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Dieses Buch enthält Texte aus dem Berlin zwischen 1800 - 1900 im originalen Alt Berliner Dialekt. Diese sind in dem gleichnamigen Buch "Alt Berliner Humor" 1920 bereits einmal durch den Verlag Ullstein & Co veröffentlicht worden. Bis auf "Der Eskimo" und "Beim Vicekönig von Aegypten" sind alle Texte der früheren Ausgabe auch in dieser enthalten.
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2021
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sind viele Texte, die in früheren Zeiten erschienen, nicht mehr vertretbar. Damit stellt sich die Frage, ob solche Texte bei der
Konvertierung in ein modernes eBook entfernt werden sollen. Oder sollen sie einfach bleiben? Eine dritte Variante ist es sie zu belassen, aber einen einordnenden Kommentar hinzuzufügen.
Jeder der Möglichkeiten hat Vor- und Nachteile. So ist es zum einen Ziel dieses Nachdrucks klassische Texte auch für die Zukunft zugänglich zu machen und das möglichst unverfälscht. Dazu gehören dann eben auch die, aus heutiger Sicht, negativen Eigenheiten ihrer Zeit. Das Verständnis dafür, wie Vorurteile entstehen und sich verfestigen, lässt sich besser entwickeln, wenn entsprechende Beispiele zur Verfügung stehen.
Auf der anderen Seite werden damit aber auch problematische Texte weiter verbreitet.
Dennoch entscheide ich mich meist dafür problematische Texte unkommentiert zu übernehmen. Es steht mir einfach nicht zu Menschen und ihre Texte aus früheren Zeiten mit heutigen moralischen Maßstäben zu messen.
Manchmal aber bringen ich das nicht über mich und entferne doch ein paar Absätze. So wurde im vorliegenden Buch ein Halbsatz entfernt in dem vom „ewigen Juden“ die Rede war. Georg Hermann, Autor des Vorwortes, wurde in Auschwitz ermordet.
Problematisch sind aus heutiger Sicht auch die Geschichten, „Der Eskimo“ und „Beim Vicekönig von Aegypten“. Diese sind aus der vorliegenden Ausgabe ebenfalls entfernt worden.
Frank Kemper
Die hier aufgeführten Informationen zu den Autoren sind Zusammenfassungen der jeweiligen Wikipediaartikel.
Adolf Glasbrenner
Adolf Glaßbrenner (* 27. März 1810 in Berlin als Georg Adolph Theodor Glasbrenner; † 25. September 1876 ebenda) war ein deutscher Humorist und Satiriker, „Erfinder der querköpfigverschmitzten Type, der Protokollant des biedermeierlichen Berlin, gar der Vater des Berliner Witzes“. Sein berühmtestes Werk schuf er von 1832 bis 1850 mit der Schriftenreihe Berlin wie es ist und – trinkt unter dem Pseudonym „Brennglas“. Insgesamt 32 Hefte erschienen in Berlin und Leipzig, einige davon mit Karikaturen von Theodor Hosemann. Ähnlichen Inhalts waren die Hefte Leben und Treiben der feinen Welt von 1834 und Berliner Volksleben von 1848 bis 1851.
Im Sommer 1827 erschien Adolf Glaßbrenners erste „Publikation“ – für den Berliner Courier verfasste er ab diesem Zeitpunkt Rätsel für die Rubrik „Damen-Sphynx“. Es folgten einige Auftragsarbeiten, davon hauptsächlich Nachrufe in Gedichtform. Im Jahr 1829 ergriff er die Möglichkeit zur Mitarbeit am neu gegründeten Berliner Eulenspiegel, der sich gegen Preußen positionierte. Glaßbrenner veröffentlichte unter dem Pseudonym Adolf Brennglas kritische Texte. Trotz zweimaliger Umbenennung wurde die Zeitschrift verboten, und so beschloss er 1830, selbst Journalist und freier Schriftsteller zu werden.
Am 3. Oktober 1831 reichte er daher beim Polizeipräsidenten ein Gesuch ein, in dem er um die Erlaubnis bat, eine eigene Zeitschrift herausgeben zu dürfen; mit der Angabe, keine politischen Inhalte in dem Blatt publizieren zu wollen. Das Gesuch war erfolgreich, und Adolf Glaßbrenner war seit Januar 1832 Herausgeber des Berliner Don Quixote – ein Unterhaltungsblatt für gebildete Stände. Es erschien erst zwei-, dann viermal wöchentlich. Wegen politischer Anspielungen wurde Glaßbrenner wiederholt verwarnt und schließlich Ende des Jahres 1833 mit einem fünfjährigen Berufsverbot belegt.
