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Elias Khoury ist einer der tonangebenden Schriftsteller und Intellektuellen der arabischen Welt. Welche Geschichten, fragen seine Bücher, sind ans Licht zu holen, wenn es um die Entstehung des palästinensisch-israelischen Konflikts geht? Mit welchem Gebirge aus Leid, Schmerz und Gewalt muß es eine „Friedensordnung“ für den Nahen Osten aufnehmen? Khourys neuer Roman führt zurück in die 1940er Jahre, die Zeit vor der palästinensischen Niederlage und der Gründung des Staates Israel. Er erzählt von der Liebe zwischen dem Palästinenser Mansur und der „traumbegabten“ Libanesin Milia. Nach der Heirat ziehen die beiden nach Nazareth. Als Mansurs Bruder Amin, der gegen die jüdische Einwanderung gekämpft hat, getötet wird, muß Mansur seine Rolle übernehmen. Milia hat Angst, Angst um ihn, Angst um ihr Kind. Sie ist schwanger. Bei der Geburt am 24. Dezember 1947 stirbt sie, indem sie aus ihrem letzten Traum nicht mehr erwacht – ein Traum, der sie noch sehen läßt, wie Mansur mit dem Säugling aus dem brennenden Jaffa auf ein griechisches Schiff flieht.
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Seitenzahl: 558
Veröffentlichungsjahr: 2012
Elias Khoury ist einer der wegweisenden Schriftsteller und Intellektuellen der arabischen Welt. Welche Geschichten, fragen seine Bücher, sind ans Licht zu holen, wenn es um die Entstehung des palästinensisch-israelischen Konflikts geht? Mit welchem Gebirge aus Leid, Schmerz und Gewalt muss es eine »Friedensordnung« für den Nahen Osten aufnehmen?
Nachdem Khoury in Yalo mit der Lebens- und Familiengeschichte eines jungen Kämpfers den libanesischen Bürgerkrieg und dessen Wurzeln beschrieben hat, konzentriert sich sein neuer Roman auf die 1940er Jahre, die Zeit vor der palästinensischen »Nakba« (Katastrophe) und der Gründung des Staates Israel. Als schliefe sie erzählt von der Liebe zwischen dem Palästinenser Mansûr und der Libanesin Milia, aus Milias Perspektive. Nach der Heirat ziehen die beiden nach Nazareth. Als Mansûrs Bruder, der gegen die jüdische Einwanderung gekämpft hat, getötet wird, muss Mansûr seine Rolle übernehmen. Milia hat Angst, Angst um ihn, Angst um ihr Kind. Sie ist schwanger. Bei der Geburt am 24. Dezember 1947 stirbt sie, indem sie aus ihrem letzten Traum nicht erwacht – der sie noch sehen lässt, wie Mansûr mit dem Säugling aus dem brennenden Jaffa auf ein griechisches Schiff flieht.
Elias Khoury, geboren 1948 in Beirut, Romancier, Dramatiker, Literaturkritiker, Redakteur, lebt in Beirut. Er war in seiner Jugend Aktivist der palästinensischen Befreiungsorganisation Fatah und ist Autor von mehr als zehn Romanen und drei Theaterstücken. Zuletzt erschienen: Das Tor zur Sonne. Roman, 2004, und Yalo. Roman, 2011
Spiegel Online über Yalo: »Der atemberaubende Versuch, aus totaler Zerstörung so etwas wie eine Rekonstruktion des Humanen zu erreichen.«
Elias Khoury
Als schliefe sie
Aus dem Arabischen
von Leila Chammaa
Roman
Suhrkamp
Titel der 2007 in Beirut
erschienenen Originalausgabe: Ka’annaha nâ’ima
Erste Auflage 2012
© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2012
© Elias Khoury, 2007
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen
Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,
auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie,
Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung
des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer
Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner
Umschlagfoto: Thom Jackson
Satz: Memminger MedienCentrum
ISBN978-3-518-79130-1
Als schliefe sie
»Der Traum bietet eine Möglichkeit, der Unterdrückung zu entkommen.«
Als schliefe sie entführt uns in die 1940er Jahre, die Zeit vor der palästinensischen »Nakba« (Katastrophe) und der Gründung des Staates Israel. Wie in einem großen »Wahrtraum« erzählt Elias Khoury von der Liebe des Palästinensers Mansûr zu der traumbegabten und wunderschönen Libanesin Milia.
Alle Begebenheiten, Personen, Orte und Namen in diesem Roman sind frei erfunden. Mögliche Ähnlichkeiten mit Namen real existierender Personen und Orte sowie Übereinstimmungen mit wirklichen Begebenheiten sind nicht Absicht, sondern reiner Zufall, wie er der wundersamen Welt der Phantasie entspringt.
