Am Ende der Polarnacht - Heidi Sævareid - E-Book

Am Ende der Polarnacht E-Book

Heidi Sævareid

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Beschreibung

Spitzbergen, 1957: Der junge Chirurg Finn und seine Frau Eivor ziehen mit ihren beiden kleinen Töchtern nach Spitzbergen, der nördlichsten Siedlung Europas. In der polardunklen Tundra fallen die Temperaturen unter minus 30 Grad, im Winter kann niemand die Insel verlassen. In der unberührten Natur sind es einzig die Kohleminen, in denen die Arbeit nie stillsteht. Als Werksarzt flickt Finn die bei der gefährlichen Arbeit verletzten Bergarbeiter zusammen, stellt aber bald fest, dass nicht nur ihre Körper kaputtgehen, sondern auch die Psyche.
Auch Eivor belastet die neue Situation schwer, sie hat Schwierigkeiten, ihren Platz in der Inselgemeinschaft zu finden. Nur über die Huskyhündin Jossa kann sie einen Zugang zu ihrer neuen Umwelt finden – doch die stille Verzweiflung am Ende der Welt wendet sich langsam, aber stetig auch gegen den eigenen Ehemann, während der Permafrost unter der Erde an den Fundamenten der Gemeinschaft rüttelt.
Am Ende der Polarnacht ist ein Roman über das Überleben am Rande der Welt, Isolation, die Kraft der Natur – und eine Ehe in der Krise.

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Seitenzahl: 517

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Titel

Heidi Sævareid

Am Ende der Polarnacht

Aus dem Norwegischen von Karoline Hippe

Insel Verlag

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel Longyearbyen bei Gyldendal, Oslo.Der Verlag dankt NORLA – Norwegian Literature Abroad für die Förderung der Übersetzung.

eBook Insel Verlag Berlin 2022

Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2022.

© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Berlin 2022

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Privatarchiv der Autorin

Umschlaggestaltung: hißmann, heilmann, hamburg

eISBN 978-3-458-77335-1

www.suhrkamp.de

Am Ende der Polarnacht

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Hinweise zum eBook

Cover

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Danksagung

Informationen zum Buch

Textnachweis

Hinweise zum eBook

Kapitel 1

Die große sibirische Huskyhündin steht neben ihr, die Vorderpfoten auf einer Höhe mit den Spitzen ihrer Skier. Eivor hört ihren eigenen Atem, hört den Atem der Hündin. Die Skier knirschen auf dem grobkörnigen Schnee. Hier oben auf dem Gletscher ist die Sonne bereits zurückgekehrt, unten im Tal noch nicht. Longyearbyen liegt im Schatten. So wird es noch einige Wochen bleiben.

Eigentlich hatte sie gar nicht losfahren dürfen. Finn hatte das Fenster im ersten Stock geöffnet, als sie sich gerade die Skier an die Füße schnallte. Man habe ihn zu einer Notoperation gerufen, sie müsse also bei den Kindern bleiben.

Mit den Zähnen zieht sie sich den Fäustling aus Robbenleder von der Hand, öffnet die Schnalle des Lederetuis und holt das Fernglas hervor. Es ist schwer und kalt und gehört Finn. Sie streicht mit den Fingerspitzen über das schwarze geriffelte Metall, biegt die beiden Okulare auseinander. Als sie es an die Augen setzt und die Schärfe einstellt, sind ihre Finger bereits kalt. Sie fokussiert auf das große Hiorthfjell und den Gipfel Adventtoppen jenseits des Adventfjords, dann schwenkt sie den Blick über die schwarzen Zacken des Sverdruphamar. Sie lässt das Fernglas sinken und blickt hinab ins Tal, das dort im Halbdunkeln döst. Der Ort erstreckt sich zu ihren Füßen wie eine blaue Wand, gesprenkelt mit Punkten aus goldenem Licht. Zwischen ihr und der Siedlung fällt der Hang in das flache, längliche Tal ab, die langen Fjellketten ragen wie Stadtmauern links und rechts empor.

Eigentlich ist Longyearbyen kein richtiger Ort, sondern eine Ansammlung vereinzelter Häuser, die jeden Augenblick von einer Lawine mitgerissen werden könnten. Genau das ist vor gerade einmal vier Jahren mit dem ehemaligen Krankenhaus passiert – eine Lawine raste hinab ins Vannledningsdalen und riss drei Menschen aus dem Leben.

Der Fjord am Ende des Tals ist von einer weißen Eisdecke überzogen. Kein Schiff kann den Hafen anlaufen. Winter auf Spitzbergen bedeutet, gefangen zu sein, mit einer begrenzten Anzahl Konservendosen, einer begrenzten Anzahl Streichholzschächtelchen, einer begrenzten Anzahl Branntwein. Wird man im Laufe des Winters ernsthaft krank, gibt es keinen Weg zurück zum Festland. Beerdigt werden kann man auf Spitzbergen auch nicht, man verwest nicht, der Permafrost drückt die Toten wieder an die Oberfläche.

Eivor richtet das Fernglas auf den Ortsteil Skjæringa, der auf einer kleinen Anhöhe liegt, schwenkt hinüber zu dem Platz, auf dem im Laufe des Jahres die neue Kirche errichtet werden soll. Irgendwann im Herbst wird sie wohl fertiggestellt sein, und die Gottesdienste können vom Gemeindehaus Huset weiter nach vorn ins Tal verlegt werden. Dort gab es keine Kirche mehr, seit die Deutschen während des Krieges das ehemalige Gotteshaus zerbombt und niedergebrannt hatten. Sie hat Bilder vom Tag des Angriffs gesehen. Große schwarze Wolken hingen zwischen den Bergen, nachdem der Stollen Gruve 2 so zerschossen worden war, bis er in Flammen aufging. In den Kohlelagern brennt es immer noch, beinahe vierzehn Jahre später. Eivor versucht, sich die intensive Hitze im Inneren des Berges vorzustellen – schwarz und vulkanisch und unzähmbar.

Sie richtet das Fernglas auf das Krankenhaus, das längliche, bleichgelbe Gebäude im östlichen Teil des Tals. Es wurde in aller Eile aus dem Boden gestampft, an einem sichereren Ort, etwas abseits der Stelle, an der sich die Lawinenkatastrophe zugetragen hatte. Finn geht oft hinaus auf die Terrasse, um ihr nachzusehen, wenn sie ihre übliche Route über den Gletscher Longyearbreen läuft. Dann trägt er den schweren Schaffellmantel über dem Arztkittel und das Fernglas um den Hals, das sie gerade in der Hand hält. Als würde es irgendwie helfen, dass er dort steht und sie beobachtet. Das Gefühl von Sicherheit verschafft ihr nur das Gewehr über ihrer Schulter.

Aber heute ist er im OP. Eivor hat sich den blauen Anorak und eine helle Skihose über Wollunterwäsche und Steghosen gezogen, aus der Ferne muss es wohl so aussehen, als verschmelze ihr Oberkörper mit dem Himmel, ihre Beine mit dem Gletscher. Niemand kann sie hier oben sehen, sie fühlt sich leicht. Sie ist einfach gegangen. Finn hat ihr nachgerufen, irgendetwas wegen der Kinder, aber Jossa hat im Geschirr gezerrt, sie davongezogen.

Jossa rührt sich plötzlich neben ihr, trippelt mit den Vorderpfoten, sie wittert etwas in der Luft, dreht die Ohren, den Schwanz gerade von sich gestreckt. Eivor lässt das Fernglas sinken und greift automatisch nach dem Gewehr. Wenn die Hündin in Alarmbereitschaft ist, ist sie es auch.

Sie blickt um sich. Die Stille drückt von allen Seiten, sie kann nichts sehen außer Schnee und Fjell und Himmel, aber Jossa wirkt immer noch auf der Hut, sie hat begonnen zu patrouillieren, schlägt einen Bogen um Eivors Skispitzen und bleibt dann wieder stehen. Eivor spürt, wie sich ihre Bauchmuskeln und ihre Schenkel anspannen, sie setzt das Fernglas erneut an die Augen.

Langsam schwenkt sie es um einhundertachtzig Grad in die eine Richtung, dann in die andere – und hält abrupt inne, als sie auf der Hochebene jenseits des Gletschers Regungen wahrnimmt. Der Schreck sitzt ihr wie Bleigeschmack im Hals. Dort bewegt sich etwas Helles, etwas, das sich kaum von der Farbe des Schnees abhebt. Ihre Hände verkrampfen sich um das Fernglas, sie wagt kaum zu atmen. Wie schnell kann ein Bär laufen? Wie nah muss er sein, bevor sie schießen kann?

Das Tier bewegt sich jetzt nicht mehr und es ist schwer zu erkennen, wo sein Kopf ist. Eivors Mund ist trocken, sie hat Schwierigkeiten, das Fernglas mit ihren tauben Fingern scharfzustellen. Doch sie kann erkennen, dass neben dem Tier noch etwas anderes läuft – ebenfalls etwas Helles, aber viel kleiner. Ein Junges? Sie spürt ein Rauschen im Kopf, hinter den Augen. Eine Bärin mit ihrem Jungen? Davor hatte Finn sie gewarnt. Das ist die größte Gefahr, die ihr begegnen kann. Sie gibt sich Mühe, das Fernglas still zu halten, zwingt ihre Finger dazu, ihr zu gehorchen, schafft es endlich, den Fokus neu einzustellen, und da – eine ganze Herde von Tieren hinter den beiden vorderen.

