Als nur die Tiere lebten - Zsófia Bán - E-Book

Als nur die Tiere lebten E-Book

Zsofia Ban

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Beschreibung

Am Strand von Rio de Janeiro wird die kleine Anna im Getümmel von ihrer Mutter getrennt. Als das Mädchen sie nach kurzem albtraumhaften Verlorensein erleichtert am Wasser stehen sieht und sich ihr von hinten nähert, hört sie, wie die Mutter ein verzweifeltes »Sogar hier … sogar hier!« vor sich hinmurmelt. Was diese Worte bedeuten, vor allem aber wer ihre Mutter war, die sieben Sprachen sprach, aber mit ihrem Kind in keiner einzigen reden konnte, das begreift die Fotografin Anna erst Jahrzehnte später – als sie in einer Versuchsstation in der Antarktis das Naturphänomen des »White-out« aufnimmt, das alles verschluckende Weiß. Und Zsófia Bán ist eine so raffinierte Autorin, dass ihr Text in seinem Verlauf die traumatische Wahrheit eines Lebens allererst zu Tage zu fördert, die Erinnerung sich gleichsam im Augenblick des Erzählens ereignet. Emigration, Entwurzelung, der brutale Riss, der ein Leben in ein Davor und Danach teilt − diese Erfahrungen bilden das Gravitationszentrum der fünfzehn Geschichten des Bandes.

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Am Strand von Rio de Janeiro wird die kleine Anna im Getümmel von ihrer Mutter getrennt. Als das Mädchen sie nach kurzem albtraumhaftem Verlorensein erleichtert am Wasser stehen sieht und sich ihr von hinten nähert, hört sie, wie die Mutter ein verzweifeltes »Sogar hier … sogar hier noch!« vor sich hin murmelt. Was diese Worte bedeuten, vor allem aber wer ihre Mutter war, die sieben Sprachen sprach, aber mit ihrem Kind in keiner einzigen reden konnte, das begreift die Fotografin Anna erst Jahrzehnte später – als sie in einer Versuchsstation in der Antarktis das Naturphänomen des White-out aufnimmt, das alles verschluckende Weiß. Und Zsófia Bán ist eine so rafinierte Autorin, dass ihr Text in seinem Verlauf die traumatische Wahrheit eines Lebens allererst zu Tage fördert, die Erinnerung sich gleichsam im Augenblick des Erzählens ereignet. Emigration, Entwurzelung, der brutale Riss, der ein Leben in ein Davor und ein Danach teilt – diese Erfahrungen bilden das Gravitationszentrum der fünfzehn Geschichten des Bandes.

 

Zsófia Bán, 1957 in Rio de Janeiro geboren, aufgewachsen in Brasilien und in Ungarn, ist eine namhafte Kunst- und Literaturkritikerin. Sie hat in Filmstudios gearbeitet, war Ausstellungskuratorin und lehrt Amerikanistik in Budapest. Ihr erstes literarisches Werk, Abendschule, erhielt 2008 den Attila-József-Preis und erschien 2012 auf Deutsch: »Ein überraschend reifes und atmosphärisch dichtes Debüt, das von Terézia Mora in funkelndes Deutsch übertragen wurde.« (FAZ)

 

Terézia Mora, 1971 in Sopron/Ungarn geboren, lebt seit 1990 in Berlin. Als Schriftstellerin (Seltsame Materie, 1999, Alle Tage, 2004, Der einzige Mann auf dem Kontinent, 2009) und als Übersetzerin aus dem Ungarischen, vor allem der Werke Péter Esterházys, wurde sie vielfach ausgezeichnet. Für ihren Roman Das Ungeheuer erhielt sie den Deutschen Buchpreis 2013.

Zsófia Bán Als nur die Tiere lebten

Aus dem Ungarischen von Terézia Mora

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Suhrkamp Verlag

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

Amikor még csak az állatok éltek im Verlag Magvető, Budapest

Die Autorin dankt dem Literarischen Colloquium Berlin für die Unterstützung ihrer Arbeit an diesem Buch.

 

 

 

 

 

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2014

Erste Auflage 2014

Copyright © Bán Zsófia, 2012

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2014

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner

Umschlagfoto: Eberhard Grames

 

eISBN 978-3-518-73744-6

www.suhrkamp.de

Inhalt

Frau Röntgens Hand

Armani und die Liebe

Kurze Geschichte der Fotografie

Ein Abend ohne Erika

Drei Versuche mit Bartók

Das Museum der Dinge

Fleisch

Las Meninas

Gift

Venus-Transit

Imaginäres Eden

Matrix

Keep in touch

Wir rennen in die Revolution

Als nur die Tiere lebten

 

Für Kati

 

»Liebe ist Heimweh«

(Freud)

Frau Röntgens Hand

Anna Bertha!, rief Wilhelm.