Daraufhin verfasste er sehr erfolgreich Groschenhefte, die meist im Berliner Dialekt erschienen. Wegen seiner politischen und sittlichen Satire wurde Adolf Glaßbrenner immer wieder zensiert.
Georg Hermann
Georg Hermann, eigentlich Georg Hermann Borchardt (geboren am 7. Oktober 1871 in Berlin; ermordet am 19. November 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau) war ein deutscher Schriftsteller und ein jüdisches Opfer des Holocaust.
Georg Hermann war im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ein vielgelesener Schriftsteller. Sein literarisches Vorbild war Theodor Fontane, was ihm auch die Bezeichnung „jüdischer Fontane“ eintrug. Die Romane Jettchen Gebert und Henriette Jacoby, die im Berlin der Jahre 1839/40 spielen und ein Bild des liberalen Geistes dieser Zeit in einer jüdischen Familie zeichnen, waren seinerzeit Bestseller und konnten zusammen mehr als 260 Auflagen aufweisen. Seine Anderen Romane erreichten nicht die gleiche Popularität.
Georg Hermann war 1909 Mitgründer und 1910– 1913 erster Vorsitzender des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller, dem bald fast alle prominenten Schriftsteller deutscher Sprache beitraten.
Hermann zog noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach Neckargemünd.
David Kalisch
David Kalisch wurde geboren am 23. Februar 1820 in Breslau; verstorben am 21. August 1872 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller.
Der frühe Tod des Vaters machte David Kalisch aus finanziellen Gründen den weiteren Besuch des Gymnasiums unmöglich. Kalisch bedauerte es sein Leben lang, dass er als 15-Jähriger eine kaufmännische Lehre beginnen musste.
Obwohl er als Kaufmann erfolgreich war, gab er 1844 seine Stellung auf und ging nach Paris, mit dem erklärten Ziel Schriftsteller zu werden. Dort schrieb er für verschiedene deutsche Zeitschriften und begegnete u. a. Georg Herwegh und Karl Marx. Auch mit Heinrich Heine und Pierre-Joseph Proudhon schloss er Freundschaft. Da Kalisch von finanziellen Sorgen geplagt wurde, arbeitete er nebenbei als Fremdenführer und nahm vorübergehend auch wieder eine Stelle als Verkäufer an.
1846 kehrte Kalisch nach Deutschland zurück und schrieb in Leipzig für das Charivari von Eduard Maria Oettinger. Einige Zeit befand sich Kalisch aber wieder in kaufmännischer Stellung in Berlin. Dort brachte ihm seine Lokalposse Hunderttausend Taler den Durchbruch. In Berlin heiratete Kalisch auch Sophie Albrecht. Mit ihr hatte er zwei Töchter und drei Söhne. Eine seiner Schwiegertöchter wird die Sängerin Lilli Lehmann, einer seiner Schwiegersöhne der Schriftsteller Paul Lindau.
Grab auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg
Der Vater von Joachim Ringelnatz, Georg Bötticher, erwähnt David Kalisch in seinem Gedicht über das Leben in einer Kleinstadt.
In seiner Pariser Zeit hat Kalisch das französische Theater näher kennengelernt – sein Erfolgsstück entstand nach einer französischen Vorlage, was aber dem Erfolg keinerlei Abbruch tat. Kalisch schilderte in seinen Stücken das Berliner Milieu derart lebendig, dass sogar einige Zitate aus den Stücken in die Berliner Umgangssprache übernommen wurden.
1848 gründete Kalisch zusammen mit dem Verleger Bernhard Wolff und Anderen die liberale National-Zeitung sowie zusammen mit dem Verleger Heinrich Albert Hofmann die Zeitschrift Kladderadatsch; für diese wöchentlich erscheinende Zeitschrift arbeitete Kalisch nun die nächsten 24 Jahre im Hauptberuf. Von den drei Gelehrten des Kladderadatsch war er neben Ernst Dohm und Rudolf Löwenstein wohl der produktivste. 1852 konvertierte David Kalisch von der jüdischen zur evangelischen Religion.
