Als du fortgingst - Tam Lang - E-Book

Als du fortgingst E-Book

Tam Lang

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Beschreibung

Ausgewandert, erfolgreich im Beruf, gern gesehener Gast, Familie im Lot, drei zuckersüße Kinder, Traumhaus am Park - eigentlich kann es nicht besser laufen, bis er an einem Samstagnachmittag von seiner Tochter auf der Arbeit angerufen wird. Seine Frau hat ihn verlassen. Ihn und die drei gemeinsamen Kinder. "Als du fortgingst" zeichnet ein verstörendes Bild der Seele eines Mannes, der binnen neun Tagen durch sämtliche Höhen und Tiefen gehen muss, um mit seiner neuen Rolle als alleinerziehender Vater zurechtzukommen. Dennoch hält er an seiner Frau fest und versucht, sie wiederzugewinnen.

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Für Anni,

und ihren Beistand,

und

Monika,

die alles leichter machte.

Inhaltsverzeichnis

Erwachen

Tag Null

Tag Eins

Tag Zwei

Tag Drei

Tag Vier

Tag Fünf

Tag Sechs

Tag Sieben

Tag Acht

Tag Neun

T minus 14 Stunden

T minus 13 Stunden

T minus 12 Stunden

T minus 11 Stunden

T minus 10 Stunden

T minus 9 Stunden

T minus 8 Stunden

T minus 7 Stunden

T minus 6 Stunden

T minus 5 Stunden

T minus 4 Stunden

T minus 3 Stunden

T minus 160 Minuten

T minus 110 Minuten

T minus 75 Minuten

T minus 5 Minuten

T plus 13 Minuten

Tagebuch

Erwachen

Der erste Atemzug.

Nach einer Ewigkeit – na, zumindest fühlt es sich so an – und die Tränen schießen dir in die Augen. Es ist der Moment, wo du dir einredest, dass du alles richtig gemacht hast. Du warst dir treu geblieben, hattest alles gegeben – und es hatte überhaupt nichts gebracht.

Dann kommt der Schmerz. Wahrhaftiger, tiefster Schmerz. Einer, der deine brennenden Eingeweide anschwellen und zur Explosion zu bringen scheint. Ein solch verheerender Schmerz, der dir spürbar das Blut schubweise durch die verengten Gefäße drückt. Einer, der dir den Brustkorb auf grausamste Weise zusammenpresst und dir den Atem nimmt.

Der zweite Atemzug.

Wenn dein Körper rebelliert und der Instinkt, die Qualen zurückzuhalten, versagt. Das Kohlendioxid muss raus! Es muss! Und zwar jetzt! Scheißegal, wie sehr es dir wehtut. Scheißegal, dass dein Zwerchfell sich verkrampft, deine Nieren stechend in deinem Rücken liegen, gleich Embryonen, zusammengekauert und in dem verzweifelten Versuch gefangen, keine Messerstiche zu spüren. Sie kommen dennoch!

Der dritte Atemzug.

Ein innerer Schrei! Befreiend. Wie millionen Silvesterraketen schön. Avernalisch und mit der grausamen Gewissheit, dass dieser Schmerz sich in die Länge ziehen wird. Ähnlich einem Kaugummi, den man mit den Fingerspitzen gehalten aus dem Mund zieht, sich auf den Finger kringelt und den man dann, wieder kaubar und kalt, zwischen die Zähne zurückschiebt.

»Ich komme gleich wieder!«

Der vierte Atemzug.

Es schmerzt nicht mehr so stark. Oder doch? Doch! Du hörst dein Herz wieder schlagen. Hämmern! Deine ohnehin geschundenen Lungen werden nun ebenso von innen malträtiert. Lange hatten sie sich hinter deinen Rippenbögen versteckt. Deine flache Atmung hatte sie stupide werden lassen. Eingeschläfert fast. Nun war der Schutz dahin. Pochen von innen, Quetschungen von außen.

»Du lebst!«

Die Muskeln in deinen Armen wehren sich. Sie kämpfen an gegen den Reflex, sich zu den Augen zu bewegen, um die eisige Träne, die sich auf den Weg zu deinem Kinn gemacht hat, wegzuwischen. Die Fasern blockieren, sie brennen. Sie arbeiten weiter.

»Wie du!«

Erneut ein Schub Wasser aus den Drüsen. Einer unsäglichen Pumpe gleich, die dich foltern will.

»He, Alter! Wisch das auch noch weg!«

Du schlägst deine Zähne in die Lippen. Das, was man im Allgemeinen als ›Zähne zusammenbeißen‹ bezeichnet. Doch du tust es zu hart. Zu tief, und der Geschmack von Blut flutet deinen Mund. Bei deinem Versuch, ihn wieder zu öffnen, reißen sie auf und dünne Hautfetzen bleiben an den Schneidezähnen kleben. Die Wunde brennt, und die Feuerwehr, tief in deinen Augen, schickt einen Schwall Löschwasser los. Er strömt aus den Augenwinkeln und ergießt, weil du ungünstig sitzt, den Bach körpereigenen Salzwassers über deinen Nasenrücken. Deinem so geschundenen, offenen Fleisch entgegen.

Doch diese kleinen Tränen haben auch Positives: Deine Sinne schalten sich wieder ein.

Wie lange war ich so?

Zu lange warst du so, doch nun musst du wieder.

Weitermachen! Du musst!

Der süßliche Geschmack von Blut in deinem Mund vergeht. Er wird fade und ekelerregend.

Dann kommt der nächste Atemzug. Stotternd wie das Starten eines Motors im Winter. Doch er wird anspringen.

»Oh ja!«

Im Licht der Straßenbeleuchtung, das durch die Küchenfenster hereinfällt, kannst du die Umrisse der Fliesen sehen, auf denen du sitzt. Ein mattes Orange.

Oder ist das nur das Licht?

Nein. Sie sind tatsächlich orangefarben und wärmen dich, da unter deinem trägen Arsch die Schlingen der Fußbodenheizung verlaufen. Vor deinem inneren Auge kannst du sie förmlich sehen und mit den Fingern auch beinahe ertasten, wenn du mit ihnen über die glatte Oberfläche streichst. Nun melden sich auch deine Ohren zurück. In der Ferne schlägt die Turmuhr. Nur ein Mal.