Anna Bertha!

Keine Antwort.

Mein Gott. Diese Frau ist einfach nirgends zu finden.

Diese Frau ist einfach nirgends.

So dachte Wilhelm bitter. Sie gehorcht nicht den Gesetzen der Physik. Und die Gesetze der Physik, das bin ich. Ich.

Die Gesetze der Physik gehorchen mir.

(»Sitz!«)

Alles, die Logik, die Systeme, die Regeln ja, nur Anna Bertha, sie gehorcht mir nicht. Wenn ich ihr Gesicht zu betrachten versuche, verblasst sie auf der Stelle und verschwindet. Wenn ich sie fassen will, rutschen mir Fleisch und Knochen aus der Hand und verschwinden im Nichts. Husch. Gewonnen-zerronnen Anna Bertha. Das also wäre meine bessere Hälfte.

Die Hälfte von etwas, auch die bessere, das macht fünfzig Prozent. Meine Frau ist meine Hälfte, fünfzig Prozent von mir. Einen überwiegenden Teil des Tages habe ich keine Ahnung, wo sich 50 % von mir befinden, was sie machen. Ist das nicht leichtsinnig? Ist es nicht unverantwortlich, sie so loszulassen?! Sie entgleitet meiner Kontrolle, wie ein glitschiger Fisch. Dabei ist Anna Berthas Körper nicht glitschig. Anna Berthas Körper … nun, wie ist er? Obwohl Anna Berthas Körper nicht glitschig ist, entgleitet er dennoch meiner Kontrolle. Sie entzieht sich, sozusagen. Anna Berthas Körper existiert unabhängig von mir. Lebt unabhängig von mir in die Welt hinein, lässt es sich gut gehen. Unabhängig von mir schaut sie, tastet sie, greift sie, liest sie, isst sie, leckt sich den Mund, wobei ihre Zunge nur für einen Augenblick hervorschießt, wie die der Eidechse beim Verschlingen eines Insekts, gleich saugt sie sie wieder ein, in ihren weichen, feuchten, dunklen Mund, der mit nicht zu vernachlässigenden 98,9 % meines Körpers auf eine Weise verschmelzen kann, wie es sämtlichen Gesetzen der Physik vollkommen widerspricht. Wenn das geschieht, hört die Gravitation auf zu existieren, mein Körper selbst hört auf zu existieren. Ohne Ausdehnung schwebe ich im Universum, wie in einem leichten Liquid. Alles wird flüssig, homogen, es gibt keine Konturen, keine Grenzen, doch auf einmal geht von diesem gleichförmigen, kosmischen Schweben eine Art seismische Urbewegung aus, eine langsame Wellenbewegung, ein Aufbäumen, das heranzunahen und anzuwachsen scheint, und wenn es schon so nah ist, dass es sich mit seiner riesigen Masse über mir erhebt wie eine monströse Springflut, werde ich vom Scheitel bis zur Sohle von einer Urexplosion erschüttert, so dass ich in meine Elementarteilchen zerfalle und den Gesetzen der Physik widersprechend auseinanderströme, ins Weltall hinein, während etwas, das Ich ist, all dies dennoch wahrnimmt. Als erlebte ich meinen eigenen Tod. Und als wäre gerade dies das größte Geschenk, dass Anna Berthas Existenz mir etwas gibt, das einem sonst nicht gewährt wird, ein Erlebnis, das uns gehört, ohne dass es Teil unseres eigenen Lebens wäre, das uns gehört, ohne dass wir in der Lage wären, es zu besitzen, denn es gehört immer dem Anderen, dem nämlich, der es sieht, dem, der es weiß, dem, der es erzählt, es aufschreibt, dokumentiert und archiviert. Und dennoch. Was Anna Bertha, dem Gefühl der völligen Auflösung widersprechend, mit ihrem glitschigen, weichen Mund, ihren heiß verschmelzenden Fingern gibt, ist etwas, das mir gehört, nur mir und so sehr mir, in einem Maße mir, dass ich mit jeder meiner Nervenfasern ausschließlich daran denken kann, wann es sich wohl wiederholen wird. Wieder und wieder, bis zum Ende der Zeiten. Denn im Vergleich dazu ist alles andere ein ausgekühlter und versteinerter Lavastrom, der jeden lebenden Organismus erstickt und unter sich begräbt, die Wissenschaft hört auf zu existieren, ein jedes weltliches Wissen hört auf zu existieren, und Wilhelm, sagte ich eines Morgens zu mir, nachdem es mir nach Stunden in Trance gelungen war, meine im Zimmer überall verstreut liegenden Teile einzusammeln und neu zusammenzusetzen, das kannst du dir nicht erlauben. Du hast dich der Wissenschaft verschrieben, und das Versprechen, das du einer Frau gegeben hast, kann dieses Versprechen nicht auslöschen.