Am 21. August 1872 starb David Kalisch in Berlin. Er wurde auf dem alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg bestattet. Sein Grab war von 1958 bis 2014 als Ehrengrab der Stadt Berlin gewidmet.
Julius von Voß
Julius von Voß (* 24. August 1768 in Brandenburg an der Havel; gestorben am 1. November 1832 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller und Begründer der Berliner Lokalposse. Er entstammte dem alten deutschen Adelsgeschlecht Voß. Als Sohn des Oberstleutnants und Assessors im Kriegskollegium Georg Adam von Voß (1733– 1791) schlug er mit 14 Jahren eine militärische Karriere ein. 1782 kam er zum Infanterieregiment „von Wunsch“. Die satirische Ader seines Regimentschefs machte ihm keine Freunde, und so kam er in das Infanterieregiment „von Pfuhl“. Er beschäftigte sich mit der Kriegswissenschaft und arbeitete Reformvorschläge aus, die jedoch nicht beachtet wurden.
1794 wurde Voß Adjutant des Oberst von Hundt. Mit Glück und Geschick konnte er im Kościuszko-Aufstand die schlecht befestigte Festung Thorn und die dortige Kriegskasse mit 1,5 Millionen Talern retten. Er bekam zwar dafür den Orden Pour le Mérite, sein Oberst wurde jedoch sogar General, bekam ebenfalls den Pour le Mérite und dazu auch wertvolle Güter. Dieses Missverhältnis fachte Voß' satirische Neigung wieder an.
Da er vergeblich auf seine militärische Beförderung wartete, nahm er 1798 seinen Abschied vom Militärdienst und widmete sich von nun an ganz der schriftstellerischen Tätigkeit. Er durchwanderte Deutschland, Schweden, Frankreich und Italien, kehrte aber nach Berlin zurück.
Seine Bestrebungen, eine feste Anstellung am Theater zu erhalten, blieben ergebnislos. Er verfiel mehr und mehr dem Alkohol. Beim Konkurs seiner Bank verlor er sein gesamtes Vermögen. So verbrachte er die letzten 10 Jahre seines Lebens trotz einer königlichen Pension unter ärmlichen Verhältnissen. Einige seiner Lustspiele hatten dennoch großen Erfolg. August Wilhelm Iffland brachte mehrere Stücke auf die Bühne des Berliner „Königlichen Nationaltheaters“. Besonders erfolgreich waren:
Die Griechheit. Original-Lustspiel in Fünf Akten, mit Tanz und Gesang (UA 4. Mai 1807, bis 1814 20 Aufführungen).
Künstlers Erdenwallen. Original-Lustspiel in Fünf Akten (UA 29. Januar 1810, bis 1814 19 Aufführungen).
Die Sternenkönigin, romantisches Feenmärchen in 3 Akten (UA 7. Dezember 1804, bis 1814 14 Aufführungen).
Nach seiner Entlassung beim Militär arbeitete er vor allem an Romanen und Theaterstücken wie seinem 1818 erschienenen Roman Das Grab der Mutter in Palermo. Sein bereits 1810 publizierter Ini. Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert gilt als erster deutschsprachiger Science-Fiction. 1821 wurde seine Lokalposse Der Stralower Fischzug im Königlichen Opernhaus in Berlin uraufgeführt. Das Stück wurde zwar von den Fachkritikern verrissen, aber das Publikum zeigte sich begeistert.
Julius Voß war mit Helene Josefine Susanne von Voß (* 1781; † 19. März 1835) verheiratet. Er starb an der Cholera und ist auf dem Garnisonfriedhof in Berlin begraben.
Über die Autoren
Zur Einführung
Julius von Voß
Aus „Der Strahlower Fischzug“
Adolf Glaßbrenner
Eine Landpartie
Das gefallene Pferd
Die neue Geschichte
Scene im Amphitheater
Herr Buffey
Brief des Rentiers Buffeyan Flitter über Goethe's „Torquato Tasso“
Der Eisbär Sülzenthal
Die Hökerin
Das Erdbeben
Die blutige Nase
Der Journaltiger
Berliner Witze
David Kalisch
An die Thiergarten-Verwaltung
Die Besteigung des Monte Cruce bei Berlin
Schultze's Manifest an die Spanische Nation
Zur Theater-Gewerbefreiheit
Berliner Sehenswürdigkeiten
Borussenhauptstadt, Berlin, was machst Du? Ob welchem Eckensteher lachst Du? Zu meiner Zeit gab's noch keine Nante: Es haben damals nur gewitzelt Der Herr Wisotzki und der bekannte Kronprinz, der jetzt auf dem Throne sitzelt.
