8,99 €
Der alte Kestler ist tot - er starb an einem Schock, nachdem er die falschen Pillen eingenommen hatte. Zufall oder böse Absicht? Rabbi David Small weiß, dass das bekannte Mitglied der jüdischen Gemeinde nicht nur Freunde hatte. Fünf Menschen sind über den Tod des Alten alles andere als unglücklich. Aber würde einer davon so weit gehen, ihn zu ermorden? An Motiven mangelt es nicht. Der sechste Fall für den legendären Rabbi und Amateurdetektiv David Small, der mit diesem verzwickten Fall eine bittere Pille schlucken muss.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 432
Veröffentlichungsjahr: 2015
Der alte Kestler ist tot - er starb an einem Schock, nachdem er die falschen Pillen eingenommen hatte. Zufall oder böse Absicht? Rabbi David Small weiß, dass das bekannte Mitglied der jüdischen Gemeinde nicht nur Freunde hatte. Fünf Menschen sind über den Tod des Alten alles andere als unglücklich.
Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.
Harry Kemelman (1908-1996) wuchs als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in den USA auf. Großen Erfolg feierte er mit seinen Romanen um den Rabbi und Amateurdetektiv David Small und erhielt unter anderem den Edgar Allan Poe Award.
Zur Webseite von Harry Kemelman.
Gisela Stege ist Übersetzerin aus dem Englischen.
Zur Webseite von Gisela Stege.
Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)
Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.
Harry Kemelman
Am Mittwoch wird der Rabbi nass
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Gisela Stege
Durch die Woche mit Rabbi Small (Der sechste Fall)
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
HINWEIS: Ihr Lesegerät arbeitet einer veralteten Software (MOBI). Die Darstellung dieses E-Books ist vermutlich an gewissen Stellen unvollkommen. Der Text des Buches ist davon nicht betroffen.
Die Originalausgabe erschien 1976 unter dem Titel Wednesday the Rabbi Got Wet im Verlag William Morrow & Company, New York.
Die deutsche Erstausgabe erschien 1977 im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg.
Originaltitel: Wednesday the Rabbi got wet (1976)
© Harry Kemelman 1976
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: FemmeCurieuse/photocase.com
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30913-5
Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte
Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)
Version vom 27.07.2024, 05:50h
Transpect-Version: ()
DRM Information: Der Unionsverlag liefert alle E-Books mit Wasserzeichen aus, also ohne harten Kopierschutz. Damit möchten wir Ihnen das Lesen erleichtern. Es kann sein, dass der Händler, von dem Sie dieses E-Book erworben haben, es nachträglich mit hartem Kopierschutz versehen hat.
Bitte beachten Sie die Urheberrechte. Dadurch ermöglichen Sie den Autoren, Bücher zu schreiben, und den Verlagen, Bücher zu verlegen.
Falls Sie ein E-Book aus dem Unionsverlag gekauft haben und nicht mehr in der Lage sind, es zu lesen, ersetzen wir es Ihnen. Dies kann zum Beispiel geschehen, wenn Ihr E-Book-Shop schließt, wenn Sie von einem Anbieter zu einem anderen wechseln oder wenn Sie Ihr Lesegerät wechseln.
Viele unserer E-Books enthalten zusätzliche informative Dokumente: Interviews mit den Autorinnen und Autoren, Artikel und Materialien. Dieses Bonus-Material wird laufend ergänzt und erweitert.
Durch die datenbankgestütze Produktionweise werden unsere E-Books regelmäßig aktualisiert. Satzfehler (kommen leider vor) werden behoben, die Information zu Autor und Werk wird nachgeführt, Bonus-Dokumente werden erweitert, neue Lesegeräte werden unterstützt. Falls Ihr E-Book-Shop keine Möglichkeit anbietet, Ihr gekauftes E-Book zu aktualisieren, liefern wir es Ihnen direkt.
Wir versuchen, das Bestmögliche aus Ihrem Lesegerät oder Ihrer Lese-App herauszuholen. Darum stellen wir jedes E-Book in drei optimierten Ausgaben her:
Standard EPUB: Für Reader von Sony, Tolino, Kobo etc.Kindle: Für Reader von Amazon (E-Ink-Geräte und Tablets)Apple: Für iPad, iPhone und MacE-Books aus dem Unionsverlag werden mit Sorgfalt gestaltet und lebenslang weiter gepflegt. Wir geben uns Mühe, klassisches herstellerisches Handwerk mit modernsten Mitteln der digitalen Produktion zu verbinden.
Machen Sie Vorschläge, was wir verbessern können. Bitte melden Sie uns Satzfehler, Unschönheiten, Ärgernisse. Gerne bedanken wir uns mit einer kostenlosen e-Story Ihrer Wahl.
Informationen dazu auf der E-Book-Startseite des Unionsverlags
Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
AM MITTWOCH WIRD DER RABBI NASS
1 – »Ich nehme an, Sie freuen sich über den …2 – Da es Akiva Rokeachs erstes Gespräch mit dem …3 – Als Rabbi Small die im Souterrain gelegene Kapelle …4 – Am Mittwochmorgen kam Marcus Aptaker, Besitzer des Town-Line …5 – »Sag mal, Miriam, kennen wir einen jungen Mann …6 – Marcus Aptaker war um halb acht in seinem …7 – »Hast du irgendwo gegessen?«, erkundigte sich Mrs Aptaker …8 – Morton Brooks, der Direktor der jüdischen Schule …9 – Im Gegensatz zu den drei Kollegen der Gemeinschaftspraxis …10 – Da seine Frau sich nicht ganz wohlfühlte …11 – Am Nachmittag wanderte Akiva von einem Ende des …12 – Der Wetterbericht am Mittag hatte sich fast ausschließlich …13 – »He, wo waren Sie denn so lange, Doc?« …14 – Marcus Aptaker warf sich unruhig herum, dann wurde …15 – Rabbi Small hörte am nächsten Morgen beim minjen …16 – Obwohl die Telefoninstandsetzungstrupps die ganze Nacht hindurch arbeiteten …17 – »Ich kam zufällig vorbei und sah Ihren Wagen …18 – Am Freitagmittag rief Chester Kaplan bei Safferstein an …19 – Als Dr. Cohen im Camp eintraf, einem großen …20 – Am Freitagnachmittag machte Rabbi Small den Kestlers seinen …21 – Wie schon so oft während dieses Wochenendes bedeckte …22 – »Hallo, Dr. Cohen? Mein Kreuz macht wieder mal …23 – »Tus nicht, David«, riet Miriam eindringlich. »Kaplan hat …24 – Auf dem Heimweg parkte Lanigan seinen Wagen …25 – Polizeichef Lanigan schob seinem Lieutenant die Physicians’ Desk …26 – Wäre Dr. Cohen nicht so sicher gewesen …27 – Der Brief von der Synagoge kam mit der …28 – Chester Kaplans engster Freund in Barnard’s Crossing war …29 – Bei seinem üblichen Besuch im Krankenhaus ging Rabbi …30 – Um zwölf steckte Dr. Kantrovitz den Kopf durch …31 – Mrs Aptaker betrat das Studierzimmer des Rabbi und …32 – Am nächsten Tag fuhr Rabbi Small die Route …33 – Lt. Eban Jennings ließ sich schwerfällig nieder …34 – »Ach, ist es mal wieder so weit, Chief?« …35 – Rose Aptaker war zu müde, um sich eine …36 – Auf sein Klingeln öffnete Leah die Haustür …37 – Das Telefon läutete; Rabbi Small nahm den Hörer …38 – Während der Sekretär das Protokoll verlas, zählte der …39 – Edie Kaplan begriff nicht, was ihre Freundinnen so …40 – Von den kurzen Besuchen bei seinem Vater im …41 – Marcus Aptaker war zum ersten Mal aufgestanden …42 – Polizeichef Lanigans Problem, die Frage, wie er an …43 – Es war die Mutter, der Leah es zuerst …44 – Mrs Aptaker hob ihre Stimme nicht. Sie war …45 – »Da ist die Unfallversicherung und das sind die …46 – Die Vorstandssitzung begann kurz nach der normalen Wochentagsmorgenandacht …47 – Lieutenant Jennings beendete die Übertragung des Tonbandes mit …48 – »Worum gehts denn?«, fragte Arnold. Er verschloss die …49 – Der Rabbi lehnte an der Küchentür und sah …50 – Als er auf dem Polizeirevier eintraf, sah der …51 – »Ich dachte, du hättest vergessen, dass wir zu …52 – »Die Sache passt mir nicht«, erklärte Lieutenant Jennings …53 – »Warum beten Sie nicht gelegentlich mal selber vor …WorterklärungenMehr über dieses Buch
Über Harry Kemelman
Über Gisela Stege
Andere Bücher, die Sie interessieren könnten
Bücher von Harry Kemelman
Zum Thema USA
Zum Thema Spannung
Zum Thema Kriminalroman
Zum Thema Religion
Für Arthur Fields
»Ich nehme an, Sie freuen sich über den Ausgang der Wahl.«
Rabbi David Small drehte sich um. Der Mann, der ihn gerade eingeholt hatte, war Joshua Tizzik, klein, mager, mit langer Nase und einem ständig zu höhnischem Grinsen verzogenen Mund.
