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In Windeseile brachen Micha, Roland und Mark in Richtung Domstedt auf. Die außergewöhnliche Kälte und die Strapazen der letzten Wochen machten das Reisen nicht leicht. Doch an ausruhen war nicht zu denken. Mit einem Karren, durchquerten sie den üblichen Weg, den sie immer nahmen. Diese Route war sicher. Sie sahen hier noch nie Spuren von Reisenden. Nichtsdestotrotz verhielten sie sich vorsichtig. Roland übernahm die Vorhut und überprüfte außer Sichtweite die Strecke auf Hinterhalte. Um das Pferd zu schonen, liefen Micha und Mark nebenher. Das Pferd musste später noch eine große Last ziehen. "Da wären wir. Meinst du, wir tun immer noch das Richtige?", fragte Mark. "Ja. Wenn es die falsche Entscheidung war, war es die letzte, die ich traf." Sie ruhten sich einen Augenblick aus und sahen von der Anhöhe auf die Stadt hinab. Der Dom thronte wie immer über der Altstadt.
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Richard Adler
Alte neue Welt
Science Fiction
„Kommst du heute Abend mit ins Colpa?“
Micha wandte seinen Blick vom Monitor ab und sah Tim mit schnellen Schritten auf ihn zukommen.
„Nein, ich muss noch die Geschäftsberichte lesen“ antwortete Micha und widmete sich wieder dem Stapel Papier auf seinem Schreibtisch.
„Ach, lass doch diese blöden Berichte. Gehen wir feiern. Katrin wird auch da sein.“
Tim wusste, dass Micha sich für Katrin interessierte. Und er sah gerne zu, wie dämlich Micha sich dabei anstellte, um ihr zu gefallen. Wenn die Jungs aus der Firma gegen Abend loszogen, konnte man sich sicher sein, dass am nächsten Morgen in der Abteilung für Wertpapierhandel ein gut gelaunter Tag anbrach, und der vorangegangene Abend für Gesprächsstoff sorgte.
„Ich habe keine Zeit. Ein anderes Mal“, sagte Micha genervt und konzentrierte sich auf den Geschäftsbericht, welchen er mit einem roten Stift bearbeitete.
„Mensch Micha, was ist nur los mit dir?“
„Sei so gut und lass mich in Ruhe. Einer muss ja die Arbeit machen die wegen euch faulen Säcken liegen bleibt.“
„Mich wundert es nicht, dass du keine Freunde hast. Alle wollen was mit dir unternehmen und du zeigst ihnen die kalte Schulter. Aber versauer ruhig hinter deinem Schreibtisch. Mir ist es langsam egal was aus dir wird.“
„Komm, hör auf mich voll zu quatschen“, warnte Micha.
„Du bist ein Arschloch“, schnauzte Tim und verließ den Händlersaal.
Micha blieb hinter seinem Schreibtisch sitzen, ruckte dem Kopf nach oben und riskierte einen Rundumblick. Die Schreibtische seiner Kollegen waren verweist und die Computer ausgeschaltet. Auch das gläserne Büro seines Abteilungsleiters Frank Butt war leer.
Micha sah auf seine Armbanduhr. Zwanzig Uhr. Der Freitagabend versprach nichts Aufregenderes als beim letzten Freitag. Warum also sich langweilen und in einer Kneipe herumschleichen, wo man am Ende als Idiot dastand? Katrin hatte er schon gerne um sich, aber nicht unter diesen Umständen. Er wollte alleine mit ihr sein, etwas mit ihr unternehmen und ein ruhiges Gespräch führen. Langsam näherkommen war seine Masche. Nicht wie die Draufgänger aus den verschiedenen Abteilungen der Investmentbank Marcks. Sie soffen und schleppten die Frauen reihenweise ab. Er selber konnte das nicht. Frauen machten ihn nervös. Er konzentrierte sich lieber ganz auf seine Arbeit. Und finanziell lohnte es sich. Micha bekam seit seiner Ausbildungszeit einen größeren Bonus als jeder andere seines Jahrganges. Aber in den Clubs von Frankfurt zählte das nicht. Einen BMW fuhren auch Leute wie Tim. Und den Frauen Drinks spendieren waren ihre leichteste Übung. Wie sollte er sein Handicap wettmachen? Jede Frau seine Kontoauszüge vorzeigen, damit sie sahen wie gut er seinen Job verstand?
Katrin war eine zwanzigjährige Frau, fünf Jahre jünger als Micha und alles andere als schüchtern. Sie wollte Spaß und keinen Langweiler. Schon öfters versuchte er eine Unterhaltung mit ihr zu führen. Dabei fiel jedem auf, dass ihr Micha gefiel. Immer berührte sie seine muskulöse Arme. Sie stand auf seine sportliche Figur und seinen gestylten blonden Haare. Aber schon nach wenigen Minuten sah sie gelangweilt aus und hielt nach einer rettenden Freundin Ausschau, die sie aus dem monotonen Gespräch befreite. Micha fehlten regelmäßig die Wörter. Er stammelte nur einzelne Brocken, so dass ihr Wunsch, das Weite zu suchen, schon bald größer war als die eines Flirts.
„Was machst du noch hier?“, fragte eine tiefe männliche Stimme hinter seinem Rücken.
Micha drehte sich um und sah Frank Butt.
„Gehst du eigentlich nie nach Hause? Du bist der Erste der kommt und der Letzte der geht“, stellte der Mitte dreißigjährige Mann nüchtern fest.
„Und wenn schon. Es ist verdammt nochmal traurig, dass sich keiner mit unserer Situation beschäftigt“, sagte Micha und sah wie Butt sich mit dem Hintern auf seinem Schreibtisch setzte.
