Altdrachenstein - Günter Möller - E-Book

Altdrachenstein E-Book

Günter Möller

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Beschreibung

Florian hat mit seiner Fußballmannschaft ein Spiel haushoch verloren. Völlig frustriert tröstet er sich mit zwei Mannschaftskameraden und etwas Alkohol abends im Wald. Doch am nächsten Tag erwacht er nicht in seinem Schlafsack, sondern im Krankenhaus. Ein merkwürdiger Stock hat ihm das Leben gerettet. Alles scheint völlig normal weiterzugehen. Als ein paar Tage später einige Schüler versuchen, von ihm Geld zu erpressen, geschehen allerdings seltsame Dinge. Und als er sich gegen diese Quälgeister wehren will, ist plötzlich genau dieser Stock wieder in seiner Hand. Aber ein neuer Sportlehrer verhindert den Kampf. Mehr noch als das, er schlichtet diesen Konflikt auf eine recht ungewöhnliche Weise. Auch seine Unterrichtsmethoden passen nicht so recht zu den normalen Lehrmethoden. Er überredet Florian, ihn zu einer anderen Schule zu begleiten und dort ein Praktikum zu machen. Er hat angeblich schon alles mit seiner Mutter abgemacht. Bald wird Florian klar, dass auch dieser Lehrer starkes Interesse an seinem Stock hat. Die neue Schule befindet sich in einer verborgenen kleinen Welt, in der Magier leben. Auch dort geschehen merkwürdige Dinge. Florian erfährt, dass er selber magische Fähigkeiten hat und nicht nur Schwertkampf und Zaubern lernen muss, sondern auch die Fähigkeit zu überleben. Denn in dieser kleinen Welt gibt es versteckte Gefahren, die nicht nur das Leben einiger weniger bedrohen. Der Unterricht scheint absonderlich und langweilig zu sein, bis Fanina auftaucht. Ein wunderschönes Mädchen, das den Jungen die Köpfe verdreht und die magischen Wertmaßstäbe hin und wieder mit anderen Augen betrachtet. Sie öffnet Florian nach und nach die Augen, was wirklich an der Schule geschieht. Denn auch in dieser kleinen Welt gibt es Schurken, die einen Krieg für den besten Weg zum Frieden anpreisen.

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Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Altdrachenstein

Günter-Christian Möller

Altdrachenstein

Die Schule der Krieger

Fantasy-Roman

Günter-Christian Möller

  © 2014 Günter-Christian Möller

http://www.guenter-christian-moeller.de

  Illustration: Elisabeth Geib

http://ladysamira-s-lese-insel.webnode.com

  Lektorat und Buchgestaltung:

  Uta Jenschke, Dr. Nicola Peczynsky

  Verlag: tredition GmbH, Hamburg

  ISBN:978-3-8495-9174-8(Paperback)

  ISBN:978-3-8495-9175-5(Hardcover)

  ISBN: 978-3-8495-9176-2 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.deabrufbar.

1Das verlorene Fußballspiel

Eins zu sechs waren sie bei ihrem Heimspiel untergegangen. Der Trainer hatte für morgen ein Straftraining angeordnet. Unbedingt mussten sie diese Schlappe vergessen. Deshalb hatten sie sich an der Tankstelle einen Haufen Bierdosen gekauft, obwohl sie erst fünfzehn waren. Nun saßen sie hier im Wald an der alten Freikirche und machten es sich gemütlich. Die Freikirche war nichts anderes als ein großes einsames, altes Holzkreuz mit ein paar unförmigen Baumstämmen als Sitzgelegenheiten davor.

Doch die gegenseitigen Vorwürfe über das verlorene Spiel hingen als schwere Last zwischen den frustrierten, jungen Fußballern. Johannes und Tobias waren zwar Florians beste Freunde, aber an diesem Abend hatten sie anscheinend nichts als Vorwürfe für ihn übrig.

„Sie sind immer auf deiner Seite durchgebrochen, Flo.”

Flo war Florians Spitzname. Er war eigentlich nicht gerade klein, sondern eher überdurchschnittlich groß und hager. Wenn er losrannte, konnte ihn allerdings so leicht kein Stürmer abhängen. Irgendjemand hatte mal den Verdacht geäußert, dass er an einem gegnerischen Spieler wie ein Floh hing. Angeblich hüpfte er ständig um ihn herum, und alles Schütteln des Kerls nützte nichts, um ihn loszuwerden. Seitdem hatte er seinen Spitznamen.

Flo fand den Vorwurf, er hätte alles falsch gemacht, völlig übertrieben.

„Ich habe nur zwei Zweikämpfe verloren. Die anderen hat Sebastian verloren.”

Sebastian war der linke Verteidiger, er selbst der defensive Mittelfeldspieler auf derselben Seite.

„Trotzdem! Diese beiden Zweikämpfe haben uns zwei Tore gekostet.”

Johannes nahm einen tiefen Schluck aus seiner Dose Bier und blickte düster auf das Holzkreuz, als ob es etwas dafür konnte. Florian gab jedoch zu bedenken, dass er schwerlich gegen eine Überzahl kämpfen konnte.

„Wie sollen wir zu zweit die linke Seite gegen drei Angreifer dichtmachen? Steffen hat seinen Verteidiger nicht gedeckt.”

Steffen spielte links außen und war sehr schnell, aber nur, wenn es nach vorne ging.

„Nach hinten spielt er immer mit angezogener Handbremse, das weißt du doch”, verteidigte sich Florian.

„Alles faule Ausreden”, nörgelte nun Tobias.

Johannes nahm Florian aber in Schutz.

„Er hat recht, Tobias. Steffen ist die Pest. Vorne versiebt er die Chancen, und nach hinten tut er nichts.”

Johannes war der rechte Stürmer und verstand sich ausgesprochen schlecht mit dem linken Stürmer. Ideale Voraussetzungen, um vorne nicht viele Torchancen herauszuspielen.

Der Katzenjammer über das verlorene Spiel ging noch eine Zeitlang so weiter. Mit zunehmendem Alkoholpegel wurden die Vorwürfe milder und die Argumentationen sinnloser. Schließlich fing erst einer der drei anwesenden Nörgler an zu schnarchen und kurz darauf der zweite. Florian hatte den längsten Atem. Doch auch seine Worte fanden nicht mehr den Weg bis zu seinem Mund, sondern tobten sich in seinem Kopf aus. Irgendwie wollte er seine beiden Mitspieler trotzdem beeindrucken. Wenn schon nicht mit Worten, dann eben mit Taten. Wenn sie morgen früh aufwachten, dann würden sie staunen, dass er nicht neben ihnen im Gras lag, sondern in der Hängematte, die er mitgebracht hatte. Sie liebten Schlafsäcke. Er liebte Baumkronen und Hängematten.

