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An einem Freitag wird die Leiche einer jungen Frau entdeckt. Sie war Kindermädchen und, wie bei der Obduktion festgestellt wird, schwanger. Wurde sie deshalb ermordet? Bald verhaftet die Polizei einen Verdächtigen. Doch Rabbi David Small glaubt nicht an dessen Schuld. Er überzeugt Polizeichef Lanigan, macht sich damit aber selbst verdächtig. Denn unter den Fenstern seiner Synagoge geschah der Mord, und in seinem Wagen wurde die Handtasche der Toten gefunden. Der erste Fall für den legendären Rabbi und Amateurdetektiv David Small.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2015
Die Leiche eines Kindermädchens wird entdeckt und schon bald verhaftet die Polizei einen Verdächtigen. Doch Rabbi David Small glaubt nicht an dessen Schuld. Er überzeugt Polizeichef Lanigan, macht sich damit aber selbst verdächtig. Denn unter den Fenstern seiner Synagoge geschah der Mord, und in seinem Wagen wurde die Handtasche der Toten gefunden.
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Harry Kemelman (1908-1996) wuchs als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in den USA auf. Großen Erfolg feierte er mit seinen Romanen um den Rabbi und Amateurdetektiv David Small und erhielt unter anderem den Edgar Allan Poe Award.
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Liselotte Julius ist Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen.
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Harry Kemelman
Am Freitag schlief der Rabbi lang
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Liselotte Julius
Durch die Woche mit Rabbi Small (Der erste Fall)
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1964 unter dem Titel Friday the Rabbi Slept Late bei Crown Publishers, New York.
Die deutsche Erstausgabe erschien 1966 im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg.
Originaltitel: Friday the Rabbi Slept Late
© Harry Kemelman 1964
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: mabuze/photocase.com
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30908-1
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
AM FREITAG SCHLIEF DER RABBI LANG
1 – Sie saßen im Betsaal und warteten. Neun Männer …2 – Elspeth Bleech lag auf dem Rücken und betrachtete …3 – Der Vorstand hielt seine regelmäßige Sonntagssitzung in einem …4 – Am Dienstag war es schön und warm …5 – Obwohl sie ab zwölf frei hatte, schaffte es …6 – Um halb acht klingelte Jacob Wasserman an der …7 – Als Joe Serafino im Club ankam, sah er …8 – Der Wecker auf Rabbi Smalls Nachttisch klingelte um …9 – Hugh Lanigan kannte jeden, der aus der Old …10 – Die Serafinos hatten einen bewegten Vormittag. Obwohl Mrs …11 – Alice Hoskins hatte das exklusive Mädchencollege Bryn Mawr …12 – Lieutenant Eban Jennings von der Polizei in Barnard’s …13 – Zum abendlichen Gottesdienst waren vier- bis fünfmal so …14 – Der religiöse Eifer hielt nicht bis zum Morgengottesdienst …15 – Elspeth Bleechs Bild erschien in den Samstagszeitungen …16 – Es war ein strahlender, sonniger Sonntagmorgen mit wolkenlosem …17 – Wasserman war fest davon überzeugt gewesen, dass der …18 – Am nächsten Morgen kurz nach sieben wurde Melvin …19 – Nathan Greenspan war ein Gelehrtentyp, langsam im Denken …20 – Das Gefängnis bestand aus vier kleinen, mit Stahl …21 – Als er das Gefängnis verließ, überlegte der Rabbi …22 – Al Becker gehörte nicht zu den Menschen …23 – Am Sonntag regnete es seit den frühen Morgenstunden …24 – Carl Macomber, Stadtverordnetenvorsteher von Barnard’s Crossing, war von …25 – Macomber hatte seinen Besuch telefonisch angekündigt26 – Obwohl in den Zeitungen Bilder sämtlicher Personen …27 – Der Rabbi war keineswegs überrascht, als Hugh Lanigan …28 – Die Sitzung des Gemeindevorstands war insofern ungewöhnlich …WorterklärungenMehr über dieses Buch
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Für meinen Vaterund meine Mutter
Sie saßen im Betsaal und warteten. Neun Männer, die auf den zehnten warteten, um den Morgengottesdienst beginnen zu können. Jacob Wasserman, der bejahrte Gemeindevorsteher, hatte die Gebetsriemen bereits befestigt. Der junge Rabbi David Small war gerade eingetroffen, zog den linken Arm aus der Jacke und rollte den Hemdsärmel bis zur Achsel hoch. Er legte die kleine schwarze Kapsel mit den Thorastellen auf den linken Oberarm gegenüber dem Herzen, wickelte den einen Gebetsriemen siebenmal um den Unterarm, dreimal um den Handteller – das bedeutet den ersten Buchstaben vom Namen des Herrn – und schließlich um den Mittelfinger, als Symbol für den Bund mit Gott. Nun befestigte er den zweiten Gebetsriemen mit der Kapsel an der Stirn; zusammen mit dem ersten gilt das als buchstäbliche Erfüllung des biblischen Gebotes: Und sollst die Worte Gottes binden zum Zeichen auf deine Hand, und sollen dir ein Denkmal vor deinen Augen sein.
Die anderen, die mit Fransen besetzte seidene Gebettücher und schwarze Käppchen trugen, saßen in Gruppen herum und unterhielten sich. Von Zeit zu Zeit verglichen sie ihre Armbanduhren mit der runden Wanduhr.
