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»Als der Mond seine Unschuld verlor«: Eine Dorfgemeinschaft im Spannungsfeld zwischen häuslichen Zwängen, sozialer Kontrolle, Ausbruch und Aufbruch in eine neue Zeit. Im Mittelpunkt stehen sechs Jugendliche und ihre Familien. Zeitlich verankert ist dieser Entwicklungsroman in den Jahren 1968 und 1969. Jahre, die im Zeichen von gesellschaftlicher und politischer Erneuerung stehen - mit der Mondlandung als erstem medialem Großereignis. Familiengeheimnisse und Tabus, erste Liebe, Unglücksfälle und tragische Schicksale, religiöser Wahn, Befreiung von Abhängigkeiten, aber auch ganz profane Ereignisse - ein Potpourri menschlichen Erlebens und Empfindens, angesiedelt in einer engen dörflichen Gemeinschaft, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Aber der Wille nach Befreiung und Selbstbestimmung ist stark. Das Buch begleitet die Hauptprotagonisten auf ihrem Weg durch zwei bewegte Jahre: Hedwig, die sich von Zwängen befreit und zu einer starken Frau wird. Christa, ihre Tochter, die unter den Folgen eines Familiengeheimnisses leidet. Simone, die Tochter des Lehrers, mit einem Faible für die Steinzeit und das Orgelspiel. Tilde, das Mathematik-Genie: gehandicapt, aber mit eisernem Willen. Karl, der durch einen Unfall eine lange zurückliegende Tragödie offenbart. Die wilde Sonja, die mit den Gefühlen anderer spielt, bis sie selbst betroffen ist. Babette, die unheimliche Erscheinungen hat und ein besonderes Verhältnis zum Blutmond. Und Georg, der ein schweres Erbe antreten soll. Dann ein Wiedersehen nach 50 Jahren mit überraschenden Erkenntnissen. Konnten die Freundschaften Zeit und Raum überdauern?
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Dorothea Seth-Blendinger
Nach dem Studium der Pädagogik und Philosophie an der Universität München arbeitete Dorothea Seth-Blendinger als Lehrerin, heute Rektorin eines Schulzentrums. Aus ihrem Interesse für Geschichte, vor allem Heimatgeschichte, entstand das vorliegende Buch. Dorothea Seth-Blendinger verbrachte Jahre ihrer Kindheit und Jugend in einer kleinen Gemeinde in dörflicher Region.
Dorothea Seth-Blendinger war lange Jahre als Sach- und Schulbuchautorin tätig (Cornelsen/Duden-Schulbuchverlag, Loewe-Verlag, Klinkhardt-Verlag). Bereits erschienen im Engelsdorfer Verlag ist die Anthologie „Unscheinbarkeiten.“
Dorothea Seth-Blendinger
ALS DER MOND SEINEUNSCHULD VERLOR
Episoden eines Landlebens 1968 und 1969
Engelsdorfer Verlag Leipzig 2019
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de/DE/Home/home_node.html abrufbar.
Copyright (2019) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei der Autorin
Titelgestaltung/Illustration: Johannes Blendinger,
Grafik-Design, Nürnberg
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019
Christa Wagner
Hedwig Wagner, Mutter Otto Wagner, Vater Gotthilf Probst, Großvater Karl Wagner, Bruder Wolfgang Wagner, Bruder Gunda, Schwägerin Markus und Sandra, Neffe und Frau
Benedikt (Beneck) Probst, Onkel Sergio Paul Balberger, Nachbar Anselm Fabricius, Pfarrer; Malte-Tobias Krämer, Vikar Dr. Mohr, Tierarzt; Margit Mohr, Frau des Tierarztes Heinz Lösch, Vorstand Raiffeisenbank; Renner, Raiffeisenbank Reiner Kurz, Bürgermeister Anton Kröger, Kriminaloberkommissar Johann, Freund von Karl Fräulein Deuter, Lehrerin Seiler, Orgelbauer Sylvia Brand, Gast im „Goldenen Hirsch“ Cornelius Hachtel, Totengräber
Tilde Lehr
Elsbeth Lehr, Mutter Frieda, Nachbarin
Sonja Baumann
Marie Baumann, Pflegemutter Hartl Baumann, Pflegevater Babette Baumann, Schwester von Hartl Gerda, Arbeitskollegin von Sonja Scott Rogers, Soldat Chefin des Salons „Brenda“
Simone Blümert
Gertraud (Greta) Blümert, Mutter Alfons Blümert, Vater Lasse Blümert, Bruder Klaus Blümert, Onkel Oma Blümert, Großmutter Carla, Tochter
Großfeld, Kirchdorf Weidbach, Nebenort Altes Brauhaus Burgholz, hügeliges Waldstück Gramforster Wald Gramforster Höhlen
Wolken ziehn auf, von Zeit zu Zeit –
sie bringen die Chance, ein wenig auszuruhen
von der Betrachtung des Mondes.
Bashô (1643 - 1694), japanischer Dichter
Das Werk speist sich zum Großteil aus biographischen Erlebnissen und Erfahrungen der Autorin während ihrer Kindheit und Jugendzeit in einer kleinen Gemeinde in dörflicher Region. Zudem gingen dem Schreiben des Textes intensive Recherchen in ortsansässigen Archiven und Chroniken, sowie ausführliche Gespräche mit Zeitzeugen voraus.
Im vorliegenden Zeitraum, Mitte/Ende der 60-er Jahre, waren – auch im ländlichen Raum – große gesellschaftliche Unruhe und beginnende Umbrüche zu spüren: die Gebietsreform, die Anwesenheit amerikanischer Streitkräfte, die Studentenbewegung, die Emanzipation der Frau, das kritische Hinterfragen sozialer Zwänge, aber auch noch die Schatten des zweiten Weltkrieges. Somit handelt es sich bei dem Roman um ein zeitgeschichtliches Dokument.
Namen von Personen und Orten sind fiktiv. Situationen und Geschehnisse wurden literarisch komponiert in einen Spannungsbogen, der den Leser bis zum Schluss des Buches in seinen Bann schlägt.
„Georg. Wer ist Georg?“, fragte Carla erstaunt und warf einen kurzen, forschenden Blick auf ihre Mutter. „Georg?“, wiederholte Simone irritiert.
„Das hast du gerade laut gesagt, ja!“, entgegnete Carla und schaute geradeaus auf die Straße.
„Ein … Klassenkamerad“, murmelte Simone. Sie räusperte sich, sagte jedoch kein weiteres Wort.
Jetzt war sie doch im Zweifel, ob das so eine gute Idee gewesen war, sich tatsächlich aufzumachen nach Großfeld. Lange Jahre war sie nicht dort gewesen. Das Haus längst veräußert, die Zelte endgültig abgebrochen, keine Kontakte mehr. Nach ihrem Umzug als Kind pflegte sie noch eine Zeitlang Brieffreundschaft mit ihren damaligen Freundinnen, aber das schlief auch irgendwann ein. 50 Jahre! Ein halbes Jahrhundert …
Sie klappte den Spiegel über dem Beifahrersitz herunter und betrachtete sich eingehend.
„Mama, wie oft denn noch? Du siehst gut aus!“
Ihre Tochter lenkte sicher und zügig den Wagen. Erst das Angebot von Carla, sie zu fahren und zu begleiten, ließ sie den festen Entschluss fassen, die weite Reise vom Norden in den Süden auf sich zu nehmen.
Nach einer Übernachtung auf gut halber Strecke waren sie nun frühzeitig genug unterwegs, um pünktlich um 15 Uhr vor Ort zu sein. Vor Ort, das war der „Leichchor-Platz“ auf dem Friedhof von Großfeld.
Vor nicht allzu langer Zeit hatte Simone beim Aufräumen auf dem Speicher eine kleine Holzschachtel gefunden, deren Inhalt sie schlagartig in ihre Vergangenheit katapultierte. Genauer gesagt, in ihre beiden letzten Jahre in Großfeld, 1968 und 1969.
In der kleinen Schachtel drei Gegenstände, die ihr die Tränen in die Augen trieben und die – wie ein Film – Jahre ihrer Kindheit vor ihrem geistigen Auge abspulten: ein winzig kleiner, bunt bemalter Plastik-Engel, eine mesolithische Pfeilspitze und ein gefaltetes Stück Papier. Der Vertrag. In Schülerschrift verfasst und unterschrieben:
Hiermit versprechen wir, daß wir uns heute in 50 Jahren, am 16. August 2018 treffen, am Leichchor-Platz um 15 Uhr.
