Als Jonte verschwunden war ... - Louisa Rosenhagen - E-Book

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Louisa Rosenhagen

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Beschreibung

Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. »So, Frau Senne, dann bekomme ich bitte dreiundvierzig Euro und sechzehn Cent von Ihnen.« Die Sprechstundenhilfe schob die Rechnung des Tierarztes für die Impfung einer Katze über den Tresen zu einer älteren Frau hinüber. Diese zückte mit einem halb liebevollen, halb resignierten Seufzer ihr Portemonnaie. »Na ja, dann haben wir jetzt erst mal für ein Jahr Ruhe«, entgegnete sie. Undine Passauer, die junge Frau hinter dem Tresen, nickte verständnisvoll. Sie wusste, dass es nicht allen Besitzern von geliebten Tieren leichtfiel, die Rechnungen des Arztes zu bezahlen, wenn teure Behandlungen oder Impfungen anstanden. Noch ein freundlicher Gruß an Frau Senne und ihre prächtige norwegische Waldkatze »Harvest«, und Undine Passauer beugte sich wieder über ihre Papiere. Bald war Praxisschluss; es saßen nur noch eine junge Frau mit zwei Zwergkaninchen und ein älterer Mann mit einem seidigen Spaniel im Wartezimmer. Sie kannte sowohl die Tiere als auch deren Besitzer und wusste, dass es sich heute nur um Routineangelegenheiten handelte. Jetzt noch rasch die angefangene Liste mit den Medikamenten vervollständigen, und dann war auch schon bald Feierabend. In ihre Arbeit vertieft, hörte Undine nur mit halbem Ohr, dass die Eingangstür geöffnet wurde und sich leichte, schnelle Schritte in den Raum bewegten. Sie blickte erst auf, als eine raue Kinderstimme sagte: »Ich bin Jonte. Kannst du mir helfen?« Vor ihr stand ein kleiner Junge, schätzungsweise fünf Jahre alt. Blonde Strubbelhaare über einem ernsten, nicht so ganz sauberen Kindergesicht. Leuchtende Blauaugen hinter einer runden Brille mit roten Metallbügeln. Ringel-Shirt und Jeans mit Loch auf dem Knie und Tendenz zum Rutschen. Undine begegnete dem Blick des Kleinen, einer Mischung aus Angst und Tränen und grenzenlosem Vertrauen, und war verloren.

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Seitenzahl: 120

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Mami – 2080 –Als Jonte verschwunden war ...

Unveröffentlichter Roman

Louisa Rosenhagen

»So, Frau Senne, dann bekomme ich bitte dreiundvierzig Euro und sechzehn Cent von Ihnen.« Die Sprechstundenhilfe schob die Rechnung des Tierarztes für die Impfung einer Katze über den Tresen zu einer älteren Frau hinüber. Diese zückte mit einem halb liebevollen, halb resignierten Seufzer ihr Portemonnaie. »Na ja, dann haben wir jetzt erst mal für ein Jahr Ruhe«, entgegnete sie. Undine Passauer, die junge Frau hinter dem Tresen, nickte verständnisvoll. Sie wusste, dass es nicht allen Besitzern von geliebten Tieren leichtfiel, die Rechnungen des Arztes zu bezahlen, wenn teure Behandlungen oder Impfungen anstanden. Noch ein freundlicher Gruß an Frau Senne und ihre prächtige norwegische Waldkatze »Harvest«, und Undine Passauer beugte sich wieder über ihre Papiere. Bald war Praxisschluss; es saßen nur noch eine junge Frau mit zwei Zwergkaninchen und ein älterer Mann mit einem seidigen Spaniel im Wartezimmer. Sie kannte sowohl die Tiere als auch deren Besitzer und wusste, dass es sich heute nur um Routineangelegenheiten handelte. Jetzt noch rasch die angefangene Liste mit den Medikamenten vervollständigen, und dann war auch schon bald Feierabend.

