Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Am Ende aller Zeiten - Adrian J Walker

Wie weit würdest du gehen … für die, die du liebst?Adrian J Walker hat mit ›Am Ende aller Zeiten‹ einen postapokalyptischen Roman geschrieben, in dem ein ganz normaler Familienvater vor die größte Herausforderung seines Lebens gestellt wird. Edgar Hill ist Mitte dreißig, und er hat sein Leben gründlich satt. Unzufrieden mit sich und seinem Alltag in Schottland als Angestellter, Familienvater und Eigenheimbesitzer, fragt er sich vor allem eins: Hat das alles irgendwann einmal ein Ende? Er ahnt nicht, dass sich die Katastrophe bereits anbahnt.Als das Ende kommt, kommt es von oben: Ein dramatischer Asteroidenschauer verwüstet die Britischen Inseln. Das Chaos ist gigantisch, die Katastrophe total. Ganze Städte werden ausgelöscht. Straßen, das Internet, die Zivilisation selbst gehören plötzlich der Vergangenheit an. England liegt in Schutt und Asche. Ist dies der Weltuntergang? Edgar und seine Familie werden während der Evakuierung voneinander getrennt, und ihm bleibt nur eine Wahl: Will er Frau und Kinder jemals wiedersehen, muss er 500 Meilen weit laufen, durch ein zerstörtes Land und über die verbrannte Erde, von Edinburgh nach Cornwall. Zusammen mit einigen wenigen Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Ultra-Marathon durch ein sterbendes Land. Doch sein Weg ist gefährlich: Im postapokalyptischen England kämpft jeder gegen jeden ums blanke Überleben.

Meinungen über das E-Book Am Ende aller Zeiten - Adrian J Walker

E-Book-Leseprobe Am Ende aller Zeiten - Adrian J Walker

Adrian J Walker

Am Ende aller Zeiten

Roman

Aus dem Englischen von Nadine Püschel und Gesine Schröder

FISCHER E-Books

Inhalt

[Widmung]GlaubeDas EndeBeengte VerhältnisseMehr als genug um die OhrenDie SuppentasseWas passiert warKarnickelDer ranghöchste OffizierCarlopsProblemfälleVerlassenGloriaDie eiskalte StimmeSchweineRückkehrUm London spült das MeerUnterwegsDer KampfBartonmouth HallDer LaufvereinGesprungene TeleskopeIm Revier von Jenny RaeCurry nach Art des HausesIm DunkelnGottesdienstWeiße ProphetenFamilieNussschalenDie einsame StraßeFrohe WeihnachtenNiemals zu EndeSennen CoveDanksagung

Für Debbie, Bailey und Joseph

Glaube

Glaube ist etwas Seltsames. Eine Gewissheit, wo es nichts als Ungewissheit gibt. Ich zum Beispiel, ich glaube, dass unter dem Feld neben dem Haus, in dem ich lebe, Gräber liegen. Jeden Morgen bleibe ich am Zaun stehen und betrachte drei Astkreuze, die sich gegen das Meer abheben, und ich glaube, ich weiß, wer darunter begraben ist.

Doch sicher bin ich mir nicht. Also glaube ich eben. Ich könnte sie ausgraben, aber so, wie ich das sehe, gibt es nur zwei denkbare Ergebnisse dieser kleinen Unternehmung, und keins von beiden wäre sonderlich erfreulich. Und überhaupt – wenn man erst Gräber schänden muss, um seine geistige Gesundheit zu beweisen, ist es damit ohnehin nicht mehr weit her.

Dieses Haus und die Klippe, auf der es steht, geraten allmählich ins Rutschen. Ich glaube, dass ich auf einer verschlammten Straße zu diesem Haus gefunden habe, dass ich zu der Straße einen Pfad von einem einsamen Strand hochgestiegen bin, dass ich diesen Strand auf einem Boot erreicht habe und dass ich zitternd zusah, wie das Boot unter schwarzen Sturmwolken dahin zurücksegelte, woher es gekommen war. Ich glaube, dass mein Weg zuvor durch ein verheertes Land führte, ein Land, das bis auf das Grundgestein fortgespült und versengt worden war. Ich glaube, ich war nicht allein.

So erstreckt sich meine Erinnerung in die Vergangenheit – dünn wie eine Faser, wie ein Band aus flackernden Flämmchen, das eine mit dem nächsten verbunden. Manche brennen kräftig und hell, und andere glimmen nur.

Wie zwei Ereignisse im Leben aufeinander folgen, ist oft seltsam und unergründlich, eine Mischung aus Zufall und Nichtigkeiten. Dann wieder sind selbst weit auseinanderliegende Punkte eng miteinander verknüpft, als hätten sie eine Direktverbindung, die den normalen Lauf der Zeit überbrückt. Ich erinnere mich an Dinge, die keinen Sinn mehr ergeben – Ereignisse von gestern, die genauso gut jemand anderem passiert sein könnten. Und andere von vor vielen Jahren hallen bis heute in mir nach. Ich rieche noch immer Beths Parfüm im Gedränge auf der Party damals und spüre die Wärme ihrer Haut, als sie ihr Knie verschwörerisch an meins presst und mir damit zu erkennen gibt, dass das hier zu etwas führen könnte, dass ihr Gesicht Teil meines Lebens werden wird. Ich höre noch das klappernde Metall und das Quietschen des Krankenhausbetts, als Alice auf die Welt kommt, fühle noch, wie in mir alle Dämme brechen, wie die Panik in mir aufsteigt, während Beth in den letzten Wehen von Erleichterung geflutet wird.

Ich fühle die Wärme eines englischen Sommertags, rieche das sonnensatte Gras, das mein Jungengesicht streift, höre, wie unter dem fernen Dröhnen einer Propellermaschine meine Mutter nach mir ruft.

Ich glaube, was ich glaube, damit das Leben weniger beängstigend ist. Unser Glaube ist nur eine Sammlung von Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um uns die Angst zu nehmen. Glaube hat sehr wenig mit der Wahrheit zu tun.

Andererseits sind Glaube und Erinnerungen auch Dinge, die uns aufhalten, belasten, bremsen. Dinge, die man vergessen sollte, wenn man weitermuss. Und ich muss weiter. Ich muss aufhören, über all das nachzudenken. Das hätte auch Harvey gesagt: Nicht denken, weiterlaufen. Aber nicht zu denken ist gar nicht so einfach, wenn man allein bei Kerzenschein in einem alten Häuschen sitzt, an der bröckelnden Küste eines zerstörten Landes. Vielleicht schreibe ich deshalb alles auf – damit ich nicht mehr denken muss, sondern endlich weiterkomme.

Ich muss nur noch irgendwo anfangen. Warum nicht gleich am Ende?

Das Ende

Jemand rief meinen Namen. Einmal, zweimal, dann ein drittes Mal, lauter. Ich schreckte hoch. Ich saß mit verschränkten Armen und steifen Gelenken auf einem Stuhl. Um mich herum Lärm und Bewegung. Schreie, vorüberhuschende Farben, irgendetwas zog an meinem Hosenbein. Ich versuchte, mich zu orientieren. Ein hochrotes Gesicht sah fordernd auf mich herab und schrie.

»Ed!«

Ich zog mühsam die Lippen auseinander, versuchte, die Güllegrube zu befeuchten, die einmal mein Mund gewesen war, und krächzte etwas Unverständliches. Allmählich erkannte ich Beth. Sie sah seufzend an mir herunter und blies sich eine verschwitzte Locke aus der Stirn. Eine vage Mischung aus Enttäuschung und Ekel huschte ihr über das Gesicht.

»Pass auf Arthur auf«, sagte sie. Ich runzelte die Stirn. »Unseren Sohn«, sagte sie. »Deinen Stammhalter.« Das letzte Wort stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Ich schielte zu Arthur runter, der sich an meinem Schienbein hochhangelte und gerade mit weit aufgerissenen Augen dazu ansetzte, seine Zahnleiste in mein Knie zu schlagen. »Ich gehe mit Alice zur großen Rutsche.«

Es war Samstagnachmittag, der Tag, bevor es passierte. Ich hatte vom freitäglichen Feierabendbier einen üblen Kater, und wir waren im Cheeky Monkeys, wahrscheinlich dem schlimmstmöglichen Ort, an dem man sich in meinem Zustand aufhalten konnte. Das Cheeky Monkeys war ein riesiger Indoor-Spielplatz voller Schaumstoff-Klettergerüste, Netze, Plastikrutschen und vor allem voller Kinder. Hundert oder mehr überzuckerte Blagen taumelten, kletterten, krabbelten kreuz und quer und pausenlos schreiend über Leitern und Brücken und durch das gepolsterte Labyrinth. Eltern folgten ihnen auf dem Fuß oder krochen auf allen vieren durch die warmen Ausdünstungen ihrer Sprösslinge wie Verdammte in einem längst vergessenen Höllenkreis. Andere, die kurzzeitig von dieser Marter verschont waren, standen in Grüppchen am Rand und tranken Tee und Energydrinks: Frauen mit dunklen Augenringen, die kichernd übereinander lästerten, und dümmlich grinsende Männer, deren Wampen ihre Teenager-T-Shirts sprengten, wenn sie ihre Handykameras zückten.

Oder sie saßen wie ich in einer Ecke und erholten sich von neun Pints Lager, die immer noch durch ihren ansonsten leeren Magen schwappten.

