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Ein Tag, an dem alles enden soll …. Völlig entwurzelt und mit gänzlich erloschenem Lebensmut steht Peter Knebel in wörtlichem Sinne am Rande des Abgrundes. Als einziges Hindernis zum Schritt in die vermeintliche Erlösung stellt sich ein ominöser Fremder heraus, der plötzlich am Berggipfel auftaucht und ihm nicht mehr von der Seite weicht. Wer ist dieser penetrante, mysteriöse Wanderer, der sich zunehmend Zugang zu Peter verschafft und ihn dazu bewegt, in Erinnerungen einzutauchen, die dieser in den dunkelsten Ecken seines Herzens begraben glaubte? Eine tragische Lebensgeschichte sickert ans Tageslicht, die fehlenden Mut, falsche Entscheidungen und schicksalhafte Wendungen beinhaltet. Ein Leben, das geprägt ist durch familiäre Zurückweisung, verlorener und unerfüllter Liebe, und sich zuspitzender Verzweiflung. Doch die Ereignisse und Gespräche auf dem Berggipfel, besonders aber die von Lebenserfahrung und Weisheit geprägten Ansichten des Bergsteigers Paul lösen unerwartete Erkenntnisse und Reaktionen in Peter aus, mit denen er niemals gerechnet hätte. Und sie verändern einfach alles. Vor allem, dass es unbedingt notwendig ist, Korrekturen in den eigenen Glaubenssätzen, Ansichten und Blickwinkeln durchzuführen, um nicht das Kostbarste wegzuwerfen, was ein Mensch besitzen kann: Lebensfreude, Liebe und die Hoffnung.
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Seitenzahl: 540
Veröffentlichungsjahr: 2026
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AM ABGRUND
Ein Tag, der alles verändert
ANGELA SIX
Roman
Widmung
Für meinen Vater, der stets meine Sinne für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens schärfte.
„Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
(Gelassenheitsgebet)
Gegenwart, 1. April, 07:45 Uhr
Es gibt Tage, zugegebenermaßen wenige, an denen man bereits am Morgen nach dem Aufwachen das untrügliche Gefühl verspürt, dass genau an diesem Tag etwas passieren wird, das das weitere Leben drastisch verändert. Intuition, eine Warnung des Unterbewusstseins oder, wie in meinem Fall, eine wohlüberlegte Planung.
Ich stehe am Abgrund.
Nicht im übertragenen Sinn, sondern in der harten, steinigen Realität eines kargen Berggipfels inmitten des oberösterreichischen Salzkammerguts. Ein winziger Schritt nur, und ich befinde mich in freiem Fall für geschätzt 70 Meter. Direkt vor meinen Schuhspitzen tut sich eine bedrohliche und gleichzeitig verheißungsvolle Weite auf. Bei Sonnenaufgang trat ich den mühsamen Aufstieg an. Ein weniger lebensmüder Mensch würde diese morgendliche, erwachende Naturkulisse als atemberaubendes Bergpanorama bezeichnen. Der felsige Abhang, an dessen Grat ich leicht schwankend stehe, ist derart steil, dass nicht absehbar ist, wann, wo, und wie man gebremst werden würde. Fest steht hingegen, dass meine bisherige Lebensform außer Zweifel dort unten irgendwo enden wird.
Das Leben ringsherum prallt an mir ab. Die Schönheiten der Natur haben nicht die geringste Chance, meinen Tunnelblick zu durchbrechen. Ich nehme die zarten Frühblüher nicht wahr, die sich durch die letzten Schneereste kämpfen. Ignoriere die Insekten, Käfer und andere Flattertiere, die den Frühling spüren und die ersten wärmenden Sonnenstrahlen freudig begrüßen. Im Gegenteil, ich finde das energiegeladene Summen und Brummen lästig. Das aufgeregte Frohlocken der Vögel geht mir auf die Nerven und bohrt sich wie purer Hohn in meine Gehörgänge. Mein linkes Auge zuckt. Wie immer, wenn ich emotional angespannt bin. Diesen Tic habe ich seit der Kindheit. Einer von vielen.
Ich blicke hinab auf meine Schuhe. Klobige Bergschuhe in Größe 45, die ihre besten Tage augenscheinlich hinter sich haben. Dennoch verfügen sie über ein intaktes, geländetaugliches Profil und lassen erstklassiges Material und Fertigungsqualität erkennen. Ich schaue wieder auf und betrachte langsam von links nach rechts mein Umfeld.
Gleißende Berggipfel, die in der Morgensonne glänzen, bedeckt von unterbrochenen Schneefeldern, die alsbald der Vergangenheit angehören werden. Schattige Täler, gefüllt mit dem noch verhaltenen Grün der Nadelbäume zu dieser Jahreszeit. Bald wird sich frisches, helles Grün dazwischen mischen, wenn die Buchen und verwandte Laubbäume ihre Säfte sprießen lassen. Ein Bergbach, der das Schmelzwasser in den nahegelegenen See transportiert. Parallel dazu die Forststraße, die sich am gegenüberliegenden Berghang wie ein Regenwurm schlängelt. Rechts neben mir ragt ein naher, annähernd gleich hoher Gipfel auf wie die Spitze einer Messerklinge. Es scheint, als bräuchte ich nur die Hand auszustrecken, um das schmale, schmiedeeiserne Gipfelkreuz darauf zu berühren.
Friedliche, jungfräuliche Idylle und naturgegebene Anmut umgeben mich – und trotzdem stehe ich vor einer grauen, undurchdringlichen Wand. Ein Mensch mit Höhenangst hätte es vermutlich an dieser Stelle bereits hinter sich gebracht. Wenn nicht durch panikverursachte Tollpatschigkeit, vielleicht mittels Herzversagens, Ohnmacht mit Folgesturz oder ähnlich Erlösendem. Akrophobie ist jedoch eine der wenigen Angststörungen, die mein Repertoire nicht aufweist. Ansonsten habe ich mit Phobien und Panikattacken dem Psychiater meines Vertrauens ein konstantes Dauereinkommen beschert. Mit wenig Erfolg, wie mir scheint. Wäre ich ansonsten mit 46 Jahren bereits meines Lebens überdrüssig?
Erneut inspiziere ich die Wanderschuhe. Das Außenleder ist stellenweise rissig. Die Wasserdichte möchte ich keinem ernsthaften Test unterziehen, dazu hätte ich sie imprägnieren müssen. Aber sie sind angenehm zu tragen und verursachen keinerlei Blasen, denn sie wurden gut eingegangen. Nein, nicht von mir – vielmehr von meinem Großvater, der sie mir vor seinem Tod als Vermächtnis übergeben hatte. Jahrzehntelang haben sie unbeachtet und ungetragen in irgendeiner Schachtel ihr trauriges Dasein gefristet. Bis heute ...
„Schön hier oben, nicht wahr?“
Ich drehe mich erschrocken um, beinahe stolpere ich über die eigenen Füße und absolviere eine ungelenke Drehbewegung.
Eine kräftige Hand umschließt meinen Oberarm. „Vorsicht. In den Bergen muss man sich immer der Gefahren bewusst sein.“
Ich finde dank der Hilfe mein Gleichgewicht wieder und trete einen Schritt zurück. Schade eigentlich ...
Ich fühle mich ertappt und unangenehm berührt von dieser Person, die mich in solch einem entscheidenden und intimen Moment überrumpelt hat. Bisher war ich völlig alleine auf dem flächenmäßig begrenzten Gipfel, und der Plan sah vor, das auch zu bleiben. Mein Vorhaben verdient keine Zuschauer, und noch weniger Applaus. Jetzt ist er aber da, dieser unwillkommene Störenfried, und ich betrachte den Resonanzkörper jener Baritonstimme näher.
Der Mann, der unangenehm nah neben mir steht, scheint altersmäßig zwischen 60 und 70 Jahren zu liegen. Er trägt zweckmäßige, alpine Kleidung und Ausrüstung bester Qualität. Sogar ein Kletterseil hängt an seinem Rucksack. Er ist geschätzt 1,80 Meter groß und hat jene hagere, aber dennoch durchtrainierte und sehnige Statur eines Menschen, der körperliche Betätigung und Sport fix in den Tagesablauf involviert hat. Die untere Hälfte seines wettergegerbten, gebräunten Gesichtes ist von einem grauen 5-Tage-Bart verdeckt. Das Herausstechende in seinem Antlitz sind die auffällig hellen, blauen Augen, die mich interessiert mustern.
Ich kann mir schon denken, was in dem alten Bergfex vor sich geht: Wieder einer dieser dämlichen Stadtidioten, die sich selbst überschätzen, die alpinen Bedingungen jedoch sträflich unterschätzen. Letzten Endes müssen sie aus irgendwelchen Wänden oder Schluchten gerettet werden – mit Sandaletten an den blasenbedeckten Füssen, Marken-Shorts an den zerkratzten Hüften und ohne einen Tropfen Wasser im Gepäck.
Derart unsachgemäß bin ich nicht ausgestattet, aber von einer funktionalen Topausrüstung trennen mich mein Golf-Polo-Pullover, meine schlichte Baumwollhose und die wenig saugfähigen Jeanssocken. Das einzige, wirkliche Merkmal eines echten Bergsteigers sind die getragenen, alten Schuhe von Opa. Aber zugegebenermaßen praktiziere ich hier und heute keine wohldurchdachte Bergtour. Das Erreichen dieses Gipfels war die einzige Zieletappe. Ein sicherer und unfallfreier Abstieg war nicht inbegriffen – ganz im Gegenteil.
„Ja ... ganz toll“, erwidere ich wenig begeistert und überlege, wie ich den Alten schnellstens wieder loswerde.