„Vielleicht ist den Leute die Situation nicht bewusst. Oder sie sehen keinen Sinn mehr, sich der Firma zu opfern.“
Butt zeigte sein typischen nachdenklichen Gesichtsausdruck, dass er immer auflegte, wenn er etwas von Bedeutung sagte. Diese Szenen faszinierten Micha schon immer. Er witterte eine wichtige Information, die Butt ihm öfters zuschanzte.
„Was meinst du damit?“
„Dass die Situation mehr als brenzlig ist.“
„Gehen wir unter?“, fragte Micha besorgt.
„Was hältst du momentan von der Fischer Aktie?“, fragte Butt und schob seinen ehemaligen Schützling einen Stapel lose Papierblätter zu.
„Gehen wir unter?“, wiederholte Micha die Frage.
„Vor einigen Monaten dachte ich noch, an den Märkten gebe es ein kurzes Intermezzo. Das es nach einer kurzen kontrollierten Abwärtsbewegung wieder aufwärts geht. Aber diesmal ist es anders.“
„Nun sag es schon, gehen wir unter?“, schrie Micha so laut, dass die Putzfrau, die mit ihren Mob den Flur entlang schlenderte, ihm hören konnte. Butt sah ihn ernst an und erhob sich von dem Schreibtisch.
„Du stellst die falsche Frage.“
„Und welche ist die Richtige?“
„Wer wird nicht untergehen?“
Butt lächelte geheimnisvoll und ging zur Fahrstuhltür.
„Sieh dir die Daten von der Fischer Aktie einmal genauer an. Und amüsieren dich mal. Am besten mit dieser Katrin“, rief er aus dem Fahrstuhl, als die Tür sich schloss.
Micha war wieder alleine. Es war ihm zwar peinlich, dass alle sich mit dem Thema Katrin auskannten und ihm damit aufzogen, aber diesmal ignorierte er diese Anspielung. Er drehte sich im Bürostuhl von links nach rechts und von rechts nach links. Er dachte an das nach, was Butt sagte. Viele Staaten waren pleite. Die Kurse an den Börsen fielen von Woche zu Woche. Jederzeit konnte ein gewaltiger Sturm ausbrechen und die Welt in Panik versetzen. Und wenn sogar Butt so ein düsteres Bild zeichnete und den Glauben an die Firma verlor, wer sollte dann den Karren aus den Dreck ziehen?
Als Micha in der Investmentbank Marcks anfing, war Butt noch kein Abteilungsleiter. Er erledigte seinen Job vom Händlertisch aus, so wie Micha heute. Micha war damals Neuling. Keiner interessierte sich für die Anfänger. Sie wurden in ihrer monatelangen Ausbildung wie Dreck behandelt. Keiner der Profis nahm sie ernst und man ließ sie es auch spüren. Doch Micha hatte Glück. Butt unterstützte ihn. Butt wurde sein Idol. Er rief Micha übers firmeninterne Telefon an, flüsterte kurz was in den Hörer und legte auf. Es dauerte sechs Monate bis Micha einigermaßen verstand, was er ihm immer zu sagen pflegte. Micha besaß nur wenige Kunden, und diese hatten auch nicht viel Geld für Investitionen übrig. Aber durch Butts Tipps, die Micha nach und nach entschlüsselte, sorgte er schnell für den nötigen Erfolg, um von den großen Bossen bemerkt zu werden. Er lernte schnell und der Profit der Firma stieg. Rasch bekam er bedeutendere Kunden und überließ die kleinen Fische den anderen Neulingen seines Ausbildungsjahrgangs.
Die Börsen verhielten sich die Tage zurückhaltend und die Händler von Marcks saßen gelangweilt vor ihren Schreibtischen. Dutzende im Saal hängende Fernseher, zeigten pausenlos die neusten Nachrichten. Micha saß an seinem Schreibtisch. Drei Monitore zeigten ihm die wichtigsten Börsenkurse der Welt. Gelangweilt kaute er auf seinem exquisiten goldenen Kugelschreiber herum, den er als Auszeichnung für den höchsten Monatsumsatz bei Neukunden vom Vorstand geschenkt bekam.
„Vielleicht sollten wir was Trinken gehen. Was meinst du?“, fragte Tim, der links neben ihm an seinen Schreibtisch saß.
„Du solltest lieber hier bleiben“, sagte Micha.
„Warum? Es ist nichts los.“
„Es ist eine Menge los. Sie dir die Nachrichten an“, sagte Micha und deutete auf den nächsten Fernseher.
„Ach, im Nahen Osten ist immer Bombenwetter“, scherzte Tim, als er den Bericht über den Krieg in Syrien sah und erntete ein applaudierendes Gelächter von den Kollegen. Micha schüttelte den Kopf über diese Sorglosigkeit, widmete sich einen Stapel von Berichten und lies die anderen links liegen.
Am nächsten Tag war es soweit. Früh am Morgen ging man noch seinen normalen Geschäften nach. Mittags kam dann der Handel zum Erliegen. Anschließend stürzten die Aktienkurse in den Keller. Sie fielen so, wie sie niemals zuvor in der Geschichte fielen, beruhigten sich einen Moment und rutschten dann noch ein wenig tiefer. Micha flitzte zwischen seinem Platz und der Anleihenabteilung in der oberen Etage hin und her. Der Crash am Aktienmarkt hatte eine riesige Umverteilung von Vermögen zur Folge, und die beiden Abteilungen reagierten vollkommen unterschiedlich darauf. Irgendein Glückspilz in der Aktienabteilung hatte Aktien leerverkauft und einen Reingewinn von zwanzig Millionen Euro eingestrichen. Sein Freudenrausch war einzigartig. Die restlichen Leute der Aktienabteilung wurden zwischen Verzweiflung und Verwirrung hin und hergerissen. Hilflos sahen sie zu, wie ihr geliebter Markt starb. Micha rannte zwischen den Händlertischen hindurch. Ein hektisches Treiben brach aus. Er schlug Haken, wich entgegenkommenden Händler aus und erreichte ausgepumpt Butts Büro.