Ich hob Arthur hoch, stand auf und bekam einen so heftigen Schwindelanfall, dass ich drei stirnrunzelnden Jungmüttern fast den Tisch umstieß. Eine schnalzte missbilligend mit der Zunge. Ich murmelte eine Entschuldigung, wankte weiter, um Arthur in der Babyzone abzusetzen, und sank keuchend wieder auf meinen Stuhl. Ich beobachtete ihn. Er sah sich ein bisschen um, dann krabbelte er zu einem anderen kleinen Jungen und begann eine wortlose Auseinandersetzung um einen Plastikhammer. Ein Mädchen brüllte, als ihr zornroter Bruder sie kopfüber von einem Sitzsack schubste. Wo ich auch hinschaute, gab es Streit, aufgebrachte Kleinkinder, die ihr Revier absteckten, Frontalzusammenstöße winziger Seelen. So viel Lärm und Geschrei; ein Leben, das begann, wie es enden würde – als Kampf. Ich schluckte meine aufsteigenden Magensäfte runter, sah mir das alles eine Weile an und fragte mich, was sich alle Männer ständig fragten: Wie zur Hölle war ich hier bloß reingeraten?

Ich war fünfunddreißig und steckte bereits gründlich fest. Ich betrachtete mich – Edgar Hill, verheiratet und Vater zweier Kinder, Eigenheimbesitzer, Engländer, Vollzeitangestellter eines zweckfreien Konzerns, der schon bald in Rauch aufgehen würde – als Produkt einer kranken Umwelt, einer hoffnungslos gescheiterten Zivilisation. Mir war unbegreiflich, wie es überhaupt so weit hatte kommen können. Es war ein Witz, aber ohne Pointe. Wie sollten wir uns um den Planeten kümmern, wenn wir uns nicht mal um unser Land kümmern konnten, unsere Stadt, unsere Gemeinde?

Um unsere Familien. Uns selbst.

Unsere Körper. Unsere Köpfe.

Ich war erst auf halbem Weg in das Alter, wo es normal ist, lethargisch, kalt, verbittert und verwirrt zu sein, aber genau so fühlte ich mich jede Minute, jeden Tag. Ich war übergewichtig. Ich aß doppelte Portionen, trank noch mehr und bewegte mich nie. Langsam aber sicher blähte ich mich auf wie ein Ballon, den man am aufgedrehten Heliumtank vergessen hat. Mein Leben war mir ein Rätsel – jeder Tag ein nebulöses Durcheinander. Mein Job höhlte mich aus. Meine Ehe nagte an mir. Und meine Kinder … na ja, ich war nicht gerade, was man einen engagierten Vater nennt. Ich erfüllte schon irgendwie meine Pflicht, aber sagen wir es mal so: Wenn man sich vor etwas drücken will, kann es verdammt lange dauern, den Müll rauszubringen. Versteht mich nicht falsch, ich habe meine Frau geliebt, und ich habe unsere Kinder geliebt, aber das heißt nicht, dass ich besonders glücklich gewesen wäre. Ehemann und Vater zu sein erfüllte mich mit einer verheerenden Mischung aus Panik und Erschöpfung. Wie wenn man auf einer Klippe steht, und die Augen fallen einem zu.

Liebe meine Frau. Liebe meine Kinder. Man muss mit den Zeitformen aufpassen, wenn die Welt untergeht.

Später fuhren wir, der Cheeky-Monkeys-Hölle endlich entronnen, auf hitzeflirrenden Straßen nach Hause. Der Himmel hatte jenen grellen, farblosen Glanz, den es nur über den Städten und im Hochsommer gibt. Bei dem Wetter waren dreimal so viele Leute unterwegs wie sonst. Wir blieben vor einem Kreisverkehr hängen, und ich sah durch mein offenes Fenster zu, wie ein Auto nach dem anderen heranbrauste, ohne uns durchzulassen. Es war kein Ende abzusehen; es kamen einfach immer mehr. Alice beschwerte sich auf der Rückbank laut kreischend über irgendwelche Ungerechtigkeiten, und Beth versuchte, sie vom Beifahrersitz aus zu beschwichtigen. Arthur fing an zu heulen. Ungeduldige Fahrer hupten, ohne dass ich irgendetwas hätte tun können. Hilflos eingeklemmt stand ich da, während es sich hinter mir immer weiter staute. Die Kinder schrien immer lauter, und ich spürte, wie Beth die Geduld verlor. Und noch immer strömten die Autos ununterbrochen vor der Windschutzscheibe vorbei, eine Sturzflut fremder Existenzen. Mir verschwamm alles vor den Augen, und das Hupen, Schreien und Röhren der Motoren vermischte sich zu einem einzigen lauten, grellen Brei. Ich schloss die Augen und sah die Erde vom Weltall aus, die Biosphäre wie Frischhaltefolie über ihre Kruste gespannt und darunter die Menschheit, zusammengepresst wie eine dicke Schicht Mayonnaise; eine expandierende Masse ohne Ausweg und Sinn.

»ED! FAHR JETZT! FAHR!«

»Maamiiiiiii!«

Ich fuhr an und würgte den Wagen ab. Ein BMW X5 hielt mit kreischenden Bremsen knapp vor unserer Motorhaube. Die platinblonde Monsterbarbie am Steuer keifte und trommelte mit den Fäusten auf ihr Armaturenbrett. Ihr Mann beugte sich pöbelnd aus dem Fenster und wedelte abschätzig mit der Hand. Wieder Hupen und noch mehr Gebrüll. Ich entschuldigte mich gestenreich und fuhr.

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich das alles satt. Es ödete mich an, dieses ganze Gezeter, der Mordskrach einer Welt, die von Tag zu Tag immer weniger Sinn ergab, und dieses Leben, das mich im Schwitzkasten hatte. Wenn ich ehrlich bin, war der Untergang – für mich zumindest – eine Erleichterung.

Vielleicht hört sich das herzlos oder egoistisch an. All diese Menschen, all das Leid und das massenhafte Sterben. Aber ging es wirklich nur mir so? Konnte man nicht fast einen kollektiven Seufzer hören, als wäre der Welt eine Last von den Schultern gefallen? Fandet ihr es etwa nicht tröstlich, dass die Show endlich vorüber war, dass wir nicht mehr gezwungen waren, endlos so weiterzumachen?

Vielleicht ging es wirklich nur mir so – man kann aber auch behaupten, dass es mir nicht gerade blendend ging. Ich hatte ganz schön zu kämpfen. Trotzdem machte ich tapfer weiter. Oder besser: Ich taumelte weiter, setzte reflexhaft einen Fuß vor den anderen, erduldete alles, was das Leben mir zu bieten hatte, fraß alles in mich rein, verachtete alles, wollte nur noch, dass alles verschwindet.

Was es dann ja auch tat.

 

Ich weiß selbst nicht genau, wie es kam. Es dauerte eine Woche. Nur eine Woche, bis die Stimmung aus der seligen Apathie einer sommerlichen Hitzewelle über leichte Besorgnis in nackte Panik kippte und bis alles schlagartig zu Ende war. Eigentlich ist das nicht plausibel. Ich meine, irgendjemand sollte doch, muss doch früher davon gewusst haben. Wenn wir Galaxien am anderen Ende des Universums beim Sterben zusehen und einen Roboter auf dem Mars aussetzen können (der sich vermutlich gerade wundert, dass alles so still geworden ist), hätten wir doch wohl auch bemerken können, was da auf uns zukam.

Vielleicht hatten diese deutschen Astrophysikstudenten ja recht. Die »Wächter«, oder wie sie sich nannten. Ich habe mir aus den sozialen Medien nie viel gemacht (die einen ständig zwangen, irgendetwas zu liken und zu sharen, upzudaten und upzugraden), also kenne ich nicht alle Details, aber ungefähr ein Jahr bevor es passierte, verkündeten die Wächter auf Twitter, sie hätten eine seltsame Beobachtung gemacht, etwas wirklich Ungewöhnliches. Sie posteten dieses berühmte Foto, auf dem ein verschwommener Fleck auf den Ringen des Saturn zu erkennen war, und dann noch eins, das ein dunkles Etwas vor einem der Jupitermonde zeigte. Das Netz wurde hellhörig. Die NASA dementierte kurz und knackig, aber man spürte, dass da etwas nicht stimmte. Ein paar Promis nahmen sich der Sache an, doch als die NASA beharrlich schwieg, kriegten sich alle wieder ein. Es gab ein paar Verschwörungstheorien, aber auch die wurden bald wieder vergessen, vermutlich weil eine neue Staffel von Big Brother angelaufen war.

Ein Jahr später kam die Hitzewelle. Und dann ging alles sehr schnell. Diese eine Woche werden wir Überlebenden nie vergessen. In Schottland ist jeder Gastauftritt der Sonne eine Schlagzeile wert, also waren an jenem Montag – dem Montag, bevor es passierte – die Titelseiten voller Shorts, Bikinis und freudestrahlender Gesichter. Die einzige halbwegs ernste Nachricht war ein drohendes Rasen-Gießverbot. Erst ab Mittwoch mischten sich andere Meldungen darunter, wirre, zusammenhanglose Andeutungen, dass etwas sehr, sehr Schlimmes bevorstehen könnte.

Wir lachten. Keiner glaubte ernsthaft daran. Es war Sommer, es war heiß; das konnte nur ein Witz sein, ein dummer Streich für irgendein Reality-TV-Format. Darauf konnten sich alle einigen: »Es ist ein Witz.« In den Supermärkten tauchten ein paar Hamsterkäufer auf, aber fast niemand kapierte, was wirklich vor sich ging. Wir sind eben Idioten. Meister der Verdrängung, die gelernt haben, sich nicht vor dem Schlafzimmerschrank zu fürchten. Das Monster muss schon vor uns stehen, damit einer schreit.

Erst am Sonntag sprang die Schranktür auf. Da kam diese letzte, lähmende Meldung, diese zwei harten, grauenhaften Wörter, schwarz auf weiß. Erst dann kapierten wir es. Als es zu spät war, sich vorzubereiten.

Ich will nicht sagen, dass es so besser war oder dass ich es nicht tragisch fände. Ich fand nur, wir hatten es verdient. Wir hatten es mehr als verdient.