Der Rabbi war jetzt für das Morgengebet bereit und schlenderte den Mittelgang auf und ab, nicht ungeduldig, eher wie ein Reisender, der zu früh auf den Bahnhof gekommen ist. Gesprächsfetzen drangen an sein Ohr: Geschäftliches, Familie und Kinder, Urlaubspläne, die Chancen einer Baseballmannschaft wurden erörtert. Nicht gerade passende Themen, wenn man beten will, dachte er und wies sich sofort zurecht. War nicht übertriebene Frömmigkeit gleichfalls Sünde? Sollte der Mensch nicht die guten Dinge dieses Lebens genießen – die Freuden, die ihm Familie, Arbeit und das anschließende Ruhen bereiten? Er war noch sehr jung, knapp dreißig, und selbstkritisch, sodass er ständig Fragen aufwarf und diese wiederum infrage stellte.
Wasserman war hinausgegangen und kam jetzt zurück. »Ich habe eben bei Abe Reich angerufen. Er ist in etwa zehn Minuten hier, hat er gesagt.«
Ben Schwarz, ein kleiner, rundlicher Mann in mittleren Jahren, sprang auf. »Mir reichts«, murrte er. »Wenn ich diesem Reich noch dankbar sein muss, dass wir mit ihm den minjen zusammenkriegen, bete ich lieber zu Hause.«
Wasserman eilte ihm nach und holte ihn am Ende des Ganges ein. »Du willst uns doch jetzt nicht etwa sitzen lassen, Ben? Dann sind wir ja wieder nur neun, auch mit Reich.«
»Tut mir leid, Jacob«, sagte Schwarz steif, »ich habe eine wichtige Verabredung und muss weg.«
Wasserman hob die Hände. »Du bist doch extra hergekommen, um den Kaddisch für deinen Vater zu sagen. Wieso hast du es da plötzlich so eilig mit deiner Verabredung, dass du nicht mal die paar Minuten warten kannst, um für deinen toten Vater zu beten?« Wasserman war Mitte sechzig und somit älter als die meisten Gemeindemitglieder. Er hatte einen leisen Akzent, der sich vor allem in seinen Bemühungen um eine besonders korrekte Aussprache äußerte. Er merkte, dass Schwarz mit sich rang. »Übrigens hab ich selber heute Kaddisch, Ben.«
»Schon gut, Jacob, hör mit der Seelenmassage auf. Ich bleibe.« Er grinste sogar.
Wasserman hatte noch etwas auf dem Herzen. »Warum bist du denn so wütend auf Abe Reich? Ihr seid doch immer gute Freunde gewesen.«
Schwarz gab bereitwillig Auskunft. »Ich werd dir sagen, wieso. Letzte Woche …«
Wasserman wehrte ab. »Du meinst die Geschichte mit dem Auto? Von der hab ich schon gehört. Wenn du glaubst, er schuldet dir Geld, verklag ihn eben, dann hast dus hinter dir.«
»Einen solchen Fall bringt man nicht vor Gericht.«
»Dann seht zu, wie ihr sonst klarkommt. Aber wenn zwei prominente Gemeindemitglieder noch nicht mal im gleichen minjen sein wollen, ist das einfach eine Schande.«
»Sieh mal, Jacob …«
»Was stellst du dir eigentlich vor, wozu die Synagoge in einer Gemeinde wie unserer da ist? Hier sollten die Juden ihre Streitigkeiten vergessen.« Er winkte den Rabbi heran. »Ich hab gerade zu Ben gesagt, die Synagoge ist eine heilige Stätte, und alle Juden, die sie aufsuchen, sollten hier ihren Frieden miteinander machen und ihre Differenzen beilegen. Das ist vielleicht sogar noch wichtiger als das Beten. Was meinen Sie, Rabbi?«
Der junge Rabbi sah unsicher von einem zum anderen. Er errötete. »Ich fürchte, ich kann Ihnen da nicht beipflichten, Mr Wasserman«, erklärte er. »Die Synagoge ist in dem Sinn keine heilige Stätte. Der Tempel in Jerusalem war es natürlich, aber eine Gemeindesynagoge wie die unsere ist nichts weiter als ein Gebäude, das für Gebete und Studien bestimmt ist. Heilig kann man sie wohl nur insofern nennen, als jedem Ort, wo sich Menschen zum Gebet zusammenfinden, diese Bezeichnung zukommt. Aber nach der Tradition obliegt es nicht der Synagoge, Zwistigkeiten zu schlichten, sondern dem Rabbi.«
Schwarz schwieg. Er fand es unpassend, dass der junge Rabbiner dem Gemeindevorsteher so offen widersprach. Wasserman war immerhin sein Vorgesetzter und hätte den Jahren nach sein Vater sein können. Doch Jacob nahm es ihm offenbar nicht übel, im Gegenteil. Augenzwinkernd wandte er sich an den Rabbi: »Was würden Sie also vorschlagen, Rabbi, wenn sich zwei Gemeindemitglieder streiten?«
Der junge Mann lächelte flüchtig. »Tja, in alten Zeiten hätte ich einen din-tojre vorgeschlagen.«
»Was ist denn das?«, erkundigte sich Schwarz.
