Am Ende des Ganges - Finn Ritter - E-Book

Am Ende des Ganges E-Book

Finn Ritter

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Beschreibung

Wo münden die Fäden, an denen wir hängen? Was ist das Wirksame in der Wirklichkeit eines Einzelnen? Und was macht vor diesem Hintergrund ein gelungenes Leben aus? Gehört Glück dazu? Freiheit? Freundschaft? Liebe? Um diese Fragen kreist der Entwicklungsroman "Am Ende des Ganges". Im Zentrum seines Plots steht der Lehrer Tom Ritter, dessen Leben bereits mit Mitte 30 geronnen zu sein scheint. Ohne Enthusiasmus versieht der alleinstehende Deutsch- und Geschichtspädagoge seinen Schuldienst an einem Hamburger Gymnasium, weit entfernt von seinen Wünschen und noch weiter entfernt von dem, der er ist und immer sein wollte. In Entsprechung zu den Motiven der Reise und des fließenden Wassers, die notwendig schon zu Anfang des Romans anklingen, macht sich Ritter wie die von ihm betreuten Abiturienten zu Beginn der Sommerferien auf den Weg. Seine Reise, deren Verlauf über mehrere Wochen der Roman abbildet, führt ihn dabei zunächst an vergangene Orte und zurück zu frühen Freunden. Dieses ist zum einen der zum Scheitern verurteilte Versuch, die Vergangenheit zu restaurieren, für den Protagonisten gleichzeitig aber auch ein Sprungbrett in die lebendige Gegenwart, die hinter den Kulissen des Vergangenen liegt. Ritters Reise geht dabei über Berlin und Prag bis nach Indien, wo sie ein vorläufiges Ende findet, das zugleich einen neuen Anfang bedeutet. Sie beinhaltet das Ende alter und den Beginn neuer Freundschaften, mehr oder auch weniger beglückende Begegnungen mit verschiedenen Formen der Liebe sowie Reflexionen und Antwortversuche auf die eingangs genannten Fragen. Über den unmittelbaren Plot hinaus gehen die in den Handlungsverlauf eingeschobenen Passagen, die als quasi autobiographische Texte Ritters Vergangenheit konturieren und in Form der kursiv gesetzten Prosatexte bereits ein Stück fernerer und möglicherweise beruflicher Zukunft des Protagonisten andeuten.

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Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Finn Ritter

Am Ende des Ganges

Versuch in Prosa

Imprint

Am Ende des Ganges Finn Ritter

published by: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.de

Inhaltsverzeichnis

Prolog

1 Auf dem Grund gehen

2 Neustrelitz

Sonntag

3 Erste Stunde

4 Neustrelitz 1986

Veronyz

5 Korrektur

6 Spätes Erwachen

7 Sie haben Post!

8 Abgehen

9 Berliner Luft oder Böhmen am Meer

10 Die lange Nacht vorm jüngsten Tag

11 Prager Geschichte

12 Roxy

13 A-Z

14 Ahoi!

15 Nächtliche Einkehr

16 Große Freiheit

17 Zuhause

18 Späte Stunde

Einführungskurs

19 Letzte Worte

Kreisen

20 Drei Briefe

21 Letzte Stunde

22 Indien

23 Menschen im Hotel

24 Elefanten und Orangen

25 Verbunden

26 Poststop

27 Rishikesh

Sie sah immer zuerst auf die Hände

28

Entstanden im Wesentlichen

im Herbst 2013 und Frühjahr 2014

Prolog

Alle Personen und Geschehnisse in diesem Buch sind Personen und Geschehnisse in einem Buch. Dies ist nicht meine Geschichte. Und dies ist nicht Jörgs Geschichte. Und doch wäre ich ein schlechter Freund gewesen, würde ich sie ihm nicht widmen.

