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Hannahs Leben gerät aus den Fugen, als sie ihren Mann Thomas, der unheilbar erkrankt ist, tot auffindet. Sie muss sich dem Verdacht stellen, ihm unerlaubt Sterbehilfe geleistet zu haben. Nach einem Freispruch reist sie auf die Insel Korsika und hofft, durch den räumlichen Abstand einen neuen Lebensweg zu finden. Als Stefan, der beste Freund ihres Mannes, sie auf der Insel besucht, entwickeln sich zwischen ihnen Gefühle, die Hannah zutiefst verwirren. Darf sie sich überhaupt in Stefan verlieben? Sind ihre Gefühle echt, oder entspringen sie der engen Verbundenheit in der Trauer um Thomas? Die Frage, wer ihren Mann bei seinem Freitod unterstützt hat, hängt wie ein Damoklesschwert über ihr. Ist es jemand aus der Familie oder dem engsten Freundeskreis? Plötzlich tauchen neue Indizien auf und Hannah wird aufgefordert, ihre Unschuld erneut zu beweisen.
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Seitenzahl: 431
Veröffentlichungsjahr: 2025
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MARGARETE SPITZER
AM ENDE
DER INSEL
Wenn das Leben ruft
ROMAN
Hannahs Weg, Band 1:
Hannahs Leben gerät aus den Fugen, als sie ihren Mann Thomas, der unheilbar erkrankt ist, tot auffindet. Sie muss sich dem Verdacht stellen, ihm unerlaubt Sterbehilfe geleistet zu haben. Nach einem Freispruch reist sie auf die Insel Korsika und hofft, durch den räumlichen Abstand einen neuen Lebensweg zu finden. Als Stefan, der beste Freund ihres Mannes, sie auf der Insel besucht, entwickeln sich zwischen ihnen Gefühle, die Hannah zutiefst verwirren. Darf sie sich überhaupt in Stefan verlieben? Sind ihre Gefühle echt, oder entspringen sie der engen Verbundenheit in der Trauer um Thomas? Die Frage, wer ihren Mann bei seinem Freitod unterstützt hat, hängt wie ein Damoklesschwert über ihr. Ist es jemand aus der Familie oder dem engsten Freundeskreis? Plötzlich tauchen neue Indizien auf und Hannah wird aufgefordert, ihre Unschuld erneut zu beweisen.
Die Handlung des Romans ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.
Die Geschichte wurde ohne jegliche Unterstützung von Künstlicher Intelligenz geschrieben. Die Verwendung von Texten daraus für Schulungszwecke, sowie für das Anfüttern jedweder Art von KI, ist strengstens untersagt.
Text:© 2025 Copyright by Margarete Spitzer
Cover:© 2025 Copyright by Maya Maria Tilg u. Margarete Spitzer
Impressum: Margarete Spitzer
Sonnenweg 12
A-4845 Rutzenmoos
E-Mail: [email protected]
Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH,
Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Für Franz,
der durch die unheilbare Krankheit
ALS (Amyotrophe Lateralsklerose)
viel zu früh verstorben ist,
sowie seiner Frau, meiner Schwester Maria,
und ihren beiden Söhnen
Markus und Reinhard.
Inhaltsverzeichnis:
1
2
Drei Monate zuvor
3
4
Am Tag vor der Gerichtsverhandlung
5
6
7
Am Tag der Gerichtsverhandlung
8
9
10
11
12
13
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Das Gemurmel der Leute verteilte sich auf unerträgliche Art und Weise im Raum. Angespannt blickte Hannah um sich. Die Menschen waren ihr allesamt fremd. Ihren Kindern hatte sie verboten, der Gerichtsverhandlung beizuwohnen, und Kristin, ihre einzige Freundin, war als Zeugin geladen. Sie musste draußen warten, bis sie aufgerufen wurde.
Hannah richtete ihren Blick auf Stefan, der neben ihr in die Akten vertieft zu sein schien. Kurz sah er auf, schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und drückte beruhigend ihre Hand. Stefan! Er war der beste Freund ihres Mannes gewesen. Nun stand er ihr als Anwalt zur Seite. Ihr Mann Thomas war drei Monate zuvor unerwartet verstorben. Heute musste sie sich dem Verdacht stellen, ihm unerlaubte Sterbehilfe geleistet zu haben, da sie keine Sterbeverfügung vorweisen konnte.
Als wäre Thomas’ Tod nicht belastend genug, fühlte Hannah sich durch die bevorstehende Gerichtsverhandlung zutiefst aufgewühlt. Sie wusste nicht, wie sie diese überstehen sollte. Angst schnürte ihr die Kehle zu.
Was würde geschehen, wenn man ihren Beteuerungen nicht glaubte? Wenn man sie schuldig sprach? Am liebsten wäre sie weggelaufen und hätte sich wie ein Kind an irgendeinem Ort versteckt, an dem sie niemand finden konnte. Mühsam unterdrückte sie einen Seufzer, als sich plötzlich eine Tür öffnete. Der Richter betrat mit den Schöffen den Raum. Alle erhoben sich, und Hannah tat es ihnen gleich.
Als der Richter die Verhandlung eröffnete, stieg Panik in ihr hoch. Wie durch einen Nebel nahm sie wahr, wie Stefans und ihre Anwesenheit verlesen wurde, ebenso jene des Sachverständigen und der Zeugen. Stefan hatte sie auf den Ablauf vorbereitet, denn nichts sollte sie verwirren oder ablenken. »Du musst konzentriert bleiben«, hatte er ihr eingeschärft.
Zuerst verlas der Staatsanwalt die Anklageschrift. Stefan schloss sich mit seinem Eröffnungsplädoyer an. Schließlich wurde Hannah in den Zeugenstand gerufen.
»Frau Mellacher, erzählen Sie, wie Sie den Tag, an dem Ihr Mann starb, verbracht haben«, sagte der Staatsanwalt.
Bemüht, keinen Fehler zu machen, zählte Hannah alles auf, was sie an diesem Tag getan hatte. Bis hin zu dem Moment, als sie ihren Mann tot im Bett vorfand. Bei den letzten Worten tauchten die schrecklichen Bilder wieder vor ihr auf. Sie versuchte, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, doch sie flossen unaufhaltsam über ihre Wangen.
Der Staatsanwalt, der sie scharf beobachtet hatte, fragte sie mit strenger Stimme, ob sie sich fähig fühle, weiterzusprechen. Hannah schüttelte stumm den Kopf. Stefan warf ihr einen besorgten Blick zu, erhob sich und bat den Staatsanwalt, vorerst auf eine weitere Befragung zu verzichten. Widerwillig forderte dieser Hannah auf, zu ihrem Platz zurückzukehren.
Mit zittrigen Beinen setzte sie sich neben Stefan. »Es tut mir leid«, flüsterte sie zerknirscht, griff nach einem Taschentuch und putzte sich die Nase. Stefan, der den Blick nicht von ihr abgewandt hatte, strich ihr beruhigend über den Rücken.
Nachdem die Zeugen befragt worden waren, trug der Gerichtsmediziner seinen Bericht vor.
»Und es gibt keinen Zweifel, dass Herr Mellacher eines unnatürlichen Todes gestorben ist?«, fragte der Staatsanwalt.
»Nein! Das steht außer Frage«, antwortete der Mediziner.
»Kann er das Medikament, das seinen Tod verursacht hat, nicht auch verordnet bekommen haben?«
»Wir haben uns mit seinem Arzt in Verbindung gesetzt. Dieser hat uns glaubwürdig versichert, dass er ihm dieses Arzneimittel nicht verschrieben hat.«
»Können Sie beurteilen, ob Herr Mellacher sich das Medikament selbst organisiert haben könnte?«
Der Gerichtsmediziner schüttelte vehement den Kopf. »Mit seiner Beeinträchtigung war das sicher nicht möglich!«
Der Staatsanwalt wandte sich abrupt Hannah zu. »Haben Sie mit Ihrem Mann jemals über Sterbehilfe gesprochen?«
Hannah erschrak. In seinen Augen las sie eine Härte, die ihr die Luft abschnürte, und sie erkannte instinktiv, dass er sein Urteil über sie bereits gefällt hatte. Verwirrt schaute sie zu Stefan hoch. Er nickte ihr aufmunternd zu.
»Nein, Herr Staatsanwalt«, antwortete Hannah zaghaft.