»Nur ein PING!«

Halb ... Irgendwas.

Es folgt ein gewollter Atemzug. Du zwingst dich, den Reflex zu unterstützen. Es sticht bis tief in die Bandscheiben deines Rückens hinein, denn nicht nur deine Nieren hatten sich wie schlafende Babys zusammengerollt, sondern alles an dir. Alles in dir. Dein gesamter Körper.

Entfaltungsmöglichkeiten.

»Höre ich da den Rest deines Humors?«

Dann taucht ein Bild vor deinen Augen auf. Ihr Bild. Du drückst dir den Arm beinahe in deinen Mund – und schreist!

omnia

vincit

amor

Publius Vergilius Maro

Tag Null

Die Sonne ist warm, und du reckst dich ihr entgegen. Die Luft ist frisch. Vielleicht ein wenig zu frisch an diesem Samstag Mitte März. Es riecht noch nach Schnee. Zwar nur ein klein wenig, aber doch stark genug, um ihn zwischen all den Gerüchen – einem Gemisch aus Autoabgasen, Küchendunst, der salzigen Seeluft und dem Stinken der verwesenden Muscheln und Krabben am Strand – hindurch zu schmecken. Der Wind transportiert das Dröhnen der Schiffsmotoren und mit ihm einen Schwall stickigen, verbrannten Schweröls bis zu dir herauf. Dort unten legt man gerade ab. Du greifst in deine Tasche und holst dein uraltes Nokia heraus, entsperrst die Tasten und schickst eine Mitteilung an die Frau, die du liebst.

Alles wirkt perfekt. Ein toller Tag. Ein wunderbarer Moment. Deine Gedanken schmieden Pläne für einen Kurzurlaub zu zweit. Mal kurz rüber nach København und die Stadt unsicher machen. Nur eine Nacht lang. Nur, um mit ihr ein bisschen raus zu kommen und euch beiden einen Moment Zweisamkeit zu gönnen, nach… – Ja wie lange eigentlich?

Das Telefon vibriert in deiner Hand.

>13:26 Uhr: Ich freu’ mich auch. Ich liebe dich. Kussen!

Mit breitem Grinsen steckst du das Handy wieder weg und gehst zurück in die Küche.

Neue Gäste sind eingetroffen, und die willst du nicht enttäuschen.

»Aber du wirst es.«

»Noch zweimal Ren!«, hallte es durch die Luke.

»Noch zwei?«

Eva, die junge Kellnerin, zog nur die Schultern nach oben, mit einem butterweichen Lächeln, das sowohl Freude aber gleichzeitig auch Stress und Anspannung verriet.

»Du kochst. Die riechen das.«

»Aber es ist doch noch nicht mal vier.«

»Irre, nicht?«

In deiner Tasche vibriert dein Telefon, und während du Salzflocken über das zarte Rentierfilet schneien lässt, ziehst du es dir ans Ohr.

»Ja?«

»Hi Papa.«

»Hi Schatz. Alles gut?«

»Du? Mama ist noch nicht zu Hause.«

»Ist sie was einkaufen?«

»Sie hat gesagt, sie müsste was machen.«

»Na, dann kommt sie bestimmt gleich wieder.«

Am anderen Ende der Leitung blieb es still.

»Zoe?«

»Das war nach dem Mittagessen.«

Deine Hand stockte in der Bewegung und ein Schwall fein abgestimmter Gewürze rieselte auf das Fleisch hinab. Ein Druck legte sich auf deine Lungen. Eine Ahnung.

Etwas stimmt nicht.

»Aber so gar nicht!«

Nein, gar nicht.

»Hast du sie schon angerufen?«

»Da kommt nur der AB. – Papa, kommst du nach Hause? Jay ist auch schon seit einer Stunde wach und ich kann das einfach nicht alleine.«

Die Synapsen in deinem Gehirn hatten ausgesetzt und lähmten dich. Eingefroren, wie die Fische im Gefrierfach, wartest du auf einen Impuls, der dich wieder in Gang setzen konnte. Der würde aber nicht von dir kommen. Konnte nicht von dir kommen.

»Papa?«

Der Impuls.

»Was?«

»Kommst du nach Hause?«

»Klar Maus. Versuch’ noch mal sie anzurufen, ja?«

»Okay.«

»Bis gleich, Maus.«

Was ist da los?

In deinem Schädel rattern die Zahnräder. Gleich in die höchste Übersetzung geschaltet, schickten deine grauen Zellen Wahrscheinlichkeitstheorien durch die Windungen deines Gehirns.

Nein. Das würde sie nicht. Oder doch? Quatsch!

Eine Rauchschwade kräuselte sich von der heißen Grillplatte empor. Ohne sie zu registrieren, nehmen deine Augen sie wahr. Gleichzeitig kommen aber auch der süßliche Gestank von verbranntem Fleisch und das beißende Kratzen in Hals und Lunge. Alles verursacht durch verkohlten schwarzen Pfeffer. Das kannst du nicht ignorieren. Dein Körper reagiert mit einem Hustenanfall. Er weckt dich aus deiner Trance und schaltet einen Gedanken frei.

Zoe wird noch mal anrufen. Sie schneit bestimmt gerade wieder zu Hause rein. Komm schon, du hast Gäste!

Wieder das bekannte Vibrieren. Ein schneller Blick aufs Display. Zoe! Dein Herz schlägt schneller.

»Ja?«

»Mama geht nicht ran.«

»Nur der AB?«

»Ja.«

Jacke an! – Scheiß auf die Hygienevorschriften!

Die Kellnerin, beladen mit einem Stapel Tellern, huscht an dir vorbei. Ihr Blick ist fragend, deiner starr voraus.

»Tom?«

Du hörst deinen Namen nicht.

»Tomas?!«

Du steckst das Telefon weg und deine Schritte werden größer.

»Sam!«

»Oui, Chef?«

»Schmeiß’ den Laden!«

»Hä?«

Keine Zeit für Worte.

