker in Palermo«, antwortete Rocco.

»Du kannst gut mit Maschinen umgehen, das stimmt. Das hat mir Firmino erzählt, der dir all das beigebracht hat, was er selbst wusste.«

»Der wurde auch umgebracht«, murmelte Rocco.

»Jeder stirbt früher oder später. Und in Sizilien ist Blei eine Krankheit wie jede andere«, sagte Don Mimì beiläufig, als wäre es belanglos. »Man tötet oder man wird getötet. Das Leben ist Krieg.«

»Aber dies ist nicht mein Krieg.«

»Ein Soldat kämpft den Krieg des Generals. Er hat nichts zu entscheiden.«

»Aber ich will entscheiden!« Rocco bereute den Satz sofort, aber es war zu spät.

Don Mimì wandte sich den beiden Leibwächtern zu. »Habt ihr gehört, was für einen Blödsinn er erzählt?« Und mit diesen Worten schlug er ihm mit dem Handrücken ins Gesicht.

»Macht das nicht noch einmal, Don Mimì!«, knurrte Rocco, dem es zunehmend schwerfiel, nicht die Beherrschung zu verlieren. Seine dunklen Augen schienen zu glühen.

Doch Don Mimì schlug ihn noch einmal.

Rocco ballte die Fäuste, tat aber nichts.

»Glaubst du etwa, du kannst einfach so nach Palermo verschwinden und dort ungestraft Arbeit finden?« Don Mimì wirkte beängstigend ruhig. »Wie würde ich denn dann dastehen? He? Sag es mir!« Der Boss trat noch näher und flüsterte ihm ins Ohr: »So wahr mir Gott helfe: Dir wird niemand Arbeit geben.«

Rocco hielt seinem Blick stand, die Wangen gerötet von Ohrfeigen und Wut.

»Wie würde ich dastehen, wenn du nicht als Ehrenmann in meine famiglia eintrittst?«, fuhr Don Mimì fort. »Alle werden glauben, dass ich schwach bin. Und irgendjemand wird dann denken, dass man Don Mimì Zappacosta wirklich etwas abschlagen kann und damit einfach so davonkommt. Glaubst du etwa, das könnte ich mir erlauben?« Don Mimì legte Rocco eine Hand auf die Schulter, die Geste eines gütigen Vaters. »Das tut mir weh, Rocco. Es schmerzt mich sehr nach allem, was ich für dich und deine Mutter getan habe, Friede ihrer armen Seele.« Dann nahm er Roccos Gesicht in beide Hände. »Pe’ mia sei come un figghiu, picciottu. Du bist wie ein Sohn für mich. Was soll ich jetzt tun? Ein anderer an deiner Stelle wäre schon tot, begreifst du das? Dass du noch am Leben bist, hast du nur deinem Vater zu verdanken.«

Zum ersten Mal seit Beginn ihres Gesprächs verspürte Rocco Angst. Er kannte die Methoden der Cosa Nostra, schließlich war er im Umfeld dieser Leute groß geworden. Und hatte sich mit der Zeit an ihr System gewöhnt, so wie jemand, der neben einer Müllhalde wohnt, irgendwann den Gestank nicht mehr riecht. Er hatte noch nie jemanden getötet oder sich an Schutzgelderpressungen beteiligt, und er hatte auch noch nie den Laden eines Kaufmanns angezündet, der kein Schutzgeld zahlen wollte. Er hatte sich aus allem rausgehalten. Doch im vergangenen Jahr war er zu einem so genannten avvicinato geworden. Das war so beschlossen worden, er hatte keine Wahl gehabt. Eines Nachts hatte man ihn betrunken gemacht und dann mitgenommen, um die Familie eines Tagelöhners zu verprügeln. Die Tat war seine Initiation gewesen, der erste Schritt zur Aufnahme in die famiglia. Rocco hatte daran nur unzusammenhängende Erinnerungen. Doch als er die armen Kerle zwei Wochen später im Stadtteil Boccadifalco auf der Straße getroffen hatte, waren sie zusammengezuckt und hatten ihn ängstlich gegrüßt. Rocco hatte sich schmutzig gefühlt und feige noch dazu. Später im Winter hatte ihm einer von Don Mimìs Soldaten grinsend erzählt, dass der Jüngste der Familie verhungert war. An diesem Tag hatte Rocco sich verändert. Und er hatte sich geschworen, niemandem jemals mehr etwas anzutun.