Ich weiß nicht, wie es ablief. Vielleicht wussten die da oben Bescheid, vielleicht auch nicht. Vielleicht hatten sie nicht die richtigen Teleskope, oder diese Dinger waren zu klein und zu schnell. Oder sie wussten sehr wohl, dass wir geliefert waren. Sie wussten es und wollten, dass wir noch ein paar letzte Monate unseren Alltag genießen. Irgendwie ein tröstlicher Gedanke.

Fakt ist: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich in einem Moment meiner dreijährigen Tochter beim Spielen zusah und sie im nächsten die Kellertreppe runterwarf und die Falltür hinter mir zuschlug.

Ich weiß nur, dass das Ende am Ende von oben kam.

 

Am Sonntag erwachte ich aus einem langen, anstrengenden Traum über Kühe. Eine kleine Herde war in einem Stall zusammengepfercht und versuchte, daraus zu entkommen. Um sie herum standen vier, fünf Glatzköpfe in weißen Kitteln, die sie beobachteten, abtasteten und sich auf Klemmbrettern Notizen machten. Die Kühe gerieten immer mehr in Panik, begannen, übereinander hinwegzusteigen, bis eine von ihnen ein ohrenbetäubendes, gutturales MMMMUUUUUUHH von sich gab, das mich fast aus dem Bett befördert hätte. Das Geräusch hallte noch in meinen Ohren wider, als ich mich allmählich wieder beruhigte.

Ich schaute auf den Wecker. Fünf Uhr morgens, und Arthurs schrille Schreie drangen durch die Schlafzimmerwand. Beth stöhnte und stieß mir den Ellbogen in die Rippen. Arthur trank immer noch nachts und wurde morgens früh wach, also war ich jetzt an der Reihe; das war mein Beitrag als Vater. Nachdem seine ältere Schwester Alice geboren war, hatte ich Beth gegenüber ziemlich schnell klargestellt, dass ich morgens schließlich zur Arbeit müsse und dass ich davor meinen Schönheitsschlaf brauchte und daher auf keinen Fall ich das Kind versorgen könne. Ich bin wohl kaum der erste Vater, der diese Nummer abgezogen hat. Wir verschweigen dabei gerne, was Arbeit im Grunde ausmacht: bequeme Sitzgelegenheiten, Tee, Kaffee und Kekse, leckeres Mittagessen, interessante Gespräche, hübsche Kolleginnen, eine schnelle Internetverbindung und schallisolierte Klokabinen, in denen man zur Not unbemerkt ein Nickerchen halten kann. Arbeit. Was bedeutet es dagegen schon, ein Baby zu stillen und rund um die Uhr eine Zweijährige zu betreuen?

Was Arbeit ausgemacht hat – damals. Immer Vorsicht mit den Zeitformen.

Jedenfalls bestand ich auf meinem Recht auf Schlaf. Beth gab nach, aber nur unter der Bedingung, dass ich am Wochenende die Frühschicht übernahm. Dagegen konnte ich nichts sagen. Eine frischgebackene Mutter reizt man besser nicht zu sehr.

Ich grummelte ein bisschen, schlug die Decke zurück und stieß dabei ein leeres Wasserglas von meinem Nachttisch. Beth stöhnte wieder. »’tschuldigung«, murmelte ich.

Diese kurzen Nächte plagten uns seit Weihnachten. Dabei hatten wir jeden Ratschlag von Bestsellerautoren, von Freunden und Verwandten durchprobiert. »Lasst ihn sich in den Schlaf weinen«, »Probiert mal ein anderes Einschlafritual«, »Legt ihm eine Wasserflasche in sein Bettchen«, »Haltet ihn tagsüber länger wach«, »Mästet ihn abends mit Weetabix«. Oder, wie die Kinderlosen meinten: »Könnt ihr ihn nicht einfach ignorieren?« Ignorieren, na klar. Ignorier mal ein schrilles Protestgeheul und das Klappern eines Kinderbetts an der Wand, während deine Frau neben dir im Bett vor Wut stocksteif wird, weil sie wieder eine Nacht nur scheibchenweise geschlafen hat.

Im Januar hatten wir die Hebamme gerufen. »Vor allem solltet ihr euch keine Sorgen machen«, hatte sie gesagt und eine Hand behutsam auf Beths Knie gelegt. »Das ist nur eine Phase. Er wächst da raus.«

Beth hatte tapfer dazu genickt und lautlos schluchzend über sich ergehen lassen, dass Arthur zum dritten Mal innerhalb weniger Stunden an ihre wunde, rissige linke Brustwarze andockte. Ich sah von der Küche aus zu und schaufelte kalten Porridge in Alices greinenden Mund. Draußen lag meterhoch Schnee, es war um halb neun noch dunkel, und ich fragte mich zum x-ten Mal, warum zum Teufel wir in Schottland lebten.

Was, wenn alles einfach vorbei wäre?, dachte ich. Wenn sich alles in Luft auflösen würde?

Es tut weh, wenn ich daran denke, für wie hart ich das Leben damals hielt. Ohne Sex, ohne Schlaf, ohne Freizeit, ohne Atempausen. Kinder zu haben war für mich die Hölle. Dabei war Beth diejenige, die alles stemmte. Sie war es, die unsere Kinder austrug, die sie auf die Welt brachte, die meistens die dreckigen Windeln wechselte, die sich nie beschwerte, wenn ich mich in den Pub verzog oder vor dem Fernseher versackte und mich mitten in der Nacht mit einer Weinfahne neben ihr ins Bett fallen ließ. Beth blieb nüchtern, weil sie stillte, und ich trank fast jeden Tag. Ich redete mir ein, das sei mein Recht als gestresster Vater, schließlich arbeitete ich hart, um meine Familie zu ernähren, und brauchte auch mal Entspannung. Ich sagte mir, ein, zwei Gläschen unter der Woche und ein paar mehr am Wochenende seien völlig normal und gesund. In Wahrheit waren es fast eine Flasche pro Abend und zwei am Wochenende, das freitägliche Feierabendbier nicht mitgerechnet. Und Sport – welcher Vollzeit arbeitende zweifache Vater hatte bitte Zeit für Sport? Die üblichen Ausreden eben. Von dem leichten Schlafdefizit einmal abgesehen, hatte mein Körper im Grunde gekriegt, was er wollte: seine Ruhe, viele Kohlehydrate und genügend Betäubungsmittel. Ich gewöhnte mich daran, Spiegeln auszuweichen, und ignorierte, so gut es ging, das dumpfe Grauen, das mich befiel, weil meine Wampe, meine Backen, meine Brüste Tag für Tag immer fetter wurden.

Ich machte es mir leicht, sehr leicht. Und das machte Beth das Leben schwer.

Ich muss darauf achten, nicht zu viel zurückzublicken. Ich werde immer bereuen, kein besserer Vater und Ehemann gewesen zu sein, aber ich muss nach vorn schauen, sonst komme ich nie an mein Ziel, und das ist wichtiger als alles andere. Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, hat mal jemand gesagt. Dort gelten andere Regeln. Meine Vergangenheit – und die aller anderen – ist jetzt ein fremder Planet. Sie ist so anders, dass es sich kaum lohnt, daran zu denken.

Aber dieser eine Tag hat sich allen eingebrannt.

Während sich Arthurs Milch in der Mikrowelle erwärmte, goss ich mir ein Glas Wasser ein, öffnete die Hintertür und ging mit ihm auf die Terrasse. Es war wieder ein sonniger Tag und wurde schon warm. Arthur zuckte vor dem hellen Licht zurück, schmiegte sich an meine Schulter und hauchte kleine stotternde Atemzüge in mein Ohr, während ich die Augen schloss und die Morgensonne über mein Gesicht fluten ließ. Ich war tatsächlich glücklich. Natürlich war ich wieder verkatert (von Wein und Glotze am Abend davor), aber es machte mir nichts aus, früh auf zu sein. Vielleicht kam das von dem Vitamin D, vielleicht hatte ich genug Restalkohol intus, oder vielleicht lag es daran, dass ich mit meinem Sohn im Arm den Sonnenaufgang genoss, wer weiß das schon. Milde, stille Luft, wärmende Sonne, das ferne Dröhnen irgendeiner Straße … ich war einfach glücklich. Das ist meine letzte Erinnerung an so etwas wie Normalität.

Als ich dort auf einem Gartenstuhl die Wärme aufsog und dem Gebrabbel meines Sohnes lauschte, fegte plötzlich ein Windstoß über uns hinweg. Die Pflanzen raschelten. Der Baum in der Ecke des Gartens knarrte, und seine Äste wanden und krümmten sich zu seltsamen Formen. Am Haus klirrten alle Fenster. Auch an den Häusern gegenüber. Unsere Küchentür krachte gegen den Schrank. Dem Windstoß folgte ein sehr tiefer, ferner Donner. Nur ganz kurz, dann war es wieder still.

Arthur schnappte nach Luft und sah sich mit großen Augen um.

»Was war das, Artie?«, fragte ich und wackelte mit seiner Hand. »Ja, was war denn das?«

Er kicherte.

Was zur Hölle war das, verdammt?

Drinnen piepste die Mikrowelle.

Arthur krähte irgendetwas, löste seine Hand von meiner und knuffte mir auf die Nase. Er grinste. Ich grinste zurück.

»Dann wollen wir mal, Kleiner«, sagte ich und ging mit ihm rein.

Auf dem Sofa stöpselte ich mit einer Hand die Milchflasche in Arthurs Mund und griff mit der anderen nach der Fernbedienung. Ich hielt inne. Mein Daumen hing über dem roten Knopf in der Schwebe. Irgendetwas ließ mich zögern, bevor ich den Fernseher anschaltete. Eine flackernde, undeutliche Erinnerung, die ich nicht gleich einordnen konnte.