»Hat Ihr Mann Sie um Beihilfe zur Selbsttötung gebeten?«
Hannah entfuhr ein weiteres »Nein!« und sie fügte flehend hinzu: »Bitte glauben Sie mir doch! Ich weiß nicht, wer meinem Mann das Medikament besorgt hat.«
Der Staatsanwalt wandte sich von Hannah ab und begann mit dem Verlesen seines Schlussplädoyers. Stefan schloss sich mit dem seinen an. Als sie gefragt wurde, ob sie etwas hinzufügen wolle, schüttelte sie den Kopf. Unfähig, nur ein einziges Wort für ihre Verteidigung zu finden.
Das Gericht zog sich zur Beratung zurück und alle erhoben sich. Auch Hannah versuchte aufzustehen, doch kaum hatte sie sich in die Höhe gedrückt, sank sie lautlos neben Stefan zusammen.
Hannah öffnete vorsichtig die Tür, blickte in das abgedunkelte Zimmer und lauschte. Die ruhigen, leisen Atemzüge ihres Mannes verrieten, dass er schlief. Sie wollte die Tür schließen, doch irgendetwas hielt sie zurück. Den Kopf nachdenklich an den Türrahmen gelehnt, betrachtete sie liebevoll und besorgt seinen schmal gewordenen Körper, sein Gesicht mit den eingefallenen Wangen und seine verwuschelten dunklen Haare, die bereits von grauen Fäden durchzogen waren. Am liebsten hätte sie zärtlich mit ihren Fingern durch seine Haare gestrichen, sich neben ihn gelegt und ihre Arme fest um seinen Körper geschlungen. Als könnte sie ihn allein durch ihre Kraft der Krankheit entreißen.
Wie lange bleibst du noch hier?, fragte sie stumm. Wie oft werde ich hier noch stehen können, um deinem Atem zu lauschen? Wann werde ich meinen Weg allein gehen müssen?
Fragen über Fragen türmten sich in ihr auf. Behutsam schloss sie die Tür und ließ ihren Kopf gegen das Türblatt sinken. Tränen bahnten sich den Weg über ihre Wangen und tropften auf ihr Kleid. Hannah ließ sie fließen, während sich ihre Gedanken in Erinnerungen verloren. Erinnerungen, die vom Beginn ihrer gemeinsamen Zeit erzählten.
Sie war siebzehn, als sie auf Thomas traf. Sie sah es jetzt noch genauso vor sich, als wäre es gestern gewesen. Es war ein heißer Sommertag und das Wetter lud ein, die Eisdiele in der kleinen Heimatstadt zu besuchen. Sie und ihre Freundinnen waren im Begriff, mit einem Becher Eis in der Hand das Lokal zu verlassen, als Thomas und sein bester Freund Stefan in die Eisdiele drängten. Es war so eng, dass sich ihre beiden Körper berührten. Thomas und Hannah hoben gleichzeitig den Kopf und sahen sich in die Augen. Es war wie Magie, hatte er später erzählt. In genau diesem Moment wusste er, dass sie seine Frau werden würde.
Als die jungen Männer wieder herauskamen, stand Hannah mit ihren Freundinnen gegenüber dem Lokal im Schatten der Bäume. Thomas steuerte direkt auf sie zu. Ohne Scheu lud er sie ein, mit ihm ins Kino zu gehen. Hannah fühlte sich so überrumpelt, dass sie mit Nein antwortete.
Da fragte Thomas seinen Freund nach Stift und Papier. Doch dieser hatte nichts bei sich. Er wandte sich wieder Hannah zu und bat sie, zu warten. Dann ging er in die Eisdiele und kam kurz darauf zurück, um ihr einen Zettel mit seiner Telefonnummer in die Hand zu drücken. »Wenn du es dir anders überlegt hast, dann melde dich«, sagte er und ging. Er hatte sich schon ein paar Schritte entfernt, als er sich zu ihr umdrehte. »Übrigens, ich heiße Thomas!«, rief er ihr zu und ließ sie sprachlos zurück.
Kaum waren die beiden gefahren, redeten Hannahs Freundinnen auf sie ein, während sie noch immer auf den Zettel in ihrer Hand starrte. »Diesen Typ musst du unbedingt treffen, Hannah! Der sieht echt toll aus!«, sagten alle einstimmig.
Im Laufe der nächsten Minuten wurden ihr alle möglichen Ratschläge erteilt, bis Hannah endlich einwilligte, sich bei Thomas zu melden. Zwei Tage später rief sie ihn an. Nicht nur, um ihren Freundinnen eine Freude zu machen. Nein. Thomas hatte sie mit seinem selbstsicheren Verhalten beeindruckt und irritiert zugleich. Das war der Beginn ihrer Beziehung.
Der Kinobesuch fiel aus, da kein Film interessant genug für sie beide war. Stattdessen fuhren sie zu Thomas’ Lieblingsplatz, einem nahe liegenden kleinen See, und spazierten Runde für Runde um diesen. Vom ersten Moment an lag eine seltene Vertrautheit zwischen ihnen. Nach dem Spaziergang setzten sie sich in das »Café am See« und unterhielten sich weiter bis in die Nacht hinein. Sie redeten und lachten und lachten und redeten. Sie bemerkten erst, dass sie bereits die letzten Gäste waren, als der Lokalbetreiber freundlich bat, bei ihnen abkassieren zu dürfen. Verlegen bezahlten sie und verabschiedeten sich. Dieses kleine Café wurde fortan ihr liebster Treffpunkt und später für ihre Hochzeit das perfekte Lokal.
In den ersten Monaten war Thomas’ Verhalten so untypisch, dass Hannah sich öfter fragte, ob er tatsächlich in sie verliebt war, da er keinen der üblichen Annäherungsversuche unternahm. Obwohl sie irritiert war, wagte sie es nicht, mit ihm darüber zu reden. Im Laufe der Zeit lernte sie jedoch seine Verlässlichkeit schätzen. Er hielt immer Wort, wenn er mit ihr ein Treffen vereinbart hatte. Und wenn ihm das Studium mal keine Zeit ließ, gab er rechtzeitig Bescheid. Langsam näherten sie sich an und Hannahs Gefühle wurden stärker. Als sie zum ersten Mal seine zärtlichen Lippen auf den ihren spürte, verlor sich jeder ihrer Zweifel.
Nach zweieinhalb Jahren machte er ihr einen Heiratsantrag. Sechs Monate später feierten sie ihre Hochzeit im Garten ihres Lieblingscafés. Es war Hochsommer und das Wetter spielte mit. Nur die beiden Familien und ihre wichtigsten Freunde waren zu dem Fest eingeladen.
Hannah trug ein cremefarbenes ärmelloses Kleid, das mit zarten weißen Blumen bestickt war. Ihre schmalen Füße steckten in weißen Sandalen und ihre dunklen Locken waren mit einem Blumenkranz geschmückt. Thomas hatte sich für einen beigen Leinenanzug entschieden. Sie sahen beide hinreißend aus und strahlten mit der Sonne um die Wette.
Den Kopf noch an das Türblatt gelehnt, die Wangen tränennass, holte Hannah sich aus ihren Erinnerungen zurück in die Realität. Nein, nicht weinen, befahl sie sich und wischte energisch die Nässe von den Wangen. Sie hob ihren Kopf und blinzelte, bis sich ihre Augen wieder geklärt hatten. Dann ging sie in die Küche, warf einen Blick auf die Uhr und holte Thomas’ Handy, das sie nun benutzte, hervor.
»Thomas schläft«, teilte sie ihrer Freundin Kristin mit. »Fahre jetzt in die Stadt. Melde dich, wenn du fertig bist. LG«
Mit einem leisen Seufzen zog Hannah ihren Mantel über und griff nach dem Einkaufskorb. An der Haustür hielt sie inne. Hatte sie nicht ein Geräusch aus Thomas’ Zimmer gehört? Sie lauschte. Nach all den Monaten konnte sie ihre Nervosität noch immer nicht ablegen, wenn sie Thomas allein ließ. Auch wenn es nur für ein paar Stunden war.
Leise ging sie zurück und horchte angestrengt an der Tür, doch es war kein Laut zu hören. Sie hatte sich getäuscht, wie so viele Male zuvor.
