Als die Menschen verstummten. - Christel Wachowski - E-Book

Als die Menschen verstummten. E-Book

Christel Wachowski

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Beschreibung

März 1945. Die Rote Armee steht vor den Toren Danzigs. Mit ihrer Familie begibt sich die vierzehnjährige Christel auf einen Treck ins Ungewisse. Eindrücklich schildert sie, wie die Menschen auf der Flucht das Sprechen verlernen, erzählt von ihrer verlorenen Heimat, von der Internierung in Dänemark und der Zeit als Flüchtling in Süddeutschland. »Als die Menschen verstummten« ist ein spannendes Stück Zeitgeschichte für diejenigen, die ähnliche Erlebnisse gemacht haben, ebenso wie für deren Nachkommen.

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Seitenzahl: 90

Veröffentlichungsjahr: 2014

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1943 in Danzig: meine Mutter Hedwig Klatt, meine Schwester Ursula und ich.

Wenn ich den Wandrer frage

Wenn ich den Wandrer frage

Wo kommst du her?

Von Hause, von Hause

spricht er und seufzet schwer.

Wenn ich den Wanderer frage:

Wo gehst du hin?

Nach Hause, nach Hause,

Spricht er mit frohem Sinn

Wenn ich den Wandrer frage:

Wo blüht dein Glück?

Im Hause, im Hause,

Spricht er mit feuchtem Blick.

Und wenn er mich nun fraget:

Was drückt dich schwer?

Ich kann nicht nach Hause

Hab keine Heimat mehr

Text: Hermann von Hermannsthal - (einige Quellen auch A. Lenz)Musik: nach Friedrich Brückner - 1837 (auch R. Thiersch)

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Kapitel 17.

Kapitel 18.

Kapitel 19.

Kapitel 20.

ANHANG

Danzig um 1940

Legende

GRIEßBREI

Zubereitung

ÄNNCHEN VON THARAU

Danksagungen

1.

Ich war ein vernünftiges Kind. Ich weinte nicht. Noch nicht.

Es war Montag, der 26. März 1945. Zehn Uhr am Morgen. Das Donnern der russischen Kanonen kam seit Tagen näher.

Ich hatte keine Träne verloren, als mein geliebter Vater in den Krieg eingezogen wurde. Ich beklagte mich nicht, als ich aus unserem Elternhaus in Danzig aufs Land evakuiert wurde. Genauso wenig zeigte ich eine Regung, als man mir mitteilte, dass wir aus unserer Heimat fliehen müssten. Doch heute, später an diesem Nachmittag, würde ich das erste Mal in meinem Leben hemmungslos in der Öffentlichkeit weinen.

Seit Februar hatte ich beständig Flüchtlingstrecks von Süden kommend durch die Dorfstraße in Suckschin ziehen sehen. Ihr Ziel war die Danziger Bucht im Norden. Manchmal waren es auch zerschlagene Truppenverbände, Soldaten, die vom Kampf gezeichnet mit hängenden Häuptern gen Westen zogen.

In den Wochen vor der Flucht wurde bei uns noch nicht geschwiegen. Nur darüber, dass wir selbst irgendwann einmal fliehen müssten, wurde kein einziges Wort gesprochen. Für meine Großmutter, wie auch für uns anderen, war der Gedanke unvorstellbar.

Dann erhielten wir »Einquartierung« von drei deutschen Soldaten. So viele Betten hatten wir nicht zur Verfügung. Also schliefen sie im Wohnzimmer auf dem Fußboden.

»Der Russe wird bald hier sein, stellen Sie sich darauf ein«, klärten sie uns auf.

»Ach nein…«, sagte Großmutter, wie beiläufig. »Wir bleiben hier. Wir haben doch niemandem etwas getan.«

Darauf entgegnete einer der jungen Soldaten, »ja, was glauben Sie, was die Russen, wenn sie hierher kommen mit Ihnen machen?! Und mit Ihrer Tochter und Ihren Enkelinnen?! Die werden alle vergewaltigt!«

Großmutter erschrak. Die Auskunft des jungen Mannes klang für sie wie eine Drohung. In einer derartigen Klarheit hatte noch niemand mit ihr über die Situation gesprochen.

Seit diesem Zeitpunkt wurde umgedacht.

Großmutter war eine kluge und energische Frau. Als im Sommer 1944 in Danzig die Verordnung erlassen wurde, dass alle Kinder zum Schutz vor den Fliegerangriffen aus der Stadt gebracht werden mussten und ich mit meiner Schulklasse nach Großmausdorf in die Danziger Niederung verlegt werden sollte, legte sie ausdrücklichen Protest ein. Sie bestimmte, dass ich zu ihr nach Suckschin kam und im Ort die Dorfschule besuchte. Die Evakuierung begann im September nach den Sommerferien.

Der Lehrer in der Schule hieß Lienau. Er war der gleiche, zu dem schon meine Mutter in den Unterricht ging.