Arthur nuckelte glücklich an seiner Flasche, und ich drückte auf den Knopf.

Nichts.

BBC2.

Nichts.

ITV, Channel 4, Sky. Nichts.

Das war nicht ungewöhnlich; unser Receiver stürzte manchmal ab und brauchte einen Neustart, um sich wieder zu berappeln. Trotzdem hatte ich ein mieses Gefühl. Irgendwo in meinem Hinterkopf begann ein Warnlämpchen zu blinken. Es hatte mit dieser Erinnerung zu tun.

Arthur quengelte, weil ihm der Sauger aus dem Mund gerutscht war. Ich ließ die Flasche auf den Boden rollen, und er quiekte auf, als ich ihn hinter mich aufs Sofa legte. Ich krabbelte zu dem Receiver, zog die Karte raus und hielt den Ausknopf gedrückt. Wartete zehn, zwanzig Sekunden, bis der Kasten wieder hochgefahren war. Arthur gab währenddessen Warnlaute von sich und lief sich schon mal für den großen Tobsuchtsanfall warm, falls ich ihm die Milch nicht wiederbrächte. Endlich kam der Receiver wieder zu sich und spielte sein übliches Begrüßungsvideo ab. Ich setzte mich mit der Fernbedienung zurück aufs Sofa und zappte mich durch, einen Sender nach dem anderen, erst die internationalen Nachrichtenkanäle: BBC World, CNN, Al Jazeera, dann die Shoppingsender, die religiösen, die Musiksender, die Erotiksender … alle tot.

Ich ermahnte mich, ruhig zu bleiben. Das alles hieß bloß, dass Sky nicht funktionierte, wahrscheinlich nur in unserer Gegend oder sogar nur hier im Haus. Wieder überfiel mich diese vage Erinnerung an irgendetwas Wichtiges. Etwas, das ich nicht vergessen durfte …

Arthurs Warnlaute wurden durchdringender, also nahm ich ihn auf den Schoß und dockte die Flasche wieder an. Während er verärgert weiternuckelte, holte ich mein Handy raus, um die WLAN-Verbindung zu überprüfen. Nichts. Telefonempfang hatte ich im Haus sowieso noch nie gehabt. Ich hörte das Schlürfen, mit dem mein Sohn die Flasche leerte.

»Na komm, Artie«, sagte ich und stemmte mich hoch. »Gehen wir ein Stück spazieren, Kumpel.«

Ich verfrachtete Arthur in seinen Tragerucksack und schwang ihn mir über die Schulter, schlüpfte in meine Flipflops und ging zur Hintertür raus. Wir wohnten in Bonaly, einer verschlafenen Siedlung aus kleinen Neubauten und riesigen Villen, fünf Meilen südlich von Edinburgh, am Fuß der Pentland Hills. Unser Haus war ein Neubau, eins von ungefähr zwanzig Reihenhäusern, die zu beiden Seiten eines kleinen Fußwegs lagen. Es war eine nette Gegend, und die Häuser waren annehmbar, aber billig, also nicht gerade groß. Das sind mal beengte Verhältnisse, hatte Beths Vater gebrummelt, als er uns zum ersten Mal besuchen kam.

Ich ging auf der Suche nach Handy-Empfang die Hauptstraße runter. Sie war steil und von riesigen Häusern mit langen gekiesten Auffahrten gesäumt. Rechts und links zweigten weitere Straßen ab: breite, baumbestandene, ordentlich asphaltierte Sackgassen, an denen noch größere Villen standen. Eine Gegend voller Sicherheitsschranken, Überwachungskameras, Dreifachgaragen, lauschiger Gärten mit Teichen und Trampolinen. Manche Häuser hatten kolonial anmutende Holzverkleidungen, andere pflegten den amerikanischen Wohnbunker-Stil. Bei unserem Umzug nach Bonaly war Beth noch mit Alice schwanger. Wir waren zusammen diese Straßen entlangspaziert und hatten die protzigste »Ambition Drive« getauft. Waren Arm in Arm den Gehweg rauf- und runtergeschlendert und hatten gewettet, wer am lautesten die obszönsten Wörter rufen konnte.

»Muschijoghurt.«

»Tunnelsahne.«

»Scheidenkleister.«

»Eichelzement.«

Als ich den Ambition Drive erreichte, wurde mir klar, dass definitiv etwas nicht stimmte. Ich hörte ein elektrisches Garagentor surren. Es war noch nicht mal sechs Uhr, für die meisten Leute eigentlich zu früh. Dann schrie eine Frau. Es war ein Verzweiflungsschrei. Ein Kind kreischte, ein Mann brüllte. Dann schlug die Tür zu, und es wurde still.

Ich ging langsam weiter. Aus einem Fenster im Obergeschoss hörte ich etwas zersplittern. Fußgetrappel auf einer hölzernen Treppe. Wieder ein Türknallen, und wieder Stille. Eine Polizeisirene heulte in der Ferne zweimal auf, vielleicht in Edinburgh.

Irgendetwas stimmte nicht mit dieser Stille, aber ich kam nicht gleich darauf. Selbst an einem frühen Sonntagmorgen war es sonst nicht dermaßen leise. Irgendetwas fehlte.

Vogelgezwitscher.

Die Vögel. Die Vögel fehlten.

Ich sah hoch und suchte die Bäume nach Lebenszeichen ab. Ihre Äste waren reglos und leer. In den Büschen, wo es sonst um diese Jahreszeit vor Spatzen und Meisen wimmelte, herrschte Grabesstille.

Hinter mir knirschte der Kies, und ein Hund jaulte auf. Als ich mich umdrehte, lag ein Golden Retriever auf einer Auffahrt ausgestreckt. Er sah sich nach einem Mann um, der wohl sein Besitzer sein musste, ein breitschultriger Kerl in zerknittertem Hemd, barfuß und in Unterhose, der schon ins Haus zurückeilte. Ich hatte ihn kurz nach unserem Einzug bei einer Silvesterfeier kennengelernt. Ein beherrschter, zielstrebiger Typ, der den Raum sofort nach beruflichen Chancen scannte. Manche Gäste, hauptsächlich Männer (vermutlich die mit den dicksten Villen), grüßte er mit einem festen Schulterklopfen seiner stark gebräunten Hand und einem dröhnenden Hallo. Als wir uns im Verlauf der Party plötzlich gegenüberstanden, mischten sich Abscheu und Neugier in seinem Blick. Ich war kein Überflieger und deshalb fremdartig für ihn, ein Alien. Keine Aktien, kein Immobilien-portfolio, keine potentiellen Geschäftsabschlüsse. Was sollte er also mit mir?

Seine Gattin stand in einer Ecke, eine kleine, verhuschte Porzellanpuppe von einer Frau, und nippte schweigend an ihrem Bacardi. Beide dünsteten diesen seltsamen, satten Geruch des Reichtums aus.

Als er sich jetzt umdrehte, trafen sich unsere Blicke. Mit gefletschten Zähnen warf er die massive Eichentür hinter sich zu. Der Hund richtete sich winselnd auf und sah sich verwirrt um. Als er mich entdeckte, wedelte er zaghaft mit dem Schwanz und leckte sich die Lefzen. Arthur jauchzte in seinem Rucksack vor Begeisterung. Warum setzte jemand um diese Zeit seinen Hund vor die Tür?

Wieder flackerte diese vage Erinnerung in meinem Hinterkopf auf.

Am Fuß des Hügels bog ich nach rechts auf die Hauptstraße ein. Sie war menschenleer, was mich zu dieser Tageszeit nicht weiter wunderte. Plötzlich schoss wie aus dem Nichts ein Range Rover an mir vorbei. Drinnen waren vier Köpfe zu erkennen, eine Familie. Der Vater hielt das Lenkrad umklammert, und die Mutter neben ihm hatte den Kopf in den Händen vergraben. Eine leere Chipstüte wirbelte auf, als das Auto vorüberraste. Sie tanzte im Fahrtwind und senkte sich dann auf eine Mauer am Straßenrand, wo ihr Silberpapier im Morgenlicht blitzte.

Ich kriegte keinen Empfang. Eine Weile folgte ich noch der Straße, dann machte ich mich auf den Weg nach Hause.

Um kurz nach sechs erreichte ich den kleinen Laden gegenüber unserer Häuserzeile. Es war die einzige Einkaufsgelegenheit im Umkreis von einer Meile. Normalerweise hatte er um diese Zeit geöffnet, aber jetzt waren die Rollgitter noch unten. Ich spähte durch ein Fenster, in der Hoffnung, dass Jabbar, der Besitzer, schon die Zeitungen sortierte oder Milch in den Kühlschrank räumte – ganz nach hinten, damit die Kunden erst die ältere kauften. Jabbar war ein übergewichtiger Pakistani, der den Laden mit seinem Bruder führte. Da er zu keiner Kette gehörte, stapelten sich verstaubte Dosen und Flaschen in den Regalen, die ihr Haltbarkeitsdatum schon ein Weilchen hinter sich hatten und doppelt so viel kosteten wie im Supermarkt. Die beiden Brüder wohnten mit ihren Frauen und Kindern in dem Haus auf der Rückseite des Ladens. Beengte Verhältnisse, könnte man sagen.

Es war dunkel im Laden, und nichts rührte sich. Die Durchgangstür zum Wohnhaus war geschlossen.

»Jabbar!«, rief ich durchs Gitter. »Hey, Jabbar!«

Ich bildete mir ein, in der Glasscheibe der Tür zum Haus ein Augenpaar entdeckt zu haben, aber als ich noch mal hinsah, war es weg.

»Morgen!«, hörte ich hinter mir jemanden sagen.

