Am Ende der Fahrt - Rudyard Kipling - E-Book

Am Ende der Fahrt E-Book

Rudyard Kipling

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Beschreibung

Am Ende der Fahrt Rudyard Kipling - Rudyard Kipling war im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert einer der bekanntesten Prosa- und Lyriker. 1907 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.Am 30. Dezember 1865 in Bombay geboren, wurden er und seine Schwester im Alter von fünf Jahren nach England zurückgeschickt, wie es bei der britischen herrschenden Elite in Indien üblich war. Die Misshandlungen und Grausamkeiten durch das Paar, mit dem sie in Portsmouth an Bord gingen, hatten einen nützlichen Effekt, den Kipling selbst vorschlug; es gab ihm einen frühen Anstoß zu einem literarischen Leben.Dies wurde durch seine Rückkehr nach Indien im Alter von sechzehn Jahren noch verstärkt, um an einer Lokalzeitung zu arbeiten. Dies führte nicht nur dazu, dass er ständig schrieb, sondern gab ihm auch die Möglichkeit, Fragen der Identität und der nationalen Zugehörigkeit zu untersuchen, die einen Großteil seiner Arbeit durchdringen.Obwohl er vor allem für seine vielen klassischen Kindergeschichten und eine Vielzahl populärer Gedichte, darunter Wenn, bekannt ist, gilt er auch als bedeutender Erneuerer in der Kunst der Kurzgeschichte.

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Rudyard Kipling
Am Ende der Fahrt

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Am Ende der Fahrt

Absatz fehlt in dieser Ausgabe

Vier Männer mit berechtigten Ansprüchen auf »Leben, Freiheit und des Glückes Segen« saßen bei Tisch und spielten Whist. Das Thermometer zeigte - nach ihrer Messung - 101 Grad Hitze, trotzdem das Zimmer so stark verdunkelt war, daß sie kaum mehr die Figuren auf den Kartenblättern und ihre eigenen bleichen Gesichter unterscheiden konnten. Eine zerlumpte Punkah, mit verblichenem Kattun bezogen, bewegte die heiße Luft und knarrte mißtönend bei jedem Schlag. Draußen Düsternis, wie ein Londoner Novembertag; weder Himmel zu sehen, noch Sonne oder Horizont - nichts als braunroter Hitzenebel. Die Erde schien an Schlagfluß sterben zu wollen.

Von Zeit zu Zeit stiegen Wolken gelbbraunen Staubes ohne erkennbaren Grund vom Erdboden auf, schwebten, wie Tafeltücher groß, zwischen die verdorrten Baumwipfel empor und fielen wieder hernieder. Dann plötzlich brauste ein wirbelnder Staubteufel einige Meilen weit über die Ebene hin, brach seitwärts aus, die Richtung ändernd, obgleich kein Hindernis im Wege stand als eine lange Reihe weißbeaschter Bahnschwellen, ein Haufen Lehmbaracken, hergestellt aus Holzbalken schlechtester Art und altem Segeltuch, und der niedrige, vierzimmrige Bungalow des Unteringenieurs, der mit der Führung einer Abteilung der im Bau begriffenen Ghandhari-Eisenbahnlinie betraut war.

Die vier bis fast aufs Hemd entkleideten Männer spielten mißgelaunt ihren Whist und stritten sich dabei. Es machte ihnen kein sonderliches Vergnügen, trotzdem die Partie nicht leicht zustande gekommen war. Mottram, z.B., vom indischen Vermessungsamt, hatte in der Nacht vorher von seinem einsamen Posten in der Wüste nicht weniger als dreißig Meilen zu Pferd und hundert mit der Bahn zurücklegen müssen, um hierherzugelangen. Und Lowndes von der Zivilverwaltung hatte die lange Reise gemacht, um für ein paar Stunden den Intrigen eines verarmten einheimischen Staatskörpers fern zu sein, dessen König unentwegt, im Guten oder Bösen, Geld erpreßte von den armen Bauern oder den händeringenden Kamelzüchtern. Spurstow, der Regimentsarzt, hatte einen von Cholera heimgesuchten Lagerplatz von Kulis für achtundvierzig Stunden sich selbst überlassen, um wieder einmal mit Landsleuten beisammen zu sein; Hummil, der Unteringenieur, war der Gastgeber der drei. Er befand sich dauernd auf seinem Posten und empfing seine Freunde jeden Sonntag, wenn sie abkommen konnten. War einer von ihnen verhindert oder kam nicht, so erhielt er noch am selben Tage eine Depesche von Hummil mit der Anfrage, ob er tot oder noch am Leben sei. Es gibt Orte genug im Osten, wo es sehr angezeigt ist, seine Bekannten auch nicht eine Woche lang aus dem Auge zu verlieren.

Dennoch benahmen sich die vier Spieler keineswegs rücksichtsvoll zu einander. Sie zankten sich immer, wenn sie beisammen waren, aber trotzdem sehnten sie sich stets nach solchen Gesellschaften, wie Leute bei Wassermangel nach einem Trunk. Es waren Menschen, die die Qual der Einsamkeit nur zu gut kannten; keiner von ihnen zählte mehr als dreißig Jahre, und das ist wenig in einem solchen Fall.

»Pilsener?« fragte Spurstow nach dem zweiten Robber und trocknete sich die Stirn.

»Tut mir leid: Bier ist nicht mehr da, kaum Sodawasser genug für heute abend«, erwiderte Hummil.

»Eine schäbige Wirtschaft!« brummte Spurstow.

»Kann nichts dafür. Hab geschrieben und telegraphiert; aber die Züge gehen nicht mehr regelmäßig. In der letzten Woche ist sogar das Eis ausgeflossen! Lowndes weiß es.«

»Gut, daß ich damals nicht hier war. Hab's nicht gewußt, sonst hätte ich dir etwas schicken können. Pfui Teufel, die Hitze! Man kann das dumme Zeug gar nicht mehr weiter spielen!« Spurstow warf einen gereizten Blick auf Lowndes; aber der lachte nur, er war abgehärtet gegen Beleidigungen.

Mottram stand auf, lugte durch eine Spalte der Fensterläden:

»Welch ein entzückender Tag heute!«

Dann gähnte die ganze Gesellschaft und begann nach einer Weile eine planlose Durchstöberung der Schätze ihres Gastgebers: Flinten, zerrissene Novellenbände, Sattelzeug, Sporen und dergleichen. Sie hatten alles schon unzählige Male in Händen gehabt, aber was hätten sie sonst anfangen sollen?

»Gibt's was Neues?« fragte Lowndes.

»Die letzte Wochennummer der Indian Gazette und ein Zeitungsausschnitt aus der Heimat. Mein Vater hat ihn mir geschickt. Ziemlich unterhaltsam.«

»Wahrscheinlich wieder aus der Feder eines der gewissen Verwaltungsräte, die sich selbst Parlamentsmitglied nennen?« fragte Spurstow, der gern Zeitungen las, wenn er solche erwischen konnte.

»Ja, hört mal zu! Es ist Wasser auf deine Mühle, Lowndes. Also: der Bursche hielt vor seinen Wählern eine Rede und ließ sie dann veröffentlichen. Hier eine Probe: ›Ich zögere nicht, festzustellen, daß der Zivildienst in Indien geradezu eine Sinecure der englischen Aristokratie ist: Was gewinnen die Demokraten - was die große Masse - von dem Lande, das wir unter dem Deckmantel der Uneigennützigkeit Schritt für Schritt annektiert haben? Ich sage: nichts! Indien ist, wie jeder auf den ersten Blick sehen kann, nur eine Einnahmequelle für die Brut des Adels. Sie sind darauf bedacht, die überreichlichen Einkünfte, die sie so schon haben, noch zu vermehren; jeder Frage weichen sie aus, die ein Licht auf ihre Verwaltung werfen könnte. Sie zwingen die armen Bauern, im Schweiße des Angesichts für den Luxus aufzukommen, mit dem sie sich selbst umgeben.‹« Hummil schwenkte das Blatt über dem Kopf. »Hört! Hört!« riefen seine Gäste.

»Ich würde drei Monate Gehalt dafür geben«, sagte Lowndes nachdenklich, »wenn ich diesen Ehrenmann einen Monat hier haben könnte, um ihn zu überzeugen, wie die freien, unabhängigen, eingeborenen Fürsten des Landes über diese Frage denken. Der ›Alte Schöps‹ (so nannte man allgemein einen hochgeehrten, dekorierten Feudalfürsten) hat mich diese Woche wegen Geld fast zu Tode behelligt. Was soll ich sagen? Schließlich hat er mir sogar, um mich zu bestechen, eins seiner Weiber geschickt.«

»Du Glücklicher! Hast du sie angenommen?« fragte Mottram.

»Nein. Hätte es eigentlich tun sollen. Sie war eine nette kleine Person und schwätzte mir uferlos vor von den Entbehrungen der Weibsbilder im königlichen Harem. Diese Herzensschätze hätten im verflossenen Monat nicht einmal neue Kleider bekommen, weil der alte Herr, in Kalkutta, eine Wagenladung silberner Gitter, silberner Lampen und ähnliche Kleinigkeiten kaufen muß. Ich hab ihm vergebens vorgehalten, daß er die Einkünfte von zwanzig Jahren ganz zwecklos vergeudet hat und endlich einmal anfangen müsse, zu sparen. Aber er will es nicht einsehen.«

»Warum greift er sein Ahnen-Schatzgewölbe nicht an? Es müssen doch mindestens drei Millionen unter seinem Palast liegen in Münzen und Juwelen?« fragte Hummil.

