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Auf einer Bergwanderung blickt eine Gruppe junger Männer ins Tal und ahnt, dass ihr Leben nach ihrer Rückkehr nicht mehr dasselbe sein wird. Unheimliche Begegnungen am Altwasser, zwei Mädchen, die in schwülen, schlaflosen Sommernacht zu einer verschmelzen, die Suche nach dem verstorbenen Vater über Google Earth und ein fatales Geruchs-Erlebnis - Bernhard Straßers Kurzgeschichten erzählen von Verlust, großer Leidenschaft und stoischem Fatalismus. Mal skurril, mal einfühlsam, immer absolut liebens- und lesenswert. Bernhard Straßers Kurzgeschichtensammlung gehört zu den meist geklickten im Internet. Die erfolgreichsten Geschichten sind hier erstmals in einem Buch zusammengestellt.
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Seitenzahl: 80
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Paartanz
Als es begann
Ein lieblicher Duft
Am Altwasser
Sternenkind
Roter Punkt im weißen Fleck
Der magische Bogen
Auf der anderen Seite der Linie
Die Mensur
Sonntag.
Der Sommer war lang und staubig, ein Sommer, in dem die verschwitzte Bettwäsche dauernd gewechselt werden musste. Oder bildete er sich das ein? Oder bildete er sich ein, er wünschte sich solche Wechsel, weil er diesen Sommer mit einem früheren verwechselte?
Manu riss die Augen auf. Die Sonne schien hell in das kleine Zimmer. Etwas hatte ihn aus seiner Trance geweckt. Womöglich der Hahn, der krähte wie er immer zur Unzeit krähte, und keine Rücksicht darauf nahm, wann andere zu Bett gegangen waren. Manu hatte nicht geschlafen in dieser Nacht, die er von vornherein künstlich verkürzt hatte. Er lauschte in die Stille und hörte das vertraute Plätschern des Mühlbaches, der vor dem Fenster vorbei floss.
Sein Kopf war leer, vielleicht nicht so sehr von der letzten Nacht. Sondern von der vorletzten. Und der vorvorletzten. Und der ganzen Woche. Er schlief wenig. Dabei heißt es doch, dass Alkohol müde macht. Er drehte sich nach dem Mädchen um und betrachtete sie. Wie schön sie war. Sie lag trotz der Hitze tief in die Laken eingewickelt und presste ihr Gesicht gegen das Kissen. Ihre langen schwarzen Haare quollen hinter dem Kissen hervor. Ihre schwarz gerahmte Brille lag zwischen seinen Schuhen auf dem Boden. Manu richtete sich auf und betrachtete das Mädchen während er darauf wartete, dass sein Geist wach wurde, was nicht geschah. Er sah sie an und spürte wieder diese fast schmerzende Wärme die erst im Brustbereich begann und sich, je länger er sie betrachtete, stärker auflodernd in seinen Unterleib verschob. „Katharina“, flüsterte er und führte den Satz nur in Gedanken fort: „An Morgen wie diesen liebe ich dich mehr als je zuvor.“ Sie rührte sich unter ihrem Bettlaken, ein Gesicht lugte hervor und machte „Hm?“ als hätte sie ihn gehört. Er beugte sich zu ihr hinunter, strich vorsichtig die Haare von ihrer Wange, näherte sich ihr, kam ihr so nah, dass er ihren weichen Atem spürte und berührte mit seinen Lippen ihren Mund, hielt inne und wartete ob etwas passierte. Aber es passierte nichts und er sagte: „Ich gehe dann nach Hause.“ Sie nickte wortlos und schlief weiter. Am Hof der alten Mühle wo er sein Auto stets parkte, blieb er kurz stehen. Er betrachtete das Gemäuer des alten Gebäudes, sah den leeren Fleck wo einst das Mühlrad gehangen hatte und wo sich jetzt das Fenster befand hinter dem sie schlief. „Katharina“, sagte er noch einmal leise als sei es ein Synonym für „Ich liebe dich.“ Zwei Enten flatterten quakend den Mühlbach hinab, er sperrte das Auto auf und fuhr nach Hause.
Mittwoch.