„Stell mir keine blöden Fragen“, forderte Butt ihm auf, als Micha die Tür krachend hinter sich zuwarf.
„Alles gerät außer Kontrolle. Alle nennenswerten Aktienindizes stürzen ab. Das nimmt historische Ausmaße an. Wir erleiden Riesenverluste. Eine amerikanische und zwei europäische Großbanken stehen kurz vor dem Kollaps“, fing Micha fassungslos an.
„Die Zentralbanken werden helfen. Sie werden die Geldschleusen öffnen und den Markt mit billigen Krediten überfluten“, prophezeite Butt seelenruhig.
„Das haben sie schon die letzten Jahre getan. Diese Maßnahmen zeigen doch keine Wirkung mehr. Sehe dir doch mal die Nachrichten an.“
„Die Medien bauschen alles viel zu hoch auf. Das verkauft sich halt besser. Das ist alles viel Lärm um Nichts“, versuchte er Micha zu beruhigen.
„Wir stehen kurz vor dem Bankrott.“
Das konnte Micha natürlich nicht wissen, aber er hatte so eine Ahnung und wollte Butts Reaktion sehen. Gelassen sah Butt ihn mit ausdrucksloser Miene an.
„Besser du kümmerst dich um deine Kunden“, empfahl er seinem ehemaligen Schützling und zeigte aus seinem gläsernen Büro auf die restlichen Händler, die allesamt hektisch mit den Telefonen hantierten.
Micha verließ verärgert das Büro. Im Händlerraum, der mit Händlern überfüllt war, brach Chaos aus. Telefone klingelten. Die Leute sprachen oder schrien in die Hörer, andere flehten und baten um Gelassenheit bei ihren Kunden.
„Scheiße! Scheiße! Scheiße, schrie ein Händler der massive Probleme mit seinen Kunden hatten.
„Die Aktie überreagiert grade. Wir dürfen jetzt nicht aufgeben.“
„Sagen sie ihren Bossen, sie sollen die Füße stillhalten. Die Aktie erholt sich wieder.“
„Das ist nichts als Panikmache. Machen sie jetzt nicht den Fehler indem sie verkaufen.“
„Ihre Angst verstehe ich, aber sie dürfen sich nicht von ihren Gefühlen leiten lassen.“
Micha hörte die Beschwichtigungen seiner Kollegen, und als er seinen Schreibtisch erreichte nahm er den Telefonhörer in die Hand und wählte die Nummer seines wichtigsten Kunden. Er wusste was auf ihn zukam. Und er hasste es lügen zu müssen.
„Das ist wahrscheinlich erst der Anfang einer tiefgreifenden Bankenkorrektur. Das ganze System könnte uns um die Ohren fliegen. Wie kommt es, dass sie dieses Mal so danebenliegen? Es geht nur noch abwärts. Die von ihnen empfohlenen Wertpapiere kollabieren in diesem Augenblick. Also erzählen sie mir nicht, dass ich mich beruhigen soll. Holen sie mich gefälligst da wieder heraus“, schrie der Banker einer französischen Großbank in den Hörer.
Micha beschwor mehrmals die Übertreibung des Marktes. Aber es half nichts mehr. Die Panik regierte. Fassungslos hängte er den Hörer auf und sah sich um. Sein Telefon klingelte. Seine Kunden versuchten ihn verzweifelnd zu erreichen. Sein Blick blieb am Gläsernen Büro haften. Butt lächelte zu Micha herüber. Nach drei Jahren Aktienhandel konnte Butt ein Stimmungstief ohne Mühe aushalten. Fast in dem Moment, wo sich seine Laune verdüsterte, hatte er seinen Seelenschmerz auch schon wieder vergessen. Denn inmitten der schlimmsten Phase verkaufte und kaufte er Aktienpakete im Wert von hundert Millionen Euro. Fast sein ganzes Denken drehte sich darum, den nächsten Deal abzuschließen. Er war wie ein Junkie, ewig auf der Suche nach dem nächsten Schuss. In diesem Moment wurde Micha klar was Butt getan hatte. Er spekulierte auf eigener Rechnung. Selbst heute kannte die Gier kein Halten mehr.
Als Micha merkte was Butt tat, sprang auch er auf den Zug auf und spekulierte von seinem eigenen Vermögen mit der Aktie die Butt die Tage auf seinem Tisch warf. Sie war mittlerweile so billig wie nie zuvor. Und als es die Runde machte, taten es ihnen die meisten Händler gleich. Alle dachten nur noch an sich selbst. Das Geld der Kunden war schon zum größten Teil verloren, und neues stellten die Investoren nicht zur Verfügung. Also kümmerte es in diesem Saal keinen mehr. Die Händler vom Marcks beschäftigten sich nur noch mit ihrer eigenen finanziellen Rettung.
Am Ende des Tages kam Butt zu Micha und setzte sich wie gewohnt auf dem Schreibtisch.
„Was hältst du davon?“, fragte er.
Micha sah zu ihm hoch, antwortete aber nicht sofort. Er überlegte und starrte auf die große digitale Uhr, die an der Wand vor ihm hang. Butt versprühte immer Zuversicht. Solange er für die Firma kämpfte war nichts verloren, so die landläufige Meinung. Doch dieses Mal war es anders.
„Die Show ist vorbei, unsere Kunden pleite. Und wir? Weil es nicht unser Geld war, gehen wir nach Hause, als ob es ein Spiel war. Aber die Konsequenzen werden wir trotzdem spüren, ob wir es wollen oder nicht.“
Wohl war, wohl war“, sagte Butt, klopfte ihm amüsierend auf die Schulter und verließ den Saal. Micha blieb in seinem Bürostuhl sitzen und blickte ihn nachdenklich hinterher.