»Nenn mir den eingeborenen König, der seinen Familienschatz angreift! Die Priester erlauben es nur im äußersten Notfall. Der ›Alte Schöps‹ hat sogar noch eine Viertelmillion dazugefügt, seit er regiert.«

»Woher kommen denn nur alle diese Übelstände?« fragte Mottram.

»Das Land! Wenn man die Zustände sieht, die im Volke herrschen, wird man krank! Ich war Zeuge, wie die Steuereintreiber bei einem kreißenden Kamel warteten, bis das Füllen geboren wurde, und dann die Mutter forttrieben als Ersatz für rückständige Abgaben. Die Gerichtsschreiber verweigern mir die Abrechnungen, und der Höchstkommandierende lächelt nur fett, wenn ich ihm sage, daß die Truppen seit drei Monaten keinen Gehalt bekommen haben. Und der ›Alte Schöps‹ flennt, wenn ich ihn nur anrede. Aber er säuft Liköre statt Whisky und Heidsieck statt Sodawasser.«

»Genau wie der Rao von Jubela«, rief Spurstow. »Nicht einmal ein Eingeborener hält sowas lange aus. Er wird ins Gras beißen.«

»Das wäre zu wünschen. Dann könnten wir einen Regentschaftsrat einsetzen, dem jungen Prinzen einen Erzieher stellen und ihm selbst später ein zehnmal reicheres Königreich übergeben.«

»Worauf dann der junge Prinz, nachdem er alle Laster der Engländer kennengelernt haben wird«, fiel Spurstow ein, »das ganze Geld und die Ersparnisse von zehn Jahren in achtzehn Monaten vor den Kopp haut. Ich kenne das. An deiner Stelle, Lowndes, würde ich den König einmal in aller Höflichkeit beim Ohr nehmen. Verhaßt bist du ja sowieso.«

»Du hast gut reden! Fern vom Schuß läßt sich's leicht sagen: höflich beim Ohr nehmen! Einen Saustall kann man nicht mit einem Pinsel und Rosenwasser reine machen. Ich weiß schon, was ich riskiere; bisher ist mir nichts passiert. Mein Diener ist ein alter Afghane und kocht für mich; so leicht ist der nicht zu bestechen, und von meinen ›treuen Freunden‹, wie sie sich selber nennen, nehme ich grundsätzlich keine Speisen an. Aber es ist eine zermürbende Arbeit. Ich wäre, weiß Gott, lieber bei dir, Spurstow. In der Nähe deines Lagers wird wenigstens geschossen.«

»So? Bei mir möchtest du sein?! Glaub doch das nicht! Fünfzehn Todesfälle im Tag, da vergeht einem das Schießen. Höchstens schießt man auf sich selber. Das schlimmste ist, wenn mich die armen Teufel immer so angucken, als könnte ich ihnen in Wirklichkeit helfen. Gott weiß: ich habe schon alles mögliche versucht. Mein letztes Experiment war ein Wagestück, aber es ist mir geglückt: ich hab einen alten Mann dem Tod entrissen - er war so gut wie erledigt, da hab ich ihm Branntwein mit Worcestershire-Sauce und Cayennepfeffer eingegeben, und er ist durchgekommen. Natürlich empfehle ich niemand dieses Mittel.«

»Wie verlaufen die Fälle gewöhnlich?« fragte Hummil.

»Sehr einfach, Chlorodin, Opiumpillen, Chlorodin, Kräfteverfall, Nitrate, heiße Steine auf die Fußsohlen, und dann - das Leichenverbrennungs-Ghaut [Ghauts sind die Ufertreppen an den Flüssen, wo die Leichen verbrannt werden.]. Letzteres scheint noch das einzige zu sein, das eine gründliche Wirkung äußert. Es ist eben die schwarze Cholera. Arme Teufel! Aber ich muß sagen: mein Apotheker, der kleine Bunsee Lal, arbeitet wie ein Dämon. Ich hab ihn zur Beförderung empfohlen für den Fall, daß er am Leben bleibt.«

»Und wie stehen deine Chancen, alter Bursche?« fragte Mottram.

»Weiß nicht. Kümmert mich wenig. Und was treibst du für gewöhnlich?«

»Sitze im Zelt unterm Tisch und spucke auf den Sextanten, damit er kühl bleibt«, sagte der Vermessungsbeamte, »wasche mir die Augen, damit ich keine Entzündung kriege, was mir sicher noch einmal blüht, und versuche meinem Angestellten klarzumachen, daß ein Irrtum von fünf Winkelgraden keineswegs so geringfügig ist, wie es aussieht. Ich bin, wie ihr wißt, ganz allein und werde es bis zu Ende des heißen Wetters auch bleiben.«

»Also ist Hummil der Glückspilz unter uns«, sagte Lowndes und warf sich in einen Liegestuhl, »er hat ein wirkliches Dach, zwar abgenutzt bis auf die Zimmerdecke, aber immerhin ein Dach überm Kopf, sieht jeden Tag einen Zug vorbeikommen - hat sogar Bier, Sodawasser und Eis, wenn der liebe Gott huldreich aufgelegt ist. Er besitzt Bücher, Gemälde (sie waren aus der Zeitung »The Graphic« herausgeschnitten) und erfreut sich der Gesellschaft des ausgezeichneten Unterassistenten Jevins, und außerdem genießt er uns jede Woche.«

Hummil lächelte bitter. »Jawohl, ich bin ein Glückspilz! Aber Jevins ist noch weit glücklicher.«

»Wieso? Ist er vielleicht-- -- --?«

»Allerdings. Er hat sich auf die Große Reise begeben. Am verflossenen Montag.«

»Aus eigenem Antrieb?« fragte Spurstow rasch und gab damit dem Verdacht Ausdruck, der alle sofort ergriffen hatte. Es herrschte ja keine Cholera in Hummils Gegend und auch das Fieber läßt dem Menschen eine Woche zum Sterben Zeit. Plötzlicher Tod wird daher stets als Selbstmord angesehen.

»Bei einem solchen Wetter kann man dergleichen niemand verübeln«, sagte Hummil, »vielleicht war es nur Sonnenstich. Vorige Woche, als ihr mich eben verlassen hattet, kam er zu mir in die Veranda und sagte, er wolle heim zu seiner Gattin - nach Liverpool in der Market Street - gleich jetzt abends!

Ich schickte sofort nach dem Apotheker, damit er nach ihm sähe, und wir brachten ihn zu Bett. Nach ein paar Stunden rieb er sich die Augen und meinte, er wäre wahrscheinlich ohnmächtig gewesen, und hoffe, sich nicht ungebührlich benommen zu haben. Er hielt von jeher auf gute Umgangsformen; er drückte sich damals so gewählt aus wie Chudcs.«

»Nun, und?«

»Dann ging er in seinen Bungalow und reinigte sein Gewehr. Sagte seinem Diener, er wolle am nächsten Tag auf die Jagd. Dabei spielte er mit dem Drücker und der Schuß ging ihm durch den Kopf. Reiner Zufall, natürlich! Der Apotheker berichtete den Vorfall dem Chef, und Jevins wurde begraben. Irgendwo draußen. Ich wollte dir zuerst telegraphieren, Spurstow, aber was hättest du tun können?«

»Du bist wirklich ein seltsamer Kerl«, meinte Mottram, »wenn du ihn selber umgebracht hättest, würdest du über die Sache nicht sorgsamer geschwiegen haben.«

»Gott, wozu viel Aufhebens davon machen!« sagte Hummil gelassen. »Ich hab noch einen großen Teil seiner Arbeit auf meine Schultern nehmen müssen, bin also der eigentliche Leidtragende. Jevins ist aus dem Wasser - reiner Zufall wie gesagt, aber aus dem Wasser ist er. Der Apotheker hat ein langes Gefasel von Selbstmord vom Stapel lassen wollen. Hindere einmal einer einen Babu am Schmieren, wenn er Gelegenheit dazu gefunden hat!«

»Warum wolltest du denn einen Selbstmord nicht zugeben?« fragte Lowndes.

»Weil kein direkter Beweis vorlag. Viel Vorrechte hat ja ein Mensch hier zu Lande nicht, aber ein Gewehr verkehrt in die Hand zu nehmen, wird ihm schließlich wohl noch erlaubt sein! Überdies: vielleicht werde ich selbst nochmal jemand dankbar sein, daß er bei mir Zufall als Todesursache angibt. Leben und leben lassen. Sterben und sterben lassen!«

»Da! Nimm eine Pille!« sagte Spurstow, der Hummils. bleiches Gesicht beobachtet hatte, »nimm eine Pille und sei kein Esel. Das alles ist dummes Geschwätz. Jedenfalls hemmen Selbstmordgedanken deine Arbeit. Wenn ich zehnmal der Hiob wäre, das Interesse am Fortschritt meiner Arbeit ließe ich mir nie rauben.«

»Ach was! Mir ist sie vollkommen gleichgültig geworden«, sagte Hummil.

»Vielleicht die Leber nicht in Ordnung?« meinte Lowndes teilnahmsvoll.

