Als ob die Welt an allen Ecken brannte - Bernhard Schmidtbauer - E-Book

Als ob die Welt an allen Ecken brannte E-Book

Bernhard Schmidtbauer

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Beschreibung

Der achtzehnjährige Bernhard Apelt bricht 1914 seine kaufmännische Lehre ab und meldet sich als Freiwilliger. Zwei Jahre kämpft er an der Ostfront, 15 Monate an der Westfront, im April 1918 wird er tödlich verwundet. Seiner Familie bleiben die Briefe, die er von der Front schickte. Jahrzehnte später liest sie sein Großneffe Bernhard Schmidtbauer und entdeckt mit ihnen mehr als ein Stück Familiengeschichte. Sie sind das erschütternde Zeugnis einer Generation, die für Kaiser und Vaterland in den Krieg zog. Für dieses Buch hat Bernhard Schmidtbauer die Briefe zusammengestellt und mit zeitgeschichtlichen Fakten kommentiert.

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Seitenzahl: 254

Veröffentlichungsjahr: 2014

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ISBN eBook 978-3-355-50012-8

ISBN Print 978-3-355-01819-7

© 2014 Verlag Neues Leben, Berlin

Umschlaggestaltung: Verlag, unter Verwendung

von Fotos aus dem Familienarchiv Schmidtbauer

Neues Leben Verlagsgesellschaft mbH & Ko. KG

Neue Grünstr. 18, 10179 Berlin

Die Bücher des Verlags Neues Leben

erscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

www.eulenspiegel-verlagsgruppe.de

Bernhard Schmidtbauer

Als ob die Welt

an allen Eckenbrannte

Ein Schicksal aus dem

Ersten Weltkrieg

Vorbemerkung

Fast 18 Millionen Menschen verloren während des Ersten Weltkriegs ihr Leben, unter ihnen knapp acht Millionen Zivilisten – Frauen, Männer und Kinder. Von den etwa 10 Millionen Soldaten, die zwischen 1914 und 1918 auf den Schlachtfeldern den Tod fanden, waren zwei Millionen Deutsche. Zu ihnen zählte auch Bernhard Apelt, mein Großonkel. Er hatte sich im August 1914 als Kriegsfreiwilliger gemeldet und ist im April 1918 an der Westfront gefallen.

Am 1. August 2014 jährt sich der Beginn des ersten globalen Krieges in der Geschichte zum 100. Mal. Zu seinen Ursachen, zum Verlauf und zu den Folgen liegen unzählige wissenschaftliche Betrachtungen vor, und es kommen ständig neue hinzu, die den Weltkrieg umfassend beleuchten. Es scheint alles gesagt zu sein – warum also dieses Buch?

Weil ich mir sicher bin, dass die »große« Geschichte des Ersten Weltkriegs erst durch seine vielen kleinen Geschichten begreifbar wird. Wie jene vom Schicksal des jungen Bernhard Apelt. Auch wenn sie nur eine Facette ist zur Erklärung der »Urmutter des menschenmordenden 20. Jahrhunderts«, wie der renommierte Düsseldorfer Historiker Gerd Krumeich den Krieg nennt: Die Geschichte meines Großonkels macht diesen totalen, alle Lebensbereiche durchdringenden Konflikt verständlicher. Ein Krieg, der eine ganze Generation grundlegend verändert hat. Geführt mit neuen, furchtbaren Waffen; gekennzeichnet durch Kriegsverbrechen wie den Einsatz von Giftgas an der Front und die Drangsalierung der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten.

Und der in der Heimat zu Hunger und Not und als Folge zu Massenprotesten und einer Revolution führte, die das Kaiserreich schließlich zusammenbrechen ließ.

Wie Bernhard Apelt diese ungeheuren Veränderungen erlebte und bewertete, darüber geben seine Briefe, Tagebuchnotizen und Fotos Auskunft. Sie zeigen, was dieser Krieg innerhalb von 44 Monaten aus dem jungen Mann gemacht hat. Welche seiner Eigenschaften an der Front verstärkt wurden. Wie der Alltag dort ablief zwischen banalem Einerlei und verlustreichen Kämpfen. Was er und seine Kameraden während des Kriegs dachten und erhofften, wie es in dieser Zeit seiner Familie erging. Bernhard Apelts persönliche Eindrücke illustrieren die vielfach gedruckte Geschichte des Krieges.

Dieses Buch bettet die Briefe und Fotos in eine Chronik der bedeutsamen Ereignisse an der Front und in der Heimat ein und ergänzt sie durch eine Betrachtung, in deren Zentrum die Frage steht: Warum zog der 18-Jährige freiwillig und freudig in den Krieg? Mit seiner Haltung stand mein Großonkel exemplarisch für Hunderttausende deutscher Soldaten. Sie waren erst um die 20 Jahre alt, als sie starben. Die jungen Männer kamen direkt von der Schulbank, aus der Lehre oder dem Hörsaal. Jeder von ihnen hatte sein Leben noch vor sich, doch sie wurden in diesem Krieg verheizt. Diese jungen Männer gehörten einer verlorenen Generation an. Bernhard Apelt war einer von ihnen.