Draußen warf Hannah einen besorgten Blick zum bewölkten Himmel. Am Vormittag hatte es geregnet, und sie war sich nicht sicher, ob das Wetter am Nachmittag halten würde. Sie atmete tief durch, spürte, wie die kühle Luft ihre Lungen füllte. Als sie den Schlüssel ins Zündschloss steckte, vernahm sie ein leises Pling. »Bin in einer Viertelstunde bei Thomas! LG. Kristin«, las sie und legte erleichtert das Handy auf den Beifahrersitz.
In der kleinen Stadt fand Hannah rasch eine Parklücke, was wohl dem mittlerweile heftigen Regen geschuldet war. Mit hastigen Schritten eilte sie über die Straße. Der Wind zerrte an ihrem Mantel, während sie versuchte, ihren Regenschirm festzuhalten, bis sie das Café auf der gegenüberliegenden Straßenseite erreicht hatte. Eilig stieg sie die Stufen empor und öffnete die hölzerne Eingangstür. Das leise Bimmeln der kleinen Glocke, die über das Türblatt strich, empfing sie, und der Geruch nach frisch gemahlenem Kaffee stieg ihr in die Nase. Ein wohliges Gefühl breitete sich in ihr aus.
»Grüß Sie, Frau Mellacher! Haben Sie sich bei diesem Wetter auf die Straße getraut?«, wurde sie sogleich von der freundlichen Kellnerin begrüßt, während diese an der Kaffeemaschine hantierte.
»Hallo, Frau Helga!«, erwiderte Hannah. »Heute ist es wirklich ungemütlich draußen.«
»Dafür ist es hier umso behaglicher.« Mit einem Lächeln und einer einladenden Geste zeigte die Kellnerin in den Sitzbereich. »Übrigens, Ihr Lieblingsplatz ist frei.«
»Das freut mich«, antwortete Hannah und hängte ihren nassen Mantel an die Garderobe.
»Was darf ich bringen? Einen Espresso oder heute eine heiße Schokolade?«
»Eine heiße Schokolade bitte! Und ich hätte gern ein Stück von diesem Kuchen hier«, bat Hannah und zeigte auf einen saftig aussehenden Kirschkuchen in der Vitrine.
»Einmal Kirschkuchen und heiße Schokolade«, wiederholte die Kellnerin lächelnd.
Hannah betrat den Gastraum, setzte sich auf ihren bevorzugten Platz am Fenster und schaute sich um. Heute waren zum Glück nicht allzu viele Gäste da. Seit vielen Monaten kam sie regelmäßig in dieses kleine Café. Von außen wirkte es alt und rustikal. Ein Fremder hätte nie vermutet, was für eine heimelige Atmosphäre im Inneren des Cafés herrschte. Dennoch war es meistens voll, was sicher nicht nur an der guten Backstube, sondern auch an dem freundlichen Personal lag, davon war Hannah überzeugt.
Sie fühlte sich wohl hier, denn die Kellnerinnen gaben den Gästen das Gefühl, herzlich willkommen zu sein. Bei einem ihrer Gespräche, die sie mit Thomas vor vielen Monaten geführt hatte, musste sie ihm versprechen, sich täglich eine Auszeit zu nehmen. So hatte sie dieses Café entdeckt.
Hannah seufzte leise. Zurzeit fühlte sie sich niedergeschlagen und ausgelaugt. Heute war wieder einer dieser Tage, an denen Thomas’ Krankheit schwer auf ihr lastete. Sein Zustand verschlechterte sich schubweise und es bestand keine Hoffnung auf Besserung. Von Zeit zu Zeit gab es zwar einen Stillstand, doch wie lange dieser anhielt, konnte niemand sagen.
»Hier die heiße Schokolade und der Kirschkuchen.« Die Kellnerin unterbrach Hannahs düstere Gedanken und stellte beides auf den Tisch. »Ich habe etwas Rum in die heiße Schokolade getan. Der wärmt Sie von innen heraus«, erklärte sie mit einem verschmitzten Lächeln.
»Danke, Frau Helga! Sie sind ein Schatz!« Die Fürsorge der Kellnerin rührte Hannah.
»Aber nicht doch«, wehrte diese ab. »Wie geht es Ihrem Mann heute?«
»Im Moment ist sein Zustand stabil.«
»Das freut mich. Hoffen wir, dass es so bleibt!«, sagte sie und lächelte Hannah aufmunternd an, dann ging sie wieder.
»Ja, hoffen wir es«, sagte Hannah leise zu sich. Ihr Blick glitt aus dem Fenster. Draußen sah es trostlos aus. Genauso trostlos, wie sie sich fühlte, dachte sie bedrückt. Einige Fußgänger hasteten unter ihren Regenschirmen über die Straßen, um gleich darauf in einem der Geschäfte zu verschwinden. Trotz Regen und Wind hatte der Verkehr zugenommen.
Seit Thomas’ Erkrankung spürte Hannah, dass sie zu der Welt da draußen nicht mehr gehörte. Eine dicke Nebelwand hatte sich zwischen ihr und dem Leben der anderen Menschen aufgebaut. Sie fühlte sich, als wäre sie in eine andere Dimension geworfen worden, und war sich nicht sicher, ob sie jemals wieder an ihr Leben davor würde anschließen können, geschweige denn wollen.
Sie drehte sich vom Fenster weg, holte ein Buch aus ihrer Tasche und versuchte zu lesen. Einige Minuten später schlug sie es wieder zu. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Nichts von dem, was sie gelesen hatte, war hängen geblieben. Ihre Gedanken wanderten ständig zu Thomas.
Seit mehr als dreißig Jahren waren sie verheiratet. Vor einiger Zeit war er erkrankt. Unheilbar. Als die endgültige Diagnose feststand und ihnen die ganze Tragweite der Krankheit bewusst wurde, war ihnen, als würden sie den Boden unter den Füßen verlieren. Trotzdem beschloss Hannah sofort, Thomas, wenn es dann nötig sein würde, zu Hause zu pflegen, und informierte sich bei den entsprechenden Vereinen und Institutionen zwecks Unterstützung.
Bevor Thomas sich überzeugen ließ, rang er ihr zwei Versprechen ab. Sie musste ihm versichern, sich selbst dabei nicht aus den Augen zu verlieren und ihn, sobald seine Pflege über ihre Kräfte ging, in eine Pflegeeinrichtung zu geben. Schweren Herzens hatte Hannah eingewilligt.
Hätte Thomas ihr die Wahl gelassen, hätte sie seinen Forderungen niemals zugestimmt. Und sie würde jetzt auch nicht hier sitzen und mühsam versuchen, sich die Zeit zu vertreiben. Trotzdem musste sie sich eingestehen, dass es ihr guttat, ein paar Stunden am Tag nur für sich selbst da zu sein. Sie brauchte diese Zeit mehr, als sie es anfangs vermutet hätte. Das half ihr, zu ihrem Versprechen zu stehen. Auch wenn es ihr jedes Mal aufs Neue schwerfiel, Thomas allein zu lassen.
Jetzt ist Schluss mit Trübsalblasen, dachte Hannah und nahm einen Schluck von der heißen Schokolade. Dann warf sie einen Blick auf den Kirschkuchen. Er duftete köstlich, doch ihr fehlte der Appetit. Dennoch griff sie nach der Gabel und stach hinein. Sie hatte bis jetzt nur ein Frühstück zu sich genommen und Mittag war längst vorbei. Als sie sich wieder ihrem Buch zuwenden wollte, hörte sie ein leises Pling.
»Bin mit dem Massieren fertig. Thomas ist wieder eingeschlafen«,las sie die Nachricht ihrer Freundin.
Hannah antwortete sofort. »Fahre gleich nach Hause.«
»Lass dir Zeit«, schrieb Kristin zurück. »Es kommt noch der Krankenpfleger. Wie du weißt, ist Thomas nachher sehr erschöpft und braucht mindestens eine Stunde Schlaf.«
»Du hast recht! Melde mich, wenn ich wieder daheim bin«, antwortete Hannah und legte das Handy zurück.
»Alles in Ordnung?«, fragte die Kellnerin neben ihr. Sie hielt ein Tablett mit benutztem Geschirr in ihren Händen.
Hannah erschrak. In Gedanken noch bei Kristin, blickte sie irritiert auf. »Äh … ja, danke!«, stammelte sie.
»Darf ich mich kurz zu Ihnen setzen?«
»Natürlich, Frau Helga«, sagte Hannah und deutete auf die gegenüberliegende Bank.