»Nein. Etwas viel Schlimmeres. Ich kann nicht schlafen.«

»O, das kenne ich«, rief Mottram. »Geht mir bisweilen auch so. Sind Anfälle, die sich austoben wollen. Was tust du dagegen?«

»Nichts. Es ist alles vergebens. Seit Freitagmorgen hab ich keine zehn Minuten geschlafen.«

»Armer Kerl! Spurstow, du solltest ihn in Behandlung nehmen. Schau nur, seine Augen sind trüb und seine Lider dick geschwollen.«

Spurstow lachte leicht auf, beobachtete aber Hummil noch immer scharf. »Später! Werde ihn schon auf die Beine bringen. Übrigens, was meint ihr, ist's zu heiß für einen Spazierritt?«

»Wohin denn?« brummte Lowndes müde. »Um acht müssen wir sowieso fort, da werden wir genug zu reiten haben. Ich hasse das Pferd, wenn ich es nur als Transportmittel gebrauchen muß. O Gott, was fängt man nur an?«

»Spielen wir halt wieder Whist, acht Schilling den Point und einen Goldmohur den Robber!« schlug Spurstow vor.

»Bist wohl verrückt? Einen Monatsgehalt als Einsatz! Einer von uns wäre ruiniert, wenn wir aufstehen!« sagte Lowndes.

»Könnte nicht behaupten, daß ich gerne ›derjenige, welcher‹ wär'«, sagte Mottram, »auch möchte ich nicht schuld sein, wenn einen von uns dieses Los träfe. Als Reizmittel langt es nicht hin und außerdem ist es töricht.« Und er ging hinüber zu einem alten Klavier, dem Wrack eines Familienhaushaltes aus früheren Tagen des Bungalows, und öffnete den Deckel.

»Rettungslos verstimmt«, sagte Hummil, »meine Diener haben darauf herumgehackt.«

Allerdings befand sich das Instrument in einem kläglichen Zustand, aber immerhin gelang es Mottram, die rebellischen Töne nach und nach ein wenig in Einklang zu bringen; dann stieg aus der abgegriffenen Tastatur etwas auf, wie das Gespenst eines Liedes aus einem Volksvarieté. Die Herren in ihren Liegestühlen wandten sich mit sichtlichem Interesse Mottram zu, der immer munterer drauflosspielte.

»Ausgezeichnet«, rief Lowndes. »Ich glaube, ich habe dieses Lied zum letzten Mal im Jahre 79 gehört, damals als ich fort mußte von zu Haus.«

»Oh, ich habe erst um 80 herum fort müssen«, sagte Spurstow selbstbewußt, und er nannte einen Gassenhauer, der damals in aller Mund gewesen war.

Mottram schlug die Melodie an, aber mangelhaft. Lowndes kritisierte und verlangte Änderungen. Mottram ging in ein anderes Volkslied über und wollte dann aufhören.

»Sitzen geblieben!« befahl Hummil. »Ich hab gar nicht gewußt, daß du soviel Musik im Leib hast. Spiel so lang, bis dir nichts mehr einfällt. Ich werde das Klavier stimmen lassen, bis ihr wiederkommt. Bitte, etwas Festliches jetzt!«

Sehr einfach, freilich, waren die Melodien, denen Mottrams Kunst und der Zustand des Klaviers Ausdruck geben konnten, aber die Herren hörten mit Vergnügen zu und sprachen in den Pausen von den Erlebnissen, die sie gehabt, als sie noch in ihrer Heimat gewesen waren. Ein dichter Staubsturm erhob sich draußen und heulte über das Haus hinweg, hüllte alles in mitternächtliches Dunkel, doch Mottram spielte unentwegt fort; die anderen hörten es kaum mehr, so wild und laut flatterte das Segeltuch an der Zimmerdecke.

In dem tiefen Schweigen nach dem Tosen des Sturmes ging Mottram von den ausgesprochen schottischen Liedern, leise die Melodie mitsummend, in die Abendhymne über.

»Sonntag!« sagte er zur Erklärung und nickte den anderen zu.

»Nur weiter!« rief Spurstow, »brauchst dich nicht entschuldigen!«

Hummil lachte laut und wild auf. »Ja, ja, spiel sie nur! Du bringst uns heute eine Überraschung nach der ändern; hab gar nicht gewußt, daß so viel Sarkasmus in dir steckt! Wie geht das Zeug weiter?«

Mottram nahm die Melodie wieder auf.

»Viel zu langsam! Nicht das richtige Tempo für ein Dankgebet«, spöttelte Hummil, »es muß so schnell sein wie die Grasshopper-Polka; so etwa.« Und er sang prestissimo:

»Ruhm Dir mein Gott in dieser Nacht, Für den Segen, den Dein Licht gebracht.«

»Das drückt aus, wie sehr wir den Segen fühlen! - Wie geht's weiter?«

»Wenn in der Nacht ich schlaflos bin, Gib frommes Denken meinem Sinn«,

»Schneller, Mottram!«

»Für mich im Traum zu Deinem Land, Scheuch fort der dunkeln Mächte Hand!«

»O Mottram, was für ein alter Heuchler du doch bist!«

»Sei kein Esel, Hummil!« warnte Lowndes. »Mach Witze, über was du willst, aber laß diese Hymne in Ruh! Wenn ich sie höre, steigen in mir die heiligsten Erinnerungen auf.«

»Jawohl!« stimmte Mottram bei. »Sommerabend auf dem Land; bunte Glasfenster; Dämmerlicht; und du und ›sie‹ sitzen eng beisammen, die Köpfe über ein gemeinsames Gesangbuch gebeugt.«

»Und dann«, fügte Lowndes hinzu, »fliegt dir nachts, wenn du heimgehst, ein fetter alter Maikäfer ins Auge, Heugeruch, ein Mond auf einem Grashaufen, groß wie eine Hutschachtel - Fledermäuse, Rosen, Milch und Mücken.«

»Aber auch: - Mütter! Ich kann mich noch ganz gut erinnern, wie meine Mutter mich, als ich noch ein kleiner Knirps war, mit der Hymne in den Schlaf gesungen hat«, sagte Spurstow.

Tiefe Dunkelheit lag im Zimmer; Hummil bewegte sich unruhig in seinem Sessel hin und her und sagte mürrisch:

»Folglich wirst du sie singen, wenn du bereits sieben Klafter tief in der Hölle steckst. Es ist eine Beleidigung der Weisheit Gottes, zu tun als sei man mehr als ein gequälter Rebell.«

»Nimm zwei Pillen!« riet Spurstow. »Die Leber ist schuld.«

»Hummil scheint heute miserabel gelaunt«, sagte Lowndes, als die Diener Licht brachten und den Tisch fürs Abendessen deckten, »merkwürdig, sonst ist er doch so ruhig.«

Während die Herren sich niedersetzten zu den elenden Ziegenfleisch-Koteletten und dem angebrannten Sagopudding, raunte Spurstow Mottram zu: »Gut hast du's gemacht.«

»Behalt ihn im Auge!« war die leise Antwort.

»Was habt ihr da zu flüstern?« fragte Hummil argwöhnisch.

»Wir haben nur gesagt«, erwiderte Spurstow mit dem liebenswürdigsten Lächeln von der Welt, »daß du ein verdammt schäbiger Wirt bist. Das >Geflügel< ist zäh wie Holz. Und das nennst du ein Dinner?«

»Kann's nicht ändern. Habt ihr vielleicht ein Bankett erwartet?«

Während des Essens war Hummil ununterbrochen darauf aus, seine Gäste – einen nach dem ändern – zu reizen und zu beleidigen. Jedesmal gab Spurstow dem Betreffenden ein Zeichen mit dem Fuß unterm Tisch; er wagte nicht, sie mit Blicken zu warnen. Hummils Züge waren blaß und verfallen und seine Augen weit aufgerissen. Keiner der Herren dachte auch nur eine Sekunde daran, seine bösartigen Beleidigungen als Kränkung aufzufassen, aber nachdem die Mahlzeit vorüber war, brachen sie eilig auf, um fortzugehen. »Aber bleibt doch noch! Ihr seid ja kaum erst richtig aufgetaut. Hab ich euch irgendwie beleidigt?« fragte Hummil. »Ihr seid gar so empfindliche Teufel.« Und gleich darauf flehentlich in fast unterwürfigem Ton: »Nicht wahr, ihr geht doch noch nicht?«

»Um die Worte des berühmten Jorrick zu gebrauchen: ›Wo ich gefressen hab, dort schlaf ich auch‹«, sagte Spurstow. »Wenn du nichts dagegen hast, möcht ich morgen sowieso mal deine Kulis auf ihren Gesundheitszustand hin ansehen. Einen Platz wirst du wohl haben, wo ich mich hinlegen kann?«

Die beiden ändern Gäste schützten die dringenden Geschäfte des nächsten Tages vor, sattelten ihre Pferde und ritten fort, von Hummil wiederholt gebeten, Sonntag bestimmt wieder zu kommen. Unterwegs machte Lowndes zu Mottram gewendet seinem Ärger Luft:

»Am liebsten hätte ich ihm an seinem eigenen Tisch eine heruntergehauen. Sagt der Mensch, ich hätte beim Whist betrogen, und erinnert mich an meine Schulden! Dir wirft er vor, du seiest ein Lügner, und du bist nicht einmal empört darüber.«

»Bin's auch nicht«, sagte Mottram, »armer Teufel, das! Erinnerst du dich, den alten Hummy jemals so von Sinnen gesehen zu haben?«

»Das ist doch wahrhaftig keine Entschuldigung! Spurstow hat mich die ganze Zeit über auf den Fuß getreten, deshalb schwieg ich. Aber sonst hätte ich –«

»Gar nichts hättest du! Du hättest gehandelt wie Hummil in dem Falle Jevins! Man verurteilt niemand bei einem solchen Wetter. Die Schnalle meines Zügels glüht förmlich, so heiß ist's. Trab ein bissel schneller, aber gib acht auf die Rattenlöcher.«