An jenem kühlen Oktobermorgen nahm ich mir also vor, dass ich, ohne den Schwur, den ich meiner Frau gegenüber geleistet habe, aufzukündigen, alles tun werde, um dieses Gefühl von mir fernzuhalten. Aber ich verstand auch, dass ich dazu Anna Bertha selbst fern von mir halten musste. Wir werden zusammenleben, aber in zwei verschiedenen Welten. Und wenn der Preis dafür ist, dass mir niemals ein Nachkomme geboren werden wird, dann werde ich diesen Preis entrichten. Denn wenn ich zulasse, dass mich dieses unwiderstehliche Strahlen ihres Wesens lähmt, dann bin ich ein verlorener Mann. Dann bin ich nicht Herr, weder über mich selbst noch über mein Weib, dann wird mich die Wissenschaftsgemeinde ausschließen, und ich kann, begleitet von den vernichtenden Blicken Professor Zehnders und seiner Entourage, vor mich hinkrepeln und infolgedessen kann ich meine Familie, meine Frau und mich selbst nicht ernähren und werde mittellos, namenlos und krank sterben müssen, ohne dass ich wenigstens das eine Geheimnis hätte lösen können, was dieses geheimnisvolle Strahlen ist, das von einem Körper zum anderen dringt, noch bevor sie sich berührt haben, was diese durchdringende Kraft ist, dieser Blick, der macht, dass ich vor ihr stehe, als hätte man mir das Fleisch von den Knochen entfernt, als würde ich, bis aufs Skelett entblößt, fröstelnd von einem Fuß auf den anderen treten, dieses Unwissen ist es, das am meisten an mir zehrt, mich demütigt und ins Verderben treibt, denn wo es eine so starke Ausstrahlung gibt, da muss es auch eine physikalische Erklärung dafür geben. Wir sind seit dreiundzwanzig Jahren verheiratet. Seit fünfzehn Jahren halte ich, in der Hoffnung auf klare Sicht, Distanz. Dennoch, wie ich traurig anmerken muss, die Erklärung für diese Ausstrahlung, das heißt, das Wesen derselben, ist für mich immer noch x, also unbekannt.

Nun muss ich aber sofort mit ihr sprechen, ich muss Anna Bertha finden, wo auch immer sie sei, denn, ich spreche es mit Furcht aus, es scheint so, als hätte unser gemeinsames Bemühen, Distanz zu halten, endlich ein Ergebnis hervorgebracht. In den letzten Tagen habe ich im Laboratorium etwas beobachtet, etwas bis dahin nie Dagewesenes, eine fluoreszierende Erscheinung, die beim Aussenden von Kathodenstrahlen entstanden und auf ein Stück Karton projiziert worden war, und einmal, als ich versuchte, den Strahl mit verschiedenen Materialien aufzufangen, ihn quasi in die Falle zu locken, schien es mir, gütiger Gott verlass mich nicht, als hätte ich im projizierten Bild mein eigenes Skelett aufblitzen sehen. Doch darüber schweige ich vorerst noch tief. Sollte sich herausstellen, dass mir lediglich die eigene Phantasie einen Streich gespielt hat, wäre meine wissenschaftliche Reputation ebenso wie der allgemeine Glauben daran, dass ich bei klarem Verstand sei, ein für alle Mal zerstört. Und da ich die Quelle des Strahls oder der Strahlung nicht kenne, habe ich diese in meinem Notizheft mit einem x markiert. Und in dem Moment, da ich das x notiert hatte, verließ meine Beine plötzlich die Kraft, das Blut entwich meinem Kopf, und ich glaube, für ein paar Minuten habe ich auch das Bewusstsein verloren. Denn was ich herausgefunden habe, hätte ich niemals, in keinerlei wissenschaftlicher Veröffentlichung auseinandersetzen, niederschreiben oder vortragen können, ohne mein Ansehen zu verlieren, dass nämlich dieses x, also die unbekannte Strahlung, ihre Quelle allem Anschein nach in Anna Berthas Wesen hat und sich über die Jahre mit zäher Arbeit nach und nach durch sämtliche Räume unseres nicht gerade klein dimensionierten Hauses gearbeitet hatte, aus dem Schlafzimmer ins Badezimmer, von dort aus in den Salon, dann in die Gästezimmer, in die Bibliothek, ins Musikzimmer, in die Küche, in die Waschküche, ja, sogar durch die Dienstmädchenzimmer hindurch bis in die schreckliche Vorratskammer, sie ging durch sämtliche Ecken und Enden unseres Hauses, bis sie schließlich am entferntesten Punkt angelangt war, wo ich mein Laboratorium eingerichtet hatte und wo ich dieses Jahr, Anfang November 1895, die unbekannte Strahlung wahrgenommen und mich daraufhin wochenlang eingeschlossen hatte. Doch Anna Bertha gelang es trotzdem, mich aufzuspüren.

