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In 'Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen' präsentiert Friedrich Wilhelm Nietzsche eine philosophische Erzählung, die die Gedanken des Übermenschen, der Ewigen Wiederkehr und des Willens zur Macht verkörpert. In einer Mischung aus Dichtung und Essay verkündet die Figur Zarathustra seine Lehren in Form von herrlichen Prosa- und Gedichtpassagen. Der Texte bewegt sich zwischen persönlichem Bekenntnis und universeller Wahrheit, gerahmt in einem starken, symbolischen Stil, der stark an die biblische Sprache erinnert. Nietzsches Werk ist nicht nur ein Manifest seines radikalen Denkens, sondern auch ein Beitrag zur Literatur seiner Zeit, der die Grenzen von Philosophie und Poesie neu definiert. Friedrich Wilhelm Nietzsche, ein einflussreicher Philosoph des 19. Jahrhunderts, zeichnet sich durch seine kritische Haltung gegenüber Moral und Religion aus. Als Zeitzeuge eines sich wandelnden Europas, geprägt von Industrialisierung und Nihilismus, suchte Nietzsche nach neuen Werten und Sinngebungen. Die Schaffung von Zarathustra, dem prophetischen Alter Ego des Autors, spiegelt Nietzsches Suche nach Identität und Verständnis in einer chaotischen Welt wider und ist sowohl ein persönliches als auch ein kollektives Plädoyer für die Selbstverwirklichung und die Überwindung traditioneller Beschränkungen. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich mit der menschlichen Existenz, dem Sinn des Lebens und der Rolle des Individuums in der Gesellschaft auseinandersetzen möchten. Nietzsches tiefgründige Gedanken und eindringliche Sprache fordern den Leser heraus, eigene Überzeugungen in Frage zu stellen und neue Perspektiven zu entwickeln. Ein Werk, das nicht nur philosophische Konventionen sprengt, sondern auch als künstlerisches Meisterwerk gilt – eine Einladung, über das Wesen des Menschseins nachzudenken. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Ein Wanderer steigt vom Berg herab und trägt eine Funkenfracht, die im Innersten der Welt ein neues Feuer entfachen will. Diese Gestalt, Zarathustra, verkörpert die Herausforderung, das Gewohnte abzulegen und den Mut zur Selbstüberschreitung zu fassen. Was hier beginnt, ist keine belehrende Lehrschrift, sondern ein poetischer Aufbruch: ein Sprechen, das prüft, provoziert, tröstet und verunsichert. Das Buch richtet sich an alle, weil es die Grundfragen des Daseins berührt, und an keinen, weil es fordert, selbst zu denken. Es ruft nicht zur Nachfolge, sondern zur Eigenständigkeit, und verlagert Philosophie in die lebendige, gefährliche Zone der Erfahrung.
Als Klassiker gilt dieses Werk, weil es Formen sprengt und Generationen herausfordert. Es verbindet Gedankenexperiment und dichterische Vision, Mythos und Kritik, prophetische Pose und ironisches Augenzwinkern. Seine Sprachkraft hat die Moderne mitgeprägt, indem sie Philosophie dramatisierte und das Denken in sprechende Bilder, Szenen und Gesänge verwandelte. Zeitlose Themen wie Freiheit, Verantwortung, Sinnsuche und die Gestaltung des eigenen Lebens werden hier mit einer Intensität verhandelt, die Leserinnen und Leser immer wieder neu anzieht. Gerade die Beweglichkeit zwischen Ernst und Spiel, Pathos und Humor, macht das Buch zu einer Quelle, aus der Literatur und Ideenwelt vielfach geschöpft haben.
Verfasst wurde Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen von Friedrich Wilhelm Nietzsche in den Jahren 1883 bis 1885. Die ersten drei Teile erschienen 1883 und 1884, der vierte Teil wurde 1885 in kleiner privater Auflage gedruckt. Dieses Entstehungs- und Publikationsprofil gehört zur Eigenart des Buches: Es ist in Etappen gewachsen, als Experiment und Wagnis, jenseits akademischer Konventionen. Nietzsche, vormals klassischer Philologe, entwickelt darin eine eigene, literarisch-philosophische Form, die sich bewusst dem Traktat verweigert. Das Werk entzieht sich eindeutigen Zuordnungen und ist gerade dadurch ein singulärer Beitrag zur europäischen Geistes- und Literaturgeschichte.
Im Zentrum steht die Figur Zarathustras, eines Wanderers und Lehrenden, der in Reden, Gleichnissen und Liedern seine Einsichten erprobt. Er tritt in Städte und auf Märkte, sucht die Nähe wie die Abgeschiedenheit, ringt mit sich und den Menschen. Denken erscheint als Weg, nicht als Besitz; als Bewegung, die immer wieder neu beginnt. Die erzählerischen Szenen sind Gelegenheiten, in denen Ideen Gestalt gewinnen: in Begegnungen, in Bildern von Aufstieg und Abstieg, von Mittag und Mitternacht, von Meer und Sonne. So entfaltet sich kein linearer Plot, sondern ein Reigen von Stationen, deren Spannungen die Leserinnen und Leser mitvollziehen.
Die Form des Buches ist eine kunstvolle Mischung aus Hymnus, Parabel und dramatischem Monolog. Nietzsche nutzt Wiederholungen, Refrains, überraschende Wendungen und ein hohes, zugleich bewegliches Sprachregister. Der Ton schwingt zwischen Gravität und Leichtigkeit, zwischen feierlichen Anrufungen und komödiantischer Brechung. Bildmotive kehren wieder, variieren sich, sprechen miteinander. Diese Gestaltung ist nicht bloß Dekor: Sie trägt die Argumentation, indem sie Denken als rhythmische Erfahrung fühlbar macht. Wer liest, hört zugleich, spürt Pausen und Akzente, und wird eingeladen, den Text nicht nur zu verstehen, sondern zu begehen, als wäre er ein Gebirge mit Pfaden, Kanten und Fernsichten.
Zentrale Themen sind Selbstüberwindung, schöpferische Wertebildung und die Kritik an bequemen Gewissheiten. Das Buch richtet sich gegen Trägheit des Geistes und fordert Mut zur Verantwortung für das eigene Maß. Es betont die Bedeutung des Leibes, der Sinne und der Lebensfreude, ohne die Tiefe des Ernstes zu verlieren. Einsamkeit und Gemeinschaft werden nicht als Gegensätze, sondern als Spannungsfeld verstanden, in dem Reifung geschieht. Moral erscheint nicht als starres Gesetz, sondern als Aufgabe, die überprüft, erneuert, verwandelt werden kann. So entsteht ein Ethos der Wandlung, das nicht belehrt, sondern herausfordert, die eigene Stimme zu finden.
Als Leitmotive ragen die Gestalt des Übermenschen und die Idee einer Wiederkehr des Daseins hervor. Beide Figuren sind keine fertigen Dogmen, sondern Prüfsteine: Sie prüfen, ob Bejahung möglich ist, wo Last, Zufall und Widerstand herrschen. Die Rede vom Übermenschen öffnet den Blick auf Formen der Selbstgestaltung jenseits ererbter Maßstäbe. Die Vorstellung einer Wiederkehr fragt, ob man sein Leben so bejahen kann, dass man es erneut wollte. Hinzu treten Motive des Tanzes und des Lachens, die das Schwerste leicht machen sollen. Die Summe ist eine Philosophie der Bejahung, die nur durch Konflikt hindurch glaubwürdig wird.
Die Wirkungsgeschichte des Buches reicht tief in die Literatur der Moderne. Seine poetische Philosophie inspirierte Autorinnen und Autoren, die die Krise des Subjekts und die Suche nach neuer Form verhandelten. Man findet Spuren in der deutschen Prosa und Lyrik des frühen 20. Jahrhunderts, etwa bei Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse, Robert Musil oder im Umfeld symbolistischer und expressionistischer Bewegungen. Auch jenseits der Literatur, in Musik und Essayistik, hallte der Ton dieser Seiten nach. Der Text prägte die Vorstellung, dass Denken eine ästhetische Gestalt braucht, um die Gegenwart wirksam zu erreichen.