Die Abendandacht war beendet, und Rabbi Small ging, die milde Luft dieses Altweibersommers im Oktober genießend, zu seinem Wagen, den er auf dem Parkplatz abgestellt hatte. Der Rabbi war hager, blass und nahm, obwohl er noch nicht einmal vierzig Jahre alt war, beim Gehen die typische gebeugte Haltung eines Gelehrten ein. Er richtete den Blick seiner kurzsichtigen Augen auf Tizzik. »Wenn Sie meinen, dass die Wahl Chester Kaplans und seiner Freunde ein neu erwachendes Interesse an der religiösen Funktion der Synagoge im Vergleich zu ihrer gesellschaftlichen Funktion bedeutet – nun, dann bin ich natürlich froh. Wenn Sie andererseits andeuten wollen, dass ich etwas damit zu tun hatte, so irren Sie sich. Ich mische mich nie in die Synagogenpolitik ein.«
»Oh, ich will ja nicht behaupten, dass Sie für ihn geworben haben, aber erzählen Sie mir nicht, dass Sie sich nicht über seinen Sieg freuen.«
»Na schön«, antwortete der Rabbi gutmütig, »ich werde es nicht tun.« Er hatte im Laufe der Jahre festgestellt, dass es keinen Sinn hatte, mit dem ewig unzufriedenen Mr Tizzik zu diskutieren.
»Und was die neu erwachende Religiosität angeht, da machen Sie sich nur keine Illusionen, Rabbi. Diesen Sieg hat Chet Kaplan nur guter Organisation und ganz gewöhnlicher Wahlpolitik zu verdanken. Seit über einem Jahr hält er jetzt jeden Mittwochabend diese Empfänge bei sich zu Hause ab.«
»Ich habe nie einen besucht.«
»Nein?« Tizzik war offen ungläubig. »Also, nehmen wir mal eine Kleinstadt wie Barnard’s Crossing. Was kann man da abends anfangen? Am Freitag ist der Abendgottesdienst in der Synagoge, aber Sie wissen genau, dass die Hälfte der Gemeindemitglieder nur kommt, weil das eine Möglichkeit ist, sich ein bisschen die Zeit zu vertreiben. Am Samstagabend geht man vielleicht zum Essen aus oder ins Kino. Und damit hat sichs dann schon so ziemlich. Als damals Chet Kaplan mit diesen Empfängen anfing, gab er den Leuten eine weitere Gelegenheit, sich zu treffen. Man kann eine Tasse Kaffee oder ein Bier trinken, ein paar Donuts essen.«
»Aber was machen die Leute dort, Mr Tizzik?«
»Sie reden – hauptsächlich über die Synagoge, weil das ein alle interessierendes Thema ist. Wir diskutieren über Religion. Darin sind wir ja alle Experten. Manchmal lädt Kaplan auch jemanden ein, der einen kleinen Vortrag hält. Er hat einen guten Freund in New Hampshire, den Rabbi Mezzik.« Er lachte. »Einmal hab ich zu ihm gesagt, wir könnten im Varieté auftreten. Mezzik und Tizzik. Na ja, und dieser Rabbi Mezzik, der hat es mit der Meditation. Er spricht über den Judaismus und die anderen Religionen, wie das Christentum und den Buddhismus, und in welchem Verhältnis sie zu unserer Religion stehen.«
»Und dann krönt Chester Kaplan das Ganze mit einer Rede zur allgemeinen Gemeindepolitik?«
»Aber nein, so plump ist er bestimmt nicht. Aber er hat da eine Gruppe gebildet, die mit ihm an den Meditationen teilnimmt, alle diejenigen, die er auf seiner Liste für den Vorstand hatte. Die bilden so eine Art inneren Kreis. Manchmal mieten sie sich, wie ich gehört habe, für ein paar Tage ein Erholungslager und führen da alle möglichen Diskussionen. Und beten natürlich, soweit ich weiß, denn dieser Rabbi Mezzik hat auch damit zu tun. Die Übrigen dagegen, diejenigen, die nur zu ihm kamen, weil sie nichts Besseres zu tun hatten, na ja, die fanden, wenn ihr Gastgeber sich um den Posten als Vorsitzender bewirbt, müssten sie eben für ihn stimmen. Und kurz vor der Wahl fingen die Männer aus dem inneren Kreis an, jeden anzurufen, der jemals an einer Versammlung teilgenommen hatte. Die Namen hatten sie aus einem Gästebuch, in das man sich bei Chet eintragen muss.«
Rabbi Small nickte. »Ja, Mr Tizzik. Das leuchtet mir ein, dass er damit Erfolg haben musste. Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit. Wie in allen kleinen Ortschaften gibt es hier in Barnard’s Crossing nur eine einzige Synagoge, denn die jüdische Gemeinde ist nicht groß genug, um mehr als eine zu finanzieren. Und sie wurde als konservative Synagoge eingerichtet, damit sich niemand, weder die Orthodoxen auf der einen noch die reformierten Juden auf der anderen Seite, allzu unbehaglich fühlt. Sie ist ein Kompromiss. Und ich vermute, dass die Konservativen eindeutig in der Überzahl sind, dass sie ihrer Einstellung nach aber von nahezu orthodox bis nahezu reformiert rangieren. Zumeist waren es in jedem Jahr zwei Männer der Mitte, zwei Konservative, die gegeneinander kandidierten. In diesem Jahr gehörte der andere Kandidat, Mr Golding, eindeutig dem reformierten Flügel an. Darum stimmten die Orthodoxen, die Beinahe-Orthodoxen und der größte Teil der echten Konservativen für Mr Kaplan. So einfach war das Ganze wahrscheinlich.«
Als sie den Wagen des Rabbi erreichten, kam ihm plötzlich eine Idee. »Für wen haben Sie denn gestimmt, Mr Tizzik?«
Tizzik lächelte herablassend. »Hören Sie, Rabbi, ich hab sein Bier getrunken und seine Donuts gegessen. Was sollte ich machen? Ich habe für Kaplan gestimmt. Bei ihm weiß ich wenigstens, dass er zur Stelle sein wird, wenn ich heute Abend den Kaddisch sage, und dass er, falls nötig, vorbeten kann.«
Da es Akiva Rokeachs erstes Gespräch mit dem rebbe sein sollte, meinte Baruch, der gabbe, er müsse ihm erklären, wie er sich zu verhalten habe. »Vergiss nicht, Akiva, dem rebbe widerspricht man nicht«, dozierte er ernst. »Reb Mendel ist ein zaddik, das heißt ein frommer Mann, so etwas wie ein Heiliger.« Baruch war klein und gedrungen, mit schütterem, grauem Haar, das er aus der hohen Stirn zurückgekämmt trug, auf der, sobald er ärgerlich wurde, deutlich sichtbar eine blaue Ader pulsierte. Er hielt den letzten Stummel einer filterlosen Zigarette zwischen dem nikotinverfärbten Daumen und Zeigefinger, inhalierte einen letzten Zug und warf ihn dann bedauernd in einen Aschenbecher, wo er weiter vor sich hin glimmte. Er war ein sehr nervöser, reizbarer Mensch, in seiner Funktion als gabbe aber, als Sekretär und Faktotum des rebbe also, war er von Bedeutung. Denn nur über ihn führte der Weg zum rebbe. »Selbst wenn der rebbe sich scheinbar irrt«, fuhr er jetzt fort, »wenn du zum Beispiel meinst, er hätte in seinen Ausführungen über das Gesetz falsch zitiert, darfst du ihn weder darauf hinweisen noch ihn korrigieren. Sondern du solltest über den Grund nachdenken, warum Reb Mendel absichtlich falsch zitiert hat.« Er hielt inne, um sich eine neue Zigarette anzuzünden. »Und vor allem, wenn er ein Urteil fällt, hast du es ohne Einwände hinzunehmen.«
»Ich verstehe«, sagte Akiva Rokeach bescheiden.