Finn Ritter

Hamburg 2014

für Jörg

Ach Jörg, könntest du mir erklären, wie ich hierher gekommen bin, wenn du nicht schon längst gegangen wärst? Wie kann es sein, dass mir die Vergangenheit immer mehr zur Gegenwart wird? Ich höre den Klang der Zimbeln, selbst wenn ich das Fenster geschlossen halte, und denke an das Signal, das die Fähren immer machten, kurz bevor sie die Sassnitzer Küste in Richtung Trelleborg verließen.

1Auf dem Grund gehen

Kennen Sie Sassnitz? Ich meine nicht, ob Sie den Ort als solchen kennen, ich frage mich, ob Sie schon einmal dort gewesen sind und sich womöglich an Einzelheiten Ihres Besuchs erinnern können. Was könnte das sein? Der Leuchtturm? Die Mole? Das Rügen-Hotel? Sicher werden Sie die Erfahrung gemacht haben, dass Sassnitz viel weniger bunt ist, als auf den das ganze Jahr über erhältlichen Urlaubspostkarten. Sie werden festgestellt haben, dass es doch ein ganzes Stück ist von Sassnitz bis zum Königsstuhl und dass nach Rügen reisen schon längst nicht mehr bedeutet, in Sassnitz Station machen zu müssen.

Wenn ich an Sassnitz denke, dann denke ich an Frau Hauers Spielzeugladen, den Duft frischer Brötchen, die von mir in einem grobmaschigen Netz nach Hause getragen werden, einen weinroten Wartburg vor dem Haus, den Tod meiner Großmutter Johanna und an die Treffen mit Simone Sonnentag im Trockenkeller unseres Wohnblocks.

Und ich denke daran, wie die Dinge zusammenhängen.

Ist es nicht komisch, dass man dem ersten Mal einer Sache immer so ein Schwergewicht einräumt, obwohl das letzte Mal häufig so viel schwerwiegender ist? Mein erster Tag im Freien, mein erstes Käsebrot, mein erstes Mal.

Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal mit Simone im Trockenkeller zusammenkam. Meine Großmutter Johanna, die vermutlich erste Liebe meines Lebens, muss schon tot gewesen sein, schätzungsweise war ich also 3 oder 4 Jahre alt und Simone sicher vorher bereits das eine oder andere Mal im Hausflur begegnet, ohne dass diese Begegnungen bleibende Eindrücke hinterlassen hatten - doch was wissen wir sicher von bleibenden Eindrücken?

Vermutlich musste Oma Johanna erst sterben, um Platz für Simone bzw. bleibende Eindrücke dieser Art zu schaffen. Bis dahin hatte ich halbe Tag auf dem Schoß meiner Großmutter verbracht, die in ihren letzten Jahren mit mir, meiner Schwester und meinen Eltern die Wohnung teilte. Oma Johanna und ich sangen und sangen und sangen: Volkslieder, Kinderlieder, Schlager, es wurde mir nie zu viel, und das Schöne war: ihr auch nicht. Irgendwann aber war es still und leer. Ich saß auf dem steinernen Boden der Tatsachen in unserem Treppenhaus, ohne wirklich etwas zu sehen, bis ich vor mir zwei Beine entdeckte, die in weißen Kniestrümpfen und roten Lackschuhen mit Schnalle steckten.

Simone war einen Kopf größer als ich, bestimmt 2 Jahre älter und hatte mir etliche erste Erfahrungen voraus. „Mir tut meine Muschi weh, Herr Doktor.“ Warmer Wäschetrockenraum. Alles war ganz einfach. Ich fragte Simone oder Simone fragte mich, und wenn wir beide Lust hatten (und es war Lust und nicht nur eine verfrühtes „Jugend forscht“-Projekt), zeigten wir uns, was es zu zeigen gab, fühlten, guckten und lachten. „Psst, Herr Rosendorn kommt.“

Jetzt saß ich also nicht mehr auf dem Schoß, sondern darunter.

