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"Die da droben!" Sind sie tatsächlich eine Sekte? Die Bewohner des Dorfes im Tal sind fest davon überzeugt. Warum sonst hätten sich diese Fremden gerade hier in dieser gottverlassenen Gegend am Rande der Zivilisation niedergelassen? Was steckt dahinter? Anni, die Erzählerin, möchte das herauszufinden. Schließlich sind die Leute ihre neuen Nachbarn in der Bergsiedlung, wo sie in ihrer Blockhütte am Wald zum ersten Mal alleine sein wird. Beruflicher Stress hat zum Burnout geführt. Nun möchte sie in der idyllischen Natur zur Ruhe kommen. Aber die Einheimischen im Dorf haben sie gewarnt. Ist sie wirklich in Gefahr? Oder sind es wieder Vorurteile? Während sie die "merkwürdigen Leute" einen nach dem anderen kennenlernt, scheinen im Hintergrund sonderbare Dinge zu passieren. Zusammenkünfte? Rituale? Lange Zeit sieht Anni das Urteil der Dorfbewohner bestätigt. Eine Sekte! Bis sie schließlich selbst zu einem der Treffen eingeladen wird. Sie ahnt nicht, was sich daraus entwickelt. Und noch weniger, dass die eigentliche Gefahr ganz woanders lauert. Am Ende gelingt es Anni, Dorf und Bergsiedlung zu versöhnen.
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
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Nur noch eine dreiviertel Stunde Landstraße, dann bin ich wieder da. Ich spüre mein Herz, das zum Zerspringen den Hals hinauf schlägt. Jedes Dorf, das ich passiere, jede Wegbiegung, ja, jeder Baum ist mir vertraut und scheint mir zuzuwinken. Dort kommt die Jesus-Kreuzung, wo ein Kruzifix als Orientierung dient. Dort muss man rechts abbiegen. Dann nur noch Felder, Wiesen und Wälder. In der Ferne, am Hügel, sehe ich schon die kleine Siedlung am Waldrand. Ich fahre durch das letzte Dorf. Alte Fachwerkhäuser säumen die Straßen der 130-Seelen-Gemeinde.
Jahrhundertelang lebte man von der Landwirtschaft. Für die meisten lohnt sich das heute nicht mehr. Die Jungen suchen ihr Glück in der Ferne, die Alten sterben weg. Was bleibt, sind leerstehende Häuser, die für fast kein Geld zum Verkauf stehen. Da hat so manch Fremder ein Schnäppchen gemacht. Den Einheimischen gefällt das nicht. In ihrem Dorf ist nichts mehr so, wie es einmal war. Wo früher Kühe auf der Weide grasten, stehen heute Lamas. Der dazugehörige Hof ist jetzt Ferienparadies, aber auch Tagungsort für gestresste Manager. Sie finden die geographische Lage geradezu genial. Dort kann man fernab der Bürohektik in Ruhe neue Konzepte entwickeln. Natürlich verleiht das kreative Rahmenprogramm, das der Betreiber anbietet, ihrem Aufenthalt eine ganz besondere Note. Eine Gewinn versprechende Geschäftsidee.
Und wenn da nicht die merkwürdigen Leute wären, die sich im Dorf niedergelassen haben. Die Katzenfrau. Sie lebt mit fünfzig (!) Katzen in dem Haus, in dem früher der Schmied´s Eugen gewohnt hat. Nun sind dort Gitter an den Fenstern. Was die wohl den ganzen Tag macht? Man sieht sie tagsüber nie auf der Straße. Nur nachts schleicht sie angeblich um die Häuser. Und die Familie mit acht kleinen Kindern. Keiner weiß, woher die gekommen sind. Ihre neue Bleibe war drei Jahre lang zum Verkauf angeboten worden, schließlich ging das stattliche Bauernhaus für einen fast schon peinlichen Betrag über den Tisch.
Gegenüber das alte Wirtshaus. Nichts erinnert mehr daran, dass es früher das Herz des Dorfes war, mit Jukebox, die, wenn man einen 10er einwarf, die neuesten Hits von ABBA, Boney M. und Rex Gildo spielte. Oder
Mendocino von Michael Holm. Daran erinnere ich mich besonders gut. Irgendwie habe ich mich immer mit diesem Mädchen, das wartend in der heißen Sonne stand, identifiziert. Die Dorfkneipe war der allabendliche Treffpunkt der Zigarillo rauchenden Kartenspieler, die man auf der Straße hörte, wenn man nah am Fenster vorbeiging. Sie schrien herum, in einem für Fremde oft unverständlichen Dialekt, und klopften impulsiv ihr Blatt auf den Tisch. Im Dachgeschoss gab es einen Tanzboden, wo Jung und Alt aus der näheren Umgebung an Samstagabenden zusammenkamen. Nachdem die betagte Wirtin sich ein Bein gebrochen hatte, war alles vorbei. Langsam aber sicher zerfiel das Gebäude. Bis, ja bis eine junge Familie von irgendwoher dort einzog und es liebevoll wieder bewohnbar machte. Mitsamt dem Hof und allen Nebengebäuden.
Dann ist da noch die Kuhfrau. Aber das ist eine andere Geschichte. Denn die wohnt oben in der Siedlung am Berg. Nur noch ein Kilometer auf der alten, ausgeschlagenen Betonstraße aus den 60er Jahren trennt mich von meinem Ziel. Ich fahre bergauf, aus dem Dorf hinaus, und gebe Gas.