Gleichwohl verlief die frühe Rezeption nicht geradlinig. Anfangs stieß das Werk auf begrenzte Aufmerksamkeit; seine ungewöhnliche Form und sein Anspruch erschwerten die Aufnahme. Allmählich jedoch wuchs seine Präsenz, und mit ihr die Einsicht, dass hier eine neue Art von philosophischer Dichtung vorliegt. In der Folge wurde es in Ausgaben, Kommentaren und Deutungen breit erschlossen und gewann kanonischen Rang. Diese Entwicklung verdankt sich der Beharrlichkeit des Textes: Er lässt sich nicht erschöpfen, provoziert Widerspruch und lädt zum erneuten Lesen ein. Aus solcher Belastbarkeit erwächst die Autorität, die wir einem Klassiker zuschreiben.
Wer das Buch heute aufschlägt, trifft auf eine Bühne, auf der Masken und Stimmen wechseln. Nicht jede Behauptung ist wörtlich, nicht jede Geste belehrend; Ironie, Parodie und Selbstkritik sind ständig am Werk. Es empfiehlt sich, die Bilder als Instrumente des Denkens zu lesen, nicht als starre Symbole. Der Text fordert Mitgestaltung: Er will Antworten, nicht Zustimmung. Gerade diese dialogische Anlage bewahrt ihn vor dem Altern. Indem er Distanz und Nähe zugleich erzeugt, ermöglicht er ein Lesen, das persönlich wird, ohne sich in subjektiver Laune aufzulösen. Die eigene Erfahrung bleibt Prüfstein der Gedanken.
Die Gegenwart findet in diesem Werk einen Gesprächspartner für Fragen der Orientierung im Wandel. In Zeiten beschleunigter Umbrüche gewinnt die Idee der Selbstgestaltung, des tastenden Erfindens eigener Maßstäbe, besondere Dringlichkeit. Zugleich spricht die Sprachkraft des Buches Leserinnen und Leser an, die in Literatur mehr suchen als bloße Illustration von Thesen. Es eröffnet eine Schule des Mutes, der heiteren Strenge, der prüfenden Bejahung. Nicht als Trostbuch, sondern als Übung im Sehen, im Wägen, im Neuerfinden. So kann es nicht nur verstanden, sondern gelebt werden: als tägliche, kleine Kunst der Entscheidung und der Verantwortung.
Auch heute bleibt Also sprach Zarathustra fesselnd, weil es Fragen stellt, an denen kein Jahrhundert vorbeikommt: Wie leben, wenn alte Gewissheiten schwinden? Wie schaffen, ohne sich zu verlieren? Wie bejahen, ohne zu beschönigen? Das Buch bündelt eine seltene Mischung aus intellektueller Kühnheit und poetischer Formkraft. Es bietet keinen fertigen Schluss, sondern eine Bewegung, die weiterträgt. Darin liegt seine dauerhafte Anziehung: Es leuchtet, provoziert, öffnet. Wer sich ihm anvertraut, gewinnt keinen Rezeptkasten, sondern einen Kompass. Und dieser Kompass weist auf das Offene, in dem Denken und Leben neu beginnen dürfen.
Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra erzählt in prophetischen Reden den Weg des Eremiten Zarathustra, der nach Jahren der Einsamkeit vom Berg zu den Menschen hinabsteigt. Im Prolog kündigt er sein zentrales Thema an: Der Mensch soll überwunden werden zugunsten des Übermenschen, einer Gestalt der Selbstschöpfung und bejahenden Kraft. Der Gegensatz zum „letzten Menschen“ markiert die Gefahr der Bequemlichkeit, Gleichmacherei und müden Wünsche. Zarathustra tritt nicht als Dogmatiker auf, sondern als Anreger, der Bilder, Gleichnisse und Lieder nutzt. Die Form mischt Predigt, Parabel und poetischen Gesang und eröffnet so den Rahmen für eine Folge von Lehrstücken und Begegnungen.
Zarathustra geht auf den Markt, wo er seine Lehre öffentlich vorträgt. Dort kontrastiert er die Aussicht auf den Übermenschen mit der Zufriedenheit des letzten Menschen, der Risiken meidet und kleine Freuden bevorzugt. Eine Vorführung eines Seiltänzers dient als Gleichnis für die Gefährdung menschlicher Anstrengung. Die Menge reagiert wechselhaft: Neugier, Spott, Missverständnisse. Zarathustra wendet sich einigen, die ihm folgen wollen, doch er warnt vor blinder Gefolgschaft. Er will Schaffende, keine Nachbeter. Deshalb trennt er sich früh von den Jüngern und sucht erneut die Einsamkeit, um seine Gedanken zu klären. Von nun an gliedert sich das Buch in Reden, Episoden und Gesänge.
In den frühen Reden der ersten Teilung umreißt Zarathustra die „drei Verwandlungen des Geistes“: Kamel, Löwe und Kind stehen für Lasttragen, Befreiung und schöpferischen Neubeginn. Weitere Kapitel behandeln das Selbst, die Freude an der Erde, den Umgang mit Mitmenschen und die Gefahr der Mitleidsmoral. Er kritisiert Herdeninstinkte, predigt Selbstüberwindung und feiert die Leichtigkeit des Tanzes. Eine scharfe Polemik richtet sich gegen den „neuen Götzen“, den Staat, der Einzelne nivelliert. Zugleich betont Zarathustra Freundschaft und Einsamkeit als komplementäre Kräfte. Die Sprache bleibt bildhaft und aphoristisch, sodass moralische Forderungen eher als Anstöße denn als festes Gesetz erscheinen.
Der erste Teil kulminiert in einer Lehre von Zielen und Werten. In „Von tausend und Einen Zielen“ zeigt Zarathustra, wie Völker und Zeiten unterschiedliche Wertordnungen schaffen. Entscheidend sei die „schenkende Tugend“, die nicht aus Pflicht, sondern aus Überfluss heraus gibt. Der Mensch wird als Brücke, nicht als Zweck, beschrieben. Diese Perspektive lenkt den Blick auf das Selbst als Quelle künftiger Maßstäbe. Nach Begegnungen, die seine Wirkung auf andere spiegeln, zieht er sich abermals zurück. Der Rückzug ist kein Fluchtpunkt, sondern ein methodischer Schritt: Reifung in der Stille, um später mit neuer Stimme zu sprechen und die Lehre zu vertiefen.
Im zweiten Teil kehrt Zarathustra in die Welt der Menschen zurück. Er setzt seine Kritik fort, nun schärfer gegen Vergeltungsdrang, Ressentiment und Gleichheitsfanatismus („Von den Tarantel-Spinnen“). Er befragt Weisen, Gelehrte und Dichter und findet in ihrem Wissen oft ein Verfehlen des Lebens. Themen wie Scham, Keuschheit, Ruhm und Tugend werden in zugespitzten Miniaturen verhandelt. In „Von der Erlösung“ deutet sich eine Lehre vom Willen an, der sich nicht in Schuldverhältnisse einspannen lässt. Die Gedanken kreisen zunehmend um die Fähigkeit, Vergangenes zu bejahen und nicht in Rache-Logik zu verharren. Der Ton schwankt zwischen Spott, Ernst und Gesang.
Eine zentrale, rätselhafte Episode bildet „Gesicht und Rätsel“. Zarathustra schildert eine Vision mit Zwerg, Tor und Schlange, in der ein Augenblick als Tor zu zwei unendlichen Wegen erscheint. Die Szene bündelt die Andeutung einer Idee, die später klarer wird: die radikale Wiederkehr des Gleichen als Denkversuch der höchsten Bejahung. Seefahrten und Berggänge rahmen diese Erfahrung und verstärken das Motiv des Prüfens. Der Gedanke erscheint nicht als Dogma, sondern als existentielle Zumutung, die Mut und Leichtigkeit verlangt. Diese Passage markiert einen Wendepunkt: Lehre und Leben sollen sich decken, und die Bilder verlangen Zustimmung statt bloßer Worte.
Der dritte Teil führt die innere Prüfung fort. In „Der Genesende“ ringt Zarathustra mit Schwere und Ekel, um eine bejahende Haltung zu erringen. Der Gedanke der Wiederkehr wird als Prüfstein des Ja-Sagens entfaltet: Kann man das Gewesene so bejahen, dass man seine Wiederholung wünscht? Es folgen Gesänge und Tänze, die Heiterkeit, Übermut und Leichtigkeit als Ausdruck von Stärke darstellen. Motive von Freundschaft, Einsamkeit und Mut werden neu verschränkt. Immer wieder erscheint der Ruf nach Selbstüberwindung, nicht als Askese, sondern als Steigerung der Lebenskraft. Der „große Mittag“ wird zum Bild eines klaren Höhepunkts ohne Hinterwelt und Trostversprechen.