In den darauffolgenden Wochen war der Niedergang auch auf den Straßen sichtbar. Das Maß war voll. Die Verlierer dieser Wirtschaftskrise versammelten sich zu Großdemonstration, nachdem die Banken immer mehr Geld für Rettungsmaßnahmen zu Verfügung bekamen aber die Unternehmen pleitegingen. Die Arbeitslosenquoten schossen drastisch in die Höhe. Ausgehend von Italien über Frankreich bis zum Ruhrgebiet, erreichte das Chaos nun die Finanzmetropole Frankfurt. Molotowcocktail und Steine waren die Waffen der Demonstranten. Wasserwerfer und Tränengas die der Polizei. Der Börsenzusammenbruch war dabei nicht einmal das Schlimmste. Aber als ein Banker im Fernsehen die momentaner Lage als überspitz bezeichnete und das Leben als Schön beschrieb, brachte er damit das Fass zum Überlaufen.
Micha las am Frühstückstisch die Süddeutsche Zeitung, die ein pubertärer Zeitungsjunge jeden Tag in seinem Apartment zustellte. Er konnte nicht gut schlafen. Und so saß er um fünf Uhr am Küchentisch, trank Kaffee und studierte die Börsenkurse vom Vortag. Seine Stimmung war gedrückt. Sechs Mitarbeiter von Marcks wurden entlassen. Alle aus seiner Abteilung. Micha wartete jeden Tag darauf, auch seinen Schreibtisch räumen zu müssen. Was sollte er dann machen? Dass er sich mal so eine Frage stellen müsste, hätte er niemals gedacht. Investmentbanker war der Beruf, wo nicht nur das Geld zu fließen versprach, sondern der auch gefragt war.
Fünfzigtausend Demonstranten versammelten sich gestern Abend vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, und schwollen bis in die Nacht auf hundertfünfzigtausend an, entnahm er der Zeitung. Micha war wegen den täglichen Nachrichten nicht nur besorgt, er hatte Angst. Die Lage war unerträglich.
Gegen sieben Uhr verließ er sein Apartment und fuhr mit seinem silbernen BMW in die Firma. Hier bot sich das gleiche Bild wie vom Vortag. Die Leute ließen die Köpfe hängen, sprachen kaum und dachten an ihre Zukunft, an ihre Familie, den Hauskredit, den abzuzahlenden Mercedes und die Privatschulen ihrer Kinder. Sollte ihr gut organisiertes Leben mit einem Absturz enden?
„Was gibt’s neues?“, fragte Micha einen der Händler beiläufig.
„Butt wurde entlassen.“
Micha sank sprachlos in seinem Stuhl. Seinen Mentor? Wie konnten sie einen der besten von Marcks entlassen? Wenn er ging, wer würde ihm nachfolgen? Micha sah zum leeren gläsernen Büro.
„Wo ist er?“
„Oben beim Chef.“
Micha schaltete seine drei Monitore an und sah sich die Charts von einigen Unternehmen an. Der Vormittag schleppte sich dahin, ohne das sich was spannendes ereignete. Immer wieder wandte er seinen Blick in Butts Büro. Aber er kam nicht. Butt verschwand aus dem Unternehmen wie ein Geist aus der Flasche.
Der Tag neigte sich dem Ende zu und die ersten Mitarbeiter verließen den Händlersaal. Im Gegensatz zu früher ging Micha nicht als letzter. Er sah darin keinen Sinn mehr. Marcks löste sich praktisch auf. Ein Bankrott war mehr als wahrscheinlich. Einst ein Rekrutierungslager für Spitzenbroker, nun ein Symbol der Apokalypse. Das wichtigste Ziel des Ausbildungsprogramms, sie zu drillen um Geld zu scheffeln, welches jeder Mitarbeiter absolvieren musste, erwies sich als gescheitert. Micha schaltete seine Monitore aus und steckte noch einige ungelesene Berichte ein, als der nervigste aller Arbeitskollege auf ihm zustürmte und ihn fast umrannte. Micha schüttelte ihn energisch ab, richtete seinen Anzug und strafte dem grade aus dem Ausbildungsprogramm entflohenen Mann mit einem bösen Blick.
„Ich will kaufen“, sagte er außer Atem.
„Jetzt?“, fragte Micha fassungslos.
„Ja. Wir sollten jetzt zuschlagen. Der Markt ist ausgebombt. So billig bekommen wir die Aktien nie wieder.“
„Du musst noch eine Menge lernen. Die Aktien werden noch ein Weilchen unten bleiben.“
Der junge Mann schüttelte energisch den Kopf. Er konnte nicht fassen, dass ein guter Händler wie Micha die Chance auf hohe Gewinne nicht sah. Galt er doch als ein Naturtalent bei Marcks.
„Hör auf mich. Die Hälfte deiner privaten Anteile laufen auf Kredit. Wenn du jetzt verkaufst, hast du zwar alles verloren aber keine Schulden“, sagte Micha eindringlich.
Umsonst. Der junge Banker jagte zwischen den Händlertischen, als ob er von Micha davonlaufen wollte. Micha konnte grade noch sehen, dass er auf den Flur rannte, die Tür von Butts Stellvertreter aufriss, hineinsprang und sie krachend hinter sich zuwarf.
Der wird im Schuldenturm enden, dachte Micha und lief auf dem Parkplatz. Vor seinem BMW klingelte sein Telefon.
„Kamp hier!“
„Micha, hier ist Susan.“
Seine Schwester klang aufgebracht. Ihre Stimme zitterte.
„Was ist los?“, fragte er als Susan einen Moment schwieg.
„Hier ist die Hölle los. Sie ziehen durch die Straßen und zerschlagen alle Scheiben.“
„Was?“
„Sie plündern, Micha. Hier ist die Hölle los…“
Die Verbindung brach zusammen. Micha rief sie zurück, ohne Erfolg. Er setzte sich ins Auto und schaltete das Radio an.