„Du trinkst zu viel“, sagte Katharina. „Verdammt, ich habe Semesterferien.“ „Ich meine es ernst, Manu“, sagte sie. „Schau dich an. Du siehst krank aus. Übermüdet, du bist doch gar nicht du selbst.“ Er schwieg, legte sich eine Antwort zurecht, verwarf sie wieder. „Ich weiß“, entgegnete er. „Die Hitze macht mir zu schaffen. Ich kann nicht schlafen bei der Hitze.“ „Und deswegen gehst du jede Nacht aus?“ „Nicht jede Nacht, gestern war ich doch bei dir.“ „Du trinkst zu viel“, wiederholte sie und er schwieg. Er wusste, dass es nicht am Trinken lag.
Als sei gesagt, was im Moment zu sagen war, lehnten sich beide zurück und betrachteten die Autos, die im Schritttempo am Straßencafé, in dem sie saßen, vorüber fuhren. „Du bist sicher, dass Kathi noch kommt?“ fragte sie. „Du kennst sie doch, sie war noch nie pünktlich.“
Sie warteten, Manu hatte gerade seinen zweiten Kaffee ausgetrunken. Er versteckte seine Hand unter dem Tisch, sie sollte nicht sehen, dass diese zitterte. Ein Müdigkeitsschub überkam ihn. Er hatte erneut nicht geschlafen. Die Hitze war unerträglich. Er betrachtete Katharina, versuchte das Bild vor seinen Augen scharf zu stellen. Aber es verschwand in zwei Katharinen, die um einen Fixpunkt herum tänzelten. Ihre schwarzen Haare hingen leicht gewellt über ihre Schultern. Hinter ihren dunklen Augen zeichnete sich die hellgraue Kontur ihrer Kontaktlinsen ab. Er neigte seinen Kopf leicht zur Seite und lächelte sie an. Sie errötete stets leicht dabei, wenn er sie längere Zeit betrachtete. Daran hatte sich in den letzten zwei Jahren nichts geändert. Vor zwei Jahren perfektionierte Manu seine Theorie, dass das Leben nicht nur teilweise, sondern ganz und gar von Zufällen geprägt ist. Seine Begegnung mit Katharina erfüllte, verfestigte und bestätigte diese Theorie und bestimmte seitdem sein Leben so sehr, dass er seine Abschlussarbeit diesem Thema widmen wollte.
Der erste Zufall sorgte dafür, dass die Bäckerei, in der er jahrelang samstagvormittags seine Semmeln einkaufte, wegen Umbauarbeiten des Bahnhofs einen Sommer lang geschlossen hatte. Der zweite Zufall ließ in der Bäckerei, für die er sich ersatzweise entschied, dieses auf geheimnisvolle Weise schöne Lehrlingsmädchen als Urlaubsvertretung in genau dieser Woche arbeiten. Der dritte Zufall sorgte in einer unerklärbaren Melange aus schönem Wetter, erholsamen Schlaf auf beiden Seiten und dem Umstand, dass gerade sonst niemand in der Bäckerei war, dafür, dass beide ungewollt miteinander flirteten. Manu scherzte darüber, ob Lachschinkenbrötchen tatsächlich so fröhlich schmeckten wie sie hießen und Katharina lachte ihr herzlichstes Lachen und ließ ihn für diese eine Minute nicht mehr aus ihren schönen dunklen Augen.
Manu war es unbegreiflich, wie sich beide, die sich noch nie zuvor im Leben gesehen hatten, keine zwei Wochen später auf einer Beachparty im Freibad begegneten. Ebenso unbegreiflich war es ihm, dass Katharina aufgrund der Bäckereibegegnung nächtelang ein wundes Herz mit sich herum trug und tagelang nach ihm Ausschau gehalten hatte. Manu, der seinerseits lange keine schöne Frau mehr geküsst hatte, ließ den Zufall gewähren und keine zwei Wochen später waren sie ein Paar.
Er schaute sie an. Sie hatte sich rein äußerlich kaum verändert. Sicher, sie war fraulicher geworden, trug ihre Haare länger und ihr Kleidungsstil hatte sich gewandelt. Sie besuchte inzwischen eine weiterführende Fachschule und Manu spürte noch immer, nach zwei Jahren, diesen unbestimmten Stolz, dass sich dieses wundersame Wesen für ihn entschieden hatte.
„Hallo, ihr zwei.“ Kathi sprang auf die niedrige Holzkonstruktion die dem Café als Terrasse diente.