Ein Trab von zehn Minuten, dann hielt Lowndes an - der Schweiß troff ihm aus allen Poren - und machte die weise Bemerkung:

»Gut, daß Spurstow die Nacht über bei ihm bleibt!«

»Ja! Guter Kerl, der Spurstow. Unsere Wege trennen sich hier. Sehen uns also nächsten Sonntag, wenn die Sonne mich inzwischen nicht umgebracht hat.«

»Hoffentlich kommt's zustande. Wenn nur nicht der Finanzminister des ›Alten Schöpsen‹ mir unterdessen das Futter versalzen hat. Gute Nacht! Und - Gott behüte dich!«

»Wieso? Was meinst du damit?«

»Ach, gar nichts.« Und Lowndes versetzte Mottrams Stute einen leichten Gertenhieb in die Flanke, so daß sie gleich darauf pfeilschnell über den Sand dahinflog, »wollte nur sagen, daß du gar kein so übler Bursche bist.«

Unterdessen saßen Hummil und Spurstow im Bungalow, rauchten schweigend ihre Pfeifen und beobachteten einander scharf. Die Einrichtung des Junggesellenhaushalts war ebenso leicht wie einfach; ein Diener schob den Speisetisch hinaus, brachte zwei landesübliche rohe Bettstellen (Hanfgurten über einen dünnen Holzrahmen gespannt) herein, warf eine Decke aus kühlem Kalkuttageflecht darüber, schob sie nebeneinander, befestigte mit Stecknadeln zwei Handtücher, so daß sie sich über Nase und Mund leicht bewegen konnten, an der Punkah und meldete, die Betten stünden bereit.

Die Herren legten sich nieder und befahlen den Kulis bei allen Schrecken der Hölle, an den Fächerstricken aus Leibeskräften zu ziehen. Alle Türen und Fenster waren dicht verschlossen, denn draußen herrschte eine Hitze wie im Backofen. Die Luft im Zimmer betrug, wie das Thermometer zeigte, nur 104 Grad, war aber stickig von dem schwelenden Geruch schlecht gereinigter Öllampen, einheimischen Tabaks und dem Dunst glühheißer Ziegel und ausgedörrter Erde: die Atmosphäre des großen indischen Kaiserreichs, wenn es sich für sechs Monate in ein Reich der Qualen verwandelt, die schon so manchem starken Mann das Herz in die Schuhe hat fallen machen. Spurstow türmte alle Kopfkissen aufeinander, so daß er mehr lehnte als lag: es ist nicht gut, niedrig zu schlafen, besonders wenn man kurzhalsig gebaut ist; oft geht beim Schnarchen ein tiefer Schlummer in Hitzschlag über!

»Pack deine Polster hoch!« sagte der Arzt scharf, als er bemerkte, daß Hummil sich flach ausgestreckt hatte.

Das Nachtlicht wurde zurechtgeschraubt, der Schatten der Punkah schwankte im Raum, und gleich darauf folgte das Flappen des Fächertuchs, begleitet von dem leisen Quietschen der Stricke in den Zugösen. Dann, einen Augenblick nur, stand die Maschinerie fast still, aber schon brach der Schweiß aus Spurstows Stirn. Sollte er hinausgehen, den Kulis eine Strafpredigt halten? Ein Ruck: die Punkah bewegte sich wieder. Eine Stecknadel fiel heraus. Dann, als der Schaden behoben war, begann das Flapp-Flapp wieder auf der ganzen Linie, regelmäßig wie das Pulsieren einer Arterie in einem von Nervenfieber gemarterten Gehirn. Spurstow wälzte sich auf die Seite und fluchte leise. Hummil rührte sich nicht; unbeweglich wie eine Leiche lag er da, die Hände an die Seiten gepreßt. Die Atemzüge gingen zu schnell, als daß anzunehmen gewesen wäre, er schliefe. Spurstow blickte auf das regungslose Gesicht: die Lippen waren zusammengepreßt, und ein Zucken lief um die bebenden Augenlider.

»Er beherrscht sich, so gut er kann«, dachte er bei sich, »was in aller Welt mag ihm nur fehlen? - He! Hummil!«

»Ja!« kam's gequält zurück.

»Kannst wohl nicht einschlafen?«

»Nein.«

»Kopf heiß? Würgen in der Kehle?«

»Nein. Danke. Schlafe nicht viel, wie du weißt.«

»Ist dir sehr schlecht?«

»Ziemlich. Danke. Draußen klopft was, nicht wahr? Hab zuerst geglaubt, 's war in meinem Kopf. - Spurstow, ich bitte dich, hab Mitleid mit mir! Gib mir was, daß ich schlafen kann - fest schlafen - und wenn's nur vier Stunden sind!« Und Hummil sprang auf, zitternd vom Kopf bis zu den Füßen. »Seit Tagen hab ich nicht natürlich geschlafen; ich hält's nicht mehr aus! hält's nicht - mehr - aus!«

»Armer Kerl!«

»Mit Worten ist mir nicht geholfen. Gib mir was zum Schlafen! Ich sag dir, ich bin schon fast wahnsinnig. Weiß kaum mehr, was ich sage. Seit drei Wochen muß ich mir jedes Wort vorbuchstabieren, ehe ich's ausspreche. Ist das nicht genug, einen Menschen zum Wahnsinn zu treiben? Ich kann die Gegenstände nicht mehr recht unterscheiden und hab den Tastsinn fast ganz verloren. Die Haut schmerzt mich - die Haut. Gib mir ein Mittel, daß ich endlich schlafen kann! Spurstow, um Gottes Barmherzigkeit willen, gib mir zu schlafen ein! Etwas, das mich tief schlafen läßt. Nicht bloß träumen! Schlafen! Schlafen!«

»Weiß schon, alter Bursche, weiß schon. Bleib ruhig! Du bist nicht halb so krank, wie du glaubst.«

Die Schleusen der Selbstbeherrschung waren durchbrochen: Hummil klammerte sich furchtsam wie ein Kind an Spurstow. »Mensch! Hummil! Du brichst mir ja den Arm!«

»Ich werde dir das Genick brechen, wenn du mir nicht hilfst, Spurstow! Nein, nein! Verzeih, alter Freund! Ich hab's ja nicht so gemeint!« Hummil wischte sich den Schweiß von der Stirn, rang nach Selbstbeherrschung. »Ich hab die Besinnung verloren, verzeih! Aber vielleicht könntest du mir doch ein Schlafmittel geben? Bromkali oder sowas?«

»Brom? Dummes Zeug. Warum hast du dich mir nicht längst anvertraut? Laß meinen Arm los! Will mal nachsehen, ob ich nicht in meiner Zigarettendose etwas habe, was dir helfen kann.« Und Spurstow schraubte die Lampe hoch und begann in den Taschen seines Anzugs zu suchen; dann näherte er sich mit einem silbernen Etui, dem er eine winzige schimmernde Spritze entnahm, dem gespannt wartenden Freunde.

»Die letzte Zuflucht der Zivilisation«, sagte er, »ein Zeug, das ich höchst ungern gebrauche. Gib mal deinen Arm her! Na, die Schlaflosigkeit hat deine Muskulatur noch nicht ruiniert. Verdammt dickes Fell. Geradesogut könnte man einem Büffel eine Einspritzung geben. So! In ein paar Minuten wird das Morphium wirken. Leg dich nieder und wart's ab.«

Ein Lächeln unaussprechlichen, fast blödsinnigen Entzückens verbreitete sich über Hummils Gesicht. »Ich glaube«, flüsterte er, »jetzt werde ich einschlafen können. Gott, wie himmlisch! Spurstow, du mußt mir das Etui hierlassen; du -« Seine Stimme erlosch und sein Kopf fiel zurück.

»Freilich, das könnte dir so passen«, sagte Spurstow zu dem Bewußtlosen, »aber jetzt, mein Freund, werde ich mir gestatten, mal deine Schußwaffen zu vernageln! Schlaflosigkeit deiner Art lockert gern den dünnen moralischen Faden, der die kleinen Nebensächlichkeiten ›Leben und Tod‹ auseinanderhält.«

Mit bloßen Füßen schlich er in Hummils Sattelkammer und zog ein Zwölfkaliber-Gewehr, einen Expreß und einen Revolver aus den Futteralen. Von einem schraubte er die Zündnadel heraus und warf sie in den Schrank, vom ändern entfernte er die Feder und warf sie hinter einen großen Kleiderkasten; den Revolver spannte er nur und schlug den Zapfen des Hahns mit einem Reitstiefelabsatz heraus.

»So, das wäre in Ordnung«, brummte er und schüttelte die Schweißtropfen von den Händen, »diese kleinen Vorsichtsmaßnahmen werden dir wenigstens Zeit zum Nachdenken geben, wenn du den Kopf verlieren solltest. Du neigst mir ein wenig zu viel zu Unfällen beim Gewehrputzen.«

Als er sich aufrichtete, hörte er die heisere Stimme Hummils auf der Türschwelle sagen: »Narr, du!«

Solche Töne finden nur Menschen in lichten Momenten zwischen Delirien, wenn sie einem Freund etwas sagen, bevor sie sterben.

Spurstow sprang zurück und ließ die Waffe fallen; Hummil stand an der Tür und schüttelte sich in hilflosem Lachen.