In ihre Arbeit vertieft, hörte Undine nur mit halbem Ohr, dass die Eingangstür geöffnet wurde und sich leichte, schnelle Schritte in den Raum bewegten. Sie blickte erst auf, als eine raue Kinderstimme sagte: »Ich bin Jonte. Kannst du mir helfen?«

Vor ihr stand ein kleiner Junge, schätzungsweise fünf Jahre alt. Blonde Strubbelhaare über einem ernsten, nicht so ganz sauberen Kindergesicht. Leuchtende Blauaugen hinter einer runden Brille mit roten Metallbügeln. Ringel-Shirt und Jeans mit Loch auf dem Knie und Tendenz zum Rutschen. Undine begegnete dem Blick des Kleinen, einer Mischung aus Angst und Tränen und grenzenlosem Vertrauen, und war verloren. Wenn es jemals die berühmte Liebe auf den ersten Blick gegeben hat, dann zwischen ihr und diesem kleinen Jungen. Er wirkte so offen und verletzlich und gleichzeitig stark und entschlossen, dass Undine gar nichts mehr tun konnte: ihr Herz flog ihm ganz einfach zu.

In den Armen hielt Jonte einen kleinen, sehr jungen Hund, der aus einer Wunde an der Flanke blutete. Das Tierchen zitterte und winselte ab und zu kläglich. Undine sprang auf und ging rasch um den Tresen herum zu dem Kind und dem Welpen.

»Was ist denn mit deinem Hund passiert?«, fragte sie, während sie mit einem raschen, fachkundigen Blick den Zustand des kleinen Patienten einzuschätzen versuchte.

»Das ist nicht mein Hund«, sagte Jonte, »den hab’ ich eben gefunden, draußen an der Landstraße. Er hat gejammert und geweint, aber ganz leise, fast hätte ich ihn nicht gehört. Als ich ihn auf den Arm genommen habe, hat er geschrien. Ich wollte ihm doch nicht wehtun! Aber er braucht doch Hilfe, siehst du? Er blutet! Ist es schlimm?« Voller Angst schauten die Kinderaugen zu ihr auf. Undine musste sich zusammenreißen, um jetzt professionell zu bleiben. »Wir werden gleich wissen, was mit dem Tierchen ist«, sagte sie ruhig und wandte sich mit einem entschuldigenden Lächeln an die noch Wartenden. »Ein Notfall, ich bitte um Ihr Verständnis!« Die anderen nickten; sie hatten selbst Tiere und wussten um die Nöte eines leidenden Vierbeiners.

Undine brachte Jonte und den Welpen in einen freien Behandlungsraum, signalisierte ihrem Chef »Notfall« und legte den Hund behutsam auf den Untersuchungs-tisch. Das Tier winselte, als es aus Jontes Armen genommen wurde und nicht mehr dessen Körperwärme spürte. Neben der offensichtlichen Verletzung wirkte der Hund unterernährt und vernachlässigt. Undine wagte gar nicht daran zu denken, woher er stammte und was mit seinen Wurfgeschwistern geschehen sein mochte. Sie nahm Jontes Hand und führte sie an das Gesicht des Tieres. »So«, sagte sie leise, »jetzt weiß er, dass du da bist, und muss nicht mehr so furchtbar viel Angst haben.« Dankbar schaute der kleine Junge sie an und konzentrierte sich dann wieder ganz auf das Tierchen, das unter dem Einfluss seiner direkten Nähe tatsächlich ruhiger wurde. Dann kam Dr. Thomas Sander und untersuchte unter Jontes todernstem Blick das jammernde Tier. Der Arzt zog eine Spritze auf und zeigte sie dem Jungen. »Das hier ist etwas gegen die Schmerzen, das geben wir dem Kleinen erstmal, damit es nicht mehr weh tut, siehst du? Leg’ doch bitte wieder deine Hand an sein Gesicht, dann findet er den Piekser nicht so schlimm.« Das Spritzen war in Sekundenschnelle erledigt, und danach führte Thomas Sander ein längeres Gespräch mit dem kleinen Jungen.