Die Ader auf der Stirn des gabbe pulsierte ärgerlich über die Unterbrechung. »Er besitzt nämlich die tiefere Einsicht, weißt du, und man kann nicht erwarten, dass er so denkt wie du.«
Diesmal nickte Akiva nur zustimmend. Er gehörte zwar schon seit über einem halben Jahr zu der Gruppe, aber erst jetzt sollte er Reb Mendel in seinem Arbeitszimmer zum ersten Mal allein gegenüberstehen, und diese Chance wollte er sich nicht verderben, indem er den gabbe unnötig reizte.
Baruch musterte den jungen Mann, der vor ihm stand, mit unverkennbarer Missbilligung: sein langes Haar, den wirren, blonden Bart, die geflickten, in die schweren Stiefel gestopften Jeans. »Hast du ein kvitl?«, fragte er mürrisch, und als Akiva ihn nicht verstand, übersetzte er ungeduldig: »Ein Gesuch, ein schriftliches Gesuch. Du erwartest doch wohl nicht, dass der rebbe wartet, während du ihm alles erklärst, oder?«
»Ach so! Ja, gewiss. Hier ist es.«
»Und ein pidjon?«
Akiva zog einen Fünfdollarschein aus seiner Brieftasche und überreichte ihn dem gabbe als Zeichen der Dankbarkeit dafür, dass der rebbe ihn allein empfing. Baruch warf einen Blick auf die Banknote und notierte sich etwas in seinem Buch.
»Warte hier. Ich werde nachsehen, ob der rebbe jetzt Zeit für dich hat.« Er klopfte an die Tür des Studierzimmers, wartete einen Augenblick und trat dann ein, wobei er die Tür behutsam hinter sich ins Schloss zog. Kurz darauf kam er zurück und winkte dem jungen Mann, er könne eintreten.
Akiva hatte Reb Mendel noch nie aus so großer Nähe gesehen. Bei den farbrengen, den festlichen Versammlungen, musste er sich als jüngstes Mitglied der Gruppe völlig zurückhalten. Und wenn der zaddik nach der dritten Mahlzeit am Sabbat die Thora auslegte und die Philosophie erklärte, hatte er stets am äußersten Ende des Gemeinschaftstisches gesessen, fast durch die ganze Länge des Saales von ihm getrennt.
Jetzt saß Reb Mendel hoch aufgerichtet in seinem thronähnlichen Sessel hinter dem großen, geschnitzten Walnussschreibtisch. Er war – ja, wie alt? Dreißig? Vierzig? Fünfundvierzig? Schwer zu schätzen. Der lange Bart wurde schon grau, jedoch die Hand, die ihn zuweilen strich, war die eines noch jungen Mannes. »Ah, unser junger Wikinger«, murmelte Reb Mendel und nickte zu einem Stuhl neben dem Schreibtisch hinüber.
»Wie bitte, rebbe? Ich habe nicht ganz verstanden.«
Reb Mendel lächelte. »Nichts weiter. Ein kleiner Scherz. Du möchtest hier also eine Woche bleiben?«
»Ich habe eine Woche Urlaub«, erklärte Akiva. »Und dachte, die könnte ich am besten hier mit Beten und Meditieren verbringen.«
Der rebbe warf einen kurzen Blick auf die Karte, die Baruch vor ihm auf die Schreibtischplatte gelegt hatte. »Du bist erst sieben Monate bei uns«, sagte er. »Du hast weder die Ausbildung noch die Vorbildung, die notwendig sind, um einen solchen Aufenthalt zu lohnen. Du hast keinerlei religiöse Erziehung genossen, nicht einmal das Minimum, das die meisten jüdischen Jungen bekommen, um sich auf die Bar-Mizwa vorzubereiten.«
Akiva senkte den Kopf. »Meine Eltern sind nicht religiös. Mein Vater ist Agnostiker, und ich wurde ebenfalls agnostisch erzogen. Ich bin nie, wie die anderen Jungens in unserem Viertel, zur jüdischen Schule gegangen, und wir gehörten auch nicht zur Synagoge.«
»Deine Eltern leben hier in Philadelphia?«
»Nein, ich komme aus Massachusetts, aus einer Kleinstadt nördlich von Boston. Barnard’s Crossing.«
»Und wann hast du sie zuletzt gesehen?«
Akiva errötete. »Na ja, seit einiger Zeit schon nicht mehr, aber ich telefoniere manchmal mit ihnen, vor allem mit meiner Mutter.«
»Mit deinem Vater hattest du Streit.« Das war keine Frage, sondern eine nüchterne Feststellung. Als wisse er genau Bescheid. »Erzähl mir davon.«
»Mein Vater hat einen Drugstore, und als ich mein Apothekerexamen abgelegt hatte, half ich ihm im Geschäft. Aber wir haben uns nie richtig verstanden.«
»Das war aber nicht der Grund, warum du fortgegangen bist – und nicht wieder heimkehren willst.«
Akiva nickte bereitwillig, ja eifrig, um zu zeigen, dass er nichts verschweigen wollte. »Da gab es ein Lokal, das ich häufig besuchte, eine Art Nightclub. Die hatten ein Hinterzimmer, wo gespielt wurde.«
»Und Mädchen?«
»Ja, Mädchen hatten sie da auch. Na ja, eines Abends hatte ich nicht genug Geld bei mir, und ich gab ihnen einen Schuldschein über fünfzig Dollar. Dann kam jemand – nicht der Besitzer, sondern ein Mann, der behauptete, ihn von dem Besitzer gekauft zu haben – zu mir ins Geschäft. Nur, dass der Schuldschein von fünfzig auf einhundertfünfzig rauffrisiert worden war.«
»Hast du deinen Vater um das Geld gebeten?«
»N-nein. Er hätte ja doch kein Verständnis dafür gehabt. Er ist, na ja, ziemlich spießig. Er wäre bestimmt zur Polizei gelaufen.«
»Darum hast du das Geld aus der Kasse genommen, nicht wahr?«, fragte der rebbe.
Akiva nickte ohne jede Verlegenheit. Das war das Großartige an der Gruppe. Man konnte vollkommen aufrichtig sein. »Das war kinderleicht. Ich schloss morgens auf und abends ab, wissen Sie, darum machte ich auch die Kasse. Meistens rechnete ich abends ab, aber wenn ichs mal eilig hatte, verschob ichs auf den nächsten Morgen. Eines Morgens, als ich mal verschlafen hatte, schloss mein Vater das Geschäft auf. Ich wollte das Geld natürlich in ein paar Wochen wieder zurückgeben.«
»Aber dein Vater erwischte dich, ehe du dazu Gelegenheit hattest.«
»Ganz recht. Es gab einen fürchterlichen Krach, und ich bin weg.«
»Wohin?«
»Ach, ich bin einfach im Land rumgezogen. Eine Zeit lang war ich in Kalifornien. Und dann hab ich mich hier nach Philly zurückgejobbt.«
»Warum hierher?«
»Weil ich hier Pharmazie studiert habe. Daher kannte ich die Stadt.«
»Und was hast du gemacht, während du im Land herumgezogen bist? Und seit wann bist du von zu Hause fort?«
»Seit ungefähr drei Jahren. Meistens habe ich gearbeitet. Ich suchte mir einen Job in einem Drugstore – Apotheker waren gefragt – und arbeitete eine Weile, und dann zog ich weiter zum nächsten Ort.«
»Weil du mit dir selbst im Unfrieden warst«, stellte Reb Mendel nüchtern fest.