Der hingegen scheint sich für einen längeren Aufenthalt bereit zu machen, denn er wälzt den riesigen Rucksack von den Schultern und sieht sich suchend nach einem geeigneten Sitzplatz um. Nachdem er fündig wird, stellt er sein Gepäck nieder und kramt anschließend eine kleine Sitzmatte heraus. Dann lässt er sich – geschmeidig wie ein Leichtathlet – darauf nieder und begibt sich in den Schneidersitz.
Ich stehe ratlos daneben und erkenne, dass eine sofortige Umsetzung meines Vorhabens nicht realisierbar ist, und so verdrehe ich innerlich die Augen, stoße einen Seufzer aus und setze mich neben den unerwünschten Gipfelgefährten. Wird hoffentlich nicht ewig dauern, seine Rast ...
Der ältere Mann wickelt ein Pausenbrot aus einer zerknitterten Papiertüte und beißt genüsslich ab, wobei ein Stück Speck zwischen seinen Zähnen hängenbleibt. Während er schmatzend kaut, sieht er mich an und meint: „Eigentlich sind wir zu spät dran. Am schönsten ist es hier oben zur Morgendämmerung. Wenn ein neuer Tag heraufzieht und Himmel und Erde in sämtliche Farben der Natur getaucht sind.“
Pah, denke ich, welch schwülstiges Geschwafel! Ich kann mir einen Sonnenaufgang in luftiger Höhe dank Dokumentationen und Fotos sehr wohl vorstellen. Persönlich habe ich ihn öfter erlebt, als mir lieb ist: nach meinen unzähligen schlaflosen Nächten. Allerdings erschien mir dieses Morgengrauen immer als dunkler, unheilvoller Vorbote. Für mich ist die Ableitung des Wortes klar und eindeutig definiert: Mit GRAUEN erlebe ich den MORGEN. Ich sah auch selten die vielgepriesene Farbskala, nicht das kleinste Anzeichen von Blassrosa oder einem Hauch von Pfirsich. Nur heller werdende Nuancen von Grau, die das Heraufdämmern eines weiteren, düsteren Tages ankündigten.
„Hast du je von einem Gipfel aus den Sonnenaufgang beobachtet?“, unterbricht der Sitznachbar meine trüben Gedanken.
„Nein“, antworte ich kurz.
„Dann solltest du das unbedingt nachholen.“ Wieder wandert ein kleingekautes Stück Speckbrot seine Speiseröhre hinab und sein in den Himmel gerichteter Blick verklärt sich.
„Dieses Erlebnis ist wie eine Geburt. Die Ankunft eines neuen Tages.“
Seine Worte lösen irgendetwas in meinem Unterbewusstsein aus. Ich lehne mich mit dem Rücken an den Felsen, vor dem ich sitze und schaue nun ebenfalls in den Himmel. Er nimmt langsam jene tiefe Bläue an, die einen paradiesischen, sonnigen Frühlingstag verspricht.
Geburt ... Der Anfang meiner Irrfahrt ...
Meine Geburt, 23. Oktober 1973
Schon den Start in mein Leben als Peter Knebel am 23. Oktober 1973 konnte man beim besten Willen nicht als Routinevorgang bezeichnen. Es schien, als wollte ich mein Erscheinen bei den Sauerstoffatmern so lange hinauszögern wie möglich. Die Erschütterungen, die mit der Einleitung der Geburt einhergingen, bescherten mir den ersten Schock meines bis dahin von Geborgenheit und Ruhe dominierten Gebärmutterdaseins. Die wohlige und schwerelose Blase des Aufenthalts geriet zunehmend in Wallung und drückte mich immer stärker einer ungewissen Zukunft entgegen. Ich strampelte derart mit den kleinen Händchen und Füßchen dagegen an, dass ich mich auf gefährliche Weise in der Nabelschnur verhedderte. Ich schaffte es sogar, einen Knoten zu fabrizieren, welcher in der Folge sowohl mir als auch der Gebärenden das Leben zusätzlich erschwerte.
Meine Eltern hatten sich für eine Hausgeburt entschieden, daher war nur eine ältere Hebamme und mein Vater anwesend. Diese Geburtshelferin aus dem Nachbarort, damals um die 60 Jahre alt und Verfechterin der rohen Gewalt, hatte mir viele Jahre später ausführlich die Details meiner ungewöhnlichen Geburt geschildert. Sie malträtierte also den riesigen Bauch meiner Mutter, teilweise kniete sie sogar darauf, nur um mich aus der Gebärmutter zu quetschen. Wie den letzten Rest Zahnpasta aus einer Tube. Die Entbindende ächzte und stöhnte angesichts der immensen Schmerzen und Strapazen, doch kein Wort kam über ihre Lippen. Mein Vater stand hilflos daneben und tupfte gleichmäßig mit einem geblümten Geschirrtuch ihre schweißnasse Stirn von links nach rechts.
Nach stundenlanger Tortur rutschte ich schlussendlich in diese kalte, fremde Welt – um den Hals die Nabelschnur gewickelt. Meine Hautfarbe entsprach nicht dem üblichen Rot eines Hummers, sondern erinnerte an Alpenveilchen. Die Hebamme nahm sich der Würgeschlange sofort an und entfernte sie von mir, trotzdem ließ ich mir mit dem Atmen beunruhigend lange Zeit. Die Alte hinterließ bei ihren Versuchen, mich zur Atmung zu animieren, einige blaue Flecken auf meinem neugeborenen zarten Körper, bis endlich der erste klägliche Schrei ertönte.
Die Schreie nahmen an Intensität zu, als die ruppige Geburtshelferin mich wenig später in eine Wanne mit eiskaltem Wasser tauchte. Die Flüssigkeit in den soeben aktivierten Atemwegen, sowie die plötzliche Kälte verursachten den zweiten Schock meines bis dahin so kurzen Lebens.
Meinem Vater habe ich es wohl zu verdanken, dass ich das frühkindliche Stadium überhaupt überlebt habe, denn er trat neben die Hebamme und nahm sich meiner an, indem er mich dem Tod durch Ertrinken und Unterkühlung entriss und in eine warme Decke wickelte. Dies rang meiner Mutter, die sich scheinbar augenblicklich von den Strapazen der Geburt erholt hatte, ein verächtliches Seufzen ab: „Verweichliche den Kleinen doch nicht jetzt schon!“
Dieser Ausspruch war prägend für unsere gesamte spätere Mutter-Sohn-Beziehung.
Meine Mutter wurde am 4. Dezember 1945 als Ruslana Rainow im nordsibirischen Tiefland geboren. Ihre Eltern, Lev und Olga Rainow, lebten in bescheidenen Verhältnissen mit ihr und ihrem älteren Bruder in der Hafenstadt Dudinka. Während ihr Vater im heimischen Hafen als Verlader seinen kargen Lohn verdiente, fuhr Mutter Olga zweimal die Woche mit dem Bus in die hundert Kilometer entfernte Industriestadt Norilsk, um dort in einer Fabrik am Fließband ein paar Zusatzbrötchen zu verdienen. Ruslana musste sehr früh Verantwortung für sich und ihre Familie übernehmen. Die ärmlichen Verhältnisse, die harten Lebensbedingungen und nicht zuletzt das subarktische Klima hatten aus ihr eine extrem widerstandsfähige, durchsetzungsstarke und zielorientierte Kämpferin gemacht. Die lange andauernden, eisigen und finsteren Winter verlangten den Menschen in Sibirien einiges ab – und tun es noch heute. Bezeichnend für sie auch der Name Ruslana, der unbestätigten Gerüchten zufolge aus der Sprache der Tataren stammt und „Löwe“ bedeutet. Als Kind kämpfte sie gegen Kälte und Hunger, als Teenager für ihr Recht, eine Sprachausbildung machen zu können. Sie setzte sich durch und zog mit neunzehn Jahren allein in die Stadt Jekaterinburg, um sich dem Studium diverser Sprachen zu widmen, unter anderem Deutsch. Sie war enorm ehrgeizig und fleißig, sodass es nicht verwunderte, dass alsbald ein hiesiges, international agierendes Unternehmen auf sie aufmerksam wurde und sie als Dolmetscherin verpflichtete. Dieser Job eröffnete ihr die Möglichkeit, über den Tellerrand Russlands hinauszublicken und andere Länder zu bereisen und kennenzulernen. Eine dieser Dienstreisen führte sie im Jahre 1971 nach Österreich, wo sie auf einer internationalen Messe in Wien auf meinen Vater traf.
Mein Erzeuger, Heribert Knebel, wurde 1946 im Sternzeichen Fische in der oberösterreichischen Hauptstadt Linz geboren. Im Stadtteil Lustenau übernahm er bereits in jungen Jahren den elterlichen Betrieb, ein florierendes Bauunternehmen, das sich im Laufe der Jahrzehnte auf die boomende Sparte des Schwimmbadbaus spezialisiert hatte. Der zunehmende Wohlstand, der den kargen und arbeitsreichen Aufbauarbeiten der Nachkriegszeit folgte, veranlasste immer mehr Hauseigentümer, in deren Gärten eine prestigeträchtige hellblaue Oase der Entspannung und Freude zu schaffen. Die Firma Knebel & Sohn erkannte recht bald, dass die Konkurrenz in diesem Nischenbereich wesentlich überschaubarer war als in der herkömmlichen Baubranche, in der nahezu täglich neue Unternehmen wie die Pilze aus dem Boden schossen. Da Opa Franz, sein Vater, sich aus gesundheitlichen Gründen zeitig aus der Unternehmensleitung zurückzog, nahm Heribert mit vierundzwanzig Jahren das Ruder und die Führung in die Hand und steigerte die Gewinne und das Team der Mitarbeiter mit wachem Verstand und visionären Entscheidungen Jahr für Jahr. Dabei war dies niemals sein Wunsch gewesen. Hätte er nicht die Bürde des elterlichen Betriebs als Alleinerbe auf seinen Schultern getragen, hätte er sich vermutlich der Kunst des Gesanges verschrieben. Als Kind trällerte er Kinder- und Wanderlieder, als Teenager gab es keinen deutschen Schlager, den er nicht astrein und textsicher wiedergab, und später entdeckte er Jimi Hendrix, Johnny Cash und die Rolling Stones für sich. Mit fortschreitendem Alter erblühte die Liebe für traurige Balladen, die seiner manchmal überhandnehmenden Melancholie ausreichend Raum boten. Und diese Zuneigung dauerte an, auch wenn er sein Talent nur beim Rasenmähen oder in Momenten des Alleinseins auslebte. Die Stimme war zwar brüchiger und schwächer geworden, was seiner Inbrunst beim Singen jedoch keinerlei Abbruch tat.