»Zuerst einmal: schnauf mal tüchtig durch, mein Kleiner, so schlimm ist es gar nicht mit deinem Hund! Er hat diese Verletzung an der Seite, die muss ich säubern und nähen, und dann ist sein einer Hinterlauf ausgekugelt, den muss ich wieder einrenken. Das ist alles nicht ganz so lustig, deshalb schicken Frau Passauer und ich den Hund gleich ein bisschen schlafen, verstehst du? Weißt du denn schon, was eine Narkose ist?« Jonte nickte ernsthaft. »Sehr schön. Wir richten ihn also wieder her, den kleinen Findelhund, er bekommt noch ein paar Medikamente und vor allem viel zu trinken. Heute Nacht muss er hier bei uns schlafen, damit wir kontrollieren können, wie es ihm geht, und morgen kannst du ihn wieder abholen. Na, hört sich das gut an?« Jonte nickte erleichtert, aber immer noch mit einem Rest von Skepsis. Würde er denn wirklich wieder gesund werden? Dürfte er bei der Operation mit dabei sein? Hätte der Hund hinterher noch starke Schmerzen? Geduldig und einfühlsam beantwortete der Tierarzt die Fragen des Kindes, und dann zeigte Undine dem kleinen Jungen die Box unter der Wärmelampe, wo der Hund die Nacht verbringen konnte.

»Ich hab’ eine Idee«, sagte sie. »Hast du noch etwas anderes zum Überziehen mit?« Jonte zerrte aus seinem kleinen Rucksack ein Sweatshirt hervor. »Prima«, sagte Undine. »Dann zieh doch mal dein T-Shirt aus und leg es in die Box. Wenn dein Hund nachher hier hereinkommt, dann riecht es nach dir, und er fühlt sich nicht einsam. Du kannst ja dein Sweatshirt auf dem Nachhauseweg anziehen. Und falls deine Mama schimpft, weil du dein Shirt hiergelassen hast und ein Hundebaby darauf schläft, sag ihr bitte, dass sie es gewaschen wiederbekommt!« Und von mir aus auch gebügelt, fügte sie in Gedanken hinzu.

Sorgfältig polsterte Jonte die Box mit seinem T-Shirt aus. »Ich hab’ keine Mama«, sagte er ernsthaft. »Papa und ich sind alleine. Aber Oma und Opa sind da.« Zufrieden zupfte er noch eine Ecke zurecht. Undine schaute auf den schmalen Kinderkörper, der so zerbrechlich wirkte, und hätte am liebsten das Sweatshirt genommen, um dieses fremde Kind warm und gut darin einzuhüllen.

Sie riss sich zusammen. »So, Jonte, jetzt sagst du deinem Hund auf Wiedersehen, und dann musst du gehen. Dr. Sander und ich kümmern uns gut um ihn. Wir sehen uns morgen wieder, in Ordnung?«

Die blauen Augen schauten sie eindringlich an. Jetzt werde ich gewogen, dachte Undine, gewogen – und zu leicht befunden? Doch der Kleine nickte und entblößte beim Lächeln eine anrührende Zahnlücke. »In Ordnung. Ich glaube dir, dass er wieder gesund wird! Morgen nach dem Kindergarten komme ich ihn abholen.« Entschlossen zerrte Jonte seinen Pulli über den Kopf, schulterte den Rucksack und marschierte mit einem kurzen Winken hinaus. Undine schwirrte der Kopf, mehr noch allerdings das Herz. Jetzt musste sie bei der OP eines Hundes assistieren, dessen Herrchen noch in den Kindergarten ging; sie kannte den Vater nicht und wusste nicht, was der zu einem Hund sagen würde, den sein Sohn adoptiert hatte. Ganz zu schweigen von allen Kosten und einem Kinderkleidungsstück, das sie einfach zu einer Welpenschmusedecke gemacht hatte. Nein, Routine konnte man das nun wirklich nicht nennen, was gegen Ende dieses Arbeitsalltags auf sie zugekommen war!

*

Jetzt war Feierabend und alles gut überstanden. Der Hund schlief tief und ruhig in seiner Box, die Dr. Sander im Auge behielt. Seine Praxis- und Wohnräume befanden sich unter einem Dach, und es war nicht das erste Mal, dass seine Diele zu einem Aufwachraum wurde.