»War riesig nett von dir, gewiß« - er sprach ganz langsam wie jemand, der Wort für Wort ertastet. »Habe gar nicht die Absicht, mir was anzutun. Spurstow, das Zeug wirkt nicht! Was soll ich tun? Was soll ich nur anfangen?« Panischer Schrecken trat in seine Augen.

»Leg dich nieder und wart ab, bis es wirkt. Leg dich sofort nieder!«

»Ich trau mich nicht. Es wird mich wieder nur halb betäuben. Ein zweitesmal werde ich's nicht mehr abschütteln können. Du weißt nicht, was es mich für eine Anstrengung gekostet hat, aufzustehen. Sonst bin ich so schnell wie ein Blitz, aber du hast mir einen Stein an die Füße gebunden! Ich war wie gefesselt.«

»Ich versteh schon. Aber leg dich jetzt nieder.«

»Nein, nein, ich deliriere nicht! Es war eine Niederträchtigkeit von dir, Versuche mit mir anzustellen. Weißt du, daß ich beinahe gestorben wäre?«

Wie ein Schwamm eine Schiefertafel abwäscht, so streifte jetzt plötzlich - wollte es Spurstow scheinen - eine unbekannte Macht alles aus Hummils Gesicht fort, das es bisher zum Antlitz eines Mannes gemacht; er stand auf der Schwelle mit dem Ausdruck naivster Unschuld: er hatte sich unter der Wirkung des Morphiums zurückgeschlafen in den Zustand verängstigter Kindheit.

»Wird er jetzt umfallen und sterben?« dachte Spurstow bei sich; setzte dann laut hinzu: »Schon recht, mein Sohn. Komm zu Bett und erzähl mir, was dich bedrückt. Gut, du hast nicht schlafen können, aber was bedeutet der übrige Unsinn?«

»Einen Platz - einen Platz da unten«, sagte Hummil schlicht. Das Mittel wirkte offensichtlich wie Ebbe und Flut; der Ausdruck in Hummils Gesicht schwankte hin und her: ging über von zitternder, kindischer Angst in das bewußte Ausweichen des Mannes vor einer drohenden Gefahr. Je nachdem sein Bewußtsein sank oder stieg.

»Gott im Himmel, Spurstow; ich habe mich schon seit Monaten davor gefürchtet. Es hat mir jede Nacht zur Hölle gemacht; und doch bin ich mir nicht bewußt, jemals etwas Böses getan zu haben.«

»Bleib ruhig! Werde dir noch eine Dosis geben. Wollen mal zuerst das Albdrücken beseitigen, du unverbesserlicher Narr.«

»Ja! Aber gib mir so viel, daß ich nicht mehr aufstehen kann. Du mußt mich in festen Schlaf versenken und nicht so halb betäuben. Man läuft dann so schwer davon!«

»Ich weiß, ich weiß. Hab's selber erlebt. Die Symptome sind genau so, wie du sie beschreibst.«

»Lach mich doch nicht aus, du Schuft! Ehe diese entsetzliche Schlaflosigkeit über mich kam, hab ich versucht, auf die Ellenbogen gestützt, zu ruhen. Hab mir einen Sporn ins Bett gelegt, um mich zu stechen, wenn ich zurückfiel. Schau her!«

»Bei Gott, der Mensch ist zerstachelt wie ein Gaul! Von einer Nachtmahr geritten, die ihn verderben will. Und wir alle haben ihn für einen vernünftigen Menschen gehalten. Wie soll ich mir das deuten? Der Himmel kenne sich da aus. – Sag mal, Hummil, neigst du zu Selbstgesprächen?«

»Ja. Bisweilen. Aber nicht, wenn ich mich fürchte; dann muß ich laufen; du nicht auch?«

»Natürlich. Immer. Versuch mal jetzt, mir alles genau zu schildern, was dich quält, bevor ich dir die zweite Spritze gebe.«

Hummil erzählte wohl zehn Minuten lang in gebrochenem Flüsterton, und Spurstow beobachtete dabei seine Pupillen, oder bewegte die Hand vor seinen Augen hin und her.

Als die Schilderung zu Ende war, wurde die Morphiumspritze angesetzt, und Hummils letzte Worte lauteten, als er zum zweitenmal zurücksank: »Versenk mich in tiefen Schlaf, denn wenn es mich zu packen kriegt, dann muß ich sterben -sterben.«

»Jawohl, das müssen wir alle früher oder später – dank dem Himmel, der unserer Leidenszeit hier auf Erden ein Ziel gesetzt hat«, brummte Spurstow und schob die Polster unter dem Kopf des Schlafenden zurecht. »Kann mir sogar gleich jetzt passieren, wenn ich nicht sofort etwas trinke. Ich schwitze nicht mehr und - fühl schon einen siebzehn Zoll breiten Kragen.« Schnell kochte er sich einen brühheißen Tee; das beste Mittel gegen Hitzschlag, wenn man drei bis vier Tassen hintereinander trinkt. Dann beobachtete er den Schläfer.

»Hm, ein blindes Gesicht, das immer weint und sich die Tränen nicht abwischen kann? Sonderbar! Ein blindes Gesicht, das ihn die Korridore entlang jagt? Hm! Hummil muß Urlaub kriegen! So bald wie möglich. Gleichgültig, ob er bei Sinnen ist, oder nicht. Ohne Zweifel ist er furchtbar zugerichtet. Der Himmel kenne sich da aus!«

Gegen Mittag stand Hummil auf, mit üblem Geschmack im Mund, aber die Augen klar und Freude im Herzen.

»Bin wohl recht krank gewesen in der Nacht, was?«

»Ich hab schon gesündere Leute gesehen. Du mußt einen Sonnenstich gehabt haben. Hör mal: wenn ich dir jetzt ein ausführliches ärztliches Zeugnis ausstelle, wirst du dann, und zwar sofort, um einen Urlaub einreichen?«

»Nein.«

»Warum denn nicht? Du hast's nötig!«

»Freilich. Aber ich kann's hier schon noch aushalten, bis das Wetter kühler wird.«

»Wozu das, wenn du doch sofort Urlaub bekommen kannst?«

»Burkett wäre der einzige, den sie mit meiner Arbeit betrauen könnten, aber der ist ein geborener Narr.«

»Mach dir deswegen doch keine Sorgen. Du bist gar nicht so wichtig hier. Telegrafiere um Urlaub!«

Hummil sah sehr besorgt drein.

»Ich kann's aushalten bis zur Regenzeit«, sagte er ausweichend.

»Nein, du kannst es nicht. Depeschiere ins Hauptquartier um Burkett.«

»Ausgeschlossen! Wenn du's durchaus wissen willst: Burkett ist verheiratet, und seine Frau hat vor kurzem ein Kind gekriegt; sie ist oben im Kühlen - in Simla. Er hat eine Freikarte und fährt jeden Samstag bis über den Sonntag zu ihr. Wenn er versetzt wird, geht sie mit ihm, und sie ist durchaus nicht sehr wohl, die kleine Person. Läßt sie das Baby zurück, so ängstigt sie sich zu Tod; und geht sie mit ihm, so stirbt sie hier bestimmt. Burkett wird darauf bestehen, daß sie mit ihm geht, denn er ist einer jener egoistischen Spießbürger, die immer behaupten, eine Frau müsse beständig um ihren Mann sein. Es ist geradezu Mord, eine Frau um diese Zeit herzubringen. Und auch Burkett hat kein so zähes Leben wie eine Ratte. Wird er herversetzt, ist's aus mit ihm; und sie hat kein Vermögen - folglich war's auch aus mit ihr. Ich bin einigermaßen abgebrüht und ledig. Wart bis zur Regenzeit; dann mag meinetwegen Burkett kommen und hier abmagern. Wird ihm auch nicht schaden.«

»Mit andern Worten, du willst also bis zur kühleren Jahreszeit dem ins Gesicht sehen, was du bisher bereits erlebt hast?«

»Ach, es wird nicht so schlimm werden jetzt, wo du mir gezeigt hast, wie ich ihm entrinnen kann. Ich kann dir ja täglich telegrafieren. Wenn ich mich wieder in den Schlaf flüchten kann, wird alles gut gehen. Um Urlaub suche ich unter keinen Umständen nach. Damit Schluß.«

»O du großer - Scott! Und ich hab geglaubt, dre Sache sei so gut wie abgemacht!«

»Quatsch. Du würdest auch nicht anders handeln. Ich bin jetzt ein neuer Mensch - dank deinem Zigarettenetui. Du kehrst nunmehr ins Lager zurück, was?«

»Jawohl; werde aber jeden zweiten Tag, wenn's mir möglich ist, nach dir schauen kommen.«

»Ach was, so krank bin ich doch gar nicht. Ich möchte dich nicht behelligen. Gib lieber deinen Kulis regelmäßig ihren Branntwein mit Pfeffersauce.«

»Du fühlst dich also wirklich ganz wohl?«

»Hinreichend, um fest im Leben, wenn auch nicht noch länger mit dir hier in der Sonne stehen zu können. Geh jetzt, altes Haus, und Gott behüte dich!«

Und Hummil kehrte sich auf dem Absatz um und wollte zurückgehen in die echoreiche Einsamkeit seines Bungalows. Das erste, was er erblickte - in der Veranda -, war sein Doppelgänger. Er hatte eine gleiche Erscheinung schon früher gehabt, als er erschöpft von Überarbeitung und Hitze beinahe zusammengebrochen wäre.