Ich liebe dieses weitläufige, dünn besiedelte Land mit seinen sanften Hügeln und Wäldern, und ich liebe auch die Menschen, die dort leben. Ich kenne jeden im Dorf, bin über alle Begebenheiten und Skandale bestens informiert. Denn seit meiner Kindheit habe ich mit meiner Familie immer die Ferien in der Siedlung am Berg verbracht. Früher. Da war es noch eine richtige Feriensiedlung mit ein paar entzückenden, kleinen Häuschen auf zumeist großen, bewaldeten Grundstücken.
Die Leute vom Berg und die vom Dorf sind oft zusammengekommen. Mein Bruder Christian und ich spielten am Lagerfeuer beim See Gitarre. Da sind uns die Herzen der Dorfjugend nur so zugeflogen. Ich war und bin auch heute noch die „Anni von die Berch“. Mein Blick schweift nach links, wo ein kleiner Weg am Wald entlang zum See führt. Dort gab es viele schüchterne, verliebte Blicke. Doch keiner der Jungs vom Dorf wagte es jemals, das Mädchen aus der Stadt zu küssen. Wo ich es mir doch immer so gewünscht hätte. Vielleicht wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Wer weiß.
Mittlerweile sind die meisten Besitzer der Ferienhäuschen verstorben oder zu alt, um die Beschwerlichkeiten eines Ohne-Wasser-Ohne-Strom-Daseins auf sich zu nehmen. Ihre Kinder haben kein Interesse an einem langweiligen Feriendomizil in der Pampa. So wurde ein Haus nach dem anderen verkauft. Unseres nicht. Ich habe es von meinen Eltern übernommen. Meine Brüder hatten, wie die Kinder der anderen Besitzer, kein Interesse. Damit begann für mich eine neue Ära.
Gleich bin ich da. Jetzt beginnt der Wald, die Betonstraße geht in Schotter über und ich fahre rechts um die Kurve in den Kiefernweg. Zum ersten Mal werde ich ganz alleine hier sein. Drei Wochen. Mir ist schon etwas mulmig, als ich das große Eisentor der Einfahrt aufschließe.
Eigentlich waren es die anderen, die mir einredeten, dass man als Frau alleine am Wald doch Angst haben muss. Und überhaupt. Niemand aus meiner Familie hatte es mir zugetraut, dass ich das alles hier schaffen würde. Ein massives Blockhaus auf einem zwölfhundert Quadratmeter großen Grundstück, zwei Drittel davon Kiefernwald auf leicht abfallendem Gelände. Oben der sonnige, ebene Bereich am Haus, wo nach einigen Wochen Abwesenheit in der warmen Jahreszeit das Gras einen Meter hoch steht, die Hecken zu wuchern beginnen und wo immer die Gefahr besteht, dass sich Ameisen, Wespen oder Hornissen im Haus einnisten. Oder, dass ein Schloss einrostet. Für alle Fälle habe ich eine Sprühdose Schmieröl in der Tasche.
Es gelingt mir, alle Schlösser aufzuschließen. Mit Stirnlampe taste ich mich von Raum zu Raum und entferne die Schrauben von den Gewindestangen, die sich von außen durch die Fensterrahmen links und rechts am Fenster bohren. Sie sind Teil des Riegels, der sich außen über die Fensterläden legt. Dann gehe ich hinaus und ziehe die Konstruktion aus der Wand. Jetzt lassen sich die Läden von innen öffnen. Holz schlägt auf Holz. Ein dumpfer Ton, bei dem mir das Herz aufgeht. Wie oft habe ich diesen Klang in meiner Erinnerung gehört! Ich schaue hinaus aufs Land und der süßliche, harzig-herbe Duft des Kiefernwäldchens strömt herein, der sich mit dem Geruch von Gras und Tausenden von Wildblüten vermischt. Ich kenne keinen anderen Ort, an dem es so gut riecht. Dann kurze Kontrolle der Holzbalken über dem Kriechboden. Dort befinden sich, über eine Leiter erreichbar, zwei Schlafplätze unter dem Dachspitz. Keine Insekten. Gott sei Dank.
Aus handwerklicher Sicht hat mein Vater alles optimal ausgetüftelt. Als Metaller, der auch mit einem Schweißgerät umgehen kann, hat er so manche
Lösung gefunden, für die andere viel Geld hätten bezahlen müssen. Natürlich haben meine beiden Brüder fleißig mitgeholfen. Das ist ja alles Männerarbeit, hieß es immer. Ich habe gelernt, Kuchen zu backen und zu kochen. So war das eben. Ich verstehe schon, warum sie keine Lust mehr haben, ihren Urlaub hier zu verbringen. Das letzte, was Stefan, der Jüngste von uns drei Geschwistern, vor der Hausübergabe noch machte, war, dass er das Gras mähte und die Wege ins Wäldchen freilegte. Dann sagte er: „So, Anni. Jetzt musst du sehen, wie du klar kommst. Ich will damit nichts mehr zu tun haben.“
Langsam entspanne ich mich. Bisher hat alles gut geklappt. Vielleicht mähe ich noch das Gras. Oder morgen. Jetzt erst ein Kaffee. Mit Wasser, das ich von zu Hause mitgebracht habe. Morgen fahre ich ins Dorf, um frisches zu holen. Aber erst morgen. Dann Gartenstühle vors Haus, in die Sonne setzen und Beine hochlegen. Ich schließe die Augen. Es ist so wohltuend ruhig hier. Nur ein leises Rauschen der Baumwipfel, hier und da das Zwitschern eines Vogels und das Summen der Insekten. Es geht mir gut. Ich bin wieder angekommen.