Der vierte Teil zeigt Zarathustra in seiner Höhe, aber umgeben von Besuchern, die als „höhere Menschen“ bezeichnet werden. Sie suchen Zuflucht, Rat und Bestätigung. Zarathustra gewährt Gastfreundschaft, stellt jedoch ihre Ansprüche infrage. In ironischen, teils festlichen Szenen spiegelt das Buch die Versuchung, aus Lehre Kult zu machen. Eine parodistische Feier mit einem Esel thematisiert Anbetung und Missverständnis. Zarathustra prüft seine Gäste und sich selbst: Er will kein Gesetzgeber, sondern Anreger bleiben. Am Ende steht die erneute Besinnung auf Einsamkeit, Heiterkeit und den Mut, ohne Garantie für Zustimmung zu sprechen und Schaffende an ihre eigene Quelle zu verweisen.
Die Gesamtbewegung des Buches führt von der Verkündigung über Prüfungen zur bekräftigten Bejahung. Im Vordergrund stehen die Überwindung von Herdenmoral, die Schöpfung neuer Werte und der Gedanke, das Dasein in seiner Wiederkehr zu wollen. Stil und Aufbau verbinden Parabel, Lied und Polemik zu einer eigenwilligen Dramaturgie. Die Figur Zarathustras dient als Medium, nicht als Autoritätsersatz. Der Text richtet sich „für Alle und Keinen“: zugänglich als Bilderrede, anspruchsvoll als philosophische Herausforderung. Ohne abschließende Dogmen hält die Erzählung auf einen offenen Horizont hin: auf Menschen, die sich als Brücke verstehen und in Freiheit Verantwortung übernehmen.
Als fiktionaler Rahmen entwirft Also sprach Zarathustra eine zeitlose, mythisch aufgeladene Welt eines wandernden Weisen, der aus den Bergen herabsteigt. Diese Topographie erinnert an alpine Höhen wie jene, in denen Nietzsche selbst lebte, und evoziert zugleich den fernen Ursprung des Namens Zarathustra im altpersischen Religionsraum. Obgleich die erzählte Zeit nicht historisch datiert ist, spiegelt die Landschaft der Gipfel, Täler und Städte die Wahrnehmung Europas in den 1880er-Jahren: rasant modernisiert, geistig verunsichert, politisch verfestigt. Die Bühne ist damit symbolisch Europa selbst, dessen religiöse, nationale und soziale Widersprüche den Denkraum der Rede Zarathustras bilden.
Der konkrete Entstehungsort verankert den Text in Mitteleuropa und im Mittelmeerraum: Nietzsche konzipierte zentrale Ideen 1881 bei Sils-Maria im Engadin, verfasste Teile 1883 in Rapallo und publizierte die vier Teile zwischen 1883 und 1885, den letzten 1885 in kleiner Auflage in Leipzig. Die Abfolge schweizerischer Höhenluft und italienischer Küstenstädte bildet den geographischen Resonanzraum eines Buches, das Distanz zu den Zentren der Macht sucht. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung fällt in die Konsolidierung des Deutschen Kaiserreichs unter Bismarck, in eine Welle industrieller Beschleunigung und in die Zuspitzung eines europäischen Werte- und Legitimitätskrise.
Die Reichsgründung von 1871 markierte die politische Neuordnung Mitteleuropas: Nach dem Sieg über Frankreich wurde am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich proklamiert; Wilhelm I. wurde Kaiser, Otto von Bismarck Reichskanzler. Der neue Bundesstaat, von Preußen dominiert, vereinte Industrie- und Militärmacht, schuf einheitliche Institutionen und förderte einen aggressiven Nationalstolz. Dieses politische Umfeld, das den Staat zum quasi-religiösen Bezugspunkt erhob, bildet den Hintergrund von Nietzsches scharfer Polemik gegen „neue Götzen“. Zarathustras Misstrauen gegenüber Staatsvergötzung und Massenloyalitäten liest sich als Gegenrede zur sakralisierten Nation des Kaiserreichs.
Dem voraus ging der Deutsch-Französische Krieg 1870/71, mit Schlüsselereignissen wie Wörth (6. August 1870), Sedan (1. September 1870) und der Belagerung von Paris. Preußisch-deutsche Truppen siegten, Frankreich verlor Elsass-Lothringen und zahlte hohe Reparationen. Nietzsche diente 1870 als freiwilliger Sanitäter, sah Verwundete und erkrankte schwer an Diphtherie und Ruhr. Die Erfahrung massenhaften Leidens, Triumphalismus und Vergeltungspolitik prägte sein Misstrauen gegenüber Kriegsmythen. Im Buch spiegelt sich dies in der ironischen Distanz zu kollektiver Begeisterung und in der Kritik an Rache- und Ressentimentdynamiken, die nach 1871 weite Teile der europäischen Politik bestimmten.
Das Bismarckreich (1871–1890) kombinierte modernen Parlamentarismus mit autoritärer Staatsräson. Der Kanzler stabilisierte das Reich innenpolitisch durch Bündnissysteme, Schutzzölle (1879) und Verwaltungsausbau, zugleich disziplinierte er oppositionelle Kräfte. Universale Männerwahlrechte zum Reichstag schufen Massendemokratie ohne liberalen Primat. Nationale Identität wurde durch Schule, Heer und Feiertage ritualisiert. Diese Verflechtung von Massenpolitik, Bürokratie und Militarismus ist ein entscheidender Kontext für Zarathustras Warnung vor der nivellierenden Macht großer Kollektive. Das Buch reagiert, indem es den Einzelnen zur Selbstüberwindung jenseits staatlicher Moral und populärer Tugendkataloge auffordert.
Die zweite industrielle Revolution beschleunigte seit den 1870er-Jahren den Strukturwandel: Stahl (Krupp), Chemie (BASF), Maschinenbau und Eisenbahnen transformierten Rhein-Ruhr, Sachsen und Schlesien. Der Gründerkrach von 1873 leitete eine deflationäre Langkrise ein, während Urbanisierung und Fabrikarbeit eine neue Arbeiterklasse formten. Die Sozialistische Arbeiterpartei (später SPD) entstand 1875 in Gotha, Gewerkschaften organisierten kollektive Interessen. Diese „soziale Frage“ – Wohnungsnot, Arbeitszeiten, Löhne – dominierte das Jahrzehnt. Zarathustras Motive von Herdenmoral, Gleichheitsversprechen und Bequemlichkeitsidealen spiegeln die Ambivalenzen einer Epoche, in der soziale Emanzipation und Massenkonformismus zugleich möglich wurden.
Ausgelöst durch Attentate auf Kaiser Wilhelm I. (Hödel und Nobiling, 1878) erließ Bismarck die Sozialistengesetze (1878–1890), die sozialdemokratische Vereine, Versammlungen und Presse verboten, ohne jedoch das Reichstagswahlrecht zu entziehen. Paradox reagierte er zugleich mit Sozialgesetzgebung: Krankenversicherung (1883), Unfallversicherung (1884) sowie Alters- und Invalidenversicherung (1889). Diese Politik verband Repression und paternalistischen Schutz. Zarathustra polemisiert gegen „Mitleid“ als politisches Prinzip und gegen staatlich verwaltete Tugend – nicht um Elend zu rechtfertigen, sondern um vor moralischer Instrumentalisierung zu warnen. Das Buch adressiert damit eine Kernspannung der 1880er-Jahre zwischen Wohlfahrtsstaat, Disziplinierung und autonomer Lebensführung.
Der Kulturkampf zwischen Reich und katholischer Kirche eskalierte nach dem Ersten Vatikanischen Konzil (1869–1870), das die päpstliche Unfehlbarkeit definierte. Im Reich folgten das Jesuitengesetz (1872), die Maigesetze (1873) und die Zivilehe (1875), begleitet von Ausweisungen und Verhaftungen. Unter Papst Leo XIII. und Bismarcks Kurswechseln ebbte der Konflikt in den späten 1870ern ab. Diese Auseinandersetzung über Souveränität, Glauben und moderne Staatsgewalt bildet den historischen Resonanzraum für Nietzsches Diagnose der „Entgöttlichung“ Europas. Zarathustras Verkündigung vom „Tod Gottes“ setzt nicht bei konfessionellen Kämpfen an, macht aber deren geistige Erschöpfung und Institutionenkonflikte sichtbar.