Das Naturell meines Vaters könnte man als in sich ruhend, sensibel und manchmal etwas träumerisch bezeichnen. Zuweilen verirrt er sich in seine eigene, kleine Fantasiewelt, aus der ihn gewohnheitsmäßig die Gattin mit nachdrücklicher Vehemenz und Unverständnis zurückholt. In deren langjähriger Ehe war und ist sie die treibende Kraft, die hinter sämtlichen Entscheidungen und Vorgehensweisen steht. Man könnte nun den Eindruck gewinnen, mein Vater wäre ein rückgratloser Schwächling und meine Mutter eine dominante Despotin. Ein Fünkchen Wahrheit steckt schon in dieser Annahme, allerdings weniger drastisch. Die Ehe meiner Eltern gleicht einer Symbiose, ein Begriff aus der Biologie, der ein funktionales Zusammenleben von artfremden Individuen zu wechselseitigem Nutzen beschreibt. Denn im weitesten Sinne werden Schwächen, die der eine hat, durch die Stärken des anderen kompensiert. Meinem Vater fehlt es an Entscheidungskraft, notwendiger Härte und Durchsetzungsvermögen und nicht selten an realitätsnaher Bodenhaftung. Bei meiner Mutter hingegen, die all dies im Übermaß in sich vereint, lassen sich nur spärlich Spuren von Feingefühl, Verständnis, Empathie oder Mitgefühl nachweisen. Diese beiden Menschen, die mich gezeugt haben, sind definitiv und unbestreitbar artfremd.
Da war ich nun, ein zitterndes und frierendes Bündel Mensch, das nach kaum zehnminütigem Aufenthalt in dieser Welt dem Wasser- und Erstickungstod sowie diversen Knochenbrüchen durch unsachgemäßes, grobes Handanlegen der alten Furie knapp entkommen war. Ein Produkt zweier Menschen, die aus unterschiedlicheren Welten gar nicht hätten kommen können ...
Gegenwart, 1. April, 07:50 Uhr
„Du hast eine Menge mitgenommen hier herauf.“
Ich erschrecke, als die sonore Stimme mich aus meinen Gedanken reißt und schaue dem neben mir sitzenden Mann verdutzt ins Gesicht. „Wie meinen Sie das?“, frage ich und gucke zweifelnd auf die schmale Bauchtasche hinab, die lediglich das auf lautlos gestellte Mobiltelefon, Autoschlüssel und eine Brieftasche mit etwas Bargeld, Karten und Führerschein beinhaltet. Es kann wahrlich niemand behaupten, ich hätte hier übertrieben viel heraufgeschleppt, es sei denn, ich werde veräppelt.
Der ältere Mann lächelt mich milde an. „Ich meine keine materiellen Dinge. Vielmehr, was du hier mit dir herumträgst.“ Er tippt sich auf die Stirn. „Außerdem duzen sich Menschen ab einer gewissen Höhe. Ich heiße Paul.“ Er reicht mir seine Hand.
„Ich bin Peter Knebel“, erwidere ich notgedrungen den Gruß sowie den Handschlag und hoffe, dass diese neu geschlossene Bergbekanntschaft nicht mehr allzu lange andauern wird.
„Hast du Durst?“ Paul hält mir eine Trinkflasche entgegen. Erst jetzt bemerke ich, wie durstig ich bin und lechze geradezu nach seinem Wasser, das ich mir gierig die Kehle hinunterschütte.
„Du solltest beim nächsten Mal daran denken. Trinken ist das allerwichtigste. Du bist wohl nicht oft in den Bergen?“
„Nein, bin ich nicht.“ Meine Antwort klingt harsch, weil er einen wunden Punkt bei mir getroffen hat. Versöhnlicher fahre ich fort: „Wäre ich aber gerne öfter gewesen.“
„Woran ist es gelegen? Zeit?“ Aufmerksam mustert mich der Mann und strahlt dabei eine Unaufdringlichkeit aus, die es mir schier unmöglich macht, seine Fragen unhöflich abzuwürgen.
„Ja, vermutlich. Immer war etwas wichtiger und hatte Vorrang. Meine alpinen Erlebnisse und Wanderungen kann ich an einer Hand abzählen. Die meisten davon habe ich mit meinem Großvater unternommen, als ich ein Teenager war.“
„Und als Kind? Sind deine Eltern, dein Vater, nie mit dir wandern gegangen?“
„Nein!“, ertönt es wie ein Pistolenschuss aus meinem Mund und ich wende mich mit dem Oberkörper von ihm ab. Diese Fragen berühren mich unangenehm und ich werde den Teufel tun und weiterhin seine dämlichen Quizfragen beantworten. Ich hoffe, mein Sitznachbar registriert die mangelnde Bereitschaft zur Kommunikation.
Doch dieser Mensch ignoriert geflissentlich meine Ablehnung. Als ob nichts geschehen wäre, rückt er rotzfrech noch näher an mich heran und meint: „Erzähl mir doch ein wenig aus deiner Kindheit. Was hast du gemacht, wenn du nicht wandern oder in der Natur warst?“
Dieser Kerl ist an hartnäckiger Penetranz kaum zu überbieten, nicht zu fassen! Ich überlege ein paar Sekunden, ob ich einfach aufstehen und gehen soll, entscheide mich aber sofort dagegen. Etwas Geduld nur, um Zeit totzuschlagen – so lange, bis der Kerl den Abstieg und ich in der Folge endlich den Abflug, nicht nur im übertragenen Sinne, machen kann.
Ich ergebe mich seufzend in mein Schicksal. „Was genau möchtest du denn wissen?“
„Erzähl einfach. Womit hast du dich als Kind beschäftigt, wer waren deine Freunde? Lass die Kindheit und Schulzeit auferstehen.“
„Hm ... du wirst dich langweilen. Hast du nichts Besseres vor? Kein Klettersteig, der auf dich wartet?“ Hoffnungsvoll sehne ich sein Nicken herbei.
„Überlass das getrost mir“, sagt er bedächtig und lächelt mich abwartend an. „Ich habe Zeit.“
Verdammt. Der komische Kauz scheint echtes Interesse an meiner Kindheit zu haben, weswegen auch immer. Aber okay, wenn einschläferndes Geplauder aus Klein Peterchens Nähkästchen die Dauer seiner Anwesenheit nachhaltig verkürzt, so werde ich ihm diesen Gefallen tun. Ich hole tief Luft und tauche ein in Erinnerungen, die ich längst begraben hatte ...
Eine Kronprinzessin wird geboren
Konkrete Erinnerungen reichen bis zu meinem 4. Lebensjahr zurück. Genau genommen an ein einschneidendes Ereignis, welches in der Nacht des 11. Juli 1977 stattfand: die Geburt meiner Schwester Katarina. Sie kam – im Gegensatz zu mir – mit Schwung, ohne Probleme und mit Riesengeschrei zur Welt. Kaum aus dem Geburtskanal gepresst, brüllte sie mit ihrer kräftigen Stimme sofort die Nachbarschaft aus dem Schlaf. Wiederum hatte Mutter sich zu einer Hausgeburt entschieden – nur war diesmal ein Arzt an ihrer Seite und nicht mehr wie bei meiner Geburt der ältliche Hebammenschreck. Letztgenannte betrachtete zu dem Zeitpunkt bereits die Primeln von unten, ein Krebstumor. Aber auch ohne deren Ableben hätte meine Mutter diese Wahl nicht noch einmal getroffen. Sie war weiß Gott hart im Nehmen und kaum zu ängstigen, aber letzten Endes wurde auch sie Opfer ihrer grobmotorischen Hände bei meiner Geburt.
Als das Gebrüll meiner kleinen Schwester durch unser schmuckes Zweifamilienhaus gellte, durfte ich ausnahmsweise aufstehen und in den Raum der vollzogenen Geburt eintreten. Ehrfurchtsvoll näherte ich mich mit leisen Sohlen an der Hand des Großvaters dem Bett, in dem meine Mutter mit verschwitztem Haar, aber glücklich, die kleine, schreiende Katarina in ihren Armen wiegte. Mein Vater stand neben ihr am Bett und betrachtete das Mutterglück mit feuchten, glänzenden Augen. Der Doktor, ein langjähriger Freund meines Vaters, räumte währenddessen die letzten, unansehnlichen Überbleibsel der Geburt in eine Plastikwanne.
„Komm, wir begrüßen dein Schwesterchen“, ermunterte Opa mich und zog mich näher an das Bett heran, da ich mich kaum traute, in diese spürbare Mutter-Tochter-Innigkeit einzubrechen. Er hob mich hoch und setzte mich auf den Bettrand. Ich wusste nicht, was von mir erwartet wurde, also griff ich etwas linkisch nach dem tränennassen, verzerrten Gesichtchen meiner Schwester.
„Was machst du denn da? Pass doch auf, sei nicht so grob!“, herrschte das Muttertier mich ungehalten an. Erschreckt zog ich meinen Arm zurück und starrte mit weit aufgerissenen Augen verständnislos in ihr erzürntes, rotes Gesicht. Was hatte ich falsch gemacht?
„Komm Peterchen, die Mama und deine Schwester brauchen jetzt Ruhe“, brummte Opa beschwichtigend und zog mich von dem Bett hinunter. Er stieg mit mir die Treppe hinauf, um mich wieder ins Bett zu bringen, doch ich war viel zu aufgeregt, um an Schlaf auch nur zu denken.