Zweierlei erzählen uns diese späten Heineschen Verse aus den „Letzten Gedichten“: einmal, daß der volkstümliche Berliner Humor um die vierziger Jahre das lokale öffentliche Leben Berlins literarisch zu beherrschen begann, und weiter, daß doch der Widerhall dieses Lachens bis nach Paris, bis in die Krankenstube der Rue Amsterdam hinüberklang. Zu Zeiten der Lutterund Wegnerschen Tafelrunde, in den Tagen des jungen Heine, Hoffmanns und Grabbes war der Berliner Humor kaum literarisch entdeckt und noch weniger hoffähig, wie er das später in den vierziger und fünfziger Jahren wurde. Was vom echten Berlinertum z. B. in die Geschichten eines Hoffmann hineinspielt, ist bei allem Reiz des Kolorits, das uns die Linden, der Gendarmenmarkt, der Tiergarten, die Spree, die Friedrichstraße, Gartenlokale und Kaffeegärten geben mögen, doch eigentlich nicht bezeichnend und weit entfernt, die Schlagkraft und Sattheit berlinischer Menschenart auszuschöpfen.
Die Kenntnis Berliner Volkstums und Berliner Humors, die Entdeckung dieser unbekannten Länder für die Literatur fällt zusammen mit der Erweiterung des Typenkreises, mit den neuen Marionetten, die die Literatur aus der großen Schachtel des Lebens sich holt, um ihre Spiele reicher zu gestalten.
Im 16. Jahrhundert und vordem war die Literatur fast stets ein Etwas, das von gebildeten Leuten für die gebildeten Schichten geschaffen wurde, und beide wollten sich und ihre Gefühle und ihre Umgebung darin wiederfinden. Wo einfache Leute, Handwerker, Volk, kurz die unter Ihnen auftraten, waren sie, wie sie es ja in ihrem richtigen Leben waren, Nebenfiguren, Beiwerk, Untergebene, Diener, Leute, mit denen man ein paar Worte sprach, die eine kurze Antwort gaben und die dann wieder in ihr alltägliches, unbedeutendes Nichts zurücktauchten. Wo man aber Ihnen größeren Raum gab, traten sie nie selbst auf, sondern man sah nur ihr Bild in dem geistigen und seelischen Reflektor eines Empfindungsreicheren und Höhergearteten, der mit mehr oder minder großer Rührseligkeit seine zarte Seele und schlichte Tugend im Leben und Sich-Geben des einfachen Mannes wiederfinden wollte.
Da aber rückten nun allenthalben um die Wende des Jahrhunderts mit kleinen, neuen Lustspielen neue Volkstypen auf die Bretter. Wohl waren sie noch sentimental und verzeichnet; vom zünftigen Literaten seiner Zeit wenig geachtet, und vielleicht auch nicht sehr achtungswert; aber was schadet das: sie lenkten doch den Anteil auf das Leben einfacher Volkskreise hin, die bisher außerhalb des Lichtkreises, jenseits der künstlerischen Durchdringung dahinvegetiert hatten, und die plötzlich neue literarische Möglichkeiten offenbarten. Und eine der größten Überraschungen war vielleicht die Entdeckung des berlinischen Volkstums, des berlinischen Humors, der kräftigen Eigentümlichkeit seiner Sprache und seines Klanges. Die Leute hatten - und man findet in jener Zeit oft den Hinweis darauf - das Gefühl, daß diese Volkstypen aus den Shakespeareschen Dramen in die Wirklichkeit herübergesprungen wären.
Eine soziale Wertung ihres Daseins war erst späteren Zeiten vorbehalten. Vorerst hielt man sich an die drastischen Formen, mit denen sie sich mit den äußeren Umständen ihres Daseins abfanden. Man erfreute sich der Schärfe, Sicherheit und wortbildenden Kraft ihrer Sprache, die weit entfernt von der Lauheit und Unpersönlichkeit des Schriftdeutschen war. Ein Hegel zog die Schimpfereien der Hökerinnen als Belege für das dem Menschen eingeborene abstrakte Denken heran.