Noch aber war es ihr nicht erlaubt, bei mir einzutreten, obwohl ich selbst an nichts anderes mehr denken konnte, als daran, wann ich wieder in ihrer Nähe sein durfte, wann sich das wiederholte, wonach ich mich sehnte und das ich zugleich fürchtete, denn es ist nichts für diese Welt, zumindest nichts für die Welt, die ich mir zugewiesen habe, das, was mein Fleisch auflöst und davonstiehlt, so dass nichts mehr von mir übrig bleibt außer einem klappernden Haufen Knochen. Ich hätte der Strahlung also den Namen Anna-Bertha-Strahlung geben müssen, aber wer, der etwas bewandert ist in der wissenschaftlichen Welt, wüsste nicht, dass ich mir nur höhnisches Gelächter damit eingehandelt hätte – man hätte meinen Namen für immer aus dem Großen Buch der Wissenschaft getilgt. So firmierte sie in meinen Aufzeichnungen weiterhin unter dem Namen X (wobei der Großbuchstabe wenigstens ansatzweise auf einen Eigennamen hindeutete), gleichzeitig wußte ich, dass ich dieser Sache wenigstens für mich selbst auf den Grund gehen musste, und dafür gibt es keine andere Methode als die angenommene Quelle selbst, Anna Bertha also, unter die Lupe zu nehmen. Ich muss mich gehörig beeilen. In zwei Tagen ist Weihnachten, und während der Feiertage darf ich nicht arbeiten, wir müssen uns also beeilen, die Feiertage stehen vor der Tür, mehr noch, bald haben wir den wirklichen, endgültigen Tod im Nacken.

Wilhelm wusste nun, was er zu tun hatte. Er wusste, wenn er irgendeinen Körperteil von Anna Bertha der Strahlung aussetzen und auf diesem Wege ins Innere des Körpers der Frau blicken könnte, könnte er mit dieser trickreichen Rückkopplung jenes unbekannte Etwas ertappen, das ihn jahrelang gefangen gehalten und arbeitsunfähig gemacht hatte, das nun aber plötzlich doch seiner wissenschaftlichen Karriere die Krone aufzusetzen schien, wenn er sich jemals trauen würde, seine Ergebnisse zu veröffentlichen.

Anna Bertha!, rief Wilhelm.

 

Willi ist nicht hier.

Das dachte Anna Bertha, als sie am ungewöhnlich kalten Morgen des 22. Dezember 1895 erwachte. Das heißt, sie dachte es weniger, als dass sie es spürte, aus der kühlen Ausdünstung ihrer Haut, aus der handgreiflichen Trostlosigkeit des leeren Raums, der neben ihr entstanden war, aus der tristen Fassungslosigkeit, die sich zwischen den Falten der Laken versteckte, sie spürte, dass sie alleine war. Sie öffnete noch nicht die Augen. Dieses Gefühl hatte sich im Laufe der vergangenen langen Jahre jeden Morgen wiederholt, und um ihren ausgekühlten Körper irgendwie zum Leben zu erwecken, um Kraft zu sammeln, damit sie aus dem Bett aufstehen konnte, um wieder einen endlos scheinenden und deswegen mit unzähligen, allesamt mit der realen Welt im Zusammenhang stehenden Tätigkeiten gespickten, aber deswegen dennoch unermesslich leeren Tag anzufangen, konzentrierte sie alles, was sie an Vorstellungskraft besaß, auf jenen Moment, da sich Willis Körper zum letzten Mal mit dem ihren verbunden hatte. Als sie das letzte Mal so aufwachten wie ein frisch gebackener Hefezopf oder ein verwachsenes Zwillingspaar. Als sie den Körper des anderen in Besitz nahmen, wie jemand, der auf seinem rechtmäßigen Besitz hin und her geht, wo jeder einzelne Strauch und jeder Grashalm vom Blick des Anderen zum Leben erweckt wird, die Säfte von der Berührung des Anderen kreisen, der Sauerstoff aus dem Atem des Anderen entsteht, die Wärme, der morgendliche Dunst und das nachmittägliche Schwirren, und als all dies kraft ihrer Vorstellung lebendig geworden war, glitt ihre Hand, an der sie stets, auch in der Nacht, den von Willi erhaltenen Verlobungs- und Ehering trug, zu ihrem Schoß, den sie mit langsamen, kreisenden Bewegungen in jene vergangene, vielleicht nie dagewesene Welt zurückbrachte. Das hielt sie am Leben, mehr noch, es war ihr ganzes Leben, und da durch die Erinnerung an die gemeinsamen Wonnen die ersten Wellen der einsamen Wonne bei ihr eintrafen, rief sie den Namen des Anderen, erst leise, dann immer lauter, und dass der Andere zu ihr zurückkommen möge.