Erleichtert atmet sie auf. Es sind Rentiere, keine Eisbären. Nur eine Herde Rentiere. Jetzt erkennt sie die Hornstümpfe und die kurzen Beine, die die runden Körper tragen.

Sie lässt das Fernglas sinken, spürt, wie ihre Muskeln nach und nach an Anspannung verlieren. Doch Jossa, die vor ihr steht, wirkt immer noch unruhig – wittert sie etwas in der Luft, etwas anderes als den Geruch der Rentiere? Rentiere ist die Hündin gewohnt, manchmal kommen sie bis hinunter ins Tal und spazieren zwischen den Häusern umher. Eivor greift erneut nach dem Gewehr, doch im selben Augenblick lässt Jossa den Kopf sinken. Sie stupst die Schnauze in den Schnee, dann dreht sie sich zu Eivor um, mit weißem Puder auf der schwarzen, ledrigen Nase. Ihr Maul ist leicht geöffnet, Eivor findet, dass es wie ein Lachen aussieht. Ungeduldig stampft sie mit der Vorderpfote in den Schnee und zwinkert mit einem Auge – sie will weiter. Von ihrer rosafarbenen Zunge steigt Dampf auf, ihr ist heiß, sie gehört in diese Landschaft. Sogar ihre schwarzen Trittballen sind warm.

Da bemerkt Eivor, wie die Finger an ihrer nackten Hand kurz davor sind, steif zu frieren, sie zieht den Fäustling aus der Brusttasche ihres Anoraks und streift ihn sich über. Nur wenige Minuten ohne Handschuhe können gefährlich sein. In der Polarkälte rast die Zeit davon. Jede Entscheidung zählt.

Die Luft ist so trocken, dass man sie zerbröseln könnte. Eivor merkt es an ihrer Haut. Jeden Tag muss sie sich Hände und Lippen mit Vaseline eincremen, ihre Haare knistern elektrisiert, wenn sie sich Mütze und Kapuze vom Kopf zieht. Auf den Oberschenkeln und an den Armen hat sie Kälteausschlag – harte Noppen, die sich rötlich färben, wenn die Haut sich aufwärmt, und gräulich lila, wenn sie friert.

Die Mädchen vertragen die Kälte besser als sie. Keine der beiden muckt, wenn Eivor ihnen die klebrige Kältecreme auf die Wangen schmiert, die kratzige Wollunterwäsche anzieht, sie in Strickpullover einpackt, sie polstert. Sie heben die Arme und lassen sich von Eivor die winddichten Anoraks über den Kopf ziehen. Sie stehen still nebeneinander, wenn Eivor die Bänder ihrer Schafwollmützen unterm Kinn zuschnürt, gehorsam heben sie die Füße und stecken sie in die Randsaumstiefel. Und wenn Eivor die Tür zur leuchtend blauen Kälte öffnet, springen sie hinaus in den Schnee, mit fröhlichen Gesichtern, sie lachen und lassen sich in die Schneewehe fallen. Sie können keinen Schneemann bauen, keine Schneebälle formen, dafür ist es zu kalt, aber sie rodeln und buddeln im Schnee.

Der Gedanke an die Mädchen sitzt wie ein bleiernes Gewicht in Eivors Körper. Marit passt gerade wieder auf die beiden auf – anders geht es nicht. Zumindest meinte Eivor, dass es nun einmal nicht anders ginge, bevor sie Finn und dem Krankenhaus den Rücken kehrte und sich von Jossa davonziehen ließ. Vielleicht trinken die Kinder gerade heißen Johannisbeersaft und essen Rosinen in der Krankenhausküche und blättern in einem Kindermagazin. So beschäftigt Marit die beiden, wenn sie eigentlich keine Zeit hat, auf sie aufzupassen. Und das hat sie heute nicht. Zusätzlich zu dem Mann, der ganz überstürzt wegen einer Blinddarmentzündung eingeliefert worden ist, liegen bereits fünf Patienten zur Behandlung in der Klinik, und Marit ist die einzige Krankenpflegerin.

Vielleicht hat sie nicht einmal die Möglichkeit, die Kinder drinnen zu betreuen. Vielleicht spielen sie draußen im Schnee, hinterm Krankenhaus, wo Marit durch die Fenster ab und an nach ihnen sehen kann. So etwas darf man den Leuten zu Hause nicht erzählen. Zwei kleine Kinder, alleine im Freien, und dann auch noch mitten in der Polarnacht. Die meisten halten sie ohnehin für wahnsinnig, dass sie überhaupt hier oben sind. Finn hatte eine unbefristete Stelle am Ullevål-Krankenhaus in Oslo, er hätte dort weitermachen können, sie hätten in St. Hanshaugen wohnen bleiben können, sich vielleicht irgendwann ein Einfamilienhaus gekauft, und sie, Eivor, hätte ihr Leben so weiterleben können, wie sie es kennt. Aber Finn will immer weiter. Er braucht immer noch mehr. Und als sich die Möglichkeit für ihn eröffnete, Werksarzt der Store Norske Spitsbergen Kohlekompanie zu werden, überlegte er nicht lange. Das war sein Traum, es kam gar nicht in Frage, das Angebot abzulehnen.

Jetzt sind sie hier in Longyearbyen, eingeschlossen im Eis. Heute musste sie einfach hinauf ins Licht. Seit die Sonne von hier oben aus gesehen wieder über den Horizont schimmert, hatte sie kaum Zeit für Skiausflüge, immer wieder kam irgendwas dazwischen, Hektik in der Klinik oder es war wieder etwas mit den Kindern. Und dann ist für solche Dinge kein Platz. Aber heute hatte es ruhig ausgesehen. Heute morgen hatte er ihr erlaubt, Skifahren zu gehen. Beim Frühstück hatte er gesagt, er wisse, dass sie das jetzt brauche. Vor allem, weil Jossa gerade bei ihnen war, sei der Zeitpunkt perfekt.

»Mir ist es lieber, wenn sie bei dir ist«, hatte er hinzugefügt und sanft ihren Arm gedrückt.

Eivor fühlt sich auch sicherer mit Jossa. Das Gewehr hat sie immer dabei, aber sie wird nicht so recht warm damit. Das Gewicht auf dem Rücken fühlt sich fremd an, der Gurt über der Brust strammt und hemmt. Sie trifft ins Schwarze der Zielscheibe, ist ziemlich gut darin – Finn war überrascht, wie schnell sie schießen gelernt hatte – aber ein Tier zu erschießen? Ein lebendiges Tier? Sie hat mehrmals versucht, es sich auszumalen, hat sich vorgestellt, wie der Eisbär ihr direkt in die Augen sieht, während sie abdrückt, wie das massive Tier fällt und zuckend vor ihr liegen bleibt, bis die Krämpfe nachlassen und sein Blick glasig wird. Und dann spielt sich in ihren Gedanken das Szenario ab, was wohl passiert, wenn sie danebenschießt oder das Tier nur verletzt. Der Bär brüllt, er kommt auf sie zu, sie versucht erneut zu schießen, doch sie kriegt es nicht hin, es ist zu spät. Das Gewehr fällt ihr aus den Händen.

Jossa würde dazwischengehen. Sie ginge dem Bären direkt an die Gurgel, ohne zu zögern. Diesen Takt hat sie schon einmal angeschlagen – Finn hat es miterlebt, er hat Eivor das Ereignis mehrmals geschildert. Ein einsamer Eisbär war am Strand entlangspaziert, als Finn, Bjørn Alfsen und zwei ihrer Kameraden Ende September in einer Jagdhütte bei Ny-Ålesund übernachteten. Noch bevor einer der vier Männer den Bären überhaupt gesehen hatte, war Jossa im gestreckten Galopp Richtung Strand gewetzt, sie kläffte wie eine Besessene und knurrte und fletschte die Zähne. Die beiden anderen Hunde folgten ihr, sprinteten ihr hinterher und bellten jähzornig, doch sie blieben weit hinter Jossa zurück. Jossa war furchtlos – auch als die Männer Warnschüsse in die Luft abgaben, um den Bären zu verscheuchen.

Als dann der Schnee kam und Eivor allein Skilaufen ging, entschied Finn, dass sie bei den langen Ausflügen einen zusätzlichen Schutz dabeihaben sollte – sie könne nicht allein mit dem Gewehr losziehen. Er beantragte beim Sysselmann, dass Eivor Jossa hin und wieder ausleihen dürfe.

»Das hat sicher auch andere Vorteile«, hatte er damals gesagt.

Jossa zieht an der Leine und dreht sich zu Eivor um. Aus ihrer Kehle dringt ein Laut, der an ein Knurren erinnert, aber inzwischen versteht Eivor Jossas Sprache – dieses tiefe Grummeln bedeutet, dass sie ungeduldig ist. Jossa steht nicht gerne still. Als Schlittenhündin nicht geeignet, zog sie als Gesellschaftshündin auf den Sysselmannshof, doch sie hat trotzdem den Trieb in sich, den Drang, zu laufen und zu laufen. Am liebsten würde sie die ganze Strecke zurücklegen, ohne anzuhalten, sie bringt Eivor jedes Mal an ihre Grenzen, zieht und zieht, und Eivor kehrt mit warmem Körper und freiem Kopf nach Hause zurück.