Und da der Hof selbst den Urwüchsigkeiten des Berliner Humors lachend seine Schloßtore öffnete, so wurde er durch ein, zwei Jahrzehnte ein Lieblingsspielzeug auch der gebildeteren und reichsten Kreise der Borussenhauptstadt und trat von hier das erstemal seinen Siegeszug durch ganz Deutschland und Österreich an.
Fast die ganzen öffentlichen politischen Kämpfe und ein großer Teil der Flugblattliteratur des Jahres 1848 steht dann später auf dem Boden des Berliner Humors, bedient sich des Berliner Jargons als Ausdrucksmittel und als Waffe. Bis in die sechziger Jahre hinein geht seine Macht. In der werdenden Weltstadt wird er zuerst zurückgedrängt, wird unmodern, man schämt sich seiner: zu viel neue fremde Kräfte aus allen Teilen Deutschlands kommen hinzu, als daß er sich weiterentwickeln könnte. Er scheint fast vollkommen unterzugehen.
Nur bei Schulkindern erhält sich noch dieses und jenes; bei Maurern, in halbverschollenen Weißbierstuben in irgendwelchen unberührten Vierteln der Innenstadt. Aber langsam breitet er sich wieder aus, zieht die neuen Massen zu sich heran, assimiliert sie, durchtränkt sie mit demselben geheimnisvollen Urstoff Berlinertums und berlinischer Weltanschauung. Und jetzt, als der große Krieg 1914 anhebt, bekommt er wieder eine Bedeutung, wie er lange Jahrzehnte nicht mehr gehabt hat. Und die Sprache des Berliners wird Armeesprache, ist denen da draußen Tröster und Erheiterer in mancher bitteren Stunde. Wie oft hörte ich: „Solche richtige Berliner Schnauze bei der Kompagnie ist nicht mit Gold aufzuwiegen.“
Und doch ist es außerordentlich schwierig, wenn wir uns einmal klarmachen wollen, worin die Eigenart des Berliner Humors besteht; fast so schwierig und ungeklärt, wie es das ganze Zustandekommen des Berliner Dialekts ist, dessen Problemen man selbst mit akademischen Preisausschreibungen nicht näher gekommen ist. Sicher ist, daß die richtige Berliner Sprache kaum weit zurückgeht, erst im 19. Jahrhundert sich in ihrer ganzen Fülle herausgebildet hat, und daß der berlinische Witz nur auf Großstadtboden gedeihen kann. Gewiß: Eigentlich neigt ja alle Dialektdichtung und aller Dialekt zum Humor, ob das Plattdeutsch, Oberbayrisch, Pfälzisch, Frankfurterisch oder Berlinisch ist. Das liegt vielleicht schon daran, daß ihr Typenkreis meist kleinbürgerlich, wenn nicht proletarisch ist.
Und die Möglichkeit einer humoristischen Betonung steigert sich, je mehr die Rangskala sinkt. Von humoristischen Königen, Kanzlern, selbst Grafen weiß die Literatur nichts zu berichten; aber über Totengräbern, Webern, Köchinnen, selbst armseligen Landstreichern läßt sie alle Lichter ihrer letzten Launen funkeln. Aber fast alle Dialektdichtung neigt auch bis zur Unerträglichkeit zur Sentimentalität. Und nur die berlinische macht hierin eine Ausnahme, sie ist von Anfang an großstädtisch und unsentimental.
Nein, sentimental ist er wahrlich nicht, der Berliner Humor. Seine Essenz ist ein außerordentlich schnelles Aburteilen, eine Übertreibung, die sich nie mit Nebensächlichkeiten abgibt, sondern stets den innersten Kern der Sache überhöht und dadurch deutlich macht. Und dann huldigt er einer pessimistischen Weltanschauung unter dem Wahlspruch: „Immer guten Mut, die Sache wird schon schief gehn“; so kommt er zu einem gewichtigen Sich-Abfinden mit allen Brutalitäten, Rohheiten und Kümmerlichkeiten des Lebens. Er schont weder sich noch Andere, aber wenn er auch scheinbar verletzend ist, er ist dabei doch nicht ohne Mitgefühl. Die Worte, mit denen der Berliner seinen krank aussehenden Freund begrüßt: „Du bist wohl dem Totenjräber von de Schippe jehuppst?“ oder: „Dir haben Se woll in de Scharitee uffsewischt?“ enthalten z. B. keineswegs irgend etwas Beleidigendes, sondern sind nur der Ausdruck seines aufrichtigen Bedauerns, dem er eine etwas reiche und schwerwiegende Form geben will. Wenn er von einem Droschkenpferd sagt, es liefe am Tage auch nicht viel schneller, als wie es nachts im Stall stand, so ist diese Überhöhung, dieses Zusammenbringen zweier Zustände, die einander auflösen, ganz bezeichnend für die Art des berlinischen Denkens. Seinen größten Formenreichtum offenbart dieses berlinische Denken aber, sowie es sich um die Begriffe des Prügelns und Trinkens handelt. Und auch in Schimpfreden, die nebenbei vielfach nur als Selbstzweck und Wortarabesken betrachtet werden müssen, verfügt der Berliner über einen kaum zu überbietenden Formenreichtum.
