Alt, aber herrlich mutig - Ursula Mahr - E-Book

Alt, aber herrlich mutig E-Book

Ursula Mahr

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Beschreibung

Kann man mit über 60 Jahren noch einmal sein Leben total umkrempeln? Ja, man kann - wenn man Freundinnen hat, die mitmachen. Sechs ältere Frauen geben in Hamburg alles auf und kaufen in Schleswig-Holstein einen Resthof. Doch die Freundschaften werden immer wieder auf harte Proben gestellt, denn natürlich hat jede eine andere Vorstellung vom Zusammenleben. Doch der Zusammenhalt ist nicht mit Gold aufzuwiegen als sie erkennen müssen, dass eine von ihnen todkrank ist. Ein Bio-Bauer verliebt sich in eine der Frauen, doch die ist zunächst nicht bereit auf seine Avancen einzugehen, da sie eine sehr schwierige Ehe hinter sich hat und fürchtet, ähnliches noch einmal erleben zu müssen. Eine der Frauen hat ständig neue Liebhaber, was im Dorf natürlich nicht unbemerkt bleibt und Probleme mit sich bringt. Probleme, die sogar vor einem Anschlag auf Haus und Hof nicht halt machen und nicht weit von einem Mord entfernt sind. Um wieder auf andere Gedanken zu kommen, fahren die sechs Frauen durch Südengland nach Cornwall. Doch nur fünf kehren nach Norddeutschland zurück.

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Seitenzahl: 627

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ursula Mahr

Alt, aber herrlich mutig

Der Hof der Frauen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

Eine Idee wird geboren

Nordsee oder Heide

Der Umzug

Schreckliche Weihnachten

Der Unfall

Eine Hilfskraft muss her

Die ersten Tiere ziehen ein

Inges Krankheit

Die Witwe Martha

Der fremde Junge

Die Insel Föhr ruft

Noch mehr Tiere

Inge ist nicht mehr da

Die Krögers

Besuch aus Hamburg

Anitas Lover

Schmerzliche Vergangenheit

Angst um Thore

Zorn auf die Witwe

Annäherung an Max

Zweiter Frühling

Max meldet sich

Feuer auf dem Hof

Die Aussprache

Das Verhängnis

Wo ist Anita?

Die Suche und Neles Rache

Die überführte Witwe

Südengland

Der Heiratsantrag

Wieder auf dem Festland

Hof in Gefahr

Impressum neobooks

Inhalt

Alt, aber herrlich mutig

Der Hof der Frauen

Copyright by

Ursula Mahr

Grömitzer Weg 28A

22147 Hamburg

E-Mail: [email protected]

Tel: 040 / 64 22 22 57

Druck: epubli, ein Service der

neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Eine Idee wird geboren

Sollte Ursa wirklich zu dieser Geburtstagsparty gehen? Sie war schon lange nicht mehr mit so vielen Menschen zusammen gewesen. Es machte ihr Angst, nahm ihr die Luft zum Atmen. Sie hatte Schwierigkeiten zuzuhören, wenn links und rechts von ihr gesprochen wurde, so dass sie letztendlich gar nichts verstand und daher an keinem Gespräch wirklich teilnehmen konnte. Und ihr wurde unverhältnismäßig heiß mit vielen Menschen in einem Raum, und das lauteste Geräusch, dass sie vernahm, war das Rauschen in ihren Ohren.

Aber diese Party fand im Garten statt. Zumindest wenn das Wetter es zuließ.

Es war immer das Gleiche: wurde Ursa zu einer Feier eingeladen, dann sagte sie zunächst begeistert zu. Doch je näher der Termin rückte, desto unruhiger wurde sie. Und zu guter Letzt sagte sie dann meist ab - und wurde immer einsamer. Sollte sie also zu dieser Party gehen? Sie wünschte es sich so sehr, schließlich würde sie ihre besten Freundinnen dort treffen. Und ihrer Einsamkeit würde sie, zumindest für diesen Abend, entgehen.

Das Telefon klingelte. Lisa zog ihre Haushaltshandschuhe schnell von den Fingern, wischte mit dem Handrücken über ihre Stirn und nahm das Telefon in die Hand. "Hallo Anne, wie geht es dir? Was gibt´s? Ich bin gerade dabei meine Küchenschränke auszuräumen und zu putzen. Gibt es was Besonderes?" Wie immer sprühte Lisa über vor Energie und Tatendrang und ließ Anne kaum zu Wort kommen.

Anne kannte das schon, wartete ab und nutzte eine Atempause ihrer Freundin. "Ich wollte dich zu meiner Geburtstagsparty nächsten Samstag einladen. Kommst du?"

"Natürlich weiß ich, dass du Geburtstag hast, aber ich wusste nicht, dass du feiern willst. Ich muss erst einmal schauen, ob ich Zeit habe. Warte, ich gucke mal auf meinen Kalender."

Anne hörte Lisa die Treppe hinauf rennen, wobei sich ihr Atem etwas beschleunigte.

"Immer diese Treppen", pustete sie ärgerlich ins Telefon. "Wenn man in einer Maisonnette-Wohnung lebt, ist man ständig auf der Treppe."

Anne wartete geduldig, saß auf ihrem Sofa, hatte die Beine entspannt auf den Couchtisch gelegt und wechselte das Telefon von einem Ohr zum anderen, damit sie nach ihrer Teetasse greifen konnte. Ihre Katze sprang ihr auf den Schoß, und nachdem sie sich einmal gedreht hatte, ließ sie sich schnurrend auf den Oberschenkeln nieder.

"Ja, ich habe Zeit", kam es atemlos, "und natürlich komme ich gern. Ich muss nur vormittags noch schnell einkaufen, und dann wollte ich noch kurz bei meinen Eltern vorbeischauen. Aber ab nachmittags habe ich Zeit. Kommen die anderen auch?" fügte sie neugierig hinzu.

"Klar kommen die anderen. Ich wollte sowieso was mit euch besprechen", antwortete Anne. "Außerdem geht die Party sowieso erst am späten Nachmittag los. Ich wollte grillen."

"Super, denn sehen wir uns also Samstag." Nachdenklich beendete Lisa das Gespräch und überlegte, was Anne wohl mit ihnen besprechen wollte.

Das Telefon klingelte lange und der kleine Hund kläffte wie wild, aber Amelie war nicht mehr so schnell. Auf ihren Gehstock gestützt, erreichte sie endlich das Telefon. Doch bevor sie es in die Hand nahm, machte sie eine energische Handbewegung in Richtung des Hundes, damit er ruhig war. "Hallo?"

"Ich bin´s, Inge."

"Oh, hallo Inge. Ich wusste gar nicht, dass du schon wieder im Lande bist. Wo warst du noch mal?"

"In Italien. In der Toskana. Aber ich bin bereits seit einigen Tagen wieder zu Hause. Hatte nur noch keine Zeit mich zu melden. Sag mal", wechselte sie das Thema, "Anne hat doch am Wochenende Geburtstag. Wollen wir ihr nicht gemeinsam etwas schenken? Sie will doch wieder mal feiern. Du kommst doch auch, oder?"

"Ja, natürlich hat sie mich auch eingeladen. Endlich ist die alte Clique dann mal wieder vollständig zusammen. Hast du schon eine Idee, was wir ihr schenken können?"

"Hmm, was hältst du von einem Ausflug an die Nordsee. Und dort laden wir sie ganz groß zum Essen ein."

"Superidee, ich bin dabei. Frag die anderen, ob sie mitmachen", antwortete Amelie freudig. Und dann fügte sie noch süffisant hinzu: "Hast du schon mit Anita gesprochen? Ich habe bestimmt zwei Wochen nichts von ihr gehört. Vielleicht hat sie ja mal wieder einen neuen Verehrer?"

"Ach, rede doch nicht immer so", schmunzelte Inge. "Oder bist du etwa neidisch?"

"Ich?" mokierte sich Amelie, "ich bin froh, dass ich dieses ganze Theater hinter mir habe."

"Ich auch", bestätigte Inge, "ich gehe lieber auf Reisen."

"Ja, das würde ich auch gern", murmelte Amelie plötzlich ganz ernst. "Also sehen wir uns dann am Samstag?"

"Klar, wenn du willst, hole ich dich ab. Ich will sowieso bei Ursa vorbei, damit sie nicht im letzten Moment wieder kneift."

"Okay. Also bis dann."

Der kleine Garten war voller Menschen. Außer den fünf Freundinnen waren auch ein paar Nachbarn eingeladen, außerdem Annes Sohn Jonas und einige frühere Arbeitskollegen, zu denen sie immer noch Kontakt hatte. Anita war natürlich, wie fast immer, zu spät erschienen. Aber sie liebte große Auftritte, und das gelang natürlich am besten, wenn bereits alle anderen anwesend waren. Mit einem Mal stand sie, mit ihren gerade mal fünfundfünfzig Jahren als Küken in der Runde, mit ausgebreiteten Armen und in Pose in der offenen Terrassentür. Ihr kurzes, eng anliegendes schwarzes Kleid mit Glitzerfäden und die hohen Highheels wirkten zwar etwas overdressed für eine Gartenparty, aber ihr strahlendes Lachen wirkte echt und natürlich, als sie Anne in die Arme schloss. Für ihr Alter war ihre Figur wirklich noch tadellos. Und ihre rotblonden Löckchen, die sich fast ungezähmt um ihr hübsches Gesicht kringelten, bildeten einen attraktiven Kontrast zu ihrem Outfit.