»Was soll ich nur mit dir machen, Rocco?«, fuhr Don Mimì fort, in diesem ruhigen Ton, der weitaus bedrohlicher war als lautes Gebrüll. »Soll ich mich von dir verabschieden, deinen Vater um Verzeihung bitten, mich wieder zu meiner Limonade setzen und dich denen da überlassen?« Er deutete auf die beiden Leibwächter, die jetzt Klappmesser in der Hand hielten.

Roccos Herz schlug schneller. Plötzlich war der Mut verschwunden, den er gestern noch bei Nardu Impellizzeri, dem Statthalter von Boccadifalco, an den Tag gelegt hatte.

»Hilf mir, Rocco.« Ein Lächeln des Bedauerns umspielte Don Mimìs Lippen. »Stell mich nicht mit dem Rücken zur Wand. Ein Mann, der mit dem Rücken zur Wand steht, hat keine Wahl. Zwing mich nicht, diese unglückselige Entscheidung zu treffen.«

»Was wollt Ihr von mir?« Rocco gelang es kaum, seine Stimme zu kontrollieren.

»Ich will nur einen Job als Automechaniker in Palermo für dich finden.« Don Mimì kniff ihn in die Wange. »Was ist denn so schlimm daran? Was? Sag es mir!«

Rocco sah ihn an, und mit einem Mal wich alle Kraft aus ihm. Entweder er beugte sich jetzt, oder er starb. So waren die Regeln der Mafia.

»Tritt in die famiglia ein. Mach mich stolz. Leg den Eid ab«, sagte Don Mimì wohlwollend. »Spiel nicht den toten Helden.«

Rocco senkte den Kopf, zum ersten Mal. Er war besiegt. Und zu jung, um zu sterben.

»So gefällst du mir, picciottu.« Don Mimì lachte. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte ihn nach unten. »Knie dich hin, mein Junge.«

Roccos Knie versanken im Sand.

Don Mimì zog die goldene Nadel aus dem Revers, nahm Roccos rechte Hand und stieß die Nadel ohne das geringste Zögern tief in den Zeigefinger. Wartete, bis sich ein Blutstropfen bildete, und zog dann ein Heiligenbildchen aus der Tasche, auf das er den Tropfen fallen ließ. »Nimm es in beide Hände«, sagte er zu Rocco.

Das Blut befleckte das auf dem Bild abgebildete Gesicht, und so konnte Rocco nicht erkennen, um welchen Heiligen es sich handelte.

Don Mimì hielt ein brennendes Streichholz an das Bild und zündete es an.

»Sprich mir nach: Ich schwöre, dass ich der Cosa Nostra treu sein werde …«

»Ich schwöre … dass ich der … Cosa Nostra treu sein werde«, brachte Rocco stockend hervor, während das Heiligenbildchen Feuer fing und sich zusammenrollte.

»Wenn ich sie je verraten sollte …«

»Wenn ich sie je verraten sollte …«

»… soll mein Körper brennen wie dieses Bild.«

»… soll mein Körper brennen wie dieses Bild«, wiederholte Rocco, während die Flamme an seine Fingerkuppen züngelte.

»Bravo, picciottu«, sagte Don Mimì. »Jetzt bist du ein Ehrenmann.«

Rocco streckte die Finger, und das verkohlte Heiligenbildchen glitt wie ein schwarzer Schmetterling in der leichten Brise davon.

Don Mimìs Miene wurde mit einem Mal hart. »Von jetzt an bist du in meinem Haus nicht mehr willkommen«, stieß er hervor. »Du wirst meinem Statthalter gehorchen und ihm ein Zehntel deines Mechaniker-Lohns geben. Dein Leben gehört jetzt der famiglia, vergiss das nie.« Damit ging er, begleitet von den beiden Leibwächtern, zu seiner Villa, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Rocco kniete wie erstarrt im Sand und betrachtete mit gesenktem Kopf die Sandkörner vor sich, bis er schließlich langsam den Blick zum Meer wandte.

Ich lebe, dachte er, ohne dabei jedoch Erleichterung zu verspüren.

Denn innerlich war ihm, als wäre er schon gestorben.