„Warum ist Mami böse auf mich? Und wieso darf ich nicht unten bleiben bei meiner neuen Schwester?“, fragte ich mit Tränen in den Augen. Mein Großvater blickte auf mich hinunter und meinte: „Alle sind sehr müde. Morgen ist ein anderer und guter Tag, da wird alles besser, du wirst sehen.“
Ich vertraute meinem Großvater. Rückblickend hatte er fast immer Recht. Nur in diesem Fall unterlag er einer Täuschung. Denn auch in den kommenden, vielen Jahren verlor ich niemals das Gefühl, ja, die Gewissheit, ein Eindringling zu sein, der in diesem neu entstandenen, erlauchten Mutter-Tochter-Dunstkreis nichts verloren hatte.
In den folgenden zwei Jahren drehte sich das gesamte Geschehen um Katarina. Nach 4 Jahren ungeteilter Zuwendung eine bittere Umstellung. Meine Mutter vergötterte sie geradezu und ließ all ihre Aufmerksamkeit der Kleinen angedeihen, wohingegen ich und auch mein Vater auf dem Abstellgleis landeten. Letzterer wählte den Weg des geringsten Widerstandes und wandte sich verstärkt seiner aufstrebenden Firma zu. Bald verbrachte er jeden Tag bis in die Nachtstunden hinein im Unternehmen, auf Baustellen oder betrieb Kundenakquise. Ich hingegen führte ein Schattendasein und spürte Tag für Tag mehr, dass ich zu einer geduldeten Randfigur verblasste. Ich drückte mich still in Ecken herum und beobachtete, wie meine Mutter strahlend ihre jauchzende Tochter herumwirbelte. Wie sie deren Gesicht mit Küssen bedeckte. Sie wurde mit neuem Spielzeug überhäuft, während ich von Papa gelegentlich eine Rohrzange, eine Feile oder einen Schraubenzieher in die Hand gedrückt bekam. Einzig mein Großvater schenkte mir Zuwendung. Bei ihm, im oberen Stockwerk, verbrachte ich die meiste Zeit. Er war mein Lehrer, mein Fragenbeantworter und Mentor, zu dem ich aufsah. Und er war das Licht, das mir etwas Wärme gab.
Als ich fünf war, entdeckte mein Großvater als erster und einziger mein großes Talent. Das Zeichnen und Malen. Ich verbrachte mittlerweile meine Vormittage in einem naheliegenden Kindergarten. Dort wurde gebastelt – und auch gemalt. Zuerst hielt ich mich themenmäßig, wie all die anderen Kinder, an Blumen, Bäume, Wiesen und Haustiere. Doch bald schon erfreute mich das Profil des Buben neben mir als Motiv ungleich mehr. Ich begann, kindlich-schlichte Porträts mit Bleistift zu kritzeln. Egal, wen ich traf oder sah, ich zückte sofort Stift und Block. Wenn daheim Besuch zugegen war und begeistert die kleine, süße Katarina anhimmelte, saß ich unbeobachtet am Tisch und versuchte, die Anwesenden möglichst erkennbar auf das Papier zu bringen. Niemand nahm davon Notiz, auch meine Eltern nicht.
Eines Nachmittages saß ich mit Opa an seinem Tisch, er las Zeitung und ich zeichnete. Irgendwann sah er auf, blickte mich über die Brille hinweg an und fragte: „Was zeichnest du da?“
Ich sah von meinem zerknitterten, vollgekritzelten Block mit vor Konzentration gerunzelter Stirn auf und antwortete: „Dich.“
Opa legte die Zeitung weg, erhob sich und umrundete mit langsamen Schritten den Tisch, bis er hinter mir stand. Mein Großvater war eine, trotz fortgeschrittenen Alters, imposante Erscheinung. Der aufrechten und geraden Haltung war nicht anzusehen, dass er tagtäglich Rheumaschmerzen in sämtlichen Gliedern verspürte. Seine Knorpel und Gelenke waren spröde und kaputt aufgrund jahrzehntelanger, schwerer körperlicher Arbeit, mit der er den Grundstein für das Unternehmen legte, das er mittlerweile in die Hände meines Vaters gegeben hatte. Er hatte ein markantes, eckiges Gesicht mit einer hervorstechenden, riesigen Nase. Sie war übersät von unzähligen kleinen Kratern, die ich ständig zu zählen versuchte. Es war wie ein Zwang. Jahre später klärte er mich auf, dass es sich dabei um große Poren handelte und nicht, wie ich dachte, ein rüdes Sandmännchen, das mit Kieselsteinen nach meinem Opa warf, um ihn einzuschläfern. Und wenn ich nicht gerade fasziniert seinen Gesichtszinken betrachtete, wärmte ich mich in dem gütigen, wohlmeinenden Blick aus seinen braunen Augen. Auf Opas Haupt wucherte ein üppiger, schlohweißer Haarschopf, der meist wirr in alle Richtungen abstand. Er trug ausschließlich sportliche, legere Kleidung, die seinem Bewegungsdrang entsprach.
Eine ganze Minute lang sah er sich konzentriert mein Bild an, dann hoben sich die Augenbrauen und ein Lächeln umspielte sein faltenzerfurchtes Gesicht.
„Du hast Talent, mein Junge.“ Anerkennend legte er seine Hand auf meine Schulter.
„Wirklich?“ Ungläubig starrte ich ihn mit offenstehendem Mund an. Ich machte tatsächlich etwas gut? Zum ersten Mal in meinem jungen Leben empfand ich den sanften, leisen Anflug von Stolz.
„Ja, ich erkenne mich in deinem Bild! Toll gemacht! Aber das nächste Mal klebst du mein Konterfei nicht irgendwo an den Rand einer vollgemalten Seite, abgemacht?“
Traurig senkte ich den Kopf. „Ich habe leider keine leere Seite. Mama kauft mir keinen neuen Block. Sie sagt, der ist zu teuer und ich soll Platz sparen.“
Opa atmete laut aus und seine Mundwinkel zogen sich nach unten, als wäre er sehr ärgerlich. Aber gleich darauf lächelte er mich wieder freundlich an. „Dann werde ich dir einen Block kaufen. Und zwar einen großen in DIN A3, mit originalem Zeichenpapier.“
Meine anfängliche Freude darüber hielt so lange an, bis ich mit sechs Jahren in die Volksschule einstieg. Als ich eines Tages, ich besuchte mittlerweile die zweite Klasse, nach Hause kam, den Zeichenblock unter dem Arm, bellte meine Mutter ungeduldig aus der Küche: „Na endlich bist du da! Warum hast du so getrödelt? Das Essen wird kalt!“
„Entschuldigung, Mama. Ich wollte mein Bild noch fertig zeichnen in der Klasse.“ Ich tapste in das Esszimmer, legte den Block auf einen Sessel und zog mir die Riemen der Schultasche von den Schultern.
Mutter kam aus der Küche und beäugte mich streng. „Und wegen eines blöden Bildes lässt du uns alle warten?“ Wenn sie ungehalten war, rollte sie das „R“ stärker als sonst. Ein Überbleibsel ihrer russischen Muttersprache.
„Tut mir leid, Mama. Ich mache es nie wieder.“ Zerknirscht schlurfte ich um den Tisch und drückte meiner zweijährigen Schwester zur Begrüßung ein Küsschen auf die Stirn, was sie mir mit einem Kinnhaken ihrer kleinen, geballten Faust dankte. Gleich darauf begann sie wie am Spieß zu schreien.
Stöhnend stemmte meine Mutter die Hände in die Hüften und erbost blaffte sie mich an: „Was machst du jetzt schon wieder? Wieso regst du deine Schwester so auf? Lass sie doch einfach in Ruhe!“
Wortlos und eine Hand auf das schmerzende Kinn drückend, nahm ich auf einem leeren Stuhl Platz, während Mutter die plärrende Katarina aus dem Hochstuhl zerrte und mit ihr wie eine eingesperrte Raubkatze durch den Raum tigerte. Meine Schwester ließ mich währenddessen nie aus den Augen. Über die Schulter unserer Mutter hinweg fixierte sie mich mit einem triumphierenden Blick. Erst als Mama sie in ihren Sessel platzierte, nahm ihr Gesichtchen wieder eine weinerliche, weiche Note an.
Mutter schickte sich an, in die Küche zu gehen, dabei stieß sie im Vorbeigehen an meinen Zeichenblock, der daraufhin vom Sessel rutschte und klatschend auf den Boden fiel. Erst musterte sie ihn eine Weile mit ihrem forschenden, etwas verkniffenen Blick von oben herab, dann bückte sie sich, hob ihn auf und legte ihn auf den Tisch. Gleich darauf blätterte sie die allgemeine Titelseite um. Dies war der Moment, da meine Mutter zum ersten Mal bewusst einen Blick auf ein Bild von mir warf. Angespannt und voller Erwartung auf ihre Reaktion hielt ich den Atem an. Würden ihr meine Zeichnungen gefallen?
Wortlos blätterte sie fünf Seiten zurück und verweilte bei jedem Bild ein paar Sekunden. Über ihrer Nase formierte sich die Zornesfalte, die sich bei starker Konzentration oder einem nahenden, emotionalen Ausbruch zeigte. Ich hielt weiterhin die Luft an und suchte akribisch nach irgendeiner Regung in ihrem Gesicht. Die kam nach einer gefühlten Ewigkeit auch, nur alles andere als wohlwollend.
„Was soll das sein? Porträtzeichnungen? Glaubst du wirklich, das ist ein Hobby, womit sich ein Junge beschäftigen sollte?“ Meine Mutter nahm die für sie typische Dominanzhaltung ein – kerzengerade Haltung, zurückgeworfener Kopf und vor der Brust verschränkte Arme. Ihre eisblauen Augen spiegelten Unverständnis, Ärger und Enttäuschung wider.