Du erreichst die gegenüberliegende Straßenseite. Hinter dir brüllte Sam, dein tüchtiger syrischer Fast Food-Koch – mit so viel Talent für la belle Cuisine – irgendetwas gegen den Verkehr an. Was, hörst du nicht.

Deine Schritte beschleunigen sich, als du den harten Bürgersteig unter deinen Füßen spürst, anstatt des Schneematches, auf dem Kopfsteinpflaster der Straße. Du gehst über den verlassenen Hof der Centralskola. Der direkteste Weg. Dahinter der kleine Stadtpark mit dutzenden von schnatternden Enten und gackernden Hühnern, die sich auf das Futter stürzen, welches der städtische Parkpfleger gerade weiträumig verstreut. Tauben und Möwen stoßen dazu und machen das Durcheinander perfekt. Dein Weg führt mittendurch. Wildes, zankendes Geschrei der Möwen, die jetzt auseinanderstieben, sich in die Lüfte schwingen und einen Schwall Kot auf den überrumpelten Tierpfleger herabregnen lassen. Wütende Schreie seinerseits. Von dir: keine Regung.

Weiter!

Die Holzdielen der kleinen gebeizten Brücke über der künstlich angelegten Teichlandschaft sind nass und rutschig. Die Sohlen deiner Küchenschuhe: rutschfest.

Immer weiter!

Wieder ein Sandweg. Er schlängelt sich durch Reihen von Nadelbäumen und der Krawall hinter dir verstummt. Vor dir der Straßenlärm der Bushaltestelle. Es ist Rushhour! Wuselnde Menschen, die ein- und aussteigen.

Mittendurch!

Wieder Flüche, die dir folgen. Vor allem, als du am Zebrastreifen nicht anhältst, so wie alle anderen, um dem Bus die Vorfahrt zu lassen. Wohl zum ersten Mal kommt hier ein Bus wirklich zum Stehen. Nur ein paar Zentimeter von dir entfernt. Roboterhaft schraubt sich dein Kopf zur Fahrerkabine hinauf. Das Gesicht des Fahrers ist leichenblass.

Weiter!

Deine Augen suchen in den Seitenstraßen nach ihr, doch kein Gesicht, kein Gang, keine Haarfarbe oder Frisur ähneln ihr. Ein Blick hinüber zur Tankstelle.

Auch nichts! – Weiter!

Die Straße hinauf. Nun ist es ein einziger gerader Weg, der noch vor dir liegt. Kinder, froh, dass die Schule aus ist, kommen dir in Gruppen entgegen. Die Massen teilen sich um dich herum, wie das Meer sich für Moses teilte. Fragende Blicke und Kopfschütteln. Ein Halbstarker macht dir keinen Platz. Er will sich aufbauen und unter dem Lachen und Anfeuerungen seiner Kumpels dir den Weg versperren. – Deine Schulter ist stärker, der Drang voraus intensiver und dein Körper vollkommen schmerzfrei. Ein dumpfer Aufprall beendet sein posendes Getue. – Er fällt. – Du marschierst.

Eine Ecke noch!

Vor der Haustür stoppen deine Beine. Plötzlich und unerwartet. Sie schlagen förmlich Wurzeln. Durch die Betonplatten hindurch, hinein in den lockeren Lehmboden bis hinunter in den Fels, auf dem die Kleinstadt erbaut worden war. Jeder Muskel in deinem Körper wehrt sich dagegen, sich der Realität, ob gut oder schmerzlich, zu stellen.

Die Haustür ist nicht abgeschlossen.

»Ein gutes Zeichen?«

Sie ist wahrscheinlich schon hinter der Tür oder spielt mit den Kindern.

»Richtig. Nie würde sie die Kiddies alleine lassen und die Tür nicht abschließen.«

Würde sie doch nicht, oder?

»Quatsch! Natürlich ist sie da. Nun geh schon rein!«

Der Befehl an deine Beine bleibt unbeantwortet und dein Magen zieht sich zusammen. Das Telefon in deiner Hosentasche vibriert.

Sam.

»Chef, alles in Ordnung?«

»Kriegst du das hin?«

»Klar doch. Wer hat mir denn alles beigebracht.«

»Super Sam. Ich rufe nachher noch mal durch.«

»Geht klar.«

Gedankenverloren steckst du das Telefon zurück. Tief saugen deine Lungen die kalte Luft in sich ein und deine Hand erreicht bei vollem Volumen den glänzenden Türgriff. Er ist kalt. Eiskalt. Deine Hand verkrampft sich um ihn und eine verirrte Schneeflocke setzt sich auf deine blauen, blutleeren Knöchel. Sie schmilzt nicht sofort. Du atmest aus, während du den Türgriff hinunterdrückst.

***

Die Zeichen sind eindeutig. So eindeutig, dass dir schwindelig wird. Der Türgriff an der Badezimmertür zu deiner Linken, an dem ihre lila Handtasche, groß und unübersehbar, zu prangen pflegte, ist verwaist. Leise gleitet die Haustür hinter dir ins Schloss. Deine Muskeln zucken beim ›Klack‹ zusammen und halten dich so in der Wirklichkeit.

»Mama?«

Zoe poltert die Stufen hinunter, biegt um die Ecke und bleibt mit offenem Mund vor dir stehen. Was gerade noch ein warmes lächelndes Engelsgesicht war, verwandelt sich in Asche. Ihr fragender Blick wird zu einem wissenden und du siehst dem schnellen Herzschlag zu, der wild gegen ihren Hals schlägt. Zoes Augen werden groß und Wasser sammelt sich in den Winkeln. Sie schüttelt den Kopf, als sie realisiert, dass nur du es bist, und ihre Lippen formen stumme Worte.

Du brauchst nur einen Schritt, dann hast du sie in deinen Armen. Du fängst sie auf, da ihre Knie weich werden. Sie taumelt nur leicht, aber für dich fühlt es sich an, als ob sie zusammenbricht. Während dein stetiger Puls sie zu trösten versucht, dringt das helle Kichern von Miko und Jay zu dir durch. Sie sitzen oben vor der Wii. Tief ins Spiel vertieft. – Wie immer.– Es tröstet dich ein wenig, dass es so ist. So … normal.