"Herzlichen Glückwunsch, altes Haus", lachte sie, schob Anne ein wenig von sich und strahlte ihr ins Gesicht. Die beiden waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht: die eine flippig, immer noch auf der Suche nach dem nächsten sexuellen Abenteuer, die andere häuslich, fast ein wenig bequem, aber trotzdem mit einem starken Willen ausgerüstet. Aber gerade das machte sie zu Freundinnen, die einander sehr zugetan waren.

Selbst Ursa war gekommen und schien sich wohl zu fühlen. Mit einem Glas in der Hand stand sie bei zwei Paaren aus der Nachbarschaft, schaute unter ihrer sahneblonden Mähne hervor von einem zum anderen und schien interessiert zuzuhören. Als sie sah, dass Anita gekommen war, kam sie herüber und die beiden schlossen sich für lange Sekunden in die Arme.

Anne, die Gastgeberin, war wie immer die Ruhe selbst. Nachdem sie sich am Nachmittag in der Küche fast übertroffen und alles hübsch arrangiert hatte, rief sie selbstbewusst, nachdem alle Gäste eingetroffen waren, in die Runde, dass sich jeder selbst bedienen solle. Alle schienen sich wohl zu fühlen, und die Party dauerte bis spät in den Abend hinein.

Die Gäste waren fast alle gegangen, nur die sechs Freundinnen saßen noch bei Kerzenlicht im Garten. Die Luft war angenehm warm für diesen Spätsommerabend, und man hörte nur ein leichtes Rascheln des Windes in den Blättern der Bäume.

"Ah, ist das eine schöne Nacht", seufzte Anita und streckte sich wie eine schnurrende Katze. Inge nahm einen Schluck aus ihrem Glas und meinte an Anne gewandt: "Hattest du nicht gesagt, du wolltest mit uns reden?"

"Ja." Anne richtete sich in ihrem Stuhl auf. Sie überlegte, wie sie die richtigen Worte finden könnte. "Ihr wisst ja selbst", begann sie nach einer Weile, "dass wir alle nicht jünger werden."

Ursa stöhnte und wandte den Blick ab. Sie schlang die Finger ineinander und knetete sie.

"Ja und?" meinte Lisa, "das ist ja nun wirklich nichts Neues." Sie mochte nicht gern daran erinnert werden, dass auch sie nicht mehr die Jüngste war und langsam die Kräfte schwanden. Sie tat alles, um dem Älterwerden Einhalt zu gebieten: anstatt Auto zu fahren, erledigte sie fast alles mit dem Fahrrad. Dreimal in der Woche ging sie zum Sport, wo sie sich völlig verausgabte. Sie aß gesund mit wenig Fleisch und viel Gemüse. Und sie färbte ihre Haare pechschwarz. Trotzdem ging auch an ihr das Alter nicht spurlos vorüber.

Anne schaute sie nachdenklich an, bevor sie antwortete: "Was haltet ihr davon, wenn wir eine WG gründen?" Und als sie merkte, dass die anderen unruhig wurden und sich unsicher, aber auch neugierig ansahen, setzte sie hastig hinzu: "Wir könnten uns gegenseitig unterstützen."

"Wie stellst du dir das denn genau vor?" fragte Amelie.

"Nun, wir kaufen ein großes Anwesen, in dem wir alle genügend Platz hätten."

"Ein Anwesen", brachte Ursa gedehnt hervor. "Größer geht´s wohl nicht, oder?" Sie lachte, aber es hörte sich nicht fröhlich an. "Und wie sollen wir das bezahlen?" Voller Zweifel legte sich ihre Stirn in Falten.

"Na ja", meinte Anne, "ich habe mein kleines Reihenhaus und Lisa hat eine Eigentumswohnung."

"Und die soll ich jetzt verkaufen?" empörte sich Lisa aufgebracht.

"Nun, anders wird es nicht funktionieren", meinte Anne.

"Und wir beide finanzieren dann das Anwesen", spottete Lisa und schüttelte den Kopf. "Du spinnst wirklich."

"Nein, überleg doch mal. Mein Reihenhaus, deine Eigentumswohnung und Anitas Haus."

Anita streckte sich. "Mein Haus", sagte sie gedehnt, "ist mit Hypotheken hoch belastet. Da bleibt nicht viel übrig, wenn überhaupt." Sie überlegte. "Aber ich könnte den Oldtimer verkaufen, der meinem Mann gehörte. Soviel wie ein Haus bringt das zwar nicht, aber immerhin etwas."

"Das würdest du tun?" fragte Amelie. Und nach einem Augenblick: "Also, wenn das so ist: ich bekomme demnächst eine Lebensversicherung ausbezahlt, die würde ich in die Waagschale werfen."

Auch Ursa schien langsam Gefallen an dieser Idee zu bekommen, denn sie meinte: "Auch ich bekomme eine Lebensversicherung, allerdings erst nächstes Jahr."

"Und wie hoch wird die sein?" fragte Anne neugierig.

"So ungefähr neunzigtausend Euro, schätze ich."

"Klasse", strahlte Anne. "Damit können wir doch schon etwas anfangen."

Lisa, die immer noch nicht überzeugt war, meinte: "Du bist so still, Inge. Was könntest du denn beisteuern?"

"Tja, ich bin dann wohl raus", seufzte diese. "Ich habe weder Eigentum noch Geld aus einer Versicherung. Ich habe immer alles für meine Reisen ausgegeben. Ich besitze keine Rücklagen." Und nach kurzem Zögern: "Ich habe nur mein Auto, und das ist nicht mehr viel wert."

Amelie mischte sich ein: "Vielleicht brauchen wir auch gar nichts von dir. Vielleicht reicht es ja auch so."

Lisa zog entrüstet die Luft ein: "So geht das aber nicht. Einige von uns sollen mehrere Hunderttausend geben und du gar nichts?!"

"Wenn sie nichts hat, hat sie nichts", stellte Anne lakonisch fest. "Unsere Freundin ist sie trotzdem."

"Lasst uns doch erst einmal schauen, wie viel wir insgesamt zusammen bekommen würden", gähnte Anita. "Vorher können wir sowieso keine konkreten Pläne machen."

"Außerdem sollte jede ihre Wünsche äußern", fügte Ursa, jetzt ganz munter bei der Sache, hinzu. "Was hättest du denn für Vorstellungen, Lisa?"

"Ich habe überhaupt noch keine Vorstellungen", maulte Lisa.

"Und du?" versuchte Ursa die anderen bei der Stange zu halten und erhaschte dafür einen anerkennenden Blick von Anne.

"Ich", meinte Anita mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen, "möchte nicht allzu weit von Hamburg entfernt leben. Ich habe gerade einen netten Mann kennen gelernt. Ich kenne ihn zwar erst ein paar Tage, aber er ist ein Traummann."

Amelie verdrehte die Augen. "Bei dir ist jeder, mit dem du schläfst, ein Traummann."

Anita zuckte nur die Schultern.

"Du hattest doch die Idee mit der WG", wandte sich Lisa an Anne. "Was stellst du dir denn so vor?"

Anne überlegte einen Augenblick. Sie beugte sich vor, stützte ihr Kinn in die Hände und schaute in den mittlerweile stockdunklen Garten. "Das Haus müsste so groß sein, dass jede mindestens ein großzügiges Zimmer hätte. Und ein großes Gemeinschaftszimmer dürfte natürlich nicht fehlen, in dem wir uns alle treffen und gemeinsam kochen und essen könnten. Ein großer Garten wäre schön. Vielleicht ein bisschen Land drumherum."

"Und Ställe und Tiere", warf Ursa begeistert ein.

"Moment mal", stoppte Lisa die Begeisterung. "Wer soll sich denn um die Tiere kümmern. Ihr vergesst wohl, dass wir nicht mehr die Jüngsten sind, oder? Und was für Tiere überhaupt."

"Ich würde mich kümmern", rief Ursa.

"Ich auch", lächelte Amelie zu ihr hinüber.

"Ich hätte auch Lust dazu", meinte Anita.

"Du hast doch genug mit deinen Liebschaften zu tun", stichelte Lisa. "Wie willst du dich da noch um Tiere kümmern? Also, an welche Tiere denkt ihr denn so?" wiederholte sie. "Anne bringt ja bereits ihre Katze mit, und Amelie hat ihren Hund."

"Was haltet ihr von einem Bauernhof? Einem kleinen", fügte Anne hinzu, als sie die skeptischen Gesichter der anderen sah. "Ich weiß, ich weiß, wir haben keinerlei Erfahrung in dieser Hinsicht, aber man kann alles lernen. Und das Ganze soll ja wirtschaftlich nichts abwerfen. Wir wollen uns nur daran freuen."

"Vor allem in unserem Alter", höhnte Lisa.

"Ach, sei doch nicht immer so negativ. Für die schweren Arbeiten stellen wir eben einen Mann ein", warf Amelie ein.

"Genau", bekräftigte Ursa. "Und das Leben mit Tieren bringt Spaß und hält gesund." Jetzt war sie nicht mehr zu stoppen. "Wir könnten Schafe, Ziegen und Geflügel halten."

"Nein, keine Schafe", meinte Anita, "die müssen regelmäßig geschoren werden, und das ist Schwerstarbeit. Aber zwei Ziegen fände ich schön. Und Gänse und Hühner. Dann hätten wir jeden Tag unsere Frühstückseier."

"Und vielleicht noch einen Esel", zählte Anne weiter auf. Sie liebte Esel.

Lisa unterbrach die Träumerei. "Also, ich habe keine Lust mich um Tiere zu kümmern." Mit ernstem Gesicht schaute sie Annes Katze nach, die mit erhobenem Schwanz am Rand der Terrasse stand und an den Ringelblumen schnüffelte.