Sie folgen stets ihrer üblichen Loipe – auf der östlichen Seite des Tals an Nybyen vorbei, über den Longyearbreen, auf der anderen Seite zurück durch Sverdrupsbyen, hinterm Gemeindehaus Huset entlang und dann quer durch das Tal zurück zum Krankenhaus. Der Weg hinunter ins Tal ist immer schnell zurückgelegt. Sie bremst kurz ab, beugt die Knie, klemmt die Stöcke unter die Achseln, dann rauscht sie den Hang hinab. Die Skier ziehen scharfe Spuren in den harten Schnee, es hat lange keinen Neuschnee gegeben. Sie spürt ein Kribbeln im ganzen Körper, ihr Gesicht ist starr vor Kälte, der Wind peitscht. Sie behält das Gleichgewicht, fällt nicht, bewegt sich genauso sicher wie Jossa.

Die Sonne verschwindet augenblicklich, als der Hang hinunter ins Tal plötzlich steiler abfällt. Schlagartig ist Eivor wieder von blauer Dunkelheit umgeben. Einen Temperaturunterschied gibt es nicht. Die Sonne hat noch keine Kraft. Jossa läuft neben ihr, in weichen, schnellen Sprüngen.

Die Wirklichkeit trifft sie wie eine Wand aus dichter Luft. Sie kommt vor dem Krankenhaus zum Stehen, ist immer noch von Glückseligkeit und dem Rausch der Geschwindigkeit erfüllt, doch sie spürt, wie das Gefühl schrumpft und in ihrem Körper zurückweicht. Alles ist vergänglich.

Sie schnallt die Skier ab, steckt sie in die Schneewehe neben den Seiteneingang des Krankenhauses und streift sich die Kapuze ab. Die Mütze rutscht gleich mit herunter, die kalte Luft schlägt ihr gegen die feuchte Stirn. Sie steckt die Mütze in ihre Tasche und schlägt die Skistiefel gegeneinander, um den Schnee abzuklopfen. Jossas dicker Polarpelz muss ebenfalls abgebürstet werden.

Die Hündin stampft mit der einen Vorderpfote auf und blinzelt, sie ist ungeduldig. Sie weiß, dass die Kinder drinnen sind, sie hat ihren Geruch bereits aufgenommen. Eivor kann sehen, dass hier im Schnee gespielt worden ist. Die Kinder lieben es, einmal um das gesamte Krankenhaus herumzustapfen – für sie ist es ein langer Weg, eine Expedition.

Sie zieht die Tür auf. Jossa schlüpft an ihr vorbei, dreht sich in dem schmalen Eingang zwei Mal um die eigene Achse und schnellt die ersten paar Treppenstufen hinauf. Auf halber Treppe bleibt sie stehen und wedelt ungeduldig mit dem Schwanz, während Eivor das Gewehr abnimmt und es auf die schmale Ablage unter der Decke schiebt, wo die Kinder nicht herankommen. Sie zieht sich den Anorak über den Kopf und sieht zur Zwischentür, die zur Klinik führt. Einen Augenblick lang überlegt sie, ob sie hineingehen und Unni und Lisbeth bei Marit abholen sollte, verwirft den Gedanken aber sofort. Sie müsste auf dem Weg zur Krankenhausküche an Finns Sprechzimmer vorbei.

Eivor zieht ihre Skisachen aus und geht die Treppe hinauf, da springt auch Jossa die letzten paar Stufen nach oben und stellt sich auf den Absatz vor der Arztwohnung im obersten Stock. Vor der Wohnungstür steht ein Sessel, den Finn in einer der ersten Wochen, nachdem sie eingezogen waren, aus der Wohnung getragen hatte. Das Wohnzimmer war zu vollgestellt, die Kinder hatten nicht genug Platz zum Spielen. Jetzt steht der grüne Plüschsessel hier unter einem Fenster, und die Mädchen klettern gern darauf herum, stützen sich auf die Sessellehne und sehen aus dem Fenster. Von hier aus kann man Haugen sehen, den Ortsteil auf dem Hügel hinterm Krankenhaus, mit seinen Holzhäusern, der Mietskaserne Murboligen und dem Funken, über dem der Sukkertoppen thront. Unni liebt es, das Glas anzuhauchen und die Scheibe mit dem Finger zu bemalen. Eivor hebt sie dann vom Fenster weg. Unni ist stark wie eine Schlange, sie windet sich und es ist kaum möglich, sie festzuhalten, wenn sie etwas nicht will.

Eivor schiebt sich an Jossa vorbei, stellt sich vor sie an die Wohnungstür. Der Mensch betritt die Wohnung immer zuerst – so hat sie es schon immer mit Hunden gehandhabt. Die Eingangstür führt direkt ins Wohnzimmer. Eivor öffnet, ihr Blick fällt sofort auf die Mädchen. Sie sitzen auf dem Boden vor dem dunklen Mahagonitischchen und spielen mit ihren Puppen. Unni ist die Ältere, aber von hinten ist Lisbeth kaum von ihrer Schwester zu unterscheiden. Beide haben einen Topfschnitt, schlanke Hälse, die Schultern vornübergebeugt. Dieselbe Sitzhaltung – den Po auf dem Boden, die Knie zeigen nach vorn, die Beine seitlich angewinkelt. Ihre weichen Kinderknie halten das aus. Sie haben Finns Farben. Braune Augen, um die Pupille herum leicht gräulich, dunkles Haar, fast schon schwarz, aber im Sommer schimmert es, von Sonne und Salzwasser aufgehellt, in warmem Braun. Eivor selbst hat blondes Haar und sieht nicht so aus, als wäre sie mit ihren Töchtern verwandt.

Jetzt schiebt Jossa sich zwischen Eivors Bein und dem Türrahmen vorbei, und die Kinder drehen sich um. Unni lässt von ihrer Puppe ab und steht auf, lacht und streckt die Arme nach Jossa aus. Die Hündin geht normalerweise zu den Mädchen und begrüßt sie rasch, bevor sie sich ein ruhiges Plätzchen sucht und sich hinlegt, aber heute hält sie direkt an der Tür inne. Sie stellt die Ohren auf und reckt die Nase in die Luft.

»Jossa!«, ruft Unni, aber die Hündin ignoriert sie, senkt stattdessen die Nase auf den Fußboden und folgt ihrer Fährte bis zum Flur, der zu den Schlafzimmern führt. Dort bleibt sie stehen und schnuppert an der Türschwelle entlang, hebt dann die Schnauze wieder in die Luft.

Finn tritt aus der Küche, er trocknet sich die Hände an einem karierten Küchenhandtuch ab.

»Wie war die Tour?«, fragt er und sieht Eivor an. Sein Tonfall ist neutral.

»Gut«, antwortet Eivor und beugt sich zu Lisbeth, die die Arme um Eivors Beine geschlungen hat und den Kopf an ihren Bauch presst.

»Ich hätte nicht gedacht, dass du jetzt schon oben bist. Ich hatte den Eindruck, dass die Operation mehrere Stunden dauern würde.«

»Du warst ja auch mehrere Stunden weg.«

Eivor antwortet nicht. Das stimmt – sie ist dieses Mal weiter über den Gletscher gegangen als gewöhnlich, ist mehrmals stehen geblieben, um sich mit dem Fernglas umzusehen. Sie streicht Lisbeth über den Kopf, streicht ihr den dichten Pony aus der Stirn und lässt ihn ihr wieder über die Augen fallen. Lisbeth lässt Eivors Bein los und reibt sich die Augen.

»Nächstes Mal regeln wir das anders«, sagt Finn. »Das siehst du doch auch so, oder?«

Eivor nimmt die Hand von Lisbeths Kopf und schlingt die Arme um den eigenen Körper. Sie weicht seinem Blick aus und fragt stattdessen, wie die Operation verlaufen ist.

Er hebt die Augenbrauen leicht. Sieht sie eine Weile schweigend an.

»Es war ein Routineeingriff«, sagt er schließlich. »Anfangs musste alles ganz schnell gehen, der Blinddarm war kurz davor, zu platzen, als der Patient bei uns eintraf. Aber der Eingriff an sich verlief ohne Probleme.«

Eivor nickt und wendet sich ab, Finn führt es zum Glück nicht weiter aus. Ihr wird schnell übel, wenn Finn von der Arbeit im Operationssaal erzählt. So geht es ihr erst seit den Geburten. Jetzt sieht sie alles detailliert vor sich, vorher ging ihr das nicht so. Finn ist Spezialist für Handchirurgie, und Eivor stellt sich vor, wie sein Skalpell in eine Handfläche schneidet, Haut und Muskeln aufschält, so wie in Rembrandts Gemälde Die Anatomie des Dr. Tulp. Sie erinnert sich an die tiefen präzisen Schnitte in den weichen Bauch, dunkle Linien auf weißem Grund, Haut und Gewebe, das aufgetrennt wird. Etwas rutscht zur Seite, quillt hervor, löst sich.

Im hinteren Teil der Wohnung wird die Toilettenspülung betätigt. Eivor dreht den Kopf in Richtung des Geräuschs und Jossa stampft mit den Pfoten, trippelt ein paar Schritte rückwärts. Dann erklingt das Quietschen der Armatur, Wasser sprudelt ins Waschbecken. Die Badezimmertür geht auf.

Jens Heiberg hat helle Augen, spärlichen Bartwuchs, er lächelt vorsichtig und sieht aus, als käme er geradewegs von der Jagd. Sein Wollpullover ist militärgrün, seine Hose hat mehrere Taschen und Schnallen. An seinem Gürtel hängt ein Messer und um seinen Hals hat er sich ein camouflage-gemustertes Tuch gebunden. Seine Haltung ist aufrecht, die Schultern entspannt. Er hat den Körper eines mittelalten Skiläufers, der immerzu auf Wanderschaft ist, seit Jahrzehnten Meile um Meile auf Skiern zurücklegt. Er sieht stark aus, aber auf schlanke, sehnige Art. Jetzt geht er an Jossa vorbei und wischt sich die Hand am Hosenbein ab, bevor er sie Eivor entgegenstreckt. Sie ist immer noch feucht, als Eivor sie schüttelt.

