Als Jonathan starb - Tony Duvert - E-Book

Als Jonathan starb E-Book

Tony Duvert

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Beschreibung

Der junge Maler Jonathan lebt allein und abgeschieden auf dem Land. Immer wieder wird Serge zu ihm 'abgeschoben', der Sohn einer Freundin aus Paris, die keine Lust hat, sich um ihn zu kümmern. Serge ist im wörtlichen Sinn ein 'ungezogener' Junge: egoistisch, amoralisch, ohne Werte. Er brät Regenwürmer, experimentiert mit Schnecken und Kröten und spielt an seinem Körper herum. Und an dem von Jonathan. Jonathan weiß, dass das nicht sein darf. Dennoch gibt er Serge den Raum, den der sich sowieso erobert. Mit großer Diskretion schrieb Duvert Ende der 1970er Jahre diesen komplexen Gesellschafts-, Erziehungs- und Liebesroman, der von der französischen Presse hoch gelobt wurde. "Ungewöhnliche Sinneseindrücke und tiefgehende Erinnerungen. Man lernt, dass Liebe stirbt, wenn sie gesellschaftsfähig wird." (Le Monde)

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2011

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TONY DUVERT

ALS JONATHAN STARB

Roman

Aus dem Französischenvon Joachim Bartholomae

Männerschwarm VerlagHamburg 2011

«... zwei Buben, die nicht weiter vorwärts dachten

Als solch ein Tag wie heut sei morgen auch

Und dass wir ewig Knaben bleiben würden.»

Shakespeare, Wintermärchen

ERSTER TEIL

Der kleine Junge kam in die Küche, und ihm fiel auf, dass merkwürdige Dinge auf dem Boden standen.

Aber er sagte nichts. Seine Mutter unterhielt sich mit Jonathan. Also machte Serge sich auf Erkundungsreise durch das unbekannte Haus. Es gefiel ihm nicht, vom Gespräch ausgeschlossen zu sein.

Dann ging seine Mutter ohne ihn fort. Er sah ihr nach. Ein kleiner Weg führte zur Straße; dort stand ihr Wagen. Jonathan schloss die Gartenpforte, fasste das Kind an den Schultern und schob es zurück in die Küche. Es war Vesperzeit. Serge nahm ein Butterbrot mit Marmelade und ein Glas Milch. Und während es sich den Mund vollstopfte, zeigte das Kind Jonathan die seltsamen Dinge auf den Fliesen.

«Warum tust du das dahin?»

«Es ist für die Mäuse», sagte Jonathan.

Eine Schale mit Milch, eine Schale mit Marmelade und eine dicke Kruste Brot.

«Trinken sie Milch?»

«Ja, sie trinken Milch.»

Serge gefiel Jonathans leichter Akzent. Ein deutscher Akzent oder ein englischer oder ein holländischer, schwer zu sagen: Jonathan war zu viel gereist, er hatte keine Herkunft mehr. Serge wollte diese Stimme nachahmen; die Worte waren sehr deutlich, ruhig, ein bisschen schüchtern, wie naive Gegenstände, die keinen Schatten warfen.

«Haben sie eine Zunge?», fragte Serge.

«Ja, sicher. Eine kleine rosa Zunge, sehr beweglich. Sie mögen das. Sie lecken auch die Konfitüre aus; es ist Himbeere, die kleinen Körner lassen sie liegen.»

«Also wenn ich so was esse, dann mag ich das lieber von Aprikosen», sagte Serge, der wohl fand, dass sein Vesperbrot den Vergleich zur Mahlzeit der Mäuse nicht standhielt. «Warum gibst du ihnen denn überhaupt zu essen?»

«Das weiß ich nicht.»

Serge aß sein Butterbrot von innen nach außen. Er zerrte das Weiße mit der Butter heraus und ließ die hufeisenförmige Kruste liegen.

«Ich mag sie gern», fuhr Jonathan fort. «Sie sind hübsch, hast du schon welche gesehen? (Serge verneinte.) Ihr Schwanz ist ungefähr so lang, sie können damit wackeln, so ähnlich wie die Ohren von deinem Hund, wenn er mit dir redet (Serge sagte sehr schnell, wir haben keinen Hund mehr, Mama hat ihn weggegeben), wirklich? und Pfoten wie eine Katze oder ein Eichhörnchen, hast du schon Eichhörnchen gesehen? (Serge sagte, ja, wir haben eine Katze, es ist ein Junge und er heißt Julie), sie sind weich, ganz weich!»

«Oh, hast du schon welche angefasst? Meine Mutter war das, die unsere Katze Julie genannt hat, aber sag mal, hast du wirklich Mäuse angefasst?»

«Nein, sie haben zu viel Angst. Hat deine Mutter diesen Kater wirklich Julie genannt?»

«Ja, natürlich, also du hast keine angefasst.»

«Doch, aber sie war tot. Ich habe sie trotzdem berührt. Sie lag neben meinem Bett.»

«Hast du Mäuse im Zimmer?»

«Ja, sie kommen am Abend. Um die Zeit gehen sie spazieren, und ich lauere ihnen auf. Ich habe nämlich Butterkekse auf dem Nachttisch liegen.»

«Du legst ihnen Kuchen hin?»

«Nein, nur für mich; wenn ich nachts aufwache und nicht schlafen kann, dann bekomme ich Hunger.»

«Sag mal, sind Mäuse Jungen oder Mädchen?»

«Mach keine Witze, es gibt beides.»

«Ach ... Also manche Mäuse sind auch Jungen?»

«Ja.»

«Und kann man sehen, ob es Jungen sind, wenn sie essen?»

«Nein, das sieht man nicht. Man muss sie beim Schwanz packen und dann ganz genau dahin gucken.»