Auf den Baum raufklettern und eine Hängematte festmachen. Das würde seine Kumpels schwer beeindrucken, und er würde da oben wundervoll schlafen. Nichts war so schön, wie in einer Hängematte unter den Ästen zu hängen und in die Krone hinaufzublicken.

„Ihr müsst euch das mal anschauen. Ich bin schon fast oben. Nur noch ein Stückchen am Stamm hoch, und dann mach ich die beiden Seile fest.”

Doch irgendetwas war mit diesem Baum heute nicht in Ordnung. Etwas stimmte nicht.

„Irgendetwas ist mit der Schwerkraft nicht mehr in Ordnung”, murmelte er zu sich selbst.

Die Schwerkraft zog ihn zur Seite statt nach unten. Da ihm aber niemand antwortete, stoppte er seinen Monolog und fing an nachzudenken. Etwas war merkwürdig. Wenn er auf die andere Seite vom Stamm kletterte, zog ihn die Schwerkraft hier ebenfalls in die falsche Richtung, nämlich zur Seite, statt nach unten. Vielleicht sollte er jetzt lieber ein Seil festmachen, dachte er. Er merkte nicht, dass er den Stamm längst verlassen hatte und auf einem dickeren Ast saß, der zur Seite ragte. Stattdessen versuchte er, die eine Befestigung der Hängematte am Ast festzumachen. Plötzlich rutschte er zur Seite weg und hing unter dem Ast fest. Als er versuchte, wieder nach oben zu kommen, brach er einen kleinen alten Ast ab, der jedoch nicht nach unten fiel, sondern oben in seinen Pullover rutschte und gegen seinen Kiefer drückte. Verdammt, dachte er. Keine Hand mehr frei, um das lästige Ding loszuwerden. Irgendwie brauchte er Hilfe.

Könnt ihr mir mal helfen? Eh, ihr da unten, dachte er. Doch niemand regte sich auf dem Boden. Schnarchen ertönte, jedoch kein Wort, das ihn zuversichtlich auf Hilfe hoffen ließ. Dann muss ich das Ding eben selber aus dem Pullover rausholen. Eine Hand zum Festhalten, die andere für den Quälgeist am Hals. Fast hätte er den Stock gehabt, doch dann rutschte er ab. Er schaffte es gerade noch, sich mit einer Hand an den Stamm zu klammern, und merkte augenblicklich, wie ihm etwas den Hals zudrückte.

Es war das verdammte Seil von der Hängematte. Welcher Idiot hatte das Seil bloß um seinen Hals gelegt? „Du selbst”, raunte ihm eine tiefe Stimme zu. Unsinn, dachte er. Da löste sich die Hand, die ihn bis dahin am Stamm festgehalten hatte, und er stürzte in einen Strudel aus Schwerkraft. Ihm wurde schwarz vor Augen, und dann ruckte es ganz fürchterlich.

Eine weiße, grelle Wand starrte ihn an. Auf einer Seite war sie dunkel. Wie kam das? Ein Gesicht bewegte sich aus der Wand hervor und lächelte ihn fröhlich an. Das Gesicht hatte einen Hals, und unter dem Hals befanden sich weiße Kleidung und Flügel links und rechts. Die Flügel bewegten sich. Doch was war das? Das Gesicht bewegte sich auch. Nein, es waren nur die Lippen, die sich öffneten und schlossen. Er war im Himmel. Ein Engel wollte mit ihm reden. Da rauschte es plötzlich in seinen Ohren.

„Kannst du mich hören, Florian?”

Der Engel konnte reden. Erst dann fiel ihm auf, dass er einen Bart hatte. Hatten Engel Bärte? Nun bemerkte er auch, dass die Flügel keine Flügel waren, sondern ein Kittel, unter dem zwei Arme verborgen waren.

„Wieso hast du Arme?”

Das Lächeln im Gesicht des Engels erstarb, und eine dumme menschliche Erklärung ertönte.

„Die brauch ich, um zu arbeiten. Hab ich schon ziemlich lange, denke ich. Und du, hast du auch Arme?”

Florian schaute auf seine Arme und bewegte die Finger.

„Ja, ich hab auch schon ziemlich lange welche. Wär nicht schlecht, wenn die noch ein bisschen stärker wären.”

Nun fing der Engel wieder an zu lächeln.

„Weißt du, wo du hier bist?”

Der Junge schaute dem Engel erst ins Gesicht und blickte sich dann seine Umgebung an. Im Bett neben ihm schnarchte ein alter Mann. An einem Galgen hing ein Infusionsfläschchen, von dem ein Schlauch zum Arm des Mannes führte. Eine Frau in hellblauem Kittel lächelte ihn aus dem Hintergrund an. Die Tür zum Flur war offen, Schritte waren von dort zu hören.

„Vielleicht im Krankenhaus?”

„Hast du eine Idee, warum du im Krankenhaus liegen könntest?”

Florian runzelte die Stirn und sah den Mann unsicher an.

„Sie sind kein Engel.”

„Nein, ich muss dich enttäuschen. Noch bist du auf der Erde, und ich bin nicht Petrus. Die Dosis Alkohol, die du getrunken hast, war nicht tödlich. Aber die Schlinge um deinen Hals hätte es sein können. Der neue Pastor hat dich gestern Abend gefunden und hierher gebracht.”

Florian dachte nach. Leider war sein Gehirn leer, doch dann dämmerte es ihm. Na, das hatte ihm noch gefehlt: Der Pastor hatte was mit seiner Mutter. Einmal hatte er Florian auf der Straße getroffen und ihn dort in Anwesenheit seiner Kumpels angemacht: „Viele Wege führen in den Himmel, Florian, aber das ist der falsche”, hatte der Blödian gesagt und auf seine Bierflasche gedeutet. Da erzählte der Arzt unerbittlich weiter:

„Nur ein kleiner Stock hat dich anscheinend vor der Strangulation gerettet oder hattest du etwa beabsichtigt, dich umzubringen?”

„Welcher Stock? Wir hatten unser Spiel verloren, und ich wollte doch nur schlafen. Mehr nicht. Ich schlafe eben gerne in der Hängematte.”