»Frau Doktor«, sagt er und drückt so fest zu, dass der Ehering um ihren Ringfinger kneift. »Sie müssen entschuldigen, ich bin beim Zahnarzt gewesen, und dann hatte ich das Glück, vom Herrn Doktor auf einen Kaffee hochgebeten zu werden.«

»Wir haben Kakao gekriegt«, juchzt Lisbeth, greift nach dem leeren Emaillebecher auf dem Salontisch und streckt ihn in die Luft.

»Ist ja auch Samstag«, sagt Finn. »Hast du Durst nach deiner Skitour?«

Heiberg schweigt, während Finn ein Glas Wasser aus der Küche holt. Er sieht verhärmt aus und wippt sachte auf den Fußballen auf und ab, während er seinen Blick durchs Wohnzimmer schweifen lässt. Er tut so, als studiere er jedes Detail ganz genau, als wäre er gerade erst hereingekommen. Aber die Kinder ignorieren ihn. Er muss also schon eine Weile da sein. Jossa liegt auf dem Boden vorm Ofen, der Kopf auf den Pfoten, und lässt ihn keine Sekunde aus den Augen.

»Ich komme gerade vom Longyearbreen zurück«, sagt Eivor, und Heiberg wirkt erleichtert, dass sie ein Gespräch eröffnet. Er nickt und ringt sich ein Lächeln ab.

»Schöne Strecke. Ah, hier kommt auch schon das Wasser.«

Eivor nimmt Finn das Glas ab, das er ihr reicht. Sie versucht, seinen Blick zu erhaschen, zu entschlüsseln, wie die Stimmung zwischen ihnen ist, aber seine gesamte Aufmerksamkeit gilt Heiberg. Er legt seine Hand sanft zwischen Heibergs Schulterblätter und führt ihn hinüber zum Plattenspieler und zu dem Regal mit den Jazzplatten über dem Phonoschrank.

Heiberg ist auch neu zugezogen – er kam nur wenige Wochen später als sie nach Longyearbyen und trat seine Stelle als Versorgungschef an. Er wohnt im Murboligen in Haugen, mitten im dichtestbesiedelten Teil der Ortschaft, wo die Funktionäre mit ihren Familien leben, doch er ist jemand, der gern für sich bleibt. Das erste Mal, dass er laut Finn richtig auftauen konnte, war auf einem Fest zwischen Weihnachten und Neujahr in der Funkenmesse, dem Speisesaal der Funktionäre. Da hatte er direkt neben Finn gestanden, der am Piano erst Weihnachtslieder spielte und dann – als die Gruppe der Zuhörenden, die ums Klavier versammelt standen, sich auflöste – Louis-Armstrong-Lieder improvisierte. Heiberg lauschte andächtig, danach gesellte er sich im Kaminzimmer zu ihnen an den Tisch und trank Whisky. Er erzählte, wie er in London mit Jazz in Berührung gekommen war, während des Krieges. Finn war sofort ganz Ohr – er schob sein Glas beiseite, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und bat ihn, mehr von dieser Zeit zu erzählen. So blieben sie sitzen und sprachen über Jazz, bis Eivor aufgab, dem Gespräch zu folgen, und aufstand. Sie spazierte eine Weile in dem überfüllten Kaminzimmer umher, versuchte den Eindruck zu erwecken, als hätte sie irgendein Ziel, ging jedoch schließlich die Haupttreppe hinunter zur Garderobe, da sie niemanden entdeckte, den sie gut genug kannte, um sich einem Gespräch anzuschließen.

Dort unten in der Garderobe war es still und kalt, verglichen mit dem Stimmengewirr in dem warmen, verrauchten Kaminzimmer. Sofort begann Eivor in ihrem ärmellosen Kleid zu frieren. Trotzdem ging sie zum Ausgang, legte die Hand auf das geriffelte Glas der Tür und schob sie auf. Draußen war die Nacht schwarz und überwältigend, der Mond hing wie ein dünner Fingernagel über dem Sverdruphamar – zu weit entfernt, um das Tal zu erleuchten. Keine Nordlichter über dem Gletscher. Dennoch konnte sie die Konturen der Kohleloren ausmachen, die in Reih und Glied über das Tal zuckelten, den ganzen Weg vom Bergwerk bis hinunter an den Hafen. In der Dunkelheit konnte man die Trossen der Drahtseilbahn nicht sehen, die Loren schienen zu schweben.

Hinter ihr ertönte auf einmal lautes Gelächter, sie drehte sich um und ließ die Eingangstür wieder zufallen. Unter der Tür zum großen Messesaal fiel ein schmaler Lichtstreifen hindurch, die Stimmen kamen näher, die Tür schwang auf. Zwei Messemädchen kamen heraus, dicht gefolgt vom Zahnarzt, Audun, und von Reidar, dem Assistenzarzt. Er trug eine Flasche in der Hand und war der Einzige, der von Eivor Notiz nahm. Er lächelte ihr im Vorbeigehen zu, dann verschwand das Gefolge in der Garderobe, um sich Wintersachen anzuziehen.

Eivor ging wieder hinauf ins Kaminzimmer, setzte sich zu Finn und Heiberg an den Tisch und versuchte ins Gespräch einzusteigen. Sie sprachen inzwischen übers Skifahren – und verabredeten, schon am nächsten Tag gemeinsam eine Runde zu drehen.

Seitdem unternehmen die beiden regelmäßig gemeinsame Skiausflüge. Finn fühlt sich in Gesellschaft anderer am wohlsten, er versteht Eivors Drang nicht, sich alleine auf den Weg zu machen, und ist der Meinung, es täte ihr gut, sich eine Tourkameradin zu suchen.

Eivor riecht es sofort, als sie die Badezimmertür hinter sich verschließt. Es ist zwar schon eine Weile her, dass Heiberg das Bad verlassen hat, dennoch hängt noch etwas in der Luft – ein unverkennbarer Dunst, der sich mit dem Geruch von Talkum und Seife vermischt.

Sie nimmt das Streichholzschächtelchen vom Badezimmerregal, zündet hastig eines der Streichhölzer an und betrachtet die Flamme, wie sie bis zu ihren Fingerkuppen herunterbrennt. Sie bläst es aus, zündet ein neues an. Nach dem dritten Streichholz hat ein prickelnder, schießpulverartiger Geruch den Dunst neutralisiert, und Eivor fegt die verkohlten Streichholzreste zusammen und lässt sie in den Abfalleimer fallen.

Eivor dreht das Wasser auf, pellt sich die verschwitzte Unterwäsche vom Leib und steigt in die Badewanne. Das Wasser ist viel zu warm und legt sich wie brennende Ringe um ihre Fußknöchel, doch sie bleibt stehen, bis sie sich an die Temperatur gewöhnt hat. Ihre Arme und Schenkel sind von einer Gänsehaut überzogen, sie setzt sich in die Hocke und taucht die Hände ins Wasser. So hockt sie da, bis die Wanne vollgelaufen ist und der Wasserdampf sich wie ein dünner Film über ihr Gesicht gelegt hat. Sie lässt sich zurücksinken, lehnt den Kopf an den Porzellanrand, atmet tief ein. Jetzt registriert auch sie den schwachen, schwefelartigen Geruch der Entwicklungschemikalie.

Das Badezimmer hat keine Fenster, also eignet es sich hervorragend als Dunkelkammer. Mindestens einmal pro Woche okkupiert Finn das Bad und arbeitet an seinen Fotos. Manchmal ist Eivor dabei, steht hinter ihm in der absoluten Dunkelheit und lauscht dem schwachen Ratschen, wenn er das lange Zelluloidband aus der Filmhülse zieht. Sie hört an seinem Atem, wie er sich konzentriert, wenn er den Film in die Entwicklungsdose einsetzt, den Deckel zuschraubt. Danach schaltet er das Licht an, gießt die Entwicklerlösung in die zylinderförmige Dose, kippt sie in langsamen und gleichmäßigen Bewegungen auf den Kopf und wieder zurück. Eivor darf nicht sprechen, während er arbeitet. Nachdem er die Entwicklerlösung weggegossen hat, ist es Zeit für das Stoppbad, das ganz schwach nach Essig riecht. Das Fixierbad ist es, das wirklich in der Nase und den Mundschleimhäuten beißt. Der Geruch ist physisch, er legt sich auf ihre Zunge wie eine schwere, metallische Schicht. Eivor bekommt oft Halsschmerzen, nachdem sie mit Finn in der Dunkelkammer gewesen ist. Wenn sie ihm bei den Abzügen der Papierbilder hilft, vor allem bei denen, die zu groß für die Entwicklerwannen sind und mehrmals gleichmäßig durch die Entwicklerlösung gezogen werden müssen, bleibt der Geruch an ihren Fingern kleben, er setzt sich fest, auch wenn sie ihre Hände danach in Seifenwasser schrubbt.

An den Wäscheleinen über der Badewanne hängen die Fotografien zum Trocknen. Nordlichtbilder aus dem Bolterdalen, Panoramen vom Adventfjord – daneben einige Bilder von Heiberg auf Skiern. Eines von ihnen ist ein Porträt – er ist im Halbprofil abgebildet, sieht aber trotzdem in die Kamera. Er hat Frost im Bart und einen stechenden Blick, als hätte Finn ihn überrascht.