Zoe trocknet ihre Tränen an deiner Brust und dein Blick wandert zu ihr. – Ein wenig Farbe.

»Sag irgendwas!«

»Sie kommt schon wieder.«

Ihre Augen treffen auf deine und du kannst das Wort ›Lügner‹ in ihnen lesen.

»Sicher?«

»Ich hoffe es.«

Einen Moment lang versucht sie, deine Seele zu lesen, dann löst sie ihren Blick und mustert dich von Kopf bis Fuß.

»Geh duschen Papa. Du stinkst nach Küche.«

»Tu’ ich?«

Sie nickt und löst ihre Umarmung.

»Kann ich kurz alleine sein? In meinem Zimmer?«

»Immer Schatz.«

Niedergeschlagen ist ihr Gang. Als drückte sie eine unendliche Last. Eine, die auch du spürst. Schwer und zermalmend.

***

Eigentlich willst du die Wohnung erkunden. Dein Kopf sucht nach Anhaltspunkten. Nach Beweisen. Nach Gewissheit. Dein Verstand aber lässt dich deiner Tochter folgen. Sie braucht dich, das fühlst du. Als sie sich im Türrahmen zu dir umschaut, versucht sie noch ein gequältes Lächeln. Es ist ein Bild, das sich in dein Hirn brennt.

Es sollte ihr vorerst letztes Lächeln sein.

Die Tür schließt sich lautlos und du drehst dich zu deinen beiden kleinen Kindern um, die dich noch nicht gesehen haben. Du nimmst sie in den Arm.

»Papa!«

»Na ihr Süßen?«

»Jay hat eingekackt!«

Deine siebenjährige Tochter hält sich die Nase zu, während Söhnchen mit seinem typischen Dackelblick zu dir aufschaut.

»Hast du?«

Er nickt.

»Na, dann machen wir dich mal schnell sauber.«

»Ich will aber weiterspielen.«

»Kannst du gleich.«

Die Handgriffe sind Routine. Noch bevor du die Windel im Eimer entsorgt hast, gackern die beiden schon wieder um die Wette, während sie Mario und Luigi mit ihren Hinterteilen Pilze zerquetschen lassen. Normalität.

Zurück im Untergeschoss ist aber wieder gar nichts normal. Die Leere erdrückt dich förmlich. Du fühlst sie von überall her. Wie Schatten dringt sie aus den Ecken auf dich ein. Kalt wie der Tod. Sie breitet sich in der Wohnung aus und nimmt mit jedem Schritt, den du tust, ein Stück mehr Raum ein und erschwert dir das Atmen.

Im Schlafzimmer flammt die Hoffnung plötzlich wieder auf: Ihre Sachen liegen noch im Schrank. Sie konnte also nicht einfach so weg sein. Doch ihre leer gefegte Seite im Spiegelschrank hämmert dir dann die Gewissheit des Gegenteils ins Herz.

Kraftlos lässt du dich in die Kissen des Sofas gleiten – und da ist auch der Zettel, den du eigentlich niemals finden wolltest:

»Sorry. Ich muss das machen. Ich kann nicht mehr. Ich weiß, ich bin egoistisch und eine blöde Kuh und wer weiß was sonst noch. Es tut mir leid.

Wenn da noch etwas Mut in dir vorhanden war, verkroch sich der Rest in deinem tiefsten Inneren.

Ihr Wohnungsschlüssel ruht in deiner Hand. Doch überraschenderweise zittert sie nicht, auch wenn dir sein Gewicht immens vorkommt. Hinter dir zählt die Uhr die Sekunden herunter. Es vergehen Minuten, bevor du das registrierst. Ebenso, dass deine Hand schon eigenständig die Nummer deiner Frau getippt hatte und dein Daumen auf dem grünen Knopf deines Handys lag, realisierst du erst jetzt. Du starrst darauf. Ein sanfter Druck. – Warten.

»Mama ...«

Es war der AB. Er sprang sofort an. Noch vor ein paar Tagen hattest du mit ihr darüber gescherzt, wie irritierend der Ansagetext war. Es war Jay, der das ›Mama‹ rief und im Hintergrund hörte man allerlei Geräusche vom Fernseher und den beiden Mädels, die kicherten. Jeder der anrief, brabbelte sofort darauf los. Jeder grüßte und war eigentlich schon dabei zu fragen, wie es einem gehe. Dann kam der Piep, vollkommene Fassungslosigkeit, und dann erst kapierte man, dass es die Aufforderung war, eine Nachricht zu hinterlassen. – Das geschah dir nicht mehr.

Weitere Minuten vergehen. Dann überwindest du dich.

<17:02 Uhr: Du meinst es ernst, oder? Gibt es denn keine Chance mehr für uns? Bitte antworte mir.

Gerade steckst du das Telefon wieder weg, da surrt es erneut in deiner Hand.

»Ja?«

»Na, Sohnemann?«

»Paps?«

Paps?

»Na? Wie geht’s dir?«

Wie geht’s mir?

Eine Antwort war unmöglich. In deinem trockenen Hals wetzen die Platten zweier Reiben aneinander. Deine Kehle ist ausgedorrt und brennt höllisch. In diesem Moment wäre jedes Wort nur ein Auslöser für die Tränendrüsen gewesen. Soweit bist du allerdings nicht.

Noch nicht.

»Ist alles in Ordnung? Ich dachte, ich rufe dich mal an. Hatte so ein Gefühl.«

»So ein Gefühl?«

»Sie ...«

»Nein! Nicht jetzt!«

»Ich ... Kann ich dich später anrufen?«

»Bist du auf Arbeit?«

»Ich kann jetzt nicht, Paps.«

»Okay. Wann hast du Feierabend? So gegen Zehn?«

»Ja. Bis dann.«

Seine Verabschiedung sprach er in eine tote Leitung und die Schwerkraft presst dich noch tiefer in die Polster hinein.