»Nein, ich …« Ihm fiel ein, dass er dem rebbe nicht widersprechen durfte. »Ja. Aber ich wollte auch verschiedene Weltanschauungen ausprobieren. Eine Zeit lang habe ich mich mit Yoga beschäftigt, und mit Zen.« Er fasste Mut. »Wie ich hörte, haben Sie auch …«
Reb Mendel lächelte, ein breites, sonniges Lächeln, das ebenmäßige weiße Zähne sehen ließ, und einen Augenblick wirkte er sehr jung, nicht älter als Akiva selbst. »Während ich meine Doktorarbeit in Anthropologie schrieb, lebte ich eine Zeit lang bei den Indianern und studierte ihre Religion. Später verbrachte ich einige Zeit in Indien, wo ich östliches Gedankengut und transzendentale Meditation studierte. Letztlich aber muss man das Äquivalent dazu im eigenen Kulturkreis finden. Man muss heimkehren. Ich bin heimgekehrt. Und du musst es auch tun, Akiva.«
»Aber wenn ich hierbleibe, nur bis zum Ende dieser Woche.«
Reb Mendel schüttelte den Kopf. »Du weißt noch nicht genug, um von diesem Aufenthalt zu profitieren. Man sagte mir, dass du in der Zeit, seit du bei uns bist, gelernt hast, deine Gebete auf Hebräisch zu lesen – stockend. Aber du verstehst natürlich nicht, was du liest. Wenn wir uns hier unterhalten, sprechen wir Englisch, gewiss, aber ebenso Jiddisch und gelegentlich Hebräisch, die du beide nicht verstehst. Du würdest nur deine Zeit verschwenden. Du hast noch ein paar Tage von deinem Urlaub, darum rate ich dir, nutze sie und fahr nach Hause.«
Der junge Mann gab sich keine Mühe, seine Enttäuschung zu verbergen. Reb Mendels Züge wurden weicher. »Siehst du denn nicht ein«, sagte er freundlich, »dass der Streit mit deinem Vater deine spirituelle Entwicklung behindert? Solange es in deiner Vergangenheit etwas gibt, das dich beunruhigt und deine Konzentration stört, wirst du niemals die Ruhe und Gelassenheit erreichen, die für die Ekstase, die wir anstreben, Voraussetzung ist.«
»Es ist ja nicht nur das«, flehte Akiva. »Wir sind nie miteinander ausgekommen. Er hatte so altmodische Ideen – sogar über die Geschäftsmethoden. Vieles wollte er nicht führen, weil er meinte, es vertrage sich nicht mit der Würde einer Apotheke. Sogar die Rezepte mussten auf eine ganz bestimmte Art und Weise ausgeführt werden. Während zum Beispiel jede Apotheke in der Stadt Plastikröhrchen für Pillen benutzte, nahm er immer noch Glasflaschen, weil er behauptete, die Röhrchen seien nicht luftdicht, obwohl es nur ein paar Pillen gab – Nitroglyzerin etwa –, die an der Luft verderben.«
»Und das findest du unerträglich?«
»Nein, aber altmodisch. Die Flaschen sind teurer, und statt das Etikett, wie bei den Röhrchen, einfach reinzuschieben, musste man es aufkleben. Das sage ich jetzt nur als Beispiel. Na, und dass wir länger offen hatten als die anderen Geschäfte, weil er fand, so viel Verantwortlichkeit müsse eine Apotheke der Bevölkerung gegenüber schon aufbringen. Manchmal riefen Ärzte mitten in der Nacht an, und ich musste rüber ins Geschäft, um das Medikament fertig zu machen und es vielleicht sogar noch abzuliefern.«
»Und darüber habt ihr euch gestritten? Das war doch eine gute Tat, eine mitzwe. Du hast kranken Menschen geholfen.«
»Nein, darüber haben wir nicht gestritten. Ich wollte Ihnen nur eine Vorstellung davon geben, wie ich über das Geschäft dachte.« Er lächelte matt. »Deswegen habe ich an jenem Morgen verschlafen. Wenn das eine mitzwe war, dann habe ich, weiß Gott, keinen Lohn dafür erhalten.«
»Für eine mitzwe erwartet man keinen Lohn. Wenn man das tut, ist es keine mitzwe mehr, sondern der Versuch, mit dem Allmächtigen einen Handel abzuschließen. Außerdem erkennt man den Lohn nicht immer, wenn man ihn erhält.« Nachdenklich strich er sich den Bart.
»Ja, das mag sein«, stimmte Akiva bedrückt zu und starrte nachdenklich auf seine Hände. Dann hob er den Kopf und versuchte es noch einmal. »Er hat mir auch nicht so viel bezahlt, wie er einem anderen Apotheker hätte zahlen müssen, und ich habe viel länger gearbeitet. Weil ich sein Sohn war. Er sagte immer: ›Das Geschäft gehört dir. In ein paar Jahren werde ich mich zurückziehen, und du wirst es übernehmen, wie ich damals von meinem Vater.‹ Als wäre das eine Familientradition«, ergänzte er bitter, »wie bei einer Bank, einer Eisenbahnlinie oder einem großen Konzern. Dabei wars doch bloß ein kleiner Drugstore. Und wenn das Geschäft mir gehörte, wieso schlug er dann solchen Krach, als ich mir etwas von dem nahm, was mir ohnehin gehörte?«
»Diese Familientradition – hast du überhaupt kein Gefühl dafür?«
Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Für mich ist das nichts weiter als ein Job. Wenn ich nach Hause zurückkehre, fängt er nur wieder davon an, dass ich die Tradition fortsetzen soll, und dann gibt es wieder Streit.«
Reb Mendel nickte nachdenklich. Schließlich sagte er in einem Ton, der jede Widerrede ausschloss: »Diese Meinungsverschiedenheit mit deinem Vater beunruhigt mich. Es ist etwas, das du nicht vergessen kannst. Und darum ist es eine psychologische und geistige Infektion, die geheilt werden muss, weil sie sich sonst ausbreitet und deinen geistigen Niedergang auslöst. Kehre heim, Akiva. Kehre heim.«
Als Rabbi Small die im Souterrain gelegene Kapelle der Synagoge betrat, in der wochentags die Andachten abgehalten wurden, zählte er automatisch die Anwesenden und fragte dann, in der Hoffnung, dass einer oder mehrere Männer auf eine Zigarettenlänge hinausgegangen waren: »Sind wir zehn? Sind wir ein minjen?«
»Nein, Rabbi. Sie sind der neunte, aber Chet Kaplan muss jeden Augenblick hier sein.«
Der Rabbi fand, die Neuerweckung der Religion, von der Kaplan gesprochen hatte, habe es bisher noch nicht leichter gemacht, einen minjen zusammenzukriegen. Abends war das kein Problem, der religiöse Eifer war jedoch offenbar nicht stark genug, die Gemeindemitglieder zu veranlassen, morgens eine halbe Stunde früher aufzustehen, um noch rechtzeitig zur Morgenandacht zu kommen.
Gleich nachdem er eingetreten war, hatte der Rabbi das schwarze Käppchen aufgesetzt, das er stets in der Tasche trug. Nun zog er die Jacke aus, knöpfte den linken Hemdsärmel auf und rollte ihn bis zur Schulter hoch. Von dem Stapel auf der Bank im Hintergrund der Kapelle nahm er eines der schmalen, seidenen Gebetstücher, führte die Enden des bestickten Kragens an seine Lippen und legte es sich, automatisch die Gebete murmelnd, um die Schultern. Aus dem kleinen blauen Samtbeutel, den er mitgebracht hatte, holte er das Phylakterion, den Gebetsriemen, kleine schwarze Kapseln mit Lederriemen, die Pergamentstreifen mit Zitaten aus der Bibel enthielten. Sie galten als »Mahnungen an Hand und Stirn … dass euch der Herr mit mächtiger Hand aus Ägypten befreit hat.« Er begann, ihn anzulegen: zuerst die Handkapsel, am linken Oberarm und somit dem Herzen am nächsten; dann die Stirnkapsel, direkt unter dem Haaransatz. Seine Lippen bewegten sich, als er lautlos die entsprechenden Gebete artikulierte.