„Wir unterbrechen die Sendung für die Ereignisse, die sich in diesem Moment in Frankfurt und teils in andere deutschen Großstädte ereignen. Im Großraum Frankfurt eskaliert die Demonstration in nackte Gewalt. Tausende vermummte Demonstranten marschieren in Richtung Bankenviertel und zum Rathausplatz. Mehrere Geschäfte und das CDU Parteigebäude stehen in Flammen. Polizeiwachen und andere staatliche Stellen wurden gewaltsam gestürmt. Dabei wurden unter anderem auch Waffen erbeutet. Der Mob hat ebenfalls die ersten Radiosender übernommen. Wir bitten die Bevölkerung daheim zu bleiben. Auf den Straßen ist die Anarchie ausgebrochen….“
Das Telefon klingelte erneut.
„Susan“, brach es aus Micha heraus.
„Ja…“
„Hör mir zu. Verlass die Stadt und fahr zur Mama. Am besten sofort.“
„Das geht nicht. Diese Verrückten blockieren die Kreuzung.“
„Bleib wo du bist. Ich komme“, sagte Micha, legte auf und fuhr los. Er bog links in die Straße und raste die Hauptstraße entlang. Der Weg zu Susan würde an seinem Apartment vorbeiführen und gäbe ihm die Gelegenheit Bargeld zu holen. Wer wusste schon was noch alles in dieser Nacht geschah. Auf der Hauptstraße zerstörten Randalierer bereits die Sparkassenfilialen. Steine flogen auf sein Autodach, als er mit achtzig Stundenkilometer an ihnen vorbeifuhr. Fünfzehn Minuten später erreichte er sein Wohnviertel und blieb zweihundert Meter vor seinem Apartment stehen. Vor wenigen Augenblicken richteten sich seine Gedanken an Susan und ob er noch rechtzeitig bei ihr ankam. Jetzt waren diese Gedanken wie weggewischt. Der Mob war hier! Hier in seiner Straße. Und es sah so aus, als ob er an einem großen Wutanfall litt. Aus den Gebäuden seiner Nachbarschaft schlugen Flammen. Stehen gelassene Feuerwehrwagen versperrten die Straße. Der Mob hinderte die Beamten die Gebäude zu löschen und attackierte sie mit Flaschen und Steine.
„Lasst sie brennen!“, skandierten die Vermummten.
Micha legte den Rückwärtsgang ein und fuhr mit quietschenden Reifen rückwärts die Straße zurück. Aber nach fünfzig Meter war Schluss. Hinter ihm gruppierten sich mehrere Dutzend gewaltbereite Schläger. Eisenstange, Baseballschläger, Steine und wütende Gesichtsausdrücke, ließ Micha in Panik versetzen. Er bremste scharf, stieg aus dem Wagen und rannte los. Der Mob ließ sich dieses Spiel nicht entgehen und spurtete hinterher. Micha, der viel Zeit für seine Fitness aufbrachte, sprintete in die nächste Hauseinfahr und sah sich im Hinterhof verzweifelnd nach einem Fluchtweg um.
„Da lang!“, hörte er die Schreie seiner Verfolger.
Micha preschte zwischen den Büschen hindurch, bis er zu einer drei Meter hohen Mauer kam. Dahinter, dass wusste er, war eine große Umgehungsstraße, welche die Lastwagen um die Wohnvierteln führte. Mit seinen feinen Fingern aber kräftigen Armen schaffte er es auf die Mauer. Als er oben saß, traf ihn ein Pflasterstein an der Schulter. Mit einem lauten Schrei fiel er auf die rettende Seite der Mauer hinunter und landete in einem Dornenbusch. Micha stöhnte. Sein Rücken schmerzte, an seine Schulter klaffte eine blutende Wunde und der Kopf dröhnte. Er versuchte aufzustehen. Einmal, zweimal. Beim dritten Mal klappte es und er torkelte die verwaiste Straße entlang. Seine Verfolger hörte er nicht mehr. Nach mehrmaligen Rückblicken war er sich sicher, dass es keiner über die Mauer geschaffte hatte. Vermutlich zog es auch keiner ernsthaft in Betracht die Mauer zu bezwingen, wenn doch auf der Straße weitere vermeidliche Opfer zu finden waren, überlegte Micha. Der Lärm war noch gut zu hören und der dämmernde Himmel vom gelbroten Feuer durchzogen, als er sich zum ausruhen hinsetzte. Er kramte sein Handy aus der Innentasche seines Jacketts hervor und drückte den Wahlwiederholungsknopf.
„Hallo?“, brüllte Susan ins Handy. Der Lärmpegel war so laut, das man kaum ihre Stimme von den Nebengeräuschen unterscheiden konnte.
„Susan?“
„Micha, hol mich ab, bitte“, fehlte sie.
„Wo bist du?“
„Ich bin vor meinem Laden. Sie haben mir meine Handtasche geklaut. Meine Papiere und mein Geld sind weg.“
„Versuch da wegzukommen.“
„Sie sind…“, schreie drängte sich dazwischen. Es waren Frauen die schrien, Kinder die jammerten und das Grölen des Mobs, die das Telefonieren fast unmöglich machten.
„Jetzt… Polizisten angezündet. Sie brennen… Micha, brennen…!“, kam es vereinzelnd aus dem Handy.
Micha schauderte. Er wollte loslaufen, aber seine Beine versagten. Es hatte kein Auto mehr und mit seinen geschundenen Körper kam er nicht weit.
„…Oh mein Gott, die Polizei zieht sich zurück.“
„Versuch mit der Polizei zu gehen“, sagte er. Aber Susan war zu aufgebracht und reagierte nicht auf seinem Rat.