Dein Verstand schirmt sich ab, so als wolle er die Situation aussitzen.

Warten wir mal ab. Du bist in Schweden. Wie sagt man? Det ordnar sig. Nur lange genug warten, dann kommt alles wieder in Ordnung. Von ganz alleine. So ist es immer. Es geht weiter. Ganz gemütlich. Nichts überstürzen. Wie wär’s denn erst mal mit einer Tasse Kaffee?

Aber du willst keinen Kaffee. Du weißt zwar nicht genau was du willst, was du aber nicht wolltest, weißt du genau. Alles. Die gesamte, beschissene Situation.

Und garantiert keinen Kaffee!

Wieder die blitzschnelle Bewegung deiner Hand in die Tasche. Handy greifen, Annahme drücken und ans Ohr halten.

»Na?«

Mutsch!

»Dein Vater hat gesagt, dir geht’s nicht gut.«

Bei deiner Mutter kannst du dich leider nicht so zusammenreißen. Das konntest du noch nie. Ihre Stimme, die so sanft deine Seele streicheln konnte, lockte schon immer alles hervor. Ausnahmslos.

»Sie ist weg ...«

Es ist nur ein winziges Flüstern. Doch dir selbst dieses Eingeständnis zu geben hatte einen verheerenden Effekt. Es öffnete die Schleusen und jagte die Trauer wie einen Blitzkrieg durch deinen gesamten Körper.

»Das ist nicht wahr… Gott, Schatzi, das tut mir so leid. Bist du dir sicher?«

»Ja…«

Deine Stimme hatte aufgegeben und du kannst das unkontrollierte Schluchzen, das immer schlimmer wird, je mehr man versuchte, es zu kontrollieren, nicht mehr unterdrücken. Deine Atmung wird zu vereinzelten abgehackten Zügen. Sprechen? Unmöglich.

»Meinst du wirklich, sie ist abgehauen?«

Dein Kopf reagiert und nickt monoton, wie der Kopf eines Wackeldackels.

»Sie ist bestimmt nur mit den Kindern zu ihren…«

»Nein!« Es kommt prompt. Hart und trocken. Deine Mutter stockte mitten im Redefluss. Das geschah nun wirklich nicht sehr oft. »Die Kiddies sind bei mir.«

»Wie jetzt? Sie hat euch sitzen lassen?«

Dein Hals hatte sich wieder zusammengeschnürt. Mandeln und Zäpfchen verschlossen die Kehle. – Hier kommt nichts mehr raus!

Ein ruckartiger Atemzug brach sich über die Nase Bahn und brannte teuflisch auf den Schleimhäuten, während sich Magensäure auf den Weg in die entgegengesetzte Richtung machte.

»Alles in Ordnung?«

Das Würgen war hörbar. Erstrecht das Erbrechen und der Hustenanfall danach, der einem Ersticken glich. Durch den wässrigen Schleier vor den Augen registrierte dein Hirn die Umrisse eines gelblichen Flecks auf den makellosen Fußbodenkacheln. Das Handy lag mitten darin. Während die Tränen deiner Erschöpfung an beiden Wangen herabliefen, kam der erlösende Atemzug, der alles für einen Augenblick wegwischte. Alle Sorgen, Ängste und sogar die Trauer, nur um beim Ausatmen alles doppelt so klar zurückkommen zu lassen. Deine Hand greift nach dem Telefon und fischt es aus der stinkenden Galle. Mit Feuchttüchern wischst du den Fleck auf und das Telefon zumindest einigermaßen sauber.

»Junge?«

»Ich bin hier.«

Wenigstens funktionierte deine Stimme jetzt wieder einigermaßen.

»Hast du’s den Kindern schon gesagt?«

»Natürlich nicht.«

»Wie geht es ihnen?«

»Zoe ahnt etwas.«

Noch immer würgten sich kleine Bröckchen hoch, doch du kannst deinem Körper einen weiteren Angriff verbieten. Es kostete eine Menge Kraft. Kraft, die du eigentlich gar nicht hast. Am anderen Ende hörst du den verzweifelten Atem deiner Mutter.

»Mensch, was soll man da schon sagen? Gott, mein Junge, du tust mir so leid. – Sie hat die Kinder echt bei dir gelassen?«

Was soll der Scheiß?

Adrenalin ergießt sich in deine Venen.

»Ja.«

»Also, das hätte ich ja nun nicht gekonnt. Einfach so die Kinder im Stich lassen…«

Ja! Würg’ mir noch einen rein! Ist das so nicht schlimm genug? Wär’ es besser gewesen, sie hätte die Kiddies gleich mitgenommen?

Wut. Sie durchströmt dich.

»Welche Mutter kann so was?«

Welche Mutter kann so was? – Ja. – Wer tut so was?

Ein paar Synapsen haben wieder Strom. Da war noch kein Gedanke, geschweige denn ein Satz. Ein Gefühl vielleicht, mehr nicht.

»Mutsch, ich leg auf, ja?«

»Ist gut. Melde dich, wenn du was hörst, ja?«

»Gut. Bis dann.«

***

Während du so da auf dem Boden hockst und vor dich hinstarrst, merkst du gar nicht, dass dich ein paar Rehaugen beobachten. Erst als ihre Hände sich von hinten um deinen Körper schlingen. Erst als du ihren Kopf auf deinem Nacken spürst. Als ihre Zuneigung, ihre Liebe, durch dich hindurchschießt. Erst dann wird es dir klar.

»Wie lange bist du schon hier?«

»Lange.«

Deine Hand greift nach der deiner Tochter und du ziehst sie noch stärker an dich heran. Gleichzeitig machst du dir Vorwürfe, weil du nicht mitbekommen hattest, dass sie am Türpfosten gestanden und dich so gesehen hatte. Schwach, heulend und deine Seele auskotzend.

»Scheiße so 'n nervöser Magen, was?«

»Ist Mama weg?«

Zoe flüsterte es nur, doch in dir donnerte es nach. Einer Lawine gleich, die endlich, tonnenschwer, den Hang hinabschießt.