»Tod ist ein langer Schlaf,
aus dem es kein Erwachen gibt,
und Schlaf ist ein kurzer Tod,
aus dem der Mensch aufersteht.«
Abu l-Alâ’ al-Ma’arri*
»Sie ist nicht gestorben,
sondern sie schläft.«
Lukas 8,52
Die erste Nacht
Die zweite Nacht
Die dritte Nacht
Anmerkung der Übersetzerin
Anhang
Die Lider öffneten sich einen Spalt breit. Zwischen den Wimperreihen kamen zwei müde Augen zum Vorschein. Milia ließ sich zurück in den Schlaf fallen, setzte ihren Traum fort. Eine kleine weiße Kerze. Ihr schwaches Licht flackert im Nebel. Die Kerze in der Hand, geht Mansûr dem Taxi voran. Der Wind peitscht seinen langen Mantel. Das Gesicht ist nicht zu erkennen. Unwillkürlich griff Milia nach dem Glas Wasser, das sie vor dem Schlafengehen gewöhnlich auf den Nachttisch stellte. Doch da war kein Wasser. Sie hatte schrecklichen Durst, spürte eine rissige Trockenheit an Zunge und Gaumen. Der linke Oberarm, eingeklemmt zwischen Kopf und Kissen, war eingeschlafen. Wie von Ameisen befallen, kribbelte er bis hinauf in den Hals. Sie befreite ihren Arm, wälzte sich auf den Rücken, griff instinktiv nach dem Glas Wasser. Doch da war kein Tisch. Erschrocken schoss sie hoch, saß kurz aufrecht und ließ sich langsam zurücksinken, bis sie mit dem Nacken am Kopfteil des Bettes anstieß. Das Bett war aus Holz. Aber wo war die Wand? Die weiße Wand, an die sie sonst den Kopf lehnte, sodass ihr die abplatzende Farbe ins Haar bröselte? Milia kreuzte die Arme vor der Brust, merkte, dass ihr Oberkörper nackt war. Angst befiel sie, Kälte kroch ihr in die Beine. Um das Zittern zu bändigen, legte sie die rechte Hand auf die Schenkel. Die Schenkel waren ebenfalls nackt. Sie ließ die Hand aufwärts wandern, ertastete am Schoß kaltes, geronnenes Blut.
»Die Ehe«, murmelte sie in sich hinein und schloss die Augen.
Wie der schwarze Schatten eines Schattens schwebt Milia die Szene von Dahr al-Baidar vor. Im schwarzen Hochzeitsanzug, darüber einen langen olivgrünen Mantel, in der Hand eine kleine Kerze, geht Mansûr Haurâni dem Taxi voran. Sie, im weißen Brautkleid, sitzt auf der Rückbank, umhüllt von Dunkelheit, in ihrem Blickfeld die glänzende weiß-schuppige Glatze des Chauffeurs. Sobald sie Nazareth in Galiläa erreicht hätten, würde sie Mansûr etwas offenbaren. Ihm offenbaren, dass sich ein gewisses Bild von ihm in ihr Gedächtnis gegraben habe. Das Bild von ihm als einem schwarzen, unsicher durch eisige Kälte wankenden Gespenst, gefolgt von einem Auto, dessen Scheinwerfer den dichten Gebirgsnebel von Dahr al-Baidar nicht zu durchdringen vermochten.
Am Samstag, dem 12. Januar 1946 um 15 Uhr gaben sich Mansûr und Milia in der Erzengel-Michael-Kirche mit dem Segen von Pater Bûlus Sâba das Jawort. Im Anschluss an die Zeremonie trat das Brautpaar ins Freie, nahm, umringt von Milias Familie, vor der Kirche die Glückwünsche entgegen. Milia konnte vor Tränen nur schwer die Gratulanten erkennen. Die Tränen liefen nicht, sondern sprangen ihr wie zum Flug ansetzend aus den Augen und landeten kurz darauf auf den weißen Wangen. Mansûr lächelte breit, sodass zwischen seinen schmalen Lippen die kleinen weißen Zähne zum Vorschein kamen. Darauf, dass seine Braut weinte, machte ihn erst die Äußerung ihrer Mutter aufmerksam.
»Nicht doch, Milia!«, sagte sie. »Schließlich ist das eine Hochzeit und keine Beerdigung!«
Als alle Gäste, jeder mit einer Silberdose voll Süßigkeiten, gegangen waren und auf dem Kirchplatz nur noch die engere Verwandtschaft stand, drückte die Mutter ihre Tochter fest an sich. Von einem Weinkrampf geschüttelt, lagen sich die beiden in den Armen.
»Ach Kind, du brichst mir noch das Herz«, schluchzte die Mutter und schob Milia von sich. »Das Weinen überlass uns. Du musst dich freuen!«
Tränen würgend lächelte Milia. Die Mutter gewann die Beherrschung zurück und beglückwünschte das Brautpaar, um das sich die Brüder der Braut drängten, mit einem Jubeltriller. Milia schaute Mûsa an, bemerkte, dass sich seine Pupillen verengten, und witterte Gefahr. Unwillkürlich hob sie die Hand, wie um Mansûrs Gesicht vor den Blicken ihres jüngsten Bruders zu schützen.
Milia öffnete die Augen. Sie sah nichts. Nur Dunkelheit. Jenen rätselhaften Traum wollte sie unbedingt fortsetzen. Denn trotz aller Angst, die sie spürte, verlieh er ihr ein Gefühl der Geborgenheit. Endlich waren die nächtlichen Visionen wieder da. Endlich träumte sie wieder. Milia sah sich selbst im Traum. Ein kleines Mädchen, sieben Jahre alt, dunkelhäutig, mit kurzen schwarzen Locken. Um sie herum Menschen. Rastlos rennt sie zwischen ihnen umher. Sie sieht alles. Und wenn sie morgens, aus dem Schlaf erwacht, von ihren nächtlichen Erlebnissen erzählte, erntete sie von allen erstaunt beklommene Blicke. Denn wie Prophezeiungen bewahrheiteten sich stets ihre Träume. Hier in diesem fremden Bett dagegen, umgeben von Dunkelheit, so dicht, dass sie auf die Augen drückte, erschien sie sich im Traum als erwachsene Frau. Vierundzwanzig Jahre alt. Nackt in einem Bett, das nicht das ihre war. Der Kopf auf einem Kissen ruhend, das nicht das ihre war.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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