Ich war wie gelähmt. All die Hoffnung, in den Augen von Mutter einmal Anerkennung zu finden, war vergebens gewesen. Wie eigentlich sämtliche meiner Bemühungen und Anstrengungen.
„Aber ich male doch so gerne und ...“, machte ich einen Versuch der Erklärung, den sie barsch unterbrach.
„Papperlapapp! Du bist ein Junge, der mal ein Mann wird! Der einmal den Betrieb übernimmt, den wir mühsam aufgebaut haben! Wenn du keine Hausaufgaben machen musst, hilfst du besser deinem Vater bei der Arbeit und lernst von ihm, anstatt die Zeit mit dem sinnlosen Gekritzel hier zu vertrödeln!“ Mit diesen Worten griff sie nach dem Objekt ihrer Ungnade und feuerte es in die Ecke des Raumes.
Mit offenstehendem Mund folgte mein starrer Blick dem Zeichenblock, wie er am Ende unsanft und mit umgeknickten Seiten am Boden liegen blieb. Etwas zerbrach in mir in diesem Moment, da mein Liebstes mit Füßen getreten worden war.
„So, und jetzt essen wir endlich. Ich habe einen Bärenhunger.“ Als wäre nichts geschehen, ging meine Mutter unmittelbar nach Abschuss dieser imaginären Boden-Luft-Rakete sofort wieder geschäftig zum Alltag über. Sie hatte sogar ein fröhliches, russisches Volkslied auf den Lippen, während sie in die Küche eilte.
Aufgrund dieser Erfahrung nahm ich nicht nur vorerst schmerzlich Abschied vom Malen, sondern löste mich endgültig von der Illusion, in den Augen meiner Mutter jemals bestehen zu können oder Anerkennung und Lob zu erfahren. Ich beschloss daher, mir ein dickeres Fell zuzulegen und die Dinge so hinzunehmen, wie sie eben waren. Mir war in meiner kindlichen Naivität nicht klar, dass dies lediglich der Anfang einer stetigen Abwärtsspirale war!
Meine Schwester Katarina entwickelte sich zu einer richtigen Landplage. Mit zunehmendem Alter wurden ihre Intrigen perfider und ihre Lügen glaubhafter. Sie war stets auf ihren Vorteil bedacht und zeigte keinerlei Skrupel beim Erreichen ihrer Ziele. Das alles sah allerdings nur ich so – vermutlich deswegen, weil meistens ich das Opfer ihrer Verschlagenheit wurde. Ständig stellte sie Vergehen und Fehler, die sie begangen hatte, als die meinen hin. Manchmal erfand sie auch nur Geschichten, in denen sie mich als den Oberidioten dastehen ließ. Und im Zweifelsfall war ohnehin ich der Schuldige, dem man keinen Glauben schenkte – nicht zuletzt deswegen, da ich ja der „ältere und vernünftigere“ zu sein hätte. Die Rollenverteilung war klar: Ich war der ständig Mist bauende, enttäuschende Weichling und meine Schwester die selbstbewusste, sich im Rampenlicht sonnende Prinzessin, von der alle Menschen verzückt und hingerissen waren. Sie wuchs nicht nur äußerlich zu einem Ebenbild unserer Mutter heran, sie vereinte dazu die meisten ihrer Eigenschaften in sich. Die Positiven genauso wie die Negativen. Vermutlich war auch das einer der Gründe, warum meine Mutter mich zwar mit den Augen wahrgenommen, aber niemals mit dem Herzen gesehen hat: Weil ich zu wenig war wie sie.
Trotz der Tatsache, dass meine Schwester mit all der Mutterliebe überhäuft wurde, die für zwei hätte reichen sollen, trotzdem, dass sie war, wie sie eben war, habe ich sie nicht gehasst. Denn sie war nun mal meine Schwester.
Gegenwart, 1. April, 08:15 Uhr
„Du hattest einen schwierigen Start ins Leben, wie mir scheint. Und deine Schwester ... ist sie heute immer noch so eine Schlange?“ Augenzwinkernd lächelt Paul mir zu und nimmt einen ergiebigen Schluck aus seiner Trinkflasche.
„Vermutlich. Die Wahrheit ist, dass ich keine Ahnung habe, weil ich den Kontakt vor langer Zeit abgebrochen habe.“
„Schon irgendwie traurig, oder? Wenn man ohnehin nur eine einzige Schwester hat?“
„Finde ich nicht. Wir haben uns nie verstanden“, erkläre ich mit Nachdruck.
„Warum nicht? Es steht euch beiden jederzeit offen, aufeinander zuzugehen.“
Ich sehe Paul überrascht an. „Hast du mir nicht zugehört, was mir meine liebe Schwester allein in der Kindheit angetan hat? Und das war nicht mal die Spitze des Eisbergs, denn ihre Bosheit und Arglist stieg adäquat mit ihrem Alter an!“
„Natürlich habe ich zugehört. Aber ist es nicht ein Zeichen von Weisheit und Größe, irgendwann an Vergebung zu denken?“
„Vergebung ... was für ein großes Wort. Nur leider völlig unpraktikabel, was Katarina und mich angeht. Wir legten beide keinen Wert auf Annäherung, wozu also der ganze Humbug mit Verzeihen und Vergeben? Das, was sie mir angetan hat, werde ich niemals vergessen und noch weniger verzeihen. Ist aber auch egal, ich lebe seit vielen Jahren damit und es belastet mich nicht mehr die Bohne.“ Mein Ton ist zuletzt schärfer geworden, denn ich möchte dieses Thema mit dem Fremden nicht weiter diskutieren.
„Die Sache mit dem Locker-Wegstecken nehme ich dir nicht ab. Aber jetzt eine andere Frage: Lebt dein Großvater noch? Er hat offensichtlich eine wichtige Rolle in deinem Leben eingenommen.“
„Nein, er ist im Frühling 1992 gestorben. Ich war achtzehn Jahre alt. An diesem Verlust hatte ich lange zu knabbern.“ Traurigkeit senkt sich automatisch über mich, wenn ich an seinen qualvollen Krebstod denke. An den monatelangen Kampf, den ein derart bärenstarker und unerschütterlicher Mann letzten Endes gegen eine Zellenmutation verloren hatte.
Paul sieht mich forschend an. „Du hast nach dem Vorfall mit deiner Mutter nie wieder gezeichnet?“
Ich schaue sinnend in den Himmel, als ob dort die Antwort geschrieben stünde. Dann schüttle ich kaum merkbar den Kopf. „Nein, eigentlich nicht. Großvater hat ständig versucht, mich zu ermutigen. Er hat sich deswegen sogar mit meiner Mutter angelegt. Hat ihr vorgeworfen, die Talente ihres Sohnes zu „kastrieren“, sie nicht genug zu fördern.“ Ein hartes und unechtes Lachen dringt aus meiner Kehle. „Einmal hat er sie sogar beschuldigt, sie wäre ungerecht und herabsetzend mir gegenüber.“
„Und was passierte daraufhin?“
Ich lache gekünstelt auf. „Sie hat ihm Hausverbot für ihre Etage des Hauses erteilt.“
Paul zeigt keinerlei Reaktion, sondern beginnt, in seinem riesigen Rucksack zu kramen. Dabei bringt er ein quadratisches Buch zutage, das mit einem teuer scheinenden Ledereinband versehen ist. Er schlägt es auf und blättert darin. Ich sehe ihm zu und stelle staunend fest, dass sämtliche Seiten per Hand vollgeschrieben sind. Er blättert bis zur letzten beschriebenen Seite, danach folgt eine leere. Völlig unerwartet hält er mir das Buch aufgeschlagen herüber.
„Nimm das Buch. Ich möchte, dass du auf die leere Seite ein Porträt von mir zeichnest.“
„Das ist doch nicht dein Ernst!“ Ich frage mich echt, ob der Gute noch alle Tassen im Schrank hat. Ich betrachte ihn wie einen reptilienhäutigen Außerirdischen, der mir soeben aus einer fluoreszierenden Untertasse heraus vor die Füße gefallen ist. „Nein, das mache ich mit Sicherheit nicht!“
Er ignoriert meinen Einwand komplett und erklärt stattdessen: „Was du da in deinen Händen hältst, hat für mich eine ähnliche Bedeutung wie für dich damals dein Zeichenblock. Es ist mein Tagebuch. Darin halte ich sämtliche Erlebnisse und Erfahrungen fest, die ich nicht vergessen möchte. Heute habe ich dich getroffen und du kannst gut zeichnen. Also nütze ich das jetzt schamlos aus. Von mir hat niemand jemals ein Porträt angefertigt!“ Spitzbübisch und von Vorfreude erfüllt grinst er mich an und ich merke, wie meine Gegenwehr bröckelt.
„Aber ... ich kann das doch gar nicht mehr. Es ist so lange her und ... ich will das gar nicht, weil ...“
„Gilt nicht! So etwas verlernt man nicht. Willst du etwa einem alten Mann diesen letzten Wunsch verwehren?“ Mit seinem aufgesetzt mitleidigen Blick entwaffnet er mich restlos. Er greift ein weiteres Mal in sein Gepäck, und aus einer kleinen länglichen Tasche zaubert er tatsächlich einen gespitzten Bleistift.
„Hier, dein Werkzeug!“ Er übergibt ihn ähnlich feierlich, so, wie ein Pfarrer die Hostien verteilt. „Und während ich hier still Modell sitze, erzählst du mir, wie es dir in der Schule und danach ergangen ist, okay?“
Da sitze ich nun, eine weiße Papierseite auf meinen Knien und einen Bleistift in der Hand. Ein beklemmendes Gefühl macht sich in mir breit. Kann ich das Gesicht vor mir auf dieser leeren Buchseite zum Leben erwecken? Können meine Finger die Striche und Linien so setzen, dass man irgendwann erkennt, was es darstellen soll? Die rechte Hand mit dem Bleistift beginnt zu zittern und ich atme tief ein. Am liebsten würde ich aufstehen und abhauen. Und endlich mein Vorhaben in die Tat umsetzen. Aber wohin? Hier hinunter und einen anderen Berg wieder hinauf packe ich konditionell nicht. Somit bleibt wiederum als einzige Möglichkeit, die Zeit mit dem Kerl hier abzusitzen und ihn ehestmöglich zu vergraulen.