»Im Moment ist nicht viel los«, erklärte die Kellnerin, stellte das Tablett auf einem der leeren Tische ab und setzte sich Hannah gegenüber. »Ich weiß jetzt gar nicht, wie ich anfangen soll.«
Hannah schaute sie fragend an.
»Ich mache mir ein klein wenig Sorgen um Sie!«
»Das ist sehr nett von Ihnen«, entgegnete Hannah, »aber es ist nicht …« Sie brach ab. Ihre mühsam aufgebaute Haltung bröckelte und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
»Ist etwas mit Ihrem Mann?«, fragte Frau Helga erschrocken und legte behutsam ihre Hand auf Hannahs Arm.
»Nein, nein! Mir fällt es zurzeit nur sehr schwer, seine Krankheit zu akzeptieren.« Hannah griff nach einem Taschentuch und putzte sich die Nase. »Mein Mann ist unheilbar erkrankt«, fügte sie leise hinzu.
»Oh, das tut mir leid! Ich wusste nur, dass er schwer krank ist.« Die Kellnerin zeigte sich tief betroffen. »Was fehlt ihm?«
»Er ist an Amyotropher Lateralsklerose erkrankt.«
»Amyotro …?« Die Kellnerin horchte in sich hinein, doch das Wort war ihr nicht nur fremd, sie schaffte es nicht einmal, es auszusprechen. »Was ist das für eine Krankheit? Ich habe noch nie davon gehört.«
»Das motorische Nervensystem ist erkrankt. Es ist jenes System, das für die Muskelbewegungen zuständig ist. Es wird dabei zerstört. Das bewirkt fortschreitende Lähmungen im ganzen Körper. Meinem Mann bleiben nur noch zwei, drei Jahre.«
»Und man kann nichts dagegen tun?«
»Die Krankheit ist unheilbar. Sie kommt zu selten vor, um entsprechend forschen zu können. Ich vermute ja, dass die Pharmariesen nicht bereit sind, das notwendige Geld dafür aufzubringen. Denn der Gewinn wäre vermutlich viel zu gering. Das ist jedoch meine eigene These.«
»Das hört sich schrecklich an!«, sagte Frau Helga entsetzt.
Hannah nickte. »Mein Mann braucht mittlerweile einen Rollstuhl. Seine Beine tragen ihn nicht mehr. Doch das Sitzen darin wird für ihn bereits nach kurzer Zeit zur Qual, da er seinen Oberkörper nicht mehr aufrecht halten kann. Auch seine Arme und Hände werden schwächer, wobei die rechte Hand noch besser funktioniert als die linke. Das Sprechen hat sich ebenfalls verschlechtert. Nach wenigen Minuten sind die Wörter nur mehr ein Hauch, und ich kann ihn nur schwer verstehen. Einzig das Essen und Trinken klappt noch wie immer, aber auch das ist nur eine Frage der Zeit.«
»Mein Gott, was für eine grausame Krankheit! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.« Die Kellnerin rang sichtbar um Worte. »Jetzt verstehe ich, Frau Mellacher, warum Sie oft so niedergeschlagen sind. Bitte verzeihen Sie mir, wenn ich das so geradeheraus sage.«
»Es tut mir leid, dass ich das nicht verbergen kann«, antwortete Hannah peinlich berührt.
»Sie brauchen sich doch nicht zu entschuldigen! Das ist keine einfache Situation. Haben Sie Menschen, die Ihnen helfen?«
»Leider habe ich Thomas’ Pflege abgeben müssen«, sagte Hannah mit trauriger Stimme. »Er hat darauf bestanden, dass ich über einen Verein Pflegepersonal engagiere. Er meint, ich sei nicht dazu da, seine Pflegekraft zu sein.«
»Ihr Mann muss ein besonderer Mensch sein. Ich habe schon oft davon gehört, dass viele niemanden an sich heranlassen. Nur die engsten Angehörigen dürfen sie pflegen. Dass diese im Laufe der Zeit ihre ganze Kraft verlieren, wollen sie nicht wahrhaben. Dadurch entsteht oft großes Leid.«
»Das ist mir auch schon zu Ohren gekommen. Mein Mann hat mir schon vor vielen Monaten das Versprechen abgerungen, ihn in ein Pflegeheim zu geben, wenn mir alles über den Kopf wächst.«
Hannahs Gedanken wanderten zurück zu jenem Gespräch mit ihrem Mann. Fast hätten sie zu streiten begonnen, weil sie damit nicht einverstanden war. Letztendlich hatte Thomas sich durchgesetzt.
»Heute Nachmittag war meine Freundin Kristin bei ihm«, erzählte Hannah weiter. »Sie massiert ihn regelmäßig. Als Thomas’ Krankheit ausbrach, haben viele Freundinnen angeboten, mich zu unterstützen. Kristin ist die einzige Freundin, die Wort gehalten hat.«
»Das tut mir leid.«
»Ach was!« Hannah machte eine abwinkende Handbewegung. »Es gibt Wichtigeres in meinem Leben, als diesen Frauen nachzutrauern.«
Auch wenn Hannah versuchte, es abzutun, hörte die Kellnerin sehr wohl die Enttäuschung, die in Hannahs Worten mitschwang.
»Verzeihen Sie, dass ich Sie damit belästige«, sagte Hannah entschuldigend.
»Machen Sie sich keine Gedanken, Frau Mellacher. Erzählen Sie mir von Ihrer Freundin. Sie scheint eine treue Seele zu sein.«
»Kristin steht mir nach wie vor zur Seite und ist immer für mich da, wenn ich jemanden zum Reden brauche.«
Hannah schwieg und dachte an ihre Freundin. Kristin verstand es, sie reden zu lassen, ohne sie zu unterbrechen, hörte einfach nur zu oder nahm sie in den Arm, immer mit den Worten: »Du schaffst es!« Hannah konnte gar nicht zählen, wie oft sie in diesen drei Jahren an Kristins Schulter geweint hatte. Wenn sie zutiefst verzweifelt war und nicht mehr weiterwusste. Nach jedem Gespräch mit ihr spürte sie, wie ihre Kraft zurückkam und die Verzweiflung in den Hintergrund trat.
»Als Kristin von Thomas’ Krankheit erfuhr, bot sie sofort an, ihn regelmäßig zu massieren. Sie ist eine begnadete Masseurin, müssen Sie wissen. Sie besorgte sich alle Unterlagen, die es zu dieser Erkrankung zu finden gab, und scheute sich nicht, Neurologen aufzusuchen, um sich mit ALS vertraut zu machen. Für mich ist sie so etwas wie eine Expertin auf diesem Gebiet geworden, da sie fast mehr zu wissen scheint als so manche Spezialisten.«
»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«, fragte die Kellnerin und seufzte.
Sie wirkte so hilflos, dass Hannah sie zu beschwichtigen versuchte. »Unsere Kinder helfen auch mit«, erklärte sie ihr. »Sie unterstützen mich und ihren Vater, wo es nur irgendwie möglich ist. Doch ich möchte sie mit meinen Sorgen nicht belasten. Die Situation ist für sie schwer genug!«
Hannah brach ab und deutete auf eine Kellnerin, die hektisch herüberwinkte. »Ich denke, Ihre Kollegin braucht Sie, Frau Helga!«
»Dann gehe ich mal zu ihr. Fühlen Sie sich hier wie daheim. Und wenn Sie reden möchten, geben Sie mir einfach ein Zeichen.«
Daheim angekommen hob Hannah ihre schweren Taschen aus dem Auto und betrat das Haus. Eine vertraute Stille empfing sie, doch zum ersten Mal wirkte sie bedrohlich. Seltsam, dachte sie, während sie leise auf Thomas’ Schlafzimmertür zuging. Vorsichtig drückte sie die Klinke hinunter und öffnete die Tür einen kleinen Spalt. Sie lauschte. Kein Laut war zu hören. Kein ruhiges, regelmäßiges Atmen, das verriet, dass Thomas tief und fest schlief. Nichts! Ein eigenartiges Gefühl stieg in Hannah hoch und sie machte einen Schritt in das Zimmer.