Großfeld, 16. August 1968 Simone Blümert, Christa Wagner, Tilde Lehr
Ihre Idee war das damals gewesen mit dem Vertrag. Sie erinnerte sich genau. Wie die anderen beiden, Christa und Tilde, gestutzt hatten. Wie dann jede einzelne für sich den Vertragstext abschrieb, alle drei die Exemplare mit ihren Unterschriften versahen – mit dem feierlichen Versprechen, das Vereinbarte einzulösen.
Und hier war sie nun: Dr. Simone Lenz, geborene Blümert, 62 Jahre alt, auf dem Weg in ihre Vergangenheit.
„Mach doch einfach die Augen zu und schlaf’ ein bisschen. Es ist ja noch ein gutes Stück zu fahren!“, schlug Carla ihr vor.
Simone lehnte sich im Autositz zurück, schloss die Augen und ließ Bilder und Namen kommen und sich wegtragen.
Das kleine Dorf – irgendwo im Nirgendwo. So hatten sie es damals genannt. Sie und ihre Freundinnen. Christa, die Gastwirtstochter. Bei ihr war Simone ganz oft. Dann das Mathe-Genie Tilde: schlau, witzig und schlagfertig. Aber gehandicapt. Und Sonja – die sie immer heimlich bewunderte für ihre Frechheit und Unabhängigkeit. Wobei sie nicht wirklich viel miteinander zu tun hatten. Die hing öfter mit Christas Bruder Karl ab. Karl, der wohl sehr verliebt gewesen war in Sonja. Genau wusste Simone es aber nicht mehr. Die beiden waren ja auch etliche Jahre älter. Und Georg …
Die Verkehrsdurchsage im Autoradio riss Simone aus ihren Gedanken.
„Mama, wir fahren runter von der Autobahn, überall Stau“, wandte sich Carla ihr zu.
„Warst du eigentlich mit Dad mal in Großfeld, früher?“
„Mit Papa? Nein, wir … es hat sich nicht ergeben. Da war ja niemand mehr.“
„Mit Papa“, wiederholte Carla grinsend.
„Wir waren eine kleine Clique“, beeilte sich Simone, ihre Unruhe zu überspielen, „Klassenkameraden eben. Christa, Tilde … Georg. Und noch Sonja“, setzte sie eilig hinzu, „die war ein paar Jahre älter. War ja nicht viel los auf dem Dorf.“
Ab und an hatte Simone ihren Kindern aus dieser Zeit erzählt. Von dem großen Gasthof, der Orgel, dem alten Brauhaus. Von den Steinzeitfunden und dem weißen Reh. Und von einem schrecklichen Verbrechen. Aber es waren immer nur bruchstückhafte, kurze Berichte.
Carla erhoffte sich durch die Begleitung ihrer Mutter mehr zu erfahren aus dieser Zeit. Auch über ihre Großeltern. Und davon, wie die Menschen gelebt haben damals. Vor 50 Jahren – unvorstellbar lange her! Aber Carla wusste auch, dass sie Geduld aufbringen müsste.
Mutter und Tochter tauschten noch ein paar Belanglosigkeiten aus. Dann verfielen beide in Schweigen. Carla steuerte den Wagen souverän. Sie liebte es, über Land zu fahren.
Vorbei an Feldern und Wäldern, durch kleine Dörfer. Es würde noch eine ganze Weile dauern, bis sie angekommen wären.
„Ruh’ dich aus“, sagte Carla sanft, „es wird nachher anstrengend genug für dich.“
Simone tätschelte ihre Tochter am Arm, lehnte sich im Sitz zurück und schloss erneut die Augen.
Wie ein Gespenst! dachte Simone und musste leise kichern, als sie schemenhaft das Gesicht der Freundin am Fenster erkannte. Sie winkte ihr vom Rücksitz des Wagens noch einmal heftig zu, bis Mutti sie ermahnte, sich ordentlich hinzusetzen. Mutti fragte sie aus – wie immer nach Besuchen bei Freundinnen. Über Dinge, die sie nicht beantworten konnte oder wollte. Zum Beispiel wollte sie wissen, ob Christas Mutter ihre Haare färbte oder ob sie Nylonstrümpfe trug. Und ob sie ihren Ehering trug und so weiter. Simone gab nur recht einsilbige Antworten.
„Ihr sollt euch nicht in der Gaststube aufhalten, wenn die Stammtischbrüder dort sitzen. Wie oft habe ich dir das schon gesagt“, nörgelte Mutti, „du darfst sonst nicht mehr da hin!“ Immer die gleiche Leier, wenn sie abgeholt wurde. Simone kannte das. Es war völlig müßig, darauf zu antworten, also stellte sie sich taub.
Lustig war es wieder gewesen bei Christa und auch ein wenig aufregend. In dem großen Haus mit der Gastwirtschaft, die vielen kleinen dunklen Räume, der alte Tanzsaal im Obergeschoss, die angrenzenden Ställe, die düsteren Gewölbekeller und der riesige Speicher, auf dem sie heute zum ersten Mal herumgestöbert hatten.
Ein wenig gruselig war es jedoch auch. Christas sonderbarer Onkel, den sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Dann ihr Vater, der nie zu reden schien.
Simones Elternhaus selber war zwar auch nicht gerade klein, aber überschaubar und es gab keine unkontrollierten Winkel, also auch keine Rückzugsmöglichkeiten. Der „Goldene Hirsch“ war wie ein riesiger, spannender Spielplatz für Simone.
Und außerdem gab es dort immer eine Bluna für sie: süß, gelb, kalt. Die kleine grüne Flasche direkt aus der Kühlung. Es war ein Ritual: zuerst die kalte Flasche an die Wange halten, dann den gesamten Inhalt in ein Glas kippen, zusehen, wie das Glas beschlägt und das Getränk schäumt und zischt, dann zwei kleine Schlucke nehmen, die sprudelnde Süße im Mund, dann wieder zuprosten und das Glas auf einen Zug leeren.
Gerne wäre Simone noch länger bei Christa geblieben, aber sie durfte nie länger als bis zur einbrechenden Dunkelheit bleiben. Abends müssten alle wieder zuhause sein – das war Muttis Devise.
Simones Freundinnen – Christa und Tilde – wurden nicht so streng gehalten wie sie. Dabei waren sie doch alle gleich alt, elf Jahre! Obwohl es manchmal so aussah, als ob Christa älter sei als sie und Tilde. Christa hatte tatsächlich schon kleine Wölbungen unter dem Pullover. Simone musste leise kichern, als sie daran dachte. Christa wurde richtig sauer, wenn man sie darauf ansprach. Simone hoffte nur, dass Mutti nicht damit anfinge. Sie würde es ihr zutrauen, Christa direkt darauf anzusprechen, dass sie wohl bald einen Büstenhalter tragen müsste. „Das muss ihre Mutter doch sehen, das gehört sich doch nicht, so herumzulaufen“, hatte sie neulich bemerkt – begleitet von heftigem Kopfschütteln. „Also, wenn du …“, setzte sie erneut an. Simone hatte sie unterbrochen: „Mutti, bitte!“ Sie wollte auf keinen Fall mit ihrer Mutter über dieses Thema reden.
Simone, Tilde und Christa waren seit der ersten Klasse die einzigen Mädchen in ihrer Klassenstufe. Jetzt waren sie in der vierten Klasse und Simone wünschte sich, dass sie weiterhin zusammenblieben, auch in der weiterführenden Schule.
Das zierliche Mädchen blies sich unmutig die Haare aus der Stirn und schaute aus dem Fenster. Die Häuser standen in Reih und Glied, aufgestellt entlang der Dorfstraße.
Manche klein und unscheinbar, andere mit hohem Giebel und stattlichem Fachwerk, dann die Schreinerwerkstatt mit vielen, hell erleuchteten Fenstern. Die Straße führte in einem weiten Bogen sanft hinauf, vorbei an dampfenden Misthäufen und grimmig blickenden Gartenzwergen, direkt auf die kleine Tankstelle zu. Nimm dir Zeit und nicht das Leben – so prangte es auf dem großen Emaille-Schild neben der Zapfsäule. Mutti bog links ab. Am Ende der Straße, am Dorfrand, lag das Haus der Blümerts. Hinter einer hohen Hecke verborgen. „Damit uns nicht jeder reingucken kann“, betonten Simones Eltern immer wieder.
Wie anders war doch der „Goldene Hirsch“! Kein Zaun, die Tür tagsüber immer offen, Leute gingen ein und aus. Ja gut, es war auch ein Gasthof. Aber trotzdem. Simone gähnte. Was Christa wohl noch tun würde heute?