Ich drehte mich um, und da war Mark, in Shorts und Sandalen. Er trug seine Tochter Mary in einem ähnlichen Rucksack auf dem Rücken wie ich meinen Sohn. Mary war fast genauso alt wie Arthur. Ich hatte Mark im Geburtsvorbereitungskurs kennengelernt, zu dem Beth mich mitschleifte, als sie mit Alice schwanger war. Sie hatte sich mit drei, vier anderen Müttern angefreundet, ihrer »Selbsthilfegruppe«, wie sie es nannte, die von da an regelmäßig zusammengluckte, um bei einer Tasse Kaffee über Muttermilch, Dammrisse und Brustentzündungen zu plaudern. Die Ehemänner trafen sich nur am Rande des Geschehens. Wir nickten einander bei Geburtstagsfeiern schweigend zu und tranken gelegentlich gemeinsam ein Pint, wobei wir über Sport, die Arbeit oder die Nachrichten sprachen – über alles Mögliche, nur nicht über die Geburten. Sicher, gelegentlich erkundigte man sich nach Frau und Kindern, aber eigentlich war uns das schon zu intim. Im Grunde waren wir Fremde, die im Pub zufällig am selben Tisch gelandet waren.

Ich war der einzige Engländer in der Runde. »Macht nichts, du kannst nichts dafür!«, johlte Mark eines Abends beim Bier, klopfte mir auf den Rücken und wiederholte damit den Witz, den ich seit dem Umzug nach Schottland wohl schon tausendmal gehört hatte. Mark und ich verstanden uns ganz gut, obwohl er Rennradfahrer und somit unerträglich war, viel fitter und gesünder als ich. Er hatte mir schon mehrfach angedroht, mich auf eine seiner Touren mitzunehmen. Ich wand mich immer wieder raus – und zog den Bauch ein, wenn wir uns trafen.

»Mark«, sagte ich. »Hallo. Hi, Mary.«

Ich drehte mich zum Laden um und lugte wieder durchs Fenster. Mark stellte sich dazu.

»Was ist denn hier los?«, fragte er.

»Frag mich nicht«, sagte ich. »Jabba the Hutt hat sich da drin verschanzt.«

Mark trommelte mit der Faust aufs Gitter. »Jabba! Komm raus da, du Fettsack!«

Keine Antwort. Wir traten ein Stück zurück.

»Komisch«, sagte Mark.

»Mh-hm«, sagte ich.

Mark wies mit dem Kopf zu den Bergen jenseits der Siedlung. »Mir sind gerade Rekruten aus der Kaserne entgegengekommen. Die rannten in die Pentlands hoch.«

»Training vielleicht?«

»Sah nicht danach aus. Die liefen alle durcheinander, ohne Anführer. Manche hatten zwei Gewehre dabei.«

»Ist dir das mit den Vögeln aufgefallen?«, fragte ich.

»Aye. Echt seltsam. Hast du Empfang?«

»Nein, du?«

»Nada.«

»Fernseher ist auch tot.«

»Unsrer auch, muss was mit dem Kabel sein.«

»Wir haben Sky.«

Wir sahen einander an. Es war immer noch still und warm. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte dieses Gefühl mehr ausgekostet.

»Gibt’s Zeitungen?«, fragte Mark.

»Nein, aber der Lieferwagen kommt vor sechs und lädt sie ab. Um diese Zeit sortiert Jabbar sie normalerweise schon durch.«

Wir sahen uns auf dem Gehweg um. Da war nichts, also gingen wir um die Ecke zur Hintertür des Hauses. Dort lag ein dickes Bündel der Sunday Times.

Mark riss den Lieferschein runter – irgendwer hatte allen Ernstes noch die Rechnung beigelegt – und zog die oberste Zeitung raus. Sie war dünn. Nur zwei Bögen statt des Hundert-Seiten-Kloppers, den man sonst am Sonntag bekam. Vorne drauf waren nur das Logo der Sunday Times und eine Überschrift, die die gesamte Seite füllte.

Zwei harte, grauenhafte Wörter.

AKUTE EINSCHLAGSGEFAHR

Da erinnerte ich mich. Ich erinnerte mich an alles.

Daran, wie ich mich in der Nacht vom Sofa hochgestemmt und den Bodensatz Shiraz aus der zweiten leeren Flasche auf dem Teppich verschüttet hatte. Wie ich den Fleck mit einem Tuch bearbeitete. Wie das Licht sich plötzlich veränderte, als ein riesiges BBC-Logo den Fernsehbildschirm füllte. Ich erinnerte mich an das Schweigen im Nachrichtenstudio, die Bestürzung auf den Gesichtern der Moderatoren. Dass die Sprecherin kein Make-up trug und ihr Kollege mit hochgekrempelten Ärmeln durch seine DIN-A4-Zettel blätterte. Dass er stammelte, schwitzte, dass er Worte wie »Daten«, »Fehlberechnung« und »Flugbahn« ausstieß und dann dazu aufforderte, die »Häuser nicht zu verlassen« und »wachsam zu bleiben«. Ich erinnerte mich, wie er seinen Kopf in den Händen vergrub, wie seine Kollegin die Hand vor den Mund schlug und wie es dann krachte, das Bild wackelte und man den Kameramann wegrennen hörte. Der Bildschirm flimmerte, und ein hoher Fiepton erklang, wie beim Sendeschluss. Ich erinnerte mich an die Worte, die in Weiß auf Grellrot auf dem Bildschirm erschienen:

AKUTE EINSCHLAGSGEFAHR

NOTSTAND AUSGERUFEN

Ich erinnerte mich, wie ich die Treppe hochgetaumelt war und oben innehielt, um die Übelkeit niederzukämpfen, den Wein, der mir die Kehle hochstieg. Wie ich dann Beths Namen rief. Wie ich in Arthurs Zimmer stürzte und gegen sein Bettchen knallte und wie Beth vorwurfsvoll von dem Sessel aufsah, wo sie ihn gerade stillte. Ich erinnerte mich, wie ich nach Worten rang, wie ich lallte und etwas zu erklären versuchte, das ich selbst nicht richtig begriff. An die Enttäuschung in ihren Augen und die Strenge, mit der sie mich aus dem Zimmer schickte. Daran, dass ich protestierte, mich erklären wollte. Dass Beth den Kopf schüttelte und sagte, ich sei besoffen, und sie wolle mich so nicht in Arthurs Nähe haben. Ich erinnerte mich, wie ich in unser Schlafzimmer wankte und hoffte, dass Beth nachkommen würde, damit ich ihr alles erklären könnte. Ich erinnerte mich, wie mir die Augen zugefallen waren.

Akute Einschlagsgefahr. Ich starrte eine Weile stumpf auf die Wörter, bis sie einen Sinn ergaben.

»Einschlagsgefahr?«, sagte Mark. »Heißt das, was ich denke?«

Ich antwortete nicht. Wir rannten gleichzeitig los und hämmerten vorne wieder auf das Rollgitter ein.

»Jabbar! Jabbar, mach auf! Mach auf, verdammt nochmal!«

Wir hämmerten und schrien weiter, bis wieder die Augen hinter der Tür auftauchten. Es war Jabbar, der sich versteckte. Wir hämmerten lauter.

Jabbar versuchte, uns mit einer Handbewegung zu verscheuchen. Er sah todernst aus, entschlossen, nicht wie der leutselige Ladenbesitzer von nebenan. Wir trommelten weiter gegen das Gitter. Arthur und Mary fingen an zu schreien. Schließlich öffnete sich die Tür hinter dem Tresen, und Jabbar stürzte auf das Gitter zu.

»Geht weg!«, rief er und wedelte mit den Händen. Anscheinend kriegte er es mit der Angst zu tun. »Los jetzt! Haut ab! Ich habe zu!«

»Hier!«, rief ich. Ich hielt die Zeitung hoch und zeigte auf die Schlagzeile auf der ersten Seite. »Was heißt das? Hast du noch mehr Zeitungen?«

Jabbar starrte die Meldung an und dann uns. Sein fettes Gesicht war schweißnass. Hinter ihm bemerkte ich eine Frau, die im Durchgang zum Wohnhaus kauerte und zu uns herübersah. Sie hatte ein weinendes Baby im Arm. Daneben stand Jabbars Bruder und hielt sich ein tragbares Radio ans Ohr, eine Faust vor den Mund gepresst.

Jabbar schüttelte heftig den Kopf. »Nein«, sagte er. »Nichts.«

Ich sah den Bruder an. »Mark«, sagte ich. »Guck mal.«

Der Mann hatte jetzt den Kopf gesenkt, das Radio immer noch fest am Ohr und eine Hand über den Augen.

»Jabbar«, knurrte Mark. »Was weißt du darüber?«

Ich tippte auf die Zeitung. »Was soll ›akut‹ heißen, Jabbar? Wie akut?«

Jabbar sackte in sich zusammen; er zitterte und blickte hastig von mir zu Mark. »Es ist schon losgegangen«, sagte er. »Die sind schon da.«

Ich dachte an den plötzlichen Windstoß auf der Terrasse, die gebogenen Äste und das Donnern. Eine Druckwelle. Von woher? Aus Glasgow? London?

»Jetzt geht weg! Geht …«

Aber Mark und ich hatten uns gerade abgewandt. Auch Jabbar schielte durchs Gitter nach oben. Von weit weg hörten wir ein leises, nasales Heulen. Es war ein Geräusch aus einem anderen Jahrhundert. Ein Geräusch, das bei uns nichts mehr verloren hatte. Es wurde langsam lauter und höher und steigerte sich zu einem langgezogenen, durchdringenden Jaulen.

Eine Luftschutzsirene. Eine verdammte Luftschutzsirene.

Jabbar zuckte zurück und floh durch den Laden zur Durchgangstür. Mark und ich sahen uns ein letztes Mal an, dann rannten wir in verschiedene Richtungen davon.