Die anderen hatten sich ebenso vorbereitet, saßen nun mitten im Raum und unterhielten sich, hauptsächlich über Hurrikan Betsy, dessen Spuren die Wetterberichte während der letzten Tage aufmerksam verfolgt hatten und der immer noch das Gebiet um Boston berühren konnte. Irving Hovik, eine Art Amateurmeteorologe, erläuterte mit ausholenden Gesten, er könne »immer noch abschwenken. Über dem Meer gewinnt er an Kraft, über Land verliert er sie. Wenn er also abschwenkt und direkt auf uns zukommt, kann es schlimm werden, aber wenn er südlich von uns abschwenkt und dann die Küste heraufkommt, verliert er eine Menge Kraft, versteht ihr? Es kommt eben drauf an, wie viel Schwung er hat.«
Ganz an der Seite, am Ende des Mittelganges und abseits der anderen, entdeckte der Rabbi einen hochgewachsenen jungen Mann, den er noch nie beim Gottesdienst gesehen hatte. Er trug sein blondes Haar lang und hatte einen dichten Bart. Bekleidet war er mit einer blauen Drillichjacke und blauen, in die Stiefel gestopften Jeans. Anstelle des schmalen, seidenen Gebetstuches, wie es alle anderen trugen, hatte er ein langes, wollenes, das ihm bis an die Knie reichte.
Als ihn der Rabbi eben willkommen heißen wollte, ergriff der junge Mann mit jeder Hand ein Ende des wollenen Gebetstuches, hob die Arme, kreuzte die Hände vor dem Gesicht und schloss sich somit ganz in das Tuch ein. Die Geste erinnerte den Rabbi an seinen Großvater, einen orthodoxen Rabbi; der hatte genauso vorübergehend die Welt ausgeschlossen, um sich ganz auf das Gebet und das Gespräch mit Gott zu konzentrieren. Während er hinübersah, begann sich dieser weiße Kokon wie in Ekstase langsam von einer Seite zur anderen zu wiegen. Der Gedanke schoss ihm durch den Kopf – mit einer Andeutung von Bedauern, von Verärgerung? –, dass er selbst die das Anlegen des Phylakterions und des Gebetstuches begleitenden Gebete mit der Zeit mehr oder weniger automatisch hergesagt hatte.
Jetzt kam Chester Kaplan hereingehastet, ein kleiner Mann von fünfzig Jahren mit Rundschädel und ewig lächelndem Gesicht. Er warf sein Jackett auf eine der hinteren Bänke und rollte den linken Hemdsärmel auf. »Sind wir zehn?«, fragte er.
»Jetzt ja. Du bist der zehnte. Fangen wir an.«
»Himmel, Chet, ein paar von uns armen Normalbürgern müssen arbeiten!«
»Ich weiß, ich weiß! Mein Wagen wollte nicht anspringen.« Er legte sein Phylakterion an.
Der junge Mann ließ das Gebetstuch sinken und legte es sich wieder um die Schultern. Der Rabbi ging auf ihn zu. »Ich bin Rabbi Small«, sagte er.
Der junge Mann nickte lächelnd. »Ich weiß.« Er ergriff die dargebotene Hand. »Ich bin Akiva Rokeach.«
»Sind Sie neu in unserer Stadt, Mr Rokeach?«
»Ich bin ein paar Tage auf Besuch.«
»Wir freuen uns, dass Sie gekommen sind.« Er sah lächelnd in die Runde. »Ohne Sie hätten wir heute Morgen keinen minjen gehabt.« Dann stellte er dem Fremden die traditionelle Höflichkeitsfrage. »Möchten Sie vorbeten?«
Rokeach errötete. »Nein, lieber nicht.«
Die Höflichkeit verbot es ebenso, jemanden, der abgelehnt hatte, zu drängen. Also rief der Rabbi laut: »Wollen Sie vorbeten, Chester?«
»Okay.« Chester Kaplan nahm seinen Platz am Lesepult vor der Bundeslade ein. Während des anschließenden Gottesdienstes konnte der Rabbi, obwohl der größte Teil der Gebete nur gemurmelt wurde, deutlich hören, wie sein Nachbar mitintonierte, und begriff sehr schnell den Grund, warum der junge Mann die Bitte vorzubeten abgelehnt hatte: Sein Hebräisch war zu schlecht.
Da es ein Mittwoch und somit nicht einer der Tage war, da die Schrift gelesen wurde, dauerte die Andacht nicht sehr lange. Als die Männer ihre Gebetsriemen abgenommen und wieder aufgerollt hatten, nahmen sie die Gespräche dort wieder auf, wo sie unterbrochen worden waren.
Wichtigtuerisch kam Chester Kaplan auf den Rabbi zu. Vertraulich schob er ihm die Hand unter den Ellbogen und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich muss Sie was fragen.«
Der Rabbi ließ sich von ihm zur Tür hinaus und dann auf den Parkplatz führen, obwohl er weder eine wichtige Bitte noch bedeutsame Enthüllungen erwartete, Chester Kaplan schien für Intrigen und ihre äußerlichen Manifestationen geboren zu sein: das vertrauliche Geflüster, das verständnisinnige Nicken und Blinzeln, die kleine Grimasse, die Stillschweigen beim Nahen eines Dritten heischte. Jetzt, beim Wagen des Rabbi angelangt und außer Hörweite etwaiger Lauscher, fragte er: »Haben Sie schon über diese Angelegenheit nachgedacht, die wir bei der letzten Aufsichtsratssitzung besprochen haben, Rabbi?«
»Meinen Sie die Klausur? Nun, in dieser Beziehung habe ich meine Ansicht nicht geändert.«
Leicht verärgert schürzte Kaplan die Lippen. Dann lächelte er jedoch wieder, ein strahlendes, freundliches Lächeln, bei dem sich Fältchen an seinen Augen zeigten. »Sie haben erklärt, die Synagoge könne sich so was nicht leisten«, entgegnete er. »Nun gut, Sie haben mich überzeugt.« Mit unschuldigen, großen Augen sah er den Rabbi an. »Eigentlich hatte ich mir gedacht, wenn wir fleißig die Werbetrommel rühren, könnten wir genug Geld zusammenkriegen. Aber nachdem ich ein bisschen herumgehorcht hatte, wurde mir klar, dass Sie recht haben und dass der Vorschlag schwer durchzubringen sein würde.« Lächelnd nickte er zu seinen Worten, als wolle er andeuten, er sei Manns genug, es zuzugeben, wenn er sich einmal geirrt habe.
»Nun …«
Kaplan packte den Rabbi beim Arm. »Aber wenn die Finanzierung nun kein Problem mehr wäre? Wenn ich Ihnen nun erklären würde, dass wir das Grundstück möglicherweise bekommen können, ohne dass es die Synagoge oder die Gemeindemitglieder einen einzigen Cent kostet?«
Der Rabbi lächelte. »Das Finanzierungsproblem war nur ein einziger meiner Einwände. Ich wäre immer noch dagegen.«
»Aber warum, Rabbi? Warum?« Sein Ton verriet gekränkte Fassungslosigkeit.
»Weil es nach Christentum riecht, und nicht nach Judentum«, antwortete der Rabbi prompt. »Es erinnert an Klöster, an eine Elfenbeinturm-Einstellung zum Leben. Klausur – allein das Wort vermittelt schon die Idee der Zurückgezogenheit aus dem Leben und aus der Welt. Das ist unjüdisch. Wir nehmen teil.«
»Aber Gebet und Meditation, Rabbi, sind doch ein wesentlicher Bestandteil unserer religiösen Tradition.«
»Gewiss, und dafür ist die Synagoge da. Wenn Sie beten und meditieren wollen, warum können Sie das nicht in der Synagoge tun, oder sogar in Ihrem eigenen Haus? Warum müssen Sie dazu aufs Land gehen?«
»Wir müssen nicht, aber …«
»Vielleicht, weil andere Tempel und Synagogen damit angefangen haben? Oder etwa, weil ihr etwas Positives, etwas Materielles haben wollt, das ihr als Errungenschaft eurer Verwaltungsära präsentieren könnt?«
»Ich würde selbstverständlich gern einen größeren Beitrag zur Entwicklung der Synagoge leisten«, erwiderte Kaplan steif.