"Brauchst du auch gar nicht." Ursa lief zur Höchstform auf. "Das machen wir. Du könntest dich um den Garten kümmern und vielleicht Gemüse anpflanzen. Das magst du doch gern."

Anne brachte ein wenig Ruhe in die Diskussion, indem sie sagte: "Es ist schon spät. Ich schlage vor, wir überschlafen das Ganze und überlegen in Ruhe, was wir machen wollen. Ich würde es jedenfalls schön finden, mit euch zusammen zu leben. In ein paar Tagen kann vielleicht jede von uns schon berichten, wie viel Geld sie investieren könnte."

Alle, selbst Lisa, waren einverstanden, und sie trugen noch schnell die schmutzigen Gläser in die Küche und räumten sie in den Geschirrspüler. Anne legte Inge beim Hineingehen einen Arm um deren Schulter und meinte: "Für dich finden wir auch eine Lösung. Du glaubst doch nicht, dass wir dich hier allein lassen, nur weil du kein Geld beisteuern kannst." Dankbar schaute Inge ihre Freundin an und bemerkte gar nicht, dass Ursa lächelnd nickte und auch Amelie und Anita ihre Zustimmung signalisierten.

Draußen und auch im Haus waren alle Kerzen mittlerweile schon lange heruntergebrannt, so dass sich darum niemand mehr zu kümmern brauchte.

Ein paar Tage waren vergangen, in denen kaum eine der Frauen von den anderen hörte. Doch nach fast zwei Wochen kamen sie wieder zusammen. Dieses Mal bei Lisa. Immer noch waren alle sechs interessiert an dieser vermeintlich verrückten Idee. Und die Pläne waren konkreter geworden. Anne und Lisa hatten einen Makler konsultiert und daraufhin das Reihenhaus und die Maisonette-Wohnung schätzen lassen. Da das Reihenhaus sehr gepflegt war und in einem Topzustand, vermutete der Makler, dass er einen Verkaufspreis von 220.000 Euro erzielen könnte.

Die Ausstattung der Eigentumswohnung von Lisa war zwar nicht auf dem neuesten Stand, doch sie lag in einer sehr guten, zentral gelegenen Gegend von Hamburg. Diese Wohnung könnte gut und gern, nach Schätzungen des Maklers, 240.000 Euro einbringen.

Anita hatte sich schlau gemacht bei einem Autohändler. Als der kein Interesse bekundete, gab sie kurzerhand ein Inserat in mehreren Medien auf und hatte Glück: einer war bereit für den Oldtimer 55.000 Euro zu bezahlen.

Mit den Lebensversicherungen von Amelie und Ursa ergab sich eine Summe von annähernd 655.000 Euro.

"Na, das ist doch mal eine reelle Summe. Damit müsste sich doch was finden lassen", jubelte Anne, und Lisa stand grinsend auf und verschwand in der Küche. Augenblicke später erschien sie mit einer eisgekühlten Flasche Champagner und wurde von ihren fröhlichen Freundinnen ausgelassen empfangen.

Nordsee oder Heide

Jetzt ging die Suche los. Die Frauen wollten keine Zeit verlieren, denn in ihrem Alter, so meinten sie, zählte jeder Tag. Anne übernahm es, die Wünsche bei dem Makler vorzutragen. Und dann hieß es warten, und es dauerte sogar Wochen, bevor er sich wieder meldete. Anne war gerade dabei, verblühte Sommerblumen aus dem Beet zu entfernen und frische bunte Dahlien zu pflanzen, als das Telefon klingelte.

"Maklerbüro Stöver hier. Guten Tag, Frau Heide. Gute Nachrichten. Ich glaube, ich habe zwei Objekte für Sie, die passen könnten. Haben Sie Zeit? Wollen wir einen Besichtigungstermin machen?"

"Gern", antwortete Anne aufgeregt, "aber Sie wissen ja, dass ich mit meinen Freundinnen einziehen möchte. Ich muss sie erst anrufen und fragen, wann sie Zeit haben, damit wir alle mitkommen können."

"Ja, natürlich, aber zu lange sollten Sie nicht warten."

"Natürlich nicht. Wir sechs sind ja alle neugierig und wollen so schnell wie möglich einen Hof finden. Ich rufe Sie zurück."

Bereits am selben Abend hatte Anne alle erreicht, und natürlich wollten auch alle mitkommen. Außer Inge. Glaubhaft versicherte sie, dass sie in den nächsten Tagen drei Termine wahrnehmen müsse, die keinesfalls aufgeschoben werden könnten.

Der erste Hof lag in Niedersachsen, in der Nähe von Stade. Das Haupthaus hatte neun Zimmer, doch einige davon waren relativ klein. Alles sehr verschachtelt. Es sah so aus, als ob immer mal wieder angebaut worden war, denn eines der beiden Badezimmer schien ziemlich neu zu sein und lag ungünstig am Ende des L-förmigen Gebäudes. Die Küche war zwar groß, aber alt und abgewohnt. Die Stallungen waren offensichtlich jahrelang nicht benutzt worden, denn Reste von Stroh in den Boxen war mittlerweile dunkel vor Schimmel.

Ziemlich ernüchtert schauten sich die Frauen an.

"Und Land gehört auch dazu?" fragte Anne ziemlich lahm. Eigentlich interessierte sie dieser Hof kaum mehr. Zuviel an Geld und Kraft müsste hier investiert werden, um ein einigermaßen gemütliches Zuhause zu schaffen.

"Moment", der Makler schaute in seine Unterlagen. "Ja, hier steht´s. Circa sechs Hektar." Er sah allerdings an den Gesichtern der Frauen, dass das Interesse bei allen in Richtung Null ging.

"Und was soll das alles kosten?" fragte Lisa und machte eine ausholende Bewegung mit den Armen.

"280.000 Euro, aber der Besitzer ist durchaus zu Verhandlungen bereit".

"Ganz schön viel Geld für diese Bruchbude", brachte es Ursa auf den Punkt. "Wissen Sie, wir wollen unseren Lebensabend genießen und nicht noch Geld, Kraft und vor allem Zeit hier reinstecken müssen."

Die anderen nickten nur.

Der Makler ahnte, dass ihm hier die Felle weg zu schwimmen drohten. Also versuchte er erst gar nicht, dieses Objekt schön zu reden, sondern blätterte erneut in seinen Unterlagen und meinte: "Wenn Sie möchten, können wir dann zum nächsten Resthof fahren." Und damit ihm die Damen nicht noch kurzfristig absprangen in ihrer Enttäuschung, fügte er hinzu: "Sie werden begeistert sein. Das nächste Objekt ist überhaupt nicht mit diesem vergleichbar. Es wird Ihnen gefallen." Aufmunternd schaute er in die Runde.

"Und wo müssen wir jetzt hin?"

"Nun, Sie sagten, dass Sie Zeit haben. Dieses Mal geht es nach Schleswig-Holstein. Hier ist eine Karte." Er reichte Anita und Lisa je eine. "Dort ist alles genau eingezeichnet. Aber am besten ist, Sie fahren hinter mir her."

Dieser Hof sah wirklich ganz anders aus: moderner und sauberer. Und die Lage war himmlisch. Ein großes, breites Feld lag hinter den Gebäuden, doch dahinter konnte man bereits die Nordsee sehen. Als die Frauen aus den beiden Autos ausstiegen, schob sich eine dicke, weiße Wolke vor die Sonne. Doch dann brachen einige Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke und ließen das tiefblaue Wasser der Nordsee silbern aufblitzen. Die Frauen schauten sich an und lächelten zufrieden. Ja, das war Idylle pur, ein wahres Paradies. So hatten sie es sich vorgestellt.

Das Haupthaus mit seiner geweißten Fassade leuchtete plötzlich in der hinter den Wolken wieder aufgetauchten Sonne. Es sah so hübsch aus mit seinen strahlend blauen Fensterläden und Türen. Selbst die Blumen in den Beeten mussten gegossen worden sein, denn sie leuchteten frisch in allen möglichen Farben.

Fast andächtig betraten die fünf Frauen das Gebäude. Durch eine lange, breite Diele gelangten sie links in die Küche. Hier musste vor kurzem eine neue Landhausküche eingebaut worden sein, denn selbst die modernen Elektrogeräte blitzten vor Sauberkeit. Und in der Mitte stand eine großzügige Kücheninsel. In Gedanken sahen sie sich bereits dort zusammen stehen und Kartoffeln schälen, Gemüse putzen und sich dabei unterhalten. Im Erdgeschoss gab es außer der großen Küche ein geräumiges Wohn-/Esszimmer mit Gaskamin, einen Wirtschaftsraum, zwei Zimmer, von denen das kleinste mindestens achtzehn Quadratmeter maß, und ein in hellen Farben frisch gefliestes Wannenbad.

Die Freundinnen konnten es vor Glück kaum fassen. Hier müsste nichts renoviert werden, alles sah tadellos aus. Ursa und Anita konnten nicht anders, sie nahmen sich gegenseitig in die Arme und hüpften eng umschlungen, kichernd wie kleine Schulmädchen, auf und ab. Lisa, die vor Aufregung ganz rote Wangen bekommen hatte, fragte den Makler: "Und wie sieht es oben aus?" Doch sie wusste es bereits, als sie den positiven Ausdruck in seinem Gesicht sah. Oben waren weitere fünf große helle Räume, alle weiß getüncht, und ein weiteres Bad mit einer XXL-Dusche. Besser ging es einfach nicht. Nachdem sie auch dort jeden Raum betreten und beifällig gemurmelt hatten, stiegen sie eilig wieder die Treppe hinunter. Lisa, die vergeblich versuchte, ernst zu bleiben, fragte den Makler, der unten geblieben war: "Können wir auch die Stallungen sehen?" Der Makler nickte nur und wies lächelnd in die entsprechende Richtung.