Christa drückte ihre Stirn an die kalte Fensterscheibe. Noch kurz waren die Rücklichter von Blümerts Auto zu sehen, dann verschwanden die roten Punkte in der Dämmerung. Jetzt war Christa wieder alleine. Sie blieb noch eine Weile am Fenster stehen und starrte auf die leere Straße. Zeichenblock und Stifte, auf dem Teller noch die letzten Krümel der Zimtrollen, leere Gläser – Hinterlassenschaften eines schönen Nachmittages mit Simone. Sie waren beste Freundinnen und wenn sie zusammen waren, vergaßen sie oft die Welt um sich herum. So auch das Gerede vom Stammtisch an der anderen Ecke des Gastraumes. Manche Wortfetzen erregten ihre Aufmerksamkeit, aber das meiste war für die Mädchen schlichtweg uninteressant.
Christa schnappte sich das Buch, das Simone ihr ausgeliehen hatte: Hanni und Nanni suchen Gespenster. Simone besaß alle Bände der Reihe und Christa bekam sie, wenn Simone sie ausgelesen hatte. Nach kurzer Zeit war Christa abgetaucht in die Welt der Zwillingsmädchen im Internat.
Plötzlich ließ das Dröhnen schwerer Fahrzeuge die Fensterscheiben klirren und die Wände erzittern. Christa schnellte hoch und schaute aus dem Fenster. Sie konnte aber nichts erkennen – außer den gleißend hellen Lichtkegeln, die ihr direkt ins Gesicht schienen.
Dicht an dicht schoben sich die Fahrzeuge durchs Dorf. Ein kleiner Geländewagen fuhr immer voraus. Dann folgten Lastwagen mit Planen, dann völlig geschlossene große Wägen, dann Wägen mit Anhängern. Und dann die Panzer. Christa erschrak, obwohl es nicht zum ersten Mal war, dass dieser Konvoi durchs Dorf donnerte. Schon eine ganze Zeit lang ging das so. Die Nachhut machte wieder ein kleinerer Geländewagen. Schemenhaft konnte man Personen erkennen. Aber alles ging so schnell und außerdem war es dunkel draußen. Dass es Soldaten waren, die zu Manövern unterwegs waren, wusste Christa. Aber eben nichts Genaues. Schließlich hatte dieser geheimnisvolle Zug noch nie Halt gemacht im Dorf und auch nicht in der näheren Umgebung.
Obwohl es weit nach der Vesperzeit war und die Glocken schon zur Nacht geläutet hatten, blieben doch immer noch einzelne Männer in der Gastwirtschaft sitzen, redeten sich die Köpfe heiß, brabbelten vor sich hin, verstummten plötzlich, lachten, spielten Skat oder Schafkopf.
Der große quadratische Tisch in der Ecke, der Stammtisch – gegenüber vom Tresen – war in diesen Tagen oft der einzige Tisch, der besetzt war.
„Unsere amerikanischen Freunde sind wieder unterwegs“, schimpfte einer der Männer.
Christa löste sich von der Scheibe: „Wieso Freunde?“
Sie hatte keine Antwort erwartet, trotzdem ärgerte sie sich, dass offensichtlich niemand ihre Frage ernst nahm. Sie würde Großvater fragen.
„Jetzt fahren sie uns wieder die Äcker kaputt!“, ergänzte der Balberger.
„Und im Burgholz haben sie das alte Steinkreuz umgelegt! Erst letztes Jahr hab’ ich’s wieder aufgestellt!“, setzte ein anderer ärgerlich hinzu.
Christa spitzte die Ohren. Sie hatte das Steinkreuz am Rande des unwegsamen Waldstückes schon einmal gesehen. Ein Mahnmal sei das, hatte Großvater erklärt – ein Mahnmal an eine böse Tat vor langer Zeit.
Das Burgholz ragte wie ein riesiges Schiff aus dem Tal heraus, ein dicht bewaldeter Hügel, zugewachsen mit Buschwerk und Dornenhecken. Reste von Steinmauern und grubenähnliche Vertiefungen im Inneren des Waldstückes deuteten auf eine Festungsanlage aus Urzeiten hin. Das wusste Christa aus der Schule. Umgestürzte Bäume lagen kreuz und quer in dem Waldstück und der Weg, an dessen Eingang das verwitterte Steinkreuz stand, endete schon nach wenigen Metern.
Den Kindern war es streng untersagt, tiefer in das Gelände vorzudringen. Gefahren lauerten dort, sagten die Erwachsenen. Dass einen das Burgholz verschlucken würde – das waren Märchen, um die Kinder zu verschrecken. Da war sich Christa ganz sicher. Aber dennoch ein ziemlich gruseliger Ort. Trotzdem war Christa schon mehrmals mit ihrem Bruder dort gewesen – heimlich natürlich. Mutter würde es ihr nie erlauben.
Zu gerne hätte sie mehr erfahren – über die „amerikanischen Freunde“ und über das Steinkreuz im Burgholz und über viele Sachen, aus denen die Erwachsenen immer Geheimnisse machten.
„Noch ein Bier, Christa!“, ertönte es fordernd vom Stammtisch.
Zum Bier Einschenken war sie alt genug, aber die Geschichten durfte sie nicht hören.
Christa schüttelte unmutig ihre langen schwarzen Zöpfe.
Sie war das jüngste Kind des Gastwirts. Trotz ihrer erst elf Jahre musste sie oft die Stellung halten in der Wirtschaft. Großvater hatte sich ins kleine Hinterzimmer verzogen und war dort sicher auf dem Sofa eingeschlafen. Mutter hantierte in der Küche. Und Vater, ja Vater…
„Drei Halbe!“, befahl der Balberger laut und setzte hinzu: „Aber hurtig!“
Christa erhob sich betont langsam von ihrem Platz. Automatisch bediente sie den Zapfhahn, hielt zwei Glaskrüge schräg in den sprudelnden Strahl, streifte den überschüssigen Schaum mit einem Spatel ab, zapfte erneut helles Bier, bis die Gläser voll waren. Etwas unter dem Eichstrich – so hatte sie das von Vater abgeschaut.
Kaum hatte Christa die Krüge auf die Bierdeckel platziert und noch auf jeden einen Strich mit Bleistift gesetzt, da griffen die Männer auch schon zu und leerten die Gläser – in einem Zug!
Die Mutter kam aus der Küche. Sie sah müde aus, müde und abgeschafft in ihrer weiten blauen Schürze. Sie strich Christa leicht übers Haar: „Komm, Christa, trink noch deine warme Milch und dann ab ins Bett!“
Christa setzte sich vor die dampfende Tasse am Küchentisch. Mutter würde abkassieren, die letzten Gäste nach Hause schicken und die Gaststube schließen. So wie sie es jeden Abend tat.
Dass die Stammtischbrüder immer so lange sitzen bleiben mussten!
„Fünf Halbe, ein Klarer und ein Wurstbrot – elf Mark achtzig, Balberger. Und bei dir, Kraus: sechs Halbe, neun Mark“, hörte Christa ihre Mutter sagen.
Dann schaltete Mutter das Licht aus in der Gaststube, so dass nur noch Theke und Stammtisch spärlich beleuchtet waren. Sie wischte rasch mit dem Lappen über Tresen und Waschbecken, spülte die letzten Gläser ab und schloss die Kasse zu. Dann öffnete sie weit eines der Fenster. Das war das Zeichen zum Aufbruch. Die Männer murrten noch ein wenig, erhoben sich geräuschvoll von ihren Stühlen, um morgen am späten Nachmittag wiederzukommen.
Im Hinausgehen zwinkerte der Balberger Mutter zu: „Gute Nacht, Hedwig!“ Christa mochte den Balberger nicht.
Hedwig ließ sich auf einen Stuhl fallen und blickte durch das weit geöffnete Fenster nach draußen in den Nachthimmel. Der Rauch von Pfeife und Stumpen zog hinaus in die Dunkelheit. Aus dem kleinen Raum nebenan, dem „Kabinett“, hörte sie Großvater leise schnarchen. Wie es zu dieser Bezeichnung des Raums gekommen war, das wusste niemand mehr. Es war irgendwie schon immer „das Kabinett“: das ausladende Sofa mit dem abgewetzten dunkelroten Samtbezug, auf dem Tisch davor Stapel von Zeitungen, Großvaters gläserner Bierkrug und seine Brille, Christas Schulsachen. Zwei Stühle mit verschlissenem Polster. Die Wände verkleidet mit dunklem Holz. Ein Kruzifix mit weißem Elfenbeinchristus, zwei Kleiderhaken und ein längst verblichenes Foto des Männergesangsvereins, mit Großvater als jungem Mann in der Mitte. Die Männer sahen alle gleich aus: ernste Gesichter, Schnauzbart, dunkle Jacke. Darunter die Namen. Gotthilf Probst, das war Großvater.