Die europäische Krisenerfahrung der 1860er–1880er gilt als „Zeitalter des Nihilismus“: Erosion religiöser Gewissheiten, naturwissenschaftliche Weltdeutung und politische Enttäuschungen ließen Sinnhorizonte brüchig werden. 1882 formulierte Nietzsche in Die fröhliche Wissenschaft den „Tod Gottes“; Zarathustra entfaltet die Konsequenzen als dramatische Aufgabe neuer Wertsetzung. Historisch korrespondiert dies mit der Säkularisierung öffentlicher Räume, der Ausdehnung wissenschaftlicher Institutionen und der Zunahme skeptischer Öffentlichkeit. Das Buch ist in dieser Lage weniger Symptom als Kontrapunkt: Es benennt den Verlust transzendenter Fundamente und fordert eine aktive, verantwortliche Neubegründung von Maßstäben im Angesicht des Vakuums.
Zeitgleich radikalisierten sich in Russland nihilistische und populistische Strömungen: Die Narodnaja Wolja verübte Anschläge und tötete Zar Alexander II. am 13. März 1881 in Sankt Petersburg. Der folgende Repressionskurs unter Alexander III. prägte Europawahrnehmungen von Umsturz und Ordnung. Diese Ereignisse trugen zur Angst vor revolutionärer Gewalt bei, die Politik und Presse der 1880er mitbestimmte. Zarathustra reagiert nicht programmatisch auf russische Gruppen, integriert jedoch die Diagnose einer kontinentweiten Sinnkrise, die in Gewalt, Ressentiment und Heilslehren mündet. Der „letzte Mensch“ karikiert jene saturierte Stabilität, die auf Kosten von Größe, Risiko und schöpferischer Verantwortung erkauft wird.
Die Debatten um Darwinismus veränderten das europäische Selbstbild: Charles Darwin veröffentlichte 1859 On the Origin of Species und 1871 The Descent of Man. In Deutschland popularisierte Ernst Haeckel (Generelle Morphologie, 1866) eine monistische Sicht, während Rudolf Virchow 1877 vor gesellschaftlichen Folgen warnte. Diese Kontroversen politisierten Biologie und Geschichte. Zarathustra greift keine Biologismen auf; der „Übermensch“ ist kein Darwin’scher Typus. Gleichwohl antwortet das Buch auf das entstehende naturalistische Menschenbild, indem es Selbstgestaltung und Wertschöpfung betont – gegen teleologische Heilsversprechen ebenso wie gegen eine bloß adaptive, von Nützlichkeit bestimmte Anthropologie.
In den späten 1870er- und 1880er-Jahren erstarkte der moderne Antisemitismus in Deutschland: Adolf Stoeckers Christlich-Soziale Bewegung agitierte seit 1878; 1879 provozierte Heinrich von Treitschkes Satz „Die Juden sind unser Unglück!“ die sogenannte Berliner Bewegung; eine antisemitische Petition zirkulierte 1880/81. Diese Kampagnen mischten soziale Ängste mit nationaler Ideologie. Nietzsche wandte sich in Briefen und Schriften gegen Antisemitismus und brach mit entsprechenden Kreisen. Zarathustra, obgleich keine Zeitanalyse, setzt kosmopolitische, aristokratische Maßstäbe gegen völkische Affekte. Die Kritik an Herdeninstinkten trifft ausdrücklich jene ressentimentgeladenen Mobilisierungen, die Minderheiten zu Sündenböcken machten.
Der europäische Imperialismus erhielt 1884/85 auf der Berliner Kongo-Konferenz einen Ordnungsrahmen: Unter Bismarcks Vorsitz teilten Mächte Einflusszonen in Afrika, anerkannten den Kongo-Freistaat Leopolds II. und ebneten deutschen Kolonialerwerbungen den Weg (Deutsch-Südwestafrika, Togo, Kamerun 1884; Deutsch-Ostafrika 1885). Imperialpolitik verband ökonomische Expansion mit Rasseideologien und Missionsrhetorik. Zarathustra spiegelt diese Dynamik indirekt, indem er die Moral des „Guten“ als Herrschaftsmittel problematisiert und europäische Selbstüberhebung entlarvt. Statt kollektiver Sendungsrolle fordert das Buch individuelle Bewährung; es misstraut dem zivilisatorischen Pathos, das Expansion und Mission als moralischen Fortschritt ausgibt.
Die Massenpolitisierung der 1870er/80er beruhte auf Alphabetisierung, Pressestrukturen und Wahlrecht. Billigeditionen wie Reclams Universal-Bibliothek (ab 1867) verbreiteten Texte; Parteipresse formte Milieus; das Reichstagswahlrecht mobilisierte Millionen. Damit wuchsen soziale Erwartungshorizonte – und standardisierte Formen der Meinung. Zarathustras Untertitel „Ein Buch für Alle und Keinen“ antwortet auf diese Öffentlichkeit: Es akzeptiert die Reichweite eines Massenmarkts, verweigert aber die Anpassung an dessen Erwartungen. Die Figuren des „letzten Menschen“ und des „Herdentiers“ reflektieren den Druck zur Konformität, der mit der Demokratisierung von Aufmerksamkeit und Kultur einherging.
Die technische Durchdringung Europas veränderte auch periphere Räume: Der Gotthardtunnel wurde 1882 eröffnet, Brenner- (1867) und Mont-Cenis-Tunnel (1871) hatten den Alpenverkehr bereits erleichtert. Solche Infrastrukturen machten Orte wie Sils-Maria und italienische Küstenstädte für saisonale Migrationen erreichbar. Nietzsches Pendeln zwischen Engadin, Genua, Rapallo und Nizza ist Teil dieser Mobilitätsgeschichte. Die Bergwelt Zarathustras erhält so einen konkreten historischen Schatten: Sie wird zum Gegenbild der vernetzten, beschleunigten Welt, die durch Schienen, Telegrafie und Tourismus zusammenrückt. Das Buch gewinnt aus dieser Distanz den Blick für die Dynamiken, die Städte und Nationen in Gleichschritt versetzen.
Als gesellschaftliche und politische Kritik attackiert das Buch die Idolisierung des Staates, den nationalen Kult und die bequeme Moral der Massen. Es entlarvt Gleichheitsrhetoriken, die Größe gegen Komfort eintauschen, und verweigert jene Symbiose aus Wohlfahrt und Gehorsam, die das Kaiserreich prägte. Gegen Kirchenkampf und Säkularpathos entwirft es keinen neuen Kult, sondern eine asketisch-souveräne Selbstzucht. Zarathustras Parabeln sezieren die Versuchungen seiner Zeit: Ressentiment, Vergeltung, Sentimentalität und Misstrauen gegen das Außerordentliche. Inmitten sozialer Programme und imperialer Missionen insistiert das Werk auf persönlicher Verantwortlichkeit, die ohne kollektive Heilsgewissheit auskommt.
In der Sichtbarmachung epochaler Probleme – sozialer Ungleichheit, politischer Massenrituale, Sinnverlust und Gewaltspiralen – wirkt das Buch wie ein seismographischer Kommentar. Es kritisiert Klassengegensätze nicht mit ökonomischem Plan, sondern als moralische Selbsttäuschung aller Seiten: der saturierten Mehrheit wie der ressentimentgetriebenen Opposition. Nationalismus, Antisemitismus und Imperialpathos erscheinen als Symptome einer Angst, die Größe durch Zugehörigkeit ersetzt. Indem Zarathustra den „letzten Menschen“ verspottet und den „neuen Götzen“ Staat angreift, legt das Werk die politischen Konflikte seiner Zeit frei – und fordert eine Umwertung, die sich sozialen Pflichten nicht entzieht, aber Herdentriebe überwindet.
Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844–1900) war ein deutscher Philologe und Philosoph, dessen Werk die intellektuelle Landschaft der Moderne nachhaltig prägte. Zwischen Spätromantik und beginnender Massengesellschaft verortet, verband er kulturkritische Diagnose mit stilistischer Experimentierfreude. Seine Schriften zerlegen tradierte Gewissheiten über Wahrheit, Moral und Religion und erkunden Perspektivismus, Selbstüberwindung und die produktive Kraft der Affekte. Mit einem Mix aus Aphoristik, Polemik und poetischer Prosa schuf er eine eigenständige Form philosophischer Literatur. Zeitgenössisch oft missverstanden oder ignoriert, wurde seine Wirkung im 20. Jahrhundert umfassend, wobei Rezeption und Vereinnahmung stark schwankten. Heute gilt er als Schlüsselautor der europäischen Geistesgeschichte.