Der Stall hatte eine L-Form und war nicht allzu groß. Eine Box, die größte, enthielt noch eine ganze Menge Heu, die anderen fünf Boxen waren kleiner, jede ungefähr zwanzig Quadratmeter groß, aber sauber gefegt. Darüber gab es noch ein paar kleinere Räume, die man ausbauen konnte. Stumm standen die Frauen im Stallgang. Sollte es tatsächlich wahr werden? Hatten sie so viel Glück? Sie konnten es kaum fassen. Langsam kam der Makler zu ihnen in den luftigen Stall, und ohne gefragt zu werden, sagte er: "Drei Hektar Land, meist Koppeln und Weiden, gehören auch dazu."

"Und das gibt es wirklich alles in unserem finanziellen Rahmen?" sprach Lisa das Allerwichtigste an und musste sich vor Aufregung räuspern.

Das Gesicht des Maklers wurde ernst: "Nein, nicht ganz. Dieser Hof, frisch renoviert, acht Zimmer, neue Einbauküche, neue Bäder, Stallungen, eine Scheune und drei Hektar Land beläuft sich auf 850.000 Euro." Und nach kurzer Pause fügte er leise hinzu: "Und diese Summe ist leider nicht verhandelbar."

Ernüchtert schauten sich die Frauen an. "Aber wir haben doch nur 655.000 Euro. Und in unserem Alter gibt uns keine Bank einen Kredit."

Enttäuscht verließen alle den Stall.

"Warum nur haben Sie uns diesen Hof gezeigt, Herr Stöver", fragte Lisa und ihre Stimme verriet leichten Unmut und Enttäuschung.

"Nun, ich dachte......"

"Nein", fuhr sie ihm, jetzt richtig wütend und aufgebracht, dazwischen: "Sie haben offensichtlich überhaupt nicht nachgedacht. Meinen Sie etwa, wir können uns annähernd 200.000 Euro aus den Rippen schneiden?" Sie war laut geworden und Amelie fasste sie beruhigend am Arm. "Lass mich!" fauchte sie, machte sich unwirsch los und stapfte wütend und unsagbar enttäuscht in Richtung der Autos.

"Sie hat recht", sagte Anne ruhig, "diese Besichtigung war wirklich reichlich überflüssig."

"Ich muss raus hier." Ursa wurde das alles zuviel und sie floh an die frische Luft, stemmte dort beide Arme in die Hüften und sog tief die frische Nordseebrise ein.

"Und der andere Hof?" versuchte es der Makler noch mal. Aber als er die entrüsteten Gesichter der Frauen sah, sagte er lieber nichts mehr.

"Haben Sie noch einen Hof für uns?" fragte Ursa, doch der Makler schüttelte bedauernd den Kopf. "Im Augenblick leider nicht."

Diese Enttäuschung mussten die fünf Frauen erst einmal verdauen und sie fuhren davon. Doch gleich im nächsten Dorf machte Anita mit der Lichthupe Zeichen und setzte den Blinker.

"Was will sie", murrte Lisa in ihrem Auto. "Ist jetzt auch noch ihr Wagen defekt?" Aber sie blinkte ebenfalls und fuhr auf den Parkplatz eines Gasthofes. Dort stieg sie aus und blickte fragend zu Anita und Anne hinüber, die beide bereits ausgestiegen waren.

"Was ist?" rief sie.

Anita wies mit dem Kopf auf die Gaststätte. Lisa zuckte nur die Achseln, beugte sich hinunter und meinte zu Ursa und Amelie: "Steigt aus. Ich glaube, Anita will erst einmal einkehren."

Stöhnend stieg Amelie aus. Sie merkte plötzlich, wie alt sie schon war und wie sehr der Rücken sie plagte. Auch Ursa stöhnte, und das Aussteigen der beiden dauerte ungewöhnlich lange. Vielleicht war das alles ja sowieso eine Schnapsidee, ging es Lisa durch den Kopf.

Der Gasthof schien uralt. Das Mobiliar war dunkel und die Wände gelb vom jahrzehntelangen Zigarettenrauch.

Dieses Haus steht bestimmt schon einige Jahrhunderte, dachte Ursa und stellte sich vor, wie hier alte friesische Fischer mit wettergegerbten Gesichtern nach der anstrengenden Arbeit auf See ihren Tee mit Rum tranken, bevor sie wieder hinausfahren mussten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Unter der ziemlich niedrigen Decke hingen Fischernetze, in denen sich Seesterne und Muscheln verfangen hatten. An den Wänden hingen gerahmte Bilder mit Motiven der wild schäumenden Nordsee. Außer ihnen saßen nur zwei ältere Männer in einer Ecke und starrten stumm auf ihre Getränke. Neugierig schaute der Wirt den Frauen entgegen und nickte ihnen zu. Nachdem die fünf sich an einen runden Tisch gesetzt hatten, kam er langsam zu ihnen. "Was darf´s sein?" fragte er knapp.

"Gibt´s hier auch eine Karte?" murrte Lisa.

"Brauchen wir nicht", kam es genauso mürrisch zurück.

"Also dann", versuchte Anne die Stimmung zu heben. "Was wollen wir trinken? Na ja, Alkohol geht ja wohl nicht, oder?" Ihr Blick ging zu den beiden Fahrerinnen in ihrer Runde. "Apfelschorle?" fragte sie bemüht heiter. Alle nickten, nur Lisa schaute mit unbewegtem Gesicht aus dem Fenster auf den öden Parkplatz. Der Himmel hatte sich zugezogen, und es wehte ein frischer Wind, so dass sich die kleinen, krummen Bäume auf der anderen Straßenseite leicht bogen.

"Fünf Mal Apfelschorle, bitte", bestellte Anne und schaute den Wirt freundlich an.

"Jo", kam es knapp zurück.

Diese Friesen sind wirklich ein maulfaules Volk, dachte sie und wandte sich wieder ihren Freundinnen zu.

"Was machen wir denn jetzt?" kam es ängstlich von Amelie. "Geben wir unseren Traum jetzt auf?"

Entrüstet schauten die anderen sie an und Ursa antwortete: "Wie kommst du denn da drauf! Wir geben noch lange nicht auf! Oder?"

"Auf gar keinen Fall. Das werden ja wohl nicht die einzigen Resthöfe in Norddeutschland sein. Wir finden schon was Schönes." Schweigend saßen sie da, nippten an den inzwischen vom Wirt gebrachten Getränken, und jede sann ihren eigenen Gedanken nach.

Der normale Alltagstrott stellte sich wieder ein. Lisa putzte wie wild ihre Wohnung oder war mit dem Rad unterwegs, Anne suchte Entspannung in ihrem Garten, Anita machte sich eine schöne Zeit mit ihrem derzeitigen Liebhaber, Amelie führte ihren kleinen Hund aus und hatte dadurch immer wieder losen Kontakt zu anderen Leuten und Ursa verfiel wieder in Erinnerungen an eine Zeit, in der sie noch verheiratet war. Inge war mal wieder verreist: dieses Mal eine Städtereise mit einer ihrer Töchter und schrieb lapidare Ansichtskarten an ihre Freundinnen. Aber jede einzelne von ihnen hatte ihren gemeinsamen Traum im Hinterkopf; er war noch nicht aufgegeben, auch wenn sie bei ihren Treffen selten darüber sprachen. Es war ja alles gesagt. Jetzt mussten sie nur noch warten. Wieder einmal. Und der Makler meldete sich nicht.

"Ruf doch mal an", sagte Lisa bei einem ihrer Treffen, "vielleicht hat er uns ja schon gestrichen aus seiner Kartei."

"Meinst du wirklich?" brachte Amelie mühsam hervor. Heute war ihr Hund, ein kleiner weißer Westhighland-Terrier dabei. Ruhig lag Micki unter dem Tisch und schlief.

"Warum eigentlich nicht. Schließlich soll er ja auch einen Käufer für mein Reihenhaus finden. Ich rufe ihn die nächsten Tage mal an." Der Rest des Nachmittags verlief ungewohnt ruhig.

Fast ein ganzer Monat war vergangen, und wie so oft wollten sich die Frauen am Samstag Abend zum Kartenspielen treffen. Der Herbst war inzwischen ins Land gezogen, und abends wurde es bereits empfindlich kühl. Obwohl Anne nur einen kleinen Garten hatte, musste sie mehrmals die Woche Laub harken. Woher kamen nur Eichenblätter und Tannennadeln? In ihrem Garten standen weder das eine noch das andere. Und bei den Nachbarn auch nicht. Der Wind musste sie von weit her getragen haben.

Es klingelte und Anne eilte zur Tür. Als sie sie öffnete, schallte ihr bereits Gelächter entgegen. Amelie, Ursa und Anita standen draußen. Anita trat von einem Bein aufs andere. "Lass mich schnell rein, sonst läuft meine Blase gleich über", prustete sie und drängelte sich an ihrer Freundin vorbei.

"Und wir erfrieren gleich, wenn du uns noch länger hier draußen stehen lässt", witzelte Ursa und tat so, als ob sie schrecklich friere.

"Kommt schon rein", erwiderte Anne aufgeräumt und machte den Weg frei. "Wo sind Inge und Lisa?"