Stralsund, Rügendamm, Altefähr, Samtens, Sagard, Lietzow, Sassnitz. Ich erlebe eine Zugfahrt, während sie sich gleichzeitig in meinem Inneren in umgekehrter Richtung und in einem ganz anderen Jahrzehnt abspielt. Wir fahren zum Augenarzt, denn ich laufe dauernd gegen Wände, manchmal, weil ich sie nicht sehen will, meist aber, weil ich sie tatsächlich nicht sehe. Draußen strahlt die Sonne, doch für mich regnet es, denn er ist ein regnerischer Tag, dieser vergessene Wochentag vor über dreißig Jahren. Ich bin traurig, während ich in den grauen Himmel sehe und so tue, als würde ich mit meinen zwei Matchbox-Autos spielen, von denen ich eines gleich verlieren werde, was mich noch trauriger machen wird, aber das weiß ich noch nicht. Ich bin traurig, weil ich daran denken muss, dass alles irgendwann nicht mehr da sein wird: ich, meine Mutter, die schwarzen Leitungen draußen vor dem Fenster, die von Sassnitz bis Stralsund über die gesamte Insel gespannt sind und uns die ganze Fahrt über begleiten. Oder kamen die Gedanken, weil die Trauer schon vorher da war?

Das Erste, was mir nach dem Eintreffen in Sassnitz durch den Kopf geht, ist tatsächlich der Satz, dass sich kaum etwas verändert hat. Sofort rufe ich mich zur Ordnung und denke, dass das natürlich völliger Unsinn ist, nahezu alles hat sich verändert, muss sich verändert haben, aber meinem Gefühl ist das egal: Kaum etwas hat sich verändert. Der Blick vom Bahnhof über die Stadt bis hin zum offenen Meer ist noch immer der Blick vom Bahnhof über die Stadt bis zum offenen Meer; die Stadt riecht, wie sie gerochen hat, nach Salz und Kreide, nach Bratkartoffeln und Schmorgurken, auch wenn gerade niemand Schmorgurken isst. Wahrscheinlich wird sogar Svennie Heim, „mein bester Freund“, noch wohnen, wo er damals wohnte (nämlich einen Aufgang neben meinem) und mir in kurzen blauen Jeans und rotem, kurzärmeligem Strickpullover die Tür öffnen. Aber ich gehe nicht gucken, schließlich gibt es auch Frau Hauers Spielzeugladen nicht mehr und die Brötchen werden ohnehin in Tüten verkauft. Trotzdem: Es hat sich kaum etwas verändert.

Beim Gang durch die Stadt frage ich mich, welcher der Passanten mich kannte oder erkennt und wen ich vielleicht gekannt habe. Ich erinnere mich an Namen und Gesichter, hier brauche ich letztere, aber die, die ich habe, sind fast dreißig Jahre alt, also ziemlich unbrauchbar für meine Unternehmung einer unerwarteten Begegnung. Tatsächlich denke ich: Die Leute laufen hier wie überall. Laufen und laufen und umtriebig sein und alles irgendwie aushalten. Nur, wie macht man das?

Die Strategie meiner Mutter, die Ängste auszuhalten, die sie seit dem Tod ihrer Mutter Johanna heimsuchten, war, die Zeit vergehen zu lassen und zu vergessen. Letzteres tat sie auf eine so gründliche Weise, dass ich noch heute manchmal darüber erschrecke, was für ein verklärtes Bild sie mitunter von unserer gemeinsamen Vergangenheit zeichnet. Dass ich sie weinend auf dem Zimmerfußboden fand – „das ist doch Unsinn, das bildest du dir ein“. Dass meine Stille, zu der es damals so gut wie nie eine innere Entsprechung gab, in unmittelbarer Verbindung zu der bedrohlichen Stille zwischen ihren Weinkrämpfen stand – „ist doch absurd, welches Weinen denn, außerdem warst du schon immer ein ganz ruhiges und artiges Kind.“ Dass das, was mich vom Leben fernhielt, mit ihrem Leiden zu tun hatte - ist „nur natürlich, alles hat immer mit irgendwas zu tun. Aber nicht so, wie du dir das vorstellst, Kinder erleben doch noch gar keine wirklich bleibenden Eindrücke. Ein Husch, und alles ist vergessen. Magst du noch von dem Kuchen?“