Jonathan zeigte vorsichtig mit dem Finger auf den Hosenschlitz des Kleinen. Serge fing an zu lachen:

«Wie bei Julie, da kann man die Eier auch sehen! Du musst mich waschen, ich bin ganz dreckig.»

 

Das Haus, das Jonathan gemietet hatte, lag einen knappen Kilometer vom Dorf entfernt. Auf einer schadhaften Lehmpiste an Büschen, Wiesen und kleinen Bauernhäuschen entlang konnte man diese Strecke leicht zurücklegen. So gelangte man schließlich zu einigen lichtüberfluteten Hügeln, die zum schattigen Fluss hin abfielen. Die Haselnuss-sträucher hingen so tief in den Weg, dass man hindurchkriechen musste, und die Kätzchen puderten einem dabei Gesicht und Nacken.

Jonathans Haus war klein, wie auch das Dorf klein war. Es lag in einem lächerlich kleinen Garten, denn Gärten auf dem Lande sind immer winzig. Jenseits des von Winden überwucherten Zauns erstreckten sich, hügelig und still, die kahlen Äcker. Die Bäume schienen aus tausend Funken zu bestehen, die unentwegt blinkten, und das feuchte Gras der Wiesen wogte nur leicht.

Es wurde Juni.

Kein Zweifel, Jonathans Haus hatte einmal zu einer kleinen Siedlung gehört: Das einzige Nachbarhaus, gleich nebenan, war ihm sehr ähnlich. Es sah eigenartig aus, der Baustil war unverfälscht erhalten, und es war schmutziger. Eine alte Bäuerin wohnte darin. Auf der Wiese stand außerdem die Ruine eines großen Gebäudes, die noch nicht von Efeu und Unkraut überwuchert war: Die Mauern, so gelb, steil und verfallen sie waren, hätten sich ebenso gut in der grellen Wüstensonne emporrecken können, wären sie nicht von Brennnesseln gesäumt gewesen, die höher und dichter wuchsen als Farn.

Ein Brief hatte Jonathan die Ankunft Barbaras und ihres Sohnes Serge angekündigt. Er hatte sie vor achtzehn Monaten durch einen Freund kennengelernt. Wegen des Jungen hatte er sie manchmal besucht. Damals wohnte er noch in Paris: Serge war damals sechseinhalb, Jonathan siebenundzwanzig Jahre alt.

Das Kind und der Mann hatten sich auf ihre Art sehr geliebt. Trotzdem hatte Jonathan, von so vielem angewidert, Paris bald verlassen und sich in dieses Nest zurückgezogen, allerdings ohne mit seinen Bekannten zu brechen.

Seitdem sprach er wenig, beantwortete selten Briefe, empfing keine Freunde, und sein Intimleben beschränkte sich auf einsame Zärtlichkeiten und weniger einsame Erinnerungen. Er arbeitete nicht mehr viel, entwarf nur einige Zeichnungen mit Tinte oder Bleistift. Seine Galerie schickte ihm dafür gutes Geld, das Jonathan gar nicht brauchte.

Der Gedanke, Serge wiederzusehen, bestürzte ihn. Barbara wollte den Jungen eine Woche bei ihm lassen, eine kleine Reise in den Süden unternehmen und ihn dann wieder abholen. Sie war nicht verheiratet und setzte Serge manchmal hier und da ab. Sie führte ein recht lockeres Leben. Als Jonathan noch in Paris wohnte, hatte er mitunter auf den Jungen aufgepasst, dann schliefen sie zusammen in einem Bett. Morgens wusch er ihn, zog ihn an und brachte ihn zur Schule. Ihre Freundschaft war so seltsam, dass Barbara erleichtert war, als Jonathan sich zurückzog. Serge war oft jähzornig gewesen, doch als er Jonathan kennenlernte, verhielt er sich ganz sanft, allerdings nur ihm gegenüber. Nach dessen Abreise wurde er verschlossen und passiv. Das gefiel Barbara.

Jonathan fragte sich, warum sie es wagte, ihm den Kleinen erneut anzuvertrauen. Es kam ihm vor wie ein Tauschgeschäft. Barbara war oft knapp bei Kasse, und Jonathan half ihr gern, wenn er konnte. Vor zwei Monaten hatte er ihr ein Darlehen gegeben, das den Namen nicht wirklich verdiente, denn er wusste nicht, wie man so etwas macht. Barbara hatte sich mit einem zweiseitigen Brief bedankt, der neben lauter Geschwätz auch einen Absatz über Serge enthielt, was ungewöhnlich war. Sonst schrieb sie ihm nie über das Kind.

Dieses unerwartete Geschenk hatte Jonathan überrascht. Ich hoffe, Du erinnerst dich manchmal an meinen entzückenden Sohn!! ... Er scheint Dich vollkommen vergessen zu haben!!!! ... Ich erzähle ihm von Dir – wir hätten uns fast im Dezember Deine berühmte Ausstellung angesehen! ... Aber das interessierte den Herrn dann nicht so sehr ... Nun, in seinem Alter vergisst man schnell, vielleicht ist es besser so, findest Du nicht ... Aber Du weißt nicht, wie entzückend er jetzt ist!!!!, schrieb Barbara in ihrer Sprache aus Strichen und Punkten. Sie fügte hinzu, dass Serge in der Schule endlich Disziplin lernte, sie immer mehr liebte, abends wie ein kleiner Liebhaber in ihr Bett kroch; er war eine Heulsuse geworden, aber so lieb. Ehrlich gesagt ist mir das lieber, als wie er noch die ganze Bude in Stücke schlug!! Ach, diese Kinder! ...

Diese wunderbaren Nachrichten hatten Jonathan in Verzweiflung gestürzt.

Der Brief, der den Aufenthalt des Sohnes versprach, erwähnte auch die Geldsorgen, in denen die Mutter sich befand. Das Spiel war so unverschämt, dass Jonathan schon befürchtete, Barbara käme in Wirklichkeit allein.