»Thomas«, sagte sie leise. Doch ihr Mann reagierte nicht. Sie versuchte es lauter. »Thomas!« Wiederum vernahm sie keinen Laut. Angst und Kälte krochen in Hannah hoch. Sie eilte an sein Bett, mit einer inneren Gewissheit, die ihr Verstand noch nicht fassen konnte. »Thomas!«, schrie sie, rüttelte an seiner Schulter und wusste im selben Moment, dass er tot war.
Stefan lehnte nachdenklich am großen Fenster seiner Kanzlei. Sie lag im vierten Stock eines Bürogebäudes inmitten einer kleinen Stadt nahe Salzburg. Das Fenster bot ihm einen guten Blick auf den Fluss, der am Rande der Stadt träge und beständig dahinhinglitt. In den letzten Tagen – der Himmel war großflächig mit Wolken bedeckt gewesen – hatte das Wasser grau und tot gewirkt. Doch heute nutzten die Sonnenstrahlen ein Wolkenloch, fielen auf das Wasser und ließen es glitzern und funkeln.
Wenn Stefan unruhig war, stellte er sich vor, er säße in einem kleinen Boot und ließe sich auf diesem Fluss dahintreiben. Meistens beruhigte ihn diese Vorstellung, aber heute wollte es nicht klappen. Er dachte an den Termin, den er gleich mit Hannah haben würde.
Hannah! Vor seinem inneren Auge tauchte ihr Bild auf. Ihre schmale Figur, die Schultern nach vorn gebeugt, und ihr müder, trauriger Blick. Sie war die Frau seines vor Kurzem verstorbenen Freundes. Morgen würde er sie bei ihrer Gerichtsverhandlung als Anwalt verteidigen. Die Verantwortung lag schwer auf ihm, wollte er doch sein Bestes geben. Für Thomas, Hannah und ihre Kinder.
Mit einem tiefen Atemzug drehte er sich vom Fenster weg und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Nach einem kurzen Blick auf seine Armbanduhr drückte er auf die Gegensprechanlage.
»Ja, Herr Chef?«, hörte er die Stimme seiner Sekretärin.
»Ist Frau Mellacher schon eingetroffen?«
»Nein. Soll ich sie anrufen?«
»Schicken Sie sie einfach herein, wenn sie da ist.«
»Mach ich, Herr Chef.«
Stefan schüttelte den Kopf, dann lehnte er sich in seinem Bürosessel zurück. Er konnte seiner Sekretärin nicht abgewöhnen, ihn mit Herr Chef anzureden. Ihre Beharrlichkeit erstaunte ihn immer wieder aufs Neue. Sie sei old school, erklärte sie ihm jedes Mal, wenn er sie darauf hinwies.
Mittlerweile hatte er aufgegeben. Manchmal entlockte es ihm sogar ein Schmunzeln. Sie war für ihn mehr als nur eine Sekretärin. Ihre warmherzige, mütterliche Art war gerade in den letzten Monaten wie Balsam für seine Seele gewesen.
Einige Minuten später klopfte es an der Tür. In der Erwartung, dass Hannah eintreten würde, erhob er sich. Sogleich stellte er fest, dass es seine Sekretärin war. In der Hand trug sie eine Tasse Kaffee, die sie auf seinen Schreibtisch stellte.
»Danke, Doris! Den kann ich jetzt brauchen«, sagte Stefan und setzte sich wieder.
»Ich weiß«, antwortete sie warmherzig und schenkte ihm einen verständnisvollen Blick, bevor sie hinausging.
* * *
»Mum! Hallo, Mum! Bist du da?« Die Stimme auf dem Anrufbeantworter hallte durch das Haus. »Mum! Geh ran!«
Hannah schreckte hoch. Sie war am Vorabend auf der Couch im Wohnzimmer eingenickt und wusste im ersten Moment nicht, wo sie war. Benommen sprang sie auf, rannte zum Telefon und riss den Hörer von der Gabel.
»Anne, bist du es?«
»Hab ich dich geweckt? Du solltest doch unterwegs sein.«
»Unterwegs? Was meinst du?«
»Du hast doch heute bei Stefan einen Termin.«
»Wie spät ist es?«, fragte Hannah entsetzt.
»Halb neun! Du hast nur noch eine Stunde Zeit!«
»Mein Gott, ich habe verschlafen. Ich springe gleich unter die Dusche, dann müsste ich es schaffen«, sagte sie hastig.
Ohne ein Wort der Verabschiedung legte sie auf und rannte in das obere Stockwerk hinauf. Verärgert fragte sie sich, wie sie bloß hatte vergessen können, den Wecker zu stellen. Eine halbe Stunde später schnappte sie ihre Unterlagen und warf die Haustür hinter sich zu.
* * *
»Guten Morgen, Frau Mellacher! Der Chef erwartet Sie bereits.« Doris lächelte Hannah freundlich an, erhob sich und ging voraus, um ihr die Bürotür zu öffnen.
»Bitte sehr«, sagte sie und bedeutete Hannah, einzutreten.
Hannah bedankte sich und trat durch die Tür.
»Wie schön, dass du da bist, Hannah!«, begrüßte Stefan sie herzlich, und sie umarmten sich einen kurzen Moment. »Wie geht es dir?« Er hielt sie eine Armlänge von sich entfernt und schaute sie prüfend an.
»Danke, es geht mir gut.« Hannah lächelte Stefan unsicher an. Die Nervosität in ihrer Stimme strafte ihre Worte Lügen.
»Und dir? Den Kindern und Susanne?«, fragte sie zurück, bemüht, etwas Small Talk zu machen, und in der Hoffnung, dass sich ihre Nervosität dadurch legte.
»Alles in Ordnung bei uns«, antwortete Stefan. »Erzähl mir – fühlst du dich gut gerüstet für den morgigen Tag?«
»Meine Nerven spielen verrückt und ich habe ein mulmiges Gefühl«, bekannte sie, wandte sich von ihm ab und schaute sich um. Ihr fiel wieder die schlichte Eleganz auf, mit der Stefan sein Büro eingerichtet hatte. Sie legte sich beruhigend auf ihre Nerven. Ihr Blick blieb an einem Bild an der gegenüberliegenden Wand hängen. »Ist das neu?«, fragte sie.
»Es hängt erst seit Kurzem hier. Ich habe es anhand einer Fotografie malen lassen.«
Das Bild wurde beherrscht von einem tiefblauen Meer, das im Sonnenschein glitzerte. Zarte Blumen mit lilafarbigen und gelben Blüten säumten den Sandstrand. Vereinzelte Kiefern grenzten den Strand ab. Im Hintergrund erhob sich schemenhaft ein mächtiges Gebirge mit noch schneebedeckten Bergspitzen.
Hannah versank in das Gemälde und wünschte sich nichts sehnlicher, als an jenem Strand zu sitzen, die Sonne auf der Haut zu spüren und dem Rauschen der Meereswellen zu lauschen. Dazu den würzigen Duft der Kiefern einzuatmen, vermischt mit dem salzigen Geruch des Wassers. Am liebsten wäre sie jetzt genau an diesem Ort und würde ihren Blick über die endlose Weite des Meeres gleiten lassen.
Stefan beobachtete die Veränderung, die in Hannah vor sich ging. »Gefällt es dir?«, fragte er sanft und trat hinter sie.
»Es ist wunderschön!«, flüsterte sie, als wäre sie meilenweit weg. Als sie Stefans Hände auf ihren Schultern fühlte, kehrte sie in die Realität zurück. Sie drehte sich zu ihm um. »Du hast ein wohltuendes Büro, Stefan. Es ist nicht nur hell, es wirkt auch so beruhigend.«
»Freut mich, wenn es dir gefällt. Die Situationen der Klienten sind in den meisten Fällen sehr aufwühlend. Da tut es gut, wenn sie eine ruhige Atmosphäre um sich haben«, fügte er hinzu.
»Wie geht es dir wirklich, Hannah?« Seine Augen blickten sie nachdenklich an, als würden sie keine Unwahrheiten zulassen.
»Ach«, seufzte sie. »Jeden Tag warte ich darauf, dass es besser wird, aber das wird es nicht. Seit Thomas’ Tod sind nun drei Monate vergangen, doch es kommt mir vor, als wäre es gestern erst gewesen. Er fehlt mir!«
»Es tut mir so leid«, sagte Stefan mit rauer Stimme und umarmte sie. Besorgt spürte er, wie schmal Hannah geworden war. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Für kurze Zeit gab sich Hannah der Wärme und der Geborgenheit hin, die sie in Stefans Armen verspürte. »Ich will nicht jammern«, sagte sie, als sie sich von ihm löste. »Du hast mit Thomas deinen besten Freund verloren.« Sie blickte geradewegs in seine Augen.