2
Als ich die Koffer und Taschen auspacke, klopft es zaghaft an der Türe. Da steht Ingeborg, die Kuhfrau. Gummistiefel, Arbeitskleidung, zerzaustes Haar, braungebrannt. Wie immer. Ihre blauen Augen leuchten, als sie mich sieht. Sie war die erste der neuen Generation, die hier am Berg eines der Häuschen gekauft hat. Es gehörte der Familie meines Onkels. Sie verabschiedet sich gleich wieder, weil sie gerade von der Arbeit kommt und jetzt noch ihre eigenen Kühe versorgen muss. Am Abend will sie wiederkommen und ein Gläschen Wein mit mir trinken. Das hört sich gut an.
Zuerst kannte ich sie nur aus Erzählungen der Leute vom Dorf. Diese Frau lebt tatsächlich ganz alleine mit zwei Kühen am Wald. Man sieht sie immer mit einem dunkelgrünen Geländewagen vorbeifahren. Was sie macht, woher sie kommt und warum sie gerade hier, in dieser gottverlassenen Gegend, ein Ferienhaus gekauft hat, das weder über Strom- noch Wasseranschluss verfügt, weiß kaum jemand so genau. Von außen sieht das
Haus ja ziemlich heruntergekommen aus. Der Garten ist nicht begehbar, weil dort die Kühe umherlaufen und den Boden mit ihren Hufen umgepflügt haben. An den Hauswänden klebt Kuhmist. „Dei Onkel dad sich im Grob umdrahn“, sagte die dicke Berta einmal. Und sowieso, man darf in der Feriensiedlung gar nicht dauerhaft wohnen. Immer wieder betonen die Einheimischen, dass das ein Feriengebiet ist und keine Wohnsiedlung. „Wenn di Gemeindeferwoldung des mitgriecht, no muss se sich wos onderes süch“, meinte Berta mit drohendem Zeigefinger.
Für offiziell hat Ingeborg den ersten Wohnsitz mit einer Adresse im Dorf angegeben. Hartmut war einverstanden, als sie ihn fragte. Ein alleinstehender, hilfsbereiter Mensch, der niemandem einen Wunsch abschlagen kann. Eine Zeit lang sah es wohl so aus, als ob sich zwischen den beiden etwas anbahnen würde. Sie hat ihn im Dorf besucht, er hat ihr mit dem Heu geholfen. Aber Fehlanzeige. Irgendwie hat es nicht gepasst. „Di is scho a weng komisch“, war die Erklärung der Leute.
Neugierig wie ich bin, habe ich meine Spaziergänge immer wieder an ihrem Haus vorbei gemacht, bis ich sie eines Tages vor ihrer Türe stehen sah. Misstrauisch musterte sie mich ein paar Sekunden, bevor sie meinen Gruß erwiderte. Ich stellte mich vor, sagte, dass ich mit meinem Freund hier Urlaub mache und dass das Holzhaus vorne im Kiefernweg mir gehöre. Kaum zu glauben, sie nahm meine Einladung an und kam am nächsten Abend vorbei.
Die Unterhaltung war zäh. Ein Frage-Antwort-Spiel, das immer wieder ins Leere lief. „Wie gefällt es dir denn in Bergobernfeld?“ „Gut.“ Ich stellte vorsichtige Fragen, um ins Gespräch zu kommen. Oberflächlich, um ihr nicht zu nahe zu treten. „Und wie kamst du zu den Kühen?“ „Die hab ich von einem Bauern gekauft. Er wollte sie ins Schlachthaus bringen.“ Die Antworten waren knapp. Ein, zwei Sätze. Manchmal nur ein Wort. Dann beklemmende Stille. Mein Freund Udo machte Grimassen und kümmerte sich schnell um die Getränke. Wir erzählten viel, von ihr kam nichts. Sie hörte nur zu und verzog keine Miene. Bestimmt hätten wir den Abend auch schweigend verbringen können. Vielleicht müssen wir Leute aus der Stadt auch lernen, dass nicht immer geredet werden muss. Und lernen, Stille auszuhalten.
Es hat lange gedauert, bis Ingeborg mir aus ihrem Leben erzählte, bis sie mit mir lachte und auch manchmal ihre Kommentare abgab. Irgendwie faszinierte mich diese Frau. Warum lebte jemand in dieser Abgeschiedenheit ganz alleine? Und wie schaffte sie es, alles hier im Griff zu haben, das landläufig als Männerarbeit gilt? Und irgendwie war sie mir auch ans Herz gewachsen mit ihren Kühen.
Jetzt ist Ingeborg wieder da. Wir sitzen auf der Terrasse am Haus. Vor uns auf dem Tisch flackern Kerzen. Wir haben Glück, es ist ein schöner Sommerabend und noch angenehm warm. Nur ein, zwei Meter über unseren Köpfen fliegen Fledermäuse hin und her. Früher habe ich mich vor ihnen gefürchtet, heute gehört es hier einfach dazu. Sie haben sich unter dem Dachvorsprung der Hütte eingenistet und fühlen sich durch uns gestört. Wir nehmen Rücksicht, unterhalten uns leise, bewegen uns behutsam. Die Kerzen leuchten gerade mal den Bereich um den Tisch herum aus, ein paar Schritte weiter ist schon der Wald.