 

Serge ließ sich die Hände abtrocknen.

«Du warst gar nicht schmutzig», bemerkte Jonathan.

«Nein, ich war nicht schmutzig, nur ein bisschen, damit du mich wäschst.»

In Paris war das Kind mit Jonathan unter die Dusche und am liebsten sogar mit aufs Klo gegangen.

«Weißt du, ich habe hier gar keine Dusche.»

«Und warum nicht?», fragte Serge. Er wandte den Kopf und sah plötzlich so jähzornig aus wie in seinen wilden Jahren.

«Warum bist du weggegangen?»

«Letztes Jahr? ... Du weißt, dass ich bei dir bleiben wollte», sagte Jonathan. «Ich hätte dableiben sollen, aber ich hatte nicht den Mut. Deine Mutter bringt mich um.»

«Warum bist du weggegangen?»

 

Jonathan lebte sparsam. Ihm fehlten viele Sachen, die er brauchte, um das Kind aufnehmen zu können. Er hatte zu wenig Laken, nur ein Kopfkissen und einen Bezug, ein einziges Küchenhandtuch. Er wusch alles selbst. Sein einziger Luxus war Wein für traurige Stunden und ein verschlossenes Zimmer, um sie zu überstehen. An solchen Tagen brauchte er Riegel, Decken, einfach alles, das ihm half, das Leben festzuhalten und daran zu hindern, ihm zu entweichen. Wenn der Kleine ihn in wenigen Tagen wieder verließ, würde Jonathan einen Schmerz erfahren, den er vielleicht nicht mehr besiegen konnte: Sein Widerstand gegen den Tod wurde schwächer und schwächer.

Er überschlug seine finanziellen Möglichkeiten und ging in den Nachbarort, um Lebensmittel, Einrichtungsgegenstände und andere Dinge zu besorgen; er fuhr sogar in die Kreisstadt. Er mietete einen Kühlschrank. Auf den Bauernhöfen kaufte er mehr Lebensmittel, als er in zwei Monaten essen konnte. Er besorgte sich auch einen Spiegel – den würde er dann später zerbrechen. Er betrachtete sich darin, musterte seine Kleider, seine Haare, seine Hände und sein Gesicht und verbrachte dann den ganzen Tag damit, sich zurechtzumachen.

Er putzte das Haus gründlich, strich den Gartenzaun, schraubte die Riegel von der Tür seines Zimmers ab und riss die Fetzen herunter, mit denen er die Fenster verdunkelte. Er stellte eine Tischuhr in die Küche, kratzte die angebrannten Töpfe aus, wischte alle Fliesen, alle Kacheln, putzte die Fensterscheiben, legte eine frische Decke auf den Tisch, ließ sich Vorhänge nähen und ersetzte die nackten Glühbirnen durch richtige Lampen. Er besorgte Spiele, Spielzeug, Bilderheftchen, Medikamente, und er ließ sich geduldig beraten, um auch das richtige Alter zu treffen.

Beim Spielwarenhändler sagte er, er hätte einen Sohn. Kaum war er aus dem Laden, bereitete ihm diese Lüge so viel Scham und Schmerz, dass er das Paket fast auf einer Bank liegen gelassen hätte.

«Hoffentlich kommt er nicht», dachte er schließlich.

 

Sie gingen nach oben, um Serges Kleider in den Schrank zu räumen. Dort stand auch ein hohes und großes Bett. Dies war das einzige Schlafzimmer im Haus, das mitsamt der Küche nur aus drei Zimmern bestand. Neben dem Bett hatte Jonathan auf Böcken den Tisch aufgestellt, an dem er arbeitete. Auf dem Tisch lagen große, akkurat ausgeführte Skizzen, und die Holzplatte selbst war mit üblen Kritzeleien übersät.

«Diese Zeichnungen da, hast du die gemacht?», fragte Serge.

«Ja, die sind von mir.»

«Sind die gut?»

Jonathan lächelte:

«Gefallen sie dir denn?»

«Meine Mutter macht auch solche Zeichnungen. Und Gemälde.»

«Ja, ich erinnere mich.»

«Hast du denn welche verkauft? Sie hat nämlich nichts verkauft.»

«Das ist nicht einfach.»

«Genau. Wir gehen zu den Straßencafés und in die Restaurants, mit Dominique, wir zeigen sie den Leuten, die da essen, aber sie haben kein Geld. Verkaufst du auch in Restaurants?»

«Hm – nein», sagte Jonathan etwas verlegen, «ich bin in Paris abends wenig ausgegangen. Meine Zeichnungen erscheinen in Zeitschriften und in Büchern, und ich habe eine Galerie; die schicken mir mein Geld.»

«Eine Galerie?»

«Na ja – ein Laden.»

«Dann arbeitest du also nicht, du bist die ganze Zeit zu Hause.»

«Ja.»

«Mama arbeitet jetzt.»

«Ja, sie hat es mir gesagt.»

«Nachmittags ist sie Sekretärin. Aber nicht jeden Tag. Denn sie schreibt Musik, Lieder, sie schreibt keine Noten, sie singt. Jacques schreibt die Noten. Aber sie erfindet alles. Sogar die Worte. Er hat eine Gitarre. Kennst du Mamas Lieder?»

«Nein, das wusste ich gar nicht. Sie hat mir nie etwas vorgesungen.»

«Das ist auch gut so, sie singt nämlich total falsch.»

«Hm – und singt jemand anderes die Lieder?»

«Nö, keiner. Manchmal bringt sie mir zusammen mit Jacques welche bei.»

«Verstehe – da hast du aber Glück.»

«Na ja, geht so.»

«Also gut.»

«Aber warum machst du denn keine Zeichnungen wie Micky Maus?», fing Serge wieder an.

«Na ja, das ist mir ... zu ... zu blöd. Ich zeichne lieber Kühe. Willst du eine Kuh?»