»Nun, das haben Sie bereits.«
»Ach, wirklich?«
»Gewiss. Sie sind der erste Vorstandsvorsitzende seit Jacob Wassermann, der ein praktizierender Jude ist. Das an sich ist schon ein sehr wichtiger Beitrag.«
Kaplan nickte nachdenklich. »Glauben Sie nur nicht, dass das eine vorübergehende Erscheinung ist, Rabbi. Ein neuer Geist hat bei uns Einzug gehalten. Ich wurde gewählt, gerade weil ich ein praktizierender, religiöser Jude bin. Ich möchte darauf hinweisen, dass eine ganze Anzahl meiner Freunde, Menschen, die genauso denken wie ich, ebenfalls in den Vorstand gewählt worden sind. Warum? Weil eine allgemeine Sehnsucht nach Religion besteht. Und zwar nicht nur an der Oberfläche. Es gibt eine religiöse Renaissance, das spüre ich. Und darum wurde ich gewählt.«
»Nun ja.« Der Rabbi lächelte geringschätzig. Er hielt es für unklug, jetzt von Tizziks Erklärung für die Wahl zu sprechen, oder von seiner eigenen.
»Der junge Bursche, der vorhin neben Ihnen saß, der mit dem Bart – haben Sie gesehen, wie der gedavent hat? Mit wie viel Eifer und Intensität? Das ist ein Zeichen der Zeit. Wer war das übrigens?«
»Keine Ahnung. Ein Fremder, der in der Nähe zu Besuch ist. Er heißt Rokeach, Akiva Rokeach.«
»Da drüben ist er.« Kaplan nickte zum anderen Parkplatzende hinüber, wo Rokeach in einen niedrigen Sportwagen kletterte. Sie sahen zu, wie er seinen Motor hochjagte, anfuhr und in weitem Bogen auf sie zukam. Ganz kurz bremste er vor dem Rabbi und winkte ihm zu. »Sie erinnern sich wohl nicht mehr an mich, Rabbi«, rief er laut.
»Sollte ich das? Kenne ich Sie denn?«, fragte der Rabbi. Der junge Mann hatte ihn bei dem Motorenlärm jedoch offenbar nicht gehört, denn er lachte und fuhr davon.
»Er scheint Sie zu kennen«, sagte Kaplan.
»Ich erinnere mich nicht an ihn. Vielleicht hat er an einem der Colleges studiert, wo ich vor Hillel-Gruppen gesprochen habe. Vielleicht hat er mir dabei mal eine Frage gestellt.« Er musterte den Vorsitzenden mit merkwürdigem Blick. »Sie glauben also, dass er gedavent, dass er sich vor und zurück gewiegt hat, ist ein Zeichen für religiösen Eifer?«
»Wie würden Sie es denn sonst nennen?«
Der Rabbi zuckte die Achseln. »Eine Angewohnheit, einen Manierismus, übernommen von denjenigen, die ihn das davenen gelehrt haben, und das kann noch nicht lange her sein, nach seinem holprigen Hebräisch zu urteilen.«
»Sehen Sie, Rabbi, das ist es gerade. Das ist genau das, was ich meine. Er ist neu. Er muss erst vor Kurzem Interesse an der Religion bekommen haben. Und sie scheint ihm sehr viel zu bedeuten, wenn er, wie Sie sagten, nur zu Besuch hier ist und trotzdem zum minjen kommt. Er ist bestimmt keine Ausnahme, glauben Sie mir. Bei diesen Mittwochabendempfängen bei mir zu Hause hört man so viele ähnliche Geschichten, dass …«
»Ach so, das machen Sie also mittwochabends, wie? Sie setzen sich alle zusammen hin und legen Zeugnis ab!«
»Wir diskutieren über alle möglichen Themen«, widersprach Kaplan steif. »Jeder Beitrag ist willkommen. Besuchen Sie uns doch auch mal an einem Mittwochabend, dann können Sie sich davon überzeugen.«
»Das werde ich vielleicht wirklich tun. Heute Abend …«
»Heute Abend wird es für Sie kaum etwas Interessantes geben«, unterbrach ihn Kaplan hastig und setzte dann schnell hinzu: »Sie sind selbstverständlich herzlich willkommen, nur …«
»Ich wollte sagen, dass ich heute Abend leider keine Zeit habe. Ich muss einen Krankenbesuch machen. Der alte Jacob Kestler. Ich habe versprochen, ihm eine Weile Gesellschaft zu leisten.«
»Wie wärs denn dann mit nächstem Mittwoch? Notieren Sie sichs in Ihrem Kalender. Oder sonst an jedem Mittwoch, an dem Sie Zeit haben.«
»Gut. Ich komme.«
Am Mittwochmorgen kam Marcus Aptaker, Besitzer des Town-Line Drugstore, genau wie an jedem anderen Tag des Jahres um Punkt sieben Uhr zum Frühstück herunter. Er war ein methodischer, systematischer Mensch und verrichtete die Dinge, die er regelmäßig tat, automatisch. Frisch rasiert, die randlose Brille blitzend, das dünne, bräunlich-blonde Haar angeklebt, als sei es aufgemalt. Er war schlicht, aber elegant in seinen blauen Anzug gekleidet: der blaue für Montag, Mittwoch, Freitag, der graue für Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. An Sonntagen trug er, da das Geschäft nur halbtags geöffnet hatte und es daher ein halber Feiertag war, einfach Hose und Pullover. Nachdem er den Laden betreten hatte, würde er unfehlbar sein Jackett aufhängen und stattdessen eine Arbeitsjacke aus Baumwolle anziehen, aber er tat das wie ein Arzt, der für seine Visite im Krankenhaus den Ärztekittel anlegt. Hauptsache, er war auf dem Weg von und zum Geschäft anständig gekleidet, eine Pflicht, die er seiner Stellung schuldete.
Als seine Frau Rose wenige Minuten später eintrat, saß er bereits am Frühstückstisch. Sie war noch im Bademantel; das glatt aus dem runden, freundlichen Gesicht zurückgekämmte Haar hing ihr in einem lockeren Zopf auf dem Rücken. Sie tischte ihm das Frühstück auf, das aus frisch gepresstem Orangensaft, Eiern, Speck und Toast bestand. Mit einem Kopfnicken zu dem dritten Gedeck hinüber sagte er nachsichtig: »Arnold wird heute sicher ausschlafen.«
»Nein, er ist schon sehr früh aufgestanden. Er ist fortgegangen«, entgegnete seine Frau.
»Fortgegangen? Wohin? Und ohne Frühstück?«
»Er hat gesagt, dass er zum Frühstück wieder da ist. Er wollte zur Morgenandacht in die Synagoge. Man müsse erst beten und dann essen, hat er gesagt.«
»Ist heute ein besonderer Feiertag? Ich habe nichts davon gehört.«
»Nein, nur der übliche Gottesdienst, den sie jeden Tag morgens und abends halten. Als meine Mutter starb, ging mein Vater ein ganzes Jahr lang hin, jeden Morgen und jeden Abend.«
»Verrückt!« Er trank seinen Orangensaft.
Sie hatte sich selbst eine Tasse Kaffee mitgebracht, den sie trank, während er aß. »Was kanns schon schaden?«, erwiderte sie vernünftig. »Ein junger Mann, der ganz allein lebt. Besser, er interessiert sich für Religion als für einige von den Sachen, die die jungen Menschen heutzutage so treiben.«
»Hast du mit ihm gesprochen, als ich zu Bett gegangen war? Hat er irgendwas über seine Pläne gesagt?«, erkundigte sich Marcus zögernd.