Ingeborg hat keine Angst vor der Dunkelheit. Später wird sie am Wald entlang ohne Taschenlampe nach Hause gehen. Heute scheint der Mond und es ist relativ hell, doch in manchen Nächten ist es hier so undurchdringlich dunkel, dass man die Hand vor den Augen nicht sieht. Das können sich Stadtmenschen gar nicht vorstellen. Wenn man aus dem Haus tritt, ist es so, als ob man gegen eine schwarze Wand läuft. Und atemberaubende Stille. Das ist schon gewöhnungsbedürftig. Aber in dieser Dunkelheit scheinen die Sterne heller zu leuchten. Ganz deutlich ist die Milchstraße zu sehen.
Ingeborg arbeitet in einem anderen Dorf. Dort kümmert sie sich um die Kühe eines Großbauern. Melken, Ausmisten, Pflege der Tiere. Sie erzählt über ihn, der nicht gut mit den Kühen umgeht und dem sie es nie recht machen kann. „Der Sepp brüllt herum und schreit seine Frau und Kinder an. Er ist ein richtiger Griesgram. Irgendwann werde ich ihm alles hinwerfen!“ Ingeborg ist empört und ihre Augen funkeln wild, wie immer, wenn sie sich aufregt. Tiere liebt sie über alles, kommt mit ihnen besser klar als mit den meisten Menschen.
Wir unterhalten uns über andere Arbeitsmöglichkeiten. „Es sieht schlecht aus hier in der Gegend. Was für mich in Frage käme, wäre Arbeit in einer Gärtnerei. Das ist weniger anstrengend und man kann viel draußen sein. Aber das ist hier eher eine saisonale Tätigkeit.“ Sie arbeitet für Mindestlohn und muss schon sehen, wie sie über die Runden kommt. „Ich brauche sehr wenig zum Leben, und ich kann trotzdem etwas Geld auf die Seite legen. Ich habe keine Strom- und Wasserkosten, ich bezahle keine Miete. Wenn ich den ganzen Tag arbeite, kann ich mit Sepps Familie zu Mittag essen. Dort kann ich auch duschen und meine Wasserfässer füllen.“ Wasser braucht sie vor allem für ihre Kühe. Nur das Auto kostet Geld. Auf dem Land kann sie nicht darauf verzichten. Kleidung bekommt sie immer wieder mal von den Urlaubern am Berg geschenkt. Man kennt sie, die Ingeborg.
Aber was wissen die Leute schon von ihr? Dass sie früher mal studiert hat? Dass sie gar zwei Diplome in der Tasche hat? Ich bezweifle, dass selbst ihr Arbeitgeber darüber informiert ist. Sie hat immer nur von ihrer praktischen Erfahrung im Gartenbau in Südfrankreich und in der Viehzucht gesprochen.
Eine sensationelle Neuigkeit gibt es in Ingeborgs Leben. Direkt beim Dorf hat sie nun eine kleine Weide für ihre Kühe gefunden. Die Besitzer haben ihr angeboten, dass sie bei ihnen auch duschen und Wasser holen kann. Dafür hilft sie gelegentlich aus, wenn mal jemand krank oder Not am Mann ist. Sie strahlt übers ganze Gesicht. „Jetzt bin ich nicht mehr von Sepp abhängig!“ Ich freue mich mit ihr. Wir genießen den Wein und lauschen in die Nacht.
„Warum bist du ganz alleine hier?“, möchte Ingeborg wissen. Zum ersten Mal hatte niemand Zeit, ein paar Tage mit mir in der Hütte zu verbringen. Selbst die Musiker meiner Akustik Band, die sonst immer im Sommer zum Proben da waren, hatten diesmal andere Pläne.
„Weißt du, eigentlich bin ich ganz froh. Ich muss lernen, alleine klarzukommen. Ich darf mich nicht mehr von anderen Leuten abhängig machen, nicht mehr sie entscheiden lassen, wann und wie lange ich hier sein kann.“ „Und der Udo?“ „Ja, der war immer gerne hier. Es hat ihm Spaß gemacht, die Hecken zu schneiden und Äste von den Bäumen zu sägen. Das hier war unser kleines Paradies.“ „Ja, und? Was heißt „war“?“ „Er hat letzte Woche die Beziehung beendet. Gott sei Dank! So musste ich es nicht tun.“ „Warum das denn?“ „Es gab unüberbrückbare Gegensätze, die Kluft zwischen uns wurde immer größer. Womit ich nie klar gekommen bin war, dass er mir überhaupt keine Perspektive bieten konnte mit seinen ganzen Altlasten. Es tut weh. Aber nun ist es gut.“
Ich sage, dass es für mich eine aufregende Erfahrung ist, nun ganz alleine hier zu sein. Ingeborg versteht es nicht. Manchmal kann sie sich nur schwer in mich hineinversetzen. Für sie bin ich der Stadtmensch. Sie verwendet den Begriff meist, wenn sie sich über mich lustig macht. Aus ihrem Mund hat das Wort einen etwas verächtlichen Beiklang. Dann versuche ich, mich zu verteidigen. Ich komme nicht aus der Großstadt. Mein Vater ist früher auf die Jagd gegangen. Er hat mich oft in den Wald mitgenommen. Ich kenne die meisten Vogelstimmen und die Fährten der Wildtiere. Wir hatten Hunde. Und ich kann eine Fichte von einer Tanne, eine Weißbuche von einer Rotbuche unterscheiden. Meine Eltern hatten auch einen großen Gemüsegarten, wo ich schon als Kind immer mithelfen musste. Was soll ich ihr noch sagen? Sie spürt meine Verzweiflung und lacht.