„Sie kreisen uns ein. Sie kommen, sie kommen….“ Die Verbindung brach ab. Micha drückte erneut mehrmals den Wahlwiederholungsknopf, aber vergeblich. Er versuchte sich ein Bild von Susans Lage zu machen und was möglicherweise grade passierte. Doch ein klares Bild entstand nicht. Heute war Dienstag. Der umsatzstärkste Tag von Susans Friseursalon. Ihre Kunden sind hauptsächlich gutbetuchte Frauen, die das Geld ihrer Männer im hohen Bogen aus dem Fenster warfen und gerne über andere lästerten, die sich ihren eigenen Lebensstil nicht leisten konnten. Susan hasste diese Damen der Oberschicht. Aber für das Geld ließ sie diesen Hochmut über sich ergehen. Normale Kunden waren für sie keine Alternative. Micha riet ihr vor zwei Jahren, als sie sich mit einem Friseurladen selbstständig machte, sich der Oberschicht zu widmen. Mit einem durchschnittlichen Salon konnte man einfach kein Geld verdienen, trichterte Micha ihr ein. Er half ihr auch, bei der Wahl des Standortes. Es war eine belebte Straße. Das Bankenviertel und die Einkaufspassagen nicht weit entfernt.
Micha rappelte sich wieder auf und schlürfte die Straße weiter bis die Dunkelheit einbrach. Hin und wieder, irrten hilflose Gestalten, wie er selbst, herum. Wegen der schrecklichen Ereignisse machte jeder einen großen Bogen um fremde Personen. Abseits jeder Ansammlung von Menschen schlief er in den Büschen einer Straße wo keine Wohnhäuser standen. Die Nacht war kalt. Er fröstelte und deckte sich mit seinem Jackett zu.
Zwei Tage dauerte die Odyssee durch Frankfurt. Dann erreichte er das Umland. Auf einem Hügel hielt er an, drehte sich um und sah zur Stadt hinab. Die Aussicht war grandios und schrecklich zugleich. Rauchschwaden stiegen über die Stadt empor und ließen die verehrenden Auswirkungen des Aufstandes erahnen. Micha setzte sich ins Gras. Seine Gedanken kreisten um Susan. Konnte sie dem Mob entkommen? Tränen rannen über seine Wangen. Seine Hilflosigkeit stahl im die letzten Kräfte. Er konnte nichts für sie tun. Sein Handy funktionierte nicht mehr. Selbst wenn es funktionieren würde, käme die Verbindung so wieso nicht zustande. Und sie in diesen Wirren zu suchen, wäre auch ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Micha hoffte nur, dass Susann es bis zu den Eltern schaffte. Aber sie lebten nicht in Frankfurt. Gemeinsam sind sie in einer Kleinstadt geboren, wo die Eltern heute noch lebten und die hundert Kilometer entfernt war.
Ein Audi kam die Landstraße entlanggefahren. Micha blieb im Gras sitzen, kümmerte sich nicht um die Insassen und sah weiter auf die Rauchschwaden die über die Stadt lagen. Der Wagen hielt an.
„Alles in Ordnung?“, fragte der Fahrer.
Micha sah nicht zu ihm und antwortete nicht.
„Ist mit ihnen alles in Ordnung“, erkundigte sich der Mann erneut.
Micha sah zum Wagen. Das Auto war proppenvoll. Seine Familie mitsamt ihren Habseligkeiten, mutmaßte er.
„Mir geht es gut“, log Micha. Der Mann stieg aus dem Wagen aus und hockte sich neben ihm ins Gras.
„Sie sehen beschissen aus.“
„Kann ich mir denken“, sagte Micha.
„Wo wollen sie hin?“
„Ich weiß es nicht?“
„Sollen wir sie ein Stück mitnehmen?“
Micha lächelte und zeigte mit dem Zeigefinger auf das vollbesetzte Auto.
„Das scheint mir nicht möglich. Aber dennoch vielen Dank.“
Der Mann nickte.
„Gehen sie so weit weg wie möglich. In dieser Stadt regiert der Teufel“, sagte der Mann, klopfte Micha auf die Schulter und stieg in seinem Wagen. Mit übertriebener Eile fuhr er los und ließ Micha alleine. Nach einer Stunde Rast, erhob er sich und schleppte sich ohne Geld, Essen oder Wasser die Straße in nördlicher Richtung entlang. Und immer wieder quälten ihn zwei Gedanken. Was ist aus Susan? Und wie konnte es so weit kommen? Nach etlichen Kilometer fand er abseits der Straße eine halb verfallene Scheune. Ein guter Ort für eine Pause. Die vielen Kilometer machten ihm zu schaffen. Nicht das er ein schlechter Läufer wäre, aber der geschundene Körper, das fehlende Essen und Trinken, und vor allem die Slipper an seinen Füßen machten den Fußmarsch zu einer Tortur. Nachdem er sich eine Weile ausruhte, erkundigte er die Umgebung. Zu seiner Überraschung floss ein Bach in der Nähe. Auch ein Maisfeld fand er. Damit waren sein Durst und der Hunger nicht mehr das Problem. Micha blieb sechs Tage in der Scheune und beobachtete Unmengen von flüchtenden Autos. Hier fühlte er sich sicher, hatte genug zu essen und zu trinken. Aber für immer konnte er nicht bleiben. Daher hielt er mehrere Autos an, um die neusten Informationen zu bekommen. Nach dem was ihm die Flüchtlinge erzählten, wütete der Mob fünf Tage in der Stadt. Hunderte sind Tod oder verletzt. Die wichtigsten Einrichtungen zerstört. Plünderungen an der Tagesordnung. Die Aufstände ereigneten sich in fast allen wichtigen Großstädten. Eine Rückkehr in die Städte schlossen alle aus. Diejenigen die ein Auto und eine Zufluchtsstätte besaßen, flohen aufs Land. Micha war ratlos. Sollte er es auch auf dem Land versuchen? Aber wo? Er kannte keinen der auf dem Land lebte. Und was könnte schon ein Investmentbanker auf dem Land tun? Nachdem er genug Neuigkeiten erfuhr, lief er mit hängendem Kopf zur Scheune zurück. Micha sah an sich herunter und begutachtete seinen schmutzigen und zerrissenen Anzug. Auf einem Grashalm kauend, sah er aus einem Loch in der Scheunenwand, wo Füchse und Mader ein und ausgingen.