Für einen kurzen Moment schwiegen beide, tief verbunden in ihrer Trauer. Doch dann unterbrach Hannah die Stille und fragte zaghaft: »Was denkst du? Wie stehen meine Chancen morgen?«
»Sie können dir nicht beweisen, dass du Thomas dieses Schmerzmittel verabreicht hast.« Stefan hielt kurz inne, dann fuhr er fort. »Auch der Krankenpfleger, der neben Kristin als Zeuge geladen ist, kann nichts Belastendes gegen dich aussagen. Er war, als du nach Hause kamst, nicht mehr bei Thomas.«
»Nein, ich war allein im Haus«, bestätigte Hannah. »Warum wird er nicht verdächtigt? Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass er damit etwas zu tun hat …«
»Man hat den Pfleger überprüft«, warf Stefan ein. »Er hatte nach Thomas noch einen weiteren Patienten zu versorgen. Dieser hat bestätigt, dass er pünktlich bei ihm war.«
Hannah nickte. »Ob dem Gericht mein Alibi wohl genügen wird?«, fragte sie.
»Dein Aufenthalt im Café wurde von jener Kellnerin bezeugt, die dich an diesem Nachmittag bedient hatte. Sie konnte sich gut an die Zeit erinnern, als du im Café warst.«
»Und was ist mit Kristin?«
»Die Nachbarn sind überzeugt, dass sie es bemerkt hätten, wenn sie nochmals zurückgekommen wäre.«
Mit diesen Worten legte er seine Hände wieder auf ihre Schultern und schaute sie eindringlich an. »Sie werden dich freisprechen! Vertrau mir!«
Hannah seufzte auf. »Ich zerbreche mir die ganze Zeit den Kopf darüber, wer Thomas das Medikament besorgt haben könnte. Wenn ich nur irgendeine Ahnung hätte.« Nervös knetete sie ihre Hände. »Hast du jemals mit Thomas darüber gesprochen?«
Stefans Blick ging zum Fenster hinaus und verlor sich in der Ferne. Er schien plötzlich weit weg zu sein, und Hannah wünschte, seine Gedanken lesen zu können.
»Ich kann dir auch nichts sagen«, sagte er nachdenklich, ohne sich ihr zuzuwenden. »Thomas muss schon zu Beginn seiner Krankheit mit jemandem Kontakt aufgenommen haben. Anders kann ich es mir nicht vorstellen.«
Dann brach er abrupt das Thema ab und lud Hannah ein, es sich auf der Couch bequem zu machen.
»Lass uns die Fragen nochmals durchgehen. Du musst morgen beim Antworten sattelfest sein! Nur so kannst du sie überzeugen.«
Er ging zu seinem Schreibtisch und drückte den Knopf der Gegensprechanlage. »Für die nächsten zwei Stunden keine Telefonate bitte«, wies er seine Sekretärin an. »Und Doris … bringen Sie uns Kaffee und Wasser.« Dann nahm er seine Unterlagen und setzte sich zu Hannah.
Da klopfte es an der Tür und Doris kam mit einem Tablett herein. Sie hatte nicht nur Kaffee mitgebracht, sondern auch kleines Gebäck.
»Danke, Doris!«, sagte Hannah. »Sie scheinen zu wissen, dass ich heute noch nicht gefrühstückt habe. Ich habe verschlafen.« Entschuldigend blickte sie zu Stefan und seiner Sekretärin.
»Ich habe schon bemerkt, dass Sie zu wenig essen, Frau Mellacher.« Doris’ Stimme klang besorgt und streng zugleich, während ihr Blick prüfend Hannahs Körper streifte. »Wenn Sie so weitermachen, kippen Sie noch um. Geben Sie Bescheid, wenn ich den Teller nachfüllen soll.« Sie nickte Hannah zu und verließ den Raum.
Eine halbe Stunde später schob Hannah die leere Kaffeetasse von sich. »So viel habe ich schon lange nicht mehr gegessen«, sagte sie erstaunt und legte ihre Hand auf ihren vollen Bauch. Stefans Sekretärin hatte ungefragt Nachschub gebracht, und auch von diesem war nichts mehr übrig.
»Da wird Doris sich freuen«, sagte Stefan schmunzelnd und blickte von seinen Akten hoch. Sie hatten begonnen, die Fragen durchzuarbeiten, und waren zügig vorangekommen. Als sie bis ins Detail alles besprochen hatten, erhob er sich.
»Alle Unklarheiten beseitigt?«, fragte er.
Hannah nickte.
Daraufhin nahm er seine Unterlagen, ging damit zum Schreibtisch und legte sie ab. Dann wandte er sich Hannah wieder zu. »Geht’s dir jetzt besser?«
»Ja. Jetzt fühle ich mich sicherer. Danke, Stefan!«, sagte Hannah und legte ihre Hand auf seinen Arm.
»Mach dir heute nicht mehr allzu viele Gedanken. Versprich es mir!«
»Ich verspreche es«, erwiderte Hannah. Ein zaghaftes Lächeln tauchte auf ihrem Gesicht auf, ohne dass es ihre Augen erreicht hätte.
Es war dieses unsichere Lächeln, das Stefan seit Thomas’ Tod immer wieder an ihr beobachtet hatte. Als hätte Hannah den Glauben an die Welt verloren.
»Wichtig ist, dass du morgen sicher auftrittst. Meinst du, du schaffst das?«
»Ganz sicher! Kristin hat mir angeboten, mich heute noch zu massieren. Damit ich morgen einen entspannten Eindruck mache, hat sie scherzhaft gemeint.«
»Das ist eine gute Idee.« Stefan lächelte. »Wenn du noch Fragen hast, zögere nicht, mich anzurufen!«
Tief in Gedanken versunken starrte Stefan minutenlang auf die Tür, hinter der Hannah verschwunden war. Ein leiser Seufzer entrang sich ihm. Das Gespräch mit ihr hatte ihm zugesetzt, auch wenn er keinen Zweifel daran hatte, dass sie freigesprochen werden würde. Doch der Tod seines Freundes war wieder so präsent geworden und der Schmerz zwang ihn in die Knie. Die Trauer nagte an ihm und er fühlte sich ausgelaugt. Dennoch hatte er sich bemüht, Hannah nichts davon spüren zu lassen. Stefan erhob sich und stellte sich ans Fenster. Nachdenklich schaute er auf den Fluss hinunter, in Gedanken bei seinem Freund und dessen letzten Jahren.
So weit er zurückdenken konnte, war Thomas immer an seiner Seite gewesen. Von Kindheitstagen an waren sie beste Freunde, und zu Schulzeiten drückten sie gemeinsam die Schulbank. Auch später, als sie unterschiedliche Berufsausbildungswege einschlugen, blieb ihre enge Freundschaft bestehen. Er, Stefan, hatte sich entschieden, Anwalt zu werden, und Thomas machte die Ausbildung zum Unternehmensberater.
Sein Freund war ein Mann, der tief in sich selbst verwurzelt war. Nichts konnte seine Welt erschüttern, und in seiner Familie fand er den notwendigen Rückhalt für seine Selbstständigkeit. Er strotzte nur so vor Energie. Als Sportpartner waren sie beide leidenschaftlich gern Rad gefahren. Unzählige Kilometer bergauf und bergab. Doch vor drei Jahren erfasste Thomas eine unerklärliche Müdigkeit.
Seine sportlichen Leistungen ließen nach und er fühlte sich ungewöhnlich schwach und kraftlos. Der Hausarzt schickte ihn zu einem Internisten, da er vermutete, dass Thomas einen grippalen Infekt nicht beachtet hatte. Doch der Internist fand keine Auffälligkeiten. Eine mögliche Ursache könne auch eine Arbeitsüberlastung sein, meinte dann der Hausarzt, riet Thomas in nächster Zeit kürzerzutreten und verschrieb ihm verschiedene Vitaminpräparate.