"Keine Ahnung", sagte Ursa und machte große Augen. "Ich dachte, sie wären schon hier. Wir drei sind doch bereits zu spät."

"Na ja, dann werden sie wohl gleich eintrudeln. Angerufen haben sie jedenfalls nicht."

Eine halbe Stunde später machten sich die vier wirklich Sorgen, denn es war ungewöhnlich, dass ihre beiden Freundinnen so sehr viel später kamen als ausgemacht. Bei Anita hätte das schon mal passieren können, aber bei Lisa und Inge? Unwahrscheinlich.

"Hoffentlich ist nichts passiert", meinte Amelie und schlürfte an ihrem Getränk. Ursa wurde unruhig, stand auf und ging zum Fenster. Besorgt schob sie die Gardine zur Seite und schaute hinaus. "Da kommen sie ja", rief sie erleichtert, ließ die Gardine fallen und eilte durchs Wohnzimmer hinaus auf den Flur. Anne, Anita und Amelie blieben sitzen.

"Warum kommt ihr beide denn so spät?" fragte Amelie, als die beiden, mit Ursa im Schlepptau, das Wohnzimmer betraten. Anstatt zu antworten, ließ sich Inge auf einen Sessel plumpsen. Lisa blieb mitten im Zimmer stehen, ungewöhnlich blass im Gesicht. Sie legte ihre Hand auf die Sessellehne, und man hatte den Eindruck, dass es beiden nicht gut ging.

Besorgt beugte sich Anne vor und griff nach Inges Hand. "Inge?" Wie aus einer Trance schaute Inge hoch und lächelte verhalten. Anne und auch die anderen entspannten sich etwas, fragten sich aber immer noch, was dieses merkwürdige Verhalten zu bedeuten habe.

"Sag es ihnen", flüsterte Lisa rau, blitzte die anderen unter ihrem schwarzen Fransenpony spitzbübisch an, setzte sich auf Inges Armlehne und berührte sie an der Schulter. Langsam kam Leben in Inge, und sie griff nach ihrer Handtasche. Mit zitternder Hand wühlte sie darin, brachte einen Lottoschein zum Vorschein und hielt ihn in die Höhe.

"Ja und? Haben wir sechs Richtige auf unserem Gemeinschaftszettel getippt?" Die Frage sollte ein Scherz sein. Natürlich glaubte Ursa nicht daran, denn die Chancen, einen Sechser zu landen standen nach ihrem Wissen bei eins zu vierzehn Millionen. Auch Anita fing an zu lachen. "Ja, klar."

Doch Inge und Lisa starrten die beiden an, so dass ihnen ganz unbehaglich wurde. Es war völlig still im Zimmer. Draußen hörte man plötzlich laute Stimmen, die dann wieder verebbten: Nachbarn, die sich unterhielten und am Haus vorbeigingen. In die Stille hinein machte sich plötzlich eine Erkenntnis breit, und schon hörten die Frauen Inges piepsige Stimme. "Ja!"

"Was ja....?"

"Sag mal, stehst du auf dem Schlauch, oder was!" brüllte Lisa lachend. "Ja! Wir haben sechs Richtige im Lotto!"

Urplötzlich löste sich die Spannung. Es wurde furchtbar laut. Alle schrieen durcheinander, so dass keine die anderen wirklich verstand. Bei Amelie liefen sogar vor Freude einige Tränen über ihre Wangen. Und Micki, ihr Hund, rannte wild kläffend um ihrer aller Beine herum.

"Schade!" übertönte mit einem Mal Anne die Runde und sorgte mit diesem einen Wort dafür, dass absolute Stille eintrat. Anne schaute in die verdutzten Gesichter. Doch dann lachte sie und rief so laut sie konnte: "Schade, dass ich ausgerechnet heute keinen Champagner im Kühlschrank habe!" Der darauf folgende Lärmpegel war unglaublich. Alle lachten und redeten durcheinander. Ursa und Anita vollführten sogar ein kleines Tänzchen, bis Lisa, die immer auch die Finanzen im Blick zu haben schien, fragte: "Wie viel bekommen wir denn?" Alle schauten Inge an, doch die zuckte nur mit den Schultern. "Das weiß ich noch nicht. Es kann eine Million sein, es können aber auch nur 100.000 Euro sein. In ein paar Tagen wissen wir mehr."

"Ein Million Euro", seufzte Anita und sah verträumt vor sich hin. Auch die anderen wollten nicht an "nur" 100.000 Euro glauben, denn dann würde es immer noch nicht reichen für ihren Resthof an der Nordsee. Und dass der vielleicht inzwischen verkauft worden war, einen anderen Besitzer gefunden hatte, daran wollten sie nicht einmal denken.

"Ich finde", meinte Ursa, die sich wie die anderen wieder etwas beruhigt hatte, "dass du den Makler gleich mal anrufen solltest, um zu klären, ob der Hof überhaupt noch zu haben ist." Dabei blickte sie Anne an. Die anderen nickten. Anne nahm einen Schluck aus ihrem Glas und meinte: "Aber heute ist doch Samstag und außerdem schon recht spät."

"Pah", antwortete Lisa, "das spielt ja wohl keine Rolle. Schließlich verdient der eine ganze Menge an uns, wenn er meine Wohnung und dein Haus verkauft und dafür sorgt, dass wir den Hof bekommen." Die anderen nickten bestätigend.

"Du hast ja recht", antwortete Anne energisch, stand auf und ging zu ihrem Telefon. "Herr Stöver? Hier ist Frau Heide. Sie erinnern sich? Hoffentlich störe ich nicht gerade." Sie hörte, dass der Makler am anderen Ende der Leitung gerade aß, deshalb dauerte es einen kurzen Augenblick bis er antwortete. Im Hintergrund hörte sie den Fernseher laufen. "Herr Stöver, weshalb ich anrufe, ist folgendes und ich mache es kurz: Ist der Resthof an der Nordsee noch zu haben? Sie wissen doch, vor ungefähr einem Monat......"

"Ja, ich kann mich erinnern."

"Und?"

"Ja, der ist noch nicht verkauft. Warum fragen Sie?" Anne machte das Daumen-hoch-Zeichen in Richtung Sofa, wo ihre Freundinnen mucksmäuschenstill saßen. "Nun, vielleicht können wir ihn doch kaufen." Ihre Freundinnen hüpften aufgeregt kichernd auf dem Sofa hin und her.

"Das ist doch schön." Die Stimme des Maklers wurde etwas munterer und interessierter.

"Herr Stöver, ungefähr Mitte der Woche oder vielleicht schon Montag können wir Ihnen sagen, ob wir das Geld zusammen bekommen. Könnten Sie dafür sorgen, dass uns nicht doch noch jemand zuvor kommt und uns den Hof wegschnappt?"

"Aber natürlich, Frau Heide. Sie haben wohl im Lotto gewonnen, was?" amüsierte er sich, worauf Anne lieber nicht antwortete. Er lachte und war nun ganz bei der Sache. Schließlich würde er eine Menge verdienen, wenn dieses Geschäft zustande kam. "Wollen Sie den Hof noch mal sehen?" fragte er, jetzt ganz Geschäftsmann.

"Das ist im Moment nicht nötig. Ich rufe Sie also dann an." Anne legte auf und strahlte ihre Freundinnen an.

"Sag mal, Inge", fragte Lisa, die es kaum abwarten konnte, das Ergebnis zu erfahren, "wann wissen wir denn nun, wie viel wir gewonnen haben?"

"Hm, morgen schon oder übermorgen müssten wir im Teletext schon nachlesen können, wie viel es wird."

"Oh Gott, ist das aufregend!" Amelie schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte.

Bereits am nächsten Mittag trafen sie sich wieder und aßen zusammen bestellte Pizzas, denn um sich etwas zu kochen, waren sie viel zu aufgeregt.

Und dann war es soweit. Konnte man wirklich soviel Glück haben? Fassungslos und sprachlos schauten die Frauen auf die eingespielte Summe: 489.000 Euro! Das reichte! Das war mehr als genug um den Hof zu kaufen!

Trotzdem meinte Lisa: "Das hätte ruhig etwas mehr sein können."

Ursa knuffte sie empört in die Seite. "Du bist aber auch nie zufrieden. Immer hast du was zu meckern."

"Ich meckere doch gar nicht!" blaffte Lisa zurück.

"Doch", mischte sich Amelie ein. "Du bist ganz so wie in dem Märchen Der Fischer und sin Fru: nie zufrieden mit dem, was man hat. Ich glaube fast, das viele Geld tut dir nicht gut."

Jetzt mischte sich Anne ein und rief: "Über eine Million! Sagt mal, Mädels, seid ihr verrückt geworden? Jetzt haben wir genug Geld für unseren Resthof und da fangt ihr an zu streiten? Was ist bloß los mit euch?"

Betretenes Schweigen herrschte. Anne hatte ja recht.

Der Umzug

Veränderungen. Amelie mochte eigentlich keine Veränderungen. Sie hatte Angst davor. Einige wenige Male war sie mal mit der einen, mal mit der anderen Freundin verreist. Wenige Male, weil ihre Rente nicht besonders hoch war. Aber auch, weil verreisen Stress für sie bedeutete - eben Veränderungen vom täglichen Einerlei, was ihr von jeher eine gewisse Sicherheit gegeben hatte. Andererseits gefiel es ihr auch, wenn sie mal etwas anderes erlebte. Dann war allerdings ihr einziger Wunsch bei der nächsten Reise, dass es zum selben Ort ging, den sie schon kannte. Und niemals allein.