Und dann, wenn ich endlich allein bin ...
Ich erschrecke fürchterlich, als Pauls Hand plötzlich auf meiner bebenden Rechten landet. „Du musst mir sagen, wie ich mich hinsetzen soll“, ermutigt er mich.
„So ... äh ... passt schon. Schau zu dem Gipfel hinter mir und versuche, diese Pose zu halten.“
Er grinst und nimmt seine Haltung ein. Dabei fragt er: „Wer war es, den du als letztes gezeichnet hast?“
Ich verspüre einen plötzlichen Stich in der Herzgegend. Ich habe diesen Namen und den Menschen dahinter in den allerletzten Winkel meines Bewusstseins verdrängt. Nicht, weil diese Person mir Schlechtes angetan hätte, sondern weil die Erinnerung zu schmerzlich und kaum zu ertragen ist.
„Klara“, murmle ich gedankenverloren.
„Wer?“ Paul hat mich nicht verstanden.
Ich reiße mich zusammen, und mit kräftiger Stimme wiederhole ich: „Klara war ihr Name. Klara Wiesinger. Eine gute ... äh ... Freundin. Sie habe ich das letzte Mal porträtiert.“
„Soso, ein Mädchen! Warst du in sie verliebt? Wie war es?“
Was soll ich ihm antworten? Erst das Paradies, aber danach die reine Hölle? Niemals zuvor habe ich mit einer anderen Person über Klara gesprochen, nicht einmal mit meinem Psychoklempner. Habe alles in mir verschlossen wie in einem unknackbaren Tresor. Andererseits, was vergebe ich mir schon, wenn ich es dem Fremden, den ich niemals wiedersehen werde, erzähle? Was habe ich zu verlieren? Dieser Mann hier wird mich und meine Geschichten in Kürze vergessen haben, so wie für mich in absehbarer Zeit nichts mehr eine Rolle spielt. Unter Umständen tut es sogar gut, wenigstens einmal darüber zu reden?
Nach einigen Sekunden der Überlegung habe ich mich dazu durchgerungen, die Vergangenheit auferstehen zu lassen. Die Erinnerung an meine Schulzeit, aber vor allem an KLARA ...
Erinnerungen an Klara
Das schmucke Zweifamilienhaus, in dem ich aufwuchs, hatte mein Vater Anfang der Siebzigerjahre zwei Kilometer entfernt von dem imposanten Firmengebäude Knebel & Sohn errichtet. In der Gemeinde Pasching, nahe der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz sowie des Flughafens in Hörsching, fand zu dieser Zeit ein wahrer Bauboom statt. Die verkehrsgünstige Lage des Zentralraumes verlockte unzählige Betriebe aus Handel, Dienstleistung und Industrie zur Ansiedelung, sodass alsbald beachtliche Gewerbegebiete entstanden.
Unser Haus lag inmitten einer kleinen Wohnsiedlung, bestehend aus fünf Häusern, die von unaufdringlichem Wohlstand zeugten. Gepflegte Gärten, saubere Fassaden, Mittelklasseautos in den Zufahrten. Das obere Stockwerk, bewohnt von meinem verwitweten Opa, war mit einem Holzbalkon ausgestattet, während man im Erdgeschoß vom Wohnzimmer aus auf eine große Steinplattenterrasse gelangte. Dort eröffnete sich der Blick auf das für die damalige Zeit wohl modernste Schwimmbad Österreichs. Ganze zehn Meter lang und vier Meter breit. Himmelblau leuchtete die Plane, untermalt von glitzerndem, glasklarem Wasser und lockte Jung und Alt ins kühle Nass. Auch ich hatte Spaß am Tollen darin, allerdings ziemlich genau bis zu einem gewissen Ereignis im September 1983 ...
Der Sommer in diesem Jahr war außergewöhnlich heiß und trocken verlaufen, und so verwunderte es nicht weiter, dass auch im September noch ungebremste Badefreuden in Seen, Bädern und Teichen vorherrschte. Ich planschte meist alleine im heimischen Pool, da ich aufgrund meiner Schüchternheit keinen allzu großen Freundeskreis vorweisen konnte. Die ersten drei Klassen der Volksschule verbrachte ich als Sitznachbar eines extrem schweigsamen Knaben namens Michael, der noch introvertierter und stiller war als ich. Wir beide bildeten das Außenseiterduo der Klasse, was uns allerdings nicht automatisch zu Freunden machte. Vielmehr spiegelte unser Schulalltag eine Art von Zweckgemeinschaft wider. Zumeist in der Abwehr von kleinen Gemeinheiten, manchmal aber waren wir auch richtigen Bösartigkeiten ausgesetzt. Initiator war in allen Fällen das Alphatier der Klasse: Anton Berger.
Anton war ein Anführer, ein Leithammel, der sich mittels übersteigerten Selbstbewusstseins, Drohungen und rüdem Verhalten den Respekt der Mitschüler erzwungen hatte. Wenn jemand seinen Jähzorn weckte, schreckte der überdurchschnittlich große, bullige Knilch auch vor Gewalt nicht zurück, was oftmals mit einer Klassen- oder Schulhofklopperei endete, die ihn als klaren Sieger hervorbrachte. Er hatte den ganzen Tag nichts anderes im Sinn, als Unfrieden zu stiften, Unsinn auszuhecken und seiner kindlich-grausamen Fantasie Gestalt zu verleihen. Und das alles projizierte Anton mit Vorliebe auf die Schwächsten der Klasse: auf mich und Michael.
Nicht selten kam ich mit zerrissenem T-Shirt, befleckter Hose oder zerstörten Heften und Büchern nach Hause, wo mir großteils Ungläubigkeit und ansonsten Nichtbeachtung seitens meiner Mutter entgegenschlugen. Mein Vater bekam dies mangels Anwesenheit ohnehin nie mit, und so war es wiederum der Part von Großvater, meine aufgeschlagenen Knie und die seelischen Wunden zu verarzten, so gut es eben ging. Er war die einzige Person, die auf meiner Seite war.
Dies änderte sich am 11. September 1983. Die Schule hatte soeben wieder begonnen nach den langen Sommerferien und ich fieberte dem letzten Jahr in der Volksschule entgegen, wenige Wochen von meinem zehnten Geburtstag entfernt.
Kurz vor 9 Uhr öffnete sich die Tür, und der Direktor betrat die Klasse. Direkt hinter ihm, quasi in dessen Windschatten, folgte eine kleinere, zierliche Gestalt. Der Schulleiter schritt zum Pult der Lehrerin, nickte ihr kurz zu und wandte sich danach der Klasse zu. Nun erst drehte sich auch die kleine Person um.
Ich war vom ersten Moment an gefesselt von der Erscheinung zur Linken des Schulobersten. Das Mädchen in dem abgetragenen, geblümten Sommerkleid war etwas größer als der Durchschnitt und ausgesprochen dünn. Ihre zarten Füße steckten in abgewetzten Sandalen. Sie hatte ein schmales, ebenmäßiges Gesicht mit schräg stehenden grünen Augen, die jeden einzelnen Schüler argwöhnisch musterten. Fast meinte man, Verachtung in ihrem Blick zu erkennen. Ihre schmalen Lippen waren dabei fest zusammengekniffen. Ihr Gesicht mit der bemerkenswert langen und dünn geratenen Nase war nicht als klassisch schön zu bezeichnen, hatte jedoch etwas Faszinierendes an sich, dem sich niemand entziehen konnte. Es wurde umrahmt von einer Flut blonder Haare, die in ungebändigten, verfilzten Wellen bis an die Hüften reichten. Es wirkte, trotz der offensichtlichen Vernachlässigung von Pflege und Aufmerksamkeit, als wäre es mit Gold überzogen. Während ich und sämtliche meiner Mitschüler mit offenen Mündern das Mädchen anstarrten, erhob der Direktor seine Stimme: „Liebe Schüler, das hier ist Klara Wiesinger. Sie ist mit ihren Eltern unlängst aus Wien zu uns nach Pasching gezogen und wird ab heute mit euch die Schulbank drücken. Ich hoffe, ihr nehmt sie freundlich auf und helft ihr, sich so schnell wie möglich bei uns einzugewöhnen.“ Dann wandte er sich an die Lehrerin: „Ich übergebe jetzt an Sie, Frau Karer.“ Er nickte Klara aufmunternd zu, dann stürmte er ohne ein weiteres Wort aus der Klasse.
Die Lehrerin erhob sich vom Stuhl und trat an die Seite der Neuen. „Nun, Klara, willkommen in unserer Klasse! Ich hoffe, du wirst dich hier wohl fühlen. Setze dich doch gleich hier direkt vor mir an den Tisch und ...“
Klara sah sie unwillig an und unterbrach sie barsch: „Ich setze mich an den leeren Platz hinter der Brillenschlange.“ Sprachs, und sie stapfte energisch zwischen den Bänken hindurch zu dem leeren Stuhl schräg hinter mir. In der Klasse herrschte absolute Stille, sogar Anton war baff angesichts der resoluten Vorgehensweise dieses Mädchens. Nachdem die Lehrerin sich ebenfalls von ihrer Erstarrung löste, entschied sie, Gnade vor Recht ergehen zu lassen – und ließ dem Neuankömmling seinen Willen.