»Eine Verhandlung, ein Urteilsspruch«, erklärte der Rabbi. »Übrigens gehörte das zu den Hauptaufgaben des Rabbiners – zu Gericht zu sitzen. Früher wurde der Rabbiner in den europäischen Ghettos nicht von der Gemeinde, sondern von der Stadt angestellt, und zwar nicht als Leiter des Gottesdienstes oder als Oberhaupt der Gemeinde. Er hatte vielmehr über die Fälle zu Gericht zu sitzen, die ihm vorgetragen wurden, und sein Urteil in juristischen Fragen abzugeben.«
»Und wie hat er seine Entscheidungen gefällt?«, fragte Schwarz unwillkürlich interessiert.
»Wie jeder Richter hat er sich den Fall angehört, manchmal allein, manchmal zusammen mit ein paar gelehrten Männern aus dem Dorf. Er stellte Fragen, verhörte Zeugen, falls notwendig, und fällte dann nach dem Talmud sein Urteil.«
»Damit kämen wir wohl kaum weiter, fürchte ich«, meinte Schwarz lächelnd. »Hier handelt es sich nämlich um ein Auto. Und mit Autos befasst sich der Talmud doch sicher nicht.«
»Der Talmud befasst sich mit allem«, erklärte der Rabbi entschieden.
»Aber Autos?«
»Selbstverständlich ist im Talmud nicht von Autos die Rede, aber von Schadensfällen und Schadenersatzpflicht. Bestimmte Gegebenheiten sind zwar in jeder Zeit verschieden, die allgemeinen Grundsätze jedoch nicht.«
»Na, Ben, bist du einverstanden, deinen Fall vor den Rabbi zu bringen?«, fragte Wasserman.
»Von mir aus kann die ganze Gemeinde erfahren, was Abe Reich für ein ganew ist.«
»Ich meine das ganz im Ernst, Ben. Ihr seid beide im Vorstand. Und ihr habt beide ich weiß nicht wie viele Stunden für die Gemeinde geopfert. Warum willst du dann einen Streitfall nicht nach altem jüdischen Brauch bereinigen?«
Schwarz zuckte die Achseln. »Von mir aus.«
»Wie stehts mit Ihnen, Rabbi? Wären Sie bereit?«
»Wenn Mr Reich und Mr Schwarz beide einverstanden sind, werde ich einen din-tojre abhalten.«
»Abe Reich kriegen Sie im Leben nicht zu so was«, meinte Schwarz.
»Ich garantiere dir, dass Reich kommt«, versicherte Wasserman.
Schwarz war jetzt voller Erwartung. »Na schön, und wie gehts nun weiter? Wann soll dieser, dieser din-tojre sein, und wo?«
»Ginge es heute Abend? Hier in meinem Arbeitszimmer?«
»Von mir aus gern, Rabbi. Sehen Sie, es war nämlich so: Abe Reich …«
»Finden Sie es nicht richtiger, mit Ihrer Geschichte zu warten, bis Mr Reich dabei ist, wenn ich den Fall entscheiden soll?«, fragte der Rabbi freundlich.
»Freilich, Rabbi. Ich wollte ja nicht …«
»Bis heute Abend, Mr Schwarz.«
»Ich komme bestimmt.«
Der Rabbiner nickte und schlenderte davon. Schwarz sah ihm nach. »Weißt du, Jacob, wenn man sichs genau überlegt, habe ich mich eben auf eine ziemlich alberne Geschichte eingelassen.«
»Wieso albern?«
»Weil … weil … Nun, ich habe mich ja gewissermaßen mit einer regelrechten Gerichtsverhandlung einverstanden erklärt.«
»Na und?«
»Na, und wer ist der Richter?« Verdrossen sah er zu dem Rabbi hinüber, bemerkte den schlecht sitzenden Anzug, das zerzauste Haar, die staubigen Schuhe. »Sieh ihn dir doch an. Ein grüner Junge. Ich könnte schließlich sein Vater sein, und da soll ich ihn über mich zu Gericht sitzen lassen? Nein, Jacob, wenn ein Rabbi wirklich eine Art Richter sein soll … Ich meine, dann haben Al Becker und die anderen recht, die sagen, wir müssten einen älteren, reiferen Mann haben. Glaubst du tatsächlich, dass Abe Reich mit der Sache einverstanden ist? Ich meine, wenn er nicht zu diesem, na, zu dem Dingsda kommt, wird dann wegen Abwesenheit zu meinen Gunsten entschieden?«
»Da ist ja Reich«, antwortete Wasserman. »Wir fangen gleich an. Und wegen heute Abend mach dir keine Sorgen. Er wird da sein.«
Das Arbeitszimmer des Rabbiners lag im zweiten Stock, mit Aussicht auf den großen asphaltierten Parkplatz. Wasserman und der Rabbi trafen gleichzeitig ein.
»Ich hatte keine Ahnung, dass Sie auch kommen«, sagte der Rabbi.