Undine Passauer bewohnte nicht weit von der Praxis entfernt in einer ruhigen Seitenstraße eine Zweizimmerwohnung. Sie lag über einem Buchgeschäft, und der Wohn- und Schlafraum hatten einen Balkon, von dem sich ein Ausblick auf den Stadtpark bot. Normalerweise saß Undine gerne bis in die Nacht hier draußen und hing ihren Gedanken nach oder führte lange Gespräche mit guten Freunden. Aber heute konnte sie nicht still sitzen bleiben. Ruhelos wanderte sie durch ihre kleine Wohnung, nahm dieses oder jenes zur Hand, legte es fort, strich geistesabwesend über die Fotos, die auf ihrem Sekretär standen. Und so rast- und ziellos, wie sich ihre Hände und Füße bewegten, liefen auch ihre Gedanken auf verschlungenen Pfaden durch Gegenwart und Vergangenheit.

Dieser kleine Junge mit seinen klaren blauen Augen und der rauen Stimme hatte ihr Herz berührt und etwas angestoßen, das sonst unter einer glatten, ruhigen Oberfläche unter Verschluss gehalten wurde: Einsamkeit und die Sehnsucht nach einer eigenen Familie.

Undine war jetzt Mitte dreißig und seit über zehn Jahren Witwe. Sie hatte jung geheiratet und war ihrem Mann aus der ländlichen Umgebung Norddeutschlands in die Millionenstadt Berlin gefolgt, wohin ihn sein Beruf verschlug. Sebastian und sie liebten sich sehr, waren jung und unternehmungslus­tig und fanden durch die Kollegenkreise auch schnell neuen Anschluss. Dennoch hatte Undine sehr schnell gemerkt, dass die Großstadt mit all ihren vielfältigen, teuren Vergnügungen und Ablenkungen, dem Verkehrsaufkommen, dem lauten, teilweise arroganten Auftreten ihrer Einwohner nicht wirklich ihrem Lebensgefühl entsprach. Sie war an der Nordseeküste aufgewachsen, in einem Dorf bei Husum, in einer altmodischen Großfamilie mit Eltern, Großeltern und Geschwistern. Die meisten neuen Kontakte, die sie in Berlin schloss, blieben oberflächlich. Und wie sie die Natur vermisste! Den weiten Himmel, das flache grüne Land, den Wind und den Geruch nach Salz und Meer und sonnenbeschienenen Heckenrosen! Sebastian und sie sahen wohl die Schönheiten, die Berlin und sein Umland zu bieten hatten, richtig heimisch wurden sie hier aber nicht. Sie sahen die Jahre in Deutschlands neuer Hauptstadt als eine Übergangszeit an, die sie irgendwann wieder in den Norden führen würde. Und in den Norden sollte sie das Schicksal auch sehr bald wieder bringen, allerdings ganz anders als gedacht …

Nie würde Undine den Tag vergessen, an dem der Personalchef von Sebastians Firma anrief und seinen Besuch ankündigte. Die Stimme, die so seltsam unsicher klang. Das Gespräch mit ihm und einer Kollegin, das dann folgte. Den einen Satz, so sinnlos, so grauenhaft falsch, so ganz und gar unvorstellbar: »Frau Passauer, Ihr Mann ist heute Nachmittag in der Firma ganz plötzlich gestorben!« Ihr Leben brach entzwei; mit jedem Wort, das diese Fremden zu ihr sagten, ein bisschen mehr, und ließ sie in einem luftleeren Raum zurück, wo es kein Oben und kein Unten mehr gab. Wie viele unendliche Stunden dieser Zustand anhielt, konnte sie nicht sagen. Dann klingelte es wieder. Sie schleppte sich zur Tür, und dann waren da Arme, die sie hielten, und die liebste Stimme der Welt, die immer wieder flüsterte: »Kleine, meine Kleine.« Ihre Mutter war gekommen.

Eva Johanson holte ihre Tochter und deren Mann zur Beerdigung nach Hause. Familie und alte Freunde halfen Undine durch diese dunklen Zeiten, blieben bei ihr, wenn der Schmerz zu groß wurde, trösteten, wenn sie glaubte, untröstlich zu sein. Die Wohnung in Berlin wurde aufgelöst, ohne dass Undine sich darum kümmern musste, und ihr Arbeitsvertrag gekündigt. Ein Leben ohne Sebastian lag vor ihr und war ganz und gar unvorstellbar.