Er möge zu ihr zurückkommen, jener Andere, ohne den ihr Leben nur eine fluoreszierende, schnell verblassende Erscheinung war. Sie fühlte eine solch wilde Kraft aus sich strömen, dass sie sicher war, diese müsste früher oder später ihr Ziel erreichen, und deswegen, und um aufstehen zu können, wiederholte sie es jeden Morgen, und jeden Morgen geschah wieder und wieder nichts, und als sie in die Küche kam, gingen die Diener mit niedergeschlagenen Augen ihren Pflichten nach, denn sie hatten Anna Berthas Geschrei gehört, nur der, der es hätte hören sollen, der Willi, der hörte es nicht.

 

Doch am Morgen des 22sten Dezember 1895, zwei Tage vor Weihnachten, als Anna Berthas letzter Schrei noch in der Luft vibrierte, wurde sie auf einen Ton aufmerksam, der erst nur aus großer Ferne, doch dann immer näher und immer lauter zu hören war, und als er nur noch ein halbes Zimmer von ihr entfernt war, erkannte sie ihn, und tatsächlich, es war Willi, der ins Zimmer gestürmt kam und sie atemlos bat, sie möge sich anziehen und mit ihm ins Labor kommen, dorthin, wo Anna Bertha noch niemals eintreten durfte. Anna Bertha zog sich hastig, mit klopfendem Herzen an, sie wusste, dieses Weihnachten wird anders als die anderen, und irgendwie spürte sie auch, obwohl sie das nicht hätte erklären können, dass dieses Weihnachten nicht nur für sie, Anna Bertha und Wilhelm, sondern für die ganze Welt denkwürdig werden würde. Willi trieb sie eilig ins geheime Labor und schloss mit ernster Miene die Tür. Anna Bertha war so aufgeregt, als plante Jesus selbst, in ihrem Würzburger Haus wiedergeboren zu werden. Zweifellos war etwas zu spüren vom mit nichts vergleichbaren Gefühl einer Wiedergeburt, als Willi sich auf einmal zu ihr neigte und mit ersterbender Stimme sagte, gib mir bitte deine Hand, was Anna Bertha so verstand, dass Willi sie erneut um ihre Hand bat und deswegen ihre mit den von ihm geschenkten Ringen geschmückten Finger drückte. Da legte Willi ihre Hand auf irgendeine Platte, fummelte an seinen Geräten und teilte dann totenbleich mit, es sei fertig.

Das Bild ist fertig.

Was für ein Bild, fragte Anna Bertha verunsichert, woraufhin Willi ihr das erste mit X-Strahlen (in Wirklichkeit mit Anna-Bertha-Strahlen) erzeugte Bild zeigte, auf dem die Knochen ihrer Hand zu sehen waren, ohne Fleisch, aber mit den sie beide, Willi und Anna Bertha, verbindenden Verlobungs- und Eheringen geschmückt. Hier:

 

 

Als sie das Bild erblickte, schrie Anna Bertha auf, ich habe meinen Tod gesehen!, doch in jenem Augenblick interessierte sie nicht einmal das, denn Willi fiel ihr in ungebremster Freude um den Hals und sein nach Tabak riechender, heißer Atem erfüllte sie mit einer solchen Freude, dass es ihr nicht einmal etwas ausgemacht hätte, wenn sie wirklich tot umgefallen wäre. Doch Willi, der die bekannte Luft abschnürende Wirkung der Anna-Bertha-Strahlung zu spüren begann, trat von ihr weg, griff eilig einen Füller und schrieb mit seinen runden, schnörkeligen Buchstaben an den oberen Rand des Bilds:

Hand mit Ringen, 1895.

Der Rest ist: X.