Sie setzten sich nebeneinander vor das Zeichenbrett, und Jonathan nahm ein großes Blatt aus der Mappe.

«O ja. Oder warte – ein Schwein. Und eine dicke Kuh. Und Donald, du weißt schon, Donald?»

Jonathan gehorchte. Es war ihm nicht peinlich, dem Jungen den Gefallen zu tun. Seine Hand war in allem geübt. Für die Augen des Kleinen waren nur diese klaren und ironischen Bilder lesbar, und sie bereiteten ihm das gleiche Vergnügen wie einem seriösen Komponisten, mit einem Jungen Kinderlieder zu summen.

«Ich kann eine Katze zeichnen», sagte Serge, «ich zeichne sie da hin, sie lacht, aber sie hat keine Pfoten. Und was machst du da?»

«Das? Das ist ein Apfel mit vielen Haaren.»

«Was? Das gibt es nicht! Gibt es so was?»

«Hier gibt es so was. Nein, Serge, ich zeichne dich. Schau, was jetzt kommt.»

Und Jonathan entwickelte unter dem Schädel mit den fein verwobenen Haaren Serges Profil, wie er es neben sich sah. Sein Strich war fließend und zart, und die Schönheit, die seine Hand fast gegen seinen Willen schuf, verwirrte ihn. Aus seiner Liebe zu Kindergesichtern hatte er sich im Laufe der Jahre eine technische Fertigkeit erarbeitet, die er für sich behielt. Nie hätte er diese Porträts jemandem gezeigt. Seine bekannten Werke, die ihm einen Namen gemacht hatten, waren streng und scherten sich nicht um Figuration. Der Junge beschwerte sich, er hätte kein Ohr, und als das erledigt war, sagte er:

«Und jetzt du, jetzt zeichne ich dich.»

Er nahm ein halbes Dutzend farbige Filzstifte und zeichnete in Rot, Blau, Gelb und Rosa einen Jungen mit Augenbrauen wie Sterne, der von einem Ohr zum anderen grinste, eine grüne Blume in der Hand hielt und sehr lange Beine hatte, weil es ja ein Erwachsener war.

«Das bin ich?», sagte Jonathan leise. «Ich bin hübsch.»

«Ja, das bist du. Weil du so lange Beine hast. Und das ist dein Pullover.»

Die Farbe des Kleidungsstücks überraschte Jonathan: ein leuchtendes Blau mit einem roten Streifen über der Brust. Seit einem Jahr hatte er es nicht mehr getragen.

«Das ist ja mein alter, der aus Paris. Zum Glück habe ich ihn noch. Ich werde ihn wieder anziehen.»

«Das brauchst du nicht», sagte Serge leise. Und er beschmierte seine Katze ohne Pfoten mit brauner Farbe.

 

Jonathan hatte zum Abendessen zwei Tauben. Sie mussten erst gerupft werden. Das gefiel Serge. Die Vögel faszinierten ihn. Er war mit einem Mal ganz der Alte und stopfte sich blitzschnell die vier Flügel in die Taschen.

«Mit all diesen Flügeln wird die Hose davonfliegen», sagte Jonathan.

«Ist mir egal!», sagte der Kleine und stopfte auch die Fäuste hinein.

«Es wird kalt. Ich nehme sie aus, und wir braten sie im Kamin, wir machen dort ein schönes Feuer, ja?»

Der Kamin war im anderen Zimmer. Serge war mit dem Feuer einverstanden. Außerdem wollte er noch Pommes frites. Er verbrannte eine Handvoll Federn im Feuer, und weil es so stank, fing er an zu lachen. Als er aufstand, war er ganz rot und erregt.

«Endlich wachst du auf», sagte Jonathan. «Heute Nachmittag mit deiner Mutter warst du tot.»

«Das ist nicht wahr!», protestierte Serge. Sein Gesicht versteinerte sich. Er schmollte und blickte finster in die Flammen.

«Außerdem habe ich keinen Hunger», behauptete er schließlich und warf Jonathan einen lauernden Blick zu.

«Das macht nichts, man kann es auch kalt essen ... Wenn du wütend bist, habe ich Angst vor dir», flüsterte Jonathan und beugte sich ebenfalls über das Feuer. Seine Stimme zitterte, er weinte fast.

«Bitte mach mir keine Angst, Serge», fügte er hinzu, «das halte ich nicht aus, ich habe keine Kraft. Nein, ich kann das nicht, ich gehe ins Bett, warum sagst du so etwas?»

Das Kind schaute ihn überrascht an.

«Dann essen wir jetzt», sagte Serge schüchtern. «Ja? Essen wir jetzt? Geh nicht weg.»

«Der Spieß hängt zu tief, sie werden verbrennen. Siehst du, der Saft tropft hier runter, man nimmt den großen Löffel und gießt ihn wieder drüber.»

«Ich gieße.»

«Ich schneide die Fritten.»

Jonathan ging die Kartoffeln holen und brachte ein ganz neues, noch steifes Trockentuch mit. Er setzte sich neben dem Kamin auf den Boden, eine Schulter gegen den Arm des Kleinen. Serge hatte sich hingekniet und wartete auf den Saft der Vögel, das Gesicht von der Hitze gerötet.

«Morgen gehe ich in den Garten», sagte er.

«Es wird bestimmt schön. Ich habe Kröten und Heuschrecken gesehen, und es gibt hier zwei Katzen, die vorbeikommen werden.»

«Wie heißen sie?»

«Sie haben keine Namen, sie sind frei.»

«Aber wo schlafen sie denn?»

«Wo sie wollen, wenn niemand sie verjagt.»

«Verjagst du sie?»

«O nein, sie sind ruhig. Sie bringen sich ihr eigenes Essen mit, das stehlen sie bei der Alten. Nebenan wohnt eine alte Frau mit einem alten Hund, sie hat Hühner und Kaninchen. Gemüse. Sie spricht nicht mit mir.»