„Das ist es nicht. Ich habe keine Angst vor zu viel Natur oder vor Langeweile. Ich bin wirklich sehr gerne hier. Es ist vielmehr das Gefühl, alleine allen Eventualitäten ausgesetzt zu sein.“ „Was könnte denn passieren?“ „Keine Ahnung.“ „Was man sich nicht vorstellen kann, wird auch nicht passieren“, sagt sie spottend. „Es ist auch nicht die Angst, überfallen oder ausgeraubt zu werden. Erstens findet keiner diese gottverlassene Hütte, zweitens gibt es hier wirklich nichts, was einen Einbrecher interessieren könnte, und drittens habe ich in meiner Jugend jahrelang Karate und Judo trainiert. Bis zu meinem Motorradunfall.“
Das hätte mir Ingeborg nicht zugetraut. Weder den Kampfsport noch das Motorradfahren. „Doch, es stimmt. Wenn nicht gerade ein schwerbewaffneter Terrorist vorbeikommt – was sehr unwahrscheinlich ist – würde ich versuchen, dem Eindringling gut zuzureden und ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Aufrechte Körperhaltung, Blickkontakt, ruhige Sprache. Nur keine Schwäche signalisieren. Oder ich würde ihn ganz nah an mich herankommen lassen und ihm dann eins über die Rübe ziehen.“ Ingeborg ist köstlich amüsiert. „Aber wovor hast du dann Angst?“, will sie wissen. Ich kann ihre Frage nicht beantworten. Ich denke, dass mir die Zeit in der Einsamkeit gut tun wird, um das herauszufinden.
3
Die erste Nacht allein in der Hütte. Ich liege im Bett und versuche zu schlafen. Es ist ungewohnt ruhig. Keine Toilettenspülung, kein Badewannengeplätscher. Kein rauschender Heizungsbrenner. Kein Krach im Treppenhaus und kein Schlagen der Haustüre. Kein Straßenlärm. Das ist fast schon beängstigend. Wenigstens brauche ich hier keine Ohrenstöpsel. Draußen im Wald Stille, nur dann und wann ein Rascheln ums Haus. Vielleicht ein Igel. Oder Mäuse. Bleischwer liege ich mit aufgerissenen Augen da und lausche. Ich lausche so angestrengt, dass ich in den Ohren einen Unterdruck zu spüren glaube. Und die Augen. Mir ist, als ob die Dunkelheit die Augen eindrückte. Ich sauge die Nacht und die Stille mit allen Sinnen förmlich in mich hinein, bis mein Körper vor Erschöpfung schwach wird, die Glieder sich entspannen und ich langsam in tiefen Schlaf versinke.
Wie lange ich geschlafen habe, weiß ich nicht. Ein lauter Schlag, oder besser, Knall reißt mich fast aus dem Bett. Was war das? Benommen, am ganzen Leib zitternd, richte ich mich auf. Dann ein zweiter Knall. Um mich herum schwarze Nacht. Plötzlich sehe ich durch die Ritzen der Fensterläden ein kurzes Aufleuchten und begreife, was los ist. Gewitter. Ausgerechnet heute. Warum bin ich nicht einen Tag später gefahren? Zu Hause würde ich das Unwetter durchs Fenster beobachten. Ich liebe es, wie die Blitze in immer neuer Gestalt über den Himmel zucken und dabei kontinuierlich den Anblick der Wolken verändern. Aber hier im Wald? Mutterseelenallein? Schluss mit Romantik.
Mittlerweile ist der Wind zum Sturm angeschwollen und peitscht die Bäume hin und her. Ein Tosen und Brausen um mich herum. Immer wieder fällt etwas krachend aufs Dach. Was kann ich jetzt tun? Nichts. Auf keinen Fall darf ich das Haus verlassen und das Auto wegfahren von den Bäumen. Wenn es zu Bruch geht, dann soll es so sein. Die Blockhütte ist massiv und hat schon viele Unwetter überstanden. Warum sollte ausgerechnet heute ein Baum das Dach einschlagen?
Mein Puls wird schneller, beginnt zu rasen. Die Hände ballen sich zu Fäusten. Die Nackenhaare richten sich auf. Eine Wut, die gegen die
Naturgewalten ankämpfen möchte, die allen Dämonen der Dunkelheit die Stirn bieten will, breitet sich wie glühende Lava in meinem Körper aus. Jetzt sind alle Muskeln angespannt. Mein Körper ist im Angriffsmodus. Meine Angst ist wie weggeblasen.
Langsam werde ich ruhig. Ich setze mich an den Tisch, zünde die Kerze an, die dort steht, und schaue in das tänzelnde Licht der Flamme. Es gibt mir Ruhe und Geborgenheit. Aufmerksam lausche ich nur noch und beobachte das Geschehen da draußen vor meinem mentalen Auge.