Armani und die Liebe

Was sollte das heißen, ihre Niere sei nicht gut genug. Oder ihre Leber. Sie hätte den schleimigen kleinen Doktor am liebsten getreten. Wenn es überhaupt ein Doktor war und nicht nur so ein gelackter Salonbube. Ein Wurmfortsatz. Was weiß der schon?! Er hat sie ja nicht einmal untersucht! Wie kommt der dazu, ihr einfach so, vom Hinsehen, zu sagen, sie sei nicht geeignet. Nicht gut genug. Der würde sich freuen, wenn er in ihrem Alter noch so ein Herz, Niere, Leber hätte. Alle zehn Metzgerfinger würde er sich danach lecken, soviel ist fix. Wenn er dann mit vierzig einen Herzinfarkt kriegt und ins Gras beißt, würde er sich freuen, wenn er so ein Herz bekommen könnte, ein achtundsiebzig Jahre altes Herz, das weiß, was es zu tun hat, weiß, was es warum macht. Wohin der Weg geht. Verlässlich, wie ein Schweizer Uhrwerk. Wie kann einer so unverschämt sein?! Wie kann er den Leidenden, die sich Hoffnungen machen, so eine gute Niere, so ein gutes Herz, so eine gute Leber vorenthalten. Sie hat nie im Leben einen Schluck Alkohol getrunken, ihre Leber ist wie der Schmetterlingsstaub der Jungfrauen. Na gut, manchmal, bei größeren Betriebsfeierlichkeiten, aber nur symbolisch, sozusagen nur für den Moment des Anstoßens. Von der Lunge ganz zu schweigen, nicht eine einzige Zigarette, es hat völlig ausgereicht, das einzuatmen, was der Ernő von sich gegeben hat. Wie ein Fabrikschlot, diese kleinen Zigarren, wie hießen die noch gleich, ach so, ja, Parsifal, was juckt die die Kunst, denen war doch nichts heilig. Na, man hat sie dann auch ins Nirvana hinüberkomplimentiert. Obwohl, die Bagage, die jetzt dran ist, ist auch keinen Deut besser, aber jetzt kann man wenigstens auf BBC umschalten, wenn man sie nicht hören will, wenn’s nichts nützt, schadet’s wenigstens nicht. Und dann kommt so ein kleiner Niemand, so ein entsprungener Jungkommunist, der mit Schaum vorm Mund Kommunist und Jude schreit, sonst darf er gar nicht ins Krankenhausbuffet rein, und sagt einfach so, vom Hinschauen, Sie sind zu alt. Und dass sie sowieso nicht dafür zahlen würden. Aber sie hat sehr wohl gelesen in so einer Frauenzeitschrift, oder war’s das Story Magazin, egal, dass es sehr wohl Tarife dafür gibt und dass man für Organe von guter Qualität zahlt, und zwar im voraus. Kann sein, im Artikel ging es nicht direkt um hier, aber wenn sie das woanders machen, dann machen sie’s auch hier bei uns, warum auch nicht, jetzt, da wir zur Eurounion gehören, wozu sonst das Ganze, wenn die Dinge trotzdem nicht überall gleich klappen. Und mit einem Mal kam sie dahinter, dass das die Lösung war. Dass sie davon leben wird. Weil, von der Rente geht das nicht, die reicht von Haus aus nicht einmal für die Medikamente. Ganz abgesehen davon, dachte sie, dass in dem gottverdammten Haus, in dem sie jetzt wohnt, geklaut wird, man kann nichts so verstecken, dass sie’s nicht finden. Besonders die Gréti und ihre Bande. Sie selbst weiß gar nicht mehr, was sie wohin versteckt hat, aber dass die es finden, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Wohin sonst verschwindet denn immer ihre eiserne Reserve. Und dann kommt dieser kleine Gesichtsmösenträger daher und sagt ihr, dass sie nicht zahlen. Und, überhaupt, dass ihre Organe zu nichts mehr gut sind. Fast hätte sie ihrerseits dem Arschgesicht mitgeteilt, welches seiner Organe zu nichts gut ist, obwohl, wenn sie’s recht bedenkt, hat sie es doch mitgeteilt. Und deswegen bekam der so einen lila Kopf. Allein schon dafür hat es sich gelohnt. Zu sehen, wie ihm seine pomadige Birne weggeflogen ist. Er hat sie sogar angebrüllt, sie, eine weißhaarige alte Dame. Ja, woher hat man den denn entkommen lassen, von der Weide?