«Warum?»

«Ich weiß es nicht. Sie ist ganz allein, sie mag nicht reden, sie hat mir gesagt, ich soll wegen der Ratten Gift streuen.»

«Ratten? Sind Ratten dick?»

«Ungefähr so dick wie die da», sagte Jonathan und zeigte auf die Tauben.

«Dann essen wir Ratten!», rief Serge. Und er fing an zu lachen, sein raues, teuflisches Spitzbubenlachen, seine geheime Stimme.

Jonathan hatte den Küchentisch am Feuer aufgestellt. Die Nächte blieben kalt. Er deckte den Tisch sorgfältig auf einer feuerroten Decke. Die Gerüche von Fleisch und Fett berauschten den Jungen.

Bei Tisch war Serge von diesem schlichten Arrangement beeindruckt. Er erzählte:

«Weißt du noch, zu Hause? Ich habe immer alles zerbrochen. Jetzt mache ich nichts mehr kaputt.»

«Ah, das ist gut», sagte Jonathan. «Du nimmst doch Wein?»

«Nein, so was trinke ich nicht. Oder doch! Schenk mir ein! Schenk ein! Schenk schon ein!»

«Genug? – Du machst wirklich nichts mehr kaputt? Zeig mal!», fragte Jonathan.

«Das kann man gar nicht zeigen!», sagte Serge und grölte. «Ich trinke jetzt Wein! Wein!»

«Doch, ich glaube, das kann man zeigen.»

«Das ist nicht wahr.»

«Doch.»

«Nein, kann man nicht! ... Zeig es mir doch.»

«Das ist einfach. Hier sind zwei Teller. Den ersten lasse ich fallen. Den zweiten rühre ich nicht an.»

Und der Teller zerbrach auf den Fliesen. Serge schrie vor Verwunderung auf. Jonathan ging Schaufel und Handfeger holen.

«Ich habe den zweiten Teller nicht zerbrochen, oder? Siehst du, man kann zeigen, dass man etwas nicht kaputt macht.»

«Jaaaah», gab Serge zu, «aber du hast den anderen zerbrochen.»

«Das ist nicht das Gleiche, es gibt ja noch mehr.»

«Wirklich? Wirklich? Darf ich auch? Sag, sag schon, darf ich auch?», fragte Serge herausfordernd.

«Ja, dann essen wir von der Tischplatte, das ist viel besser.»

«Dann nehme ich den hier!» Und Serge schmiss seinen eigenen Teller in die andere Ecke des Zimmers. Jonathan zuckte zusammen. Einige Scherben splitterten gegen die Möbel – vor allem aber hörte man das fröhliche Jubeln des Jägers, das den Wurf begleitete.

«Schade, dass er leer war», bemerkte Jonathan und hielt dem Jungen, der schon aufgestanden war, den Handfeger hin.

«Jaaaah», sagte Serge. «Wenn es ... Fritten gewesen wären!»

«Oder Suppe.»

«Nudeln!»

«Oder Erbsen.»

«O ja. Erbsen.»

Serge hatte sich gebückt und stocherte mit der Schaufel unter der Kommode herum:

«Suppe! Nein, das hast du schon gesagt. Warte ... (seine Stimme explodierte) etwas, das stinkt!»

«Stinkt? Das man essen kann?»

«Na ja, ich weiß nicht.»

Serge sagte nichts mehr. Er tat die Scherben brav in den Mülleimer. Und dann wurde ein lautes Abendessen vor den gewaltigen Flammen des Kamins zelebriert, mit viel Fettflecken und Rotwein.

 

Am Morgen hörte Jonathan seine Nachbarin hinter dem Zaun, der die beiden Gärten trennte, den Boden harken. Ohne Zweifel hatte sie dort Stellung bezogen, um herauszufinden, was bei ihm vor sich ging, woher diese Kinderstimme kam.

Der Morgen war sehr klar. Serge war schon um sieben Uhr aufgewacht, was Jonathan ein wenig ungelegen kam. Sie hatten sich angezogen, ohne sich zu waschen. Serge ließ sich die Schuhe schnüren, unter dem Vorwand, er könne es noch nicht. Jonathan konnte es auch nicht. Ihm fiel auf, dass die Füße des Jungen kräftiger geworden waren; die Zehen waren nicht mehr so kurz und rundlich. Im Gegenlicht konnte man einen goldenen Flaum auf dem Knöchel sehen; dicht und regelmäßig stieg er die Waden hoch, ohne sich ganz zu verlieren.

Serge wollte sofort in den Garten gehen. Jonathan servierte das Frühstück auf der Erde, wo genügend Gras wuchs. Der Junge war noch etwas verschlafen und hörte der Harke zu. Lustlos riss er ein Grasbüschel aus und warf es in seine Tasse, die noch halb voll war; dann kippte er sie um, stand sehr lebhaft auf und ging zum Zaun. Er schob ein paar Blätter zur Seite:

«Guten Tag!», sagte er, als er die Alte sah.

«Hmm.»

Sie fuhr fort zu harken. Eine feuchte schwarze Schnauze mit kurzen bleichen Härchen drückte sich an den Zaun und berührte die Knie des Jungen.

«Ist das Ihr Hund?», fragte Serge und steckte einen Finger hin, um ihn ablecken zu lassen.

«Geh da weg, du Aas», sagte die Alte. Sie schlug den Hund mit ihrer Harke. Enttäuscht kam Serge zu Jonathan zurück.

Die Alte richtete sich auf und schrie über den Zaun:

«Ich habe noch immer Ratten! Streuen Sie Gift, Monsieur! Sie haben mir letzte Nacht zwei Küken gefressen! Und Sie müssen diese Wicken ausreißen! Sie fressen meine Steckrüben auf!»