Die Sirene begann ihren ersten schrecklichen Abstieg in die unteren Register. Wo zur Hölle gab es in Bonaly überhaupt eine Sirene? In der Kaserne vermutlich. Sie hallte von den Bergen wider und durch die leeren Straßen; ein krankes, quälendes Geräusch, das schon immer nur eins bedeutet hatte: Geht in Deckung, hier ist gleich die Hölle los, die Lage ist sehr, SEHR ernst.

Als ich die Straße überquerte, hörte ich, wie der verstoßene Hund in das Geheul mit einstimmte. Ein paar Wochen später sollte ich mich mitten in der Nacht an diesen Moment erinnern und weinen, richtig losflennen, was ich aber hinter meinen Händen verbarg, um Beth und die Kinder nicht zu erschrecken.

»Beth!«, schrie ich. »Beth, steh auf!«

Inzwischen tauchten an den Fenstern Menschen auf, die von der Sirene geweckt worden waren. Ich sah hastig übergeworfene Bademäntel, verquollene, blinzelnde Gesichter. Die Sonne, die bis eben so warm und angenehm gewesen war, wirkte jetzt erschreckend grell.

»Steh auf! Wir …« Mir blieben tatsächlich die Worte im Hals stecken. Mir war schwindlig, wie einem Kind, das nachts nach seinen Eltern rufen will. »… sind in Gefahr!«

Mir schwirrte der Kopf. Denk nach. Was musst du tun? Was haben sie in den Nachrichten gesagt? Wie soll man sich beim Notstand noch mal verhalten?

Mir wurde klar, dass ich mich unbewusst auf diese Situation vorbereitet hatte. Gerade in den letzten seltsamen, unergründlichen Tagen hatte in meinem Kopf eine Checkliste Gestalt angenommen, hatte sich ein Programm aus meiner Jugend abgespult. In den Achtzigern war der Atomkrieg meine zukünftige Todesursache gewesen, absolut, zu hundert Prozent. Keine Asteroiden und ganz sicher nicht dieser langsame Klimawandel-Mist. Sondern das einzig Wahre. Ich würde in einer Atomexplosion verdampfen: Schluss, aus, Ende. Es folgte Aids, und wenn man wie ich zu der Zeit in die Pubertät kam, dann lauerte plötzlich unter jedem Faltenrock, hinter jedem Baumwollslip der kalte Tod. Jetzt war es Sex, der einen umbringen würde.

Mit Aids kam ich klar. Ich wusste, dass ich sowieso nicht so bald Sex haben würde, nicht solange mein Gesicht aussah wie ein Himbeermarmeladenbrötchen. Aber die atomare Gefahr, das war etwas anderes. Das ultimative Grauen. Und damit begann meine erste Mini-Obsession, seit ich damals mit fünf zum ersten Mal vom Tyrannosaurus Rex erfahren hatte. Ich sah mir alle Fernsehserien zum Thema an, las alle Bücher und sammelte Survival-Broschüren mit Konstruktionsplänen für Strahlenschutzräume. Ich war fasziniert und verängstigt. Von der Stelle in Wenn der Wind weht, wo das alte Ehepaar das Haus verlässt und bei dem Geruch von versengtem menschlichem Fleisch glaubt, dass die Nachbarn grillen, kriegte ich wochenlang Albträume.

Obwohl diese Apokalypse-Obsession schon lange abgeklungen war, hatte ein Teil meines Gehirns gleich wieder Listen aufgestellt, als die ersten bedrohlichen Nachrichten rumgingen. Das Programm muss all die Jahre im Hintergrund mitgelaufen sein. Jedes größere Unglück, jede Naturkatastrophe, jede politische Krise hatte mir einen kindischen kleinen Kick beschert. Das ist es, dachte ich dann mit heimlicher Genugtuung. Diesmal ist es so weit. Der Millenium-Bug, der 11. September, die U-Bahn-Rucksackbomber, Irak, Afghanistan, die Londoner Unruhen 2011 …

Für das hier gab es keinen Namen. Es war einfach das Ende.

Mein Apokalypse-besessener innerer Teenager schob mir seine Liste rüber.

Wasser. Nahrung. Medikamente. Licht. Schutzraum.

Schutzraum. Unser Keller.

Die Reihenhäuser gegenüber hatten einen anderen Grundriss als unseres. Sie waren breiter und hatten nicht wie wir nur drei, sondern sechs geräumige Zimmer mit höheren Decken und größeren Fenstern. Drüben hatten sie Dachböden, in denen man aufrecht stehen konnte und die manche der Besitzer zu einem siebten Zimmer ausgebaut hatten: In der ganzen Häuserzeile ragten jetzt Erkerfenster aus den Dachschrägen heraus. Unser Dachboden war klein und dunkel und nur als Abstellraum zu gebrauchen. Drüben hatten sie die schicken Häuser. Wir saßen auf den billigen Plätzen.

Aber was die nicht hatten – und wir schon –, war ein Keller.

Neben der Küche gab es eine kleine begehbare Speisekammer. Aus unerfindlichen Gründen – vielleicht wegen ihres verstärkten Nestbautriebs – war Beth davon damals total begeistert. Mir ging es da natürlich anders, aber im Boden dieser Speisekammer gab es eine Falltür, die über ein paar rohe Kiefernholzstufen in einen Raum hinunterführte, der ungefähr so groß war wie die Küche. Viel machte er nicht her. Aber er befand sich unter der Erde.

»Uh-oh«, hatte Beth gesagt, als die Maklerin die Luke öffnete. »Männerhöhlen-Alarm.«

Männerhöhlen. Schuppen, Garagen, Arbeitszimmer, Dachböden, Hobbykeller. Orte, wo »Männer« – oder ihre Entsprechungen im 21. Jahrhundert – noch unter sich sein können. Wo sie basteln, töpfern, kreativ sein können, bauen, hämmern und Musik hören, die ihre Familie nicht leiden kann.

Oder trinken, rauchen, Pornos gucken, masturbieren.

Männer haben Männerhöhlen, um so wenig Zeit wie möglich mit ihren Familien verbringen zu müssen – was aus irgendwelchen Gründen als völlig akzeptabel gilt. Man gönnt ihnen ihre kleinen Fluchten.

Mein Recht als gestresster Vater.

Ich bin fast sicher, dass diese beiden sehr verschiedenen Symbole der Häuslichkeit – heiteres feminines Glück für Beth und dunkle männliche Abgeschiedenheit für mich – den eigentlichen Ausschlag gaben, das Haus zu kaufen. Aber letztendlich verstauten wir in der Vorratskammer nur das Essen, das niemand wollte, und im Keller wurde außer dem Staubsauger nur Altglas abgestellt. Ich war fast nie da unten.

Ich rannte die Stufen zur Terrasse hoch und stürzte durch die Hintertür, wobei ich mir fast Arthur vom Rücken gerissen hätte.

»Beth!«, brüllte ich die Treppe hoch. »Steh auf! Weck Alice!«

Arthur heulte; das Spiel machte ihm keinen Spaß mehr. Ich nahm ihn von den Schultern und lehnte ihn samt Rucksack an die Küchenspüle.

Schritte polterten die Treppe runter.

»Beth! Gott sei Dank bist du wach.«

Ich war so stolz auf sie wie noch nie. Sie stand in der Küchentür, verschreckt und blass, mit einer angezogenen, schlaftrunkenen Alice auf dem Arm.

»Was ist los?«, fragte sie.

Ich fing an, die Schränke aufzureißen.

Schutzraum. Wasser. Nahrung. Medizin.

»Papa«, sagte Alice und rieb sich die Augen. »Papa, guck mal, Arthur weint.«

»Ich weiß, Schatz«, sagte ich. Ich schnappte mir eine der Recyclingkisten neben der Tür und warf Konserven und Packungen aus den Regalen hinein. Wir hatten wenig im Haus; sonntags machten wir immer den Wocheneinkauf.

Eine Flasche Balsamicoessig landete auf einer Dose Tomaten. Ich starrte sie an. Irgendwie machte es mich fertig, diesen Fetisch der Mittelschicht zur nutzlosen dunklen Brühe reduziert zu sehen: nicht trinkbar, Nährwert praktisch null. Ich ließ die Flasche, wo sie war, und packte weitere Sachen oben drauf.

»Was soll diese Sirene?«, fragte Beth.

»Pappiiiiiii, Arthur weiiiint!«

Reis, Nudeln, Bohnen, Obstkonserven, Schokolade.

»Ed«, drängte Beth. »Bitte. Ich habe Angst.«

Ich schob die Kiste Richtung Speisekammer und begann, die nächste zu füllen.

»Wir müssen runter in den Keller«, sagte ich. »Jetzt gleich. Hol Decken und Laken und Klamotten für die Kinder.«

»Was? Aber was …?«

Ich drehte mich zu ihr um. »JETZT GLEICH, Beth!«

Arthur hörte auf zu weinen. Es war alles still, bis auf das Jaulen der Sirene. Dann knallte eine Tür, ein Mann brüllte, eine Frau heulte; Reifen kreischten auf dem Asphalt, und ein Auto raste davon.

»Wie … wie lange …?«, fragte Beth. Sie begann schon zu rechnen. Genau wie wenn sie den passenden Berg Kinderausrüstung für einen Wochenendausflug zusammenstellte.

Ich schüttelte den Kopf. Keine Ahnung.

Beth setzte Alice behutsam ab und rannte die Treppe hoch.

Ich zog die unterste Schublade heraus und leerte sie ganz in die zweite Kiste. Ein paar Schnüre, zerknickte Fotos, Papierklemmen, Schraubenzieher, leere Batterien, Kerzen, Lieferdienst-Speisekarten, Ersatzschlüssel, Zigaretten, Feuerzeuge – das ganze Treibgut des Küchenlebens purzelte in die Kiste.

Alice ließ ihre Hände durch die Luft tanzen und sang.