Was antwortet man eigentlich auf so eine Frage? Würde irgendjemand in diesem Moment eine Antwort geben können? Irgendwer? – Du schweigst, doch auch das konnte eine Antwort sein.

»Wie spät ist es?«

»Gleich Sieben.«

»Schon?«

Du fühlst das Nicken.

»Ich deck’ auf.«

***

Es dauert lange, die Kinder fürs Bett fertigzumachen. Ungewöhnlich lange.

Ständig musst du dich zwingen, die alltäglichen Handgriffe auszuführen. Auch blinde Gewohnheit des Alltags kann unendlich wehtun, wenn die vermeintlich bessere Hälfte nicht dabei ist. Sie hatte die Stullen mit Butter bestrichen, du hattest für den Kleinen die Wurst aus der Verpackung gepult, weil er ja sonst alles zerrupfen würde. Sie goss die Milch ein, du gabst den Kakao dazu. Sie putzte mit den Mädchen die Zähne, während du dem Kleinen ein Schlaflied vorsangst.

Alles ist jetzt anders und alles fühlt sich unendlich falsch an.

»Wo ist Mama?«

Miko starrt dir geradewegs in die Augen. Natürlich musste diese Frage auch noch von ihr kommen. Am nächsten Morgen, mit absoluter Wahrscheinlichkeit, auch noch einmal von deinem Sohn. Ewigkeiten hast du mit hohlem Grübeln zugebracht, aber auf diese Frage, die mit Sicherheit hatte kommen müssen, warst du natürlich nicht im Mindesten vorbereitet.

»Lüg!«

»Weißt du noch, als Oma krank war? – Mutti ist jetzt bei ihr, weil es ihr wieder schlecht geht.«

Du schaust in die Augen deiner Tochter und merkst, wie sie deine Worte in sich aufsaugt und versucht, den Wahrheitsgehalt deiner Aussage mit deinem Gesicht abzugleichen. Schnell versuchst du, deinen Muskeln den gewünschten Ausdruck aufzuzwingen. Es klappt.

»Muss ich auch schon ins Bett?«

»Ihr könnt euch noch einen Film anmachen, ja?«

»Ich such’ aus!«

***

Wenn du alleine bist, kommt es doppelt so schlimm. Alles. Fragen prasseln auf dich ein. Du kannst dich nicht dagegen wehren und erst recht keine Antworten finden. Du bist chancenlos, wenn du es versuchst. Auch deine Bemühungen sie beiseite zu wischen, scheitern schon im Ansatz. Also stehst du einfach nur stupide da, schaust in den kleinen Garten hinaus, in den Himmel hinauf und den Wolken beim Jagen zu.

Der Frühling war auf dem Weg, aber er hatte sich wohl gerade erst den linken Schuh angezogen. Eine Knospe hier und da. Mehr war von ihm noch nicht zu sehen. Der Himmel war in ein trübes Gelb getaucht. Die Wolken reflektierten das Licht der Strahler, die den Wasserturm erleuchten sollten. Der lag nun, trüb und milchig eingehüllt, irgendwo da vorne. Von oben eine wabernde Dunstglocke und von unten drückte der aufsteigende Nebel nach.

Du riechst das Meer und den Schnee, als du die Terrassentür öffnest, um etwas klare Frischluft zu bekommen. Draußen ist es eisig. Der kalte Wind bläst dir das Gehirn frei. Plötzlich siehst du dich wieder in deiner Restaurantküche stehen.

Sam!

Du rufst ihn an.

Er, Samir, war deine rechte Hand. Und das, obwohl er, weil ungelernt, ganz unten in der Hierarchie stand. Auch er war Ausländer. Genauso wie du. Auch er versuchte hier sein Glück, nachdem er in seinem kriegsverwüsteten und von zig religiösen Fanatikern gepeinigten Heimatland alles verloren hatte. Und noch etwas hattet ihr gemein: Ebenso wie jetzt bei dir, hatte der Job seine Beziehung gefressen. Er war offen, ein bisschen überfreundlich, geiferte den Kellnerinnen nach, war wissbegierig und – das war für dich das Wichtigste: Er wollte arbeiten. Wenn irgendjemand aus deinem Bekanntenkreis in deine verkorkste und persönliche Definition für ›Freund‹ passte, dann war er es. Auch heute hattest du dich nicht im Geringsten in ihm getäuscht. Er hatte den Laden im Griff. Wie schon so oft, wenn du früher gehen konntest und ihm das Geschäft überlassen hattest.

Sofort nach dem Auflegen bist du dann aber wieder allein mit dir und dem eisigen Wind, der langsam feucht wird und droht, Eiskristalle in deinen Adern wachsen zu lassen.

Dein Vater ist pünktlich. Das Telefon summt punkt zweiundzwanzig Uhr los. Der Mamafunk hatte wie immer funktioniert. Er wusste schon alles und betete für seinen Sohn und die Enkel. Auch deine Cousine meldete sich noch. Jahrelang einzig Minimalkontakt, doch dann melden sich plötzlich alle. Deine Eltern, Geschwister, Verwandtschaft zweiten und dritten Grades.

»Gäbe es einen Draht ins Jenseits, würden deine verstorbenen Großeltern sich wahrscheinlich auch noch melden.«

Am Ende des Tages bist du vom Telefonieren fertig. Du kannst dich förmlich in jemanden hineinversetzen, der den ganzen Tag im Callcenter seine Brötchen verdienen muss und sich abends geschlaucht ins Sofa schmeißt.

Dann kehrt wieder Ruhe ein.

Du machst es dir auf der Couch bequem – wenn das geht. Das gemeinsame Bett hattest du vorher fünf Minuten lang angestarrt. Schon beim Öffnen der Schlafzimmertür roch es nach ihr. Und das schmerzte. Hier, im Wohnzimmer, ging es einigermaßen.

Zum ersten Mal heute machst du den Laptop an. Doch eh du dich versiehst, haben deine Finger schon ihre Facebook-Seite aufgerufen und es schüttelt dich eisig.

PROFIL GELÖSCHT ODER GESPERRT

Sie hat ihr Facebook gelöscht?