4

Alcamo, Sizilien

Am Morgen stand Rosetta mit schwerem Herzen auf, doch sie konnte die Sache nicht länger hinauszögern.

Sie trat vor die Tür, holte einen Spaten aus dem Werkzeugschuppen und machte sich auf zu dem Feld, auf dem noch immer die abgeschlachteten Schafe lagen. Die heiße Luft war angefüllt vom Geruch nach Blut und Verwesung, Wolken von Fliegen umschwirrten die rot gefärbten Fellbündel.

Rosetta schlug einen Knoten in ihren Rock, sodass die Beine frei waren, und löste die obersten drei Knöpfe ihres Kleides bis zum Dekolleté. Dann schwang sie den Spaten hoch in die Luft und ließ ihn auf die harte, vertrocknete Erde niedersausen.

Sie brauchte beinahe eine Stunde, um das erste Loch auszuheben. Ihr Haar klebte nass an ihrer Stirn, der Schweiß brannte in ihren Augen, als sie ein Schaf bei den Hinterläufen packte, zu der Grube schleifte und es hineinwarf, bemüht, das Tier so wenig wie möglich anzusehen. Anschließend zerrte sie ein weiteres Schaf zu dem Loch, doch als sie es hineinwarf, landete der steife Körper des Tieres mit den Beinen nach oben. Rosetta blieb nichts anderes übrig, als sich in das Loch hinabzulassen und das Tier auf die Seite zu drehen. Dabei bemerkte sie, dass die Raben ihm die Augen ausgepickt hatten. Die Augenhöhlen waren nun leer, umsprenkelt von schwarzen Flecken, Wachstränen gleich. Rosetta wandte den Blick ab, kletterte aus dem Loch und bedeckte es mit Erde. Ein paar Meter weiter grub sie ein zweites Loch, tiefer und breiter als das erste, und warf drei Schafe hinein. Als sie auch dieses Loch wieder mit Erde aufgefüllt hatte, hielt sie keuchend inne. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Der Gestank war inzwischen kaum noch zu ertragen, die Fliegen schwirrten laut summend um sie herum, und ihr schweißnasses Kleid war voller dunkelroter Flecken. Hände und Schultern schmerzten. Erschöpft ließ sie sich zu Boden sinken.

»Weiber sind halt nicht so stark wie wir Männer«, hörte sie in diesem Moment eine Stimme hinter sich.

Rosetta fuhr herum und erblickte auf dem Zaun des Gatters fünf junge Burschen aus dem Dorf, die sie beobachteten.

Sofort breitete sich die vertraute Angst vor Männern in ihr aus, die sie in deren Gegenwart stets befiel. Sie sprang auf. »Verschwindet!«, schrie sie. »Das hier ist mein Land!«

Die Burschen sahen sie an und grinsten höhnisch, rührten sich jedoch nicht von der Stelle. »Und wenn nicht – was machst du dann?«, fragte einer.

»Verschwindet, oder ich hol die Gendarmen!«

»Wen meinst du?«, höhnte ein anderer. »Meinen Vater?«

»Oder meinen Vetter?«, setzte ein Rothaariger namens Saro nach.

Als hätte sie nicht schon vorher gewusst, dass die Gendarmen ihr nicht helfen würden. Ein feindseliges Schweigen breitete sich aus, während dessen die Burschen sie unentwegt anstarrten.

»Hübsche Beine hast du!«, sagte schließlich einer.

Erst in dem Moment wurde Rosetta bewusst, dass sie halbnackt dastand. Sie wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken und löste hastig den Knoten des Rocks und knöpfte das Kleid zu.

Die Burschen lachten.

Wütend zeigte Rosetta mit dem Finger auf Saro. »Mit denen zusammen fühlst du dich stark, was?« Ihre Nasenflügel bebten vor Zorn. »Hast du etwa vergessen, wie du mir hinterhergelaufen bist und mich angebettelt hast? Hm? Hast du das auch deinen Freunden erzählt?«

Saro errötete heftig und spuckte in ihre Richtung aus. »Eine bottana wie dich fass’ ich doch nicht mal mit der Zange an.«

»Verschwindet«, wiederholte Rosetta.

»Du kannst mich mal!« Saro verschränkte trotzig die Arme vor der Brust, und die anderen taten es ihm gleich.

»Wir sehen dich halt gern an!«, sagte ein anderer.