Die forsche und willensstarke Klara wirbelte alsbald die bisherigen Strukturen und Hierarchien in der Klasse durcheinander. Mit ihrer direkten Art und ihrem sprunghaften, ideenreichen Wesen erlangte sie große Beliebtheit, und schon nach wenigen Wochen riss sich nahezu jeder um ihre Freundschaft. Man wollte sich in dem Dunstkreis der coolen, frechen Großstädterin sonnen, und ohne jede Absicht lief sie Anton somit den Rang ab. Es dauerte daher nicht lange, bis es zu einem vorerst unterschwelligen Kräftemessen zwischen den beiden kam. Während alldem blieben ihre schulischen Leistungen indessen stark hinter den Erwartungen zurück.
Ich hatte kaum Kontakt zu ihr, erst nach etwa einem Monat trat sie zum ersten Mal in der Pause auf mich zu. „Hi. Meine Eltern machen total Stress wegen der bescheuerten Noten. Du bist doch ein Streber in Rechnen. Kannst du nicht mal mit mir lernen am Nachmittag?“
Ich war völlig perplex – und freute mich unbändig, dass sie mich zur Nachhilfe auserkoren hatte. Mit eifrigem Nicken bekräftigte ich daher mein Zugeständnis. „Ja, klar. Komm doch einfach mal zu mir, wenn du Zeit hast.“
Wir wussten mittlerweile, dass wir einen zwanzigminütigen Fußmarsch voneinander entfernt wohnten. Klara war mit ihren Eltern in eine kleine Wohnung über einem Logistikzentrum gezogen. Motorenlärm und reges Treiben zu Tages- und Nachtzeiten.
„Ja, ist besser bei dir, ist ruhiger dort. Außerdem ist mein Vater daheim, der hat keine Arbeit und ...“ Sie sprach nicht weiter, als hätte sie zu viel gesagt. Ein trauriger Ausdruck huschte über ihr Gesicht. Doch gleich darauf meinte sie betont heiter: „Ich komme mit dem Rad!“
Als Klara das erste Mal bei mir zuhause mit ihrem Schulranzen eintraf, war ich furchtbar aufgeregt. Der Klassenliebling kam zu MIR nach Hause! Und dann war sie auch noch völlig hingerissen von meinem Zuhause!
„Wow, was für ein großes, schönes Haus! Und dieses riesige Schwimmbad ... wie cool ist das denn!“
Sie stand mit mir auf der Terrasse, und wir beschlossen, im Schatten der Markise unsere Schulbücher auszupacken. Zumindest ich tat das. Klaras Vorsatz schien von dem glitzernden Poolwasser förmlich fortgeschwemmt zu sein.
„Ach was, lassen wir doch die blöde Lernerei! Komm, wir gehen schwimmen!“ Sie katapultierte ihre Schultasche auf einen Gartensessel und fing an, sich die Kleider vom Leib zu reißen. Ich stand wie paralysiert daneben und traute meinen Augen nicht. Schließlich posierte sie in einer Unterhose vor mir und grinste mich an. „Ist eh wie ein Bikini, oder?“
Ich war solch Freizügigkeit nicht gewöhnt. Meine Mutter trug stets einen flächendeckenden, schwarzen Badeanzug, und die anderen Mädchen in der Schule hatten beim Schwimmunterricht ebenfalls Einteiler an.
„Jaaaaa ...“, stammelte ich und kam nicht umhin, verstohlen ihren Oberkörper zu betrachten. Dabei bemerkte ich etliche Kratzer, Verfärbungen und verschorfte Wunden.
„Woher hast du das?“, fragte ich und deutete auf eine eklig aussehende, kreisrunde Wunde auf ihrem Unterbauch, die zu eitern schien.
Sie schlug lachend meinen Finger weg. „Wer so tollpatschig ist wie ich, muss mit sowas rechnen!“ Diesem Argument war nichts entgegenzusetzen. Klaras ungestümes Wesen und ihre Wildheit ließen erahnen, dass gelegentliche Blessuren keine Seltenheit darstellten. Bevor ich etwas erwidern konnte, war sie schon Richtung Pool gehüpft, kletterte auf die Einstiegleiter und sprang in einem energischen Satz ins Wasser. Ich bewunderte sie für diese Impulsivität. Für ihren Mut ebenfalls. Denn ich hätte es niemals gewagt, mich in fremdem Umfeld derart selbstverständlich zu bewegen. Solch einem Verhalten würde maximal eine Tracht Prügel folgen.
Nun aber rannte ich los, in mein Zimmer, zog die Badehose an und folgte ihr in das kühle Nass. Dies war das erste Mal, dass ich richtig Spaß zu zweit im heimischen Schwimmbad hatte. Diese Freude dauerte allerdings nicht allzu lange an.
Klara kletterte soeben aus dem Pool, als meine Mutter mit Katarina an der einen und einer Tüte in der anderen Hand, vom Einkaufen zurückkam. Ihre Miene verdüsterte sich augenblicklich, da sie das fremde Mädchen erblickte, nass und nackt.
„Wer bist du denn?“, fragte sie ungehalten, während meine sechsjährige Schwester in den Garten lief und unserer Katze hinterher stolperte.
„Ich bin Klara“, antwortete sie und ging leichtfüßig zu dem Stapel ihrer Kleidung. Mutter taxierte jede ihrer Bewegungen und registrierte das zerschlissene Oberteil, die ausgeleierte und ausgewaschene Sommerhose. Dann fiel ihr Blick auf die schmuddelige, verdreckte Schultasche. Ihre Augen hatte sie zu Schlitzen zusammengekniffen.
„Und was machst du hier?“ Ihr Ton war schneidend scharf.
„Schwimmen. Sieht man das nicht?“, antwortete Klara leichthin.
Innerlich verkrampfte ich mich in diesem Moment. Ich wusste, was kommen würde.
Der Ruf meines Großvaters vom Balkon herab rettete die Situation wahrlich in letzter Sekunde. „Ruslana, ich brauche dringend deine Hilfe! Mein Backrohr stinkt plötzlich fürchterlich ...“
Meine Mutter bedachte uns beide mit einem letzten, vernichtenden Blick, dann verschwand sie im Inneren des Hauses.
„Deine Mutter ist voll schön, weißt du das?“, bemerkte Klara, während sie sich ihr T-Shirt über den Kopf zog.
Meine Mutter schön? Komisch, ich hatte nie darauf geachtet.
Tatsächlich aber war Ruslana Knebel das, was man gemeinhin als Schönheit bezeichnete. Sie hatte schulterlanges, blauschwarzes Haar, welches ein aristokratisches, scharf geschnittenes Gesicht einrahmte. Ihr heller, feinporiger Hauttyp und der Kontrast zu ihren leuchtenden, eisblauen Augen verliehen ihr ein fast puppenähnliches Aussehen. Ihre schlanke, sportliche Figur sowie die aufrechte und stolze Körperhaltung ließen schier vermuten, dass sie eine Nachfahrin des letzten russischen Zaren war. Oder aus der Blutlinie von Katharina, der Großen. Letztere war Mutters Vorbild und Idol. Der Name meiner Schwester war ihr gewidmet.
Kein Wunder also, dass diese attraktive Russin, als sie nach Österreich kam, sämtliche Männerherzen im Sturm eroberte. Auserwählt hatte sie am Ende einen aufstrebenden Geschäftsmann aus gutem Hause, mit ebenso vielversprechendem Einkommen und Zukunftsperspektiven. Meinen Vater ...
Bevor Klara sich auf ihr Rad geschwungen hatte, vereinbarten wir unser nächstes Treffen. Ich hatte Spaß gehabt, und für mich unerklärbarerweise hatte sie das ebenso empfunden. Ich vermied es, die nächsten Zusammenkünfte bei mir zuhause vonstattengehen zu lassen, da ich das untrügliche Gefühl hatte, ein Zusammentreffen von Mama und meiner Schulkameradin vermeiden zu müssen. Entweder, ich half Klara nach Schulende in der Klasse, oder wir trafen uns auf einem Spielplatz, am Bach, oder sonst wo. Bis auf jenen schicksalhaften Nachmittag bald darauf, an dem die Sonne gnadenlos vom Himmel brannte und schon am Vormittag in der Klasse die 30-Grad-Marke geknackt wurde.
Die letzte Stunde war vorüber und ich packte soeben die Bücher in meinen Ranzen, als Klara hinter mir lauthals verkündete: „Wie wäre es, wenn wir uns heute Nachmittag alle bei Peter zu einer Poolparty treffen? Na, was meint ihr?“
Begeisterungsrufe und Jubel aus sämtlichen Ecken der Klasse brausten auf. Selbstredend war ein Vorschlag von Klara immer toll – egal, welche Idee sie verfolgte. So war das eben.
Ich zuckte unmerklich zusammen, denn kurz zuvor hatte ich ihr flüsternd im Verschwörer Tenor erzählt, dass meine Mutter samt Schwester heute nicht zuhause sein würde. Sie wollte eine Bekannte besuchen, und somit konnte ich mit Klara endlich mal wieder bei uns im Garten lernen. Großvater würde uns nicht weiter stören.
„Aber wir wollten doch lernen und ...“
„Ach was! An diesem heißen Tag lassen wir das mal ausfallen, ich kann ohnehin nicht denken bei der Hitze!“, unterbrach sie mich, wandte sich wieder ihren Mitschülern zu und verkündete: „Sagen wir um drei Uhr bei Peter! Badesachen nicht vergessen!“ Sie lachte unbekümmert, stopfte ihr Lernmaterial unsanft in ihre Tasche, zwinkerte mir kurz zu und rannte aus der Klasse. Ich blieb mit bangem Bauchgefühl und völlig überrumpelt zurück.