Der Kindergarten, den ich bald nach dem Tod meiner Großmutter besuchen musste, ist heute eine Galerie. Die Farbe und das Innere des Gebäudes haben sich komplett verändert, entgegen dem wettergegerbten weiß-grauen Anstrich des Holzvorbaus und der Seitenwände von damals erstrahlt das Gebäude heute in einem Gelb, das jedes Weizenfeld vor Neid erblassen ließe. Trotzdem bleiben die Beklemmungen; schon als ich den Weg wiedererkannte, wäre ich am liebsten wieder umgekehrt. Nun bin ich da. Ich rieche den Geruch des Linoleums, das schon lange nicht mehr in den Räumen liegt, ich schmecke den Nachtisch von vor dreißig Jahren und spüre das Alleinsein des Kindes unter Kindern. Vergangenheit und Gegenwart, was ist das?

Auch unser altes Viertel ist auf den ersten Blick kaum wiederzuerkennen: Die Häuser haben neue Dachziegel und vermutlich auch neue Heizungen bekommen, die Zäune um die Vorgärten eine andere Höhe, die Ziertannen eine neue Form und die Straßen- und Klingelschilder weitgehend neue Namen. Aber eben nur weitgehend. Einige erkenne ich wieder: Herr Priester, Familie Schüler. Was soll ich tun, klingeln? Könnte ich das überhaupt? Und falls ich mutig genug bin, das herauszufinden, was sollte ich fragen, was erzählen? Ich werfe einen Blick von draußen in den Trockenkeller, doch die Fenster sind keine, die Verkleidungen, die dort befestigt sind, wo früher Drahtglasscheiben waren, geben das Innere des Raumes nicht preis.

Es sind noch einige Stunden, die ich scheinbar ziellos durch den Ort laufe. Ich laufe auf den Wegen, auf denen ich als Kind nicht mit dem Fahrrad unterwegs sein durfte, obwohl ich es gern gewesen wäre, doch meine Mutter hielt es – „mit deinen schlechten Augen“ – für zu gefährlich. Wäre ich mit jemandem hier, würde ich davon erzählen, doch ich teile diesen Samstag mit niemandem.

Am Abend esse ich im „Seemannsheim“. Gemessen an der überschaubaren Zahl unserer Restaurantbesuche waren wir als Familie relativ oft hier, dennoch erschien es mir jedes Mal als etwas Besonderes: das Auswählen des Gerichtes, die Aufnahme der Bestellung durch den Ober, das gedämpfte Licht, die Welt der Erwachsenen. Wie es wohl sein wird, selbst dazuzugehören? Ich weiß noch, wie ich mir in Rollenspielen einen Platz in dieser Welt zuwies, immer aufs Neue mit dem Gefühl, ihn nicht ausfüllen zu können. Wird dann nicht alles aufhören, wenn wir die Erwachsenen sind?

Die Nacht verbringe ich in der „Waldhalle“, einer Pension mit Gastwirtschaft weit vor den Toren der Stadt. Ich liege in meinem Bett und kann nicht einschlafen. Es ist noch viel zu früh und ich habe – jedesmal ein Fehler – für zwei gegessen. Also stelle ich mir vor, wie es gewesen wäre, Simone Sonnentag heute in der Stadt zu begegnen. In meinem Kopf wechseln sich Bilder mir bekannter und unbekannter Enddreißigerinnen ab, die aber alle Simones Namen tragen. Schließlich siegt die Gewohnheit und meine Phantasie entscheidet sich für ein üppiges Blond. Nach einem kurzen Gespräch ohne Inhalt nimmt Simone unvermittelt meinen Penis in den Mund und noch bevor meine Phantasie dazu kommt, Purzelbäume zu schlagen, bin ich da.