Der Lärm im Wald will nicht aufhören. Plötzlich gibt es ein lautes Dröhnen, ein berstendes Geräusch ganz in der Nähe, einen ohrenbetäubenden Schlag, der um ein Vielfaches verstärkt im Wald widerhallt. Kurze Stille. Dann beginnt es zu regnen. Erst klopfen einzelne Tropfen auf die Ziegel. Die Abstände der Töne werden kürzer und kürzer, bis ein gleichmäßiges Trommeln entsteht und schließlich ein regelrechter Wolkenbruch auf die Hütte nieder drischt. Mittlerweile ist es so laut, dass man sich kaum noch unterhalten könnte – wenn denn jemand da wäre. Ich sitze und schaue in die Kerze, versuche, alles um mich herum auszublenden. Nach kurzer Zeit werde ich so müde, dass ich nur noch schlafen will. Soll die Welt doch untergehen. Ich lege mich ins Bett und ziehe die Decke über den Kopf, um das Heulen des Sturms nicht mehr zu hören.
Am Morgen werde ich vom Zwitschern der Vögel geweckt. Sonst ist alles still. Ich strecke meine Glieder, schlüpfe in die Sandalen und gehe zur Haustür. Ein Duft strömt mir entgegen, nach Wald, Harz, Holz, Gras, Erde und ich weiß nicht was. So intensiv, dass man daraus Parfüm kreieren könnte. Aber als ich das Gras sehe, wird mir ganz anders zumute. Hätte ich es doch bloß gestern noch gemäht. Jetzt liegt alles flach. Auf dem Autodach befinden sich ein paar kleine Äste, sonst hat es keinen Schaden genommen. Auch das Dach des Hauses ist zum Glück unversehrt. Nur am Holzschuppen sind ein paar Ziegel zerschlagen. Wie so oft hat mein Vater an alles gedacht und einen kleinen Vorrat Ersatzziegel hinterm Schuppen deponiert.
Ich schaue hinüber zum Wald und sehe, was das dröhnende Geräusch verursacht hat: Der Blitz hat in eine hohe Fichte eingeschlagen und der Länge nach gespalten. Eine Hälfte liegt am Boden, die andere reckt traurig ihre schwarzen, verbrannten Äste in die Höhe. Ein paar Meter weiter liegt eine andere Fichte mit senkrecht gestelltem Wurzelteller auf dem Weg in den Wald. Ein erbärmlicher Anblick.
Aber mein Kiefernwald steht noch, nur ein paar wenige Äste sind abgebrochen. Ja, Kiefern haben Pfahlwurzeln, die mehrere Meter ins Erdreich hinunterreichen. Und ihr elastischer Stamm bricht nicht so schnell – mit ihrer buschigen Krone bieten sie dem Wind erst gar keine Angriffsfläche. Wie liebe ich diese Bäume! Wenn der Wind über die Baumwipfel streicht, klingt es wie Meeresrauschen. Ein Hauch von Unendlichkeit. Es erfüllt mein Herz mit Freude, wenn ich auf meinen Wald blicke und auf die massive Holzhütte, in der ich mich mitten in der Natur sicher fühlen kann. Man wird sehen, was noch kommt.
4
Nachdem ich draußen aufgeräumt habe, fahre ich ins Dorf, um Wasser zu holen. Über den Feldern wabert noch der Nebel, alles ist klatschnass. Im Dorf haben die Bauern schon die Straßen und Gassen vom Unrat der Nacht befreit. Ein paar Leute stehen mit dem Besen in der Hand am Straßenrand und beobachten mein Auto, das langsam auf sie zufährt. Ein unbekannter Wagen erregt immer ihr Misstrauen. Dann erkennen sie mich und winken. Ich halte an, steige aus und begrüße jeden von ihnen per Handschlag. „Hallo Anni, bist ach wida amol do?“ „Wann bist denn kommen?“ „Wie long bleibst do?“ Es sind immer die gleichen Fragen, aber ich spüre ihre Freude, mich wiederzusehen und erzähle alles, was sie wissen wollen. „Un dei Freund, is dea ach mit?“ Ich sage, dass ich diesmal alleine da bin und auch keine Angst habe am Wald alleine. Ob sie es mir glauben, weiß ich nicht.
Dann bin ich dran mit dem Fragen. „Was gibt´s bei euch Neues?“ Ich erfahre, dass es im Gemeinderat Diskussionen gab wegen der „Leut in die Berch“. „Wos die veronstoltn. Erst keffn´s öla Hoisla in di Berch, un no baun ´s an, stelln Carports auf un Solaranlochen.“ „Un imma is do a Varkehr auf da Betonstroß. Lauda auswärdiche Kennzeichn.“ Oh je, denke ich. Da ist ja ganz schön die Kacke am Dampfen. Irgendwie habe ich das Gefühl, zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Wohin gehöre ich? Die Menschen vom Dorf kenne ich schon seit meiner Kindheit und habe sie liebgewonnen, die vom Berg sind meine Nachbarn, so lange ich hier Urlaub mache. Keinesfalls darf ich jetzt Partei ergreifen.
Immer wieder fällt der Begriff „komische Sekte“. Halten sie die Leute der Feriensiedlung etwa für eine Sekte? Beunruhigend. Aber ich werde mir selbst ein Bild machen. Dann lenke ich das Thema auf das Unwetter der vergangenen Nacht, höre mir ihre Kommentare an und fahre zu den „Buben“. Volker und Gottfried haben nie geheiratet und sind deshalb nach dem Tod ihrer Eltern vor ein paar Jahren einfach zusammen im Elternhaus geblieben. Meine Familie hat die beiden Jungs immer liebevoll „die Buben“ genannt.