In vielen Familien wurde der Kriegstoten als Helden gedacht. Nach Ende des Ersten Weltkriegs gab es in Deutschland kaum jemanden, der nicht einen Gefallenen oder einen Verwundeten in der Verwandtschaft zu beklagen hatte. 1914 lebten im Kaiserreich 67 Millionen Menschen. Vier Jahre später waren 4,2 Millionen Männer zum Teil schwer verwundet heimgekehrt sowie zwei Millionen getötet worden. Da mag es für viele Hinterbliebene eine Art Selbstschutz gewesen sein, dem Tod der Angehörigen, und somit dem Krieg an sich, einen Sinn zu geben: Mein Mann/Vater/Sohn/Enkel/Bruder ist nicht umsonst gestorben.

Der Tod des einzigen Sohnes und Bruders hat die Mutter und die Schwester schwer getroffen. Gesprochen haben die beiden Frauen über den Toten, zumindest seit den 1930er Jahren, jedoch so gut wie nie, weiß ich von meinem Vater. Bernhards Geburtstag oder sein Todestag sind nicht in besonderer Weise begangen worden. Sein Grab auf einem Soldatenfriedhof in Frankreich hat niemand von der Familie je besucht. Ich selbst habe von meiner Oma kein Wort über ihren Bruder erfahren. Ich habe sie aber auch nicht nach ihm gefragt – das bedauere ich heute sehr. Trotzdem ist Bernhard Apelt in meiner Familie immer anwesend gewesen. Ein großes Gemälde von ihm hing jahrzehntelang in der Wohnung meiner Großmutter, nach ihrem Tod bei meinen Eltern. Warum die Trauer über seinen Tod, die es zweifellos gab, nur im Stillen ablief, kann ich nur vermuten. Offensichtlich sind seine Mutter und Schwester nach dem Kriegsende zu dem Schluss gekommen, dass er für eine schlechte Sache gestorben war. Bernhard Apelt ist sinnlos gefallen.

Rostock, im Januar 2014

Bernhard Schmidtbauer

Wie viele andere meldete sich auch Bernhard Apelt 1914 freiwillig für das deutsche Heer. Voller Begeisterung und Ungeduld sah er dem Krieg und einer Offizierslaufbahn entgegen …

Die verklärten Postkarten spiegeln diese Stimmung wider.

Die Briefe

»Wenn es nur immer feste vorwärts geht, dann ist es doch etwas Herrliches, dieser Krieg.« 1914/15

Am 28. Juni 1914 werden der österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Gemahlin Sophie in Sarajewo ermordet. Der Attentäter, der 19-jährige Gavrilo Princip, soll im Auftrag der serbischen Regierung gehandelt haben, heißt es bald, dafür fehlen jedoch eindeutige Beweise.

Güstrow, den 3. September 1914

Liebe Anneliese!

Das Geld nebst Postabschnitt habe ich dankend erhalten. Dass die AEG noch nichts geschickt hatte, erkläre ich mir so, dass sie das Gehalt erst am 1. September weggesandt hat. Ich nehme aber an, dass es jetzt endlich in Euren Händen ist. Du schreibst, ich schriebe immer so kurz. Ich weiß gar nicht, was ich Euch noch mitteilen soll. Wenig Zeit habe ich natürlich. Die einzige Gelegenheit zu schreiben ist von 7 bis 8 Uhr abends, da wir schon um 9 Uhr im Bett sein müssen. In der vorigen Woche hatten wir ein paar feine Tage. Wir – Martin und ich – waren ausquartiert und wohnten vier Tage mit voller Verpflegung bei einem Rentier, wo es sehr gutes Essen gab. Ich wundere mich sehr, dass Mutter gar nicht mal schreibt. Hat sie denn soviel zu tun? Gestern erhielt ich ein Paket von Tante Marie aus Jüterbog. Birnen, Zigarren und etwas Wurst, was ich gut gebrauchen kann. Nun bestelle doch Mama, dass sie mir recht viel, möglichst große Taschentücher und vielleicht noch ein paar von meinen dünnen Unterhemden schickt. Namen braucht Ihr nicht einzunähen, da ich selbst vollen Namen und Truppenteil etc. einnähen muss. Bis ich wegkomme, werden wohl leider noch sechs Wochen, wenn nicht mehr vergehen, und vor vier Wochen wird auch nichts mit Urlaub nehmen sein.

An Onkel Gustav wollte ich immer mal schreiben, aber ich habe die Hausnummer vergessen. Schreib sie mir nächstes Mal. Dann grüße bitte Apelts II und sage Ihnen, dass ich zu wenig Zeit hätte, nun an jeden direkt zu schreiben. Ebenso alle anderen Verwandten und Bekannten. Hans und Georg grüße auch, wenn Du sie siehst, und sage Hans, er möchte mir eine Schachtel Pariser Rot und etwas Wiener Kalk besorgen, was Ihr mir dann möglichst bald mitschickt.

Nun herzliche Grüße und Küsse für Dich und die liebe Mama

von Deinem Bruder B.