»Schwarz begann, kalte Füße zu kriegen, deshalb hab ich gesagt, ich würde dabei sein. Stört Sie das?«
»Aber durchaus nicht.«
»Wie ist das, Rabbi«, fuhr Wasserman fort, »haben Sie so was eigentlich schon mal gemacht?«
»Einen din-tojre abgehalten? Natürlich nicht. Wer würde heutzutage selbst in den orthodoxen Gemeinden Amerikas noch zum Rabbi gehen und um einen din-tojre bitten?«
»Aber dann …«
Der Rabbi lächelte. »Keine Angst, es wird alles seine Richtigkeit haben. Das verspreche ich Ihnen. Ich weiß einigermaßen Bescheid über das, was in der Gemeinde vorgeht. Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen. Die beiden waren immer gute Freunde, und jetzt hat etwas diese Freundschaft gestört. Ich nehme an, beide sind nicht sehr glücklich darüber und werden sich nur zu gern wieder versöhnen. Unter diesen Umständen müsste es mir gelingen, eine gemeinsame Basis zu finden.«
Wasserman nickte. »Ich fing schon an, mir etwas Sorgen zu machen. Es stimmt, die beiden waren seit Jahren befreundet. Höchstwahrscheinlich wird sich herausstellen, dass die Frauen dahinterstecken. Bens Frau Myra hat ein böses Mundwerk, sie ist ein regelrechter kochlefel.«
»Ich weiß, ich weiß«, seufzte der Rabbi.
»Schwarz ist ein Waschlappen«, fuhr Wasserman fort. »Bei ihm zu Hause hat die Frau die Hosen an. Die Familien Schwarz und Reich haben immer gute Nachbarschaft gehalten, bis Ben Schwarz nach dem Tod seines Vaters etwas Geld geerbt hat. Ach ja, heute vor zwei Jahren muss er gestorben sein, weil Ben zum Kaddisch in der Synagoge war. Na ja; jedenfalls sind die Schwarzens dann nach Grove Point gezogen und haben sich mit den Beckers und den Pearlsteins angefreundet – mit der ganzen Clique. Und jetzt hab ich den Verdacht, der Schlamassel kommt vor allem daher, dass Myra ihre alten Bekannten abhängen will.«
»Das werden wir ja bald erfahren«, meinte der Rabbi. »Das muss einer von beiden sein.«
Die Tür schlug zu, und sie hörten Schritte auf der Treppe. Ben Schwarz und Abe Reich traten ein. Allem Anschein nach hatte einer auf den anderen gewartet. Der Rabbi platzierte sie rechts und links vom Schreibtisch einander gegenüber.
Reich war groß und sah mit der hohen Stirn und dem zurückgebürsteten eisgrauen Haar recht gut aus. Im Augenblick war er verlegen, was er hinter einer gleichgültigen Miene zu verbergen suchte.
Auch Schwarz war verlegen, bemühte sich jedoch, die ganze Angelegenheit als Witz hinzustellen, den sich sein alter Freund Jake Wasserman ausgedacht hatte und bei dem er kein Spielverderber sein wollte.
Schwarz und Reich hatten seit ihrem Eintritt kein Wort gesagt und es sogar vermieden, einander anzusehen. Reich knüpfte ein Gespräch mit Wasserman an, und so wandte sich Schwarz an den Rabbi. »Und was geschieht nun?«, fragte er grinsend. »Ziehen Sie Ihren Talar an, und müssen wir alle aufstehen? Fungiert Jacob als Protokollführer oder als Geschworener?«
Der Rabbi lächelte, rückte seinen Sessel zurecht, als Zeichen, dass er bereit sei. »Ich nehme an, Sie verstehen beide, worum es hier geht«, sagte er gelassen. »Es gibt keine formellen Verfahrensvorschriften. Normalerweise bekunden beide Parteien ihre Bereitschaft, die Zuständigkeit und die Entscheidung des Rabbi anzuerkennen. In diesem Fall möchte ich jedoch nicht darauf bestehen.«
»Ich habe nichts dagegen«, sagte Reich. »Ich bin bereit, Ihre Entscheidung anzuerkennen.«
Schwarz wollte nicht zurückstehen und erklärte hastig: »Ich habe weiß Gott nichts zu befürchten. Ich mache auch mit.«
»Umso besser«, meinte der Rabbi. »Sie sind der Geschädigte, Mr Schwarz. Ich schlage deshalb vor, Sie berichten uns, was vorgefallen ist.«
»Da gibts nicht viel zu erzählen«, erklärte Schwarz. »Die Geschichte ist ganz einfach. Abe hat sich Myras Wagen geliehen und ihn durch reine Fahrlässigkeit ruiniert. Ich muss einen neuen Motor kaufen. Das ist alles.«
»Die wenigsten Fälle liegen so einfach«, entgegnete der Rabbi. »Können Sie mir schildern, unter welchen Umständen er den Wagen geliehen hat? Und ob es sich um Ihren oder um den Wagen Ihrer Frau handelt. Sie sprachen von dem Auto Ihrer Frau, sagten aber gleich darauf, Sie müssten den neuen Motor kaufen.«
Schwarz lächelte. »Es ist mein Wagen in dem Sinne, dass ich ihn bezahlt habe. Und ihrer in dem Sinne, dass sie ihn normalerweise benutzt. Ein Ford-Kabriolett, Baujahr 65. Ich fahre einen Buick.«
»Baujahr 65?« Der Rabbi zog die Augenbrauen hoch. »Dann ist er ja praktisch neu. Da läuft doch die Garantie noch?«
»Sie machen wohl Witze, Rabbi?« Schwarz lachte erbittert auf. »Kein Händler erkennt die Garantie an, wenn der Schaden aus Fahrlässigkeit des Besitzers entstanden ist. Becker Motors, wo ich den Wagen gekauft habe, ist bestimmt eine anständige Firma, aber als ich Al Becker damit kam, hat er mich ganz schön abblitzen lassen.«
»Ich verstehe.« Der Rabbi bedeutete ihm, fortzufahren.