Nietzsche erhielt seine schulische Ausbildung an der Landesschule Pforta, einem humanistischen Internat mit strenger klassischer Orientierung. Nach Studien der klassischen Philologie und Theologie in Bonn wandte er sich in Leipzig ganz der Philologie zu und schloss sich dem Kreis um den Gelehrten Friedrich Ritschl an, der sein akademisches Talent förderte. Prägend wurde die Lektüre Arthur Schopenhauers, deren pessimistischer Grundton Nietzsches frühe Denkbewegungen anstieß, ebenso wie die intensive Beschäftigung mit den Vorsokratikern und der griechischen Tragödie. In dieser Zeit entstand auch die geistige Nähe zu Richard Wagner, dessen künstlerischer Anspruch und kulturkritische Pose Nietzsche zunächst begeisterten.
1869 wurde Nietzsche, ungewöhnlich jung, auf einen Lehrstuhl für klassische Philologie in Basel berufen. Aus dieser akademischen Situation heraus veröffentlichte er Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872), ein Werk, das dionysische und apollinische Prinzipien zur Deutung der antiken Kunst heranzog und zugleich die zeitgenössische Bildungsphilisterei attackierte. Es folgten die Unzeitgemäßen Betrachtungen (1873–1876), Essays, die historische Moden, Presse und Gelehrsamkeit kritisch beleuchteten. Die anfänglich enge Bindung an den Bayreuther Kreis lockerte sich, als Nietzsche dessen Ideologie und Ästhetik zunehmend skeptisch sah. Die ambivalente Resonanz in der Fachwelt trug zu seiner intellektuellen Neuorientierung bei.
Gesundheitliche Belastungen, verstärkt durch einen kurzen Kriegsdienst als Sanitäter im deutsch-französischen Konflikt, verschärften sich in den 1870er-Jahren. 1879 legte Nietzsche seine Professur nieder und führte fortan ein wanderndes, den klimatischen Bedingungen angepasstes Arbeitsleben zwischen Alpen- und Mittelmeerorten. Mit Menschliches, Allzumenschliches (1878–1880), Morgenröte (1881) und Die fröhliche Wissenschaft (1882; erweiterte Ausgabe 1887) wechselte er zu einer freieren, aphoristischen Schreibweise und verlegte den Akzent von Metaphysik auf Psychologie, Sprache und Genealogie von Werten. Die Leserschaft blieb zunächst klein, doch der Ton wurde schärfer, die Diagnose moderner Selbsttäuschungen präziser.
Also sprach Zarathustra (1883–1885) entwarf in dichterischer Form eine Philosophie der Selbstüberwindung, berühmt für Motive wie den Übermenschen und die ewige Wiederkehr. Jenseits von Gut und Böse (1886) systematisierte die Kritik an Wahrheitsansprüchen, Philosophenpsychologie und Moraltraditionen; Zur Genealogie der Moral (1887) analysierte Schuld, Askese und Ressentiment als geschichtliche Konstruktionen. In kulturkritischen Pamphleten wie Der Fall Wagner (1888) und Nietzsche contra Wagner (1888) markierte er seine endgültige Distanzierung vom wagnerianischen Projekt. Stil und Methode blieben experimentell: Perspektivenwechsel, Masken und provokative Zuspitzungen dienten dazu, dogmatische Erwartungen zu unterlaufen und Denken als riskantes Unternehmen zu inszenieren.
Das Jahr 1888 wurde zur letzten großen Produktivphase: Götzen-Dämmerung, Der Antichrist und die autobiografische Schrift Ecce Homo entstanden in rascher Folge. Anfang 1889 erlitt Nietzsche in Turin einen Zusammenbruch, von dem er sich nicht mehr erholte; die folgenden Jahre verbrachte er in dauerhafter geistiger Beeinträchtigung. Zahlreiche Texte erschienen erst nach und nach, teils postum. Die frühe Editions- und Archivarbeit, maßgeblich durch sein nahes Umfeld mitgestaltet, war einflussreich und nicht frei von Eingriffen, was die Rezeption lange prägte. Forschung des 20. Jahrhunderts bemühte sich, anhand der Handschriften eine kritisch verlässliche Textbasis wiederherzustellen.
Nach seinem Tod wuchs Nietzsches Einfluss beträchtlich. Er stimulierte literarische Moderne und Avantgarden und wurde für Denkerinnen und Denker von Heidegger und Jaspers bis zu Bataille, Sartre, Foucault und Deleuze zum Referenzautor; Spuren finden sich auch im psychoanalytischen und kulturwissenschaftlichen Diskurs. Zugleich erfuhr sein Werk im 20. Jahrhundert problematische politische Vereinnahmungen, deren Wirkung durch editorische Verzerrungen verstärkt wurde; spätere Forschung hat vieles differenziert. Heute wird Nietzsche als radikaler Diagnostiker der Wertkonstruktion, als Stilist und als Kritiker von Metaphysik und Moral gelesen. Seine Begriffe und Verfahren bleiben Inspirationsquelle und Streitpunkt gleichermaßen.
Als Zarathustra[1] dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahr nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz,—und eines Morgens stand er mit der Morgenröthe auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also:
„Du grosses Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest, welchen du leuchtest!
Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange.
Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluss ab und segneten dich dafür.
Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken.
Ich möchte verschenken und austheilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Thorheit und die Armen einmal ihres Reichthums froh geworden sind.
Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends thust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn!
Ich muss, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will.
So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzugrosses Glück sehen kann!
Segne den Becher, welcher überfliessen will, dass das Wasser golden aus ihm fliesse und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage!
Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder Mensch werden.“
—Also begann Zarathustra’s Untergang.
Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und Niemand begegnete ihm. Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra:
Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchem Jahre gieng er hier vorbei. Zarathustra hiess er; aber er hat sich verwandelt. Damals trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Thäler tragen? Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?
Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?
Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter ist Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?
Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich. Wehe, du willst an’s Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder selber schleppen?
Zarathustra antwortete: „Ich liebe die Menschen.“
Warum, sagte der Heilige, gieng ich doch in den Wald und die Einöde? War es nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte?
Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir eine zu unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen würde mich umbringen.
Zarathustra antwortete: „Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den Menschen ein Geschenk.“
Gieb ihnen Nichts, sagte der Heilige. Nimm ihnen lieber Etwas ab und trage es mit ihnen—das wird ihnen am wohlsten thun: wenn er dir nur wohlthut!
Und willst du ihnen geben, so gieb nicht mehr, als ein Almosen, und lass sie noch darum betteln!
„Nein, antwortete Zarathustra, ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug.“
Der Heilige lachte über Zarathustra und sprach also: So sieh zu, dass sie deine Schätze annehmen! Sie sind misstrauisch gegen die Einsiedler und glauben nicht, dass wir kommen, um zu schenken.
Unse Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wie wenn sie Nachts in ihren Betten einen Mann gehen hören, lange bevor die Sonne aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?
Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu den Thieren! Warum willst du nicht sein, wie ich,—ein Bär unter Bären, ein Vogel unter Vögeln?
„Und was macht der Heilige im Walde?“ fragte Zarathustra.
Der Heilige antwortete: Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich Lieder mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.
Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein Gott ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?
Als Zarathustra diese Worte gehört hatte, grüsste er den Heiligen und sprach: „Was hätte ich euch zu geben! Aber lasst mich schnell davon, dass ich euch Nichts nehme!“—Und so trennten sie sich von einander, der Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben lachen.
Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: „Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch Nichts davon gehört, dass Gott todt[2] ist!“—
Als Zarathustra in die Nächste Stadt kam, die an den Wäldern liegt, fand er daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es war verheissen worden, das man einen Seiltänzer sehen solle. Und Zarathustra sprach also zum Volke:
Ich lehre euch den Übermenschen[1q]. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?
„Alle Wesen bisher schufen etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser großen Flut sein und lieber noch zum Tiere zurückgehen, als den Menschen zu überwinden?“
Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.
Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe.
Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und Zwitter von Pflanze und von Gespenst. Aber heisse ich euch zu Gespenstern oder Pflanzen werden?