Am 1. August 1914 befiehlt Kaiser Wilhelm II. die Allgemeine Mobilmachung.

Am selben Tag werden im Kaiserreich Kriegsfreiwillige aufgerufen, sich zur Armee zu melden. »Als Kriegsfreiwillige können sich solche Leute bei einem Ersatztruppenteil melden, die keine gesetzliche Verpflichtung zum Dienen haben, ferner jugendliche Personen zwischen 17 und 20 Jahren, soweit sie sich nicht in solchen Bezirken aufhalten, in denen der Landsturm aufgeboten wird.«

Ebenfalls am 1. August 1914 erklärt Deutschland Russland den Krieg. Damit beginnt der Erste Weltkrieg.

Ribnitz, den 24. September 1914

(Feldpostkarte)

Liebe Mutter,

die besten Grüße von hier, wohin ich zum Pferdetransport abkommandiert bin. Morgen bin ich wieder in Güstrow und hoffe endlich ein Paket hauptsächlich Strümpfe vorzufinden. Ich habe mir nämlich schon 2 Paar kaufen müssen. Martin Schafhirt ist schon im Feld.

Gruß und Kuss

Dein B.

Am 2. August 1914 besetzt Deutschland Luxemburg.

Am 3. August 1914 folgt die deutsche Kriegserklärung an Frankreich.

Am selben Tag überfallen deutsche Truppen das neutrale Belgien.

Großbritannien erklärt Deutschland am 4. August 1914 den Krieg.

Am 18. August 1914 beginnt für den 18-jährigen Bernhard Apelt in Güstrow die Ausbildung zum Artilleristen.

Güstrow, den 28. September 1914

(Feldpostkarte)

Liebe Mutter,

das war ja gestern direkt gefährlich. Wie Du wohl gesehen hast, bin ich kaum wieder aus dem Zuge rausgekommen. Als ich zur Kaserne kam, waren bereits wieder 21 Mann eingekleidet, die heute noch ausrücken. Also in den nächsten Tagen werde ich wohl nun auch rauskommen. Gestern ist nun noch nichts daraus geworden, worüber Du Dich wohl sicher freuen wirst. Ich sehe das mit geteilten Gefühlen an, denn wieder 5 Stunden Geschütze waschen – brr.

Nun bis auf Weiteres Gruß und Kuss

von Deinem Sohn Bernhard

Grüße Anneliese und alle Bekannten. Wie geht es Dir jetzt? Bist Du gut nach Haus gekommen?

Am 4. Oktober 1914 veröffentlichen 93 deutsche Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller einen »Aufruf an die Kulturwelt«, in dem der Krieg als ein dem Deutschen Reich »aufgezwungener Daseinskampf« dargestellt wird.

Güstrow, den 4. Oktober 1914

Liebe Mutter,

ich bin also immer noch hier in diesem gottbegnadeten Güstrow. Noch dazu habe ich das Glück, heute auf den Sonntag Wache schieben zu müssen, am Pulvermagazin. Na, das ist ein Vergnügen, eben bin ich abgelöst worden. Alle vier Stunden muss ich auf zwei Stunden Posten stehen bis morgen Mittag. Meine Tabakspfeife habe ich erhalten. Du musst verzeihen, dass ich jetzt erst schreibe, ich hatte vorher keine Zeit. Jetzt sitze ich in der Wachstube, schreibe und rauche meine Zigarre, was ganz vergnüglich ist. Wann ich nun wegkomme, weiß ich ja nicht. Ich habe Dir ja gesagt, wie plötzlich das kommt.

Gestern habe ich ein Paket aus Jüterbog gekriegt, Äpfel, Pfirsiche und Wurst, was wiedermal eine Abwechslung in meine Beköstigung bringt.

Martin Schafhirt wird wohl jetzt schon vor Paris liegen. Gestern erhielt ich eine Karte aus Maubeuge von ihm, die vom 27.9. datiert war und worauf er mir mitteilte, dass er direkt nach Paris käme. Was macht denn Hans eigentlich? Ich habe schon lange keine Nachricht von ihm. Hast Du ihm das Bild gegeben? Na, ich werde ihm selbst mal schreiben und ihn ein bisschen anhauchen. Bist Du denn nun eigentlich wieder ganz auf dem Posten? Schreibe mir bald mal. Das wäre wohl nun alles Wissenswerte.

In Liebe

Euer Bernhard

Mitte Oktober 1914 wird im Kaiserreich das Verfüttern von Brotgetreide und Mehl verboten. Laut einer Verfügung dürfen Weizenbrot durch Roggenmehl sowie Roggenbrot durch Kartoffelmehl gestreckt werden.

Am 20. Oktober 1914 beginnt bei Ypern die erste Flandernschlacht. Deutsche sowie französische, britische und belgische Armeen liefern sich schwere Kämpfe. An der über 700 Kilometer langen Front beginnt ein zermürbender Grabenkrieg.

Bernhard Apelt feiert am 4. November 1914 seinen 19. Geburtstag.