Habe ich dir je wirklich von Sassnitz erzählt, von den Quallen am Strand unterhalb der Kreidefelsen, die Svennie und ich mit bloßen Händen fingen, um sie auf die großen Findlinge im Wasser zu legen, zum Trocknen oder zum besseren Zerteilen mit den kleineren Steinen, die es in Hülle und Fülle gab? Wie gern würde ich jetzt, wo es keine gemeinsamen Fahrten mehr geben wird, mit dir in Sassnitz unterwegs sein und dir alles zeigen. Warst du irgendwann einmal allein dort und hast an mich gedacht, als du schlussendlich wieder zurück zu deinen Eltern nach Neustrelitz gezogen warst?

2Neustrelitz

Neustrelitz brachte Jörg; und wenn mir auch vieles fehlte nach diesem ungeliebten Umzug, wegen dem ich jetzt mit bald sechs Jahren in der Heimatstadt meiner Mutter wohnen musste – Svennie, der Strand, Frau Hauers Spielzeugladen, der Trockenkeller – so war dieser neue Freund doch viel; sicher viel mehr, als ich damals wusste, und schnell war er mir ein neues Zuhause.

In der Stadt zuhause war ich nie. Wenn ich heute nach Neustrelitz komme, was kaum mehr vorkommt, habe ich es immer mit mindestens vier Städten zu tun: Mit dem Neustrelitz meiner Kindheit, dem meiner Pubertät, dem Neustrelitz der jeweiligen Gegenwart und mit der Stadt, die ich aus den ihre Kindheit betreffenden Erzählungen meiner Mutter kenne. Schon eine davon ist mehr als genug.

„Ist der neue Marktplatz nicht schön geworden?“„ Du meinst dieses Bollwerk aus Betonblumenkübeln?“ – „Hast du gesehen, dass sie auch eure Schule neu gestaltet haben?“ „Nein, ich bin anders gelaufen.“ – „Und die neue Unterführung?“ „Welche Unterführung?“

Einzig Jörg leuchtet und leuchtete aus diesem verzweifelten Grau heraus.

„Das ist Jörg!“ So, sagt meine Mutter, habe ich ihn vorgestellt, als ich ihn zum ersten Mal mit nach Hause brachte, nach oben, in den vierten Stock unseres neuen Wohnhauses, das nur einen Steinwurf entfernt vom Haus ihrer Kindheit lag. („Nur wegen dir sind wir nach Neustrelitz gezogen, Tom, allein wegen dir“.) Jörg und ich hatten uns an eben diesem Tag kennengelernt, ich war neu auf dem Spielplatz, ein Wort gab das andere, er war kaum größer, aber ein Jahr stärker, bald lag er auf mir und kurz danach standen wir dicht beieinander vor unserer Wohnungseingangstür. Für die nächsten zehn Jahre sollte sich das nicht mehr ändern.

Ich wäre gern mit ihm in eine Klasse gegangen, aber für seine war ich zu spät dran, und er wollte nicht sitzen bleiben. Wäre es besser gewesen mit ihm? Bestimmt wäre es das. Ich hatte Freundschaften geschlossen mit Svennie, mit Jörg, aber ich wusste nicht, wie man Freundschaften schließt. Schon im Kindergarten war es so gewesen, es gab die anderen und es gab mich in der Bauecke, und auch in der Schule sollte sich daran nur unwesentlich etwas ändern. Ich saß noch immer allein, vormittags auf meinem Platz in der ersten Reihe unseres Klassenraumes, der für mich und meine überstarke Brille reserviert war, und nachmittags vor dem Fernseher, ein Archiv von Kinder- und Vorabendserien der späten siebziger und frühen achtziger Jahre ist noch immer in meinem Kopf. Irgendwann nach den ersten Schulwochen stellte ich fest, dass alle Freundschaften in der Klasse geschlossen hatten, nur ich nicht. Ich musste ein Signal verpasst oder an einer geheimen Verabredung nicht teilgenommen haben, alle hatten jemanden, nur ich hatte niemanden und drehte verlegen auf dem Schulhof während der viel zu langen großen Pausen meine Runden. Aber ich hatte Jörg – und Jörg hatte mich.