Rosetta fühlte sich hilflos, in ihrem Hals bildete sich ein Kloß. Die Leute aus dem Dorf hatten unrecht, wenn sie dachten, sie hätte vor nichts und niemandem Angst. Jetzt zum Beispiel hatte sie Angst. Und manchmal seit dem Tod ihres Vaters hatte sie Angst, allein im Haus zu sein, schließlich war die Tür leicht aufzubrechen. Aber in einem hatten die Leute aus dem Dorf recht: Sie war stark. Und stur wie ein Maulesel. Also wandte Rosetta den jungen Burschen entschlossen den Rücken zu und begann, ein weiteres Loch zu graben. Sie ließ all ihre Wut am Boden aus und grub weiter, der Hitze und Erschöpfung zum Trotz.

»Du bist härter als Stein«, beschwor sie leise.

Erst als sie die letzten fünf Schafe begraben hatte, drehte sie sich mit herausforderndem Blick wieder zum Zaun um. Sie war vollkommen außer Atem, ihre Hände waren mit Blasen übersät, ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust, und ihre Beine zitterten.

Aber die jungen Burschen saßen nicht mehr dort. Rosetta war darüber nicht etwa erleichtert, sondern beunruhigt. Sie hatte sie nicht weggehen hören und lauschte nun angespannt. Nichts. Nur das Summen der Fliegen und das Zirpen der Zikaden in der sengenden Sonne des Südens.

»Ich mache mir Sorgen um dich«, hatte Pater Cecè gesagt.

Rosetta entschied, sich heute nicht im Bach zu waschen, sie wollte sich nicht ausziehen. Stattdessen lief sie zum Haus zurück, wobei sie immer wieder misstrauische Blicke über die Schulter warf. Im Haus verriegelte sie hastig die Tür hinter sich.

Sie aß einen Rest pane cunzato und trank ein halbes Glas Rotwein. Dann trat sie ans Fenster und sah hinaus auf die Felder. Niemand war zu sehen. Erschöpft sank sie auf ihr Bett und fiel sogleich in einen unruhigen Schlaf. Als sie zwei Stunden später aufwachte, war ihr Mund trocken und schmeckte nach den getrockneten Tomaten und Kapern des pane cunzato. Sie hatte Durst.

Rosetta schob den Riegel zurück und trat ins Freie. Die untergehende Sonne berührte bereits den Gipfel des Monte Bonifato, und die Natur kam allmählich zur Ruhe. Sie ging zum Brunnen, zog den Eimer hoch und trank einen tiefen Zug aus der hölzernen Schöpfkelle. Dann tauchte sie die Hände in den Eimer und wusch sich das Gesicht. Sie schloss die Augen und fuhr sich mit den nassen Händen über den Nacken. Sofort fühlte sie sich besser. Ich werde mich nicht geschlagen geben, dachte sie, während sie die obersten Knöpfe des Kleides öffnete, um auch den Oberkörper mit dem kühlen Wasser zu erfrischen. Denn mein Kampf ist gerecht. Und bei diesem Gedanken fühlte sie sich gleich stärker.

In diesem Moment warf ihr jemand eine Kapuze über den Kopf und packte sie bei den Schultern. Dann schlossen sich Hände um ihre Arme und hielten sie fest.

Rosetta schrie. Als sie versuchte, sich zu befreien, hörte sie, wie der Eimer zurück in den Brunnen fiel.

»Schrei, bottana, schrei. Hier hört dich niemand«, flüsterte jemand mit verstellter Stimme.

Rosetta hatte Todesangst. Bei jedem Atemzug legte sich der Stoff vor ihren Mund und ihre Nase. »Wer seid Ihr?«, schrie sie.

»Wir sind niemand.«

Dann wurde sie auf den Boden geworfen, eine Hand packte ihr Kleid, wo sie begonnen hatte, es aufzuknöpfen, riss es entzwei und entblößte ihre Brüste. Rosetta schrie unaufhörlich und versuchte, sich zu wehren. Sie stieß die Hand in Richtung des Angreifers vor, um ihn wegzustoßen, und als ihre Fingerkuppen den Hals des Mannes berührten, grub sie sofort ihre Nägel hinein. Der Mann stöhnte auf und schlug sie mit der Faust. Dann packten andere Hände erneut ihre Arme und hielten sie fest, weit auseinander wie bei Christus am Kreuz. Jemand schob ihren Rock hoch.