Eivor lässt sich tiefer in das warme Wasser sinken und wendet den Blick von den starrenden Augen über der Badewanne ab.

Heiberg ist nicht mehr da, als Eivor aus dem Bad kommt, auch Finn nicht, die Mädchen sitzen noch immer im Wohnzimmer auf dem Teppich und spielen. Jossa erhebt sich von ihrem Platz vorm Ofen, als Eivor hereinkommt, wedelt schwach mit dem Schwanz, kommt auf sie zu und schiebt ihre Schnauze in Eivors gewölbte Hand.

»Wo ist Papa?«, fragt Eivor, dreht ihre Hand nach außen und lässt Jossa schlecken.

»Draußen mit dem Mann«, sagt Lisbeth. »Sie fahren Auto.«

Eivor tritt ans Fenster und beobachtet die beiden Männer, die vor der Garage stehen, vor der offenen Motorhaube des Jeeps. Heiberg beugt sich über den Motor, schraubt an ihm herum, und Finn sieht ihm dabei zu, als verstünde auch er etwas von Motoren.

»Ich bin nicht so der Typ fürs Robuste«, hatte er Eivor damals, im September, anvertraut, nachdem er von dem Ausflug zur Jagdhütte zurückgekehrt war.

Trotzdem kann er ganz er selbst sein, mit seinen Büchern und seinem Klavier und dem Fotoapparat. Es fällt ihm leicht, Anschluss zu finden, nicht zuletzt wegen seiner Position. Als Arzt hat er mehr Macht als der Winterchef, der Sysselmann, der Bergmeister. Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten Longyearbyens mögen ihn. Ihm wird Gehör geschenkt, die Menschen halten sich gern in seiner Nähe auf, er zieht sie an, will immer viele Leute um sich scharen. Er ist bereits Mitglied des Fußballklubs, spielt dort im Mittefeld, jeden Mittwoch trainiert er mit der Turngruppe im Huset, und des Öfteren bringt er Leute zum Abendessen mit nach Hause, vor allem diejenigen, die keine eigene Familie haben und normalerweise in der Messe essen würden.

Als Eivor erneut hinausschaut, sind beide Männer verschwunden. Einen Augenblick bleibt sie am Fenster stehen, lauscht, ob Finns Schritte auf der Treppe zu hören sind, doch es bleibt still, und draußen setzt langsam die Dämmerung ein.

Es wird spät, schon bald ist ihre gewöhnliche Abendessenszeit verstrichen. Doch schließlich muss Eivor mit den Essensvorbereitungen beginnen, wegen der Kinder. Sie öffnet das Fenster und nimmt eine Packung gehackter Wurststückchen aus der provisorischen Kühlkiste, die vor ihrem Küchenfenster hängt.

Das Abendessen ist beinahe fertig, als sie hört, wie die Wohnungstür endlich aufgeht und die Mädchen aus dem Flur ins Wohnzimmer gestürmt kommen, um Finn zu begrüßen – sie weiß, dass er sie hochheben und herumwirbeln wird, das macht er immer, wenn er nach Hause kommt. Sie hört das Juchzen der Mädchen, hört Finn lachen. Dann ertönt Heibergs Stimme.

Finn steckt den Kopf zur Küche herein.

»Wir haben doch noch Platz am Tisch für einen mehr, oder? Haben wir genug Essen?«

»Ich wusste nicht mal, ob du überhaupt zum Essen kommst«, sagt Eivor, ohne sich umzudrehen.

»Es hat länger gedauert«, sagt Finn entschuldigend. »Wir waren in der Garage und haben die Skier flottgemacht. Heiberg hat meine lockeren Bindungen repariert. Jetzt ist das erledigt.«

Eivor nickt, sieht nach den Kartoffeln und schüttet Erbsen aus der Konservendose in einen kleinen Topf. Aus dem Augenwinkel sieht sie, dass er noch einen Moment im Türrahmen stehen bleibt, doch sie fährt unbeirrt fort, bis er schließlich zurück zu Heiberg ins Wohnzimmer geht.

Beim Essen reden sie übers Skifahren und über die Wetterverhältnisse, und Finn unternimmt mehrere Versuche, Eivor ins Gespräch einzubeziehen, doch sie antwortet nur einsilbig. Schließlich gibt er auf und widmet Heiberg all seine Aufmerksamkeit. Zwischendurch wirft er ihr immer wieder Blicke zu – sie tut so, als ob sie es nicht bemerkte.

Nach dem Essen kommt Finn zu ihr, als sie den Abwasch macht. Er stellt sich hinter sie, sagt leise ihren Namen, doch er ist zu nah, als dass sie sich umdrehen könnte.

»Ist jetzt wieder alles gut?«, fragt er und streicht mit seiner Nasenspitze über ihren Nacken, dann schmiegt er seine Wange an ihre.

»Was meinst du?«, fragt Eivor, die Hände im Spülwasser. Sie spürt das bekannte schlechte Gewissen darüber, sich so aufgeführt zu haben – stumm, mürrisch, ungesellig –, und plötzlich hat sie das Bedürfnis, zu verbergen, dass es überhaupt ein Problem gegeben hat. Will dem ernsten Gespräch aus dem Weg gehen. Sie hebt die Hand aus dem Schaum und spritzt ihm mit den Fingern Abwaschwasser ins Gesicht. Er lacht, tritt einen Schritt zurück. Sie dreht sich zu ihm um, und als er wieder einen Schritt auf sie zugeht, legt sie eine nasse Seifenhand auf seine Brust. Er bleibt stehen, schenkt ihr ein Lächeln, doch sie ist noch nicht bereit, es zu erwidern. Und so wird er wieder ernst.

»Wir müssen eine Abmachung haben«, sagt er leise. »Wir müssen uns an diese Abmachung halten. Mehr ist es nicht. Das kriegen wir doch hin, oder?«

»Du bist auch gerade einfach rausgegangen und hast die Mädchen allein im Wohnzimmer gelassen, während ich im Bad war«, sagt sie und dreht sich wieder zum Spülbecken um. Sie weiß, dass er dieses Argument leicht im Keim ersticken kann. Für mehrere Stunden Skifahren zu gehen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wer auf die Kinder aufpasst, ist etwas ganz anderes. Sie spürt immer noch diese verbotene Freude in sich – die Freude, die durch ihren Körper strömte, als sie nicht zu ihm zurückgeblickt hatte.

Finn nähert sich ihr wieder und schlingt seine Arme um sie.

»Eivor«, flüstert er. »Musst du immer so nachtragend sein?«

Ein Räuspern an der Küchentür lässt sie beide herumfahren. Dort steht Heiberg. Er hat zwei benutzte Gläser in den Händen, streckt sie ihnen entgegen.

»Dachte, ich mach mich mal nützlich«, sagt er. Finn nimmt ihm die Gläser ab. Heiberg nickt kurz und geht eilig zurück ins Wohnzimmer.

Eivor nimmt Finn die Gläser aus der Hand und legt sie ins Spülbecken.

Finn bleibt noch einen Augenblick stehen. Sie weiß, dass er noch mehr sagen will. Mehr tun. Doch dann teilt er ihr nur mit, dass er auch wieder zurück ins Wohnzimmer geht.

»Muss ja unserem Gast etwas anbieten«, fügt er hinzu. »Und die Mädchen müssen wohl ins Bett.«

»Was glaubst du, wie lange bleibt er noch?«, fragt Eivor.

»Ssschhh«, zischt Finn.

Die Kinder ins Bett zu bringen ist ein langwieriger Prozess. Eivor muss zwei Mal Fola Fola Blakken singen, danach wollen die Mädchen ein Märchen hören. Sie liest aus der Böckchen-Bande – das ist das kürzeste Märchen, und Eivor verstellt beim Lesen ihre Stimme, gibt sich jedoch Mühe, den Troll nicht zu gruselig klingen zu lassen.

»So ward der Troll verschwunden, und der große Bock trabt zurück zur Alm, um sich fett zu fressen«, erzählt Eivor und will gerade mit und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute das Buch zuklappen, doch da protestiert Unni und setzt sich im Bett auf.

»Marit liest das aber immer anders! Lies so wie Marit!« Sie versucht, das Märchenbuch an sich zu reißen, doch Eivor hält es außer Unnis Reichweite und fragt, was sie damit meint.

»Er sticht ihm die Augen aus«, erklärt Unni. »Du musst lesen, wie er ihm die Augen aussticht.«

Eivor sieht zu Lisbeth, die mit offenem Mund daliegt, die Bettdecke bis unter die Unterlippe gezogen. Ihre Haut schimmert golden im Licht der Nachttischlampe.

»Na gut«, sagt Eivor und schaut wieder ins Buch, streicht die Seite glatt und liest: »›Ja, komm du nur! Ich werde dich brechen, dir mit meinen Klingen die Augen ausstechen! Ich habe zwei Steine, zertrümmere dir Mark und Beine‹, sagte der Bock. Und so fiel er über den Troll her, stach ihm die Augen aus, schlug ihm Mark und Bein entzwei und stieß ihn mit den Hörnern den Wasserfall hinab. Dann trabte er die Alm hinauf.«

Sie hebt den Blick und sieht die beiden Mädchen an. Lisbeth ist noch weiter unter die Decke gekrabbelt, doch Unni sitzt immer noch aufrecht im Bett.

»Noch mehr«, sagt sie.