»Also, wir haben einen Kreis von Freunden, mit denen wir alles gemeinsam unternehmen – Theaterbesuche, Autoausflüge und so weiter. Diesmal wollten wir nach Belknap in New Hampshire zum Skilaufen. Mit zwei Wagen. Die Alberts sind mit den Reichs in ihrer Limousine hingefahren. Ich hab den Ford genommen, und wir hatten Sarah Weinbaum mit. Sie ist Witwe. Die Weinbaums gehörten zu unserem Kreis, und seit dem Tod ihres Mannes kümmern wir uns so viel wie möglich um sie. Na ja. Wir sind also am Freitag kurz nach Tisch losgefahren. Man braucht nur drei Stunden, und wir konnten so vor Einbruch der Dunkelheit noch ein bisschen Ski laufen. Am Sonnabend waren wir alle draußen, bis auf Abe. Er hatte eine schwere Erkältung. Am Samstagabend bekam Sarah einen Anruf von ihren Kindern – sie hat zwei Söhne, einer ist siebzehn, der andere fünfzehn –, sie hätten einen Autounfall gehabt. Sie schworen, es sei nichts Ernstes passiert, und so wars dann auch – Bobby hatte eine Schramme, und Myron, der Ältere, musste genäht werden. Trotzdem war Sarah furchtbar aufgeregt und wollte unbedingt nach Hause. Weil sie mit uns hingefahren war, bot ich ihr unseren Wagen an. Aber es war spät und neblig, und Myra wollte sie keinesfalls allein fahren lassen. Und da hat Abe angeboten, sie zurückzubringen.«
»Gehen Sie mit dem bisher Gesagten einig, Mr Reich?«, erkundigte sich der Rabbi.
»Ja, genau so ist es gewesen.«
»Gut; berichten Sie bitte weiter, Mr Schwarz.«
»Als wir Sonntag abends nach Hause kamen, war der Wagen nicht in der Garage. Das regte mich nicht weiter auf. Abe wollte ihn offenbar nicht bei uns lassen und dann zu Fuß nach Hause gehen. Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Buick weg, und meine Frau rief wegen des Wagens bei Abe an. Und da hat er ihr erzählt …«
»Einen Moment bitte, Mr Schwarz. Wenn ich recht verstehe, können Sie bis hierher aus eigener Kenntnis berichten. Ich will damit sagen, von jetzt ab würden Sie wiedergeben, was Sie von Ihrer Frau gehört und nicht, was Sie selber erlebt haben.«
»Sie haben uns doch vorhin ausdrücklich erklärt, hier gebe es keine Verfahrensvorschriften und so was.«
»Die gibt es auch nicht. Aber wir wollen ja erst mal die ganze Geschichte hören, und da ist es doch zweifellos besser, wenn Mr Reich weiterberichtet. Ich möchte alles in der chronologisch richtigen Reihenfolge haben.«
»Ach so. Na gut.«
»Bitte, Mr Reich.«
»Es war genau so, wie Ben erzählt hat. Ich fuhr mit Mrs Weinbaum los. Es war neblig und natürlich dunkel, aber wir sind flott und zügig gefahren. Kurz vor Barnard’s Crossing blieb der Wagen stehen. Zum Glück kam ein Streifenwagen vorbei, und der Polizist fragte, was los sei. Ich sagte ihm, dass der Motor streikt, und er versprach, uns abschleppen zu lassen. Ungefähr fünf Minuten später kam ein Abschleppwagen aus einer Garage von außerhalb und brachte uns in die Stadt. Es war spät – nach Mitternacht, glaube ich – und kein Mechaniker mehr zu haben. Also holte ich ein Taxi und brachte Mrs Weinbaum nach Hause. Und dann, Sie werden es nicht für möglich halten: Als wir hinkamen, war alles finster, und Mrs Weinbaum hatte ihren Schlüssel vergessen.«
»Wie sind Sie denn hereingekommen?«, fragte der Rabbi.