Er häufte kleine Äste übereinander, legte etwas Reisig drunter und zündete mit dem Feuerzeug ein Feuer an. Mit einem Aluminiumtopf, den ein übereilter Autofahrer vom Dachgepäckträger verlor, kochte er die gestohlene Kartoffel und Maiskolben. Auch den einen oder anderen Blumenkohl ergatterte er. Brombeeren und Bucheckern standen ebenfalls auf seinem Speiseplan. Zum Glück spendierte Marcks vor einem Jahr einen Survivalskurs. Die Bosse dachten, dass es eine gelungene Abwechslung im Alltagsgeschäft sei. Außerdem sollte es den Biss der Händler schärfen. Micha war zwar kein Experte, aber dass er sich ein wenig helfen konnte beruhigte ihn.
Einige weitere Tage verbrachte er in der alten Scheune. Der Flüchtlingsstrom hielt noch fünf Tage an. Dann brach er ab. Micha näherte sich ein wenig der Stadt und hörte vereinzelnd Schüsse. Dann näherten sich schnell Motorengeräusche. Eine lange Kolonne von Militärlastwagen bretterte die Straße entlang. Micha stellte sich ihnen in den Weg und hielt die Kolonne an.
„He, was soll denn das? Geh aus dem Weg!“, schrie der Fahrer des ersten Lastwagen wütend. Die Soldaten trugen die volle Kampfmontur. Michas Militärzeit lag zwar schon einige Jahre zurück, aber er spürte Anspannung. Micha ging zum Führerhaus.
„Können sie mir sagen, wie es in der Stadt aussieht? Kann man wieder zurück?“
Der Soldat schaltete den Motor aus und sah von seinem Sitz zu im hinab.
„Ich glaube das wäre nicht clever.“
„Ist der Mob denn noch unterwegs?“
„Der Mob ist momentan das kleinste Problem“, sagte der Oberfeldwebel und sah unsicher zu seinem Beifahrer, einen Oberleutnant.
„Was meinen sie damit?“
„Wissen sie es noch nicht? Seit dreißig Stunden befinden wir uns im Krieg.“
„Was!“
„Die Russen sind überall in Europa über die Grenze marschiert. Angeblich um die Unruhen zu bekämpfen. Sie sagten, dass die Waffen der westlichen Staaten, den Aufständischen nicht in die Hände fallen dürften. Das gefährdete den Weltfrieden.“
„Soll das ein Scherz sein?“, fragte Micha ernst.
„Vor fünfzehn Stunden passierten sie die tschechische Grenze und steuern jetzt auf Frankfurt zu.“
Micha schluckte und sah von einem Soldaten zu anderen. Dann starrte er zum Himmel, wo ein Bussard seine Bahnen flog. Der Oberfeldwebel startete den Motor, legte den ersten Gang ein und wollte grade losfahren, als Micha die Hand hob.
Schwach grollte das Artilleriefeuer in der Ferne. In langen Reihen schlängelte sich der Strom aus Soldaten am Rheinufer entlang. Abgerissen sahen sie aus. Manche trugen Teile einer Kampfmontur. Andere liefen in privaten Jeans und Turnschuhe herum. Die frisch Eingekleideten waren die Glücklichsten. Sie schafften es aus den Kasernen auszurücken, bevor Kampfflugzeuge die Anlangen in Schutt und Asche legten. Köln lag noch fünfzig Kilometer entfernt. Michas Kompanie marschierte bereits den fünften Tag in Folge und an seinen Füßen schmerzten frische Blasen. Michas G36 hing locker über seiner Schulter. Sein Helm hing an einem Karabiner an der linken Seite seiner Koppel. Einen Rucksack besaß er nicht, stattdessen wickelte er seine Habseligkeiten in einer Armeedecke ein, die er sich auf dem Rücken band. Diese Technik erprobte er in dem letzten Jahr besuchten Survivalkurs. Stiefel und einen Tarnanzug bekam er vor zwei Wochen. Drei Lastwagen hielten an einer Waldstraße, wo Michas Gruppe lagerte, und warfen Kisten mit Uniformen, Kochgeschirre, Koppeln, Waffen und Munition hastig auf die Straßen.
Neidisch musterte die anschwellenden Masse von Soldaten seine Uniform. Besonders die Leute die in Jeans und T-Shirt marschierten, sahen ihn mit verachtender Miene an, so dass Micha einen gewissen Abstand hielt. Nach weiteren drei Stunden Fußmarsch verlangsamte sich die Menschenkolonne und blieb dann stehen.
„Was ist denn los?“, fragten mehrere genervt. Sie hassten das Warten. Alle hassten das Warten. Besonders wenn sie keine Deckung hatten und ein leichtes Ziel für Luftangriffe waren. Micha setzte sich auf einen Grashügel. Die Sonne brannte auf seinen Kopf. Seine Arme wiesen schon erhebliche Verbrennungen auf und er sah sich gezwungen die Ärmel seiner Feldbluse herunterzukrempeln. Sie hatten sich vom Rhein entfernt, so dass er ihn nicht mehr sehen aber immer noch sein speziellen wohlfühlenden Geruch riechen konnte.
„Wir rasten hier. Sucht euch ein schattiges Plätzchen. Nicht das ihr mir sonst noch schlapp macht. Es ist noch ein langer Weg“, sagte der braungebrannte Oberfeldwebel Gloß zu seinen Leuten.