»›Und dort fraßen die Böcke sich so fett, dass sie keine Lust mehr hatten, nach Hause zu gehen, und wenn sie nicht gestorben sind, dann stehen sie da noch heute‹«, liest Eivor und schließt das Buch.

Unni sieht sie misstrauisch an, als wolle sie entschlüsseln, ob Eivor noch mehr verheimlicht oder beschönigt.

»Gute Nacht«, sagt Eivor und küsst Unni auf die Stirn. Sie beugt sich zu Lisbeth, um auch ihr einen Gutenachtkuss zu geben, doch Lisbeth verschwindet komplett unter der Decke und knurrt wie ein beleidigter Hund. Eivor legt die Hand auf die Decke, ungefähr dort, wo Lisbeths Stirn sein muss, und sagt erneut Gute Nacht. Dann löscht sie das Licht.

Diesmal schließt sie die Tür komplett. Die Kinder mögen es am liebsten, wenn sie offen bleibt, doch heute dringt zu viel Lärm aus dem Wohnzimmer. Finn und Heiberg haben den Whisky aus dem Schrank geholt und sitzen vor dem Plattenspieler. Einen Moment lang überlegt sie, ob sie sich mit einem Buch in die Küche setzen sollte – das hat sie schon einige Male getan, doch es gibt ihr jedes Mal das Gefühl, verbannt worden zu sein. Die Küche ist schmal und eng. Hier stehen nur zwei kleine Holzschemel an einem Klapptisch. Sie säße eingeklemmt zwischen Herd und Fenster. Das Schlafzimmer ist auch keine Alternative – dort gibt es keine Stühle oder Sessel – nur das Bett – und eng ist es dort auch, gerade genug Platz, um sich zwischen dem Doppelbett und den Schränken zu bewegen.

Sie geht ins Wohnzimmer, nimmt ein Glas von dem kleinen Servierwagen unter dem Fenster und setzt sich zu Finn und Heiberg. Jetzt heißt es einfach nur, sich im Abend fallen zu lassen, zu trinken, bis die Müdigkeit sie übermannt.

Finn lächelt ihr zu, als sie sich zu ihnen gesellt, Heiberg jedoch ist mitten in einer Erzählung und wendet die Augen nicht von Finn ab.

»Zu diesem Zeitpunkt waren wir sehr weit von der Küste entfernt«, sagt er. »Aber so war er nun mal – tadellose Arbeitsmoral, also hat er niemandem Bescheid gesagt.«

»Geplatzter Blinddarm«, erklärt Finn an Eivor gewandt. »Heiberg erzählt gerade von einem Fall, als er bei der Handelsflotte war. Gut, dass unser Mann heute den Ernst der Lage erkannt hat.«

»Wie kann man denn nicht den Ernst der Lage erkennen?«, fragt sie.

Einige Monate vor der Hochzeit hatte sie akute Bauchschmerzen bekommen, sie konnte nicht aufrecht stehen, hing kopfüber über der Bettkante des Klappbetts in Finns Einraumwohnung. Mit zwei Fingern drückte er auf ihren Bauch, ließ sofort wieder los, als sie laut aufschrie, und er konstatierte, dass es der Blinddarm sei und sie sofort ins Krankenhaus müssen.

»Wenn der Blinddarm erst einmal geplatzt ist, fühlt man sich für einen kurzen Moment besser«, sagt Finn und schenkt ihr Whisky ein. »Aber dann verschlechtert sich der Zustand. Fieber, Übelkeit, starke Schmerzen. Und in diesem Stadium ist es um einiges schwieriger zu operieren. Da haben sich die Patienten bereits eine Bauchfellentzündung zugezogen.«

Eivor rutscht ein Stück tiefer in ihren Sessel und zieht die Schultern an. Sie hebt das Glas an den Mund und nimmt einen brennenden Schluck.

»Ja, ja – der Kerl, den du heute operiert hast, ist wahrscheinlich einfach nur froh, dass er ein paar Tage im Krankenhaus liegen und sich ausruhen darf«, sagt Heiberg und hält Finn auffordernd sein Glas hin. Es ist noch gar nicht leer, und Finn zögert einen Moment, bevor er ihm nachschenkt.

»Wie meinst du das?«

»Ja, zurzeit gibt es doch viele Arbeitsausfälle, nicht wahr? Ich habe gehört, dass es immer so ist, wenn es auf den Frühling zugeht. Viele wollen sich ohne triftigen Grund krankschreiben lassen.«

»Nun ja, eine Blinddarmentzündung kann man jetzt nicht gerade simulieren«, sagt Finn und lacht kurz auf. »Ich finde nicht, dass wir spekulieren sollten …«

»Nein, nein, er ist sicher ein tugendhafter Kerl. Aber jetzt beginnt die harte Zeit. Ich denke nur daran, was Alfsen mir so erzählt hat, womit er sich jedes Jahr im Frühling so rumplagen muss. Randale und Ruhestörungen, wohin man auch sieht.«

Bjørn Alfsen ist der Sysselmann in Longyearbyen, der Repräsentant der norwegischen Regierung auf Spitzbergen. Eivor sind diese Worte nicht neu – Bjørn hat ihnen auch von den zunehmenden Ruhestörungen und anderen kleineren Straftaten erzählt –, dass der Frühling in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung ist. Finn wurde gewarnt, dass das Krankenhaus unter stärkerer Belastung stehen wird, wenn die Polarnacht dem Ende zugeht, und dass es immer jemanden gibt, der mit dem ersten Boot zurück aufs Festland geschickt werden muss, und zwar nicht nur wegen körperlicher Beeinträchtigungen. Sie nennen es die Frühjahrskrankheit.

Heiberg beschäftigt die Frühjahrskrankheit auch, jetzt kommt er richtig in Schwung – er redet von Belastungsgrenzen, Arbeitsbereitschaft, Durchhaltevermögen und was man von jedem Einzelnen erwarten könne, der hier oben lebt.

»Man muss sich doch bewusst sein, worauf man sich einlässt, wenn man nach Spitzbergen kommt«, sagt er mit Nachdruck. »Man muss die Kälte aushalten. Polartag und Polarnacht zu schätzen wissen. Wenn man damit nicht klarkommt, hat man hier oben nichts verloren. Ganz ehrlich – es hilft, wenn man aus dem Norden kommt. Die aus dem Süden begreifen das alles nicht.«

Finn lächelt und wirft Eivor einen flüchtigen Blick zu.

Sie schaut in ihr Glas.

Finn kommt aus Åsgårdstrand in Südnorwegen, sie aus Oslo. Keiner von beiden hat jemals die Polarnacht miterlebt, bevor sie nach Longyearbyen gezogen sind. Ihre erste Saison mit Mitternachtssonne steht ihnen noch bevor. Aber die Mitternachtssonne kennt Eivor immerhin schon, aus den Sommern ihrer Jugend, in denen sie die Ferien bei ihrer Tante und ihrem Onkel in Svolvær auf den Lofoten verbracht hat. Sie konnte während dieser Zeit kaum schlafen, hatte sich nie an das Licht gewöhnen können, die Schneeammern sangen mitten in der Nacht, die Möwen schrien unaufhörlich. Eivor hatte dunkle Ränder unter den Augen, als sie sich morgens im Badezimmerspiegel erblickte, sie gähnte mehr als sonst, doch abends wurde sie einfach nicht müde genug, um sich hinzulegen, und so vergingen die Tage, mit Sonne, Wind und Nebel und hellen, langen Nächten.

Jetzt dauert es keine zwei Monate mehr, bis die Sonne rund um die Uhr am Himmel steht, doch das erste Boot kommt nicht vor Mitte Mai. Es ist noch lange hin, bis man anfangen kann, die Tage zu zählen.

Die Nachrichten sind fast vorbei, als Eivor am nächsten Morgen das Radio einschaltet, die Wettervorhersage hat sie verpasst, aber draußen vor dem Fenster ist es genauso wie gestern – kalt, still und dunkelblau. Bevor sie nach Spitzbergen kam, hatte sie sich vorgestellt, dass das Wetter andauernd umschlüge, wie in Nordnorwegen – abwechselnd Sonne und Sturm; peitschendes Schneegestöber im einen Moment, starrer Eisnebel im nächsten. Genauso verhielt es sich auch in den ersten Wochen, vor allem als der Herbst in den Winter überging, aber nach Weihnachten folgten lange Perioden, in denen das Wetter immer gleich blieb. Tagein, tagaus mit stiller, trockener Kälte, gefolgt von unzähligen Tagen Schneesturm.

Eivor tritt vom Fensterbrett zurück und geht in die Küche, dreht im Vorbeigehen das Radio lauter. Jossa folgt ihr dicht auf den Fersen und steht erwartungsvoll hinter ihr, während sie Hundefutter in die Schüssel füllt, die immer auf einer alten Fußmatte bei der Tür steht, wenn die Hündin bei ihnen ist. Sie setzt den Wasserkessel auf und rührt Trockenmilch in einem Topf an. Das Blubbern des kochenden Wassers vermischt sich mit Jossas Schmatzen, den Nachrichten über die Schließung der Kongsberger Silberwerke und den hellen Stimmen, die aus dem Kinderzimmer klingen. Die Mädchen sind schon wach, aber sie warten darauf, dass ihnen die warme Milch ans Bett gebracht wird, das ist ihr Sonntagsritual. Manchmal dürfen sie sogar zu Eivor und Finn ins Elternbett krabbeln, aber Finn schläft noch, hinter der geschlossenen Tür.