„Soso, das klingt sehr dürftig. Was für ein Spiel war denn das?”

„Na, eins zu sechs verloren und dann noch auf eigenem Platz. Wie spät ist es denn? Wir haben heute Straftraining.”

„Etwa Fußball? Es ist jetzt halb zehn”, sagte der Arzt.

Statt einer Antwort schaute sich der Junge nervös im Zimmer um.

„Wo sind denn meine Sachen?”

Seine Kleidung war verschwunden. Der Arzt sah die Schwester fragend an, und die deutete auf einen der Schränke. Der Junge richtete sich im Bett auf und blickte zur Schranktür, die die Schwester öffnete. Tatsächlich, da waren seine Sachen. Er hatte das Gefühl, ohnmächtig zu werden, als er sich ganz aufrichtete. Nachdem er ein paar Mal gehechelt hatte, ließ er die Beine aus dem Bett baumeln.

„Nicht so schnell, mein junger Freund”, sagte der Arzt beschwichtigend. „Was hast du denn vor?”

Florian stand auf und torkelte zum Schrank. Sein Krankenkittel fiel zu Boden, und er griff ein Stück seiner Kleidung nach dem anderen und zog sich mühsam ächzend an. Als er in den Ärmel der Jacke fasste, spürte er einen schmalen Stock. Ein ungewöhnlich starker Sog strömte in die Hand, die das Holz berührte, doch seine Versuche, es dort herauszuholen, scheiterten. Fluchend zog er sich die Jacke über. Dann waren die Schuhe dran. Die Socken vergaß er.

Fasziniert von den nun präzisen Bewegungen, schaute ihm der Arzt dabei zu.

„Muss zum Straftraining. Hab keine Zeit. Ist um zehn. Trainer sonst sauer. Muss weg.”

Der Arzt war entsetzt.

„Du kannst nicht so einfach weg. Ich habe dich noch nicht entlassen. Wir müssen uns erst einmal ein wenig unterhalten. Ich brauche noch einige Erklärungen, deine Krankenkasse fehlt uns noch und die Versichertennummer auch. Du willst doch jetzt nicht einfach nach Hause gehen? Das muss ich dir leider verbieten.”

Florian hatte keinen Sinn für die Vorschriften des Arztes.

„Tut mir leid, Herr Doktor. Ich muss weg. Der Trainer wird sonst stinksauer. Ich komme morgen noch mal vorbei, mit der Krankenkasse und der Nummer und allem. Aber jetzt muss ich weg.”

Der Arzt versuchte, sich ihm in den Weg zu stellen, aber mit einer geschickten Körpertäuschung hatte er den Mann ausgetrickst, und auch die Hand, die nach ihm griff, verfehlte ihn. Sie streifte stattdessen nur seinen Unterarm.

„Tut mir wirklich leid”, war das Letzte, was der Arzt von ihm hörte. Dann spurtete der Junge den Flur entlang und flüchtete zum Ausgang.

Ein älterer Oberarzt, der eine Krankenschwester und zwei Medizinstudenten im Schlepptau hatte, schaute dem Flüchtling lächelnd hinterher.

„Also Franz, wenn du hier Oberarzt werden willst, dann musst du es wenigstens schaffen, die Patienten auf dem Flur einzuholen. Sonst muss ich einen von diesen Jungspunden auf deinem Posten einarbeiten. Alles klar?”

„Der kommt bestimmt bald zurück, da bin ich mir ganz sicher, Alfred. Es wäre übrigens gesünder für die Patienten, wenn du jedem deiner beiden Jungspunde eine Krankenschwester mitgibst, sonst schaffen unsere Patienten es heute Abend nicht mal mehr aus dem Bett heraus. Und nun entschuldige mich bitte.”

Florian hatte sich leise in die Wohnung geschlichen, dort möglichst geräuschlos seine Sportsachen zusammengepackt und war damit zum Sportplatz gehetzt. Dort hatte der Trainer jedoch nach einer kurzen Strafpredigt alle wieder nach Hause geschickt. Der körperliche und geistige Zustand zu vieler Mannschaftsmitglieder war so miserabel, dass dem Mann nach einigen sehr lauten Sätzen die Stimme versagte, und er sie flüsternd bat zu verschwinden. Er sagte nicht wohin.

So kam es, dass Florian etwas später erneut vor der Haustür stand. Beim ersten Mal hatte seine Mutter noch tief und fest geschlafen. Sicherheitshalber wollte er sie auch jetzt keinesfalls wecken, denn es hing eine sehr unangenehme Frage unheilschwanger in der Luft. Leider quietschte die Haustür dieses Mal, und schon war es passiert.

„Florian? Bist du das?”, fragte eine Stimme aus dem einzigen Schlafzimmer in der winzigen Wohnung.

Verdammt, dachte er. Jetzt kommt die Moralpredigt Nummer drei. Erst der Arzt, dann der Trainer und jetzt seine Mutter.

„Ja, Mama, ich bin es.”

„Ich habe gestern Abend gar nicht gehört, dass du nach Hause gekommen bist, Florian.” Die eigentliche Frage, wo er wohl die ganze Nacht gewesen sein mochte, klang dabei im Hintergrund mit.

„Das liegt daran, dass es recht spät geworden ist, Mama.”

Er stellte die Tasche mit den Sportsachen unten in der Garderobe auf die Schuhe. Dann ging er mit stärker werdenden Kopfschmerzen ins Schlafzimmer.

„Ich bin bis um eins wach gewesen und habe mir Sorgen um dich gemacht.”

Ein Appell an sein schlechtes Gewissen klang in ihrem Vorwurf mit. Leider hatte seine Mutter auch diesmal eine rote Nase und die Getränke, die sie verursacht hatten, standen nur einen halben Meter entfernt auf ihrem kleinen Nachttisch. Die große Flasche Enzian mit etwas Heidelbeersaft verdünnt. Daneben die Flasche Wodka mit etwas Wacholderlikör genießbar gemacht. Zur Tarnung lag eine Packung Vollkornzwieback daneben. Es entstand der Eindruck einer zweifelhaften Öko-Diät. Florian machte sich schon lange Sorgen um seine Mutter, nur wagte er nicht, sie auszusprechen.

„Du brauchst dir keine Sorgen machen, Mama. In der Schule ist alles im Lot.”