»Nur, dass er bis Montag wieder in Philadelphia sein muss. Er hat nur diese Woche Urlaub.«
»Ich meine seine Pläne ganz allgemein. Hast du mit ihm übers Geschäft gesprochen? Hast du ihm das von Safferstein erzählt?«
»Ich habe ihm gesagt, dass wir einen Käufer für das Geschäft haben, aber dass du nicht verkaufen willst, ehe du nicht definitiv weißt, dass dein Sohn es nicht übernehmen will.«
»Und was hat er gesagt?«, fragte er eifrig.
»Du sollst es nur verkaufen. Du könntest dich zur Ruhe setzen, wir könnten reisen oder nach Florida gehen oder …«
»Und was soll ich dann machen?«, fragte er. »Na schön, ich reise eine Weile, sechs Monate etwa, oder ein Jahr. Und dann? Ich bin zweiundsechzig und gesund. Was soll ich tun, wenn ich mit Reisen fertig bin? Rumsitzen und auf den Tod warten?«
»Aber wenns ihn doch nun mal nicht interessiert.«
»Es muss ihn interessieren«, beharrte Aptaker, und seine Stimme hob sich allmählich. »Ich habe beinahe vierzig Jahre in das Geschäft investiert, und vor mir mein Vater fünfzehn Jahre. Es ist ein Familienunternehmen. Kann man denn etwas, wofür man sein Leben lang und vorher der Vater schon gearbeitet hat, einfach stehen und liegen lassen? Das Geschäft ist nicht nur eine Verdienstquelle. Es ist etwas, das wir uns in langen Jahren mühsam aufgebaut haben.«
»Ja, und du arbeitest sechzig bis siebzig Stunden in der Woche. Warum sollte sich ein junger Mensch wie Arnold dafür interessieren, wenn er einen guten Job hat, wo er nur vierzig Stunden in der Woche zu arbeiten braucht, und zwar ohne die Kopfschmerzen und die Verantwortung?«
»Aber für Lohn arbeiten! Wo er sein eigenes Geschäft hat.«
»Vielleicht bekommt er mit der Zeit auch ein eigenes Geschäft. Warum sollte er sich mit einem belasten, mit dem es ständig abwärtsgeht.«
»Es geht nicht bergab mit unserem Geschäft!«, schrie er und schlug zur Bekräftigung mit der Faust auf den Tisch. »In diesem Jahr haben wir mehr verdient als im letzten.«
»Ein paar Hundert Dollar mehr.«
»Na schön, ein paar Hundert Dollar mehr. Aber ein junger Mann könnte es weiter ausbauen.«
»Es liegt an der Gegend, Marcus.« Traurig schüttelte sie den Kopf. »Eine schlechte Geschäftslage kann man nicht ausbauen. Du kannst das Geschäft verschönern, eine neue Fassade machen lassen, eine neue Einrichtung, aber wenns mit der Gegend bergab geht, hilft alles nichts.«
»Auch eine Gegend kann sich ändern. Wenn dieses Hochhaus für Senioren gebaut wird, ist dies eine erstklassige Geschäftslage. Und wenn die Geschäftslage so schlecht ist, warum will dann ein schlauer Immobilienmakler wie Safferstein das Haus kaufen?«
»Wie er dir ja gesagt hat – für seinen Schwager. Ich kann mir die Situation gut vorstellen. Seine Frau hat einen Bruder, den er mit unterstützen muss. Also will er ihm einen eigenen Laden einrichten, damit er ihm nicht mehr auf der Tasche liegt. Aber für einen jungen Mann wie Arnold …«
»Ich sage dir, er könnte Erfolg haben, hier«, behauptete Aptaker. »Ich würde ihm die Geschäftsübernahme leicht machen. Ich würde Kredite aufnehmen, und er würde sich keine Gedanken über pünktliche Rückzahlung zu machen brauchen. Und jeden Tag würde ich ein paar Stunden zum Aushelfen kommen, nicht gegen Bezahlung, nur gegen Erstattung der Unkosten.«
»Dann sprich mit ihm. Erklär ihm, was du dir vorstellst.«
Aptaker ließ verzweifelt die Schultern hängen. »Ich kann nicht mit ihm reden. Es ist, als sprächen wir verschiedene Sprachen.«
»Was hattest du denn sonst erwartet? Wenn du mit ihm redest, wie du mit allen anderen redest, wie du mit deinen Kunden redest, oder mit McLane, ruhig, vernünftig …«
»Ich kann nicht mit ihm reden wie mit McLane«, fuhr er auf. »Er ist schließlich nicht irgendein Apotheker, der einen Job sucht. Ich kann mich nicht hinsetzen und mit ihm über Gehalt und Arbeitszeit diskutieren. Er ist mein Sohn. Er muss fühlen, dass das Geschäft ihm gehört, dass ich es nur für ihn führe, bis er es übernehmen kann, wie ich es von meinem Vater übernommen habe.«
»Aber wie soll er begreifen, was du empfindest, wenn du es ihm nicht erklärst?«
»Er müsste es wissen, ohne dass ich es ihm lange erklären muss. Er müsste selber so empfinden. Wenn man es ihm erklären muss, ist es ohnehin sinnlos.«
Rose Aptaker seufzte. »Bitte, geh schon ins Geschäft. Arnold muss jeden Augenblick heimkommen, und so, wie du jetzt redest, wäre es besser, wenn du dann nicht hier bist.«
»Soll ich mich vor meinem eigenen Sohn verstecken?«
»Du brauchst dich nicht zu verstecken, aber manchmal ist es besser, wenn … Ach, ich weiß nicht, du bist in letzter Zeit immer so gereizt. Geh ins Geschäft, bitte! Ich werde noch mal mit ihm reden.«
»Sag mal, Miriam, kennen wir einen jungen Mann namens Rokeach?«, fragte der Rabbi seine Frau, als er nach Hause kam. »Akiva Rokeach? Erinnerst du dich, ob ich jemals diesen Namen erwähnt habe?«
Miriam war klein und besaß die straffe Figur eines jungen Mädchens. Sie hatte große blaue Augen und ein freies, offenes Gesicht, das ohne das feste, energische Kinn naiv gewirkt hätte. Die Masse der auf dem Kopf aufgetürmten blonden Haare drohte ihr auf die Schultern zu fallen, als sie jetzt heftig verneinend den Kopf schüttelte. »So einen Namen hätte ich bestimmt nicht vergessen. Klingt israelisch.«
»Ein Israeli ist er auf keinen Fall. Dazu ist sein Hebräisch zu schlecht. Und sein Englisch hat nicht die Spur eines Akzents.« Er berichtete ihr über das Zusammentreffen beim Tempel.