Eivors Whiskyschädel pocht milde, doch Finn wird es um einiges schlechter ergehen, wenn er aufwacht. Es hatte sich als schwierig erwiesen, Heiberg zum Gehen zu bewegen, er blieb einfach sitzen, und Eivor war schließlich aufgestanden und ins Bett gegangen. Sie wusste nicht, wie spät es war, als Finn neben ihr ins Bett fiel und einen Arm um sie legte.

Wahrscheinlich wird er so lange schlafen, bis das dämmrig blaue Februarlicht seinen hellsten Punkt erreicht hat, obwohl die Mädchen wach sind und das Radio dudelt. Finn schläft immer sehr tief, wie ein Bär im Winterschlaf. Er rührt sich kein bisschen. Er behauptet, nur selten zu träumen. Das frustriert ihn. Hin und wieder lässt er die Bemerkung fallen, er wünschte, er wäre Psychiater geworden, doch dann zuckt er mit den Schultern und sagt, dass er mit dieser Spezialisierung nie die Möglichkeit gehabt hätte, nach Spitzbergen zu kommen. Hier oben geht es um Blut und Knochen und Entzündungen. Es geht um abgetrennte Finger nach dem Verkippen, durch Grubenstempel zertrümmerte Füße, Überdehnung von Sehnen und Muskeln. Schleimhusten. Gehirnerschütterungen. Frostschäden. Parasiten. Bergmannslunge. Mit diesen Dingen muss sich ein Werksarzt auseinandersetzen. Doch Finn hat früh bemerkt, dass die Leute auch mit ganz anderen Problemen zu ihm kommen, und bevor die Winterisolation begann und die Inselgruppe von der Außenwelt abgeschnitten war, hatte er mehrere psychiatrische Medikamente vom Festland bestellt.

Die Nachrichten enden im selben Moment, in dem Milch und Kaffee fertig sind, in dem Jossa aufgefressen hat und Richtung Tür tapst. Stimmt, sie war noch gar nicht draußen. Jossa übernachtet erst seit Kurzem hier, und Eivor hat sich noch nicht an die neuen Routinen gewöhnt.

Die Mädchen sind aufgestanden, und sowohl die Milch als auch der Kaffee sind kalt geworden, als Eivor nach den drei Runden um das Krankenhaus, die die Hündin braucht, bevor sie ihr Geschäft erledigen kann, wieder nach oben kommt. Sie hebt die Mädchen auf die beiden Küchenschemel, erwärmt Topf und Kessel erneut und hält ihre steifgefrorenen Finger über den heißen Dampf. Sie wird es nie lernen. Hier kann man es sich nicht leisten, sich nicht ordentlich anzuziehen, auch wenn man nur für ein paar Minuten vor die Tür geht.

Der Gottesdienst wird heute aus Tvedestrand gesendet. Nachdem die Kirchenlieder verklungen sind, spricht eine sanfte Priesterstimme mit Sørlandsdialekt über Genügsamkeit und Verzicht.

»Nix da. Nicht mit diesen Kopfschmerzen«, sagt Finn und steht auf, um das Radio auszuschalten. Er kommt in die Küche und lässt sich auf den Schemel fallen. Reibt sich das Gesicht mit beiden Händen und fährt sich mit den Fingern über die Wangen, sodass die Innenseiten seiner unteren Augenlider zu sehen sind.

»Du müsstest eigentlich in die Kirche gehen und deine Zechsünden beichten«, sagte Eivor und schenkt Finn Kaffee nach, der seinen Dank bekundet, dass die Kinder bereits draußen sind und im Schnee spielen.

»Heiberg sollte seine Sünden beichten«, erwidert er. »Der Kerl wollte einfach nicht nach Hause gehen. Und was der abkann. Hat nicht den Eindruck gemacht, als wäre er besonders betrunken. Aber gesprächig war er! Wenn ich mich recht erinnere, ging es bei unserem letzten Thema um die Russen. Wenn sie kommen, will er sich mit einem kleinen Funkpeiler in einer Jagdhütte verstecken. Nächstes Mal müssen wir die Whiskyflasche verstecken!«

Sowohl Bier als auch Branntwein sind rationiert und werden nur einmal im Monat an alle Bewohner Longyearbyens verteilt. Aber die Rationen sind großzügig, und Eivor hatte bisher nicht den Eindruck, dass jemand Gefahr lief, auf dem Trockenen zu sitzen. Wein gab es außerdem in unbegrenzten Mengen. Oben in den Arbeiterbaracken in Nybyen und Sverdrupbyen sieht es ganz anders aus – sie weiß, dass den Arbeitern geringere Rationen zustehen, auch die Auswahl ist schlechter, was oft Unzufriedenheit zur Folge hat. Es ist noch gar nicht lange her, als in der Svalbardposten eine anonyme Beschwerde einiger Arbeiter abgedruckt worden war, adressiert an die Store Norske Kohlekompanie: Warum wird nur Dunkles serviert, wenn 98 Prozent der Bevölkerung Pilsner haben wollen? Und: Warum wird Bier rationiert? Eivor musste lachen, als Finn die todernsten Beschwerden laut vorlas, doch dann bekam sie ein schlechtes Gewissen, denn wenn nun feiern und trinken die einzigen Lichtblicke für einige waren? Wenn es nun kaum andere Alternativen gab, um die Monotonie aufzubrechen?

Bevor Eivor nach Spitzbergen kam, hatte Finn gesagt, es sei wichtig, dass sie sich so schnell wie möglich einlebte und einer Beschäftigung nachginge. Er sagte das mit so ernster Stimme, dass es ihr beinahe Angst machte. Als hätte er vorher schon gewusst, wie es ihr hier ergehen würde. Doch als sie endlich ankam, war er einfach nur froh und enthusiastisch – er wollte ihr alles zeigen, sie schnell ins Leben in Longyearbyen integrieren. Er schlug Vereine vor, denen sie beitreten könne, lud Gäste in ihre Wohnung ein, zeigte ihr schöne Ski- und Wanderrouten und versuchte, freundschaftliche Bande zwischen ihr, Marit und Anne Marie, der jüngsten Krankenschwester, zu knüpfen. Doch Eivor hat nur wenige Gemeinsamkeiten mit den beiden Frauen. Marit ist aktives Mitglied im Handarbeitsverein, hilft tatkräftig bei der Sonntagsschule der Kirche und ist immer mit von der Partie, wenn ein Basar stattfindet. Über Anne Marie weiß Eivor nicht viel – aber ihr Eindruck ist, dass sie sehr sozial ist und einen engen Freundeskreis hat, bestehend aus anderen jungen, unverheirateten Frauen. Eivor ist die Frau Doktor – sie gehört zu den Ehefrauen, zu den Müttern und Kindern, sie gehört zu Finn.

Eivor wendet die beiden Brotscheiben in der Pfanne, die in der Margarine brutzeln. Finn ist der festen Überzeugung, dass Fett gegen Kater hilft. Sie selbst hat nur eine Tasse Kaffee herunterbekommen und weiß, dass sie erst im späteren Verlauf des Tages überhaupt Appetit haben wird. So ist es fast immer.

»Willst du nichts?«, fragte er, als sie die Brotscheiben auf einen der braunen Keramikteller legt und vor ihm auf den Tisch stellt.

Eivor schüttelt den Kopf. Sie hat sich Wasser mit Nyco-Fruchtsalz angerührt, die grauweiße Flüssigkeit zischt leise im Glas.

Sie setzt sich auf den zweiten Küchenschemel und trinkt die Fruchtsalzlösung in kleinen Schlucken, es prickelt säuerlich auf der Zunge. Finn beugt sich über seinen Teller und beginnt zu essen. Er sieht älter aus, wenn er erschöpft ist, sie entdeckt Falten in seinem Gesicht, die sie sonst nicht sieht. Seine dunklen Locken liegen platt am Kopf, an den Schläfen sind sie von grauen Strähnen durchzogen.

Als Eivor Finn zum ersten Mal begegnet war, hatte sie keine Lust, ihm zu verraten, dass sie gerade erst neunzehn war, dass sie im Frühjahr Abitur gemacht hatte. Sie hatte zwar nicht gelogen, jedoch behauptet, ihr Französischstudium schon begonnen zu haben. Er selbst hatte sein Medizinstudium abgeschlossen und machte bereits sein praktisches Jahr im Krankenhaus.

Sie waren sich auf einem Gartenfest in Vinderen begegnet, sie hatte keinen weiten Nachhauseweg, wurde aber trotzdem von ihrem Stiefvater abgeholt. Er kam nicht in den Garten, wartete einfach nur vorne an der Straße, hatte wahrscheinlich schon eine Weile dort gestanden, bevor sie ihn bemerkte. Finn stand in der Nähe des Gartentors, als sie eilig den Weg aus Steinplatten hinunterlief, die Sommerjacke über den Schultern. Ihre Blicke trafen sich, als sie das Tor öffnete. Er lächelte sie an, sie erwiderte das Lächeln, sah sich jedoch vor, sich nicht zu ihm umzudrehen, als sie mit ihrem Stiefvater an der Hecke entlang die Straße hinabging.

Vielleicht hatte er auch gar nicht mitbekommen, dass sie abgeholt worden war – er stand mit Freunden zusammen und war ins Gespräch vertieft. Im Nachhinein hatte er jedoch behauptet, schon bei ihrer ersten Begegnung an ihr interessiert gewesen zu sein. So erzählt er es zumindest gern, obwohl es keine Anzeichen gab, nichts, was darauf hindeutete, dass er sie wahrgenommen hatte. Aber als sie dann endlich zueinanderfanden, ging alles ganz schnell. Sie war die Erste in ihrem Freundinnenkreis, die heiratete – sie, die nie zuvor einen festen Freund gehabt hatte.