Seht, ich lehre euch den Übermenschen!
Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde!
Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.
Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren!
Einst war der Frevel an Gott der grösste Frevel, aber Gott starb, und damit auch diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als der Sinn der Erde!
Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war diese Verachtung das Höchste:—sie wollte ihn mager, grässlich, verhungert. So dachte sie ihm und der Erde zu entschlüpfen.
Oh diese Seele war selbst noch mager, grässlich und verhungert: und Grausamkeit war die Wollust dieser Seele!
Aber auch ihr noch, meine Brüder, sprecht mir: was kündet euer Leib von eurer Seele? Ist eure Seele nicht Armuth und Schmutz und ein erbärmliches Behagen?
Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein Meer sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein zu werden.
Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist diess Meer, in ihm kann eure grosse Verachtung untergehn.
Was ist das Grösste, das ihr erleben könnt? Das ist die Stunde der grossen Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum Ekel wird und ebenso eure Vernunft und eure Tugend.
Die Stunde, wo ihr sagt: „Was liegt an meinem Glücke! Es ist Armuth und Schmutz, und ein erbärmliches Behagen. Aber mein Glück sollte das Dasein selber rechtfertigen!“
Die Stunde, wo ihr sagt: „Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt sie nach Wissen wie der Löwe nach seiner Nahrung? Sie ist Armuth und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!“
Die Stunde, wo ihr sagt: „Was liegt an meiner Tugend! Noch hat sie mich nicht rasen gemacht. Wie müde bin ich meines Guten und meines Bösen! Alles das ist Armuth und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!“
Die Stunde, wo ihr sagt: „Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich sehe nicht, dass ich Gluth und Kohle wäre. Aber der Gerechte ist Gluth und Kohle!“
Die Stunde, wo ihr sagt: „Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht Mitleid das Kreuz, an das Der genagelt wird, der die Menschen liebt? Aber mein Mitleiden ist keine Kreuzigung.“
Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, dass ich euch schon so schreien gehört hatte!
Nicht eure Sünde—eure Genügsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz selbst in eurer Sünde schreit gen Himmel!
Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet?
Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn!—
Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie Einer aus dem Volke: „Wir hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun lasst uns ihn auch sehen!“ Und alles Volk lachte über Zarathustra. Der Seiltänzer aber, welcher glaubte, dass das Wort ihm gälte, machte sich an sein Werk.
Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er also:
Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch,—ein Seil über einem Abgrunde.
Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.
Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.
Ich liebe Die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.
Ich liebe die grossen Verachtenden, weil sie die grossen Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer.
Ich liebe Die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, dass die Erde einst der Übermenschen werde.
Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will, damit einst der Übermensch lebe. Und so will er seinen Untergang.
Ich liebe Den, welcher arbeitet und erfindet, dass er dem Übermenschen das Haus baue und zu ihm Erde, Thier und Pflanze vorbereite: denn so will er seinen Untergang.
Ich liebe Den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum Untergang und ein Pfeil der Sehnsucht.
Ich liebe Den, welcher nicht einen Tropfen Geist für sich zurückbehält, sondern ganz der Geist seiner Tugend sein will: so schreitet er als Geist über die Brücke.
Ich liebe Den, welcher aus seiner Tugend seinen Hang und sein Verhängniss macht: so will er um seiner Tugend willen noch leben und nicht mehr leben.
Ich liebe Den, welcher nicht zu viele Tugenden haben will. Eine Tugend ist mehr Tugend, als zwei, weil sie mehr Knoten ist, an den sich das Verhängniss hängt.
Ich liebe Den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und nicht zurückgiebt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren.
Ich liebe Den, welcher sich schämt, wenn der Würfel zu seinem Glücke fällt und der dann fragt: bin ich denn ein falscher Spieler?—denn er will zu Grunde gehen.
Ich liebe Den, welcher goldne Worte seinen Thaten voraus wirft und immer noch mehr hält, als er verspricht: denn er will seinen Untergang.
Ich liebe Den, welcher die Zukünftigen rechtfertigt und die Vergangenen erlöst: denn er will an den Gegenwärtigen zu Grunde gehen.
Ich liebe Den, welcher seinen Gott züchtigt, weil er seinen Gott liebt: denn er muss am Zorne seines Gottes zu Grunde gehen.
Ich liebe Den, dessen Seele tief ist auch in der Verwundung, und der an einem kleinen Erlebnisse zu Grunde gehen kann: so geht er gerne über die Brücke.
Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass er sich selber vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein Untergang.
Ich liebe Den, der freien Geistes und freien Herzes ist: so ist sein Kopf nur das Eingeweide seines Herzens, sein Herz aber treibt ihn zum Untergang.
Ich liebe alle Die, welche schwere Tropfen sind, einzeln fallend aus der dunklen Wolke, die über den Menschen hängt: sie verkündigen, dass der Blitz kommt, und gehn als Verkündiger zu Grunde.
Seht, ich bin ein Verkündiger des Blitzes und ein schwerer Tropfen aus der Wolke: dieser Blitz aber heisst Übermensch.—
Als Zarathustra diese Worte gesprochen hatte, sahe er wieder das Volk an und schwieg. „Da stehen sie“, sprach er zu seinem Herzen, „da lachen sie: sie verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund für diese Ohren.
Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, dass sie lernen, mit den Augen hören. Muss man rasseln gleich Pauken und Busspredigern? Oder glauben sie nur dem Stammelnden?
Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was sie stolz macht? Bildung nennen sie’s, es zeichnet sie aus vor den Ziegenhirten.
Drum hören sie ungern von sich das Wort „Verachtung“. So will ich denn zu ihrem Stolze reden.
So will ich ihnen vom Verächtlichsten sprechen: das aber ist der letzte Mensch.“
Und also sprach Zarathustra zum Volke:
Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.
Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!
Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Weit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.
Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.
„Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern“—so fragt der letzte Mensch und blinzelt.
Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.
„Wir haben das Glück erfunden“—sagen die letzten Menschen und blinzeln.
Sie haben den Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.
Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!
Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.
Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt dass die Unterhaltung nicht angreife.
Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.
Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus.
„Ehemals war alle Welt irre“—sagen die Feinsten und blinzeln.
Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald—sonst verdirbt es den Magen.
Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.
„Wir haben das Glück erfunden“—sagen die letzten Menschen und blinzeln—
Und hier endete die erste Rede Zarathustra’s, welche man auch „die Vorrede“ heisst: denn an dieser Stelle unterbrach ihn das Geschrei und die Lust der Menge. „Gieb uns diesen letzten Menschen, oh Zarathustra,—so riefen sie—mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken wir dir den Übermenschen!“ Und alles Volk jubelte und schnalzte mit der Zunge. Zarathustra aber wurde traurig und sagte zu seinem Herzen:
Sie verstehen mich nicht: ich bin nicht den Mund für diese Ohren.
Zu lange wohl lebte ich im Gebirge, zu viel horchte ich auf Bäche und Bäume: nun rede ich ihnen gleich den Ziegenhirten.
Unbewegt ist meine Seele und hell wie das Gebirge am Vormittag. Aber sie meinen, ich sei kalt und ein Spötter in furchtbaren Spässen.
Und nun blicken sie mich an und lachen: und indem sie lachen, hassen sie mich noch. Es ist Eis in ihrem Lachen.
Da aber geschah Etwas, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte. Inzwischen nämlich hatte der Seiltänzer sein Werk begonnen: er war aus einer kleiner Thür hinausgetreten und gieng über das Seil, welches zwischen zwei Thürmen gespannt war, also, dass es über dem Markte und dem Volke hieng. Als er eben in der Mitte seines Weges war, öffnete sich die kleine Thür noch einmal, und ein bunter Gesell, einem Possenreisser gleich, sprang heraus und gieng mit schnellen Schritten dem Ersten nach. „Vorwärts, Lahmfuss, rief seine fürchterliche Stimme, vorwärts Faulthier, Schleichhändler, Bleichgesicht! Dass ich dich nicht mit meiner Ferse kitzle! Was treibst du hier zwischen Thürmen? In den Thurm gehörst du, einsperren sollte man dich, einem Bessern, als du bist, sperrst du die freie Bahn!“—Und mit jedem Worte kam er ihm näher und näher: als er aber nur noch einen Schritt hinter ihm war, da geschah das Erschreckliche, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte:—er stiess ein Geschrei aus wie ein Teufel und sprang über Den hinweg, der ihm im Wege war. Dieser aber, als er so seinen Nebenbuhler siegen sah, verlor dabei den Kopf und das Seil; er warf seine Stange weg und schoss schneller als diese, wie ein Wirbel von Armen und Beinen, in die Tiefe. Der Markt und das Volk glich dem Meere, wenn der Sturm hineinfährt: Alles floh aus einander und übereinander, und am meisten dort, wo der Körper niederschlagen musste.