Das stimmte nicht so recht, denn er war ein recht mäßiger Schüler. Aber wozu sollte er diese unangenehme Tatsache gerade jetzt beklagen?

„Ich habe gestern nur mit den Kumpels gefeiert, weil wir das Spiel gegen den Tabellenführer nicht so hoch verloren haben wie sonst”, log er. „Hast du wieder Schmerzen, Mama?”

Er wollte die Frage gar nicht stellen. Wieso sollte er den Kummerkasten für seine Mutter spielen? Das Lächeln in ihrem Gesicht tröstete ihn.

„Ach, es geht”, sagte sie seufzend. „Nur dieser elende Rücken und die Kopfschmerzen. Das macht mich noch irgendwann völlig fertig”, jammerte sie und tätschelte seine Hand, als er nahe genug herangekommen war.

„Doktor Stachelbein hat mir neue Tabletten gegeben, gegen mein Rheuma. Er sagt, dass ich mit den Rückenschmerzen leben muss. Das liegt am Alter.”

„Mama, du bist erst neununddreißig. Du bist noch nicht alt. In zehn Jahren kannst du dich mit Rheuma und Tabletten beschäftigen. Jetzt ist es noch zu früh dafür. Mach doch lieber Yoga. Für Yoga brauchst du keine Tabletten. Eine dünne Sportmatte, das ist alles. Und all dieser Alkohol ist auch nicht gut für die Leber.”

„Aber Florian, für Yoga bin ich leider nicht gelenkig genug und die Getränke sind nicht für die Leber. Heidelbeersaft ist gut für den Lebensgeist. Und mit dem Alkohol kommt er überall hin, selbst in die kleinsten Adern. Frau Ebenfeld ist fünfundsiebzig Jahre alt. Die trinkt jeden Morgen und Abend ein kleines Gläschen Enzian. Das ist gesund.”

Entrüstet sah Florian sie an und wollte sich über den vielen Alkohol beschweren, doch seine Mutter kam ihm zuvor.

„Apropos gesund. Hagebuttentee ist auch gesund. Ich wollte mir heute Morgen einen Becher davon aufbrühen, aber es war nichts mehr da. Nur deshalb habe ich den Wacholderlikör mit etwas Wodka genommen. Du musst unbedingt Hagebuttentee trinken. Gerade nach dem Sport ist das gesund.”

Da war es wieder, das schlechte Gewissen. Er war schuld. Florian schüttelte widerwillig den Kopf bei diesem Gedanken: Er hatte erst letzte oder vorletzte Woche zwei Packungen von dem Tee gekauft. Der Schrank musste immer noch voll von dem Zeug sein. Er ging in die 4-qm-Küche und machte den einzigen Vorratsschrank oben über der Spüle auf. Prompt purzelte ihm ein Dutzend Packungen Hagebuttentee entgegen.

„Es ist noch etwas Hagebuttentee da, Mama”, rief er ins Schlafzimmer.

„Kann aber nicht mehr viel sein”, erwiderte die Stimme.

„Das reicht noch bis nächste Woche”, murmelte er.

2Die Schule

Am nächsten Morgen erwachte Florian auf der Couch. Sie war sein Bett. Im Schlafzimmer seiner Mutter krähte der elektronische Hahn. Es gab leider kein Raubtier in dieser Wohnung, das diesem Viech den Hals umgedreht hätte. Leider!

Zehn Sekunden später hörte er, wie der Hahn auf den Fußboden polterte. Das Biest war immun gegen diese Stürze. Selbst nach zehn Jahren hielt es sich zäh am Leben. Der Knopf zum Abschalten der Kräherei war seit einem Jahr defekt. Seine Mutter sperrte das Biest seitdem morgens immer in ihren Kleiderschrank. Immerhin kam sie nach einer Minute ins Wohnzimmer, im Morgenmantel und mit ernstem, von Kopfschmerzen geplagtem Gesicht.

„Hast du gut geschlafen, Florian?”, begrüßte sie ihn müde.

„Ja, Mama, fantastisch. Nur der Hahn hat mich geweckt.”

„Hab ich geschnarcht?”, fragte sie, der Ton forderte eine verneinende Antwort.

„Hab nichts gehört”, sagte er.

„Ich habe so ein Kratzen im Hals, muss gleich mal mit etwas Enzian gurgeln”, sagte sie besorgt.

Verschämt hielt sie die Flasche in der Hand und ging in das kleine Bad. Als er sie gurgeln hörte, setzte er sich auf und zog sich an. Dann ging er in ihr Schlafzimmer. Als er sah, dass die Flasche Wodka über Nacht etwas Flüssigkeit verloren hatte, ging er in die Küche und goss die Hälfte des Inhalts ins Waschbecken. Dann drehte er den Hahn auf und füllte sie wieder so weit auf, dass seine Mutter nichts merken würde. Er nahm seine Zahnbürste und putzte sich den schlechten Geschmack aus dem Mund. Etwas Wasser, Mund und Rachen ausspülen, und schon war die Morgentoilette beendet. Im Bad wurde immer noch gegurgelt. Ein paar Sekunden später fing seine Mutter jedoch an, in einer recht unangenehmen Tonlage zu singen. Florian ging zum Radio und schaltete es an. Noch etwas lauter drehen, und schon war es in der Wohnung auszuhalten.

Zurück in der Küche machte er den Kocher mit dem Wasser an und tat zwei Beutel Hagebuttentee in die Teekanne. Dann deckte er den Tisch. Als er alles fertig hatte und gerade in ein Brot mit Leberwurst beißen wollte, kam seine Mutter aus dem Bad.

„Das hast du wirklich gut gemacht, Florian, und mir geht es auch schon viel besser.”

Sie setzte sich an den Tisch und füllte sich ebenfalls ihre Tasse mit Hagebuttentee voll. Die Flasche Enzian kramte sie aus einer der Taschen des Morgenmantels hervor und goss einen winzigen Schluck in die Tasse.

„Er ist sonst so heiß, der Tee”, sagte sie entschuldigend.

Florian griff zu einem kleinen Wasserglas und goss sich davon etwas in seinen Teebecher.

„Geht auch mit Wasser, Mama”, erklärte er.

Seine Mutter sah auf die Uhr an der Wand.

„Musst du nicht los, Florian?”

„Gleich, Mama.”

Das Gespräch erstarb, und nach fünf Minuten stand er auf und ging rasch zur Tür. Es gelang ihm noch, sich die Schuhe und die Jacke anzuziehen, dann verstellte ihm seine Mutter wieder den Weg.