Güstrow, den 23. November 1914

Liebe Mama,

besten Dank für Deine liebe Karte. Ich komme soeben von Wache und bin recht müde. Die Nacht war sehr kalt und ich habe nur drei Stunden geschlafen. Leider muss ich um 8 Uhr abends noch mal zur Kaserne, denn wir haben heute Mäntel erhalten und von 8 bis 9 Uhr ist Putz- und Flickstunde angesetzt. Dass Du mir die Jacke so fein machen willst, freut mich riesig und ich habe mir während des Postenstehens einen feinen Plan ausgeheckt, um Dir und mir nicht minder eine Freude zu machen, zu deren Gelingen Du aber beitragen musst. Im Voraus sage ich Dir noch, dass ich diesen Brief nicht als Feldpost schicke, damit er nicht etwa in verkehrte Hände kommt. Also höre!

Nachstehend gebe ich Dir den Text zu einem Briefe, den Du an mich schreiben wirst und am Freitagvormittag als Eilbrief frankieren und an mich abschicken musst. »Mein lieber Junge, wie Du wohl weißt, läuft am 1. Dezember der Kontrakt der Vermietung des Geschäfts in Reppen ab. Onkel O. und Herr Menk kommen nun am Sonntag aus Frankfurt nach Berlin, um mit uns über die Verlängerung des Vertrages zu verhandeln. Da infolge des Krieges das Geschäft erheblich zurückgegangen ist und Herr Menk auf die bisherigen Abmachungen nicht eingehen wird, bitte ich Dich, sofort Urlaub einzureichen, damit Du Dich mit Herrn Menk über die weitere Vermietung und die alten Differenzen einigen kannst. Ich weiß damit zu wenig Bescheid und verlasse mich darauf, mir sofort telegrafisch Nachricht zu geben.

In Liebe, Deine Mutter«

So, ich hoffe, dass ich aufgrund dieses Briefes für Sonntag Urlaub erhalten werde und bitte Dich noch, Dir nicht den Kopf über den Inhalt des Briefes zu zerbrechen. Ich wollte nicht irgendetwas aus der Luft greifen und bin so auf die Schreibereien gekommen, die ich nun für mich praktisch verwerten will. Schreibe also bestimmt, wie vorhergesagt, Eilbrief. Unannehmlichkeiten sind ausgeschlossen, ausgenommen, dass ich vielleicht doch keinen Urlaub kriege. Doch Versuch macht klug!

Herzlichen Gruß an Euch, die Großmutter und alle anderen

von Deinem Sohn B.

Am 10. November 1914 beginnt die zweite deutsche Flandernoffensive. In der Schlacht bei Langemarck sterben bei Sturmangriffen Zehntausende deutsche Soldaten. Unter den Toten sind über 2000 Schüler und Studenten, die sich als Kriegsfreiwillige gemeldet hatten.

Am 2. Dezember 1914 bewilligt der Reichstag in Berlin unter Zustimmung aller Parteien einen zweiten Kriegskredit in Höhe von fünf Milliarden Mark. Als einziger Abgeordneter stimmt der Sozialdemokrat Karl Liebknecht dagegen.

Am 8. Dezember 1914 vernichtet die britische Flotte bei den Falklandinseln das deutsche Ostasiengeschwader.

Güstrow, den 22. Dezember 1914

Liebste, beste Mama,

liebe Anneliese,

alea iacta est, der Würfel ist gefallen. Gestern erhielten wir vom Generalkommando in Altona den Befehl, dass sämtliche Mannschaften bis zum 7. Januar 1915 marschbereit sein sollen. Wir bekommen neue Geschütze und Munitionswagen nach hier und sollen ein neues Regiment bilden. Der Urlaub wurde daraufhin sofort zurückgezogen und am 2. Feiertag sollen wir schon wieder Dienst machen. Nun ist mir die schönste Freude, die Freude des Wiedersehens, genommen, aber es geht mir ja nicht alleine so, alle müssen hierbleiben und dass muss einem zum Trost bleiben. Ich bitte Dich also, mir noch zwei Paar Strümpfe und die Kamelhaardecke zu schicken. Außerdem würde ich mich über ein Kistchen Zigarren sehr freuen. Dann schick mir auch bitte gleich noch 20 Mark. Wenn ich wegkommen sollte, bitte ich mir 50 Mark zu schicken und zwar telegrafisch. Ich würde Dir aber in diesem Falle noch telegrafieren. Was ist eigentlich aus der Unterjacke geworden? Wenn Du keine fabriziert hast, lass es. Ich kaufe mir dann eventuell eine.

Am Sonnabend hatten wir eine Weihnachtsfeier im Ratskeller. Wir hatten uns ein paar einjährige Unteroffiziere und Wachtmeister eingeladen und es war wahnsinnig nett. Jetzt macht mir aber der ganze Kram keinen Spaß mehr, und unserer morgigen Batteriefeier bringe ich sehr wenig Interesse entgegen. Hat mir eigentlich die AEG nichts zu Weihnachten geschenkt? Schreib bitte sofort wieder. Nun wünsche ich Euch ein recht frohes Fest und einen gesunden Eintritt ins neue Jahr. Ich tröste meinen Kameraden Frieknecht und er mich, auch ’ne Weihnachtsbeschäftigung, was? Na, man weiß ja nie, wie alles kommt. Heute wird so bestimmt und morgen so, das kenne ich ja schon. Wenn aber das Glück gut ist, sehen wir uns vielleicht doch noch mal.