Zarathustra aber blieb stehen, und gerade neben ihn fiel der Körper hin, übel zugerichtet und zerbrochen, aber noch nicht todt. Nach einer Weile kam dem Zerschmetterten das Bewusstsein zurück, und er sah Zarathustra neben sich knieen. „Was machst du da? sagte er endlich, ich wusste es lange, dass mir der Teufel ein Bein stellen werde. Nun schleppt er mich zur Hölle: willst du’s ihm wehren?“
„Bei meiner Ehre, Freund, antwortete Zarathustra, das giebt es Alles nicht, wovon du sprichst: es giebt keinen Teufel und keine Hölle. Deine Seele wird noch schneller todt sein als dein Leib: fürchte nun Nichts mehr!“
Der Mann blickte misstrauisch auf. „Wenn du die Wahrheit sprichst, sagte er dann, so verliere ich Nichts, wenn ich das Leben verliere. Ich bin nicht viel mehr als ein Thier, das man tanzen gelehrt hat, durch Schläge und schmale Bissen.“
„Nicht doch, sprach Zarathustra; du hast aus der Gefahr deinen Beruf gemacht, daran ist Nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf zu Grunde: dafür will ich dich mit meinen Händen begraben.“
Als Zarathustra diess gesagt hatte, antwortete der Sterbende nicht mehr; aber er bewegte die Hand, wie als ob er die Hand Zarathustra’s zum Danke suche.—
Inzwischen kam der Abend, und der Markt barg sich in Dunkelheit: da verlief sich das Volk, denn selbst Neugierde und Schrecken werden müde. Zarathustra aber sass neben dem Todten auf der Erde und war in Gedanken versunken: so vergass er die Zeit. Endlich aber wurde es Nacht, und ein kalter Wind blies über den Einsamen. Da erhob sich Zarathustra und sagte zu seinem Herzen:
Wahrlich, einen schönen Fischfang that heute Zarathustra! Keinen Menschen fieng er, wohl aber einen Leichnam.
Unheimlich ist das menschliche Dasein und immer noch ohne Sinn: ein Possenreisser kann ihm zum Verhängniss werden.
Ich will die Menschen den Sinn ihres Seins lehren: welcher ist der Übermensch, der Blitz aus der dunklen Wolke Mensch.
Aber noch bin ich ihnen ferne, und mein Sinn redet nicht zu ihren Sinnen. Eine Mitte bin ich noch den Menschen zwischen einem Narren und einem Leichnam.
Dunkel ist die Nacht, dunkel sind die Wege Zarathustra’s. Komm, du kalter und steifer Gefährte! Ich trage dich dorthin, wo ich dich mit meinen Händen begrabe.
Als Zarathustra diess zu seinem Herzen gesagt hatte, lud er den Leichnam auf seinem Rücken und machte sich auf den Weg. Und noch nicht war er hundert Schritte gegangen, da schlich ein Mensch an ihn heran und flüsterte ihm in’s Ohr—und siehe! Der, welcher redete, war der Possenreisser vom Thurme. „Geh weg von dieser Stadt, oh Zarathustra, sprach er; es hassen dich hier zu Viele. Es hassen dich die Guten und Gerechten und sie nennen dich ihren Feind und Verächter; es hassen dich die Gläubigen des rechten Glaubens, und sie nennen dich die Gefahr der Menge. Dein Glück war es, dass man über dich lachte: und wahrlich, du redetest gleich einem Possenreisser. Dein Glück war es, dass du dich dem todten Hunde geselltest; als du dich so erniedrigtest, hast du dich selber für heute errettet. Geh aber fort aus dieser Stadt—oder morgen springe ich über dich hinweg, ein Lebendiger über einen Todten.“ Und als er diess gesagt hatte, verschwand der Mensch; Zarathustra aber gieng weiter durch die dunklen Gassen.
Am Thore der Stadt begegneten ihm die Todtengräber: sie leuchteten ihm mit der Fackel in’s Gesicht, erkannten Zarathustra und spotteten sehr über ihn. „Zarathustra trägt den todten Hund davon: brav, dass Zarathustra zum Todtengräber wurde! Denn unsere Hände sind zu reinlich für diesen Braten. Will Zarathustra wohl dem Teufel seinen Bissen stehlen? Nun wohlan! Und gut Glück zur Mahlzeit! Wenn nur nicht der Teufel ein besserer Dieb ist, als Zarathustra! —er stiehlt die Beide, er frisst sie Beide!“ Und sie lachten mit einander und steckten die Köpfe zusammen.
Zarathustra sagte dazu kein Wort und gieng seines Weges. Als er zwei Stunden gegangen war, an Wäldern und Sümpfen vorbei, da hatte er zu viel das hungrige Geheul der Wölfe gehört, und ihm selber kam der Hunger. So blieb er an einem einsamen Hause stehn, in dem ein Licht brannte.
Der Hunger überfällt mich, sagte Zarathustra, wie ein Räuber. In Wäldern und Sümpfen überfällt mich mein Hunger und in tiefer Nacht.
Wunderliche Launen hat mein Hunger. Oft kommt er mir erst nach der Mahlzeit, und heute kam er den ganzen Tag nicht: wo weilte er doch?
Und damit schlug Zarathustra an das Thor des Hauses. Ein alter Mann erschien; er trug das Licht und fragte: „Wer kommt zu mir und zu meinem schlimmen Schlafe?“
„Ein Lebendiger und ein Todter, sagte Zarathustra. Gebt mir zu essen und zu trinken, ich vergass es am Tage. Der, welcher den Hungrigen speiset, erquickt seine eigene Seele: so spricht die Weisheit.“
Der Alte gieng fort, kam aber gleich zurück und bot Zarathustra Brod und Wein. „Eine böse Gegend ist’s für Hungernde, sagte er; darum wohne ich hier. Thier und Mensch kommen zu mir, dem Einsiedler. Aber heisse auch deinen Gefährten essen und trinken, er ist müder als du.“ Zarathustra antwortete: „Todt ist mein Gefährte, ich werde ihn schwerlich dazu überreden.“ „Das geht mich Nichts an, sagte der Alte mürrisch; wer an meinem Hause anklopft, muss auch nehmen, was ich ihm biete. Esst und gehabt euch wohl!“—
Darauf gieng Zarathustra wieder zwei Stunden und vertraute dem Wege und dem Lichte der Sterne: denn er war ein gewohnter Nachtgänger und liebte es, allem Schlafenden in’s Gesicht zu sehn. Als aber der Morgen graute, fand sich Zarathustra in einem tiefen Walde, und kein Weg zeigte sich ihm mehr. Da legte er den Todten in einen hohlen Baum sich zu Häupten—denn er wollte ihn vor den Wölfen schützen—und sich selber auf den Boden und das Moos. Und alsbald schlief er ein, müden Leibes, aber mit einer unbewegten Seele.
Lange schlief Zarathustra, und nicht nur die Morgenröthe gieng über sein Antlitz, sondern auch der Vormittag. Endlich aber that sein Auge sich auf: verwundert sah Zarathustra in den Wald und die Stille, verwundert sah er in sich hinein. Dann erhob er sich schnell, wie ein Seefahrer, der mit Einem Male Land sieht, und jauchzte: denn er sah eine neue Wahrheit. Und also redete er dann zu seinem Herzen:
Ein Licht gieng mir auf: Gefährten brauche ich und lebendige,—nicht todte Gefährten und Leichname, die ich mit mir trage, wohin ich will.
Sondern lebendige Gefährten brauche ich, die mir folgen, weil sie sich selber folgen wollen—und dorthin, wo ich will.
Ein Licht gieng mir auf: nicht zum Volke rede Zarathustra, sondern zu Gefährten! Nicht soll Zarathustra einer Heerde Hirt und Hund werden!
Viele wegzulocken von der Heerde—dazu kam ich. Zürnen soll mir Volk und Heerde: Räuber will Zarathustra den Hirten heissen.