»Nein!«, schrie Rosetta und versuchte, sich loszureißen.

Ein schwerer Körper warf sich auf sie und spreizte ihre Beine.

Rosetta hörte, wie jemand ausspuckte, bevor eine speichelnasse Hand sie zwischen den Beinen befeuchtete. »Nein!«, rief sie noch einmal verzweifelt, in vollem Bewusstsein dessen, was nun geschehen würde. »Nein!«

Einen Moment später stieß jemand heftig in sie. Etwas in ihr riss, und sie war sogleich von Schmerz erfüllt, der ihr den Atem raubte und die Tränen in die Augen trieb.

Der Körper auf ihr begann, sich schnell auf und ab zu bewegen.

Rosettas Augen unter der Kapuze waren weit aufgerissen, ihr Mund zu einem Schrei verzerrt, doch kein Laut drang mehr über ihre Lippen. In ihren Ohren dröhnte nichts als das bestialische Keuchen des Mannes, der sie zu Boden drückte und von ihr Besitz ergriff.

Dann bäumte der Körper über ihr sich auf und bohrte sich ein letztes Mal tief in sie.

Rosetta hörte eine Art Grunzen und fühlte, wie sich eine lauwarme Flüssigkeit in sie ergoss.

Der Körper zog sich zurück. »Die bottana war noch Jungfrau«, sagte jemand mit höhnischem Lachen.

Doch es war noch nicht vorbei. Ein anderer Körper warf sich auf sie und machte dasselbe mit ihr wie der erste.

»Es tut nicht weh … es tut nicht weh …«, murmelte Rosetta nun vor sich hin.

»Nein, das tut nicht weh«, lachte jemand. »Das gefällt dir, was, bottana?«

Nach einer Weile grunzte auch dieser Körper, erstarrte kurz und füllte sie mit Flüssigkeit.

Dann kam der dritte an die Reihe, und schließlich sagte die Stimme, die als erste zu ihr gesprochen hatte: »Wag es ja nicht, die Kapuze abzunehmen, sonst schneid’ ich dir die Kehle durch.«

Rosetta blieb reglos liegen, während sie den sich schnell entfernenden Schritten lauschte. Sie war unfähig, sich zu bewegen, zu denken. Unfähig, das schreckliche Leid vollends zu empfinden, welches ihr zugefügt worden war. Unfähig, die Hölle wahrzunehmen, die in ihr tobte, und die tiefe Demütigung zu ermessen. Sie blieb einfach liegen, bis sie vor Kälte anfing zu zittern. Eine Kälte, die aus ihrem Inneren kam, von dort, wo sie an Leib und Seele verletzt worden war.

Erst da zog sie sich mit bebenden Fingern die Kapuze vom Kopf. Als es ihr endlich gelang sich aufzurichten, ließ das Licht der untergehenden Sonne das Blut, das an ihren Schenkeln entlanglief, tiefrot erscheinen. Rosetta stand mit weit aufgerissenen Augen und Mund da. Sie blickte zum Haus. Und dann hinüber zu dem Feld, auf dem sie die Schafe begraben hatte. Und weiter dorthin, wo die verkohlten Olivenbäume ihre verkrüppelten Äste in den Himmel streckten und die Erde noch schwarz war nach dem Brand vor zwei Monaten.

Sie bewegte die Lippen, als wollte sie um Hilfe rufen, aber kein Laut entwand sich ihrer Kehle. Sie spürte nicht einmal, dass sie atmete. Oder ob ihr Herz noch schlug. Sie war wie tot.

Nur eins hörte sie in der Ferne: die Glocke der Kirche San Francesco d’Assisi.

Und da lief sie los, den steinigen Weg entlang, mechanisch, ohne es überhaupt zu merken. Mit langsamen, unsicheren Schritten. Wie im Traum. Als sei es gar nicht sie, die lief.

In Alcamo angekommen, spürte sie weder, dass die Dorfbewohner sie anstarrten, noch bemerkte sie, dass alle hinter ihr herliefen.

Sie ließ sich allein von dem Nachklang der inzwischen verstummten Glocke leiten, dem einzigen Geräusch, das zu ihr durchgedrungen war.