„Bekomme ich keinen Kuss?”, forderte sie.

„Nein”, sagte er mit ernstem Gesicht.

Dann fühlte er ihre Lippen an seiner Wange und fluchte innerlich. Er tastete nach dem Türgriff und zerrte verzweifelt daran. Stück für Stück wich seine Mutter zurück. In der kleinen Ecke neben der Tür stand seine Schultasche. Ein kleiner energischer Griff seiner Hand nach unten, und er hatte sie sicher gepackt, dann stürzte er aus der Tür.

„Bin spät dran, Mama.”

„Denk dran, Milch zu kaufen. Sie ist alle. Viel Glück!”, rief sie ihm nach.

Und Florian dachte, dass er Glück gut gebrauchen konnte, denn heute hatten sie Englisch. In diesem Fach lauerte ein Lehrer auf ihn, der sich in den Kopf gesetzt hatte, den durch die PISA-Studie ruinierten Ruf der deutschen Schulen deutlich zu verbessern.

Eine Viertelstunde später kam er an dem Bäckerladen vorbei, in dem es belegte Brötchen gab. Irgendwie hatte er wohl nicht genug gefrühstückt. Als er die anderen Schüler sah, wie sie kauend aus dem Laden kamen und sich angeregt unterhielten, bekam er auch Hunger. Er zog sein Portemonnaie heraus und machte es auf. Das verdammte Bier vom Samstag hatte ein großes Loch in seiner Börse hinterlassen. Ausgeschlossen, dass er sich diese Woche ein Brötchen leisten konnte. Niedergeschlagen ging er weiter und kam schließlich an sein Ziel. Die verdammte Schule! Zielstrebig gelangte er in den Klassenraum und schlug sofort sein Englisch-Vokabelheft auf. Systematisch ging er die Vokabeln durch, die sie für den Test noch lernen sollten.

Nach dem ersten Durchgang erschien ihr Lehrer, Herr Bessermann, und sah die anwesenden Schüler fröhlich an. Als die Klingel zum Unterrichtsbeginn getrötet hatte, verwandelte sich dieser Frohsinn in eine grimmig vorgetragene Ankündigung:

„Alle Notizen und Hefte wegpacken. Ich habe einen kleinen Test vorbereitet, den jeder in zwanzig Minuten beendet hat, und dann machen wir mit dem normalen Unterricht weiter.”

Der Englischlehrer verteilte die Zettel und bat dann eindringlich um Ruhe. Nach ein paar Sekunden, in denen er seine Schützlinge mit mürrischem Gesicht musterte, forderte er:

„Und die Aufgaben macht jeder für sich, keine Zweier- oder Dreier-Teams bilden. Habt ihr das verstanden?”

Ein aufgeregtes Tuscheln folgte, das viel Ähnlichkeit mit beginnendem Widerspruch hatte. Doch das pädagogisch überlegene Räuspern von Herrn Bessermann erstickte diese wenig durchdachte Argumentation im Keim. Nachdem Florian einige wenige deutsche Wörter gelesen und vergeblich in seinem Kopf nach den passenden englischen Gegenstücken gesucht hatte, warf er einen Blick nach links. Dort saß Josefine Gnabentot, die beste Schülerin in der Klasse. Er mimte einen tiefsinnig nachdenkenden Schüler, indem er seine Stirn intensiv mit den Fingern massierte. Während die Denkprozesse in seinem Kopf kaum mehr Früchte trugen als vorher, gelang es ihm, einen Blick auf den Zettel des Mädchens zu werfen, das neben ihm saß. Kaum hatte er einige Vokabeln auf dem Blatt gelesen, erscholl aus dem Mund des Lehrers eine Ermahnung.

„Wer beim Schummeln erwischt wird, bekommt einen Eintrag ins Klassenbuch und eine Sechs als Note. Habe ich mich klar ausgedrückt? Und wer bei sich abschreiben lässt, bekommt eine Fünf.”

Erschrocken raschelte der Zettel der Klassenbesten in die äußerste linke Ecke des Gemeinschaftstisches. Es hatten sich bereits einige Florian bekannte Vokabeln auf dem vor ihm liegenden Zettel versammelt, nun wurden sie nach und nach einer – wie sich später herausstellen sollte – dem Lehrer völlig unbekannten Grammatik unterworfen. Florian versuchte sich dabei vorzustellen, dass er genau die richtigen Lösungen gefunden hatte, und so arbeitete er den Zettel Stück für Stück ab. Am Schluss starrten ihm überall blaue Buchstaben entgegen. Nur die letzte Aufgabe raubte ihm den letzten Nerv. Was mochte wohl auf Englisch heißen: „Der Lehrer war von allen der Klügste in der Klasse.”? Ein einziges Mal wollte er diesem Lehrer trotzen, und so schrieb er wütend: „The teacher had the biggest head of the class.”

Da hörte Florian es zum ersten Mal. Ein Summen erklang aus seinem Kopf. Oder kam es gar aus seiner Jacke? Jedenfalls war es ein merkwürdiger Ton, den er hörte. Verwirrt schaute er zu seiner Mitstreiterin Josefine. Noch immer hielt sie ihre Aufzeichnungen ängstlich versteckt, obwohl der Test längst beendet war. Nein, sie würde niemals so einen Ton von sich geben.

In der nächsten Stunde hatten sie Geschichte bei einem Lehrer, der schon kurz vor seiner Pensionierung stand. Auch er hatte eine kleine Übungsarbeit für die Schüler vorbereitet.

„Ihr könnt das alleine machen oder zu zweit, und ihr könnt die Bücher benutzen oder auch nicht. Aber bitte versucht wenigstens, die Wörter richtig abzuschreiben, und wenn ihr eigene Wörter benutzt, auch diese bitte richtig zu schreiben. Falsche Wörter fließen zwar in meine Noten nicht mit ein, aber ich bekomme sonst immer solche Kopfschmerzen, und mein Arzt hat gesagt, in meinem Alter soll ich Schmerzen vermeiden.”

Florian arbeitete die Aufgaben mit Josefine zusammen ab. Er war nicht richtig bei der Sache, denn immer wieder hörte er dieses Summen. Unter der Jacke war es lauter als darüber. Dann endlich kam er auf die Idee, den widerspenstigen Stock ein Stück hervorzuziehen und ans Ohr zu führen. Tatsächlich, der Stock summte. Diese Entdeckung machte ihn aus irgendeinem Grund glücklich, obwohl ein Stock natürlich nicht summen sollte. Aber das würde er später noch genauer untersuchen.