Hier erst merkte sie, dass sie sich irgendwie zu leicht fühlte, dass jenes gewohnte, beruhigende Gewicht nicht mehr da war, das immer dafür gesorgt hatte, dass sie spürte, sie war noch am Leben, dass sie wusste, sie hielt sich immer noch im Reich der Schwerkraft auf. Ihr kleiner fleckiger Foxterrier mit dem glatten Fell schlief immer bei ihren Füßen, sie erwachte stets von den Bewegungen des Hundes, doch nun war er nirgends. Kann es sein, dass nicht nur ich gestorben bin, sondern auch die Jolie? Kann es sein, dass man uns um die Ecke gebracht hat? Oder nur ich bin um die Ecke gebracht, und die Jolie haben sie mitgenommen, sie zu sich gelockt, bestimmt war es wieder die verdammte Gréti, die war doch schon seit einer ganzen Weile scharf auf den Hund, ich hab’s doch gesehen, dachte sie, wie sie ihn immer angeglotzt hat im Gemeinschaftsraum, mit ihren sehnsüchtigen Glotzaugen, ich hab auch zu ihr gesagt, neulich, warum schaffst du dir keinen Hund an, Gréti, worauf die, mit ihrer zitternden, speicheltropfenden Stimme, dass sie so einen Süßen wie die Jolie sowieso nicht finden würde, nicht wahr, meine kleine Jolie, meine süße kleine Maus, ich dachte, ich kotze gleich, was muss sie ständig an meinem Hund herumfummeln, sie soll ihre Griffel von ihr lassen, ich kenne ihre Sorte, macht einen auf süßlich, schleimt herum, hechelt dir lauter Komplimente ins Ohr, und dann fällt sie dir bei der ersten Gelegenheit in den Rücken, spannt dir den Mann aus, kauft sich den Hut, den sie in der Oper an dir gesehen hat, schwärzt dich bei der Gestapo an, verbreitet über dich, du hättest Tripper, egal, Hauptsache, sie kann schaden. Ganz sicher, dass es die Gréti war, dachte sie, sie hat die arme Jolie um die Ecke gebracht, nur, um mir zu schaden, aber ich werde das nicht auf sich beruhen lassen, ich werde sie aus dieser miesen Absteige rausschmeißen lassen, dass ihr furunkeliger Rücken nur so auf den Asphalt kracht, was bildet die sich ein, dass immer noch die Kommunisten grassieren und sie als Personalobertante herumschlaumeiern kann, na, hier ist sie weder Obertante noch Personal, sie ist nicht einmal eine Person. Eine Null! Ein Nonentiti! Sie hat sogar das ßänkju von uns Schreibkräften tippen lassen, damit sie’s nicht falsch macht, ein Wurm ist sie, den ich zertreten werde, wenn ich erst meine Pantoffeln gefunden habe, und damit setzte sie sich im Bett auf und ließ die Füße über dem kalten Fußboden baumeln. Es war kalt, hundekalt. Apropos Hund. Scholiiiiiiiiiie, schrie sie mit ihrer trommelfellzersetzend scharfen Stimme, von der selbst die härtesten Telefonsachbearbeiter sofort Gewehr bei Fuß standen und sie weitervermittelten, wohin sie auch wollte. Aber das war schon lange her, sie telefonierte nicht mehr viel, wen hätte sie auch anrufen sollen. Nur die Auskunft, um gewisse Adressen herauszufinden. Zum Beispiel die Adressen der Kliniken, denn ihr Telefonbuch hatte die Jolie zerkaut, war eh von 1987. Wo mag dieser gottverdammte Köter sein!

Bekleidet mit einem Nachthemd von zweifelhafter Sauberkeit bahnte sie sich ihren Weg durch das Gerümpel und den Abfall, der ihre Wohneinheit gleichmäßig überwucherte, Richtung Eingangstür. Sie warf nichts weg, alles bewahrte sie auf, sammelte, es könnte noch gut sein für etwas, vielleicht kann man es zu Geld machen, alte Zeitungen, leere Kefirbecher, Bücher, Postkarten, Drehverschlüsse, leere Batterien, Fotos, Briefe, zerfetzte, abgetragene Kleidung, Wörterbücher, Bierdeckel, Restaurantspeisekarten, alte Programmhefte und leere Hundefutterkonserven bildeten große Haufen – Schwemmgut eines nicht wiederverwertbaren Lebens. Dennoch war die Wiederverwertung ihr Steckenpferd. Sie konnte sich nicht mit der Tatsache abfinden, dass die Dinge einmal aufhören zu existieren, genauer gesagt, zu funktionieren, auf irgendeine Weise nützlich zu sein, denn das kann nicht sein, dass man etwas, egal was, irgendeine Kleinigkeit, nicht in irgendeiner Form wieder verwenden könnte, dachte sie, denn dann müsste man doch tatsächlich alles vernichten. Und nun, da sie schon alles verkauft, zu Geld gemacht und das Geld ausgegeben hatte, war dieser Gedanke ihre letzte Zuflucht, ihre Hoffnung, es könnte sich alles noch zum Guten wenden oder wenigstens zum Besseren. Denn eines Morgens war ihr endlich die Lösung eingefallen, eine prächtige Idee, die ihr ganzes Leben in Ordnung gebracht hätte, und dann scheucht sie so ein kleiner Popelfresser einfach davon. Sie wird das nicht auf sich beruhen lassen. Sie wird heute zu einer anderen Klinik gehen, wenn nur der gottverdammte Hund sich wieder anfände. Sie brüllte in den Hausflur, Scholiiiiiiie, woraufhin alle erschrocken die Köpfe aus ihren Höhlen steckten, das ist auch so lächerlich, dachte sie, sie sind wie die Exemplare im Zoo, alle sitzen in ihren Käfigen herum und kommen nur zur Fütterung hervor. Auf das Gebrüll hin steckte auch die diensthabende Schwester den Kopf heraus.

Was ist los, Margólein? Sie wissen doch, dass wir ihn zu dieser Zeit immer schon rauslassen in den Garten, sonst pieselt er Ihnen da drin doch alles voll.