Ich weiß nicht mehr, warum ich nicht auch in der Schule seine Nähe suchte. Vielleicht habe ich es getan und wurde enttäuscht (was ich noch wüsste), vielleicht habe ich ihn dort aber auch gemieden, weil es mich genierte, niemanden außer ihm zu haben. So wie es mich vor ihm und allen anderen genierte, von älteren Schülern gehänselt zu werden, wegen meiner Brille, wegen meiner vollen Wangen, wegen was weiß ich. Und was für ein Glück, einmal in Ruhe gelassen zu werden. Und was für ein noch größeres Glück, einmal in Ruhe gelassen worden zu sein, weil jemand anderes geopfert wurde.

Kerstin? Hieß so das Mädchen aus der Parallelklasse, das über Jahre hinweg immer wieder von ihren Mitschülern und Schülern anderer Klassen drangsaliert wurde? Ich weiß nicht mehr, ob ich in der fünften oder sechsten Klasse war, aber ich kann mich an den Wintertag erinnern, an dem es nach Tagen endlich wieder angefangen hatte zu schneien; der erste Schnee des neuen Jahres, rein und weiß tanzten seine Flocken durch die Luft. Auf dem Boden lag noch der des alten und dort – vor dem Schulgebäude, denn die Schule hatten wir für den Tag bereits hinter uns – lag auch Kerstin. Auf ihr saßen drei oder vier andere, Jungen und Mädchen, hatten Kerstin die Jacke aufgerissen und stopften Schnee und Eisstücke unter ihren Pullover, in ihre Hose, in ihren Mund und in ihre Haare. Ihre Schultasche lag offen, Hefte und Bücher waren herausgezerrt und durchnässt oder schon vom Schnee, der vorher in ihre Tasche gestopft worden war, aufgeweicht. Um die Gruppe herum stand ein erster Kreis von Anfeuerern und dahinter ein – stiller lachender – zweiter, auch ich. Kerstin wehrte sich nach Kräften und ich frage mich noch heute, woher sie nach all den Jahren noch die Kraft und die Hoffnung nahm, die man braucht, wenn man sich zur Wehr setzen will. Plötzlich aber waren von einem Augenblick auf den anderen keine Hoffnung und keine Kraft mehr da, so abrupt, dass fast alle plötzlich inne hielten und fast nur noch Kerstins Weinen zu hören war, anders, verzweifelter und endgültiger als bis dahin. Sie war zusammengesunken und fragte sich und uns immer wieder: Warum denn immer ich? Warum denn immer ich? Warum denn immer nur ich? Ich weiß nicht, wie oft ich in den vergangenen Jahren an diese Szene habe denken müssen. Jedes Mal muss ich dabei mit Scham und Tränen kämpfen und jedes Mal erscheinen sie mir angemessen und gerecht. Hörst du mich, Kerstin? Es tut mir leid, hörst du? Ich wünschte, ich könnte ungeschehen machen, was damals passiert ist, ich wünschte, ich hätte eingegriffen und mich nicht lustvoll darüber gefreut, dass du statt meiner so im Schnee liegen musst.

Hab’ ich dir je davon erzählt, wie wir an jenem Wintertag Kerstin gequält haben? Und davon, welche Angst ich hatte vor meiner Lust an ihrem Leid? War all das irgendwann Thema während unserer Sonntagnachmittage, an denen wir im Wohnzimmer deiner Eltern Kuchen essend und Fernsehen guckend beieinandersaßen und es uns gut gehen ließen und uns gemeinsam in unsere schöne Zukunft träumten? Und weißt du von meinen Sonntagen ohne dich?

Sonntag

Am schlimmsten waren die Sonntage.