»Er muss ja nicht unbedingt ein sabra sein«, meinte Miriam. »Vielleicht ist er emigriert und zu einem kurzen Besuch zurückgekommen. Viele von den Auswanderern nehmen israelische Namen an. Oder übersetzen ihre Namen ins Hebräische. Hat Rokeach auf Hebräisch irgendeine Bedeutung?«
»Aber ja. Es bedeutet Drogist, Apotheker.«
»Apotheker? Wie wärs denn mit Aptaker? Das heißt doch auch Apotheker, nicht wahr?«
»Auf Russisch, glaube ich. Weißt du, ich möchte wissen …«
»Der Besitzer des Town-Line Drugstore ist ein Mr Aptaker. Könnte das vielleicht sein Sohn sein?«
»Weißt du, Miriam, du könntest recht haben. Erinnerst du dich noch, vor ein paar Jahren …«
»Natürlich. Als Jonathan mitten in der Nacht diesen schrecklichen Anfall bekam und du den Arzt rufen musstest.«
»Und der rief Mr Aptaker zu Hause an, und dessen Sohn ging in den Laden, holte die Medizin und brachte sie uns.« Bei dem Versuch, sich die äußere Erscheinung des jungen Aptaker in Erinnerung zu rufen, kniff er angestrengt die Augen zusammen. »Damals hatte er natürlich keinen Bart, und die Haare trug er kurz geschnitten. Ja, möglich wäre es.«
»Ich habe ihn nicht gesehen.« Miriam lächelte bedauernd. »Ich war bei Jonathan. Er wollte mich nicht fortlassen.«
»Und ich habe ihn danach auch nicht mehr gesehen«, sagte der Rabbi. »Als ich ein paar Tage später hinkam, um die Medizin zu bezahlen, war er fort. Wenn ich mich recht erinnere, sprach ich nur mit seinem Vater, und der verhielt sich ziemlich steif und abweisend. Ich hatte das Gefühl, er nähme es mir möglicherweise übel, dass wir ihm so viel Mühe gemacht haben, nachdem wir normalerweise nicht dort kaufen.«
»Nun, wenns wirklich Aptakers Sohn ist, kannst du ihm jetzt, wo er wieder da ist, immer noch danken.«
»Ich glaube nicht, dass er ›wieder da ist‹. Nur zu Besuch, hat er gesagt. Vielleicht kommt er zur Abendandacht, dann kann ich noch mal mit ihm sprechen. Ich hätte es ja heute Morgen getan; ich hatte das Gefühl, dass er mich sprechen wollte. Aber dann kam Kaplan mit seiner üblichen übertriebenen Geschäftigkeit und drängte mich hinaus.«
»Du magst ihn wohl nicht allzu sehr, wie, David?«
»Wen – Kaplan? Ach, er ist gar nicht so übel.« Sein Gesicht verzog sich zu einem säuerlichen Lächeln. »Obwohl er mir besser gefallen hat, als er noch nicht zum Präsidenten gewählt worden war.« Er lachte kurz auf. »Seit seiner Wahl scheinen wir einander Konkurrenz zu machen. Der Präsident soll sich als Verwaltungsdirektor der Gemeinde betätigen, während der Rabbi sich um das religiöse Leben zu kümmern hat. Gewöhnlich stehen wir an entgegengesetzten Fronten. Sie wollen die Gottesdienste verkürzen oder einige der Gebete durch moderne Poesie ersetzen oder verlangen, die Synagoge soll in der nationalen Politik Partei ergreifen.«
»Aber dir ist es bis jetzt immer gelungen, ihnen die Köpfe zurechtzusetzen«, warf sie ein.
»Gewiss. Aber damals waren wir in Opposition. Ich vertrat die religiöse Seite, während sie die säkulare vertraten. Bei Kaplan jedoch …«
»Er will beides zugleich sein, nicht wahr – Präsident und Rabbiner?«
Er nickte grimmig. »So ungefähr. Er gibt jede Woche einen Empfang mit religiösen Diskussionen und Vorträgen. Alle paar Wochen geht er mit einer Gruppe hinaus aufs Land und in ein Lager, wo er in einer Art Klausur Gebete, Meditationen und religiöse Diskussionen veranstaltet.«
»Und dagegen hast du Einwände? Wie hat doch meine Tante Gittel immer gesagt? ›Ist es ein Nachteil, dass die Braut hübsch ist?‹«
»Man kann nach rechts und nach links vom rechten Weg abweichen«, gab ihr Ehemann zurück. »Und man kann Regeln so peinlich genau befolgen, dass man den Grund, aus dem sie geschaffen wurden, aus den Augen verliert. Wo jedoch der Fehler allein in der Übertreibung liegt, wird eine Kritik nahezu unmöglich. Das ist wie bei diesen Fluglotsen, die keinen richtigen Streik ausriefen, sondern die Flughäfen lahmlegten, indem sie Dienst nach Vorschrift machten. Was sollte man denen sagen? Befolgt die Vorschriften nicht? Kann ich zu Kaplan und seiner Gruppe sagen, seid nicht so religiös? Bei der letzten Vorstandssitzung schlug er vor, die Synagoge solle ein Grundstück in New Hampshire kaufen und dort eine ständige Klausur einrichten. Diese neue Mode der Klausuren und der Sondergruppe, oder Kommune, oder chavura – wie man sie auch nennen mag –, die sich aus der Welt und der Gesellschaft zurückzieht, um ihre kostbaren Seelen zu erweitern, steht in krassem Gegensatz zum traditionellen Judentum.«
»Für junge Menschen ist sie aber attraktiv«, stellte Miriam fest. »Ich habe gelesen …«
»Was hat das für einen Sinn, junge Menschen zum traditionellen Judentum anzuwerben, indem man es einfach verändert? Wenn sie sich dann erst dafür interessieren, ist es kein Judentum mehr. Sondern etwas anderes, das nur eine oberflächliche Ähnlichkeit damit hat. Ich habe auch davon gelesen. Da gibt es etwa eine Gruppe, die Rosch ha-Schana mit einem kerzenbesteckten Geburtstagskuchen für die Welt feiert. Ich bitte dich! Eine andere, unten in Florida, wollte von einer Firma, die an den Film wilde Tiere ausleiht, einen Löwen mieten, um zu sehen, ob er sich neben ein Lamm legen würde. Was hat es für einen Sinn, junge Menschen anzulocken, wenn sich herausstellt, dass die alle verrückt sind? Manche sind in der neochassidischen Bewegung. Dieser Akiva kann durchaus dazu gehören, so wie er sich beim davenen vor und zurück wiegte. Diese Leute machen sich die größten Sorgen darüber, dass die Mesusa richtig am Türrahmen befestigt wird und dass sie von einem Schriftgelehrten auf echtem Pergament geschrieben worden ist. Sonst soll sie angeblich nicht wirksam sein. Und alle zusammen sind so selbstgerecht und so überheblich gegenüber dem, was sie als ›etabliertes Judentum‹ bezeichnen, als hätten wir während der letzten zweitausend Jahre nichts weiter als die Äußerlichkeiten der Religion beachtet und innerlich überhaupt nicht begriffen, um was es geht. Genau die gleiche Einstellung hat übrigens auch zu der jüngsten Entwicklung in unseren Colleges geführt.«
»Puh! Ich hatte keine Ahnung, dass du dich so darüber aufregst.«
Er zuckte die Achseln. »Mag sein, dass die Pferde mit mir durchgegangen sind. Wahrscheinlich deswegen, weil ich mir gedacht habe, als dieser Akiva, wenn er es wirklich ist, uns damals mitten in der Nacht die Medizin gebracht hat, dass das eine richtige mitzwe war. Und ganz bestimmt eine weit frommere Tat als die Teilnahme an der heutigen Morgenandacht.«
Marcus Aptaker war um halb acht in seinem Geschäft, eine gute Stunde vor der normalen Öffnungszeit, und innerhalb von Minuten waren sein Zorn und der Ärger über den Sohn verschwunden. Er kam gern besonders früh, damit er in Ruhe den Papierkram erledigen konnte, die anfällige Korrespondenz auf einer der beiden uralten Schreibmaschinen in der Rezeptur tippen, Listen mit Rechnungen vergleichen, Schecks für Lieferungen ausschreiben. Dann schlenderte er im Laden umher, rückte hier eine Packung auf dem Regal zurecht, drehte dort eine Flasche so, dass das Etikett zu sehen war. Manchmal wechselte er Waren von einem Regal zum anderen oder berührte die Gegenstände auch nur, wie ein Liebhaber seine Geliebte berührt, um sich zu vergewissern, dass sie da ist, um den Kontakt zu fühlen.
Denn er liebte sein Geschäft. Es gab seinem Leben Würze und Abwechslung. Jeder Kunde, der hereinkam, stellte ein Problem dar, das er lösen musste. Sollte er statt des Verlangten, das er nicht auf Lager hatte, etwas anderes vorschlagen, oder würde der Kunde das für aufdringlich halten? Sollte er eine teurere Ware vorschlagen? Sollte er überhaupt eine Meinung äußern? Und dann gab es die schweren Entscheidungen: Sollte er die Zahnpaste direkt neben dem Ständer mit den Zahnbürsten auslegen, damit das eine zum anderen führte, oder sollte er sie weit voneinander entfernt aufbauen, damit der Kunde, wenn er von den Zahnbürsten zur Zahnpaste ging, an anderen Waren vorbeikam, die ihn vielleicht zum Kauf verlockten? All das waren Probleme, mit denen er den ganzen Tag hindurch eins nach dem anderen konfrontiert wurde. Und er löste sie, eins nach dem anderen, wie sie auftauchten. Es war eine Herausforderung und Befriedigung.