»Schon wieder - das ist bös«, murmelte er und rieb sich die Augen, »wenn das Ding plötzlich vor mir verschwindet wie ein Geist, dann weiß ich: Augen und Magen sind krank; aber, wenn es anfängt zu wandern, dann - verlier ich den Verstand«, und er näherte sich der Gestalt, die, wie alle Phantome, die einem überarbeiteten Gehirn entspringen, in immer gleichbleibender Entfernung vor ihm zurückwich. Sie glitt durchs Haus und löste sich vor seinen Augen in verschwimmende Flecke auf, sobald er in das blendende Licht des Gartens trat. Als er zum Essen ins Zimmer ging, fand er sich bereits bei Tisch sitzend. Dann erhob sich die Gestalt und eilte hinaus. Sie schien in jeder Hinsicht wirklich zu sein, nur warf sie keinen Schatten.

Niemand weiß, was Hummil in dieser Woche wohl gelitten haben mag! Die beständig zunehmenden Choleraerkrankungen unter den Kulis hielten Spurstow im Lager fest, und er depeschierte deshalb Mottram, er möge zu Hummil fahren und dort schlafen. Mottram aber war vierzig Meilen weit entfernt von der nächsten Telegrafenstation und erfuhr nichts als dienstliche Angelegenheiten, bis er Sonntag früh mit Lowndes und Spurstow zusammentraf, um sich gemeinsam mit ihnen in den Bungalow zu begeben.

»Hoffentlich treffen wir den armen Kerl diesmal in besserer Verfassung!« meinte Lowndes und schwang sich vor der Eingangstür aus dem Sattel. »Vermutlich ist er noch nicht aufgestanden.«

»Will mal hineinschauen«, sagte der Arzt, »wenn er schläft, wollen wir ihn nicht wecken.«

Einen Augenblick später errieten die beiden am Klang der Stimme Spurstows, die sie hereinrief, bereits, was geschehen war. Nutzlos, Hummil wecken zu wollen!

Die Punkah bewegte sich noch, aber er selbst mußte dieses Leben schon seit drei Stunden verlassen haben.

Der Tote lag auf dem Rücken, die Hände fest an die Seiten gepreßt, genau, wie ihn Spurstow vor sieben Nächten hatte liegen sehen. In den starren Augen den Ausdruck eines unbeschreiblichen Entsetzens.

Mottram, der hinter Lowndes eingetreten war, beugte sich über den Leichnam, berührte dessen Stirn leicht mit den Lippen und flüsterte: »O du glücklicher, glücklicher Bursche.«

Lowndes aber, der die starren Augen gesehen hatte, wandte sich schaudernd ab und ging an die andere Seite des Zimmers:

»Armer Kerl! Armer Kerl! Spurstow, wir hätten bei ihm wachen sollen. Hat er -?«

Schweigend setzte der Arzt seine Untersuchung fort und nahm dann die Umgebung in Augenschein; »nein«, sagte er entschieden, »er hat nicht -. Nirgends eine Spur, die darauf hinweisen würde. Ruft die Dienerschaft herein!«

Die Leute kamen, acht oder zehn; einer blickte dem ändern über die Schulter. Sie flüsterten sich etwas zu.

»Wann ist euer Sahib schlafen gegangen?« fragte Spurstow.

»Um elf oder um zehn«, berichtete Hummils Privatdiener.

»War er da noch wohl? Aber wie könnt ihr das wissen!«

»Krank war er nicht, soweit wir das beurteilen können, aber geschlafen hat er seit drei Nächten nur sehr wenig. Ich weiß es, denn ich hab ihn viel herumgehen sehen - besonders in der Tiefe der Nacht.«

Als Spurstow die Kopfpolster zurechtrückte, fiel ein langer Jagdsporn auf den Boden. Spurstow stöhnte laut auf. Der Diener blickte verstohlen auf den Toten.

»Woran denkst du, Chuma?« fragte Spurstow rasch, da er den Blick in dem dunklen Gesicht des Mannes gar wohl bemerkt hatte.

»Himmelsentsprossener, nach meiner armseligen Meinung ist der, der mein Herr war, hinabgestiegen in die Stätten der Finsternis; er wurde gepackt, da er nicht schnell genug hat fliehen können. Der Sporn ist der Beweis, daß er mit Furcht gekämpft hat. Männer meiner eigenen Rasse hab ich es so machen sehen mit Dornen, wenn ein Zauber auf ihnen lag, der sie im Schlaf überwältigen wollte, und sie sich fürchteten, einzuschlafen.«

»Chuma, du bist ein Mostschädel! Geh hinaus und richte die Siegel vor, die an deines Sahibs Eigentum angelegt werden müssen.«

»Gott hat den Himmelsentsprossenen erschaffen. Gott hat mich erschaffen. Wer sind wir, daß wir dem Ratschluß Gottes nachforschen dürften? Ich werde den ändern Dienern befehlen, sich zu entfernen, während du den Besitz des Sahibs aufschreibst. Sie sind alle Diebe und würden stehlen.«

»Soviel ich beurteilen kann«, erklärte Spurstow seinen Freunden, »ist er an – irgend etwas gestorben: Herzlähmung, Hitzschlag oder sonst irgendeiner - Heimsuchung. Wir müssen ein Inventar seiner Habseligkeiten aufnehmen und so.«

»In den Tod gehetzt ist er worden!« behauptete Lowndes. »Sieh dir nur die Augen an! Um Gotteswillen, laß ihn nicht mit offenen Augen begraben werden.«

»Was es auch immer gewesen sein mag, jetzt ist er erlöst von aller Qual!« sagte Mottram mild.

Spurstow blickte scharf in die Augen des Toten:

»Komm mal her! Siehst du etwas drin?«

»Ich kann nicht hinschauen«, schluchzte Lowndes. »Deck sein Gesicht zu. Gibt es wirklich ein Furchtgefühl auf Erden, das einen Mann so verwandeln kann?! Es ist grauenhaft. Spurstow, deck seine Augen zu!«

»Auf Erden? Nein!« sagte Spurstow; Mottram lehnte sich an ihn und blickte forschend hin:

»Ich sehe nichts. Nur ein paar graue Flecken in der Pupille. Etwas anderes kann es nicht gut sein.«

»Meine ich auch. Denken wir mal nach, was zu geschehen hat. Ich brauche einen halben Tag, um eine Art Sarg zurechtzuzimmern, Lowndes, altes Haus, geh hinaus und befiehl den Kulis, sie sollen die Erde neben Jevins' Grab aufschaufeln. Und du, Mottram, geh mit Chuma durch den Bungalow und laß die Siegel anlegen. Schickt mir zwei Leute herein, damit ich anfangen kann.«

Als die beiden starkarmigen Diener zu ihren Genossen zurückkehrten, wußten sie eine sonderbare Geschichte zu erzählen: der Doktor Sahib hätte sich vergebens bemüht, ihren Herrn durch magische Künste ins Leben zurückzurufen. Zum Beispiel habe er eine kleine grüne, bisweilen leise knackende Schachtel vor die Augen des Toten gehalten und dabei erschrocken gemurmelt, dann habe er sie mit sich genommen.

Das dröhnende Hämmern auf einen Sarg ist kein angenehmes Geräusch, aber die, die dergleichen kennen, behaupten, viel schrecklicher sei noch das leise Rascheln der Bettücher und das Hin- und Herschieben der Lagerstätte, wenn der Abgeschiedene zum Begräbnis angekleidet und die verhüllte Gestalt langsam herabgelassen wird, bis sie den Boden berührt, und alles ruhig mit sich geschehen läßt.

Noch im letzten Augenblick wurde Lowndes von Gewissensmahnungen ergriffen. »Was meinst du, sollen wir die Gebete verrichten?« fragte er Spurstow.

»Ich glaube: ja! Du bist der Ältere im Zivildienst. Tue du's!«

»Ich? An diese Möglichkeit habe ich gar nicht gedacht. Aber vielleicht kann ich irgendwo einen Geistlichen auftreiben. Wenn ich noch so weit reiten müßte, ich tat's gern, um dem armen Hummil eine Chance zu geben.«

»Unsinn«, sagte Spurstow, und gleich darauf ertönten von seinen Lippen die gewaltigen Worte, mit denen der Gottesdienst bei einem Begräbnis beginnt.

Nach dem Frühstück rauchten die drei stumm ihre Pfeifen zum Gedächtnis des Toten. Plötzlich sagte Spurstow nachdenklich:

»In der medizinischen Wissenschaft ist es nicht bekannt.«

»Was?«

»Bilder in den Augen von Leichen.«

»Um Himmelswillen, sprich nicht mehr von all dem Entsetzlichen!« rief Lowndes. »Ich hab einmal einen Eingeborenen vor Schrecken sterben sehen, als ein Tiger hinter ihm her war; ich weiß, was Hummil getötet hat.«

»Einen Schmarren weißt du! Ich will mich jetzt überzeugen, was es war«, und Spurstow zog sich mit einer Kodakkamera in das Badezimmer zurück. Nach ein paar Minuten hörte man drin ein Geräusch, als ob etwas in Stücke geschlagen würde. Gleich darauf trat der Arzt, totenblaß, wieder ein.