Noch eine Frage, die auf dich einschlägt. Die Antwort war groß und breit auf dem Bildschirm zu lesen. Diese Überlegung wurde dir zumindest abgenommen.

Sie kommt also an einen Computer ran.

»Naja, oder sie hat es schon getan, bevor sie hier weggefahren ist.«

Hier? Nein. Bei ihren Eltern!

Du wählst die Nummer. Es klingelt. – Klingelt. – Klingelt wieder.

Jetzt macht schon! Nehmt ab!

Sie tun es nicht, und da weißt du, wo sie steckt.

Schnell umdenken ... Ihre Schwester!

Du wählst die Nummer.

Eigentlich hast du einen super Kontakt zu ihr. Mal abgesehen von deiner Frau ist sie die Einzige aus der Familie, die dich interessiert. Du hast sogar so guten Kontakt zu ihr, dass deine Frau manchmal dachte, du hättest was mit ihr.

»Warum sagst du eigentlich ›meine Frau‹?«

Du schüttelst den Gedanken ab. Du willst dem nicht nachgehen und konzentrierst dich lieber wieder auf das Tuten in der Leitung. Aber auch ihre Schwester nimmt deinen Anruf nicht entgegen. Du weißt, dass sie wach ist. Du weißt, dass deine Schwiegereltern wach sind. – Sie ignorieren dich ... Und das kotzt mich so richtig an!

Wieder vibriert das Telefon. Noch immer wird auf die Vibration gehandelt, als wäre es der Startschuss für einen Hundertmetersprint. Nur dass du inzwischen dazugelernt hast und mittlerweile auf das Display schaust, bevor du antwortest.

»Hi, Cousinchen.«

»Na, meiner? Bisschen besser jetzt?«

Abermals geht dein Atem stockend.

»So wie’s ausschaut.«

»Von wegen!«

»Ah, sie kommt zurück. Wirst' schon sehen.«

»Ja, das hoffe ich auch.«

»Na sicher. Sie wollte nur mal raus. Glaub mir. Mensch, so 'nen tollen Mann wie dich kriegt sich nicht wieder. Sie wird sich austoben und dann kommt sie jammernd zu dir zurückgekrochen.«

»Austoben! Ja!«

Das Lachen, das in deinem Inneren erklang, war zynisch und vielsagend. So als hätte dein innerstes Selbst das schon immer gewusst.

Von dir verdrängte Erinnerungen tauchen plötzlich auf. Düstere Erinnerungen an Potenzprobleme und Erektionsstörungen.

»Sieh’s ein. Du warst in letzter Zeit alles andere als ein Hengst im Bett.«

Gott, ich hab jeden Tag gearbeitet.

»Ja, und keinerlei Zeit mit ihr verbracht.«

Die Wahrheit. Aber würde sie deswegen zu einem Anderen gehen?

»Das fragst du noch?«

»Meinst du?«

»Wir Frauen sind nun mal so, meiner. Mal kurz ausbrechen aus dem Trott. Glaub mir, das bedeutet nichts.«

Nichts? Das bedeutet nichts?

Nein, du bist kein eifersüchtiger Mensch, und das Gefühl, das sich zum Schutz aufzubauen versuchte, hatte keine Chance bei dir.

»Wirklich keinerlei Chance? Komm schon! Du wusstest, dass dieser Tag kommen würde. Irgendwann ist jemand anderes Mal so attraktiv, dass du mit ihm ins Bett willst. Ihr habt schließlich stundenlang darüber geredet. Ehrliche Gespräche über die Wahrscheinlichkeit ...«

Aber es hatte nicht auf diesem Weg geschehen sollen. So war es nicht gedacht.

»Du kannst so etwas nicht planen.«

Ich wollte es gar nicht planen.

»Ach, nein?«

Nein!

Irgendjemand lachte dich schallend aus.

»Du meinst, sie ist bei einem Anderen?«

»Na wenn schon, meiner. Was soll er ihr denn schon bieten können?«

»Geld, Zeit, einen harten Ständer ...«

In deinem Hirn beginnt es zu pochen, bis es richtig wehtut. Es schwillt an aber nicht wieder ab.

»Sie kommt zu dir zurück, meiner.«

»Ich muss auflegen«, sagst du schnell. Das Thema bereitete dir Übelkeit.

»Is’ schon gut. Melde dich, ja?«

»Ja.«

»Fühl dich umarmt.«

»Danke. Bis dann.«

Noch während des Gesprächs fragst du dich, ob es etwas Gutes ist, dass dein Gehirn beginnt, nach den Ursachen zu forschen. Oder ob du dir Sorgen machen solltest wegen der gehässigen Stimme, die du hörst.

»Selbstgespräche? Schizophrenie?«

Zum Nachdenken kommst du leider wieder nicht. Das Telefon klingelt abermals und das Lachen schwillt wieder an, als du auf das Display schielst und dir der Atem stockt. Du hattest darauf gehofft, dass dieser Moment kommt. Doch du hattest es verdrängt, als du nur damit beschäftigt warst, dich von deiner Familie bemitleiden zu lassen.

>23:32 Uhr: Ich denke nicht. Tut mir leid, dass ich nicht stark genug bin, um mit dir persönlich zu reden. Aber seit meinem »Urlaub« in Deutschland hast du selbst gemerkt, dass ich mich verändert habe. Ich habe es wirklich versucht. Aber ich kann das alles nicht mehr. Ich weiß, dass es unfair ist, dir das anzutun und dich mit Allem so scheiße sitzen zu lassen, aber ich wusste einfach nicht weiter!!! Ich weiß, dass ihr mich jetzt hasst, und ja, das verdiene ich!!! Ich liebe dich nicht mehr. Es tut mir so leid.

Natürlich raffst du nicht beim ersten Mal, was da steht. Du liest es zweimal, dreimal. Und am Ende bleibt nur ein Satz davon übrig, der sich immer und immer wieder wiederholt:

ICH LIEBE DICH NICHT MEHR.

Er kreist um dich rum, wie der Mond um die Erde, und schirmt sämtliche andere Gedanken ab.

ICH LIEBE DICH NICHT MEHR.