Und nun sollte sie viele Kilometer von Hamburg entfernt leben. Der Resthof war schön, gewiss, lag in einer unglaublich reizvollen Umgebung, doch wären ihre Freundinnen nicht gewesen, wäre sie am liebsten geflüchtet und hätte niemals diese Entscheidung getroffen. Sie sah die Schönheit einfach nicht, weil sie wusste, es würde endgültig sein, hier zu leben.

Draußen standen mehrere Umzugswagen und die Möbelpacker waren bereits seit einigen Stunden damit beschäftigt, die Schränke, Tische, Stühle und Betten ins neue Haus zu tragen. Amelie sollte wegen ihrer Gehbehinderung eines der unteren Zimmer beziehen. Und Inge hatte darum gebeten, auch unten wohnen zu dürfen.

"Dann bin ich ja schon wieder ständig auf der Treppe", murrte Lisa, die ihre Maisonette-Wohnung inzwischen verkauft hatte. Doch so richtig ernst meinte sie es nicht. Sie gönnte den beiden die unteren Zimmer. Anne, Anita, Ursa und Lisa zogen nach oben. Das kleinste der oberen Zimmer blieb zunächst frei. Hier könnten eventuelle Gäste übernachten.

Das Auspacken der Umzugskartons und das Einräumen der Sachen dauerte viele Tage. Im großen Wohn-/Essbereich stand jetzt ein großes Bücherregal, das von einer Wand zur anderen reichte. Zwei große Couches und zwei Ohrensessel mit Fußbänken sorgten für Gemütlichkeit. Ein fast vier Meter langer rustikaler Holztisch, an dem bequem zwölf Leute Platz hatten, dominierte das Esszimmer. Da die Küche bereits vollständig vorhanden war, eine weiße Landhausküche, musste keine der Frauen ihre eigene mitbringen. Da sie unzählige Haushaltsgegenstände nicht nur doppelt, sondern sechsfach besaßen, hatten sie bereits in Hamburg Wohnungsflohmärkte abgehalten. Viele Sachen hatten sie jedoch immer noch doppelt und dreifach.

"Was haltet ihr davon, wenn wir hier auf dem Hof auch einen Flohmarkt veranstalten? Wir können dabei auch gleich einige der Nachbarn und Dörfler kennen lernen", schlug Lisa vor.

"Eine ausgezeichnete Idee", bekam sie gleich mehrfaches positives Feedback. Und so wurde es gemacht, wobei sich herausstellte, dass Anita sich schlecht von irgendetwas trennen konnte. Bei jedem Kerzenständer, bei jedem Kochlöffel, bei jedem Wein- oder Wasserglas fing sie an zu debattieren, weshalb sie unbedingt dies oder das behalten wollte.

"So kommen wir nicht weiter", sagte Lisa ungeduldig. "Wo willst du denn das alles aufbewahren? Doch wohl nicht in deinem Zimmer? Und in der Küche haben wir schon alles. Im Esszimmer steht der Schrank voller Geschirr und Gläser. Also wohin?"

Anitas Blick ging unsicher in Richtung Scheune, so dass sich selbst Anne einmischte: "Daran denkst du doch wohl nicht im Ernst, oder?" Resigniert zuckte Anita mit den Schultern. Sie wusste ja, dass die beiden Recht hatten. Aber sie konnte sich eben so schwer trennen. Deshalb versuchte sie es erneut: "Aber die Sachen sind doch noch gut."

"Richtig", meinte Anne bestimmt, fasste sie an der Schulter, drehte sie um und verließ mit ihr den Raum." Aber du musst doch einsehen, dass das so nicht funktioniert. Was hältst du davon, wenn wir die überzähligen Sachen spenden?"

Ein weiteres Problem zeigte sich, als Ursa aus der Stadt zurück kam. Eigentlich wollte sie nur zum Zahnarzt und hatte sich dafür Anitas Auto ausgeliehen. Doch nun, bei ihrer Rückkehr, was sie nicht allein. Ein riesiger Hund sprang neben ihr aus dem Wagen, ein Mischling, doch man konnte erkennen, dass zumindest ein Schnauzer bei dieser Mischung mitgewirkt hatte. Ein Riesenvieh, dachte Amelie erschrocken, und Micki, ihr kleiner Terrier, fing sofort wütend an zu bellen und das schwarze Ungetüm zu umkreisen. "Halt diesen Hund fest!" schrie sie und ihre Aufregung übertrug sich noch mehr auf Micki, der sich wie verrückt gebärdete. Langsam griff Ursa nach dem Halsband des Hundes, dem sie bereits den Namen Trigger gegeben hatte. Bücken brauchte sie sich dabei nicht, so groß war er. Aber auch so ruhig. Gelassen schaute er auf den kleinen Hund, der wie ein Punchingball in großem Bogen um ihn herumwirbelte.

Lisa kam aus dem Haus. "Huch, was ist das denn?" Irritiert schaute sie in die Runde und legte die Stirn in Falten, als sie Mickis Aufregung bemerkte. "Das geht nicht gut", murmelte sie, allerdings so leise, dass niemand sie verstand. "Was soll das?" fragte sie ärgerlich in Ursas Richtung.

"Ja, das möchte ich auch wissen", rief Amelie laut. Sie hatte Micki inzwischen erwischt und auf den Arm genommen.

Ursa lachte. "Was ihr alle habt. Das ist doch nur ein Hund. Und ein ganz lieber dazu."

"Und warum ist der hier? Wir haben doch schon einen."

Trotzig richtete Ursa sich kerzengerade auf. "Ich wollte schon immer einen Hund haben. Also bin ich vorhin noch schnell ins Tierheim gefahren. Und was ist besser geeignet für einen Hund als alles das hier." Damit machte sie eine weiträumige Geste mit ihrem Arm, die den gesamten Hof und die Weiden dahinter umschloss.

Amelie wurde jetzt richtig wütend. "Aber doch nicht ohne uns zu fragen! Und außerdem", ihr Blick streifte mit Abscheu den Schnauzer-Mix, "muss sich auch Micki mit ihm vertragen. Und das tut er nicht!"

"Das liegt ja wohl nicht an Trigger", konterte Ursa. "Schließlich führt sich dein Micki auf wie eine Furie und nicht er." Sie streichelte über das rauhaarige, glänzende Fell ihres neuen Freundes.

Empört plusterte sich Amelie auf, doch sie wusste nichts darauf zu erwidern. Empört drehte sie sich um und verließ, mit ihrem Hund auf dem Arm, den Schauplatz.

Anne war inzwischen auch aus dem Haus gekommen und hatte das Theater schweigend verfolgt. "Na ja", meinte sie nachdenklich, "er scheint ja wirklich ganz artig zu sein." Natürlich wusste sie um Ursas Wunsch nach einem Hund, den sie schon so lange hegte. Unklug war nur der jetzige Zeitpunkt und natürlich, dass sie das einfach allein entschieden hatte. Wenn das auch bei den anderen Schule machen würde, wäre das nicht gut. Deshalb meinte sie: "Wir sprechen heute Abend noch mal darüber, ja?" Ursa erwiderte nichts, sondern schaute sie nur ernst aus großen Augen an. Anne drehte sich um, um wieder ins Haus zu gehen. Es gab noch so viel zu tun. Lisa schloss sich ihr an und meinte: "Ich kann Hunde nicht leiden, und so große schon gar nicht. Gut, dass wir noch mal darüber reden werden."

Abends saßen die sechs in ihrem bereits recht gemütlich eingerichteten Wohnzimmer. Eine große Kanne dampfender Tee stand auf dem Stövchen und zwei Teller mit leckeren Schnittchen stand bereit. Trigger, der große schwarze Schnauzer-Mix, lag mit geschlossenen Augen zu Ursas Füßen. Micki hingegen saß angespannt auf der anderen Seite unter dem Tisch, beäugte den Fremden misstrauisch und grummelte leise vor sich hin.

"Also, was habt ihr gegen Trigger? Ihr seht doch, dass er völlig gehorsam ist", eröffnete Ursa das Streitgespräch.

"Wir haben gar nichts gegen einen zweiten Hund", erwiderte Anne und hob beschwichtigend die Hand, als sie sah, dass Lisa widersprechen wollte. "Nur dass du uns vorher nichts gesagt hast."

"Was macht das für einen Unterschied? Vorher, nachher." Aber eigentlich wusste Ursa, dass sie nicht korrekt gehandelt hatte.

"Und wie ist das mit Micki?" fragte Amelie empört. "Schließlich war er zuerst hier. Und er mag dieses Ungetüm nicht."

Mitleidig schaute Ursa ihre Freundin an und sagte völlig ruhig: "Wenn hier einer gehen muss, dann doch wohl dein unerzogener Köter."

"Schluss! rief Anita wie aus der Pistole geschossen dazwischen. "So geht das nicht! Was ist bloß mit euch los? Wir wohnen hier noch keine drei Wochen und schon streiten wir uns. Wir wollen doch unseren Lebensabend hier gemeinsam genießen." Fragend schaute sie die beiden Streithähne an.

Lisa mischte sich ein. "Ich finde es auch nicht schön, dass Ursa einfach mit so einem Riesenhund hier auftaucht ohne uns zu fragen. Aber dieser Hund", ihr Blick schweifte zu dem nach wie vor völlig entspannten Trigger hinüber, "ist wirklich sehr ruhig und ausgeglichen. Denkt doch mal, allein durch seinen Anblick könnte er auch Schutz bedeuten für uns alte Tanten."

Anne lächelte sie dankbar an. Amelie wollte trotzdem nicht kampflos aufgeben und meinte: "Aber dann muss Ursa auch ganz allein für ihn verantwortlich sein: füttern, Tierarzt besuchen und so weiter. Und falls er meinen Micki jemals beißt, muss er weg!"