»Pass auf deinen Bruder auf, Schatz«, sagte ich.

Alice seufzte und ließ die Schultern hängen – ihr ›Teenager-Seufzen‹, wie Beth und ich es nannten, dabei war sie gerade mal drei. Sie trottete zu Arthur rüber, als hätte ich ihr befohlen, ihre Hausaufgaben zu machen.

»Papa, ich will meine Milch«, maulte sie.

Ich entdeckte einen Erste-Hilfe-Kasten und warf ihn zusammen mit ein paar Pflastern in die Kiste. Oben hörte ich Beth hin und her laufen und Dinge aus Schubladen und Schränken holen. Zwei große Packungen Windeln trafen dumpf am Fuß der Treppe auf.

»Papiiiii …«

Wie viel Zeit bleibt uns? Stunden? Minuten?

Ich tippte auf Minuten.

»Paappiiiiii …«

Denk nach. Was noch?

Wasser.

Ich hatte einmal einen Film gesehen, in dem ein Mädchen die Apokalypse überlebte. Irgendeine namenlose weltweite Katastrophe; man erfuhr keine Details. Sie lebte auf einer Farm mitten in den USA, und als es losging, drehte ihr Vater erst mal alle Wasserhähne auf. Sie fragte: »Was ist los, Papa?«, und er antwortete: »Ich weiß nicht, Liebes, ich weiß es nicht«, und lief durchs Haus, um überall die Becken und Wannen zu füllen.

Ich brüllte die Treppe hoch. »Beth! Füll die Badewanne!«

»Ich willaba nich baden!«, krähte Alice und wirbelte durch einen Sonnenstrahl, der zum Küchenfenster hereinschien.

Oben polterte es wieder. Beth schrie etwas Unverständliches.

»Lass die Wasserhähne an!«

Plötzlich sah ich wie in einer Vision unser zerstörtes Haus vor mir: schmutzige Luft, dichte Wolken, nichts als Staub, Ziegel und verbogene Rohre. Und ganz oben auf den Trümmern thront die Badewanne – eine trockene, versengte Hülse. Mit Wasserhähnen, die als langgezogene schwarze Lakritzstangen daran herunterhängen wie auf einem Gemälde von Salvador Dalí.

Wasser.

Wollt ihr wissen, wie lange das soziale Gefüge einer Gesellschaft hält? Ich kann es euch sagen. So lange, wie es dauert, eine Tür einzutreten. Ich habe mal ein Buch über die Kriegserinnerungen japanischer Veteranen gelesen. Sie wirkten wie nette alte Männer mit glücklichen Familien, die mit sich und der Welt ihren Frieden geschlossen hatten. Aber sie wussten noch, wie der Hunger sie dazu getrieben hatte, chinesische Frauen zu essen. Meistens hatten sie sie davor noch vergewaltigt. Ihr könnt jeden fragen, der mal in eine Massenpanik geraten ist. Ist es unser erster Impuls, anderen aufzuhelfen oder über sie hinwegzutrampeln? Das Tier in dir, von dem du glaubst, du hättest es fest an den Pfosten gebunden und es mit Kultur, mit Liebe, Gebeten oder Meditation bezähmt – das leckt sich schon die Lefzen. Der Knoten ist lose, der Pfosten morsch. Es braucht nur zwei Wörter und eine Sirene, um es freizulassen.

»Bleib du hier bei Mama«, sagte ich.

»Wo gehst du hin, Papa?«

Ich rannte zu Jabbars Laden zurück. Es waren schon Leute davor versammelt, die am Gitter rüttelten und schrien, er solle aufmachen. Andere standen um das Zeitungsbündel herum.

Ich stoppte und lief hinten herum zum Haus. Ein paar der anderen Leute folgten mir.

»Jabbar«, schrie ich durch den Postschlitz in der Hintertür. »Ich brauche nur Wasser und ein paar Batterien! Du hast mehr als genug davon!«

»Haut ab!«, schrie Jabbar zurück.

Wieder fegte ein Windstoß über uns hinweg. Die hohen Bäume unten an der Straße knarrten schmerzlich, als ihre Äste brachen. Dann wieder das kurze, tiefe Donnern. Alle erstarrten. Es folgte Geschrei und noch lauteres Rütteln am Rollgitter des Ladens. Drei Autos rasten vorbei, den Hang hinunter. Wo zur Hölle wollen die hin?

Ich merkte, dass sich hinter mir eine Gruppe gebildet hatte. »Jabbar!«, schrie ich zum letzten Mal. Als nichts kam, trat ich ein Stück zurück.

Atmete tief durch.

Trat gegen die Tür.

Ein Schmerz durchfuhr meinen Fußknöchel, dass ich aufjaulte. Die Tür war unversehrt. Ich versuchte es noch einmal, näher am Schloss. Beim dritten Tritt sprang sie auf, und ich hechtete in die Diele, wo ich Jabbars Bruder in einen Haufen Kisten schubste. Ich konnte mich nicht mal mehr erinnern, wann ich zuletzt jemanden geschubst oder geschlagen hatte. In der Grundschule vielleicht?

»Raus hier! Geh weg!«, schrie Jabbar, als ich um die Ecke in einen Flur mit rotgeblümtem Teppich und billig gerahmten Fotos einbog. Es war heiß da drin und dunkel und stank nach altem Curry und Wickelkindern. Jabbars Frau versteckte sich im Türrahmen hinter ihrem Mann, der immer noch stark schwitzte.

»Ich will nur Wasser und Batterien, Jabbar«, sagte ich und lief zu der Durchgangstür zum Laden. »Nicht alles, nur genug für meine Familie.«

»Nein!«, schrie Jabbar, stürzte auf mich zu und drückte mich mit der Schulter gegen die Wand des Flurs. »Raus aus meinem Haus! Raus hier!«

Sein dicker, schweißnasser Bauch presste sich an mich, als er versuchte, mich zur Haustür zurückzudrängen. Sein Atem roch nach Angst, sein Blick flackerte panisch. Jabbars Bruder hatte sich inzwischen aufgerappelt und versuchte, hinter mir, den wachsenden Pulk an der kaputten Tür aufzuhalten.

Jabbar drückte mir die flache Hand ins Gesicht; ich schmeckte das Salz auf seiner rauen Haut. Mit einer jähen Kraftanstrengung schaffte ich es, ein Bein zurückzuziehen, und trat ihm mit voller Wucht gegen das Knie. Er schrie auf, fiel wie ein nasser Sack auf den geblümten Teppich und hielt sich das Bein.

»Arschloch!«, jaulte er. »Du Arschloch! Geh weg! Hau ab!«

Ich rannte an ihm vorbei in den Laden, raffte ein paar Packungen Batterien zusammen und nahm drei Kisten Highland Spring von einem Stapel auf dem Boden.

Jabbar lag immer noch zusammengekrümmt im Flur, und sein Bruder wurde von der Menge zurückgedrängt. Calum aus unserem Nachbarhaus war der Erste, der sich vorbeizwängte. Er sah einfach durch mich hindurch und schob mich aus dem Weg. Hinter ihm kam ein älteres Ehepaar, das ich nicht kannte. Die Frau lächelte mir unsicher zu, als seien wir uns beim Spaziergang begegnet.

Jabbars Bruder lag jetzt am Boden. Zwei Leute aus der Menge traten ihn und schoben ihn in eins der Zimmer. Ich legte die Batterien oben auf die Wasserkisten und marschierte durch den Flur zurück.

»Du Arschloch!«, kreischte Jabbar noch einmal, als ich über ihn hinwegstieg. »Du verdammtes Arschloch!«

Seine Frau kniete neben ihm, hielt seinen Kopf und weinte.

Am Ende des Flurs vermied ich jeden Augenkontakt mit den Mitgliedern des frisch formierten Mobs. Die meisten ignorierten mich ebenfalls, aber kurz vor der Tür nahm mich ein Mann aus der Häuserreihe gegenüber ins Visier, den ich vom Sehen kannte.

»He!«, sagte er und trat mir in den Weg.

Er war Anfang sechzig, schätzte ich. Seine Tochter hatte vor kurzem ein Kind bekommen, und wir sahen öfter die ganze Familie im Garten grillen. Beth und ich winkten dann und hatten sogar schon überlegt, ihren Kleinen mit Arthur spielen zu lassen. Frank. Ich glaube, der Mann hieß Frank.

Er deutete auf das Wasser. »Gib mir das.«

»Im Laden ist noch mehr«, sagte ich. Ich wollte weiter, aber er packte mich an den Schultern und hielt mich zurück. Er versuchte, sich eine der Wasserkisten zu greifen, aber ich warf mich gegen ihn und rammte ihn gegen den Türrahmen. Er machte ein Geräusch, das ich noch nie gehört hatte. Es begann mit Hööchh-chh-höhhh…, als die Luft aus der Lunge gepresst wurde, aber als ich mich vorbeischob, verwandelte es sich in ein seltsames kindliches Quieken, und sein Gesicht war grotesk verzerrt. Unter anderen Umständen hätte es vielleicht komisch sein können. Aber das war ein Mann, dem ich fast täglich begegnete. Ich hatte ihm noch nie die Hand gegeben. Bei unserer ersten und letzten Kontaktaufnahme überhaupt presste ich ihm die Luft aus den Lungen, bis er klang wie ein Kleinkind, das seine Schokolade nicht kriegt.

Frank sank zu Boden und schlang die Arme um sich. Ich rannte über die Straße, achtete darauf, dass die Batterien nicht runterfielen, und wich zwei weiteren Autos aus, die mit heulenden Motoren wer weiß wohin preschten.

Fast hatte ich den Fußweg zum Haus erreicht, als ich Mike an der Ecke stehen sah. Mike war ein älterer Witwer, der in der Nähe eine kleine Wohnung hatte. Er war dreiundsiebzig, kahl mit einem weißen Bart und trug eine billige blaue Jacke. Er hob lächelnd eine Hand zum Gruß.