Der Tag hielt allerdings noch mehr Überraschungen für Florian bereit. Gerade hatte er auf der Toilette etwas Leitungswasser getrunken, nun suchte er Schutz vor der Hitze im Schatten eines niedrigen Pavillondaches. Müßig trieben seine Gedanken durch den Kopf, als sich eine Hand schwer auf seine rechte Schulter legte. Das Wort „Ärger” schoss ihm durch den Kopf. Langsam drehte er sich um und blickte in das Gesicht von Kev. Links und rechts neben Kev standen Eins und Zwei. Die drei Jungen waren zwei Jahre älter als Florian. Kev hieß in Wirklichkeit Kevin, und auch die anderen beiden hatten richtige Namen – nur niemand nannte sie so. Die drei waren dafür bekannt, dass sie Geld von Schülern erpressten.

Kev glotzte Florian grinsend an und hielt eine Hand vor sich hin, wie ein Bettler, der um ein Almosen bettelt. Eins und Zwei hatten sich so hingestellt, dass niemand diese Geste sehen konnte. Florian schaute sich um, ob eine Chance bestand, Hilfe zu bekommen.

„Ist wohl keiner da, der dir helfen könnte, was Flo?”

Florian holte sein Portemonnaie aus der Tasche und öffnete es. Doch bevor er etwas herausnehmen konnte, hatte Kev mit einer gierigen Geste danach gegriffen und es auf den Kopf gestülpt. Der Inhalt fiel in seine offene Hand. Es waren nur eine Zwei-Euro-Münze und einige kleinere Geldstücke. Ungläubig und wütend schaute der Dieb auf den kleinen Geldhaufen. Er schloss die Finger und steckte das Geld in seine Tasche.

„Das nächste Mal ist ein Schein dabei, sonst geht es dir schlecht”, raunte er leise.

Da fiel ein Schatten auf die kleine Gruppe der Jungen. Erschrocken schaute Kev auf. Ein großer bulliger Mann hatte sich unauffällig an sie herangeschlichen. Mit Sicherheit hatte er den letzten Satz gehört. Kev schaute dem Riesen in die glasklaren Augen, und sein Gesicht wurde rot.

„Geht um eine Übungsaufgabe”, sagte er schnell. Der Mann fixierte den Dieb mit seinen Augen. Dann legte er langsam seinen Kopf schief und schwieg. Gelangweilt schaute er Kev in die Augen, bis dieser sich abwendete und einfach wegging. Danach schaute er Florian in die Augen. Florian musterte den Kerl.

Er war fast einen Kopf größer als er, trug eine merkwürdige alte Hose mit einem Loch am Knie. Die Ärmel seiner riesigen braunen Lederjacke verdeckten seine Hände fast vollständig. Wie konnte man bei solch einer Hitze bloß eine Lederjacke tragen?, dachte er.

Der Mann hob eine Hand an seinen Mund und gähnte ausgiebig. Zwei lange Narben auf seinem Handrücken wurden sichtbar. Und er trug einen breiten Reif aus Messing oder womöglich Gold am Handgelenk.

„Heiß heute, was?”, fragte er Florian.

Florian nickte und ging an dem Mann vorbei zurück zu seiner Klasse. Komischer Vogel, dachte er. Da rief eine Stimme hinter ihm:

„Brauchst du heute gar kein Geld?”

Florian drehte sich noch einmal um und sagte lächelnd: „Doch, natürlich.”

Ich muss noch Milch einkaufen, dachte er. Verdammt! Er hatte ja jetzt gar kein Geld mehr. Wieder fing es in seinem Kopf an zu summen. Er holte sein Portemonnaie hervor und wollte es aufklappen.

„Und alles in Ordnung mit dem Geld?”, fragte der Mann.

„Alles in Ordnung”, gab Florian überrascht zurück und steckte sein Portemonnaie in seine Jacke, ohne nachzuschauen.

Er wurde wütend auf sich selbst, weil Kev sein ganzes Geld genommen hatte, ohne dass er sich gewehrt hatte. Womit sollte er denn nur die verdammte Milch kaufen?

Als er zurück in die Klasse kam, sagte Josefine: „Dr. Mahlzahn ist kurzfristig krank geworden. Wir haben heute stattdessen Sport bei einem neuen Lehrer, der ‘nen ganz ulkigen Namen hat: Flammner.”

Der neue Lehrer mochte alles Mögliche sein, nur pünktlich war er offensichtlich nicht. Erst fünf Minuten nach dem Unterrichtsbeginn traf er ein.

„Ich wurde etwas aufgehalten und musste noch ein paar Besorgungen machen”, meinte er gelassen, als er schließlich kam. Es war der Riese, der ihn auf dem Schulhof zusammen mit Kev beobachtet hatte.

Der Lehrer gehörte jedoch nicht zu den Menschen, die von sich behaupten konnten, dass sie Glück hätten, wie sich noch zeigen sollte.

„Wir üben heute mal etwas Klettern”, meinte er und blickte hinauf zu den Kletterseilen.

Als er sie heruntergelassen hatte und am ersten Seil kräftig zog, riss die Verankerung oben aus der Decke. Der Haken brach ab und stürzte auf die Matte, wo er ein kleines Loch hinterließ. Herr Flammner trat auf das Loch und murmelte etwas von schlechter Qualität.

„Wir üben heute mal was ganz Neues, und das heißt ‚Zweikampf’ oder auch einer gegen einen anderen. Ihr besorgt euch einfach mal Bälle oder Seile oder was auch immer und versucht, es dem anderen wegzunehmen. Alles verstanden? Dann kann es ja losgehen.”

Die meisten der Jungen hatten Paare gebildet und spielten mit Bällen Fußball oder Basketball. Sie spielten sich die Bälle nur gegenseitig zu oder taten so, als ob sie versuchten, sie sich wegzunehmen. Hin und wieder schaute jemand zum Lehrer, doch dem schien das alles egal zu sein. Nur die Mädchen standen tuschelnd beieinander und warteten. Herr Flammner ging zu ihnen hinüber und suchte in seiner Hosentasche. Er fand einen Euro, einen Radiergummi, ein Taschentuch und einen Löffel, der anscheinend aus der Schulkantine stammte. Die Dinge überreichte er einem der Mädchen.