Da kommt nichts Anderes durch. Nach einer Weile beginnt der Raum sich zu drehen.

ICH LIEBE DICH NICHT MEHR.

Dir wird schwindelig und langsam, ganz langsam verlierst du den Verstand.

ICH LIEBE DICH NICHT MEHR.

Dann wirst du wütend, und das rettet dich.

Ach ja?! Liebst mich nicht mehr?!

»Ging schnell, was?«

Hier, 13:30 Uhr schreibt sie noch das Gegenteil! Dann verpisst sie sich auf die Fähre, fährt zu ihren verkackten Eltern und liebt mich nicht mehr?! Wer ist hier krank?! Ich?!

Du schaukelst dich hoch. Natürlich tust du das. Du musst es tun. Purer Selbsterhaltungstrieb. Lieber lässt du alle Welten einstürzen als deine.

»Keine Sorge, das macht jeder so«, hörst du eine Stimme in deinem Kopf sagen, bevor dieser Jemand anfängt, fürchterlich zu lachen. Aber nach einiger Zeit fällst du dann doch, nimmst dein Handy und wirst zu einem Jammerlappen, der nichts weiter will, als zu retten, was zu retten geht.

<23:34 Uhr: Aber wieso hast du nichts gesagt? Seit wann? Du hast doch immer gesagt, es sei jetzt alles besser! Ich habe dich jeden Tag gefragt. Du kennst mich. Ich habe mich immer für deine Sorgen interessiert. Was soll ich jetzt machen? Was soll ich den Kindern sagen? Hassen? Oh nein, Liebling, ich hasse dich nicht. Das wäre viel zu einfach. Ich liebe dich! Aber jetzt das Fruchtbarste: Bitte schicke mir die Karte, ich werde das Kindergeld brauchen.

»Immer ein bisschen Salz mit in die Suppe.«

Was?

»Willst du das so abschicken? Mit dem Kindergeld-Scheiß?«

Was sollte schlimm daran sein? Ihr muss doch klar werden, was sie da tut, oder nicht?

»Wie du meinst.«

Nein, rational ist man da nicht. Kann man das? Also schickst du es so ab – und bereust es sofort. Du machst dir Gedanken, ob du es jetzt ganz verkackt hast. Ob sie jetzt sauer auf dich ist und sich wieder in Schweigen hüllt. Es war ja auch so einfach. Man stellt das Handy einfach aus. Mehr musst du gar nicht mehr machen. Die Welt verschluckt dich augenblicklich im selben Moment. – Sie tat es nicht.

>23:44 Uhr: Das fing alles schon kurz vor deinem Geburtstag an. Aber richtig gemerkt habe ich es, seit ich aus Deutschland zurück war. Sag den Kindern, dass ihre Mutter ein schwacher Mensch ist und ihre Liebe nicht verdient. Ich hoffe, irgendwann versteht ihr mich alle. Ja, die Karte bekommst du.

Ein schwacher Mensch? Was soll denn der Scheiß?

»Nun nimm sie nicht in Schutz, Mensch!« Ach, halt die Fresse!

<23:48 Uhr: Was hast du denn nur vor?

>23:49 Uhr: Ich weiß es nicht!

<23:49 Uhr: Brich jetzt nicht ab! Bitte rede mit mir!

<23:52 Uhr: Schatz! Bitte!

Aber sie hatte es bereits getan. Ihr Handy war aus. Und du? Du brichst ein. Du kauerst dich auf den Boden und kannst dich nicht länger gegen den Schmerz, die Einsamkeit und die Verzweiflung wehren. Deine Welt stürzt ein. Genau jetzt!

Tag Eins

Die Fliesen vor dir glänzen im orangefarbenen Schimmer der Straßenbeleuchtung, die durch die Fenster hereinfällt. Nebel zog auf. ›Schimmlig‹, wie du es als Kind immer nanntest, aber passend zu deiner Stimmung. Dir tut immer noch die Lunge weh, und auch der Tinnitus in deinen Ohren war schon einmal leiser gewesen. Wie lange hattest du so dagesessen? Drei Stunden? Vier? Es waren nur drei. Dein Körper fühlt sich alt an – Vierzig! – und das Leben, das du kanntest, war aus den Fugen. Völlig umgekrempelt. Gerade hattest du noch eines. Dein Leben. Eines, auf das du stolz warst.

Du führtest ein Restaurant. Novelle Cuisine vom Feinsten. Kein Pizzaschuppen, auch wenn sich das eher rentieren würde. Zumindest jedoch besser als dein Plusminus-null-Geschäft.

»Aber so fangen wohl alle mal an, was?«

Möglich.

Es war Sonntag. Gott sei Dank hattest du heute frei. Eine kleine Auszeit, um dich darauf vorzubereiten, deinem auf dich bauenden Boss zu verklickern, dass sein Restaurant, das gerade mal seit fünf Monaten eröffnet war, bald wieder dichtmachen konnte. Die Leute kamen wegen dir. Nein, nicht übertrieben. Sie kamen wirklich nur, wenn du da warst. Wegen dir und deinem Essen; oder meiner Art zu kochen. Kein Junkfood eben, sondern gesunde, grundsolide Küche.

Diesmal antwortete die Stimme in deinem Kopf nicht. Du erwartest sie, doch sie blieb still. Kein zynisches Gelächter, kein Spott, no comment.

Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung machst du dir Mut, stützt dich hoch und kannst nicht glauben, wie sehr einem die Knochen wehtun konnten, wenn man ein paar Stunden auf den Fliesen gesessen hatte.

Deine Hand findet das Telefon, der automatische Blick aufs Display zeigt dir allerdings, dass während dieser Zeit des Dahindümpelns rein gar nichts weiter geschehen war. Wie ein verdammtes Zeitloch, in das man reinfällt. Für dich bricht alles, aber auch wirklich jeder Fitzel Leben zusammen; für den Rest der Welt geht es einfach so weiter.

Bist du frustriert darüber?

Na und ob!

»So sind wir nun mal! Wir wollen verdammt noch mal, dass sich jemand für uns interessiert!«

Das gehässige Lachen war zurück.