Ohne auf die Antwort zu warten, beugte sie sich wieder über ihr Beet und harkte bedächtig die Erde, aber nur ganz leicht und leise, damit sie Jonathan hören konnte. Serge lachte und sagte:

«Deine Steckrüben! Meine Ratten! Meine Küken!»

«Da habe ich Sommerblumen ausgesät», sagte Jonathan.

Ein kleines Rechteck, wo die Erde umgegraben und durchgesiebt war, ließ dünne, handhohe Sprösslinge sehen.

«Steckrüben?», rief Serge noch lauter.

«Nein, das sind ... ich weiß den französischen Namen nicht mehr. Das wächst im Weizen. Zieh mal deine Schuhe aus», fügte er ernsthaft hinzu, «ich würde gerne deine Füße zeichnen.» Serge war einverstanden, ohne sich zu wundern:

«Aber ich kriege den Knoten nicht auf.»

Jonathan half ihm; dann lag Serge im Gras, die Beine in der Luft, zog sich die Socken aus und kicherte:

«Ah, meine Küken! meine Küken! meine kleinen Ratten! meine Steckrüben!»

Jonathan klemmte sein Zeichenbrett auf einer Kiste fest; er gab dem Jungen eins der Bilderheftchen und drehte ihn zum Licht.

«Zeichnest du beide Füße?»

«Ja, alle Füße.»

«Alle meine Füße?»

Serge, der sehr schlecht, aber unermüdlich las, wechselte oft die Stellung. Seine Füße drehten sich mit, und Jonathan folgte ihnen. Nach einer Stunde hatte er zehn Füße auf seinem Blatt. Alle seine Füße, dachte Jonathan. Er zeichnete mit dem Bleistift, ohne zu verbessern oder zu radieren. Er hätte diese Arbeit mit geschlossenen Augen tun können – das Motiv gehörte seit je zur Ausbildung. Aber es berührte ihn, den akademischen Strich mit Serges Proportionen in Übereinstimmung zu bringen. Das Relief schaffte er durch ein wenig Spiel mit der Dicke des Strichs. Das Weiße der Haut brachte ihn auf den Gedanken, das Blatt zu lavieren, und er staunte über sich selbst: Seit er hier wohnte, hatte er keine Farben mehr angerührt.

Auf dem Aquarell sahen die kindlichen Füße schwerfällig und beweglich zugleich aus. Die echten Füße schimmerten dort hinten ganz in der Nähe eines Brennnesselstrauchs. Manchmal las der Kleine eine Silbe laut, mit tonloser oder nachdrücklicher Stimme.

Jonathan sah sein Blatt beglückt an. Diese Zeichnungen waren nicht von ihm. Heute Morgen hatten das Sonnenlicht und die leichten Wolken aus purem Zufall den aufreizenden Fußabdruck des kleinen Jungen aufs Papier flattern lassen. Er zeigte die Studie Serge, der sich nichts dabei dachte.

«So holst du dir einen Schnupfen», sprach eine harte verschnupfte Stimme. Die Alte war auf den Weg hinausgetreten, und weil der Gartenzaun an dieser Seite unbepflanzt war, konnte sie ihre Neugier befriedigen.

«Sie interessiert sich für dich», sagte Jonathan.

Er zog plötzlich Serge mit den Beinen an sich und küsste ihm lange die Füße. Er leckte ihn auch zwischen den Zehen. Die kleinen Nägel waren schwarz. Der Junge lachte und schrie vor Vergnügen. Er sträubte sich. Das Skizzenblatt fiel auf den Boden, wurde zertreten und zerrissen. Dann ließen sie voneinander ab, und Jonathan und der Junge tauschten schweigend heimliche Blicke. Sie standen auf und gingen ins Haus.

Mit seinen nackten Füßen wirkte Serge tänzerisch, aber auch haltlos und hastig, als er vor Jonathan im Haus verschwand.

 

Serge sprach nie von seinem Vater. Er hieß Simon, und er besuchte ihn ein- oder zweimal im Monat. Jonathan war ihm in Paris manchmal abends begegnet, und sie hatten sich mehr oder weniger sympathisch gefunden. Simon wollte eigentlich Maler oder Bildhauer werden und hatte einen schlichten Job in einem Architekturbüro. Er war ein guter Kerl, nichts Besonderes. Er schien Barbara sehr geliebt und sich nie von ihr gelöst zu haben; aber Barbara fand ihn im Bett und auch sonst einfach nur langweilig.

Trotzdem trafen sie sich von Zeit zu Zeit. Sie redeten belangloses Zeug oder schliefen ein wenig miteinander, oder Simon nahm Serge mit ins Kino oder in den Zoo. Er zahlte Barbara monatliche Alimente für seinen Sohn, für den er kaum mehr als freundliche Gefühle aufbrachte.

In seinem Zimmer in Paris hatte Serge jedoch ein großes Foto von Simon, außerdem eine Pfeife, ein Paar alte Schuhe und eine Jeans voller Farbkleckser. Simon hatte das vor einiger Zeit mitgebracht, um Ausbesserungsarbeiten in Barbaras Wohnung zu machen. All dies lag irgendwo im Zimmer herum, ebenso wie das Spielzeug und Serges eigene Kleidung: Mit sechs Jahren hatte er sich angewöhnt, ständig seine Sachen zu wechseln. Ob echt oder eingebildet, immer kratzte oder zwickte ihn etwas, egal ob Hose, Hemd oder Socke. Er riss sich die Kleidungsstücke wütend vom Leib und probierte neue aus, kippte die Schubläden um, schrie und weinte und beruhigte sich dann wieder. Barbara machten der Lärm und das Durcheinander nichts aus, und sie zuckte nur mit der Schulter. Aber wenn ihre Kontemplations- und Meditationsgruppe zu Besuch kam, mit Räucherstäbchen, grünem Tee und Zen-Handbuch, dann packte sie Serge, ohrfeigte ihn und drohte im bedächtigen Ton:

«Hör mal, Bürschchen, du hörst jetzt besser mit dieser Show auf, klar?»