In Danzig hatte ich die Volksschule »Schwarzes Meer« besucht. Die Schule befand sich in einem altehrwürdigen Kolossalbau mit zwei Eingangsportalen, eines für Knaben und eines für Mädchen.

In der Dorfschule saßen in einem einzigen Klassenzimmer die Klassen 1 bis 8, sowohl Mädchen als auch Jungen, zusammen.

In jedem Schuljahr stand der Lebenslauf des Führers als Thema auf dem Lehrplan. Eines Tages ordnete der Lehrer an, einen Aufsatz über Adolf Hitlers Leben zu schreiben. Eine Schulstunde wurde dazu eingeplant.

Ich begann sogleich mit dem Schreiben. Mittlerweile schrieb ich den ganzen Aufsatz auswendig, wir schrieben ihn schließlich jedes Jahr.

Im Klassenzimmer wurde es sehr ruhig. Zwischendurch hob ich den Kopf und sah mich um. Einige Kinder stützten den Kopf mit der rechten Hand, mit der sie eigentlich schreiben sollten, und kauten zwischendurch am Bleistift.

Ich war als Erste fertig.

In dieser Zeit hätte ich in Danzig in der Sankt-Salvator-Kirche am Konfirmandenunterricht teilgenommen. Suckschin war ein Bauerndorf, ohne eine Kirche. Die Konfirmanden besuchten den Unterricht im Nachbarort Kladau, zwei Kilometer entfernt. Ich fuhr gerne mit meines Vaters Fahrrad dorthin.

Zu Hause bei meinen Großeltern gab es einen kleinen Katechismus. Oma übte mit mir die Zehn Gebote. Sie selbst konnte sie alle auswendig.

Unsere Mutter hatte es vorgezogen, sich zusammen mit meiner Schwester Ursula zu unseren Großeltern Klatt väterlicherseits nach Lehmberg evakuieren zu lassen.

Beide wohnten im Bauernhaus zusammen mit der Großfamilie, zu der auch Vaters Bruder Max und seine Frau, Tante Meta, mit ihren vier Töchtern, Irma, Alice, Käte und Gretel gehörten. Onkel Max war der NSDAP-Ortsgruppenleiter im Dorf.

Gelegentlich fuhr ich mit der Buslinie auf der Strecke Danzig-Paglau von Suckschin, um Mutti und Ulli zu besuchen. In Lehmberg gab es keine Bushaltestelle, nur eine Bedarfshaltestelle namens »Prauster Krug«, einen Kilometer vom Dorf entfernt an einer Chaussee. Deshalb musste ich bereits vor meiner Abfahrt aus Suckschin das Gasthaus »Plumbaum« in Lehmberg anrufen und mein Kommen ankündigen. Die Familie besaß keinen eigenen Telefonanschluss. Der Wirt benachrichtigte Onkel Max.

Dieser holte mich schließlich mit dem Federwagen ab, vor den ein Pferd gespannt war. Er stand immer schon da, bevor der Bus ankam.

Auf der Fahrt zum Hof begeisterte mich die beeindruckende Landschaft.

Der Weg war schmal und unbefestigt. Gerade einmal breit genug für zwei Fuhrwerke. Der Weg bestand aus weißem Sand. Auf halbem Wege passierte man die Siedlung Prauster Krug, einen Ort, der aus drei Bauernhöfen, einem Forsthaus und einem kleinen Friedhof bestand.

Meistens fuhr ich zu Feiertagen nach Lehmberg; an Ostern, Pfingsten und an Weihnachten. Dann wurden Gänse aus der großen Gänseschar geschlachtet.

Der Ganter war ein bissiges Tier. Jedes Mal, wenn ich über den Hof lief, ließ er seine Damen allein, rannte mir nach, bis er mich mit seinem Schnabel beißen konnte.

Wir Kinder trugen während des Sommers schwarze Turnhöschen. Meines war aus Satin. Dazu trugen wir baumwollene Achselturnhemdchen. Einmal biss der Ganter in mein Gesäß und riss an meinem Turnhöschen, bis es zerriss. Zornig griff ich mit der rechten Hand direkt hinter seinen Kopf und packte ihn am Hals. Ich lief los und schleuderte ihn mit voller Wucht auf den Dunghaufen.

Der Ganter blieb regungslos liegen.

Tante Meta beobachtete den Zwischenfall vom Küchenfenster aus. Sie kam auf mich zugestürmt.

»Wie konntest du so etwas tun!? Den brauchen wir noch!«

Inzwischen kamen weitere Zuschauer, um das Schauspiel mit anzusehen. Plötzlich hob der Ganter seinen Kopf etwa zehn Zentimeter hoch und ließ ihn sogleich wieder fallen.

Es dauerte einige Minuten, bis er es wieder versuchte. Diesmal hielt er seinen Kopf schon etwas länger oben. Nach und nach versuchte er, seinen schweren Körper von der Seitenlage in die Mitte zu wälzen. Fünf Minuten später schaffte er es, sich auf seine Füße zu stellen.