»Hast du ein Bild bekommen?« fragte Mottram. »Ist etwas auf der Platte?«

»Nein. Nichts. Natürlich. Kann dir nichts zeigen, Mottram. Hab die Filmspule herausgenommen. War nichts drauf. Wie sollte es auch!«

»Das«, sagte Lowndes gedehnt, mit einem ausdrucksvollen Blick auf die heftig zitternde Hand des Arztes, die sich vergeblich bemühte, die Pfeife wieder in Brand zu setzen, »das - ist - eine - verdammte Lüge!«

Mottram versuchte zu lächeln. »Spurstow hat recht«, sagte er. »In einem Zustand wie dem, in dem wir uns jetzt befinden, würden wir auch das Unmöglichste glauben. Zwingen wir uns zur Besonnenheit.«

Lange sprach keiner von ihnen auch nur ein Wort. Der heiße Wind draußen pfiff ums Haus, und die ausgedörrten Bäume ächzten. Gleich darauf, in blinkendem Kupfer, Stahlglanz und zischendem Dampf, kam der Tageszug angebraust durch die sengende Hitze. »Am besten, wir fahren gleich mit!« meinte Spurstow. »Kehren wir zu unserer Arbeit zurück. Der Totenschein ist ausgefüllt. Hier haben wir nichts mehr zu suchen, und Arbeit wird uns helfen, unsere fünf Sinne beisammen zu halten. Vorwärts.«

Aber keiner rührte sich: eine Eisenbahnfahrt zu Mittag im Juni hat nicht viel Verlockendes. - Entschlossen griff Spurstow nach Hut und Reitpeitsche, wandte sich in der Türe noch einmal um und sagte:

»Wir hier auf Erden, wir haben das Leben; Ob's einen Himmel gibt? Ob eine Hölle? Wer wüßte Antwort auf die bange Frage?«

Weder Mottram noch Lowndes konnten etwas darauf erwidern.

Naboth

Diese Geschichte könnte eine Allegorie des indischen Kaiserreiches sein, aber abgespielt hat sie sich nichtsdestoweniger und zwar folgendermaßen:

Ich begegnete Naboth am Rande meines Gartens. Er trug einen leeren Korb auf dem Kopf und ein schmutziges Tuch um die Lenden. Das war anscheinend seine ganze Habe - damals, als ich ihn zum ersten Male sah. Er eröffnete unsere Bekanntschaft mit Betteln, war sehr mager und trug fast ebensoviel Rippen zur Schau wie sein Korb. Er erzählte mir eine endlose Geschichte von Fieber und einem Prozeß und einem eisernen Kessel, den ihm das Gericht nach vorheriger Pfändung beschlagnahmt hätte. Ich griff in die Tasche, um Naboth zu helfen; haben doch auch bekanntlich orientalische Herrscher fremden Abenteurern bis zur Neige ihrer königlichen Schatzkammern geholfen! Ich fand eine Rupie in den Futterfalten meiner Westentasche - wußte gar nicht, daß sich eine solche dort verkrochen hatte - und reichte sie Naboth, gewissermaßen als ein direktes Geschenk des Himmels. Er versicherte mir, ich sei der einzig berufene Beschirmer der Armen, den er jemals im Leben gesehen hätte.

Am nächsten Morgen erschien er wieder, ein wenig gerundeter an Körperfülle, ballte sich zu einem Knäuel auf meiner Veranda zusammen und beteuerte, ich sei sein Vater, seine Mutter und der direkte Abkömmling des indischen Götterpantheons - außerdem lenke ich fraglos die Geschicke des Universums. Er selbst hingegen sei nur ein geringer Zuckerwarenverkäufer und viel weniger, als der Staub zu meinen Füßen. Ich hatte derlei Hymnen schon oft gehört und fragte ihn daher, was sein Begehr sei. Meine Rupie, sagte Naboth, habe ihm die dauernden Wonnen des Paradieses erschlossen, nur ein Wunsch bliebe ihm noch, nämlich, in der Nähe des Hauses seines Wohltäters einen Zuckerstand errichten zu dürfen, um beständig sein - das heißt mein - erhabenes Antlitz vor Augen zu haben und zu sehen, wie ich komme und gehe und die Welt erleuchte. Ich gewährte ihm gnädigst die Bitte und er ging von hinnen, den Kopf zwischen den Knien.

Vom untersten Ende meines Gartens senkte sich, gekrönt von dichtem Gestrüpp, ein Abhang zur Straße hinab. Ein kurzer Fahrweg führt an dem Gebüsch vorbei von meinem Hause zum Korso. Am nächsten Tag sah ich, daß Naboth sich am Fuße des Abhanges hingesetzt hatte - mitten hinein in den Staub der Straße und in die volle Glut der Sonne, mit einem schmächtigen Korb schmieriger Süßigkeiten vor sich; er hatte offensichtlich mit meiner großmütigen Gabe als Betriebskapital wieder ein Geschäft angefangen. Ich war gewissermaßen der Schöpfer dieses Paradieses. Bei Anbeginn war die Erde ringsum wüst und leer gewesen, dann zeigten sich die Uranfänge in schwachen Umrissen: Naboth, ein Körbchen, grauer Staub und Sonnenschein, das war, ehe die Anzapfung meines Reiches anhub.

Am nächsten Tage bereits hatte sich Naboth näher an mein Gestrüpp herangepürscht, nannte ein Palmenblatt sein eigen und wedelte damit die Fliegen von seinen Süßigkeiten weg, woraus ich schloß, daß er ein gutes Geschäft gemacht haben mußte.

Vier Tage später bemerkte ich, daß er sich und seinen Korb bis in den Schatten des Gebüsches hinaufgezogen und ein isabellfarbenes Tuch als Baldachin zwischen den Ästen befestigt hatte, um von der Sonnenhitze nicht belästigt zu werden. Sein Korb enthielt eine große Auswahl Zuckerwerk. Der Handel scheint zu blühen, dachte ich bei mir.

Sieben Wochen später erwarb die Regierung ein Stück Land ganz in der Nähe, um ein Gerichtsgebäude darauf errichten zu lassen. Etwa vierhundert Kulis wurden zur Aushebung des Grundes eingestellt. Naboth kaufte sich ein blau- und weißgestreiftes Tuch, einen messingnen Lampenständer und einen kleinen Jungen, um der geschäftlichen Flutwelle, die stündlich wuchs, begegnen zu können.

Wieder fünf Tage später hatte er sich ein riesiges, dickbäuchiges, rotrückiges Buch angeschafft und dazu ein gläsernes Tintenfaß - was mir verriet, daß die Kulis auf dem besten Wege waren, seine Schuldner zu werden, und daß sich das Geschäft bereits dem legitimen Bankfach zubewegte. Auch sah ich, daß sich der eine Korb in drei verwandelt hatte, Naboth in das Gestrüpp eingedrungen war und dort eine niedliche Lichtung behufs gebührender Entfaltung des Warenvorrats, des Jungen und der Buchhaltung ausgehauen hatte.

Nach zwölf weiteren Tagen stand eine Art Feldküche aus Lehm in der Lichtung und das rotrückige Hauptbuch machte einen hochträchtigen Eindruck. Er versicherte mir, Gott habe nur wenige Engländer meiner Art erschaffen und ich sei fraglos eine Verkörperung aller menschlichen Tugenden. Als Opfergabe spendete er mir ein wenig von seinem Zuckerzeug, und durch dessen Annahme setzte ich ihn sozusagen zum Vasallen im Bereich meines Schutzgebietes ein.

Abermals drei Wochen und ich bemerkte, daß der Junge täglich für seinen Herrn ein warmes Mittagessen bereitete und Naboth selbst sich einen Spitzbauch anzulegen gedachte. Er hatte ein weiteres Stück meines Gebüsches »urbar« gemacht und sich ein zweites, noch dickeres Kontobuch angeschafft.

Elf Wochen darauf hatte er sich beinahe durch das ganze Buschwerk durchgehauen, und eine Schilfrohrhütte mit einem Bett davor verschönte die Ansiedlung. Zwei Hunde und ein Baby schliefen auf dem Bett, woraus ich schloß, daß Naboth eine Gattin heimgeführt hatte. Er gab es ohne weiteres zu und sagte, er habe den Schritt getan in der Voraussetzung, daß es meine Gnade noch gestatten würde, zumal ich unendlich edler sei, als Krischna selbst. Nach Verlauf von sechs Wochen und zwei Tagen war eine Lehmmauer hinter der Hütte entstanden; Hühner liefen davor umher und es stank ein wenig. Der Munizipalsekretär stellte fest, daß sich infolge dieser Bautätigkeit bereits eine Senkgrube von Abwässern auf der Straße vor meinem Besitztum zu bilden begänne, die ich unbedingt beseitigen lassen müßte. Ich sprach mit Naboth. Er sagte, ich sei unumschränkter Gebieter über alle seine irdischen Güter und der Garten mein ausschließliches Eigentum. Als Huldigung und Opfergabe sandte er mir wieder einiges Zuckerwerk, eingewickelt in einen gebrauchten Wischlappen.

Zwei Monate später begab es sich, daß ein Kuli bei einer Rauferei, die gegenüber Naboths Paradies und Weinberg stattgefunden haben mußte, erschlagen worden war. Der Polizeiinspektor sagte, es sei das ein ernster Fall, drang in meine Gesindewohnungen ein, beschimpfte die Hausmeisterin und wollte den Hausmeister verhaften. Das Bedenkliche bei der Mordaffäre war, daß es allgemein hieß, die meisten der an der Rauferei beteiligten Kulis seien schwer betrunken gewesen. Naboth stellte mir aufs eindringlichste vor, nur mein Name, als glänzender Schild zwischen ihn und seine Feinde gestellt, könne ihn schützen, was um so wünschenswerter sei, als er in Bälde die Ankunft eines zweiten Babys erwarte.