Der alte Mann hielt sich inzwischen die meiste Zeit des Tages im Kabinett auf – und oft auch die halbe Nacht.
Kurz umspielte ein feines Lächeln Hedwigs Gesicht. Diese paar Minuten, die letzten am Tage, die gehörten ihr. Manchmal erlaubte sie sich dann, an längst vergangene Zeiten zu denken, glückliche Zeiten. Doch heute war sie zu unruhig für diese Gedankenspaziergänge.
Wo sich nur Karl schon wieder herumtrieb? Hoffentlich nicht im alten Brauhaus! Seitdem der Bub letztes Jahr konfirmiert worden war, zog es ihn ständig nach draußen. Es war an der Zeit, dass er enger in den häuslichen Betrieb eingebunden wurde. Geschickt war ihr Karl ja, aber es hielt ihn nicht lange bei einer Sache.
Und warum Wolfgang, ihr ältester Sohn unbedingt auf die Walz gehen musste? Sie hätte ihn hier so gut brauchen können. Hedwig seufzte und strich zum wiederholten Mal ihre Schürze glatt.
Mit ihren 44 Jahren kam sie sich manchmal schon so uralt vor. Das Blond war zum Großteil zu Weiß geworden und die ehemals feinen Linien um Augen und Mund jetzt tiefe Falten.
Sie ließ den Blick durch die Gaststube schweifen. Die Tische und Stühle standen stumm und still wie hölzerne Soldaten, die auf ihren Einsatz warteten. Aschenbecher, Trockenblumenstrauß, Bierdeckelstapel – alles war vorbereitet. Nur die Gäste blieben aus! Das große Anwesen sollte unbedingt modernisiert werden, vor allem das Klohäuschen im Hof musste weg!
Was war der „Goldene Hirsch“ einst für ein stattlicher Gasthof gewesen: das große, dreistöckige Haupthaus mit aufwändigem Fachwerk, die Fenster mit Butzenscheiben, der Saal im ersten Stock, die Fremdenzimmer mit Himmelbetten. Gegenüber vom Gasthaus die Stallungen: Kühe, Schweine, Hühner – und vier Ackergäule.
Von der Tierhaltung waren ein paar Hühner übrig geblieben. Die Felder waren verpachtet. Nun war nur noch die Gastwirtschaft da.
Wenn sie doch nur auf ihren Ehemann zählen könnte! Aber Otto zog sich immer mehr zurück und trank auch viel zu viel. Die Flasche Korn – gestern geöffnet – war heute Abend schon fast leer. Hedwig fröstelte. All das bereitete ihr große Sorge.
Hedwig schloss die Fenster, dann sperrte sie die Haustür ab – zweimal drehte sie den großen Schlüssel um. Heutzutage konnte man keinem mehr trauen. Leute erzählten sich Sachen. Doch Schluss jetzt! Christa sollte ins Bett und auf sie wartete noch ein Berg Tischwäsche zum Zusammenlegen.
Christa blies vorsichtig in die warme Milch, bis sie die warmen Tröpfchen auf Mund und Nase spürte. Ob sie noch schnell zu Sonja rüber huschen sollte? Sie konnte durch das große Küchenfenster direkt auf den Nachbarshof schauen. Da oben, im ersten Stock, war Sonjas Zimmer – und es brannte noch Licht. Sonja war schon 16 und fast ein wenig wie eine ältere Schwester für Christa.
Christa bewunderte Sonja. Sonja war frech und laut und schien vor nichts und niemandem Angst zu haben. Sie würde sich das nicht gefallen lassen, dass der alte Beneck an ihr herumfummelte. Da war sich Christa ganz sicher! Die würde dem gehörig auf die Finger hauen und laut schimpfen.
Der Beneck hauste in einem Zimmer am Ende des Hausflures, direkt neben der Waschküche. Eigentlich hieß er Benedikt, aber alle nannten ihn Beneck. Außer Großvater. Der wurde ganz fuchsig, wenn man nicht „Onkel Benedikt“ sagte. Beneck war Mutters älterer Bruder.
Christa umschloss mit ihren Fingern die noch warme Tasse. Es war schon spät und morgen müsste sie wieder früh raus. Sie schlich leise ins Kabinett, um Großvater nicht aufzuwecken. Er kauerte auf dem Sofa, zwischen Kissen und Decken.
Natürlich hatte Christa ein eigenes Zimmer im oberen Stock des Hauses. Aber da war es kalt und ungemütlich – und auch ein wenig unheimlich. Viel lieber hielt sie sich hier unten im Kabinett auf. Dort machte sie ihre Hausaufgaben. Und dort war Großvater.
Das Rechnen bereitete ihr zuweilen Schwierigkeiten. Da konnte sie Großvater jederzeit um Hilfe bitten. Christa liebte ihren Großvater. Manchmal blickte er sie sonderbar von der Seite an, strich ihr dann wie geistesabwesend über den Kopf.
Auf dem Tisch lagen Hefte und Bücher. Rasch packte Christa alles in ihren Schulranzen. Da fiel ihr Blick auf die Schlagzeile in der Zeitung: „Frühjahrs-Manöver der amerikanischen Streitkräfte in Wald und Feld des Burghölzer Beckens. Bevölkerung zur Vorsicht aufgerufen!“
Neugierig begann Christa, den Artikel zu lesen.
Mutter kam um die Ecke: „Kind, du solltest längst im Bett sein! Geh jetzt nach oben!“
Christa schreckte auf. Sie kannte diesen Blick. Da war Gegenrede zwecklos. Zu gerne hätte sie noch weiter gelesen. Aber Mutter griff mit einer Hand nach der Zeitung und klemmte sie sich unter den Arm.
Unwillig ging Christa durchs düstere Treppenhaus nach oben. Die alte Holzstiege knarzte und knackte unter ihren Schritten. Christas Zimmer war die ehemalige Magd-Kammer. Großvaters Stiefschwester hatte bis zu ihrem Tod im Haus als Magd gearbeitet. Das war weit vor Christas Geburt gewesen und die Kammer stand jahrelang leer.
Für Christa wurde das Zimmer frisch gestrichen und neu eingerichtet. Sie hatte erst kürzlich einen Schreibschrank bekommen und einen rosa Sessel. An den Wänden hingen Poster von Tierkindern. Zwischen Häschen und Eselchen, Rehkitz und Fohlen prangte seit Neuestem ein großes Abbild der Beatles. Das hatte sie von Sonja geschenkt bekommen und es war ihr ganzer Stolz.
Mutter hatte ihr eine Schüssel und einen Wasserkrug hingestellt. Christa wusch sich zügig Gesicht und Hände und putzte die Zähne. Das Wasser war inzwischen lauwarm geworden und im Raum war es kalt. Sie zog ihr Nachthemd über den Kopf und schlüpfte ins Bett. Die Zinnflasche am Fußende war noch heiß. Wohlige Wärme durchfuhr Christa, als sie ihre Füße vorsichtig auf das Metall legte.
Sie knipste die kleine Nachttischlampe aus und schaute in die Dunkelheit.
Nur ein kleiner Lichtstrahl unter der Tür gab ihr noch Orientierung.
Christa dachte an die Schule morgen, dass sie Simone und Tilde vom bevorstehenden Manöver erzählen würde. Und sie dachte an die neue Lehrerin aus der Stadt, Fräulein Deuter, die ihre blonden Haare in einer Welle nach außen geföhnt hatte. Sie dachte an ihren Bruder Karl, der sie immer noch wie ein kleines Mädchen behandelte, obwohl sie jetzt doch schon elf, bald zwölf Jahre alt war. Dann dachte sie an Beneck, doch diese Gedanken verscheuchte sie schnell mit einem Tritt auf die inzwischen kühler gewordene Bettflasche. Und dann dachte sie an ihren Vater, der zwei Zimmer weiter, am Ende des dunklen Ganges, schlief und doch so weit weg war wie der Mond von der Erde.
Karl drückte sich an der Hauswand entlang. Da, wo der große Birnenspalier die Mauer hoch wuchs. An einer Stelle bildeten die Äste einen natürlichen Sitz. Das war Karls geheimer Platz. Von hier aus konnte er direkt hinübersehen. Direkt ins Sonjas Zimmer. Heute jedoch verweilte er nicht lange.
Es war schon weit über Mitternacht und er sollte schon längst im Haus sein.
Zum Hintereingang, der geradewegs in die Waschküche führte, schlüpfte er hinein. Die Tür klemmte etwas, aber Karl drückte sie mit Gewalt auf.
„He, komm rein! Komm rein! Bier, ich brauch Bier!“
Der Beneck! Gute Ohren hatte er noch, der Alte. Karl hatte zwar überhaupt keine Lust, den Raum seines Onkels zu betreten, der direkt an die Waschküche anschloss. Er befürchtete aber, der würde noch lauter rufen und dann alle aufwecken.