»Sie sagte, sie lässt oben immer ein Fenster offen, und man braucht bloß auf das Dach der Veranda zu klettern. Mir war so mies, dass ich noch nicht mal eine steile Treppe geschafft hätte, und sie konnte da natürlich auch nicht rauf. Der Taxifahrer war zwar noch ein junger Kerl, behauptete aber, er hätte ein lahmes Bein – vielleicht hatte er nur Angst, wir wollten ihn zum Einbruch verleiten. Aber er sagte uns, der Polizist von der Nachtstreife mache gewöhnlich um diese Zeit eine Kaffeepause in der Molkerei. Mrs Weinbaum hatte mittlerweile fast die Nerven verloren. Also schickten wir den Taxifahrer los, um den Polizisten zu holen. Und wie sie eben zurückkommen, wer taucht auf? Die beiden Jungen! Sie waren in der Stadt im Kino! Na ja, Mrs Weinbaum war so erleichtert, wie sie die beiden wohlbehalten vor sich sah, dass sie sogar vergessen hat, sich bei mir zu bedanken. Sie ist mit den Jungen ins Haus und hat es mir überlassen, dem Polizisten alles zu erklären.«
Schwarz empfand das als unausgesprochene Kritik und warf ein: »Sarah muss furchtbar aufgeregt gewesen sein. Sonst ist sie immer sehr höflich.«
Reich äußerte sich nicht dazu, sondern fuhr fort: »Ich hab also dem Polizisten erklärt, was passiert ist. Er sagte kein Wort, sondern sah mich nur mit dem misstrauischen Blick an, den sie alle haben. Sie können sich vorstellen, wie mir zumute war. Ich habe vor Schnupfen keine Luft mehr gekriegt, jeder Knochen tat mir weh, und Fieber hatte ich auch. Sonntag bin ich im Bett geblieben. Als Betsy – meine Frau – aus Belknap zurückkam, schlief ich fest und hörte sie nicht mal. Am nächsten Morgen war mir immer noch miserabel, und ich beschloss, nicht ins Büro zu gehen. Bei Myras Anruf war Betsy am Apparat. Sie weckte mich, und ich erzählte ihr, was sich abgespielt hatte, und gab ihr Namen und Adresse von der Garage. Ungefähr zehn Minuten später klingelte das Telefon wieder. Myra bestand darauf, mit mir zu sprechen. Also bin ich aufgestanden. Sie hätte eben in der Werkstatt angerufen. Die haben ihr gesagt, ich hätte ihren Wagen ruiniert, ich sei ohne Öl gefahren, und der ganze Motor ist hin, und sie macht mich haftbar – und so weiter und so fort. Sie war ganz hübsch grob. Ich fühlte mich ziemlich mies, und da hab ich ihr gesagt, sie soll gefälligst machen, was sie will. Dann hab ich aufgelegt und bin wieder ins Bett gegangen.«
Der Rabbi sah Schwarz fragend an.
»Meine Frau behauptet zwar, er hätte noch einiges mehr gesagt, aber ich glaube schon, so etwa ists gewesen.«
Der Rabbi schwenkte den Sessel herum und schob die Glastür des Bücherschranks hinter sich auf. Er betrachtete die Bände auf dem Regal prüfend und zog einen heraus. Schwarz zwinkerte Wasserman grinsend zu. Reich unterdrückte ein Lächeln. Der Rabbi jedoch blätterte gedankenverloren das Buch durch. Hin und wieder stockte er bei einer Seite und überflog sie nickend. Mitunter rieb er sich die Stirn, als wolle er die Gehirntätigkeit anregen. Seine kurzsichtigen Augen irrten auf dem Schreibtisch umher. Endlich fand er ein Lineal, mit dem er eine Stelle festhielt. Kurz darauf markierte er eine andere mit einem Briefbeschwerer. Dann zog er einen zweiten Band heraus, der ihm anscheinend vertrauter war, da er den gesuchten Abschnitt rasch fand. Schließlich schob er beide Bücher beiseite und sah die Männer vor sich wohlwollend an. »Gewisse Aspekte des Falles sind mir noch nicht ganz klar. Zum Beispiel stelle ich fest, dass Sie, Mr Schwarz, von Sarah sprechen, während Sie, Mr Reich, Mrs Weinbaum sagen. Bedeutet das bloß, dass Mr Schwarz weniger konventionell ist? Oder ist die Dame mit der Familie Schwarz enger befreundet als mit den Reichs?«
»Sie gehörte zu unserer Clique. Wir waren alle befreundet. Wenn einer von uns Gäste hatte oder eine Veranstaltung besuchte, lud er sie immer dazu ein, genau wie neulich.«
Der Rabbi sah Reich an.
»Ich würde schon sagen, dass sie enger mit ihnen befreundet war. Wir haben die Weinbaums erst durch Ben und Myra kennengelernt.«
»Das mag wohl richtig sein«, räumte Schwarz ein. »Was hat das mit der Sache zu tun?«
»Und Mrs Weinbaum ist in Ihrem Wagen mitgefahren?«, fragte der Rabbi.
»Ja. Es hat sich so ergeben. Worauf wollen Sie denn hinaus?«
»Meiner Auffassung nach war sie in erster Linie Ihr Gast, und Sie fühlten sich mehr für sie verantwortlich als Mr Reich.«
Wasserman beugte sich vor.
»Ich glaube, das trifft zu«, bestätigte Schwarz wiederum.