»Hallo, Edgar«, sagte er.

»Mike«, sagte ich. »Du solltest schnell rein.«

Er lehnte sich auf seinem Gehstock ein Stück nach vorn und spähte über meine Schulter zu den chaotischen Szenen rund um den Laden.

»Hörst du nicht die Sirene, Mike? Es geht los, du musst schnell ins Haus!«

Mike schnaubte, und seine Mundwinkel zuckten kurz, als hätte ich einen Witz erzählt, den er nicht verstand oder der ihm nicht gefiel. Er schüttelte den Kopf.

»Dass du mir schön auf dich achtgibst, Edgar«, sagte er. »Kümmere dich um deine Familie.«

Dann holte er einmal tief und zitternd Luft, legte den Kopf in den Nacken und sah in den blauen Himmel.

Dieser Atemzug, Franks Quieken, das Jaulen des Hundes, die Luftschutzsirene – das sind Geräusche, die sich mir eingebrannt haben, die ich bis heute nicht vergessen kann.

Mir begannen die Kisten aus der Hand zu rutschen. Ein Ruf schreckte mich auf.

»Hey!«

Ich sah mich um. Frank hatte sich vom Boden hochgekämpft, war nach vorn zur Straße gelaufen und starrte mich an.

»Hey!«, rief er. »Der Keller! Ihr habt doch einen Keller!«

Shit.

Ein paar andere Bademantelträger, die versuchten, in Jabbars Laden einzudringen, drehten sich jetzt ebenfalls um. Alle Augen richteten sich auf mich. Frank kam über die Straße auf mich zu. Er war gerade halb drüben, als der nächste SUV den Hügel runter jagte, ihn frontal erfasste und wie eine Stoffpuppe durch die Luft schleuderte. Sein zerschmetterter Körper wirbelte über eine Hecke und landete auf einer Mülltonne, während das Auto weiterraste. Kurz darauf war ein metallisches Krachen zu hören, und ein Chor aus Auto-Alarmanlagen stimmte in das Konzert der Sirene und des Hundes ein.

Die anderen, die Frank hatten folgen wollen, zuckten im ersten Moment zurück. Dann wagten sie sich auf die Straße und blickten nervös zwischen mir, ihren Nachbarn und der Straßenbiegung hin und her.

Ich sprintete den Fußweg hoch in unseren Garten und schleuderte die Wasserkisten quer über die Terrasse durch die Hintertür. Dann schob ich den Riegel am Gartentor vor, klaubte die Batterien von der Terrasse und rannte in die Küche. Als ich die Tür zuzog, hatten die Ersten schon das Gartentor erreicht. Sie rüttelten daran und schrien. Immer mehr Menschen kamen nach, öffneten andere Tore in der Häuserreihe, strömten in die Gärten und trommelten an die Hintertüren.

Unsere schloss ich ab.

Beth stand in der offenen Luke. Sie hatte die Lebensmittelkisten und was sie sonst noch zusammengerafft hatte in den Keller runtergeworfen, und jetzt stand sie mit Arthur im Arm auf den Stufen und streckte die freie Hand nach Alice aus. Alice hatte im Durchgang zur Speisekammer die Fäuste unters Kinn gestemmt und schüttelte den Kopf.

»Komm, Schatz«, flüsterte Beth. »Komm, wir gehen zusammen!«

»Neiiiin«, quengelte Alice.

Alice konnte den Keller nicht leiden.

Beth versuchte, sich ein Lächeln abzuringen. »Komm schon!«, sagte sie. »Das wird ein Abenteuer!«

»Neiiiin, Maammmiiiii!«

Ich hörte draußen den Bambuszaun splittern, und als ich mich umsah, kletterte ein Mann darüber hinweg. Seine Schlafanzughose blieb im Zaun hängen, und er stürzte kopfüber in den Himbeerstrauch. Er kreischte, weil die Dornen ihm das Gesicht, die nackten Beine und den Schritt aufrissen, während er versuchte, auf die Füße zu kommen. Ihm folgte eine Frau, die mit den Füßen voran auf seinem Kopf landete und auf die Hintertür zuhinkte.

»Alice!«, rief ich. »Geh SOFORT in den Keller!«

Alice gab ein leises, langgezogenes Protestgeheul von sich.

»Ed!«, rief Beth. »Hör auf, du machst ihr Angst! Komm her, Schatz, Papa hat es nicht so gemeint.«

»Dafür ist keine Zeit, verdammt! Keine Zeit! Geh jetzt runter, SOFORT!«

Alices Jammern schraubte sich hoch wie der Ton der Luftschutzsirene. Um mich herum verwandelte sich alles in einen einzigen Albtraum aus Gejaul und Geheule in verschiedenen Tonhöhen und Stärken. An der Tür sah ich das vor Angst und Wut verzerrte Gesicht der fremden Frau. Hinter ihr hatten andere das Tor aufgebrochen und kamen ebenfalls zur Tür gerannt. Ich lief zur Kellerluke und warf die Wasserkisten an Beth vorbei hinab. Entdeckte die Taschenlampe, nahm sie aus dem Regal und steckte sie mir hinten in die Shorts. Dann schob ich Alice Richtung Falltür. Sie kreischte und versuchte, sich loszureißen.

»Alice, du musst …«

»NeeiiIIIIIN! PAAPIIIIIIII!«

Ein Gewirr aus Leibern presste sich gegen die Hintertür und hämmerte und trat gegen die Glasscheiben.

Mir blieb keine Wahl.

»Alice«, sagte ich. »Schatz, es tut mir leid.«

Beth lief instinktiv mit Arthur die Stufen runter.

Ich schnappte mir Alice und ließ sie durch die Öffnung fallen. Sie schlug hart auf dem Steinboden auf, und mit einem Hehhh wich ihr die Luft aus der winzigen Lunge.

Benommen versuchte sie, sich aufzurappeln, rutschte aus und fiel vornüber aufs Gesicht. Als Beth ihr hochhalf und ihr den Staub abklopfte, winselte Alice vor Entsetzen über meinen Verrat.

Ich vermied jeden weiteren Blick zur Tür, folgte Alice nach unten und griff nach der Falltürklappe.

»Ich will meine Hasis«, sagte Alice leise.

O verdammt. Die Hasis. Die verdammten, verdammten Hasis.

»Sag, dass du ihre Hasis hier hast«, sagte ich zu Beth.

»O nein, o verdammt«, sagte Beth. »O Scheiße, die sind noch in ihrem Bett.«

Ihre Stoffkaninchen, die Hasis, hatte Alice überall dabei. Im Bett, im Auto, auf dem Sofa, am Esstisch, im Kinderladen. Überall. Wenn sie hinfiel oder müde wurde oder wenn sie Angst bekam, konnten nur die Hasis sie trösten.

Wenn sie Angst bekam. Ich sah hinunter in den finsteren Keller.

Wie lange …?

»Meine Hasis«, sagte Alice noch einmal, trocken, emotionslos, eine Hand geschäftsmäßig ausgestreckt.

Ich versuchte, die Alternativen abzuwägen. Eine unbestimmt lange Zeit im Keller. Eine unbekannte Frist, bis wer weiß was mit Edinburgh passierte. Die Gesichter an der Tür, die reinwollten, die zu uns wollten. Glas splitterte, eine Faust drang durch eine der Scheiben.

Plötzlich verstummte die Luftschutzsirene. In der Stille schien die Welt einen Satz zu vollführen, als hätten wir uns alle miteinander über den Rand einer Klippe gestürzt. Wir waren im freien Fall, im freien Fall ins Unbekannte.

Ich sprang die Stufen wieder hoch, durch die Küche, die Treppe hoch in Alices Zimmer. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Nach dem ganzen Lärm war die Stille unerträglich. Der Hund war verstummt. Alice war verstummt. Selbst der Mob vor der Tür hielt einen Moment verwirrt inne.

Die Hasis lagen auf Alices Kissen. Ich schnappte sie mir und machte kehrt, aber plötzlich blieb ich stehen. Vor dem Fenster, auf einem Ast unseres Baumes, saß ein einziger kleiner Vogel. Eine Blaumeise vielleicht, die fröhlich zwitschernd mit dem Kopf ruckelte, wie kleine Piepmätze es eben tun. Dahinter, weit hinten am tiefblauen Himmel, entdeckte ich noch etwas. Etwas Kleines, Helles, das da nicht hingehörte. Kein Flugzeug, aber so ähnlich. Einen kleinen Fleck, der einen Schweif hinter sich herzog und rasch immer größer wurde. Und dahinter weitere Flecken.

Ich stürzte die Treppe runter und warf Alice die Hasis zu. Sie drückte sie an sich, begann inbrünstig am Daumen zu nuckeln und schmiegte ihre Wange an das weiche Fell. Bevor ich im Keller verschwand, riskierte ich noch einen letzten Blick zur Hintertür. Der Mob warf sich jetzt wieder wütend dagegen. Die Frau ganz vorn wurde mit Gesicht und Händen schmerzhaft gegen das Glas gepresst. Neben ihr bemerkte ich ein Mädchen im Nachthemd, nicht viel älter als Alice wahrscheinlich. Sie klammerte sich an das Bein der Frau, die ihre Mutter sein musste. Durch eine der unteren Glasscheiben erwiderte sie meinen Blick, seltsam ruhig in all der Panik, die über ihr tobte. Ein Rinnsal aus Urin lief am Bein der Frau hinab und dem Mädchen über die Hand.

Wieder Stille, aller Lärm wie ausgelöscht. Ein gleißendes Licht zerriss den Himmel hinter den schreienden Gesichtern.

Ich knallte die Falltür zu.

Beengte Verhältnisse

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