Zögerlich schob er die Tür weiter auf, die bereits ein Spaltbreit geöffnet war. Ein beißender Gestank raubte ihm schier den Atem. Ein Gestank, an den man sich nicht gewöhnte, so oft er einem auch in die Nase stieg. Der Gestank nach abgestandenem Bier und kaltem Rauch. Der Gestank nach altem Mann, der sich nie wäscht, nie die Kleidung wechselt. Der Gestank nach Pisse und Schweiß, nach Fäulnis und Verderben. Viel zu warme, stickige Luft schlug ihm entgegen.
Er blickte in ein unbeschreibliches Chaos. Die nackte Glühbirne hing in der Mitte des Raumes von der Decke herab und beleuchtete mit trübem Licht Berge von undefinierbaren Kleidungsstücken, Schuhen, Holzscheiten, leeren Flaschen, zerknüllten Zeitungen, verschmutztem Geschirr. Stühle und Beistelltischchen standen vereinzelt herum, als ob sie sich auf einen fremden Planeten verirrt hätten. Vom kleinen Kanonenofen führte ein riesiges, verrußtes Ofenrohr quer durch den Raum und verschwand in der Wand wie in einem schwarzen Schlund. Die Fenster waren mit Decken verhängt. Doch am Schlimmsten war das Bett: ein Haufen von Kissen und Decken, Laken und Fellen – völlig verschmutzt. Mitten darin thronte Beneck, nur mit Unterhemd und Schlafanzughose mit Hosenträgern angetan. Haare und Bart gingen ineinander über – wirr und grau.
Karl kannte diesen Anblick, doch jedes Mal würgte es ihn schier, als er dessen ansichtig wurde.
„Was willst du?“, fragte er heiser.
„Bier und Dose Wurst, Brot!“, herrschte der Alte ihn an und zeigte fordernd mit ausgestrecktem Arm in Richtung Tür.
Widerrede war völlig zwecklos. Das wusste Karl. Was er sich dagegen immer wieder fragte war, wieso seine Mutter und Großvater es duldeten, dass Onkel Benedikt hier hauste, sich bedienen ließ, keinen Finger rührte und vor allem seine Mutter tyrannisierte, die Angst vor ihrem Bruder zu haben schien. „Schnaps!“, befahl Beneck mit krächzender Stimme.
Karl antwortete mit einem knappen „Ja, doch!“, dann wandte er sich zum Gehen.
Auf einmal fiel sein Blick auf etwas, das ihn stutzen ließ und das überhaupt nicht hierher gehörte.
Karl bewegte sich widerwillig ein paar Schritte in den Raum hinein. Auf dem Boden, nahe dem Bett, lag etwas Rosafarbenes. Bei genauerem Hinsehen erkannte Karl einen Strumpf. Einen einzelnen Strumpf. Es war ein Strumpf seiner Schwester Christa. Wie angewurzelt blieb Karl stehen. Was um Himmels willen …! Karl presste die Lippen zusammen.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, schlich Karl den Hausflur entlang, lauschte an der Küchentür und als er nichts hörte, trat er hinein.
Im großen Ofen bullerte und zischte leise ein niedriges Feuer. Töpfe und Pfannen ruhten auf der Herdplatte. In den Regalen an der Wand standen Teller und Schüsseln. Hinter der schweren Eisentüre mit dem Bügel war die Speisekammer.
Karl wusste, wie er sie öffnen konnte, ohne dass sie Geräusche von sich gab. Zu oft hatte er sich nachts hierher geschlichen, um ein Stück Wurst oder einen Kanten Brot oder – das war ihm streng verboten! – eine Flasche Bier zu holen. Andere Buben in seinem Alter tranken regelmäßig Bier. Er war schließlich schon 16 Jahre alt und kein Kind mehr.
Oft wurde er sogar für älter gehalten. Hoch gewachsen und kräftig, mit forschem Blick aus hellblauen Augen und einem üppigen blonden Haarschopf war er ein ansehnlicher Kerl. Dazu kam seit ein paar Monaten ein rötlicher Flaum auf Kinn und Oberlippe. Und seine Stimme wechselte von hoch zu tief. Karl griff mit geübter Hand in den Bierkasten und angelte eine Flasche Export heraus. Leise ließ er den Bügel aufschnappen und setzte die Flasche an den Mund. Aus dem Kabinett drang ein schwacher Lichtschein in die Küche.
Da stand Großvater in der Tür: „Bub, was machst du so spät in der Nacht hier? Wo warst du denn? Deine Mutter hat sich Sorgen gemacht!“
Großvater sah müde und zerknittert aus. Er war wohl wieder auf dem Sofa eingeschlafen.
Karl murmelte: „Johann geholfen.“ Er hatte keine Lust, sich zu erklären. Dass er mit Johann am alten Brauhaus war und dort herumgestöbert hatte, das wollte er auf keinen Fall sagen.
Großvater brummte. Beide wussten, dass Karl nur die halbe Wahrheit gesagt hatte.
„Was ist eigentlich mit dem Beneck … äh Onkel Benedikt? Warum ist er nur in seinem Zimmer und wir müssen ihn bedienen und er macht gar nichts und …?“, platzte es plötzlich aus Karl heraus.
Großvater zuckte zusammen und erwiderte mit heiserer Stimme: „Er gehört zur Familie, er ist dein Onkel!“
„Aber warum behandelt er dann Mutter so schlecht und warum wäscht er sich nie und warum soll Christa ihm immer das Essen bringen?“, fragte Karl mit erregter Stimme.
Da baute sich der alte Mann vor ihm zu voller Größe auf, ging einen Schritt auf ihn zu und holte voll aus. Karl konnte dem Schlag gerade noch ausweichen, sodass ihn Großvaters Hand nur an der Schulter erwischte.
„Kein Wort mehr darüber! Und jetzt geh sofort in dein Zimmer!“, zischte er.
Karl zuckte zurück. Großvater fiel wieder in sich zusammen, kehrte Karl den Rücken zu und verschwand im Kabinett.
Karl stolperte zur Tür hinaus, die Flasche fest umfassend, die Treppe hinauf in sein Zimmer. So hatte er Großvater noch nie erlebt. Irgendetwas stimmte hier überhaupt nicht. Dass er Beneck etwas bringen sollte, hatte Karl vergessen. Nein, er hatte es nicht vergessen, er würde es einfach nicht tun.
Hedwig war kalkweiß geworden im Gesicht. Sie saß im Kabinett am Tisch und hatte Servietten und Tischdecken zusammengelegt. Für die Leichfeier am Freitag musste alles vorbereitet sein. 60 Leute würden nach der Beerdigung kommen für Kaffee, Kuchen und Wein. Da hatte sie Karl in der Küche rumoren gehört. Großvater wollte nach ihm sehen und ihn zur Rede stellen.
Beneck! Hedwig schluchzte leise vor sich hin. Würde das nie aufhören!? Wie eine Magd behandelte ihr Bruder sie – und das nun seit fast zwölf Jahren. Hedwig legte ihren Kopf auf ihre Arme und weinte bitterlich. Großvater stand unbewegt neben ihr. Er sagte kein Wort.
„Wie lange soll das noch so gehen?“, fragte Hedwig leise unter Tränen. „Schande hast du gebracht über die Familie und über mich! Fortjagen hätte ich dich können. Dankbar solltest du mir sein und die alten Sachen ruhen lassen!“, entgegnete Großvater barsch.
„Und Christa? Die liegt dir am Herzen, das weiß ich doch …“, warf Hedwig ein.
„Das arme Ding, das kann wohl gar nichts dafür!“ Großvater ereiferte sich so, dass er zu husten begann.
„Umso mehr solltest du Benedikt in die Schranken weisen!“, entgegnete Hedwig.
Sie klopfte ihrem Vater sanft auf den Rücken, um seinen Husten zu lindern. Sie wusste, dass er der einzige war, der auf Beneck Einfluss nehmen konnte. Der Husten schüttelte den alten Mann und ließ ihn nach Luft schnappen. Nur mühsam beruhigte er sich. Hedwig blieb noch eine Weile sitzen, dann ging sie leise hinaus.
Der Wind sauste und brauste ums Haus. Die Fensterläden klapperten und die Scheiben klirrten. Die Flügel des großen Scheunentores schlugen gegeneinander, es hallte durch die Nacht wie dumpfes Trommeln. Blumentöpfe fielen von der Fensterbank herunter und zerbrachen mit lautem Scheppern auf dem Boden. Christa hatte sich tief unter ihrer Bettdecke vergraben und versucht, einzuschlafen. Aber jetzt war sie hellwach.