Als den ersten Entdecker dieser ganzen berlinischen Welt müssen wir Julius von Voß ansehen, der im „Stralauer Fischzug“ meines Wissens den berlinischen Dialekt zuerst auf die Bühne brachte. Seine volle Bedeutung gewinnt der Berliner Humor aber erst durch die Heftchen Glaßbrenners, jene Folgen von 30 kleinen Heften, „Berlin wie es ißt und - trinkt“, „Berliner Leben“ oder wie es sonst heißt. „Berliner Witze“ und „Berliner Redensarten“ sind in den Zeichnungen von Dörbeck schon in den zwanziger Jahren gesammelt worden. Auch Krüger und Schadow haben einige Proben Alt-Berliner Humors ins Bilohafte umgesetzt. Der eigentliche Zeichner des Berliner Volkslebens sollte aber erst um 1840 der etwas jüngere Hosemann werden, der in Kupferstichen und Lithographien die reizenden Paraphrasen zu den Texten Glaßbrenners schrieb.
In den Werken Glaßbrenners überwiegt oft das rein Journalistische und die politische Tendenz das literarisch Beachtenswerte. Aber streckenweise hat er doch für die tiefste Wesenheit des Berliner Volkstums eine so köstliche und abgerundete literarische Form gefunden, daß alle späteren Jahrzehnte nichts geschaffen haben, das in der Erschließung des Berlinertums dem an die Seite zu stellen wäre. Kalisch und die Gelehrten des „Kladderadatsch“ traten dann wohl die Erbschaft Glaßbrenners an und bemühten sich, die Weltgeschichte und das emporkommende Deutschland berlinisch zu glossieren. Etwas abseits stehen die niedlichen parodistischen Marionettenspiele von Silpius Landsberger.
Aber wer auch immer mit an dem Spiegelbild des Berlinertums geschaffen hat - keiner hat es mit solcher Schärfe, mit soviel Witz, mit einem solchen Nuancenreichtum getan wie Adolf Glaßbrenner. Und mag auch vieles, manches Detail bei ihm veraltet sein - Vergleiche, Redensarten verschollen und verweht sein -, das Ureigenste des Berliner Wesens hat sich trotz einer immer wieder sich neugruppierenden Zusammensetzung der Volksschichten nicht gewandelt und zeigt noch heute all die Eigenschaften seines kurzen, trocknen, klaren, überlegenen und sich überhebenden Witzes, wie sie der längst verschollene Eckensteher Nante unverfroren in die Welt hinausplapperte, vor fünfundsiebzig Jahren, in den Tagen altmodischer Gemächlichkeit.
Georg Hermann.
Siebzehnter Auftritt Die Tante aus dem Fleischscharrn (sehr prunkhaft angezogen) und ihre Nichte Friederike Jucht.
Tante. Ach Friederiken, seid Ihr ooch da? Nu, so will ich mich bei Euch setzen. Wat habt Ihr denn da? 'ne Hammelkeule un Wurst? Ich habe man 'n Paar Schweinezungen un 'ne Tafel Choklade in 'n Pompadour. Wat hast Du denn vor 'n Kleed? Is wol engelsch? Ach jetzt is gar nischt apartes mehr, engelsch zu dragen, hat ja jede Dienstmagd engelschen Kartun. Vor dissen, wie 't noch Konterbande war, mußt ick immer engelsch Zeug hebben, nu mach ick mie nischt mer draus. Ach, wie warm is den Menschen doch.
Friederike. Wollen Sie trinken, liebe Tante?