Sie erinnert sich an die champagnerfarbenen Seidenschuhe auf dem graugetünchten Kirchenboden, die Haarspangen, die auf ihre Kopfhaut drückten, den Arm des Stiefvaters, sein Rasierwasser, das leere Gefühl im Magen, da sie seit dem Vortag nichts gegessen hatte. Sie stand Finn gegenüber vorm Altar und sah sein Lächeln durch den Schleier, fragte sich, ob sie wohl bereits schwanger war.

Am späten Vormittag bringt Eivor Jossa zurück zum Hof des Sysselmanns. Sie nimmt den Weg über Haugen, bevor sie das Tal an seiner tiefsten Stelle, Myra, durchquert. Mit den Kindern geht sie diesen Weg selten, denn er führt direkt unter der Drahtseilbahn entlang, und es kann schon mal Kohle aus den Loren fallen. Der Boden rund um die Träger der Seilbahn ist damit oft übersät – die Kohlestückchen sind scharfkantig, sie glitzern und sind überraschend leicht.

Jossa spürt, dass sie nach Hause gebracht wird, und zieht den Hang hinauf nach Skjæringa das Tempo an, erklimmt den Felsvorsprung, hinter dem das ehemalige Krankenhaus noch steht, verlassen und ungenutzt. Genau hier, auf der obersten Stufe der Treppe, wird der erste Sonnenstrahl ins Tal fallen, in nur wenigen Tagen.

Als sie gerade über den Kamm des Hügels kommen und nach links Richtung Sysselmannshof abbiegen wollen, bemerkt Eivor eine Menschenansammlung an der Böschung, die zu den Zwingern der Schlittenhunde abfällt. Jossa bleibt augenblicklich stehen, stellt die Ohren auf und hält die Nase in die Luft, dann senkt sie den Kopf und gibt einen Laut von sich, eine Mischung aus Winseln und Knurren. Auf einmal bäumt sie sich auf und zerrt an der Leine.

»Ruhig«, sagt Eivor, lässt sich jedoch mitziehen. Die Schlittenhunde jaulen im Chor, ihr Heulen weht wie immer zu ihnen herüber, doch heute sind sie lauter als sonst – nicht nur Jossa ist aufgebracht.

Ein leichter Windstoß schlägt ihnen entgegen, Jossa reckt die Schnauze höher in die Luft. Und plötzlich ist sie wie von Sinnen. Eivor hält die Leine krampfhaft fest und verlagert ihr Gewicht nach hinten, doch die Hündin kennt kein Halten mehr und Eivors Füße scharren durch den Schnee.

»Bleib!«, ruft sie, und Jossa reagiert für einige Sekunden auf das Kommando, doch dann zieht sie wieder in Richtung der Zwinger, die Leute drehen sich inzwischen zu ihnen um, es bildet sich eine Schneise zwischen den Schaulustigen.

Da sieht sie ihn. Den Bären. Dreckig weiß und kolossal liegt er da, umgeben von Blutflecken. Er ist offensichtlich tot, Eivor hält dennoch den Atem an. Ein Eisbär. Hier im Ort. Zwischen den Häusern.

»Kommen Sie mit dem Hund nicht klar?«

Der Verwalter des Huskyhofes kommt auf sie zu, setzt sich vor Jossa in die Hocke, packt sie am Halsband und raunt ihr beruhigende Laute zu.

»Olaussen war's, er hat geschossen«, erzählt Dagny, die in der Bäckerei arbeitet.

Olaussen nickt und zieht Jossas Kopf vorsichtig an sich.

»Der ist heute früh um die Zwinger herumgestromert. Muss wohl an Land geschwommen sein und dann die Hunde gewittert haben. Oder ihr Futter.« Mit einem Kopfnicken deutet er in Richtung der Zwinger, und Eivor denkt sofort an die Fleischfetzen und Eingeweide, die ab und zu an die Hunde verfüttert werden. Eine rotgraue Masse im dreckigen Schnee vor den Holzhütten, in denen sie Unterschlupf finden.

»Wie weit ist er gekommen?«, fragt Eivor, doch in dem Moment duckt sich Jossa unter Olaussens Hand hindurch und läuft auf den Eisbären zu. Eivor will ihr hinterherhechten, doch Olaussen winkt ab.

»Lassen Sie sie schnuppern. Der Bär ist tot.« Er lacht aus vollem Halse, reibt den Zeigefinger unter seiner Nase und schnieft ein paar Mal. »Er ist bis zu den Zwingern gekommen, trotz Warnschuss, also hab ich gedacht, jetzt reicht's. Ich will keinen Bären bei meinen Hunden herumscharwenzeln haben.«

Neugierig umkreist Jossa den Bären. Einige Männer in Arbeitskluft stehen hinter dem toten Tier, sie lachen und unterhalten sich angeregt miteinander, einer von ihnen hat sich in die Hocke gesetzt und hebt eine der Hinterpfoten an. Ein kleines Kind in rotem Anorak sitzt auf Knien vor dem Bären und starrt ihn mit großen Augen an. Der Sohn des Pastors versucht sogar, auf ihn hinaufzuklettern, wird jedoch von einem seiner älteren Brüder von dem Tier heruntergezogen. Einige Erwachsene haben ihre Fotoapparate dabei, eifriges Stimmengewirr summt durch die Luft.

»Das ist schon das zweite Mal, dass wir in der Winterzeit einen Bären in der Stadt haben«, sagt Dagny. »Ob es wohl derselbe Teddy ist wie letztes Jahr? Die haben es ja so an sich, wieder zurückzukommen. Haben Sie das gewusst, Frau Nydal, dass letztes Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr ein Bär in der Nähe des Krankenhauses herumgewandert ist?«

»Nein! Direkt davor?« Eivor spürt, wie sich die Muskeln in ihrem Oberkörper zusammenziehen.

»Unten auf dem Sportplatz«, sagt Olaussen, »also nicht direkt vor Ihrer Haustür. Obwohl, wer weiß schon, wo er überall gewesen ist, bevor er entdeckt wurde. Es war immerhin mitten in der Polarnacht, wir hatten starken Schneefall. Einer vom Haugen ist mit dem Gewehr los, aber die Büchse wollte im entscheidenden Augenblick nicht mitspielen. Zum Glück hat der Bär sich trotzdem auf und davon gemacht, Richtung Meer, das hätte sonst böse enden können.«

Dagny und Olaussen unterhalten sich weiter angeregt über den Eisbären, aber Eivor entzieht sich dem Gespräch unauffällig, bleibt ein paar Schritte vor dem toten Tier stehen. Das Stimmengewirr um sie herum verwandelt sich in ein entferntes Brausen. Heute hat sie das Gewehr nicht mitgenommen, das tut sie nie, wenn sie sich innerhalb der Siedlung bewegt. Sofort spürt sie, wie ihr Rücken sich nackt anfühlt, ihr Körper zu weich. Sie schließt die Augen, riesige Krallen kommen auf sie zu, zerfleischen sie, vom Hals bis hinunter zu den Schenkeln.

Der Eisbär liegt auf der Seite, die enormen Pranken vor ihm über Kreuz. Sie sind breit und merkwürdig platt. Fünf schwarze, messerscharfe Krallen ragen aus jeder Pfote heraus. Das gelbliche Fell wölbt sich in weichen Wulsten um den breiten Bärenhals. Das Fell an seiner Brust ist blutgetränkt, es sieht so aus, als hätten ihn mehrere Kugeln getroffen. Sein Maul ist offen, die Zunge hängt schlaff heraus, die Eckzähne sind sichtbar. Auch sie sind rot. Ein beißender Geruch strömt von dem riesigen, bewegungslosen Tier herüber.

Jossa hat bisher noch ihren Abstand gewahrt, doch nun geht sie an dem knienden Kind vorbei und bleibt am Blutfleck vor der Brust des Bären stehen. Dann senkt sie den Kopf und steckt ihre Zunge in den roten Schnee.

»Jossa!«

Die stattliche Gestalt von Sysselmann Bjørn erscheint hinter der Zwingeranlage, er kommt den Hang hinauf und ruft nach seiner Hündin. Jetzt hat auch Jossa ihn entdeckt, sie hebt den Kopf, spitzt die Ohren und wedelt mit dem Schwanz, und dann prescht sie auf ihn zu und hinterlässt schwache rote Pfotenabdrücke im Schnee.

Alle wollen den Eisbären sehen. Ganz Longyearbyen hat sich um ihn versammelt, und viele gehen davon aus, dass es sich um denselben Bären handelt, der letztes Jahr gerade noch davongekommen war. Finn drängelt, er will mit den Kindern zum Bären gehen, bevor er weggebracht wird. Es sei wichtig, die Tiere zu sehen, die hier leben, meint er. An einem Tag im November, vor dem ersten heftigen Schneefall, fuhr er mit der Familie tief ins Adventdalen hinein, auf der Suche nach einer Herde Moschusochsen, die dort gesichtet worden war. Auf dem Weg dorthin erklärte er den Kindern, was für ein Tier ein Moschusochse ist – er beschrieb die kräftigen Hörner und die großen, schweren Körper, und betonte, dass sie trotzdem sehr schnell laufen können.

»Normalerweise sind sie friedlich, aber sie können auch wütend werden und angreifen, wenn sie sich bedroht fühlen, vor allem, wenn sie glauben, dass ihnen jemand ihre Jungen wegnehmen will. Man darf also nicht zu dicht rangehen.«