Bis dahin grüße ich Euch vielmals und bin mit 1000 Küssen

Euer Bernhard

Ihr Lieben, eben habe ich den Brief von Mama bekommen. Mit dem Urlaub ist’s ja vorbei, aber das Fortkommen ist schon wieder weiter hinausgeschoben. Ganz wider mein Erwarten nett war das gestrige Weihnachtsfest. Ich habe mir eine Gitarre gepumpt und vieles vorgetragen. Unserem Hauptmann habe ich einen »Ganzen« zugetrunken, und wir alle haben uns köstlich unterhalten. Nun schick mir man meine vielen Sachen nach hier, und vor allem das Geld. Separat schicke ich auch noch einen kleinen Weihnachtsgruß.

Es küsst Euch

Euer Bernhard

An den Weihnachtstagen 1914 ruhen im Westen an einigen Frontabschnitten die Waffen. Zehntausende, vor allem deutsche und britische Soldaten, verbrüdern sich und feiern gemeinsam den »Weihnachtsfrieden«.

Am 10. Januar 1915 bombardieren deutsche Flugzeuge Städte in Belgien, Frankreich und Großbritannien.

Güstrow, den 2. Januar 1915

Beste Mama, Prosit Neujahr!

Deinen lieben Brief erhielt ich erst heute, während das Paket schon vorgestern da war. Silvester habe ich sehr nett, wenn auch ruhig verlebt. Bei einem Kameraden hatten wir einen Punsch angesetzt und waren bis halb zwölf dort versammelt. Wir aßen und tranken, sangen Lieder zu meiner gepumpten Laute und waren ganz vergnügt. Dann zogen wir nach dem Marktplatz, wo die Glocken der alten Domkirche läuteten, und gingen noch auf ein paar Stunden in ein gemütliches Kaffee. Den ersten Tag im neuen Jahr habe ich auf Wache verlebt. Es ist also ganz gut, dass Du nicht gekommen bist.

Zunächst aber nun vielen Dank für alle Geschenke. Für ein paar Fußwärmer aus Fell bin ich sehr dankbar, ebenso für den Lungenschützer. Der Gummimantel ist mir auch schon eingefallen. Ich bitte Dich, ihn herzuschicken. Eine Jacke und die Kamelhaardecke brauche ich dann aber nicht. Ich bitte Dich deshalb, sie nicht zu schicken. Das ist alles, was ich brauche.

Über Dein Geschenk vom Lehrerverein habe ich mich sehr gefreut. So bist Du doch wenigstens auch nicht leer ausgegangen. Ich habe ja nichts für Dich, sei aber nicht böse Mama, ich halte es in dieser Zeit für Unsinn, da Du mir ja doch das Geld erst hättest schicken müssen. Ich schenke Dir in Gedanken einen Kuss und der Anneliese auch. Du wirst Dich ja auch darüber freuen und um ihn Annelies etwas zu versüßen, habe ich noch etwas für sie eingelegt.

Mir geht es gut. Wann und ob wir überhaupt wegkommen, wissen die Götter. Nun habe ich Dir aber noch eine große Neuigkeit mitzuteilen. Am 28. vorigen Monats kamen zwei Batterien unseres aktiven Regiments zurück und Martin Schafhirt auch. Er sieht sehr gut und frisch aus. Hoffentlich kommen wir nun zusammen weg. Ich habe aber schon wieder solche Ahnung, als wenn ich wieder hier bleibe. Na, vorläufig weiß man noch gar nichts. Es wird gesagt, dass wir noch bis März hierbleiben sollen.

Grüße alle Verwandten und Bekannten und wünsche ihnen ein frohes neues Jahr von mir. Dich und Schwesterchen grüße und küsse ich herzlichst und bin ganz

Euer Bernhard

Anbei meine schmutzige Wäsche und ein paar leere Kartons, die Du ja sicher brauchen kannst. Nun schicke bitte, wenn mein Gehalt da ist, wieder 20 Mark. Das Fest ist etwas teurer für meinen Geldbeutel gewesen.

Mitte Januar 1915 wird in der sogenannten Reichswollwoche warme Unterwäsche für die deutschen Soldaten gesammelt.

Deutsche Kriegsluftschiffe greifen am 19. Januar 1915 zum ersten Mal die Ostküste Englands an.

Güstrow, den 9. Januar 1915

(Feldpostkarte)

Liebes Schwesterchen,

besten Dank für Deinen Brief und die Moneten, die ich erst heute erhielt. Nach Reppen habe ich schon ein Bild geschickt. Wenn Du Werner mal siehst, grüße ihn bitte, auch wenn Du an Geisters schreiben solltest. Hoffentlich ist die Sache nicht gefährlich mit Karls Verwundung. Martin Schafhirt ist nun auch wieder ausgerückt. Ich werde wohl Friedenssoldat bleiben, wenn das so weiter geht. Sonst geht es mir gut. Ich bin seit zwei Tagen sehr solide, immer um 8 Uhr zu Bett gegangen. Grüße bitte alle Bekannten.