Aber Wochen wurden zu Monaten, Monate zu Jahren, und das Leben nahm seinen Fortgang. Ein ganz anderes Leben zwar, aber immerhin doch etwas, das Schritt für Schritt aus lähmender oder wütender Trauer hinausführte. Dem ers­ten, zaghaften Lachen folgte ein erwachendes Interesse an der unmittelbaren Umgebung. Es gab den ers­ten Kinoabend mit Freundinnen, die erste Geburtstagseinladung ohne Sebastian, einen ersten Urlaub ohne Ehemann. Undine begann, sich nach beruflichen Möglichkeiten umzusehen, und fand eine Stelle beim Tierarzt Dr. Sander. Es folgte der Umzug aus dem schützenden Elternhaus in eine kleine Wohnung in Husum. Es kamen Fortbildungen und erweiterte berufliche Möglichkeiten.

Undines Leben gewann im Laufe der Jahre nicht nur wieder an Kontur, sondern auch an Farbe. Es gab neben interessanter Arbeit auch entspannte Freizeit, Lachen und unersetzliche Gespräche mit Freun­dinnen, gemütliches Zusammensein mit der Familie und auch einige Begegnungen mit Männern. Zweimal waren ein Anflug von Herzklopfen und Schmetterlinge im Bauch zu spüren gewesen, die sich aber wieder verflüchtigten, ehe aus einer vorübergehenden Intimität etwas Tiefergehendes hatte werden können.

Den Kinderwunsch, der bei Undine immer vorhanden gewesen war, hielt sie streng unter Verschluss. Jetzt hatte ein Blondschopf mit Brille und heiserer Kleine-Jungs-Stimme die Tür zu der geheimen Herzenskammer weit geöffnet.

Lange noch stand Undine Passauer in dieser Nacht am Fenster und schaute auf den Park und die schlafende Stadt hinaus.

*

Am anderen Morgen stürzte gleich bei Praxisöffnung ein kleiner Junge auf Undine zu: »Morgen! Wie geht es ihm? Kann ich zu ihm? Bitte, bitte!« Alles in einem Atemzug und mit einem Ausdruck kaum noch erträglicher Spannung in dem runden Kindergesicht. Undine lachte vergnügt, griff nach der Hand des Kleinen und sagte: »Morgen, Jonte. Dann komm mal mit und guck dir deinen Freund an!« Sie führte den Jungen in den Raum, in dem die Box jetzt stand, und beobachtete voller Freude, wie sich das Kind und der Welpe, dem es deutlich besser ging, begrüßten. Strahlend schaute Jonte sie an, und sie konnte die Felsbrocken, die sich von dem angsterfüllten Kinderherzen lösten, förmlich zu Boden poltern hören: »Es geht ihm wieder viel besser!«

»Ja, Jonte, das tut es, und in ein paar Tagen ist er wieder ganz gesund und kräftig und kann mit dir durch die Gegend rennen.« Von draußen erklang ein kurzes Hupsignal, und Jonte stand gehorsam auf. »Das ist mein Papa. Ich musste versprechen, nur ganz kurz hierzubleiben. Papa muss zur Arbeit und ich in den Kindergarten. Heute Nachmittag kommen wir beide wieder.« Der Kleine drückte noch einen zärtlichen Kuss auf das Hundeköpfchen und trabte hinaus.

»He, Jonte«, rief Undine ihm hinterher, »wie heißt dein Hund eigentlich?«

»Karlchen!«, klang es fröhlich zurück, und dann fuhr das Auto auch schon ab.

Der Arbeitstag mit seiner üblichen Routine neigte sich seinem Ende zu, als Jonte wieder in die Praxis gestürmt kam. Undine winkte ihn lächelnd nach hinten durch und blieb noch kurz vor dem Schrank mit Futterproben stehen, in den sie etwas einsortieren wollte. Dem Eingangsbereich hatte sie den Rücken zugedreht.

»Guten Abend«, sagte eine sehr tiefe Männerstimme hinter ihr.