Hirten sage ich, aber sie nennen sich die Guten und Gerechten. Hirten sage ich: aber sie nennen sich die Gläubigen des rechten Glaubens.
Siehe die Guten und Gerechten! Wen hassen sie am meisten? Den, der zerbricht ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher:—das aber ist der Schaffende.
Siehe die Gläubigen aller Glauben! Wen hassen sie am meisten? Den, der zerbricht ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher:—das aber ist der Schaffende.
Gefährten sucht der Schaffende und nicht Leichname, und auch nicht Heerden und Gläubige. Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, Die, welche neue Werthe auf neue Tafeln schreiben.
Gefährten sucht der Schaffende, und Miterntende: denn Alles steht bei ihm reif zur Ernte. Aber ihm fehlen die hundert Sicheln: so rauft er Ähren aus und ist ärgerlich.
Gefährten sucht der Schaffende, und solche, die ihre Sicheln zu wetzen wissen. Vernichter wird man sie heissen und Verächter des Guten und Bösen. Aber die Erntenden sind es und die Feiernden.
Mitschaffende sucht Zarathustra, Miterntende und Mitfeiernde sucht Zarathustra: was hat er mit Heerden und Hirten und Leichnamen zu schaffen!
Und du, mein erster Gefährte, gehab dich wohl! Gut begrub ich dich in deinem hohlen Baume, gut barg ich dich vor den Wölfen.
Aber ich scheide von dir, die Zeit ist um. Zwischen Morgenröthe und Morgenröthe kam mir eine neue Wahrheit.
Nicht Hirt soll ich sein, nicht Todtengräber. Nicht reden einmal will ich wieder mit dem Volke; zum letzten Male sprach ich zu einem Todten.
Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen: den Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen des Übermenschen.
Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; und wer noch Ohren hat für Unerhörtes, dem will ich sein Herz schwer machen mit meinem Glücke.
Zu meinem Ziele will ich, ich gehe meinen Gang; über die Zögernden und Saumseligen werde ich hinwegspringen. Also sei mein Gang ihr Untergang!
Diess hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne im Mittag stand: da blickte er fragend in die Höhe—denn er hörte über sich den scharfen Ruf eines Vogels. Und siehe! Ein Adler zog in weiten Kreisen durch die Luft, und an ihm hieng eine Schlange, nicht einer Beute gleich, sondern einer Freundin: denn sie hielt sich um seinen Hals geringelt.
„Es sind meine Thiere!“ sagte Zarathustra und freute sich von Herzen.
„Das stolzeste Thier unter der Sonne und das klügste Thier unter der Sonne—sie sind ausgezogen auf Kundschaft.
Erkunden wollen sie, ob Zarathustra noch lebe. Wahrlich, lebe ich noch?
Gefährlicher fand ich’s unter Menschen als unter Thieren, gefährlicher Wege geht Zarathustra. Mögen mich meine Thiere führen!“
Als Zarathustra diess gesagt hatte, gedachte er der Worte des Heiligen im Walde, seufzte und sprach also zu seinem Herzen:
Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein, gleich meiner Schlange!
Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich denn meinen Stolz, dass er immer mit meiner Klugheit gehe!
Und wenn mich einst meine Klugheit verlässt:—ach, sie liebt es, davonzufliegen!—möge mein Stolz dann noch mit meiner Thorheit fliegen!
—Also begann Zarathustra’s Untergang.
Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kameel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.
Vieles Schwere giebt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine Stärke.
Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem Kameele gleich, und will gut beladen sein.
Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, dass ich es auf mich nehme und meiner Stärke froh werde.
Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmuth wehe zu thun? Seine Thorheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?
Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg feiert? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?
Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntniss nähren und um der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?
Oder ist es das: krank sein und die Tröster heimschicken und mit Tauben Freundschaft schliessen, die niemals hören, was du willst?
Oder ist es das: in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser der Wahrheit ist, und kalte Frösche und heisse Kröten nicht von sich weisen?
Oder ist es das: Die lieben, die uns verachten, und dem Gespenste die Hand reichen, wenn es uns fürchten machen will?
Alles diess Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kameele gleich, das beladen in die Wüste eilt, also eilt er in seine Wüste.
Aber in der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum Löwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eignen Wüste.
Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem grossen Drachen ringen.
Welches ist der grosse Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott heissen mag? „Du-sollst“ heisst der grosse Drache. Aber der Geist des Löwen sagt „Ich will“.
„Du-sollst“ liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppenthier, und auf jeder Schuppe glänzt golden „Du-sollst!“
Tausendjährige Werthe glänzen an diesen Schuppen, und also spricht der mächtigste aller Drachen „aller Werth der Dinge—der glänzt an mir.“
„Aller Werth ward schon geschaffen, und aller geschaffene Werth—das bin ich. Wahrlich, es soll kein „Ich will“ mehr geben!“ Also spricht der Drache.
Meine Brüder, wozu bedarf es des Löwen im Geiste? Was genügt nicht das lastbare Thier, das entsagt und ehrfürchtig ist?
Neue Werthe schaffen—das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen—das vermag die Macht des Löwen.
Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Brüder bedarf es des Löwen.
Recht sich nehmen zu neuen Werthen—das ist das furchtbarste Nehmen für einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm und eines raubenden Thieres Sache.
Als sein Heiligstes liebte er einst das „Du-sollst“: nun muss er Wahn und Willkür auch noch im Heiligsten finden, dass er sich Freiheit raube von seiner Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Raube.
Aber sagt, meine Brüder, was vermag noch das Kind, das auch der Löwe nicht vermochte? Was muss der raubende Löwe auch noch zum Kinde werden?
Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.
Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.
Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kameele ward, und zum Löwen das Kameel, und der Löwe zuletzt zum Kinde. —
Also sprach Zarathustra. Und damals weilte er in der Stadt, welche genannt wird: die bunte Kuh.
Man rühmte Zarathustra einen Weisen, der gut vom Schlafe und von der Tugend zu reden wisse: sehr werde er geehrt und gelohnt dafür, und alle Jünglinge sässen vor seinem Lehrstuhle. Zu ihm gieng Zarathustra, und mit allen Jünglingen sass er vor seinem Lehrstuhle. Und also sprach der Weise:
Ehre und Scham vor dem Schlafe! Das ist das Erste! Und Allen aus dem Wege gehn, die schlecht schlafen und Nachts wachen!
Schamhaft ist noch der Dieb vor dem Schlafe: stets stiehlt er sich leise durch die Nacht. Schamlos aber ist der Wächter der Nacht, schamlos trägt er sein Horn.
Keine geringe Kunst ist schlafen: es thut schon Noth, den ganzen Tag darauf hin zu wachen.
Zehn Mal musst du des Tages dich selber überwinden: das macht eine gute Müdigkeit und ist Mohn der Seele.
Zehn Mal musst du dich wieder dir selber versöhnen; denn Überwindung ist Bitterniss, und schlecht schläft der Unversöhnte.
Zehn Wahrheiten musst du des Tages finden: sonst suchst du noch des Nachts nach Wahrheit, und deine Seele blieb hungrig.
Zehn Mal musst du lachen am Tage und heiter sein: sonst stört dich der Magen in der Nacht, dieser Vater der Trübsal.
Wenige wissen das: aber man muss alle Tugenden haben, um gut zu schlafen. Werde ich falsch Zeugniss reden? Werde ich ehebrechen?
Werde ich mich gelüsten lassen meines Nächsten Magd? Das Alles vertrüge sich schlecht mit gutem Schlafe.
Und selbst wenn man alle Tugenden hat, muss man sich noch auf Eins verstehn: selber die Tugenden zur rechten Zeit schlafen schicken.
Dass sie sich nicht mit einander zanken, die artigen Weiblein! Und über dich, du Unglückseliger!
Friede mit Gott und dem Nachbar: so will es der gute Schlaf. Und Friede auch noch mit des Nachbars Teufel! Sonst geht er bei dir des Nachts um.
Ehre der Obrigkeit und Gehorsam, und auch der krummen Obrigkeit! So will es der gute Schlaf. Was kann ich dafür, dass die Macht gerne auf krummen Beinen Wandelt?
Der soll mir immer der beste Hirt heissen, der sein Schaf auf die grünste Aue führt: so verträgt es sich mit dem gutem Schlafe.
Viel Ehren will ich nicht, noch grosse Schätze: das entzündet die Milz. Aber schlecht schläft es sich ohne einen guten Namen und einen kleinen Schatz.