Mit den besten Grüßen und vielen Küssen bin ich Dein und Mamas artiger Bernhard

Schreibe mir bitte mal sofort folgende Adressen: Fr. Schleif, Tante Krause und die von Emma Birkenler in Lichtenberg.

Güstrow, den 13. Januar 1915

Liebe Mama, liebe Anneliese,

den Brief vom 10. des Monats habe ich bestens dankend erhalten. Was machst Du denn nur immerzu, liebe Mutter? Es tut mir sehr leid, dass es Dir schon wieder schlecht ging, ist denn die Erkältung überhaupt nicht wegzukriegen? Anneliese schreibt mir, dass es Dir jetzt schon wieder besser ginge, ist dem nun so, oder liegst Du noch im Bett? Jedenfalls hoffe ich, dass Du Dich nun bald ordentlich erholst, damit Du mich mal einen Sonntag besuchen kannst. Ich wohne bei sehr netten Leuten und fühle mich bis auf einen nicht angenehmen Schnupfen sehr wohl.

Dass Strebl gestorben ist, tut mir auch sehr leid. Wenn Ihr mal hinkommt oder Martha Eickhoff seht, sprecht Ihr bitte mein herzlichstes Beileid aus. Für die Adressen danke ich, bitte Annelies aber noch, mir die Adresse von Karl Geister mitzuteilen.

Nun habe ich Euch noch eine große Neuigkeit zu berichten. Ich bin heute regelrechter Fahrer geworden. Also leb wohl Kanone und rauf aufs Pferd. Da muss ich mir nun wieder für zirka 8 Mark Putzzeug kaufen, außerdem muss ich Miete bezahlen. Ich bitte Euch daher, mir die restlichen 30 Mark von meinem fürstlichen Gehalt schnellstens zu senden, damit ich nicht in Verlegenheit komme.

Soll ich mich bei Otto Apelt eigentlich bedanken für Zigarren, oder hat der liebe Onkel das Geldgeben vergessen? So, das wäre wohl alles für heute.

Ich wünsche Dir, liebe Mutter, also nochmals baldige Genesung und bin mit vielen Grüßen und Küssen

Euer Bernhard

Güstrow, den 20. Januar 1915

Liebe Mama, liebe Schwester,

wie ich Euch schon schrieb, bin ich glücklich wieder in Güstrow angekommen. In Neubrandenburg musste ich umsteigen und schlief danach hinter Teterow ein. So kam es, dass ich in Güstrow sitzen blieb und eine Station, bis Bützow, weiter fuhr. Glücklicherweise war dies die Endstation, und der Zug, in dem ich war, fuhr in einer halben Stunde wieder zurück. Ich kam also mit einer einstündigen Verspätung hier an und habe bis zum anderen Morgen gut geschlafen. Der nächste Tag war Kaisers Geburtstag. Wir hatten Dienst wie Sonntag und bis 11 Uhr Urlaub. Um 10 Uhr gingen wir beide aber schon zu Bett, da wir sehr müde waren. Nun ist wieder ein Tag wie der andere, Dienst, Arbeit, Dienst. Ich wünschte, dass erst wieder Sommer wäre, denn alle Tage um fünf raus macht jetzt keinen Spaß.

Das große Paket habe ich nun auch ausgepackt. Die Pelzweste ist sehr schön, leider über der Brust etwas zu eng, sodass ich die obersten beiden Knöpfe nicht zumachen kann. Soll ich sie Dir noch mal zurückschicken?

Gestern und heute sind Thiede und Wankel in Neukölln. Habt Ihr etwas von ihnen gesehen? Das Buch »An der Spitze meiner Kompagnie« schicke ich Dir mit meiner Wäsche zurück, erwarte aber erst noch Bescheid, ob ich die Weste mit einlegen soll.

Heute hat es hier stark geschneit, und alles sieht weiß aus. Ich war froh, dass ich bei diesem Wetter nicht mit auszufahren brauchte und im warmen Stall bzw. in der Kantine sitzen konnte. Nun weiß ich Euch aber auch gar nichts mehr mitzuteilen. Ich schließe mit vielen herzlichen Grüßen und Küssen

Euer Bernhard

Grüßt bitte alle Bekannten und seid auch gegrüßt von Hans Frieknecht

Am 22. Januar 1915 beginnt die deutsch-österreichisch-ungarische Offensive an der Karpatenfront.

Bei einem Seegefecht in der Nordsee versenken britische Kriegsschiffe am 24. Januar 1915 den deutschen Großen Kreuzer »Blücher«.

Am 25. Januar 1915 stellt der Deutsche Bundesrat alle Vorräte an Roggen und Weizen unter den Einfluss der Kriegs-Getreide-Gesellschaft.