Vier Monate waren wieder vorbei, da bestand die Hütte ganz und gar aus soliden Lehmmauern, und Naboth hatte den größten Teil meines Gebüsches für fünf Ziegen abgeholzt. Eine silberne Uhr an einer Aluminiumkette zierte seinen stattlichen Bauch. Nun waren meine Diener wiederholt unglaublich betrunken und pflegten auch sonst die Tage in geheimnisvollen Orgien in Naboths Paradies zu verbringen. Ich sprach mit Naboth. Er sagte, meine strahlende und erhabene Gnade vorausgesetzt, werde er alle seine Weiber in unnahbare Damen verwandeln, und, falls jemand ihn verdächtigen sollte, er triebe etwa einen verbotenen Handel mit Schnaps im Schatten der Tamariskensträucher, so solle ich, sein Gebieter und Herr, den Ruchlosen unerbittlich zur Rechenschaft ziehen.

Eine Woche darauf bestellte er einen Mann, damit er ihm einige Dutzend Quadratmeter Gitterzaun um die Rückseite der Hütte zöge, auf daß seine Damen vor den zudringlichen Blicken des Publikums geschützt seien. Der Mann fing mit der Arbeit zwar an, ließ sie aber bald stehen und pflasterte lieber statt dessen ein Stück der kurzen Verbindungsstraße, die zu meinem Hause läuft. Nun fuhr ich in der Dämmerung an jenem Tage heim und bog scharf um die Ecke an Naboths Weinberg. Im nächsten Augenblick hatten die beiden Pferde meines Phaethons sich mit den Füßen in einem Haufen umherliegenden Gitterwerks verfangen und stürzten. Das eine schürfte sich nur das Knie auf, aber das andere mußte ich auf der Stelle erschießen, so war es zugerichtet.

Naboth ist jetzt fort, seine Hütte ist der Erde, der sie entstammte, gleichgemacht, und der Boden mit Salz bestreut, statt mit Zucker, zum Zeichen, daß der Platz verflucht sein möge. An die Grenze meines Gartens habe ich mir eine Sommerlaube bauen lassen, die die Aussicht beherrscht. Sie dient mir als Sperrfort, von dem aus ich mein Reich vor Einfall beschirme.

Ich kann mir heute genau vergegenwärtigen, wie dem gottseligen Ahab in der Bibel zumute gewesen sein muß. Man hat ihn in der Schrift schmählich falsch beurteilt!

Moti Guj, der Meuterer

Es war einmal ein Pflanzer in Indien, der wollte einen Wald ausholzen, um eine Kaffeeplantage anzulegen. Als der letzte Baum gefällt und das Unterholz verbrannt war, blieb nur noch, die Stümpfe auszuroden. Dynamit kostet viel, und Feuer ist zu langweilig. Die beste Art, Stümpfe zu entfernen, ist, sich des Königs der Tiere, des Elefanten, zu bedienen. Er gräbt sie entweder mit seinen Stoßzähnen aus der Erde, oder er reißt sie vermittelst eines Taues aus. Der Pflanzer mietete also Elefanten und schickte sie einzeln, paarweise oder zu dreien an die Arbeit. Der beste der Elefanten gehörte dem schlechtesten der Treiber, und der Name dieses unvergleichlichsten aller Tiere war: Moti Guj. Er war der unbeschränkte Besitz seines Mahout, was unter einer Eingeborenenregierung nicht möglich gewesen wäre, denn Moti Guj war ein Geschöpf, das den Neid jedes Königs erweckt hätte; wie denn auch sein Name soviel wie: »Perle der Elefanten« bedeutete. Da das Land aber unter britischer Botmäßigkeit stand, durfte Deesa, der Mahout, im unbestrittenen Besitz seines Schatzes bleiben. Deesa, der Mahout, war ein Schlemmer. Hatte er durch die Kraft seines Elefanten genug Geld verdient, so pflegte er sich maßlos zu betrinken und dann Moti Guj eine Tracht Prügel mit einer Zeltstange zu verabfolgen, indem er auf die empfindlichen Zehennägel seiner Vorderfüße losdrosch. Moti Guj trampelte ihn bei solchen Gelegenheiten nicht etwa tot, wußte er doch ganz genau, wenn die Prügel zu Ende sein würden, würde Deesa seinen Rüssel umarmen und laut weinen und ihn »mein Herzblättchen, mein Leben und Leber meiner Seele« nennen und ihm Schnaps zu trinken geben. - Moti Guj war nämlich ein großer Freund des Alkohols, insbesondere des Arraks, aber er verschmähte auch Palmsaft - Toddy nicht, wenn er nichts Besseres bekam. - Nach solchen Gefühlsausbrüchen legte sich Deesa gewöhnlich zwischen Moti Gujs Vorderfüße schlafen und, da er sich dazu gewöhnlich die Mitte der Landstraße auserkor, Moti Guj über ihm Wache hielt und weder Pferd noch Fußgänger, noch Wagen passieren ließ, so stockte jedesmal der Verkehr, bis es Deesa beliebte, aufzuwachen.

Tagsüber war Schlafen auf der Ausholzung streng verboten, denn dazu waren die Löhne zu hoch. Deesa saß also auf Moti Gujs Nacken und kommandierte, während Moti Guj machtvoll Baumstümpfe ausrodete, denn er besaß ein paar prachtvolle Stoßzähne, oder sie mit einem Strick ausriß, - denn er besaß ein paar ebenso prachtvolle Schultern; Deesa trat ihm dabei hinter die Ohren und nannte ihn den König der Elefanten. Am Abend spülte Moti Guj 500 Pfund Grünfutter mit einem Quart Arrak hinunter, und auch Deesa nahm einen Imbiß zu sich und sang dann zwischen Moti Gujs Vorderbeinen Lieder, bis es Zeit wurde, schlafen zu gehen. Wöchentlich einmal führte Deesa Moti Guj hinunter ans Flußufer; Moti Guj legte sich dann in dem seichten Wasser wollüstig auf die Seite und ließ sich von Deesa mit einem Kokosschrubber und einem Ziegelstein bearbeiten, bis ihm ein Klatschen mit dem Stein das Zeichen gab, sich umzudrehen. War die Prozedur vorbei, sah Deesa ihm Augen und Füße nach und hob ihm die Lappen seiner langen Ohren auf, um nachzuschauen, ob sich dort nicht wunde Stellen oder Entzündungsherde gebildet hätten. Fiel der Befund zufriedenstellend aus, so kehrten beide - Moti Guj schwarz und glänzend, einen abgerissenen 12 Fuß langen Ast mit dem Rüssel schwenkend, und Deesa, sein nasses langes Haar zum Knoten schürzend und eine Hymne auf das Meer singend, – nach Hause zurück.

So floß ein friedliches und gut bezahltes Leben dahin, bis Deesa eines Tages die Lust in sich fühlte, sich wieder einmal gründlich zu besaufen. Er sehnte sich aus Herzensgrund nach einer Orgie. Die kleinen Gelegenheitsschnapsereien führten zu nichts Rechtem und zehrten nur an seinem Männlichkeitsbewußtsein!

Er ging deshalb zu dem Pflanzer und rief unter heißen Tränen: »Meine Mutter ist tot!«

»Ich weiß«, sagte der Pflanzer, »sie ist vor zwei Monaten auf der andern Plantage gestorben. Aber auch früher ist sie schon einmal gestorben, damals hast du - vor einem Jahr - bei mir gearbeitet.«

»Dann ist's meine Tante!« heulte Deesa. »Sie war so gut zu mir wie meine Mutter. Sie hat achtzehn kleine Kinder zurückgelassen, deren hungrige Mägen ich füllen muß«, und er schlug seine Stirne auf den Boden.

»Wer hat dir die Nachricht gebracht?« forschte der Pflanzer.

»Die Post.«

»Die ganze letzte Woche ist doch gar keine Post gekommen! Scher dich an deine Arbeit!«

»Eine verheerende Krankheit ist in meinem Dorf ausgebrochen und meine sämtlichen Weiber liegen im Sterben!« jammerte Deesa, und echte Tränen füllten seine Augen.

»Chihun soll herkommen!« befahl der Pflanzer. »Er ist aus demselben Dorf wie Deesa. Chihun, hat dieser Mann ein Weib?«

»Der?!« sagte Chihun. »I wo! Kein Weib aus unserm Dorf würde ihn anschauen! Eher würde sie noch seinen Elefanten heiraten.«

Und Chihun lachte laut; Deesa aber weinte und brüllte.

»Du wirst gleich was erwischen! Marsch jetzt an deine Arbeit!« rief der Pflanzer.

»So will ich denn die himmlische Wahrheit sprechen!« stieß Deesa, von plötzlichem Offenherzigkeitsdrang ergriffen, hervor. »Seit zwei Monaten habe ich mich nicht mehr betrunken. Ich will weit fortgehen von dieser Himmelsplantage, um kein Ärgernis zu geben.«

Ein Lächeln flackerte über das Gesicht des Pflanzers. »Deesa«, sagte er, »jetzt hast du die Wahrheit gesprochen, und ich würde dir auf der Stelle einen Urlaub bewilligen, wenn ich nur wüßte, was ich mit Moti Guj anfangen soll, während du fort bist. Du weißt, er gehorcht nur dir allein.«

»Mögest du, o Licht des Himmels, vierzigtausend Jahre leben!« rief Deesa. »Ich werde nur zehn Tage fort sein, dann kehre ich zurück, das schwöre ich bei meinem Glauben, bei meiner Ehre und meiner Seele. Habe ich jetzt die allergnädigste Erlaubnis des Himmelsentsprossenen, Moti Guj herzubringen?«