Daheim informierte ich Großvater, dass heute ein paar Schulfreunde zum Baden kämen, was er mit einem gebrummten „Ist schon okay, Junge. Hab mal Spaß“ guthieß und sich in sein kühles Schlafzimmer zurückzog. Die Hitze setzte ihm zu. Zehn Minuten vor 15 Uhr erschien Klara mit drei unserer Mitschüler, zwei Mädchen und ein Junge, per Rad. Jubelnd rannten sie direkt in den Garten, während ich auf dem Terrassentisch einen Krug mit Wasser und einige Gläser abstellte. Dann zog ich mir ebenfalls die Badehose an und gesellte mich zu den jauchzenden und spritzenden Schulfreunden.
Wir veranstalteten gerade ein lustiges Wasserball-Match, als plötzlich Anton und seine zwei besten Kumpel am Beckenrand wie aus dem Nichts auftauchten.
„Was ist das denn für ein Kinderkram? Wird Zeit für richtige Spiele, was?“ Er zwinkerte seinem Gefolge verschworen zu und alle drei zogen sich aus, um gleich darauf per Wasserbombe mitten in unsere Runde zu plumpsen.
Augenblicklich sank meine gute Laune unter den Nullpunkt. Ausgerechnet Anton! Niemals hätte ich damit gerechnet, dass der Kerl so unverfroren war, hier tatsächlich aufzutauchen! Seine Attacken mir und Michael gegenüber waren zwar merklich rückläufig, aber ich wusste genau, dass dies nur auf Klara zurückzuführen war. Er wagte es nicht mehr so unverblümt, mich anzugreifen, nachdem ich offensichtlich Klaras Gunst und Aufmerksamkeit genoss. Und vor ihr hatte er Respekt.
„He, wollen wir doch mal schauen, wer am längsten die Luft anhalten kann!“, schrie er aufgedreht am oberen Beckenrand, tauchte gleich darauf unter und erreichte mit kräftigen Schwimmzügen mühelos das gegenüberliegende Ende. Prustend stieß er aus dem Wasser und riss die Arme in die Höhe. „Na, wer schafft das auch?“
Klara wagte den nächsten Versuch, während alle anderen am Beckenrand standen und gespannt den Tauchgang verfolgten. Sie schaffte ebenfalls die volle Länge und tauchte gleich mit der Victory-Siegerpose auf. Der Applaus gebührte ihr. Die nächsten Herausforderer schafften es nicht ganz, waren aber verdammt nah dran.
Dann war nur noch ich übrig. Ich war wie gelähmt. Was sollte ich tun? Denen erzählen, dass ich tauchen hasste wie die Pest? Ja, dass ich Angst davor hatte, den Kopf unter Wasser zu halten? Auch wenn ich mich an das Trauma des Fast-Ertränkens nach meiner Geburt nicht erinnern konnte – mein Unterbewusstsein hatte es scheinbar gespeichert.
„Ich ... ich tauche nicht“, rang ich mich schließlich mit zittriger Stimme zu einer Erklärung durch.
„Was bist du denn für ein Drückeberger? Klar gehst du runter!“ Anton funkelte mich herausfordernd an.
„Nein, wirklich nicht. Wir könnten Volleyball spielen, wir haben ...“
Ich sprach den Satz nicht zu Ende, da Anton mit grimmigem Blick auf mich zuwatete. Als er direkt vor mir stand, sagte er mit einem höhnischen Grinsen: „Kannst die Luft nicht anhalten unter Wasser, wie? Hast du Angst? Wenn ja, musst du sie besiegen.“
Ich sagte kein Wort, starrte ihn nur reg- und wortlos an. Kauerte wie der Hase vor der Schlange. Die anderen Kinder waren an den unteren Beckenrand geschwommen, Klara ebenfalls. Sie plapperten munter miteinander, keiner schenkte mir in diesem Moment Beachtung.
Anton kam noch näher an mich heran, sodass ich fast seinen muskulösen Oberkörper streifte. Er war über einen Kopf größer als ich, stellte ich soeben fest. Und stärker ... Weiter kamen meine Gedanken nicht, denn als Nächstes spürte ich eine eiserne Hand in meinem Nacken, eine weitere am Rücken. Und dann war da nur mehr Wasser. Ich war so überrascht, dass ich nicht Luft geholt hatte. Panik überflutete mich wie ein Tsunami und ich versuchte, mit Armen und Beinen diesen eisernen Klammergriffen zu entkommen, der befreienden Atemluft entgegen. Mein Brustkorb drückte sich immer mehr zusammen und mein Herz raste. Ich spürte das Pulsieren in meinem Kopf, die ansteigende Taktfrequenz. Als der Druck zu groß wurde, öffnete ich den Mund ...
Als ich zu mir kam, lag ich im grünen Gras. Wie durch einen Nebel nahm ich einige Gesichter über mir wahr.
„Mann, erschrecke uns doch nicht so“, stieß Robert, einer von Antons Schergen, empört aus.
Ich richtete mich, zitternd wie Espenlaub, auf und sah um mich. Langsam klärte sich mein Blick wieder und ich atmete tief durch. Sämtliche Schulfreunde saßen rund um mich im Rasen, bis auf zwei.
Etwa fünf Meter entfernt lag Anton am Boden, die Arme schützend über seinem Gesicht. Auf ihm kniete Klara. Sie gebärdete sich wie eine Wildkatze. Fauchte, spuckte Schimpfwörter aus und prügelte mit beiden Fäusten auf ihn ein.
Dann passierten ein paar Dinge gleichzeitig: Mein Großvater war auf den Balkon getreten, aufgeschreckt durch den Lärm und das Geschrei. Er rief etwas herunter, das ich nicht verstand. Glasklar hingegen vernahm ich die mit schneidend kalter Stimme und bedrohlich langsam gesprochenen Worte: „Was zur heiligen Olga ist hier los?“
Hinter mir stand meine Mutter, soeben heimgekehrt von ihrem Besuch. Man konnte ihre Augen nicht sehen, da sie eine riesige, dunkelbraune Sonnenbrille trug. War auch nicht nötig, die restliche Erscheinung sprach Bände. Sie setzte sich in Bewegung, schritt an uns vorbei, direkt auf die immer noch fluchende und um sich schlagende Klara zu.
„Hör sofort auf, dich zu prügeln, du asoziale Gossengöre!“, rief sie erzürnt.
Jetzt erst registrierten Klara und Anton die Anwesenheit der Hausherrin. Beide hielten in ihren Bewegungen inne, als hätte jemand einen Film auf Standbild geschalten. Langsam kletterte Klara daraufhin von ihrem Opfer herunter, richtete sich auf und strich ihre zerzausten, feuchten Haare aus dem Gesicht. Ihr Gesichtsausdruck war anhaltend wütend, insbesondere, wenn sie den sich aufrappelnden Anton anstarrte.
Meine Mutter musterte Klara abfällig. Ihren gelben verblassten Badeanzug mit den ausgedünnten Gewebestellen, ihr ungepflegtes Haar, die roten Striemen in ihrem trotzigen Gesicht.
„Du bist doch dieses Mädchen, mit dem Peter sich andauernd herumtreibt. Aber das hat jetzt ein für alle Mal ein Ende. Du wirst meinem Sohn nicht mehr nahekommen außerhalb der Schule. Am besten hältst du dich komplett von ihm fern, ist das klar? Ich will nicht, dass er mit jemandem wie dir Kontakt hat.“
Ich erhob mich leicht schwankend und stolperte meiner Mutter entgegen. „Aber Klara kann doch gar nichts dafür! Ich wäre fast ertrunken und sie hat ...“
Ein weiteres Mal schnitt sie mir das Wort ab, projizierte ihre Wut nun auf mich und brüllte: „Und du hast gehört, was ich soeben gesagt habe! Kein Kontakt mehr mit diesem Gossenmädchen!“ Sie wandte sich an den Rest der Kinderschar. „Und ihr verschwindet jetzt alle auf der Stelle. Die Party ist vorbei.“ Dann stolzierte sie wie eine Königin, ohne nach links oder rechts zu schauen, auf ihren hohen Sandaletten zum Haus zurück.
Still packten alle ihre Siebensachen zusammen und verschwanden ohne ein weiteres Wort auf ihre Räder. Sogar Anton war mundtot und trollte sich leise. Aus seiner Nase lief Blut. Nur Klara blieb kurz vor mir stehen, in ihren Augenwinkeln glitzerten Tränen. Zaghaft streckte sie ihre Hand nach mir aus und senkte den Blick.
„Tut mir leid, was dir passiert ist ... das mit Anton.“
„War ja nicht deine Schuld. Ich lebe noch.“
Sie warf mir einen letzten, traurigen Blick zu und trottete mit hängendem Kopf davon. Ich schaute ihr nach, und als hätte sie mein Augenpaar auf ihrem Rücken gespürt, drehte sie sich nochmal um.
„Ich komme nicht aus der Gosse“, sagte sie leise, kaum dass ich es verstand. Dann war sie weg. Nach diesem Nachmittag passierten zwei Dinge, die mein weiteres Leben nachhaltig beeinflussen würden: Zum einen war meine bisherige Zurückhaltung gegenüber dem Tauchen und Wasser ganz allgemein einer ausgewachsenen Phobie gewichen. Ich entwickelte regelrecht Panik, wenn ich eine größere Flüssigkeitsansammlung auch nur zu Gesicht bekam. Selbstredend war dies mein letzter Aufenthalt in einem Schwimmbad, See oder Meer.
Zum anderen schloss ich Klara endgültig in mein Herz. Ganz ohne Vorbehalte, Skrupel und Kompromisse. Es war der Beginn einer innigen Freundschaft.
Gegenwart, 1. April, 08:35 Uhr
Paul sieht mich zweifelnd an. „Und du hast seitdem tatsächlich eine Wasserphobie?“
„Ja. Zur Körperhygiene gereicht es glücklicherweise, aber ansonsten meide ich jegliche Form von Gewässer. Schon der Panikattacken wegen.“
Paul schüttelte verständnislos den Kopf. „Hast du dir je professionelle Hilfe geholt deswegen?“