Ab dem 31. Januar 1915 werden in Berlin Brot und Mehl nur noch rationiert verkauft.Am selben Tag setzen deutsche Truppen an der Ostfront Reizgas gegen russische Soldaten ein.

Güstrow, den 21. Februar 1915

Ihr Lieben,

heute ist Sonntag und ich komme nach langer Zeit endlich dazu, mal zu schreiben. Seit Mutters Brief vom 8. habe ich nichts mehr von Euch gehört. Habt Ihr mein Paket bekommen? Ihr denkt gewiss, dass es mir gut geht und es sich daher erübrigt, mal etwas hören zu lassen. Einer von Euch könnte mir aber immerhin mal ein paar Zeilen schreiben. Ich habe so viel zu tun, dass ich jetzt, es ist 5 Uhr, erst an das Private denken kann, und wochentags komme ich gar nicht dazu. Vorigen Sonntag sind wir umgezogen. Die Leute, bei denen wir wohnten, wollten ihre Zimmer wieder selbst bewohnen. Jetzt hausen wir in einer gemütlichen Bude und zahlen pro Mann und Woche 3,50 Mark mit Morgenkaffee. Früh um 5 Uhr gehen wir von zu Hause weg und abends um 7 Uhr sind wir zum Abendbrotessen und Schlafen wieder da. Dann ist noch entsetzlich viel zu putzen, da wir seit einer Woche feldmarschmäßig, also mit Helm und Säbel, ausfahren, die natürlich jeden Abend Ia geputzt werden müssen. Heute habe ich um 5 Uhr morgens Kaffee getrunken und erst um 12 Uhr hatte ich Zeit, wieder etwas zu essen. Dann haben wir fast täglich irgendeinen Appell. Heute im sauberen Tuchanzug antreten. Da mussten wir uns einen neuen Kragen und neue Biesen, die roten Bänder am Rock, annähen lassen, was wieder 5 Mark kostete. Bei meinen alten Wirtsleuten habe ich auch noch 12 Mark Miete zu bezahlen. Ich bitte Euch daher, mir sofort von meinem Februargehalt einen Vorschuss von 30 Mark zu schicken.

Ich weiß nicht, ob ich mich schon für die Futterkiste bedankt habe, wenn nicht, tue ich es hiermit. Falls Großmutter noch dort ist, dankt bitte in meinem Namen für die Zigarren und bestellt einen schönen Gruß, ebenso besten Dank für Friedas Wurst.

Seit meinem Urlaub habe ich außer Mutters Brief und zwei Karten von Hans, mit denen er mir mitteilte, dass er Soldat ist, von keinem Menschen etwas gehört. Wenn Ihr zu Höfigs oder Apelts kommt, sagt nur, dass ich nicht böse wäre, wenn sie mal an mich schrieben. Wenn man 2 Tage Urlaub hat, soll man zu jedem laufen und »Guten Tag« sagen, aber wenn man wieder weg ist, kümmert sich kein Aas mehr um einen. Großmutters Geburtstag habe ich nicht vergessen. Was habt Ihr mit meinen Sporen gemacht? Schreibt bitte bald und vergesst die Moneten nicht.

Besten Gruß und – na, ich will nicht so sein – Kuss

Euer Bernhard

Am 3. Februar 1915 werden in Sarajewo vier Mittäter des Attentats auf den österreichischen Thronfolger hingerichtet. Der Todesschütze wird wegen seiner Jugend zu Kerkerhaft verurteilt.

Marie Apelt, Bernhards Mutter, kocht seit Anfang Februar 1915 täglich Mittag für Frauen in Neukölln, um neben ihrer Witwenrente Geld zu verdienen.

Ab dem 14. Februar 1915 dürfen die Soldaten in Güstrow nur noch feldmarschmäßig, also mit Helm und Säbel, unterwegs sein.

Güstrow, den 25. Februar 1915

(Feldpostkarte)

Liebe Mutter,

heute habe ich das Paket und vor allen Dingen Deinen lieben Brief erhalten. Ich danke Dir herzlichst. Die Esswaren erfreuen mich immer am meisten. Hier sind sie jetzt nämlich sehr teuer. Brot bekommt man überhaupt kaum. Vom 1. März gibt es Brotkarten. Die Sporen sind sehr fein. Ich werde sie mir gleich anschlagen lassen. Heute habe ich Stallwache, als Wachthabender. Das strengt ja nicht weiter an. Man schläft von 9 bis 5 Uhr morgens im Stroh und das nur deshalb, damit man eventuell, wenn etwas passiert, da ist. Nun bitte ich Dich, mir noch sofort meine Papiere, also Einjährigenschein und was ich Dir seiner Zeit noch mitgab, herzuschicken.

Mit Gruß und Kuss Bernhard

Viele Grüße für Annelies, Großmutter und die anderen

In der Winterschlacht in den Masuren vom 4. bis 22. Februar 1915 werden die Russen von deutschen Truppen besiegt. Sie müssen sich vollständig aus Ostpreußen zurückziehen.

Am 22. Februar 1915 beginnt der uneingeschränkte deutsche U-Boot-Krieg gegen Handelsschiffe.