Thomas widersprach allen Diagnosen. Er schien zu spüren, dass eine ernsthafte Krankheit dahintersteckte. Sein Zustand verschlimmerte sich zusehends und die Symptome wurden beängstigend. Die linke Hand ließ sich des Öfteren nicht mehr koordinieren und das rechte Bein begann einzuknicken. Er bestand darauf, nochmals durchgecheckt zu werden. Als er seinem Arzt die neuen Symptome erklärte, wurde dieser hellhörig und schickte ihn zu einem Neurologen. Nach einer gründlichen Untersuchung bekam Thomas die schockierende Diagnose mitgeteilt, dass er an Amyotropher Lateralsklerose, ALS, erkrankt war. Unheilbar! Eine Krankheit, die das motorische Nervensystem betraf.
Auf Thomas’ Nachfrage hin versuchte der Arzt, die Krankheit so verständlich wie möglich in Worte zu fassen. »Bei ALS kommt es zum allmählichen Absterben bestimmter Nervenzellen im Gehirn und im Rückenmark«, klärte der Arzt ihn auf. »Die Krankheit äußert sich durch Muskelschwäche und Muskelschwund. Auch eine Muskelsteifigkeit kann auftreten. Dadurch schreiten die Lähmungen in den Armen und Beinen voran. Auch das Sprechen, Schlucken und Atmen sind davon beeinträchtigt«, zählte er auf. »Einzig Ihr Gehirn und Ihre Augenlider werden von dieser Lähmung nicht betroffen sein«, sagte er und wies Thomas darauf hin, dass er im Verlauf der Krankheit zunehmend auf Hilfe angewiesen sein würde.
»Gibt es Medikamente?«, hatte Thomas gefragt, woraufhin der Neurologe bedauernd den Kopf schüttelte. »ALS kommt selten vor«, erklärte er. »Daher ist diese Krankheit noch viel zu wenig erforscht. Das Einzige, was man tun kann, ist, den Muskelabbau durch Physio- und Ergotherapie sowie auch durch Logopädie zu verlangsamen.«
Thomas und Hannah, die ihn begleitet hatte, riss es den Boden unter den Füßen weg, dennoch fand Thomas die Kraft, zu fragen, wie hoch wohl seine Lebenserwartung sei. Drei bis fünf Jahre, war die schockierende Antwort. Der Arzt riet ihm, sein Leben, solange es noch möglich war, zu genießen.
In den darauffolgenden Monaten suchten Thomas und Hannah noch weitere Spezialisten auf, doch alle stellten die gleiche Diagnose. Thomas gab auf, weigerte sich, neue Ärzte aufzusuchen, und erklärte Hannah und seinen Kindern, dass es für ihn an der Zeit sei, die Krankheit zu akzeptieren.
Es zerriss ihm fast das Herz, als Thomas ihm von seiner Krankheit erzählte. Alle Lebensphasen waren sie miteinander gegangen, und jetzt konnte er Thomas nur noch ein kleines Stück begleiten? In seinem Inneren hatte ein Kampf getobt, den er auch heute manchmal noch spürte. Er fühlte sich so ohnmächtig, dass er es nicht in Worte fassen konnte, und traf die für ihn einzig richtige Entscheidung. Er beschloss, seine Klientel zu reduzieren und jeden Freitagnachmittag mit Thomas zu verbringen.
Susanne, seine Frau, brachte dafür kein Verständnis auf und machte ihm mehr als einmal eine Szene, die jedes Mal in einer heftigen Streiterei endete. Sie konnte nicht verstehen, dass er sich noch weniger Zeit für sie und die Kinder nehmen wollte. Und er konnte ihr nicht verständlich machen, wie wichtig es ihm war, Thomas in dieser letzten schweren Zeit zu begleiten. Die Kluft, die zwischen ihnen bereits bestanden hatte, wurde in diesen drei Jahren noch größer.
Im Wissen, dass ihre gemeinsame Zeit begrenzt war, bekamen die Gespräche zwischen ihm und Thomas eine neue Tiefe. Ohne dass darüber gesprochen werden musste, war ihnen beiden gleich wichtig, dass nichts ungesagt blieb. Thomas vertraute ihm all seine Sorgen und Ängste an, die er mit Hannah nicht teilen wollte, um sie nicht noch mehr zu belasten. Er selbst erzählte seinem Freund endlich von seinen Schwierigkeiten mit Susanne. Er dachte immer, er hätte sie erfolgreich vor seinem Freund verborgen, doch da erfuhr er, dass Thomas schon die ganze Zeit davon wusste. Thomas hatte ihn lange angeschaut und ihm einen Rat gegeben: »Mache dir klar, was du möchtest. Vergeude nicht deine Zeit!«
Thomas’ Zustand verschlechterte sich unaufhaltsam. Eines Tages bat er ihn, alles Rechtliche zu regeln. Hannah und die Kinder sollten nach seinem Tod abgesichert sein. Daher beauftragte er ihn auch, seine erfolgreiche Unternehmensberatung zu verkaufen, und ließ ihm freie Hand. In der Gewissheit, dass er das Beste für Hannah und die Kinder herausholen würde.
Nach eineinhalb Jahren konnte Thomas nicht mehr ohne Hilfe gehen. Hannah organisierte einen Rollstuhl. Manchmal ließ Thomas sich überreden, damit hinauszufahren, doch dann wurde es ihm zu anstrengend. So wie ihm das ganze Leben zu anstrengend wurde. Dennoch äußerte er nie auch nur ein Wort der Klage. Er machte alles mit sich allein aus.
Ein paar Monate vor seinem Tod gab Thomas ihm zwei Briefe mit. Einer war für Hannah bestimmt. Er sollte ihn ihr erst ein Jahr nach seinem Tod übergeben. Der zweite Brief war an ihn selbst gerichtet. Thomas bat ihn mit bereits durch die Krankheit gezeichneter Sprache mühsam, mit dem Lesen bis nach seinem Tod zu warten. Beide Briefe lagen seither sicher verwahrt im Safe seiner Kanzlei. Bis heute hatte er es nicht geschafft, den für ihn bestimmten Brief herauszunehmen und sich den letzten Worten seines Freundes zu stellen.
Je länger die Krankheit andauerte, desto öfter schlief Thomas während seines Besuchs ein. Er blieb dennoch bei ihm am Bett sitzen. Jede Sekunde, die er bei ihm sein konnte, war für ihn unendlich kostbar.
Plötzlich klopfte es leise an die Bürotür und seine Sekretärin trat ein. Sie schaute ihn mit einem prüfenden Blick an, dann ging sie ein paar Schritte auf ihn zu.
»Was gibt es, Doris?«, fragte Stefan leise.
»Ich dachte, ich schaue mal nach Ihnen«, sagte sie.
Nachdenklich sah Stefan sie an. »Ihnen kann ich nichts vormachen, nicht wahr?«
»Dafür kenne ich Sie schon zu lange«, bestätigte die Sekretärin und betrachtete ihn mit einem mütterlich-besorgten Blick. »Möchten Sie Kaffee?«
»Nein. Der macht es auch nicht besser.«
Doris stellte sich neben ihn und schaute ebenfalls zum Fenster hinaus. »Schauen Sie, das Wetter hat aufgeklart«, stellte sie fest. »Sie haben heute keine Termine mehr. Wie wäre es, wenn Sie eine Radtour machen würden?«
»Ach, Doris«, seufzte Stefan und winkte ab, »wenn es so einfach wäre.«
»Manchmal ist es einfacher, als man denkt«, entgegnete sie aufmunternd.
»Ich bin nicht mehr Rad gefahren, seit Thomas diese grauenhafte Krankheit bekommen hat.«
»Ich weiß! Aber ich denke, heute wäre ein guter Tag, wieder damit zu beginnen. Sie brauchen morgen einen kühlen Kopf. Also schnappen Sie sich Ihr Rad und powern Sie sich aus!« Doris schenkte ihrem Chef ein warmherziges Lächeln und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Ihr Freund wäre begeistert!«
»Was würde ich nur ohne Sie tun?« Stefans Worte waren so leise, dass Doris sie gerade noch hören konnte. Aber sie reagierte nicht darauf, drehte sich um und ging.
Stefans Gedanken kehrten wieder zu seinem Freund zurück.
Thomas konnte besser als alle anderen das bevorstehende Ende seines Lebens akzeptieren. Ein Ende, welches in greifbarer Nähe war. Die Momente, in denen er haderte, behielt er weiterhin für sich. Nie hätte er jemandem etwas vorgejammert.