Gottfried fegt den Hof und beseitigt die letzten Überreste des Sturms. Wir umarmen uns zur Begrüßung. „Woasd long nimma do“, sagt er. Als ich ihn da so stehen sehe, werde ich ganz wehmütig. Wie oft habe ich gedacht, jetzt bleibst einfach da. Kaufst ein Haus im Dorf und fängst ein neues Leben an. Eigentlich hatte ich immer nur Stress. „Ja, ich bleib jetzt drei Wochen da. Ganz allein.“ „Gonz alleenz?“ „Ja, aber ihr kommt mich doch bestimmt mal besuchen, oben in die Berch?“ Er zieht ein finsteres Gesicht und macht mit der Hand eine einladende Geste. „Kömm, jetzt geh ma erst amol nei.“ Aus der Küche kommt mir schon der andere Bruder entgegen. Wir tauschen Familienneuigkeiten aus, dann setzen wir uns.
„Di Frieda ihr Haus könnst hom. Du wesst jo, die is letztes Johr gstoam und die wolln des jetzt vakeff.“ Für den Bruchteil einer Sekunde erscheint mir die Frage real. Ein hübsches, kleines Einfamilienhaus mit Garten aus den 50er Jahren, das später mit einem seitlichen Anbau vergrößert wurde, wodurch auch eine windgeschützte Terrasse entstand. Am Ortsrand, mit Wasser und Strom. Ganz „normales“ Wohnhaus. Ein Kilometer von der Siedlung am Berg. „Was wollen sie denn dafür haben?“ „Genau wiss ma´s ned. Aber bestimmt net mea wie fünfundreißich.“ Mir fällt die Kinnlade runter. Ich schlucke. „Do könnst ach glei einziehn. Da muss ma net viel moch. Die Frieda hot des öllas schö gepflecht.“
Sie wissen genauso gut wie ich, dass ich nicht alles einfach aufgeben könnte, um in Bergobernfeld zu leben. Ich bin fest verwurzelt in Dornbach, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Stuttgart. Aber es gab Zeiten, als Bergobernfeld für mich die rettende Zufluchtsstätte war. Auch heute noch, wo es mir eigentlich gut geht, wird nach ein paar Wochen der Abwesenheit meine Sehnsucht nach dem Ort so groß, dass ich mich nicht dagegen wehren kann.
„Warum hast du vorhin so ernst geschaut?“, frage ich Gottfried. „Was ist los?“ „Du wesst jo, mia foarn imma amol nauf in die Berch un guckn ob öllas mit deim Hoisla in Ordnung is. Oba des is nix mea schö do drom.“ „Warum ist es nicht mehr schön da oben?“, will ich wissen. Sie erzählen von den Baustellen und dass da jetzt immer ein Pritschenwagen steht, der einem Musiker gehört. Der Aufbau des Fahrzeugs liegt irgendwo auf der Wiese. Überall haben die Leute Baumaterial herumstehen. Auf einem anderen Grundstück ist ein Schäferwagen, wo jemand drin wohnt. Dort raucht immer der Kamin. Und das steile Grundstück in der Waldschneise, wo ganz oben am Wald ein kleines Häuschen ist, wird wohl als Treffpunkt genutzt. Am unteren Ende, gleich hinterm Zaun, hat die „Sekte“ ein kugeliges Zelt gebaut aus Weidenruten, mit Tüchern drauf, wahrscheinlich alte Bettlaken. Daneben haben sie ein Loch gegraben, wo sie Feuer drin machen. Man habe auch schon Trommeln gehört. „Und weest wos, wo ich amol nauf bin, homs a Feuer gmocht un do homs drumrum danzt. Gonz nackich“, berichtet Gottfried. Ich kann kaum glauben, was ich da höre. „Und woarst scho amol hintn bei dem Haus, wos amol dem Schlotfecha gehört hot? Weest, wos die jetzt im Gartn stehn hom? An Greis, so fuchzehn, zwonzich Meda Durchmessa, mit so große Stein. Un do sin überoll so komische Hüroglüfen drauf.“ Ich sage, dass ich erst gestern angekommen bin und außer der Kuhfrau noch niemanden gesehen habe und auch noch nicht spazieren war. Ich fülle schnell meine Kanister mit Wasser und verabschiede mich.
5
In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Was ist hier los? Habe ich irgendetwas nicht wahrgenommen oder falsch interpretiert? Ingeborg, die Kuhfrau, hat mir auch nicht viel von den neuen Leuten am Berg erzählt. Einige von ihnen habe ich schon flüchtig kennengelernt. Zum Beispiel Patrick und Constanze, die fast meine direkten Nachbarn sind. Eigentlich ganz normale Vertreter meiner etwas flippigen Generation. Das war zumindest mein Eindruck, als sie zum ersten Mal am Gartentor stehenblieben und sich vorstellten. Irgendwie sprang sofort der Funke über. Ich spürte, dass da etwas war, was uns verband. War es die Musik? War es die Liebe zur Natur? War es der kreative Impuls, die Sehnsucht, Neues zu schaffen? War es die Suche nach einem neuen Lebenskonzept?