Draußen ging das Licht an, Schritte kamen den Gang entlang, kamen näher, hielten kurz inne, entfernten sich wieder, kamen wieder zurück.
Christa starrte im Dunkeln auf ihre Tür. Der Lichtschein wurde größer, Christa war geblendet. Ein großer Schatten – Otto, ihr Vater – stand in der Tür. Er rief leise ihren Namen.
„Du brauchst keine Angst zu haben, das ist nur der Wind!“, sagte er. Vater drehte den Lichtschalter an. Die kleine Korblampe tauchte den Raum in mildes Licht.
Christa richtete sich auf im Bett. Vater blieb eine Weile unschlüssig stehen.
„Die vielen Toten, die vielen Toten!“, murmelte er leise.
Christa erschauderte. Sie wusste ja, dass Vater schreckliche Dinge erlebt hatte. Mutter hatte ihr erzählt, dass er viele Jahre in einem Kriegsgefangenenlager in Russland gewesen sei. Dass er ein tüchtiger und lebensfroher Mann gewesen sei – früher, bevor er in den Krieg ziehen musste. Krank an Leib und Seele, so kehrte er zurück. Aber nur so kannte ihn Christa. Er schien weit weg zu sein, weit weg von allem hier und weit weg von ihr. Vater hatte noch nie ein böses Wort zu ihr gesagt, aber er konnte ihr nie ein wirklicher Vater sein. Ein Vater, der mit einem spricht, der einem Dinge erklärt, der einen beschützt.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, schloss Otto leise die Türe hinter sich und ging hinab.
Die kleine Bank im Hauseingang, direkt unter dem Kruzifix, unter dem Schutz des Allmächtigen – hier würde er die Nacht verbringen. Hier würde er Wind und Wetter trotzen und vor allem seinen inneren Dämonen. Seinen Gedanken, die ihn immer wieder forttrugen in die Weite, an Plätze, die er nicht vergessen konnte, an Gesichter, die ihn heimsuchten – Nacht für Nacht.
Otto wusste sehr wohl, was in seinem Haus geschah. Er beobachtete die Menschen, die hier lebten. Die ihm so nah waren und doch so fern. Müde strich er sich durchs Haar. Von dem einst rotblonden Schopf war nur ein kleiner magerer Haarkranz übrig geblieben. Und diese Eiseskälte in seinen Knochen! Es konnte noch so heiß sein, ihm war immer kalt. Da brachte auch der Schnaps nur kurzfristige Linderung. Trotz seiner erst 47 Jahre fühlte er sich doch wie ein uralter Mann.
Otto lauschte dem Wind, der inzwischen zum Sturm angewachsen war. Ob die Ziegel des Hauses wohl standhielten? Schon längst hätte man das Dach ausbessern müssen. Die Äste der alten Kastanie, des Hausbaumes direkt im Hof, knackten und krachten. Von den Anhöhen des Burgholzes fielen die Sturmböen ungebremst hinab. Ungewöhnlich heftig so früh im Jahr. Sonst brachte erst der Herbst so starke Stürme. Ein Sausen und Jaulen und Wimmern war in den Lüften.
Otto musste an die alten Zeiten denken. So vieles ging ihm durch den Kopf. Wie er dereinst als junger, mittelloser Bursche in den „Goldenen Hirsch“ gekommen war. Hedwig und er hatten sich beim Dorftanz an Kirchweih kennengelernt. Hedwigs Vater hatte ihn aufgenommen wie einen Sohn und bald schon war der Stammhalter in Sicht. Die Arbeit war Otto immer leicht von der Hand gegangen, anpacken konnte er. Mit Freude und Stolz betrachtete er sein Tagwerk. Und so wurde der „Goldene Hirsch“ zum größten und schönsten Gasthof in der ganzen Umgebung.
Sein Schwiegervater zog sich aufs Altenteil zurück und überschrieb Hof und Gasthof an Hedwig, um sich ganz der Gemeindepolitik widmen zu können.
Dann der jähe Einbruch, 1943. Sozusagen über Nacht musste er aufbrechen – in den Krieg.
Kurz nachdem sein Erstgeborener auf die Welt gekommen war. Damit änderte sich alles.
Otto seufzte. Wollte das gar kein Ende nehmen heute Nacht?
Christa konnte nun endgültig nicht mehr einschlafen. Vater hatte ihr Zimmer verlassen, ohne das Licht auszuschalten. Draußen tobte immer noch der Sturm. Christa überlegte kurz, ob sie zu ihrer Mutter hinuntergehen sollte. Die war sicher noch unten im Kabinett und faltete die Wäsche. Aber sie verwarf diesen Gedanken schnell. Sie war doch kein Kleinkind mehr! Den Blick fest auf die Beatles gerichtet, die ihr von der Wand gegenüber freundlich zulächelten, fielen ihr schließlich die Augen zu.
Als Hedwig das Kabinett verließ, sah sie im Zwielicht Otto, ihren Mann, sitzen. Da wo er immer saß, jede Nacht. Unter dem Holzkreuz, auf der kleinen Bank, den Blick stur geradeaus gerichtet auf die Haustür. Hedwig ging an ihrem Mann vorbei die Treppe hinauf.
In Christas Zimmer brannte noch Licht, das durch den Türschlitz auf dem Boden eine feine helle Spur zeichnete. Leise öffnete Hedwig die Tür. Christa lag zusammengerollt in ihrem Bett. Liebevoll betrachtete sie ihre Tochter eine Zeitlang. Dann löschte sie das Licht.
Hedwig zögerte, dann ging sie entschlossenen Schrittes den Flur entlang. Hinten rechts lag Karls Zimmer. Sie klopfte leise und betrat dann nach einer kurzen Weile und einem von innen gemurmelten „Herein!“ das Zimmer ihres Sohnes. Karl saß auf seinem Bett. Hedwig übersah die Unordnung im Raum und die Flasche Bier in seiner Hand. Sie sah, dass er wohl geweint hatte.
Als er bemerkte, dass sie ihm ins Gesicht schaute, drehte er sich zur Seite. Vor seiner Mutter wollte sich Karl keine Blöße geben. Hedwig setzte sich auf den kleinen Hocker neben dem Bett.
Während sie noch überlegte, nach Worten suchte, platzte es aus Karl heraus: „In Benecks Zimmer ist ein Strumpf von Christa. Auf dem Boden, vorm Bett.“
Wütend drehte sich ihr Sohn zu ihr um: „Er stinkt und ist faul und führt sich auf wie der Bestimmer und keiner macht was dagegen. Ich hasse ihn!“
„Ein Strumpf? Was für ein Strumpf?“, fragte Hedwig irritiert.
„Ein rosa Strumpf, Christas Strumpf!“
Hedwig schoss hoch vom Hocker: „Bei Beneck?“
„Sag ich doch! Auf dem Boden, vor dem Bett!“
Das Blut stieg Hedwig ins Gesicht. Christas Strumpf in Benecks Zimmer. Was hatte das zu bedeuten? Eine riesengroße Wut stieg in ihr auf. Eine gewaltige Woge von Wut, Zorn – und Entschlossenheit. Eine Wut auf Großvater, auf Otto und natürlich auf Beneck. Eine Wut auf ihre Angst und ihre Feigheit. Eine Wut auf sich selbst, dass sie sich immer fügte, immer gehorchte.
So schwach und klein sie sich noch vor ein paar Minuten gefühlt hatte, unten im Kabinett, so stark und entschlossen war sie jetzt. Woher sie kam, diese Stärke – so plötzlich, unerwartet und heftig? Darüber machte sich Hedwig jetzt keine Gedanken.
Sie blieb inmitten des Raumes stehen – starr wie eine Statue, hoch erhobenen Hauptes mit blitzenden Augen und geballten Fäusten.
Karl erschrak. So hatte er seine Mutter noch nie gesehen. Er erhob sich vom Bett und ergriff ihre Hand. Sie drückte ihn an sich, so fest, wie sie es schon sehr lange nicht mehr getan hatte. Karl hielt ganz still in dieser Umarmung.
Hedwig wusste, dass es jetzt an der Zeit war. Zeit, dies endlich alles zu beenden. Für ihre Kinder und für sie selbst. Sie strich Karl sanft über den Kopf und löste sich langsam aus der Umklammerung. Sie bedeutete Karl, sich wieder ins Bett zu legen, dann ging sie entschlossenen Schrittes zur Türe hinaus, eilte die Treppe hinunter, den Hausflur entlang, bis zur Waschküche.
Karl war seiner Mutter gefolgt, er wusste, wohin sie wollte. Bislang hatte sich Hedwig Benecks Zimmer nur leise und furchtsam genähert, vorsichtig angeklopft, dann gebeugten Kopfes den Raum betreten. Sie hielt einen Moment inne.