Der Zugführer war Micha sympathisch. Er kümmerte sich um seine Leute und vergab keine Arbeit ohne auch Hand anzulegen. Er wusste nicht viel über ihn, aber Gloß war beliebt. Die Männer akzeptierten seine Befehle, und das war ihm wichtig.
„Wohin geht es eigentlich?“, fragte ein Gefreiter, der niemals den Mund hielt und ständig Fragen stellte.
Gloß ignorierte die ihn und verschwand zur Kompaniebesprechung.
„In die Hölle“, scherzte der hünenhafte Kowalski und fing an sein Maschinengewehr zu reinigen.
Micha achtete nicht auf seine Kameraden und hatte wenig Kontakt zu denen, mit dem er in die Schlacht ziehen sollte. Andere Züge rückten nach, überholten sie und rasteten zweihundert Meter weiter. Ein leichtes Ziel für die feindliche Luftwaffe. Hätte der Russe eine Ahnung, würde er sich das Fressen nicht entgehen lassen. Sie sollten schnell weiter, überlegte er. Umso länger sie an einer Stelle verweilten, desto gefährlicher wurde es. Er holte ein Apfel aus seiner zusammengerollte Decke heraus, säuberte ihn mit dem Ärmel und biss hinein. Der Saft rann sein Kinn hinunter und für einen Moment vergaß er wie die letzten Wochen sein Leben veränderten.
Fünf Meter neben in saß der junge Klupp zitternd und sah auf ein Bild seiner Eltern hinab. Er strich mit seinen Fingern darüber und fing zu weinen an.
„Mensch hör bloß auf zu flennen“, sagte Kowalski. Doch das Schluchzen verstärkte sich. Die vorbeizeihenden Soldaten verzogen das Gesicht und tuschelten über die Gruppe, die eine Heulsuse in ihren Reihen hatte.
„Wenn du nicht gleich aufhörst, hau ich dir eine rein“, drohte der blonde Höck fuchtelnd mit seiner rechten Faust. Aber es nützte nichts und das Schluchzen verstärkte sich. Höck stand auf und kam auf Klupp zu. Er packte ihn am Kragen und zog ihm auf die Füße.
„Das reicht!“, sagte Micha.
Keiner hatte ihn bis zu diesem Zeitpunkt beachtet. Seit seiner Ankunft vor drei Wochen blieb er stets ein Außenseiter, der keinen besonderen Wert auf Gesellschaft zeigte. Doch nun starrten ihn alle mit erwartungsvollem Gesichtsausdruck an. Micha saß immer noch auf dem Boden, sah aber zu Klupp und Höck herüber.
„Sieh mal einer an. Wer macht denn hier die Schnauze auf? Kümmere dich um deine Angelegenheiten, verstanden.“
„Wenn du dich um Deine kümmern würdest, würde ich mich auch um meine kümmern.“
„Der Bengel nervt! Und ich habe kein Bock, mir das anzuhören“, knurrte Höck.
„Und deshalb gilt das Gesetz des Stärkeren?“
„Du sagst es“, grinste er und sah sein aufgewühltes Opfer mit Verachtung an. Der knapp achtzehnjährige Klupp machte keine Anstalten sich zu wehren und wischte sich mit seinem Ärmel die Tränen ab, während Höck ihm am Kragen hielt. Micha stand auf.
„Lass ihn los!“, sagte Micha ernst.
„Du willst wohl auch eins aufs…“
„Was ist hier los?“, schrie Gloß und stand plötzlich in der Mitte der Gruppe.
„Die Nerven“, sagte Micha kaum hörbar und setzte sich wieder auf seinem Platz. Auch Höck und Klupp setzten sich wieder hin. Gloß guckte unsicher in die Runde. Zeichner, der den Oberfeldwebel begleitete, schmunzelte und blickte verstohlen zu Micha. Der Hautgefreite setzte sich drei Meter neben Micha. Er sah den angebissenen Apfel, den Micha immer noch in der Hand hielt und kramte in seinem Rucksack nach dem seinen. Als er ihm fand, biss er so herzhaft hinein wie Micha zuvor.
„Wie wäre es mit einer Wette du Scheißer“, sagte Höck, als Gloß außer Hörweite mit einem seiner Gruppenführer sprach. Micha ignorierte Höck und rollte seine Decke neu zusammen, um sie besser tragen zu können. Die restlichen Männer der Gruppe waren hingegen hellhörig und begeistert über die kleine Spannung zwischen den beiden. Ein bisschen Abwechslung tat ihnen ganz gut.
„Was für einen Wette“, wollte einer der Jungs wissen.
„Ich überlebe den Krieg, er nicht“, sagte Höck und zeigte auf Micha.
„Und was willst du einsetzten?“, fragte Kowalski.
„Derjenige der überlebt, darf vom anderen sein ganzes Zeug behalten“, schlug Höck vor. Die Männer murmelten und tauschten neugierige Blicke. Am Ende sahen sie alle zu Micha, der überhaupt nicht zuzuhören schien.
„Manchen Leuten sieht man es einfach an, dass sie es nicht schaffen. Und er sieht so aus, als ob er in seinem Leben noch nie etwas auf die Beine gestellt hat. Das ist eine ganz arme Kirchenmaus, sag ich euch.“ Die Männer lachten.
„Sammeln!“, schrie Gloß.
Die Männer brauchten sich aber gar nicht erst bewegen, denn Gloß baute sich bereits in ihre Mitte auf, damit alle ihn hören konnten und die anderen beiden Gruppen kamen ebenfalls und ließen sich bei Micha ins Gras fallen.
„Zuhören! Wir haben neue Befehle erhalten. Aber vorerst die aktuelle Lage. Ihr wisst alle wie es noch vor kurzem aussah. Die Russen sind seit der Invasion überall auf wenig Gegenwehr gestoßen und durchgebrochen…“