Wie oft haben mich meine Eltern für verrückt erklärt wegen meiner „Hirngespinste“. Und was würden sie wohl sagen, wenn ich verkünden würde, dass ich mein Ferienhäuschen umbauen und so gestalten will, dass ich immer dort wohnen kann? Zugegeben, ich habe schon darüber nachgedacht. Aber diese Leute hier, sie haben es einfach gemacht. „Wir haben das Häuschen so übernommen, wie es war, mit dem gesamten Mobiliar. Die alte Frau konnte sich ja selbst nicht mehr drum kümmern. Da waren riesige, dunkle Schränke und Regale drin und überall Teppichboden. Das haben wir alles rausgeworfen und erst mal ein paar Container gefüllt. Außerdem fanden wir die Raumaufteilung unpraktisch. Wir dachten, wenn wir schon mal dabei sind, reißen wir auch gleich die Wände raus. Das war ein schöner Dreck.“
Patrick lachte, als er das erzählte. Dann erfuhr ich, dass er gelernter Bauzeichner ist und viele Jahre auf dem Bau gearbeitet hat, bevor er Berufsmusiker wurde. Was für ein Geschenk, wenn man nicht nur Pläne zeichnen kann, sondern auch praktische Erfahrung in allen Gewerken des Baugewerbes hat. Constanze erklärte, dass sie jetzt noch einen Wintergarten anbauen würden, um mehr Wohnraum zu schaffen, aber auch wegen der schönen Aussicht übers Tal.
Und auch Ursula habe ich schon kennengelernt. Letztes Jahr im Frühjahr, als ich ein paar Tage mit einer Freundin in Bergobernfeld verbrachte, klopfte es einmal an der Türe. Da standen zwei Frauen, eine von ihnen etwa in meinem Alter, die andere, wie sich später herausstellte, ihre Mutter. „Hallo, Grüß Gott!“, sagte die jüngere. „Wir sind zu Besuch bei den Leuten dort vorne und haben dieses schöne Holzhaus gesehen. Da haben wir gedacht, wir schauen einfach mal vorbei.“ Sie kam auch sofort, ohne große Umschweife, direkt zu ihrem eigentlichen Anliegen. „Wissen Sie, ob es hier noch ein Häuschen zu kaufen gibt? Oder haben Sie vor, Ihres in näherer Zukunft zu verkaufen?“
Mir blieb die Spucke weg. Ursula erzählte, dass Freunde von ihr schon hier wohnten und dass sie „unheimlich gerne“ auch in diese „wunderschöne“ Gegend ziehen würden. Sie und ihre Mutter. Die beiden strahlten so eine Offenheit, Natürlichkeit und Freude aus, dass ich nicht anders konnte, als sie einzuladen, hereinzukommen und eine Tasse Tee mit uns zu trinken. „Ich bin die Ursula und das ist meine Mutter Leni. Wir sagen einfach du.“ „Okay. Ich bin die Anni und das ist meine Freundin Renita.“ Ich habe die beiden dann überall herumgeführt, sie haben sich für alles interessiert.
„Gibt es im Haus eine Toilette?“, wollten sie wissen. „Ja, klar! Mein Vater hat eine Zisterne in frostsicherer Tiefe gemauert. Dort wird das Wasser vom Dach aufgefangen, mit einer Handpumpe hochgepumpt und für die Toilettenspülung genutzt. Das Abwasser wird in die Grube am unteren Grundstücksende geleitet.“ Dann standen wir hinter dem Haus. Ich weiß noch, wie die beiden Frauen die angenehme Luft des Kiefernwäldchens genossen. „Ach, das tut gut“, meinte Leni. Ihre Tochter Ursula nickte nur still, ganz in sich gekehrt.
Schließlich zeigte ich ihnen den Metallschrank hinten an der Hauswand, in dem eine über dreißig Kilogramm schwere Gasflasche steht, und erklärte die Haustechnik: „Vorhängeschloss aufschließen, Gashahn aufdrehen und schon kann man kochen oder die Gaslampen anmachen. Aber ich gehe mit dem Gas sehr sparsam um. Ich nutze es nur zum Kochen und im Sommer gelegentlich für den Camping-Kühlschrank. Der hängt in der Küche an der Wand. Fürs Licht habe ich als Stromstation eine Autobatterie dabei, die an die Niedervolt-Leitung im Haus angeklemmt wird. Dann kann ich per Lichtschalter die winzigen Zwölf-Volt Lämpchen anmachen.“
Ich sah den beiden an, dass sie beeindruckt waren. So ein kleines Haus und so viel Komfort. Dann schwiegen sie eine ganze Weile, bevor sie erneut ihre Frage stellten, ob ich das Anwesen irgendwann mal verkaufen wolle. „Nein, das habe ich nicht vor. Wenn ich hier bin, genieße ich dieses Stückchen Paradies in vollen Zügen. Es ist, man könnte sagen, meine „Seeleninsel“.“ Ursula lächelte als verstünde sie, was ich meinte. „Hier kann ich meine Batterien aufladen.“
Eine andere Bergbewohnerin, die ich schon einmal getroffen habe, ist Nina. In Sichtweite, etwa hundert Meter über eine Wiese, gibt es ein Häuschen, das sich durch die hellblaue Farbe seiner Holzfassade von den anderen abhebt. Es verströmt skandinavischen Charme. Ins Bild passen die lichten Laubbäume, an denen verschiedene Wind- und Klangspiele hängen. Die höchste Birke in der Bergsiedlung steht in diesem Garten. Man sagt, die Birke sei ein Symbol für Neubeginn und für das Frühlingserwachen, weil sie neben dem Holunder im Wald der erste Baum ist, der neue Blätter austreibt. Bei den Nord- und Osteuropäern gilt sie auch als Baum der Liebe, des Lebens und des Glücks. Von meinem Esstisch aus kann ich die kleinen Blätter im Wind tänzeln sehen. Manchmal flattern sie wild wie ein Bienenschwarm. Und wenn an einem wolkenlosen Herbsttag die Sonne drauf scheint, funkeln sie wie goldene Sterne.