»Tat dann Mr Reich nicht gewissermaßen Ihnen einen Gefallen, als er sie heimfuhr?«
»Sich selbst aber auch. Er war schwer erkältet und wollte nach Hause.«
»Hatte er irgendetwas in der Richtung geäußert, bevor Mrs Weinbaum angerufen wurde?«
»Nein. Aber wir wussten alle, dass er nach Hause wollte.«
»Glauben Sie, dass er Sie auch ohne den Anruf um Ihren Wagen gebeten hätte?«
»Wahrscheinlich nicht.«
»Wir können also wohl als gegeben annehmen, dass er Ihnen einen Gefallen tat, wenn er Mrs Weinbaum nach Hause fuhr – so sehr es auch in seinem eigenen Interesse gelegen haben mag.«
»Hm, ich verstehe nicht recht, was das für einen Unterschied macht. Worauf wollen Sie hinaus?«
»Ganz einfach: Im einen Fall wäre er in der Rechtslage des Entleihers gewesen, im zweiten aber ist er de facto Ihr Bevollmächtigter, und dafür gelten andere Gesetze. Als Entleiher obliegt ihm die volle Verantwortung dafür, Ihren Wagen in einwandfreiem Zustand zurückzugeben. Um nicht schadenersatzpflichtig gemacht zu werden, hätte er den Beweis antreten müssen, dass der Wagen einen Defekt hatte und dass auf seiner Seite kein fahrlässiges Verschulden vorlag. Ferner hätte er sich bei Übernahme des Wagens vergewissern müssen, dass er in einwandfreiem Zustand war. Als Ihr Bevollmächtigter jedoch konnte er mit Recht voraussetzen, dass der Wagen in einwandfreiem Zustand war, und die Beweislast liegt bei Ihnen. Sie müssen ihm grobe Fahrlässigkeit nachweisen.«
Wasserman lächelte.
»Für mich besteht da kein großer Unterschied. Ich bin vielmehr der Ansicht, dass er in jedem Fall grob fahrlässig gehandelt hat. Das kann ich auch beweisen. Es war kein Tropfen Öl im Motor. Das hat der Mechaniker in der Garage gesagt. Also ist er ohne Öl weitergefahren, und das ist grobe Fahrlässigkeit.«
»Und woher sollte ich bitte wissen, dass der Wagen Öl brauchte?«, fragte Reich.
Bisher hatten beide nur über den Rabbi miteinander gesprochen. Jetzt aber wandte sich Schwarz um, sah Reich direkt an und sagte: »Du hast doch unterwegs getankt, nicht wahr?«
Reich drehte sich ebenfalls um. »Allerdings. Beim Einsteigen habe ich gesehen, dass der Tank nicht mal mehr halb voll war. Nach etwa einer Stunde hab ich dann an einer Tankstelle gehalten.«
»Aber du hast den Ölstand nicht kontrollieren lassen«, wandte Schwarz ein.
»Nein. Und das Kühlwasser, die Batterie und den Reifendruck auch nicht. Neben mir saß nämlich eine nervöse, hysterische Frau, die es kaum abwarten konnte, bis der Tank voll war. Warum sollte ich auch alles nachkontrollieren lassen? Der Wagen war ja so gut wie neu.«
»Sarah hat aber zu Myra gesagt, sie hätte das mit dem Öl erwähnt.«
»Freilich – zehn, fünfzehn Kilometer nach der Tankstelle. Auf meine Frage sagte sie, du hättest den Ölstand auf der Hinfahrt kontrollieren lassen und zwei Liter nachgefüllt. Daraufhin sagte ich, dann brauchen wir bestimmt keins, und damit war der Fall erledigt. Sie ist eingenickt und erst wieder aufgewacht, als wir stecken blieben.«
»Na, ich bin schon der Meinung, dass man auf einer langen Fahrt bei jedem Halt Öl und Wasser kontrollieren lässt«, beharrte Schwarz.
»Einen Augenblick, Mr Schwarz«, unterbrach der Rabbi. »Ich bin zwar kein Mechaniker, aber ich verstehe nicht recht, wieso ein neuer Wagen gleich zwei Liter Öl braucht.«
»Weil irgendeine Dichtung defekt war. Gar nicht weiter gefährlich. Ich entdeckte ein paar Öltropfen auf dem Garagenboden und sprach mit Al Becker darüber. Er sagte, er bringt das bei der nächsten Inspektion in Ordnung; ich kann inzwischen ruhig weiterfahren.«
Der Rabbi sah Reich an, ob er darauf etwas zu erwidern hätte, lehnte sich dann zurück in seinem Drehstuhl und dachte nach. Endlich richtete er sich auf und straffte die Schultern. Er ließ die Hand auf die Bücher vor sich heruntersausen. »Hier liegen zwei von den drei Bänden des Talmud, die das allgemeine Thema Schadenersatz behandeln, wie wir es heute nennen würden. Er befasst sich sehr ausführlich damit. Der erste Band geht auf die üblichen Schadensursachen ein; zum Beispiel enthält der Abschnitt über den Ochsen, der etwas auf die Hörner nimmt, rund vierzig Seiten. Es werden allgemeine Grundsätze aufgestellt, nach denen die Rabbiner sich in den verschiedenartigsten Fällen weitgehend richten konnten. Sie unterschieden zunächst zwischen tam und muad, das heißt zwischen dem zahmen Ochsen und dem, der bereits als bösartig bekannt ist. Hatte nun ein solcher Ochse abermals etwas auf die Hörner genommen, so wurde sein Besitzer weit strenger zur Verantwortung gezogen als der des zahmen Ochsen im gleichen Fall, da er ja durch die früheren Vorkommnisse gewarnt war und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen hätte ergreifen müssen.« Er warf Wasserman einen Blick zu, der bestätigend nickte.