Dass Otto nicht der leibliche Vater von Christa war – das wussten nur sie und Großvater. Und Beneck, der sie und Sergio belauscht hatte.
Schwanger von einem Gastarbeiter, von einem Italiener – diese Schande! Großvater, angesehener Gastwirt und Gemeinderatsmitglied, hatte sie hart geschlagen damals.
Sergio, der als einer der ersten Gastarbeiter aus Italien nach Deutschland gekommen war und als freiwilliger Erntehelfer seinen Urlaub auf dem Hof verbracht hatte. Der mit angepackt hatte, als Otto nichts mehr in den Griff bekam und Beneck faul in der Ecke lag, der als gelernter Zimmermann das marode Dach der Scheune neu aufgebaut hatte.
Dass er sich in die hübsche blonde Hedwig verliebt hatte und sie in ihn – das geschah, ohne dass sie es herbeigeführt hätten. Über Nacht wurde er fortgejagt. Ohne Lohn und Dank. Niemand durfte davon wissen. Beneck hatte dieses Wissen weidlich ausgenutzt. Immer wieder hatte er seiner Schwester gedroht, alles zu verraten, sollte sie nicht gehorchen.
„Sergio!“, rief sie. Dann öffnete sie unvermittelt und heftig die Türe. Mit festen Schritten stürmte Hedwig in die Mitte des Raumes. Beneck thronte im Bett, umgeben von schmutziger Wäsche, leeren Flaschen, zerknüllten Zeitungen, Decken undefinierbarer Farbe, leeren Konservendosen.
Ein beißender Gestank durchzog das Zimmer. Doch das alles bemerkte Hedwig nicht. Sie blickte in den Lichtkegel am Boden, den der Schein der nackten Glühbirne von der Zimmerdecke herab warf. Mitten im Hellen, neben allerlei Unrat – Christas Strumpf. Wie Karl es gesagt hatte!
Nun konnte Hedwig nicht mehr an sich halten. Mit sich überschlagender Stimme schrie sie:
„Du wirst nie wieder, nie, nie wieder … du hast mir überhaupt nichts zu befehlen … das ist endgültig vorbei … du hast nichts mit meinen Kindern zu schaffen!“
Dabei trat sie heftig mit dem Fuß auf, bückte sich und hob den kleinen rosa Strumpf auf.
Beneck richtete sich auf. Erstaunt – ja ungläubig – blickte er auf seine Schwester, wie sie dort stand, mit rudernden Armen und wirren Haaren. Er machte Anstalten, sich aus dem Bett zu erheben.
„Was willst du hier, du Schlampe!“, knurrte er. „Den Socken kannst du mitnehmen, ich hole mir wieder einen neuen von deiner Kleinen!“
Ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus und er erhob sich mühsam von seiner Lagerstatt.
Das war zuviel! Hedwig stieß einen kehligen Schrei aus, ließ den rosa Strumpf fallen, griff nach dem ersten Gegenstand, der ihr in die Finger kam – einer von Benecks Stiefeln. Mit drei Schritten war sie am Bett. Sie holte aus und drosch voller Wut mit dem Stiefel auf ihn ein. Der Stiefel traf ihn am Kopf, an der Schulter, am Rücken. Mit jedem Schlag skandierte sie: „Du – wirst – nie – wieder – nie – wieder – nie – wieder!“
All die Wut und Angst, die Trauer und Enttäuschung, die Bitterkeit und Verzagtheit der letzten zwölf Jahre schlug sie sich aus dem Leib.
Beneck versuchte vergebens, mit seinen Armen seinen Kopf zu schützen und sich aufzurichten. Blut floss ihm aus Nase und Mund. Das alles geschah in Sekundenschnelle. Karl war seiner Mutter gefolgt und beobachtete fassungslos das Geschehen. Hedwig holte zu einem weiteren Schlag aus.
Karl schnellte nach vorne, packte seine Mutter am Arm, entriss ihr den Stiefel:
„Hör auf, Mutter, hör auf, es reicht!“
Hedwig ließ die Arme fallen. Ihr Herz klopfte wie wild: „Wenn du noch einmal mein Kind anfasst, noch einmal, dann gnade dir Gott!“
Beneck krümmte sich vor Schmerzen, hielt sich die Hand an die Nase und wimmerte. Durch seine Finger rann helles Blut und färbte das Laken rot. Hedwig betrachtete das Geschehen wie aus weiter Ferne, blieb noch eine kurze Weile stehen, ergriff dann den kleinen rosa Strumpf und verließ festen Schrittes den Raum.
Karl bewegte sich wie in Zeitlupe. So viele Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf. Was war hier gerade geschehen? Was meinte Mutter mit „nie wieder“? Und wer war Sergio? Er musste Großvater holen, schnell!
Hedwig war sofort zu Christa nach oben geeilt. Sie saß an der Bettkante, hielt ihre Tochter eng umschlungen, strich ihr übers Haar und flüsterte: „Es ist vorbei, hörst du? Beneck wird dir nie wieder etwas tun, hörst du? Nie wieder!“
Christa hatte sich im Bett aufgerichtet. Geschrei und Gepolter hatten sie aufgeweckt, aber sie war noch ganz schlaftrunken. Sie drückte sich eng an ihre Mutter.
Karl hatte Großvater wach gerüttelt, der im Kabinett eingeschlafen war: „Schnell! Beneck, Onkel Benedikt! Mutter hat ihn … er ist verletzt!“
Gotthilf schlüpfte in seine Pantoffeln. Er ahnte, was geschehen war und eilte mit Karl den Flur entlang, zu Benedikts Zimmer. Was er dort sah, erschütterte ihn. Sein Sohn stöhnte und wimmerte, lag zusammengerollt im Bett, wie ein angeschossenes Tier.
Der alte Mann bückte sich zu ihm herab. Es sah schlimm aus: das ganze Gesicht blutig, die Nase schief, vielleicht sogar gebrochen.
„Kannst du aufstehen?“, fragte er leise – und zu Karl gewandt: „Schnell, Handtücher und warmes Wasser!“ Karl eilte, das Gewünschte zu holen.
Er stellte die Schüssel vorsichtig ab und reichte seinem Großvater ein Handtuch. Behutsam säuberte der Gesicht und Hände des Verletzten. Benedikt wehrte ihn ab, rappelte sich auf, sackte aber wieder in sich zusammen.
„Das muss behandelt werden. Wir rufen den Doktor!“, entschied Großvater.
„Kein Arzt!“, presste Benedikt hervor. „Niemand soll kommen. Alle raus hier, raus! Raus!“
Karl ging ein paar Schritte rückwärts und verließ den Raum.
Gotthilf Probst blieb sitzen, wo er war. Auf der Bettkante, inmitten all des Unrats, neben Benedikt, seinem Erstgeborenen.
Der alte Mann atmete schwer. Hätte er das verhindern können? Hätte er schon früher einschreiten sollen? Benedikt in die Schranken weisen müssen? Die Vergangenheit holte ihn ein. Dass Benedikt sich so entwickelt hatte, daran war er nicht ganz unschuldig. Aber er hätte ihm den Hof nicht überschreiben können. Benedikt hätte in kürzester Zeit alles ruiniert wegen seiner Sauferei und der Spielsucht und der Schmuserei mit den Frauen. Dass es für den rechtmäßigen Erben ein ständiger Dorn im Auge war, Hedwig und Otto zu beobachten: das tüchtige junge Paar, das Hof und Haus auf Vordermann brachte. Und er – der Taugenichts, der Versager – durfte gnadenhalber auf dem Hof bleiben. Und dann der Vorfall an Kirchweih – fast dreißig Jahre her war das! Großvater legte den Kopf in die Hände. Ja, so hatte alles seinen Lauf genommen. Dass Benedikt sich dann bitter rächte, als Hedwig von dem Gastarbeiter schwanger wurde, ihr und dem Kind nachstellte, sich rundum bedienen ließ und immer mehr verwahrloste – dazu hatte er offenen Auges geschwiegen, all die Jahre. Das musste er sich eingestehen.
Benedikt war eingeschlafen. Eine Weile noch blieb Gotthilf auf der Bettkante sitzen. Er müsste mit Hedwig sprechen – jetzt sofort. Mühsam erhob er sich. Er fühlte sich auf einmal sehr, sehr alt und schwach.