„Ihr spielt immer zu zweit. Legt diese Dinge drüben auf eine von den Bänken und versucht, die Dinge von da drüben hierher zurückzubringen. Wer das schafft, hat gewonnen. Festhalten ist erlaubt, aber kein Beißen, kein Ziehen an den Haaren, kein Schlagen, kein Treten. Alles klar?”

Die Frage erlaubte nur ein Ja als Antwort.

„Sehr hübsch”, sagte Herr Flammner. „Und, Florian, wir wechseln jetzt mal das Spielgerät und üben hiermit.”

Er holte zwei mit Isoliermaterial ummantelte Stöcke aus seiner großen Sporttasche.

Einen hielt er dem Jungen hin. Zögernd griff der Junge danach.

„Versuch mich mit dem Ding zu verprügeln, Florian.”

„Aber …”

„Stell dir einfach vor, ich wäre dein Englischlehrer. Oder mein Name wäre Kev. Wie sieht es damit aus?”

Er grinste Florian an. Immer noch zögerte dieser. Irgendetwas war an dieser Aufforderung nicht in Ordnung. Da, plötzlich und unerwartet holte Herr Flammner aus und schlug auf Florian ein. Der Junge wich geistesgegenwärtig aus. Flammners Schlag ging ins Leere. Augenblicklich war wieder das Summen in seinem Kopf da, und ohne zu wissen warum, hatte er seinerseits ausgeholt und schlug auf den Lehrer ein. Mühelos parierte der seinen Schlag und griff ihn erneut mit einem weiteren Schlag an. Mit Mühe gelang es Florian, auch auf diesen Schlag noch schnell genug zu reagieren. Er merkte nicht, dass die Angriffe alle recht langsam kamen. Doch die Abfolge der Schläge schien ein Muster zu bekommen und schneller zu werden. Nach zwei Minuten schwitzte er, als ob er fünf Kilometer gelaufen wäre. Und nach drei Minuten versuchte er, durch einige schnelle Schritte den auf ihn niederprasselnden Angriffen zu entkommen. Herr Flammner folgte ihm sehr langsam und lächelte nur. Alle anderen Schüler hatten mit ihren Aktivitäten aufgehört und den kurzen Schlagabtausch gebannt beobachtet.

„Wunderbar”, lobte der neue Lehrer nun seinen Kampfgefährten.

Dann rief er einen anderen Jungen auf, um mit ihm ebenfalls zu kämpfen. Auch mit ihm wechselte er einige Schläge. Aus irgendeinem Grund missglückte die Harmonie zwischen den Angriffen und der Abwehr. Herr Flammner beendete den Kampf, noch bevor eine Minute verstrichen war. Fast alle Jungen und Mädchen bestritten so ihren ersten Stockkampf, aber keiner dieser Kämpfe dauerte so lange wie der erste und erreichte dessen Eleganz.

„Ihr müsst versuchen, euch etwas flüssiger zu bewegen. So wie Tänzer, versteht ihr? Der Stock ist doch eigentlich federleicht, also könnt ihr euch auch wie eine Feder bewegen.”

Nach dem Unterricht sprach Josefine Florian auf ein unangenehmes Thema an:

„Ich habe übrigens gesehen, wie dir Kev das Geld abgenommen hat, und wollte dir nur sagen, dass ich es gemein von ihm finde. Wenn du willst, kann ich dir etwas leihen.”

„Nicht so schlimm”, sagte er etwas lahm.

Er griff in die Tasche und spürte, dass das Portemonnaie nicht nur dort war, sondern dass auch etwas drin war. Erstaunt holte er es hervor und machte es auf. Josefine stand so dicht bei ihm, dass sie hineinschauen konnte.

„Oh, das Geld ist gar nicht weg? Dann hast du dir es von ihm wieder zurückgeholt? Das ist aber mutig.”

Bewundernd schaute sie ihn an.

Josefine hatte recht, das Geld war wieder drin. Die Zwei-Euro-Münze und auch die anderen Geldstücke waren wieder da. Doch wie konnte das sein? Wie war das möglich? Er hatte Kev überhaupt nicht gesehen. Oder hatte ihm jemand heimlich das Geld wieder hineingetan? Vielleicht Josefine?

Prüfend schaute er dem Mädchen in die Augen. Sie blickte auf den Boden, und ihre Wangen wurden rot. Nein, Josefine war bestimmt nicht mutig genug. Oder hatte dieser merkwürdige Lehrer es Kev womöglich wieder abgenommen?

An jedem anderen Tag hätte Florian sich darüber gefreut, doch heute war ihm diese Sache unheimlich. Irgendetwas Merkwürdiges passierte hier. Wenn der Sportlehrer wirklich dahintersteckte, dann konnte die Sache noch ziemlich unangenehm werden. Denn Kev war wahrlich kein Weichei!

3Der nächste Tag

Am nächsten Morgen war das Wetter wieder ähnlich sonnig wie am Tag zuvor. Sie hatten an diesem Tag Biologie-Projektunterricht. In einem nahe gelegenen Teich besorgten sie sich in aller Frühe einige Wasserproben. Florians Gruppe bestimmte nun zunächst einige chemische Eigenschaften. Als sie aber als Höhepunkt des Vormittags den Sauerstoffgehalt des Wassers messen sollte, wurde sie aus der Bedienungsanleitung des Messgerätes nicht schlau – eigentlich eine höchst einfache Prozedur, wie die Lehrerin entrüstet meinte. Doch dann suchte sie selbst vergeblich nach der Anleitung in der Gebrauchsanweisung des Messgerätes. Weil es gerade erst neu von der Schulleitung angeschafft worden war, kannte sie es noch nicht. So drückte sie die Knöpfe auf der Tastatur mit zunehmender Nervosität. Als Josefine vorbeikam und die verzweifelten Bemühungen der Lehrerin sah, erklärte sie ihr schließlich die Funktionsweise.

„Erst den Knopf zweimal kurz hintereinander drücken und dann diesen Knopf.”

Kurz darauf erschien ein akzeptabler Sauerstoffwert. Die Lehrerin schüttelte den Kopf und verließ die Gruppe mit hochrotem Kopf. Als sie weg war, sagte Josefine leise:

„Markus aus unserer Parallelklasse wollte sich die Anleitung kopieren, weil sie so kompliziert ist. Aber der Lehrer hat ihm das nicht gestattet und deshalb …”

Sie fing an zu flüstern und schaute sich um.