Ganz verstört kroch der Junge in einen Schrank und weinte. Barbara und ihre Freunde konnten sich nun ihren Übungen in Gleichmut und Gelassenheit widmen.

All das änderte sich, als Jonathan zu Besuch kam. Er wusste nicht, wie man meditiert, und folgte Serge zu seinem Schrank. Was er dort sah, verblüffte ihn: Ganz oben auf einem Brett, hinter unordentlichen Stapeln von Wäsche, saß ein kleines, schluchzendes Tier, unbeweglich, unnahbar und böse. Nur ein Ohr und ein Knie waren zu sehen. Jonathan war erschüttert und völlig ratlos, wie er es wohl zähmen und in die Arme nehmen könne. Mit Tränen in den Augen stand er da und ließ sich betrachten. Plötzlich stieß Serge seinen Schutzwall aus Wäsche um und warf sich Jonathan an den Hals. Später zeigte er ihm, wie er auf diesen Aussichtspunkt hinaufkam; wieder herunterzukommen war jedoch noch schwieriger.

Den Rest des Abends verbrachten sie im Zimmer des Kleinen, so leise, dass Barbara ihre Entspannungsübungen unterbrach, um nachzuschauen, woher so viel Ruhe kam. Die beiden Jungen saßen auf dem Boden; Serge hatte sich auf Jonathan gesetzt und bedeckte seinen Körper vom Schädel bis zum Bauchnabel mit Legosteinen, aus denen er sonst Einfamilienhäuser und Tankstellen baute. Jonathan war zu schüchtern und so sehr von Serges eckigen Girlanden beladen, dass ihm nichts einfiel, was er dazu sagen oder denken sollte. Seit diesem ersten Abend fürchtete er sich sehr. Nach einigen Wochen konnte er nicht länger leugnen, dass Serge ihn liebte, und er selbst fand zu seiner Heiterkeit zurück.

Serge gab sich kindlicher, als er war. Er erwies Jonathan tausend kleine erfundene Gefälligkeiten; als Gegenleistung verlangte er von Jonathan, ihn anzukleiden, ihm die Knöpfe zuzumachen, die Schuhe zu schnüren, ihn auszuziehen, zu waschen, pünktlich von der Schule abzuholen (es war sein erstes Schuljahr), ihn auf der Straße an der Hand zu nehmen, ihn vorher und nachher zu umarmen, ihm beim Lesen und beim Schreiben der einfachsten Buchstaben zu helfen. Er war bei Tisch so ungeduldig und launisch gewesen, dass Barbara es aufgegeben hatte, für ihn zu kochen: Er bediente sich aus dem Kühlschrank, wenn er Hunger hatte. Aber Jonathan hatte Spaß am Kochen, also hatte Serge Spaß am Essen.

Die Zufriedenheit und Geduld, mit der Jonathan all diese Aufgaben erledigte, gingen Barbara auf die Nerven. Sie fand, durch solche Rituale gewöhne sich ihr Sohn schlechte Angewohnheiten an, und sie verhinderte sie, wann immer sie etwas davon mitbekam. Dadurch bekam Serge wieder schlechte Laune: Unordnung, zerbrochene Gegenstände, Geschrei, Flucht in den Wäscheschrank, alles fing von vorne an. In ihrer besonderen Art, Ursache und Wirkung zu verbinden, schloss Barbara daraus, dass Jonathan den Kleinen nervös machte und einen schlechten Einfluss auf ihn hatte. In ihren esoterischen Büchern hatte sie gelesen, dass nicht Jonathans Verhalten schuld daran war, sondern die negativen Wellen, deren Ausstrahlung er nicht kontrollieren konnte. Als Wellen-Experten bestätigten ihre Freunde diese Diagnose:

«Hast recht, was dieser Typ ausstrahlt, das ist unmöglich. Solltest deinen Jungen nicht mit ihm zusammenlassen.»

«Ja, ich fühle es hier, wirklich.»

«Ich glaube eher, weißt du, er hat kein Orgon.»

«Bist du verrückt oder was? Jeder hat ein Orgon.»

«Ja, aber, verstehst du, ich weiß es nicht, weißt du, er empfängt nicht, er verweigert sich, verstehst du ... Ich weiß es nicht ... Aber so viel steht fest, ganz klar.»

 

Es war Simon zu verdanken, dass Serge ein affektierter Vorname erspart geblieben war. Nach seiner Geburt hatte Barbara ihr Baby Sebastian-Casimir oder Gervais-Arthur oder Guillaume-Romuald oder irgendwie nach diesem Schema nennen wollen. Simon hatte mit ungewöhnlicher Energie protestiert, und Barbara hatte nachgegeben: Sie hatten vor zu heiraten und sie hatte andere Sorgen. Serge war der Name von Simons Vater, den er sehr bewunderte.

Barbaras richtiger Vorname war Georgette. Ihre Mutter sprach sie nur mit diesem Namen an, wenn sie in Paris zu Besuch war. Serge hätte sich bei jedem Georgette aus dem Munde seiner Großmutter beinahe in die Hosen gemacht vor Lachen, aber er hielt sich zurück: An diesen Tagen war Barbara besonders wütend, es kam ständig zum Streit zwischen Mutter und Tochter.