Otto, der alles mitbekommen hatte – das Schreien seiner Frau, die dumpfen Schläge, die aufgeregten Stimmen im Flur – blieb da sitzen, wo er immer saß, Nacht für Nacht: auf der kleinen Bank unter dem Kreuz im Hauseingang. Otto wusste genau, was geschehen war. Er wusste, dass Christa nicht sein leibliches Kind war und dass sein Schwager Hedwig seit vielen Jahren schikanierte. Er wusste, dass Beneck sich übergriffig dem Kind gegenüber verhielt und dass Hedwig es duldete aus Angst vor der Wahrheit. All das wusste Otto. Und trotzdem unternahm er nichts. Er wehrte sich nicht, er forderte nichts. Seine übergroße Müdigkeit hielt ihn davon ab. Eine Müdigkeit, so tief, dass sie Körper, Herz und Seele erfasst hatte.
Nachdem Hedwig Christa in Schlaf gewiegt hatte und ihr immer wieder ins Ohr geflüstert hatte, dass jetzt alles gut sei, ging sie die Treppe hinunter. Nicht leise und bedacht wie sonst, sondern kräftigen Schrittes und erhobenen Kopfes. So betrat sie die Küche. Gotthilf saß im Dunklen, auf dem Schemel neben dem Herd. Er erschrak, als er seine Tochter bemerkte: sie sah aus wie ihre Mutter.
Das war ihm noch nie so aufgefallen! Der gleiche entschlossene Blick, die gleiche stramme Haltung wie Edeltraud, seine Edeltraud.
„Dass du’s gleich weißt“, begann sie, „jetzt ist ein für alle Mal Schluss damit. Oder ich werde gehen und meine Kinder mitnehmen.“
Und sie setzte hinzu: „Beneck kann von Glück sagen, dass ich ihn nicht anzeige, wegen Christa.“
Gotthilf entgegnete nichts. Das schien Hedwig auch nicht erwartet zu haben. Sie öffnete die Speisekammer, holte die Flasche mit Zwetschgenwasser heraus, nahm sich ein Glas vom Regal und füllte es zur Hälfte. Sie setzte an und trank in einem Zug. Mit einer heftigen Bewegung stellte sie das nun leere Glas auf den Tisch. Dann ging sie hinaus.
Es war die Stunde zwischen Nacht und Tag. Nicht mehr dunkel, aber auch noch nicht hell. Ähnlich der Stunde zwischen Tag und Nacht, jedoch ohne deren Emsigkeit und Hast, ohne deren Bemühen, das Begonnene zu Ende zu führen. Hartl liebte diese Zeit des frühen Morgens, in der noch alles offen, alles möglich ist. Neubeginn, Anfang. Die kühle Frische, das langsame Aufklaren. Die Häuser lagen noch stumm und still. Ferne Geräusche, Stallarbeit. Die Lichter in der Küche des „Goldenen Hirsch“ kündeten von früher Geschäftigkeit. Hartls Anwesen war in direkter Nachbarschaft zu dem großen Gasthof gelegen. Gegen dessen langgezogene Stallungen und Nebengebäude machte sich Hartls Hofstatt klein und bescheiden aus. Aber das alles beachtete er nicht.
Er trat ein paar Schritte hinaus ins freie Feld, ließ seinen Blick über die ruhige, noch menschenleere Landschaft schweifen, folgte dem sanften Schwung der Äcker und Wiesen und atmete sie tief ein, die Stille.
Da war er: voll und dunkelrot, kurz vorm Eintauchen in den Horizont – der Mond.
Vor ein paar Tagen hatte Hartl darüber gelesen, über die totale Mondfinsternis, aber nicht gehofft, diese tatsächlich beobachten zu können von hier aus. Zum Greifen nahe schien ihm der Himmelskörper und er wurde von einer seltsam feierlichen Stimmung erfasst. Dieses Ereignis, das man nur ein paar Mal in seinem Leben beobachten könnte, erfüllte ihn mit Ehrfurcht und Staunen.
Und dann sah er sie, am Ufer des kleinen Sees, der sich an seinen Gemüsegarten anschloss – Babette, seine Schwester. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, die langen, wirren Haare fielen ihr über die Schultern. Nur mit einem dünnen Nachthemd angetan, zwischen den Schilfhalmen, die sie überragten, stand sie still und starr wie eine Säule, den Blick fest auf den Mond gerichtet.
Er überlegte, ob er ihr zurufen sollte, ging dann aber leise und bedacht auf sie zu:
„Was machst du hier, Babett?“
Er fasste sie sanft am Arm. Sie fühlte sich ganz kühl an.
„Du wirst dir den Tod holen, komm mit ins Haus!“
Erst jetzt schien sie ihn zu bemerken, verharrte jedoch in ihrer Stellung, wandte den Blick nicht ab von der roten Kugel, die jetzt fast ganz verschwunden war.
„Der Blutmond!“, flüsterte sie. „Wie damals, der Blutmond. Herr, steh uns bei! Der Blutmond.“
Hartl führte sie vorsichtig, aber entschieden ins Haus zurück:
„Leg dich wieder hin, schlaf noch ein wenig.“
Der neue Tag kündigte sich an mit Vogelgezwitscher und Traktorengeräuschen in der Ferne.
Hartl verdrängte die sorgenvollen Gedanken über seine Schwester und begann sein Tagwerk.
Die Nachbarn hatten Brennholz bei ihm bestellt und so mussten etliche Ster geschlagen und aufgesetzt werden. Das würde ihn gut beschäftigen heute. Dabei könnte ihm Sonja helfen. Sonja, seine Pflegetochter.
Nach den morgendlichen Pflichten – Abwasch in der Küche, Hühner füttern, Staub wischen – hatte sich Sonja nachmittags erfolgreich vor weiteren Arbeiten gedrückt. Sie hatte einfach keine Lust darauf, mit Hartl das Holz aufzuschichten. Zu oft hatte sie sich dabei schon ekelhafte Spreißel geholt.
So hatte sie Unwohlsein vorgeschoben, um in ihrem Zimmer bleiben zu können. Langweilig wurde es ihr nie: Sie hörte Musik, versuchte, die englischen Texte zu übersetzen oder sie las oder schrieb etwas in ihr Tagebuch. Viel Aufregendes passierte ja leider nicht, aber Babette war immer gut für einen Eintrag. Sonja musste grinsen, als sie neben die letzten Zeilen das Konterfei ihrer Tante kritzelte. Tante traf es nicht ganz. Eher Pflegetante. Sonja kaute an ihren Nägeln und überlegte. Eigentlich hatte sie mit Babette gar nichts zu tun. Das war die durchgeknallte Schwester ihres Pflegevaters und fertig.
Sonja wusste sehr wohl, dass Karl fast jeden Abend in dem Birnbaum hockte und auf ihr Zimmerfenster starrte. Sie sah ihn hin und her wippen, mit kleinen Steinchen auf imaginäre Ziele werfen und sogar zuweilen in der Nase bohren. Sie musste kichern, wenn sie ihn so betrachtete.
Karl war genau wie sie 16 Jahre alt. Sie würde jedoch im nächsten Monat schon 17 werden. Letztes Jahr waren sie konfirmiert worden. Ab da zählte man zur „Landjugend“, das heißt, man durfte auf den Tanz, bei Hochzeiten mit einem Schmeller gehen und Erwachsenen-Sachen machen – sagte Karl. Was genau er damit meinte, konnte sie nur ahnen.
Sonja betrachtete sich lange im Spiegel. Der hing an der Wand, direkt neben dem Fenster und so konnte sie bequem sich selbst und Karl beobachten.
Heute jedoch hielt sie keine Ausschau nach ihm. Zu sehr beschäftigte sie, was sie nachmittags gesehen hatte.
Sonja war groß für ihr Alter. Zur Konfirmation war sie das erste Mal in ihrem Leben beim Friseur gewesen, im Salon „Brenda“ in der Stadt. Ihr widerspenstiges, blondes Haar wurde fest auf Lockenwickler gedreht und dann wurde sie unter die heiße Haube geschoben. Die Hitze darunter war schier unerträglich. Aber das gehörte wohl zum Erwachsenwerden. Die so entstandenen Locken standen wie Fremdkörper von ihrem Kopf ab und die Kopfhaut brannte und juckte von der ungewohnten Prozedur. Anschließend bürstete und kämmte die Friseurin ihr Haar mit festem Griff. Immer wieder wurde Haarspray aufgesprüht. Nach etwa zwei Stunden war sie fertig, die Konfirmationsfrisur. Seitdem trug Sonja ihr Haar kurz und verwendete reichlich Haarspray, sodass ihre Haare zumindest eine kurze Zeit lang in Form blieben.
„Sonja! Komm runter!“, tönte es von unten.
Die Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Was war denn jetzt schon wieder los? Unwillig löste sich Sonja vom Spiegel. Sie streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus, lugte doch noch kurz in Richtung Birnbaum. Karl war nicht da.