Güstrow, den 28. Februar 1915

Liebe Mutter und Schwester,

ganz unerwartet sind wir, Hans und ich, nun dazu gekommen, Güstrow den Rücken zu kehren. Heute früh wurden wir eingekleidet und fahren morgen Vormittag 7.16 Uhr nach Russland. Ich habe nicht telegrafiert, um Dich nicht zu erschrecken. Von Fräulein Jürs, Güstrow, Grepelstraße 9, habe ich mir 50 Mark geliehen, die ich Dich bitte, sofort an sie abzuschicken. Meine Sachen, auch den Mantel und die Decke, habe ich zurückgeschickt, da wir alles erstklassig geliefert gekriegt haben. Wir sind 12 Mann, 8 Fahrer und 4 Kanoniere einschließlich meiner Wenigkeit. Ich gehe als Transportführer mit, kann Euch aber noch nicht mitteilen, zu welchem Truppenteil wir kommen. Von der Reise werde ich Euch weiteren Bescheid zukommen lassen. Die Papiere, um die ich Dich bat, schicke mir nun nicht mehr. Meine Adresse gebe ich Dir sobald wie möglich. Schade, dass Ihr mich nicht in Feldgrau sehen könnt. Vorläufig also genug.

Grüßt bitte alle, auch Hans und Werner, und seid vielmals geküsst

von Euerm Bernhard

Der Deutsche Bundesrat ordnet am 25. Februar 1915 an, den Autoverkehr einzuschränken. So sollen wichtige Rohstoffe gespart werden.

Am 28. Februar 1915 wird Bernhard Apelt zum Gefreiten befördert.

Neukölln, den 28. Februar 1915

(Der einzig erhaltene Brief von Schwester Anneliese Apelt an ihren Bruder)

Mein liebes Brüderlein!

Deine Karte haben wir erhalten, und Deinem Wunsche gemäß schicken wir Dir Deinen Einjährigen-Schein. Was Du noch für andere Papiere meinst, kann Mutter nicht ergründen; wenn Du sie aber auch nötig brauchst, so drücke Dich bitte etwas deutlicher aus, damit wir wissen, was Du meinst, und wir sie Dir hinschicken können.

Heute will uns Großmutter Sophie wieder verlassen. Schönes Reisewetter hat sie sich ja nicht gerade ausgesucht; denn es schneit heute unaufhörlich. Von morgen ab essen noch 3 Damen bei uns. Mutters Mittagstisch ist schon ordentlich berühmt in Neukölln. Dann sind es schon 11 Damen, für die Mutter zu kochen hat. Na, es dauert ja nur noch drei Wochen, dass ich die Schulbank drücke, dann kann und muss und werde ich feste in der Wirtschaft helfen. (Bitte unterdrücke Dein verächtliches Lachen; denn »es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen«.)

Heute kommt E. Lippa auch wieder raus. Vorläufig geht es jedenfalls nach Zossen. Was dann weiter mit ihm geschieht, weiß kein Mensch. Er wird Dir ja alles selbst schreiben! (Da staunste wohl?) Werner ist hier auch immer noch regelmäßiger Gast. Er befürchtet aber auch, dass dies angenehme Leben hier bald ein Ende haben wird. Es geht ihm ja immer noch nicht ganz gut, sein Herz ist noch nicht in Ordnung.

Nun weißt Du alle Neuigkeiten, und ich komme mir vor wie eine ausgequetschte Zitrone. Darum Schluss.

Viele herzliche Grüße und Küsse

von Großmutter, Mutter und Deinem Schwesterlein Anneliese

Hans Förste ist wirklich ein sehr schneidiger Soldat.

Vom 1. März 1915 an werden im Deutschen Reich Brotkarten ausgegeben. Die Ration beträgt wöchentlich zwei Kilogramm Brot oder täglich 225 Gramm Mehl. Nach nur einem halben Jahr Krieg ist die Versorgungslage überall in Deutschland sehr angespannt.

Lyck, den 4. März 1915

(Feldpostkarte)

Ihr Lieben,

wir sind seit gestern Abend in Lyck. Geschlafen haben wir in der Infanterie-Kaserne. Ganz Lyck ist zerschossen oder die Häuser zerstört und kaum eine Zivilperson zu finden. In einem Hause fanden wir noch zwei Herren, die uns mit Kaffee und Brot, Schokolade und Zigaretten versorgten. Die Karte werdet Ihr über Königsberg erhalten. Einer der Herren will sie im Auto dorthin mitnehmen. Heute mittag geht’s über die Grenze. Ihr werdet nun eine Zeitlang nichts mehr von mir hören, da die Postverbindung sehr schlecht ist. Macht Euch keine Sorge, vorläufig geht es uns noch gut.

Gruß und Kuss

Euer Bernhard

Am 1. März 1915 zieht Bernhard Apelt mit dem Reserve-Feld-Artillerie-Regiment Nr. 66 an die Front.

Am 4. März 1915 dringen die Einheiten in Russland ein.

Praigrod, den 5. März 1915

Liebe Mutter und Schwester,