Am glücklichsten darüber war meine liebe Tante Meta. »Na ja, Christel. Der Ganter wird unbedingt gebraucht, damit es im nächsten Jahr wieder junge Gänse geben wird«, sagte sie.

Für mich bestand das größte Glück darin, dass dieser Ganter nie wieder hinter mir herlief.

Nachdem Großmutter entschieden hatte, dass wir uns auch in Sicherheit bringen würden, ließ sie Mutti und Ursula in Lehmberg benachrichtigen. Am Freitag, den 23. März, trafen sie mit dem Bus in Suckschin ein.

Bereits am nächsten Tag erließ Gauleiter Albert Forster aus seinem Amtssitz in der Danziger Jopengasse den offiziellen Befehl, dass alle Bewohner aus Suckschin im Treck in Richtung Ostsee in Fahrt zu setzen seien. Bürgermeister Fuchs veranlasste, dass die Einwohner auf dem riesengroßen Mühlen- und Gutshof »Hassel« am Montag, den 26. März 1945, einen Pferdewagen-Treck zusammen zu stellen hatten. Zwei Tage blieben uns also Zeit zum Packen.

Unseren Vater hatten wir seit anderthalb Jahren nicht gesehen. Er befand sich noch immer an der Südfront in Italien.

Vater war gelernter Tischler. Vor dem Krieg arbeitete er bei großen Werken in Danzig als Firmentischler, unter anderem bei der »Schichau Werft« im Innenausbau der Schiffe.

1939 wurde er zur Kriegsindustrie zu den »Heinkel Flugzeugwerken« dienstverpflichtet und musste Danzig verlassen. Dort stellte er Flugzeugmodelle aus Holz her.

1942 wurde er schließlich zur Wehrmacht eingezogen. Nach einer kurzen Ausbildungszeit im Umgang mit der Waffe wurde er nach Italien verlegt. Unser Vater wurde nie in der ersten Schusslinie eingesetzt. Er gehörte zur Etappe, dem Gebiet hinter der Front, in dem sich die rückwärtigen Dienste befanden. Vater arbeitete für die Lazaretteinheit. Seine Aufgabe bestand darin, nach den Kampfeinsätzen die Verwundeten und Gefallenen zu bergen.

Für diesen Einsatz war es erforderlich, ausreichend Tragen und Bahren anzufertigen. Seine Vorgesetzten bemerkten sein handwerkliches Talent. Mit einem kurzen Blick erkannte Vater sofort die passenden schlanken, jungen Bäume, die für die Konstruktionen geeignet waren.

Seit die Alliierten Verbände im Juli 1943 in Sizilien landeten und mit aller Kraft nach Norden vorrückten, befand sich Vaters Einheit permanent im Rückzug. Bei einem der Gefechte musste die Kompanie ein Sumpfgebiet überqueren. Etliche Soldaten wurden von Moskitos gestochen und mit dem Malariavirus infiziert. Darunter auch unser Vater.

Er kam nun selbst für zwei Wochen ins Lazarett. Malariapatienten leiden unter hohem Fieber und starkem Schüttelfrost.

Nach dem Aufenthalt im Krankenbett wurden ihm zwei Wochen Heimaturlaub zur Genesung genehmigt, und er kehrte im Dezember 1943 nach Danzig zurück. Sein einziges Gepäckstück war ein selbstgebauter Sperrholzkoffer. Viel Freude erlebten wir Kinder beim Auspacken der großen Menge vollreifer Blutorangen und Mandarinen aus Italien. Nach Ablauf der zwei Wochen musste er im Januar 1944 zurück zur Kompanie.

Das war das letzte Mal, dass wir unseren Vater gesehen hatten. Er erhielt nie wieder Heimaturlaub.

Täglich dachte ich an ihn. Ich vermisste ihn sehr. Er fehlte uns allen als wichtiger Teil unserer Familie.

Doch ich nahm es hin, dass er nicht zu Hause war. Trotz meiner jungen Jahre verstand ich, dass es so zu sein hatte. Es herrschte Krieg und die Bedürfnisse des Einzelnen mussten zurücktreten. Man hatte es uns immer wieder eingebläut.

Ich hatte eine straffe, preußische Erziehung genossen. Man zeigte keine Schwächen und öffentlich zu weinen galt als unschicklich.

Die Möglichkeit, unseren Vater über unsere bevorstehende Flucht in Kenntnis zu setzen, gab es nicht. Wie wir ihn jemals wieder finden würden oder ob er überhaupt noch am Leben war, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand zu sagen.

Am Montag früh belud mein Großvater den strohgepolsterten Wagen mit Koffern, Taschen und Bettsachen. Die Nachbarn vergruben ihre Wertsachen, Dokumente und Danziger Goldgulden in ihren Gärten oder unter ihren Veranden. Meine Großeltern verscharrten nichts.