Damit war Ursa zwar nicht ganz einverstanden, denn Micki war der schwierige, der nicht erzogene Schoßhund. Aber letztendlich war dies ein Teilerfolg, mit dem sie sich zunächst arrangieren konnte.

Inge hatte sich ganz aus der Diskussion herausgehalten. Sie liebte zwar keine Hunde, aber sie hatte auch nichts gegen sie. Ihr war es letztendlich egal.

Anne und Anita atmeten auf. Dieses Problem schien erst einmal aus der Welt, denn Amelie würde sich wieder beruhigen, solange ihrem Micki nichts passierte. Und das sah nicht so aus, wenn man sich den friedlichen großen Schwarzen ansah.

"Oh, der Tee ist alle", sagte Anne, erhob sich, nahm die Teekanne und fragte lachend beim Hinausgehen: "Noch irgendjemand ohne gültigen Fahrschein?"

"Ich komme mit." Ursa erhob sich ebenfalls und folgte Anne in die Küche. Sofort hob Trigger, der bisher zu schlafen schien, seinen Kopf und schaute ihr hinterher.

Anne nutzte die Gelegenheit und mahnte noch einmal: "Keine Alleingänge mehr, hörst du? Alles wird mit den anderen abgesprochen, sonst funktioniert unser Zusammenleben nicht."

"Klar. Ich weiß das doch", antwortete Ursa. Es war ihr unangenehm, dass sie soviel Aufruhr verursacht hatte. "Ich wollte doch bloß endlich einen Hund."

Anne legte ihr begütigend den Arm um die Schulter und lächelte ihre Freundin an. "Ich weiß." Dann stellte sie den Wasserkocher an, um noch eine Kanne Tee aufzubrühen. Ursa verschwand derweil mit ihrer Saftschorle wieder im Wohnzimmer.

Schreckliche Weihnachten

Die Weihnachtszeit nahte, und die Frauen waren am rotieren. Es brachte fast allen großen Spaß gemeinsam in der geräumigen Küche zu backen und zu kochen. Amelie und Inge hatten tolle Rezepte für leckere Kekse aus ihrem Fundus gezaubert. Und Lisa wollte sogar nach altem Rezept einen Stollen backen. Ursa, die nicht sehr am Kochen und Backen interessiert schien, war mit Anitas Wagen unterwegs ins nächste Dorf, um zwei Puter für Weihnachten zu bestellen.

Lisa war noch hektischer als sonst, da ihre Tochter Marie und ihr Sohn Stephan mit Familie über Weihnachten kommen würden. Endlich würde sie ihre Enkelin Maren wiedersehen.

Auch Annes Sohn Jonas hatte sich angekündigt. Etwas ängstlich schaute sie diesem Wiedersehen entgegen, denn Jonas, der schon lange keinen Job mehr hatte, sich auch um keinen bemühte, setzte seine Mutter, nachdem er von dem Lottogewinn erfahren hatte, unter Druck mit seinen ausgefallenen Wünschen.

Ursas Sohn Max würde wohl nicht kommen. Er trug es seiner Mutter immer noch nach, dass sie sich von seinem Vater schon vor vielen Jahren getrennt hatte, obwohl der, nicht zum ersten Mal, fremd gegangen war.

Eigentlich war es von allen Kindern sehr unterschiedlich aufgenommen worden, dass der Großteil des im Lotto gewonnenen Geldes in den Resthof geflossen und nicht zwischen den einzelnen Familienmitgliedern aufgeteilt worden war. Die Wünsche, die bereits kurz nach dem Gewinn, ziemlich nachdrücklich und beinahe unverschämt angemeldet wurden, sprengten zum Teil allerdings jegliche Vorstellungen. Jonas, Annes Sohn, wünschte sich einen Camaro Cabriolet 6,2 l. Sein jetziges Auto, welches Anne seit seiner Arbeitslosigkeit finanzierte, war zwar alt, doch noch völlig in Ordnung. Aber nun, da er wusste, dass seine Mutter offensichtlich nicht nur ihre Rente, sondern sehr viel mehr Geld besaß, wurde er ausverschämt, was Anne jedoch nicht zur Kenntnis nahm.

Stephan, Lisas Sohn, und seine Frau Cosima wollten ihre Tochter plötzlich in einem Elite-Internat in England ausbilden lassen und Cosima hätte es gern gesehen, wenn sich Lisa großzügig an den Kosten beteiligt hätte. Doch Maren wollte gar nicht nach England, das hatte Lisa in einem vertraulichen Gespräch mit ihrer Enkelin herausgefunden. Außerdem fand sie dieses Vorhaben auch reichlich dekadent. Aber was sollte man von einer, die Cosima hieß, anderes erwarten, dachte Lisa mit einem verächtlichen Lächeln auf den Lippen. Niemand hatte je davon gesprochen, als es noch keinen Lottogewinn gab. Lisa seufzte beim Gedanken an diese ausgefallenen, ja beinahe unverschämten Wünsche.

Die Freundinnen hofften, dass das Fest trotzdem ohne Probleme ablaufen würde, doch das schien Wunschdenken, da die erwachsenen Kinder fast ausnahmslos nicht zu realisierende Wünsche angemeldet hatten und immer wieder darauf hinwiesen. Schwierigkeiten schienen vorprogrammiert, vermutete Anita, die in diesem Moment froh war, keine Kinder zu haben.

Bisher gab es kaum Möglichkeiten, dass alle Frauen gemeinsam über ihr Land spazierten oder zum Strand hinunter wanderten. Lieber wollten sie ihr Haus und die jeweiligen Zimmer gemütlich ge­stalten. Nur Ursa hatte bisher ausgedehnte Wanderungen mit Trigger unternommen. Außerdem hatten sie weitere Gästezimmer über den Stallungen von Handwerkern ausbauen lassen und gemütlich hergerichtet, einfach zwar, aber zweckmäßig. Das alles war nun zum großen Teil abgeschlossen. Und heute nun auch die Weihnachtsbäckerei. Der Duft nach Zimt, Kardamon, Vanille und Orangen waberte immer noch lecker durch das Untergeschoss. Und selbst in der breiten Diele hing dieser köstliche Duft in der Luft und verstärkte beim Betreten des Hauses das weihnachtliche Gefühl.

Ursa, die mindestens zweimal täglich mit Trigger zum Strand hinunterlief und meist mehr als eine Stunde wegblieb, schlug heute einen gemeinsamen Spaziergang vor.

"Warum eigentlich nicht?" meinte Anne gut gelaunt und nahm Amelie in den Arm. "Was ist mit dir und Micki? Ihr kommt doch auch mit, oder?"

"Ich weiß nicht", meinte Amelie zögerlich mit einem undefinierbaren Blick auf Trigger.

"Ach komm", sagte Ursa, "die beiden müssen sich doch irgendwann sowieso aneinander gewöhnen."

"Kommt ihr?" rief Lisa durch die offene Stubentür und verdrehte die Augen, als sie hörte, dass es wieder um die Hunde ging. "Wir warten draußen!" rief sie und verließ mit Anita und Inge im Schlepptau das Haus.

Als die anderen endlich auch nach draußen kamen, mit beiden Hunden, wie Lisa erstaunt feststellte, traten Inge und Anita vor Kälte bereits von einem Fuß auf den anderen. Anita schlug ihre Arme rhythmisch gegen den Körper, um sich zu wärmen. Inge hingegen ließ ihre Arme hängen. Sie hatte in letzter Zeit Schwierigkeiten sie zu heben. Aber sie maß diesem Umstand keine größere Bedeutung bei.

"Huch, ist das kalt", fröstelte Anne und zupfte sogleich ihren Schal höher. Tatsächlich hatte der Wind zugenommen, hatte sich fast zu einem Sturm ausgewachsen. In den Kronen der wenigen Bäume im Hof und der dahinter liegenden Koppel raschelte es heftig, und die kleineren Äste bogen sich im Wind. Die Luft war frisch und feucht, denn noch nicht mal vor einer Stunde war der erste Schneeregen gefallen. Unschlüssig und fröstelnd standen die Frauen herum.

"Was ist, Mädels?" grinste Ursa. "Seid ihr etwa aus Zucker?"

Anita boxte ihr leicht gegen den Arm und marschierte gemeinsam mit ihr los. Die anderen folgten. Trigger, der interessiert an der Hauswand schnüffelnd gewartet hatte, sprang vergnügt hinter den Frauen her. Er hatte sich wirklich gut integriert und ignorierte Micki fast völlig. Damit schien der kleine Weiße leben zu können, denn er knurrte nicht mehr, sobald er seiner ansichtig wurde. Nur Amelie traute dem Frieden noch nicht und hielt Micki lieber an der Leine. Auch war sie bisher noch nicht bereit gewesen, gemeinsam mit Ursa und ihrem Hund unterwegs zu sein. Heute war das erste Mal.

Der Weg zur Nordsee bestand nur aus einem schmalen, sanft abfallenden Sandweg, beidseitig begrenzt durch Wiesen und einige Büsche mit Hagebutten.