Wieso, wie spät ist es?

Gleich halb elf.

Warum sagen Sie das nicht gleich, lassen mich hier herumbrüllen, könnten Sie mir nicht ein anständiges Schlafmittel geben, von dem ich auch wieder wach werde und mich nicht so fühle, als wäre die Matthiaskirche auf mich draufgefallen?! Ich hätte heute was Wichtiges erledigen müssen, und da, der halbe Tag ist schon wieder vorbei, aber was interessiert Sie das schon.

Sie schlurfte in ihr Zimmer zurück, um sich anzuziehen.

Freiwillig hatte sie die Wohnung in der Budaer Villa, wo sie zweiundvierzig Jahre verbracht hat, sicher nicht aufgegeben, aber ihre Rente war so niedrig, dass sie kaum für das Essen für die Jolie reichte, geschweige denn, dass man die Nebenkosten hätte bezahlen können. Vom Fleischer erbettelte sie manchmal ein bisschen Hühnerklein zum Anschreiben, aber vergebens winkte der Herr Tibi ab, sie müsse es nicht bezahlen, sie bestand darauf, ihre Rechnung jedes Mal am Monatsanfang zu begleichen. Und dann kam ein Winter, als die Straßen so zugefroren waren, dass sie es kaum schaffte, bis zur Bushaltestelle zu eiern, und als sie dann einsteigen wollte, rutschte sie aus. Margólein, Sie sind besser als der Schwarzenegger, sagte der Arzt zwei Monate später schulterklopfend, als er ihre Entlassungspapiere unterschrieb, aber Margó wusste, wenn sie nach einem Oberschenkelhalsbruch mit achtundsiebzig Jahren auch mehr oder weniger wieder hergestellt war, dies war das Ende. Sie wird die Wohnung in Buda aufgeben müssen und in das gottverdammte Heim ziehen.

Wenige Stunden später saß sie in sich zusammengesunken auf einer Bank im Stadtpark, unweit des Altenheims in der Hermina-Straße, wo sie wohnte. Man hatte sie wieder davongescheucht. Aus der Klinik in der Amerikanischen Straße und auch aus dem Hospiz daneben. In Letzterem teilte man ihr mit, dass nicht sie diejenigen zu sein pflegen, die für etwas zahlen, sondern man zahlt ihnen, und dass die, die bei ihnen sind, eher eine Ente von guter Qualität benötigten als eine neue Niere. Eine unglaubliche Einstellung, empörte sie sich, und dann wundern sie sich, dass die Juden so unbeliebt sind. Die Wohnung auf dem Schwabenberg hat Ernő, ihr erster Mann, seinerzeit deswegen wiederbekommen, weil er zugestimmt hat, dem Industrieministerium Ratschläge zu erteilen. Sie hat ihm zwar gesagt, wenn man bedenkt, dass sie die Maschinenfabrik und dazu noch die andere Hälfte der Villa einkassiert haben, könnte man sich auch woanders niederlassen und müsste sich auf kein Techtelmechtel mit denen einlassen, aber nein, er wollte sein eigenes wiederhaben, er hing daran und sagte immer nur, dass, gemessen daran, was sie alles weggenommen haben, dies hier das Minimum sei, und wenn überhaupt, dann seien es die, die ihm verpflichtet sind, und sie können ihm den nassen Buckel runterrutschen, und wenn Margó das nicht gefalle, er sage das nicht gerne, dann hätte sie ihn halt nicht heiraten sollen. Dabei mochte es Margó nicht, auf dem Berg zu wohnen, jeder Gang zum nächsten Geschäft kam einem kleinen Ausflug gleich, man traf auf der Straße keine Bekannten, man konnte nicht vor Geschäften oder an der Ecke stehen und tratschen, und sie dachte voller Neid an ihre Freundinnen aus der Leopoldstadt, drüben, in Pest, denen das, sozusagen, eine natürliche Gegebenheit war. Ernő hingegen war unbeugsam und sagte kurz angebunden nur so viel, wenn es sonst nichts ist, solle sie eben die frische Luft genießen. Na, davon hatte sie dann eine so reine Lunge wie die Spitze des Montblanc, zieht man das Eingeatmete von Ernős Stinkstengel ab (ob dann der Infarkt, an dem er starb, nun von diesen kam oder es die allgemeine Aufregung war, die ein Ende mit ihm machte, wir werden es nie wissen), und das wollten sie nun mit einer lockeren Bewegung auf den Misthaufen werfen, indem sie sagten, dass sie es bedauerten, aber »Sie sind leider ein wenig zu betagt«, warum sagen sie nicht gleich, dass sie so alt sei wie das Raumschiff Orion, und sie möge weiter im All kreisen bis zur Wiederauferstehung von Großungarn.