Sie gab Manu einen flüchtigen Kuss auf die Wange und umarmte Katharina, schaute sie aufmerksam an, nahm prüfend die Brille ab und sagte: „Hey, das selbe Kleid hab ich auch.“ „Ich weiß“, antwortete Katharina. „Ich hoffe, du hast nichts dagegen. Es gefiel mir einfach zu gut.“ Kathi schüttelte den Kopf. „Kein Problem, das weißt du.“ Sie setzte sich und bestellte sich einen Milchkaffee. „Die Leggins stehen dir“, sagte Kathi, „Ich hab dir doch gesagt, dass die wieder kommen.“ Katharina nickte. Kathi lächelte gut gelaunt und nahm ihren Kaffee entgegen. „Wie sieht es bei euch beiden heute Abend aus? Wir grillen bei Bekannten, da ist sicher was los.“ „Klar“, antwortete Manu, aber Katharina schüttelte den Kopf: „Ich muss noch lernen.“ „Schon wieder?“ entgegnete sie. „Du lernst einfach zu viel. Gönn dir doch mal eine Auszeit.“ „Du redest dich leicht, du musst ja nichts mehr lernen. Die nächsten Prüfungen sind extrem wichtig.“ „Das sagst du jedes Mal“, warf Manu ein. „Whatever. Ihr seid beide herzlich eingeladen.“
Sonntag.
Der Sommer war lang und staubig, ein Sommer, in dem die verschwitzte Bettwäsche dauernd gewechselt werden musste. Oder bildete er sich das ein? Oder bildete er sich ein, er wünschte sich solche Wechsel, weil er diesen Sommer mit einem früheren verwechselte? „Bist du immer noch wach?“ fragte Katharina und richtete sich im Bett auf. Sie sah, wie er nickte. „Wie spät ist es jetzt eigentlich?“ fragte sie und griff nach ihrem Handy. „Vier Uhr? Verdammt noch mal, Manu! Geh zum Arzt! Wann bist du eigentlich heim gekommen? Hab ich schon geschlafen?“ „Um Eins. Hat nicht so lang gedauert heute.“ „Und du hast keine Sekunde geschlafen?“ „Ich weiß nicht“, sagte er. Seine Stimme klang matt und müde. „Vielleicht. Vielleicht schlafe ich jetzt gerade. Aber es fühlt sich nicht so an.“ „Versuch es“, sagte sie, zog sich das Bettlaken über den Kopf und drehte sich von ihm weg. Er schloss die Augen, starrte in die Dunkelheit und sagte seufzend: „Katharina.“
Mittwoch.
Sie saßen Abends im Café und beobachteten die Autos, die langsam über die Marktstraße fuhren, lauschten den tiefen Bässen, die aus den Wagen klangen und wunderten sich über die sonnenbebrillten Fahrer, die zurück starrten. „Laut Wetterbericht soll es nächste Woche eine leichte Abkühlung geben“, sagte Katharina. „Was heißt das?“ wollte Kathi wissen. „So 24 Grad und ab und zu leicht bewölkt.“ „Das ist doch ein Witz“, entgegnete sie. „Das hält doch kein Mensch aus. Wie kann man bei der Hitze eigentlich lernen?“ „Ich sperre mich in meinem Zimmer ein, ziehe die Jalousien hinunter und lerne einfach. Was sein muss, muss sein.“ „Das könnt ich nicht. Du bist echt bewundernswert.“ „Aber nicht beneidenswert.“
„So still heute?“ fragte Kathi an Manu gerichtet. Er antwortete nicht. Sie lächelte, hielt den Zeigefinger vor den Mund und hob langsam Manus Sonnenbrille nach oben. Seine Augen waren geschlossen. Beide lachten leise hinter vorgehaltener Hand. „Er schläft“, sagte Kathi. „Wenn er schon Nachts nicht schläft.“
Manu blinzelte. Er sah das schemenhafte Bild der zwei Katharinen, die um ihren Fixpunkt kreiselten und sich erst langsam, wie ein verschwommenes Mosaik, zu einer Person zusammensetzten. Er hörte Katharina sagen: „Lassen wir ihn weiterschlafen.“ Kathi strich ihm mit der Hand über das Gesicht: „Schlaf weiter“ sagte sie.