In dieser alten Frau fand Jonathan eine Feindin. Sie hatte ihn schon oft bei Serge angetroffen, und das gefiel ihr nicht. Sie kam nach Paris, um sich an dem Kind zu erfreuen. Dieser Rivale verdarb ihr den Spaß. Denn Serge war unmöglich mit seiner Großmutter; er sparte all seine Freundlichkeiten für den schweigsamen jungen Mann auf, der nicht mal Franzose war. Die Alte nahm an, dass Jonathan Serge hätschelte, um mit Barbara zu schlafen. Sie fand das widerwärtig: Ein Kind zu verführen ist einfach zu leicht. Gewiss würde Barbara mitmachen. Die Großmutter war aufgebracht, weil man ihr aus Berechnung ein Vergnügen und ein Recht stehlen wollte, das nur ihr allein gehörte.

Sie wohnte in Péronne. Sie träumte davon, Serge aus Barbaras ungeordnetem Leben herauszunehmen und ihn zu einem Teil ihres Altwitwenlebens zu machen. Sie hatte eine Tochter, einen Sohn, einen Gatten und sechs Hündinnen großgezogen. Die große Zahl von Hunden kam daher, dass sie sie sofort einschläfern ließ, sobald ihr Alter besondere Sorge oder Zärtlichkeit forderte.

Als Serge noch ganz klein war, hatte man ihn ihr manchmal anvertraut. Anstatt dafür zu sorgen, dass er Spielkameraden fand, brachte Barbara ihren Sohn lieber bei anderen Leuten unter. Die Alte setzte Serge ein Strohhütchen auf, überwachte seine Sandkastenspiele, ließ ihn Werbefernsehen anschauen und schenkte ihm ein Zorro-Kostüm mit einer schwarzen Maske und Spielzeugwaffen; sie lehrte ihn die Babysprache, das lispelnde und kreischende Sprechen. Serges Stimme war eigentlich rau; er formulierte nur normale Sätze und keine Töne, wie sie aus dem Bauch einer Puppe kommen. Trotzdem hatte Serge seine Großmutter geliebt: Mit drei oder vier Jahren war er nett, lebhaft und vertrauensvoll und liebte jeden.

Als Serge einmal für längere Zeit als sonst bei ihr gewesen war, begriff Barbara, dass man ihren Sohn dort zu einem Idioten machte. Von nun an schickte sie ihn nicht mehr nach Péronne.

Doch eine Woche reichte aus, und seine tiefe Stimme, sein Lachen und sein Übermut kamen zurück. Dafür lobte ihn Barbara so lange, bis er sich wieder bei ihr eingewöhnt hatte.

In einem feministischen Buch hatte sie gelesen, dass Kinder, sowohl Jungen als auch Mädchen, mit drei Jahren von ihrer Mutter die Nase voll haben. Sie beobachtete ihn und sah, dass es stimmte, aber sie gab sich nicht damit zufrieden: Die Stunde der Erziehung war gekommen.

Die Großmutter hatte so was nie gelesen. Sie tat jedoch, was immer sie konnte, um Serge daran zu hindern, sich seine Freunde selbst auszusuchen. Um nichts anderes ging es in den Streitereien zwischen ihr und Barbara; darauf basierten die Vorstellungen, die Barbara sich über Jonathan und den Rest dieser Welt machte; und das war der Grund, weshalb Serge der Verführung durch die beiden Frauen ein böses Gesicht und geballte Fäuste entgegensetzte; man konnte ihm mit nichts eine Freude machen, außer wenn Jonathan ihn auf den Schultern durch die Straßen trug. Wenn die Großmutter sich stark genug fühlte, ging sie mit ihnen. Wenn Jonathan ihn gut an den Schenkeln festhielt, nutzte Serge die Gelegenheit, richtete sich auf und tat so, als lasse er sich fallen. Schließlich sprang er wirklich: Bevor er den Boden berührte, schnappte Jonathan ihn und klemmte ihn sich unter den Arm; er beneidete den Jungen um seinen Mut und drückte ihn fest an sich. Die Großmutter schaute weg, redete von gebrochenen Beinen und von dem Eisverkäufer dort drüben, und ihre steifen Finger zitterten.

«Ich komme wieder, um ihn zu begraben», sagte Jonathan, das Gesicht voll Tränen und mit schmutzigen Fingern.

ÜBER DEN AUTOR

Tony Duvert (Jg. 1945) führte ein ruheloses Leben. Mit zwölf Jahren wurde er wegen homosexueller Kontakte der Schule verwiesen, lief von zu Hause fort und unternahm einen Selbstmordversuch. Später wurde er ein hervorragender Schüler, der nach dem Abitur zunächst Maler werden wollte, bevor er zu schreiben begann. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane, Essays und Gedichtbände; mit seinem fünften Roman, Paysage de fantaisie (1973), gelang ihm der Durchbruch und er erhielt den Prix Medicis. Das Preisgeld ermöglichte ihm eine Reise nach Marokko; die Erlebnisse dort verarbeitete er im Journal d’un innocent (1976). Der Roman Als Jonathan starb wurde von einer Urlaubsreise inspiriert, die er mit einem verwahrlosten Jungen unternahm. Es ist seine einzige Übersetzung in die deutsche Sprache.

In den 1980er Jahren geriet Duvert in Vergessenheit; er zog sich in ein kleines Haus auf dem Land zurück, wo er im Juli 2008 tot aufgefunden wurde.

IMPRESSUM

Titel der Originalausgabe: «Quand mourut Jonathan»

© Les Editions de Minuit 1978

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet die Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.ddb.de abrufbar.

Tony Duvert: Als Jonathan starb

Aus dem Französischen von Joachim Bartholomae nach einer Vorlage von François Pescatore

© Männerschwarm Verlag, Hamburg 2011

Umschlaggestaltung: Carsten Kudlik, Bremen

Covermotiv: «Simon (verlegen)», © Georg Weise, Berlin, fotografiert von Tom Große, Berlin

Ebook-Ausgabe 2011

ISBN 978-3-86300-020-2

ISBN der Buchausgabe:

978-3-939542-59-9

Männerschwarm Verlag

Lange Reihe 102 – 20099 Hamburg

www.maennerschwarm.de

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