„… deshalb hat er die Seite mit der Kalibrieranweisung einfach rausgerissen. Und nun ist sie nicht mehr da, aber er hat mir eine Kopie davon gegeben.”

Schüchtern fügte sie hinzu:

„Es ist in der Anweisung noch etwas einfacher beschrieben, als es dann in Wirklichkeit ist. Der doppelte Knopfdruck ist da nämlich nicht erwähnt.”

Stolz lächelte sie Florian an. Als dieser jedoch anfing, starr durch sie hindurchzublicken, wandte sie sich ab und kehrte zu ihrer Arbeitsgruppe zurück.

„Ob Mädchen wohl schlauer sind als Jungen?”, fragte sich Florian.

Er blickte zur Lehrerin und sah, wie sie verzweifelt auf der Tastatur eines Computers herumtippte. Dann sah er die Fehlermeldung auf dem Monitor und wusste, wo sie herkam. Immerhin gibt es doch einige Probleme auf der Welt, die man offensichtlich auch mit weiblichen Gehirnzellen nicht so ohne Weiteres lösen konnte, dachte er erleichtert.

In der Pause bemerkte Florian, wie Herr Flammner mit Herrn Bessermann, seinem Englischlehrer am offenen Fenster stand. Sein Gesicht mit den halb geschlossenen Augenlidern streckte er genießerisch der Sonne entgegen. Was mochten die beiden nur zu bereden haben? Der Junge beschloss, die beiden Lehrer zu belauschen. Flammner und sein Gegenüber konnten ihn zum Glück nicht sehen, weil sie, durch die dicken Mauern bedingt, einen knappen Meter hinter der Fensteröffnung standen.

„Was soll nur aus uns werden, Herr Flammner? Die Schüler werden in diesem Land immer dümmer”, sagte Herr Bessermann gerade.

„Vielleicht liegt es ja an den Lehrern?”, sagte Flammner.

„Unsinn! Es gibt viele Schüler, die über keine besonderen Begabungen verfügen. Zum Beispiel der Florian Sickner. Hätte sich eigentlich nach der Grundschule um eine Lehrstelle kümmern sollen.”

Herr Flammner hatte einen kleinen Einwand gegen diese Betrachtungsweise.

„Die Schule soll die Schüler auf das Leben vorbereiten, sodass sie damit fertig werden. Man kann natürlich auch alle aussortieren, die dem Lehrerideal nicht mehr entsprechen, wie Sie das anscheinend vorhaben. Vielleicht kann Florian sein Leben später nur mit Widerspenstigkeit bewältigen und hat es hier noch nicht gelernt. Sie würden ihm mit ihrer Philosophie ein wichtiges Stückchen Lebenserfahrung vorenthalten.”

Herr Flammner schloss das Fenster, und Florian ging in Gedanken versunken ein Stückchen weiter zum Schulhofzaun. Dort draußen gibt es keine Lehrer, die einem Vorschriften machen, dachte er.

Plötzlich packte ihn eine schwere Hand an der Schulter. Er wusste sofort, was los war. Langsam drehte er sich um und sah in das Gesicht von Kev. Eins und Zwei standen wieder links und rechts daneben. Ein Dutzend Schüler war der kleinen Gruppe gefolgt und beobachtete die Ereignisse aus sicherer Entfernung. Kev grinste ihn gehässig an.

„Wo ist es? Wo ist mein Geld?”

Florian war wütend auf sich selbst. Er befand sich in einer noch dümmeren Situation als gestern. Er stand an der entlegensten Stelle des Schulhofes und hatte wieder eine Mauer im Rücken. Ärgerlich sagte er:

„Welches Geld? Ich hab dein Geld nicht!”

„Und wo ist es geblieben? Los, her damit, oder es passiert was!”

„Hol es dir doch!”, sagte Florian genervt und sah Kev herausfordernd an.

Die anderen Schüler waren Stück für Stück nähergekommen und hatten die letzten Worte gehört. Einen kurzen Moment schaute Kev lächelnd zu einem seiner Kumpane. Dann schubste er Florian mit voller Wucht gegen die Mauer. Seine rechte Schulter prallte gegen die Steine und der Kopf gegen die dahinter liegenden Drähte. Florian verlor das Gleichgewicht und landete auf dem Boden. Langsam sickerte das Blut aus einer Schramme an seiner Hand. Kev bückte sich und hielt ihm die Hand hin. Scheinbar wollte er ihm beim Aufstehen helfen. Florian spürte plötzlich einen Stock in seiner Hand. Wieder war das Summen in seinem Kopf da. Statt die Hand von Kev zu packen, trat er ihm ordentlich gegen eines seiner Knie. Dann schlug er ihm mit voller Wucht den Stock gegen die Hand. Nun verlor Kev seinerseits das Gleichgewicht und fiel nach hinten, genau vor die Beine seines einen Kumpels. Florian sprang auf und verschaffte sich etwas Luft, indem er mit seinem Stock nach Kevs anderen Kumpanen schlug. Erschrocken machte dieser zwei Schritte zurück. Dann war Florian wieder bei Kev und holte aus. Doch jemand packte ihn am Arm und drehte ihn wie mit einem Schraubstock erbarmungslos auf den Rücken. Er wandte sich dem neuen Gegner zu und blickte wütend in das Gesicht von Herrn Flammner. Der Lehrer lächelte ihn an, und Florians Arme wurden kraftlos. Den Stock ließ er allerdings nicht los. Das Summen in seinem Kopf schwoll bedrohlich an. Er hob den Stock erneut in die Höhe und blickte nun auch den Riesen aggressiv an.

„Ich weiß, ich bin etwas spät gekommen, aber jetzt bin ich ja da. Du kannst den Stock ruhig wieder herunternehmen. Der liebe Kev wird dir jetzt sicherlich nichts mehr tun”, sagte sein Lehrer entschuldigend.

Florian schaute auf seinen Stock und steckte ihn oben in seine Jacke.

„Sie müssen ihm den Stock wegnehmen. Der Kerl ist ja gemeingefährlich. Sehen Sie, was er mit meiner Hand gemacht hat?!”

Kev redete wütend auf Herrn Flammner ein. Ein etwa drei Zentimeter langer Riss auf seinem Handrücken blutete kräftig.

„Ich werde dir die Wunde verbinden. Mit Erster Hilfe kenne ich mich erstklassig aus.”

Er packte Kev am Handgelenk und zog ihn hinter sich her.