Endlich waren sie unten am Strand. Feine Gischt, die leicht salzig schmeckte, sprühte ihnen ins Gesicht. Kein Mensch war zu sehen, lediglich in der Ferne sahen sie Lichter in anderen Höfen. Auch am Horizont über dem Meer sahen sie Lichter. Das könnte vielleicht Nordstrand oder eine der Halligen sein, vermuteten die Frauen. Und sie mussten lachen, als sie sich an einen Ausflugstag vor zwei Jahren erinnerten. Sie waren auf die Insel Föhr gefahren, saßen auf der Terrasse der Milchbar und schauten über das Meer. Plötzlich fragte Amelie alarmiert: "Was sind das dort draußen für Schiffe? Sind das etwa Kriegsschiffe?" Was sie sah, waren die Häuser auf den Warften der Hallig Langeneß, die am Horizont zu sehen waren. Noch heute wurde Amelie von ihren Freundinnen damit aufgezogen, aber sie nahm es gutmütig hin.

Amelie leinte Micki ab, der sofort in weitem Bogen, aber nicht aggressiv um Trigger herumsauste. Und der tat dem kleinen Wirbelwind den Gefallen und beugte spielerisch seine Vorderpfoten und sprang dann mit wedelnder Rute ein Stück auf den Kleinen zu, der dadurch noch schneller wurde. Die beiden schienen sich freundlich anzunähern, und Amelie entspannte sich endlich.

Die Wellen schlugen heftig schäumend an den Strand, und die schon tief stehende Sonne zeigte sich kurz hinter den dahinstürmenden Wolken. Dann war sie wieder verschwunden und das Licht veränderte sich. Der Himmel wurde dunkler, doch am Horizont zauberten einzelne Sonnenstrahlen, die durch die Wolkendecke brachen, silberne Lichteffekte auf das Wasser. Es war wunderschön. Die Luft war klar und erfrischend.

Nach einer guten halben Stunde wollte Amelie zurück. Es wurde ihr zu anstrengend. Auch Inge, Anne und Anita wollten wieder heim. Nur Lisa hatte Lust, mit Ursa noch ein Stück weiterzulaufen. Aber bevor sich die vier auf den Rückweg machten, ging Amelie noch zu Ursa, nahm sie in den Arm und drückte sie. "Danke", murmelte sie lächelnd und schaute auf die beiden Hunde. Als sie sich mit Micki und den anderen entfernte, blieb Trigger verdutzt stehen und schaute ihnen mit gespitzten Ohren und hoch erhobener Rute hinterher. Doch dann drehte er sich plötzlich um und lief in großen Sprüngen hinter Ursa und Lisa her.

Der Weihnachtsmorgen war da. Bereits gegen zehn Uhr kam das erste Auto mit Stephan, Cosima und Maren. Stephan hatte auch seine Schwester Marie mitgebracht, die selbst kein Auto hatte. Sie alle waren das erste Mal hier, und die drei Besucherinnen blieben staunend stehen und schauten sich um. Stephan hantierte derweil am Kofferraum und belud sich mit Taschen und in buntes Papier gewickelte Geschenke. Lisa, die mit Anne am Küchenfenster stand und hinausblickte, seufzte: "Keine Geschenke waren abgemacht. Doch was sehe ich: lauter Geschenke. Wahrscheinlich erwarten sie dafür eine finanzielle Gegenleistung", vermutete sie bitter. Anne zuckte lächelnd die Schultern, und Lisa entfernte sich in Richtung Tür, um ihre Familie in Empfang zu nehmen.

"Meine Güte, das ist kein Resthof, sondern ein Gutshof", staunte Stephan beeindruckt und drehte sich, immer noch mit dem Gepäck schwer beladen, um die eigene Achse.

"Das hat ja auch genug gekostet", zischte Cosima ihm zu. "Für uns ist ja nichts mehr übrig geblieben."

Anita, die wie alle anderen, diese Äußerung gehört hatte, drängte sich nach vorn. "Leider ist unser Gutshof, so wie du ihn nennst, nicht halb so groß wie du annimmst. Wir haben nämlich nur ein Gästezimmer. Und das wirst du dir mit deiner Tochter und Marie teilen müssen. Dein Mann", sie lächelte Stephan an und berührte ihn leicht am Arm, "wird mit Annes Sohn Jonas über dem Stall schlafen. Dort gibt es vier kleine Räume, die auch beheizbar sind." Anita entfernte sich von Stephan, warf aber einen vielsagenden Blick zurück über die Schulter.

"Darf ich auch im Stall schlafen?" fragte Maren aufgeregt. Sie hatte keine Lust, eine oder gar zwei Nächte mit ihrer Mutter in einem Zimmer zu verbringen.

"Ja, natürlich", antwortete Lisa. "Wenn du willst. aber komfortabel ist es nicht."

"Das macht nichts, Oma", antwortete Maren begeistert und Lisa zuckte zusammen. Sie mochte es nicht Oma genannt zu werden. Sie fühlte sich dann älter, als sie ohnehin schon war.

"Ja, dann. Bringen wir das Gepäck doch gleich hinüber", meinte sie und ging voraus. Anne begleitete inzwischen Cosima und Marie nach oben ins Gästezimmer.

Unmittelbar nach Stephan und seiner Familie kamen Inges Töchter auf dem Hof an. In Majas Wagen, denn Karina besaß keines. Als sie noch ihre Mutter in Hamburg besuchte, lieh sie sich immer deren Auto aus, um Freunde zu besuchen. Inge blieb dann allein zurück mit ihrer Sehnsucht nach dieser Tochter. Und natürlich eilte sie auch jetzt aus dem Haus, nahm ihre Lieblingstochter lachend in den Arm, drückte und herzte sie und wollte sie gar nicht mehr loslassen. Maja stand daneben und schaute zu. Als die Begrüßung so gar kein Ende nehmen wollte, holte Maja das Gepäck aus dem Kofferraum und ging mit einem traurigen Lächeln an Ursa, Amelie und Anita vorbei, die in der Haustür standen. Inge bemerkte es nicht einmal. Sie hatte nur Augen für Karina. Amelie griff unbeholfen nach einer der Taschen, die Maja trug, doch die schüttelte nur den Kopf.

"Kommt doch erst mal rein und wärmt euch auf", sagte Amelie statt dessen freundlich.

Ursa meinte an Maja gewandt: "Stell die Taschen erst mal hier im Flur ab. Ihr müsst nachher sowieso rüber in den Stall."

Als Maja daraufhin neugierig die Augenbrauen hob, lachte Ursa: "Nein, ihr müsst nicht bei den Tieren schlafen. Wir haben noch keine. Aber gemütliche kleine Übernachtungsmöglichkeiten über den Ställen. Aber jetzt komm erst mal in die Küche. Dort gibt es heißen Tee. Den magst du doch, oder?" Es war offensichtlich, dass sie und auch Amelie versuchten, Maja abzulenken und ihr ein Gefühl von Willkommen geben wollten.

Kurze Zeit später kamen auch Inge und Karina, eng umschlungen und fröhlich lachend, in die Küche. Inge schaute ihre älteste Tochter an, als sehe sie sie zum ersten Mal. Das Lächeln verschwand von ihren Zügen. "Hallo Maja. Schön, dass du auch da bist." Das, was sie sagte, klang nicht echt. Aber sie ging zu ihrer Tochter hinüber, nahm sie kurz in den Arm und klopfte ihr begütigend mehrmals auf den Rücken. Dabei wandte sie sich bereits wieder ab. Als sie sah, dass sie schweigend von ihren Freundinnen beobachtet wurde, fragte sie mit spröder Stimme: "Was ist? Bekommen wir auch einen Tee?"

Jonas traf gegen Mittag ein, und diese Begrüßung verlief sehr viel herzlicher. Allerdings nur von Annes Seite. Sie liebte ihren einzigen Sohn abgöttisch und versuchte, ihm jeden Wunsch zu erfüllen.

"Hallo Mama", sagte Jonas, rang sich mühselig ein kleines Lächeln ab und löste sich sogleich aus der stürmischen Umarmung seiner Mutter. Aber Anne ließ sich nicht so leicht abschütteln, denn dafür sah sie ihren Sohn viel zu selten. Das war auch schon in Hamburg so.

"Mein Junge", strahlte sie ihn an und hielt ihn an den Armen fest. "Wie schön, dass du endlich mal kommst und mich besuchst." Ihr Sohn antwortete nicht, schaute sich nur um und stieß einen leisen Pfiff aus. "Komm, ich zeige dir, wo du übernachten kannst." Damit zog Anne ihn mit sich fort.

Anita, Ursa und Inge hatten die Szene beobachtet. Alle drei kannten Jonas schon aus Kindertagen. Und zwei von ihnen hielten nicht sehr viel von ihm. Sie lehnten am Tresen der offen gestalteten Küche und Ursa meinte ironisch: "Na, das wird ganz bestimmt ein schönes Weihnachtsfest."

"Wieso", antwortete Inge, "wenn sie ihren Sohn doch liebt."

Ursa schaute Anita an, sagte aber nichts. Beide wussten sie, dass Inge eine ihrer Töchter auch sehr liebte, ohne Kompromisse. Für diese Tochter tat sie alles. Karina brauchte nur mit dem Finger zu schnippen, sofort stand Inge parat. An der anderen Tochter, an Maja, ließ sie oft kein gutes Haar, obwohl die immer wieder verzweifelt um die Liebe ihrer Mutter buhlte, jedoch ohne Erfolg. Aber Inge erkannte das überhaupt nicht. Letzte Weihnachten, so hatte Inge mal erzählt, habe sie ihren Töchtern dasselbe Geschenk gekauft. Doch Abends dann heimlich unter Karinas Kopfkissen zusätzlich einen Kaschmirpullover gelegt. Immer wurde diese Tochter bevorzugt. Bei vielen ihrer Reisen in aller Herren Länder war Karina stets dabei. Und natürlich bezahlte Inge alles. Mit Maja verreiste sie nie.