Als er vor drei Monaten völlig unerwartet starb, war es für ihn und Hannah mitsamt den Kindern ein Schock. Niemand hatte damit gerechnet, dass er so bald von ihnen gehen würde. Der Gerichtsmediziner diagnostizierte eine unnatürliche Todesursache, die durch ein spezielles Medikament, das er bei der Obduktion in Thomas’ Körper entdeckt hatte, hervorgerufen worden war. Sie waren alle zutiefst bestürzt.
Hannah wurde wegen vorsätzlicher Tötung angezeigt, was in »unerlaubt geleistete Sterbehilfe« umgewandelt wurde. Verzweifelt war sie in seine Kanzlei gekommen und hatte ihn um seine Unterstützung gebeten.
Morgen stand nun die Gerichtsverhandlung an. Für Stefan gab es keinen Zweifel, dass sie mit einem Freispruch enden würde, denn es gab keine Beweise gegen Hannah. Er lehnte seine Stirn an das kühle Fensterglas. Seine innere Leere schmerzte, und er vermisste Thomas so sehr, dass es ihm körperlich wehtat. Es fühlte sich an, als wäre ein Stück seiner Seele aus ihm herausgerissen worden. Zurückgeblieben war ein großes Loch, von dem er nicht wusste, wie er es füllen sollte.
Nicht das erste Mal ertappte Stefan sich bei dem Wunsch, mit Thomas darüber reden zu können, und erschrak im gleichen Moment, weil er – wie so oft – für eine Sekunde vergessen hatte, dass er für immer gegangen war.
Plötzlich war es Stefan, als würde er die Worte seiner Sekretärin hören. Also schnappen Sie sich Ihr Rad und powern Sie sich aus. Vielleicht hat sie recht, dachte er und wischte sich verstohlen die Tränen aus den Augen. Dann ging er zum Schreibtisch, griff nach seinem Aktenkoffer und verließ das Büro.
Heute war es kühl, stellte Hannah fest, als sie aus dem Haus trat und Richtung Bushaltestelle ging. Sie war zu früh dran. Doch vor lauter Nervosität war sie schon um drei Uhr aufgewacht und hatte kein Auge mehr zugetan. Irgendwann war sie dann aufgestanden und hatte versucht, sich abzulenken.
Nach ein paar Schritten entdeckte sie ihre Freundin Kristin, die an ihrem Auto am Straßenrand lehnte. »Grüß dich, Kristin! Was machst du hier?«, fragte sie.
»Guten Morgen, Hannah! Ich lasse dich doch nicht allein zu dieser Verhandlung gehen. Noch dazu muss ich auch dahin.«
»Du begleitest mich?«, fragte Hannah überrascht.
»Natürlich!« Kristin kam ihr ein paar Schritte entgegen und umarmte sie. Dann hakte sie sich bei ihr unter. »Komm, steig ein und lass uns fahren«, forderte sie Hannah auf, während sie die Autotür öffnete.
»Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll. Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt, also habe ich beschlossen, mit dem Bus in die Stadt zu fahren«, erklärte Hannah und setzte sich auf den Beifahrersitz. »Ich habe solche Angst.«
»Was sagt Stefan dazu?«
»Er ist überzeugt, dass ich freigesprochen werde. Sie können mir nichts beweisen, meint er.«
»Wenn er das sagt, dann wird es auch stimmen. Vertraue ihm.«
Aufmunternd schaute Kristin ihre Freundin an.
»Die Situation macht mich so unruhig. Meine Gedanken drehen sich ständig um diese Anklage. Ich frage mich die ganze Zeit, mit wem Thomas wohl Kontakt gehabt haben könnte.«
»Das verstehe ich gut! Wenn die Verhandlung vorbei ist, solltest du etwas tun, damit du wieder zu dir kommst. Gönne dir einen Urlaub!«
»Ich werde darüber nachdenken. Aber lass uns jetzt losfahren, sonst zerreißt es mich noch hier in deinem Auto.«
So früh am Morgen war noch wenig Verkehr. Die beiden Frauen erreichten kurze Zeit später das Gerichtsgebäude. Stefan wartete bereits. Als er sah, dass Hannah aus Kristins Auto stieg, runzelte er die Stirn, eilte an die Fahrerseite und bat Kristin, woanders zu parken und alleine ins Gebäude zu gehen. Niemand solle sie beide gemeinsam ins Gericht gehen sehen. Es könne der Verdacht entstehen, dass sie sich abgesprochen hätten. Kristin entschuldigte sich und startete erschrocken das Auto. Schnell fuhr sie aus der Parklücke und war bald außer Sichtweite.
»Wie geht’s dir, Hannah? Bist du sehr nervös?«, fragte Stefan. Er schaute sie genauso prüfend an wie am Vortag.
»Ja, sehr!«, gestand sie. »Doch ich werde durchhalten. Ich habe es dir versprochen!« Sie bemühte sich, entschlossen zu wirken.
»Sehr gut! Du bist unheimlich tapfer«, lobte Stefan sie und strich ihr beruhigend über den Rücken. »Das schaffen wir! Thomas wäre stolz auf uns.«
Hannah schluckte kurz. »Lass uns hineingehen«, bat sie. »Es ist Zeit, mich dieser Verhandlung zu stellen.«
Hannah schlug die Augen auf. Um sie herum war alles weiß. Die Wände, die Lampen, das Laken und die Decke, die auf ihrem Körper lag. Alles wirkte steril und kühl.
»Wo bin ich hier?«, fragte sie mit einer Stimme, die einem leisen Windhauch glich, und tastete über die Bettdecke.
Als Hannah versuchte, sich aufzurichten, begann sich alles zu drehen. Ihr wurde übel. Sie ließ sich wieder zurücksinken. Der Schwindel ließ nach und die Übelkeit verschwand. Da bemerkte sie ein Ziehen am linken Arm. Ihre Finger tasteten danach. Sie spürte einen Venenzugang an ihrem Arm.
Vorsichtig drehte sie ihren Kopf zu dem langen dünnen Schlauch, der sie mit einer Infusionsflasche verband. Müde beobachtete sie, wie sich die Tropfen daraus lösten und sich auf den Weg machten. Warum bekomme ich eine Infusion?, fragte sie sich verwundert und versuchte, die dicke Nebelwand in ihrem Kopf zu durchstoßen.
Langsam kam die Erinnerung an die Gerichtsverhandlung zurück. Sie war zusammengesackt, wurde ihr plötzlich bewusst. Das durfte doch nicht wahr sein! Jetzt hatten sie sie bestimmt schuldig gesprochen! Sie begann heftig zu weinen.
»Hannah, was ist los?«, fragte Stefan bestürzt, als er zur Tür hereinkam. Er eilte zu ihr und setzte sich auf das Krankenbett. Ihre Verzweiflung schnitt ihm ins Herz. »Beruhige dich«, sagte er leise und strich ihr zärtlich übers Haar.
»Sie haben mich schuldig gesprochen«, brachte Hannah schluchzend hervor.
»Nicht doch«, entgegnete er. »Du bist freigesprochen worden! Ich habe soeben mit dem Gericht telefoniert.«
Hannah schaute ihn an, unfähig, seinen Worten Glauben zu schenken. »Das sagst du nur … weil du … mich beruhigen willst.« Kleine Schluchzer unterbrachen ihre Worte.
»Wieso sollte ich dich anlügen?«, fragte er und nahm sie in die Arme.
In diesem Moment ging die Tür auf und eine Krankenschwester kam herein, dicht gefolgt von einem jungen Mann und einer jungen Frau. Anne und Ben. Besorgt kamen sie auf ihre Mutter zu, während die Schwester sich an der Infusionsflasche zu schaffen machte.
»Mum, wie geht es dir?«, fragte Anne besorgt, während Ben mit einem irritierten Blick zu Stefan schaute, der seine Mutter immer noch im Arm hielt. »Hallo, Stefan«, sagte er kurz angebunden.
»Was macht ihr beiden hier?«, fragte Hannah erstaunt, löste sich von Stefan und wischte über ihre Augen.
»Stefan hat uns angerufen und erzählt, was passiert ist«, erklärte Ben. »Jakob und Florentine wollten auch kommen, doch sie konnten sich nicht freimachen.«
»Und wo sind die Kinder?«, fragte Hannah ihre Tochter.
»Bei ihrer anderen Oma, Mum. Mach dir um die beiden keine Gedanken«, sagte Anne beruhigend.