Der Rabbi stand auf und begann, hin und her zu wandern. Er sprach jetzt im singenden Tonfall der Talmudisten, während er den Faden weiterverfolgte. »In diesem Fall nun wussten Sie, dass Ihr Wagen Öl verlor. Und ich vermute, dass es sich zumindest beim Fahren um mehr als nur ein paar Tropfen handelte, da Sie auf dem Hinweg zwei ganze Liter nachfüllen mussten. Wäre nun Mr Reich als Entleiher aufgetreten, hätte er beispielsweise erklärt, er fühle sich nicht wohl und wolle nach Hause, und hätte er Sie gebeten, ihm Ihren Wagen für die Heimfahrt zu leihen, dann wäre es an ihm gewesen, sich entweder bei Ihnen über den einwandfreien Zustand zu vergewissern oder sich persönlich davon zu überzeugen. Und wenn er das versäumt hätte, wäre er selbst unter genau den gleichen Umständen verantwortlich gewesen und für den entstandenen Schaden haftbar. Wir sind uns jedoch bereits darüber einig geworden, dass er kein Entleiher war, sondern in erster Linie Ihr Bevollmächtigter. Somit waren Sie verantwortlich und mussten ihn darauf hinweisen, dass der Wagen Öl verlor und dass er auf den Ölstand achten solle.«
»Einen Augenblick, Rabbi«, unterbrach Schwarz. »Ich brauchte ihn nicht persönlich zu warnen. Der Wagen hat ja eine Ölkontrolllampe. Wenn man fährt, muss man auf das Armaturenbrett achten. Und wenn er das getan hätte, dann hätte er an dem roten Licht gesehen, dass kein Öl mehr drin war.«
Der Rabbi nickte. »Ein guter Einwand. Was haben Sie dazu zu sagen, Mr Reich?«
»Die Ölkontrolllampe leuchtete allerdings auf«, bestätigte dieser. »Aber das war unterwegs und weit und breit keine Tankstelle in Sicht. Bevor ich eine finden konnte, blieben wir stecken.«
»Aha.«
»Der Mechaniker meinte, er hätte den brenzligen Geruch lange vorher bemerken müssen«, beharrte Schwarz.
»Nicht bei starkem Schnupfen. Und Mrs Weinbaum schlief ja.« Der Rabbi schüttelte den Kopf. »Nein, Mr Schwarz: Mr Reich hat nur getan, was jeder durchschnittliche Fahrer unter diesen Umständen getan hätte. Deshalb kann man ihn nicht als fahrlässig ansehen. Und wenn er nicht fahrlässig war, ist er auch nicht verantwortlich.«
Sein entschiedener Ton zeigte an, dass die Verhandlung beendet war. Reich stand als Erster auf. »Mir ist es wie Schuppen von den Augen gefallen, Rabbi«, sagte er leise. Der Rabbi nahm seinen Dank entgegen.
Reich drehte sich unsicher zu Schwarz um in der Hoffnung auf eine versöhnliche Geste. Doch Schwarz blieb sitzen, blickte starr auf den Fußboden und rieb sich verärgert die Hände.
Reich wartete einen Moment und sagte dann: »Na ja, ich gehe jetzt.« An der Tür blieb er stehen. »Ich habe deinen Wagen nicht auf dem Parkplatz gesehen, Jacob. Kann ich dich mitnehmen?«
»Ich bin zu Fuß gekommen«, sagte Wasserman. »Aber ich würde ganz gern heimfahren.«
»Ich warte unten.«
Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, hob Schwarz den Kopf. Er war sichtlich gekränkt. »Ich hatte wohl eine falsche Vorstellung von dem Zweck dieser Verhandlung, Rabbi. Oder vielleicht liegt ein Missverständnis vor. Ich habe Ihnen gesagt oder zu sagen versucht, dass ich nicht beabsichtige, Abe zu verklagen. Immerhin kann ich die Reparaturkosten viel leichter aufbringen als er. Wenn er mit irgendeinem Angebot gekommen wäre, hätte ich es abgelehnt, aber wir wären Freunde geblieben. Stattdessen hat er meine Frau beschimpft, und ich musste sie verteidigen. Vermutlich ist sie ausfallend zu ihm geworden. Ich kann jetzt begreifen, warum er so reagiert hat.«
»Aber dann …«
Schwarz schüttelte den Kopf. »Sie verstehen mich nicht, Rabbi. Ich hatte gehofft, dass wir in dieser Verhandlung zu irgendeinem Vergleich kämen, dass sie uns wieder zusammenbrächte. Stattdessen haben Sie ihn vollständig entlastet – was bedeutet, dass ich absolut im Unrecht gewesen sein muss. Aber was habe ich denn schon getan? Zwei Freunde von mir wollten rasch nach Hause, und ich habe ihnen meinen Wagen geliehen. War das unrecht? Ich habe den Eindruck, dass Sie nicht als unparteiischer Richter gehandelt haben, sondern eher wie sein Anwalt. Alle Ihre Fragen und Argumente waren gegen mich gerichtet. Ich bin kein Jurist und kann deshalb nicht feststellen, wo der Fehler in Ihren Ausführungen steckt. Doch ich bin überzeugt, wenn ich mit einem Rechtsanwalt hier erschienen wäre – der hätte es sofort gemerkt. Jedenfalls hätte er bestimmt einen Vergleich zustande gebracht.«
»Aber wir haben doch sogar noch mehr erreicht«, sagte der Rabbi.
»Wie meinen Sie das? Sie haben ihn von jeder Fahrlässigkeit freigesprochen, und ich werde um ein paar Hundert Dollar ärmer.«
